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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
correctorreuters@abc.de
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Moderne Diebszeichen.

Die Leute können ohne Torheit nicht leben. Ja, sie brauchen davon sogar ein sehr großes Quantum. Ist die eine Torheit aufgezehrt, hat sie sich überlebt, ist sie aus der Mode gekommen und allmählich etwas Vernünftiges an ihre Stelle getreten, so beeilt man sich, die Dummheit auf einem anderen Gebiete zu machen, und zwar so ausgiebig als möglich.

Heute habe ich einmal unsere Druckbuchstaben im Auge, die sind ja fürs Auge berechnet. Man hat einst, bei Erfindung der Buchdruckerkunst, sehr kümmerlich angefangen, Buchstaben zu schneiden, die ersten Drucke sollen verdammt schwer zu lesen gewesen sein. Allmählich haben sich aber die Charaktereigenschaften der Buchstaben scharf herausgebildet und es kam so weit, daß man nicht bloß die Buchstaben, sondern auch die ganzen Worte mit dem allerflüchtigsten Blick las. Die Schriftkunst hatte den Zweck und setzte ihre Ehre darein, Buchstaben und Schriften zu schaffen, die möglichst leicht unterschieden, schnell aufgefaßt und überflogen werden konnten, und unsere Lesefertigkeit war wirklich zu einer fabelhaften Vollendung gediehen. Da ward es nun höchste Zeit, die Dummheit zu machen. Und sie wird gemacht.

Der Zeitpunkt ist günstig. Wenn Zeit, Gehalt und Zweckmäßigkeit nichts mehr gilt, wenn alles nur auf Form, auf Dekorum, verblüffende Außenseite sieht, da kann man den Leuten leicht beibringen, daß der Buchstabe nicht dazu da sei, um einen geistigen Inhalt zu übermitteln, sondern daß er für sich die Hauptsache wäre. Man macht den Leuten weis, daß gerade jene Buchstaben die schönsten und die nobelsten sind, die man nicht sofort oder am besten gar nicht lesen kann. Solche sollen Selbstzweck sein, um das Papier zu verdecken, und Bücher macht man nur noch, um sie mit Buchstaben zu zieren. Auf dem Titelblatt durchaus gleichgroße Frakturschrift, so ungeschickt und unbeholfen als möglich angebracht, damit das Auge des Lesers ja recht große Mühe hat, die Schrift zu lesen, Titel, Autorname, Verlegername u. s. w. zu unterscheiden. Dann auf den einzelnen Seiten hin wird geschwabachert. Kaum war erst noch eine Bewegung gewesen für die Lateinschrift, weil die deutsche Schrift zu wenig einfach sei, und schon sind tausend Hände und hundert Buchdruckereien beschäftigt, diese deutsche Schrift, die ohnehin zu wenig einfach war, zu komplizieren, zu entstellen und zu verrenken bis zur völligen Unleserlichkeit. Dann vor jedem Absatz eine störende Initialvignette, und dort, wo in der Seitenmitte eine Druckzeile abbricht, die Reihe von Gänseblümerln, damit ja dem Auge jeder Ruhepunkt genommen ist. Das soll halt altehrwürdig aussehen.

Ich will die Torheiten nicht alle beschreiben, wer solche moderne Bücher gesehen hat, der kennt sie ja, zum Teile sind sie auch bereits vorüber. »Buchschmuck« nennt man das verrückte Zeug. Es gibt Verlagshandlungen, die ihre Bücher am liebsten auch mit dem Mottenstaub und dem mürfelnden Schimmel herausgeben möchten, damit sie ja recht altertümeln. Nur in dem einen Guten machen sie es den Alten nicht nach, in dem soliden Papier.

Freilich haben die Alten diese Sachen vielfach so gemacht, aber nicht aus Effekthascherei, sondern weil sie es nicht besser konnten, weil ihr Geschmack mit den primitiven Mitteln gleichen Schritt hielt. Ist die neue Zeit schon so rührend pietätvoll für die Werke unserer Vorfahren, so gibt es ganz andere Dinge, die Nachahmung verdienen. Die alte Form ohne den alten Geist, ohne die alte Solidität und Tüchtigkeit, ist lumpiges Komödiantentum. Man sieht es an unseren Bauten, Wohnungeinrichtungen, Gewandungen u. s. w. Die dünnen Wände aus schlechtgebrannten Backsteinen stellen Quadermauern vor, und die Bücher, die aussehen sollen, als hätte sie der mittelalterliche Mönch mit dem Fleiße eines ganzen Lebens eigenhändig auf Pergament geschrieben und geschmückt, sind mit ihrer frevelhaft verständnislosen Nachahmung aus schlechtem Holzpapier hergestellt. Ja, dessen können wir sicher sein, unsere Werke genannter Art werden im nächsten Jahrtausend nicht die Bewunderung und Nachahmung erfahren, wie wir sie den Alten so windig zollen, schon auch darum, weil unsere Werke bloß nicht mehr vorhanden sein werden.

Und nun das Komische. So wie die einen sich in das Altertum verbohren, so wollen die anderen aus unserem Boden plötzlich eine neue Welt hervorstampfen. Da gibt's eine Schule, die nennt sich »Sezession«. Die fängt überall hinten an, meint, Bäume wachsen von oben herab, anstatt von unten hinauf; sie läßt keine Entwickelung gelten, macht nur Sprünge und stellt sich und alles auf den Kopf. Dieser Schule nun ist es vorbehalten gewesen, das Ideal der Schrift zu erfinden, nämlich der Schrift, die niemand lesen kann. Diese Schrift – man sieht sie heute auf Buchtiteln, Plakaten, Ansichtskarten, Firmaschildern u. s. w. – mutet insoferne uralt an, als man sie für notdürftige Verständigungszeichen wilder Völker halten könnte, die noch keine Ahnung von der Zeichen- und Schreibekunst hatten, die Holzsplitter, Baumzweige, Rinden und allerlei Abfälle irgendwie zusammenstellten zu einer verabredeten Form. So erinnern diese neumodischen Buchstaben an die Gaunerzeichen, mit denen Diebe, Einbrecher und Brandleger sich zu verständigen pflegen, dieweilen sie sicher sind, daß derlei Zeichen von harmlosen Leuten nicht entziffert werden können. Lustig aufgefaßt sind es besoffene Dinger, die ihre Glieder tollwitzig verrenken, sich krümmen wie ein Wurm und dann untereinander tanzen, wie Hexen auf dem Blocksberg, ohne Rhythmus und Eleganz. So springen und bocken sie, aber das ist noch eine der zahmsten Formen:

SECESSION

Schickt sich das, wenn man vor anständigen Leuten Aufwartung machen will? Muß man nicht meinen, der Schreiber solcher Zeichen sei ein Tollhäusler, der bei dem übermäßigen Bestreben, für das Volapük die richtigen Buchstaben zu erfinden, irrsinnig geworden ist? Der Arme!

Bei einiger Übung, heißt es, könne man die Schrift wohl entziffern. Nur ein bißchen Geduld. Nun, ich habe für diese Übung keine Zeit und keine Geduld. Was mir so unartig entgegenkommt, das lasse ich abseits stehen und wende mich guten Bekannten zu. Bei der grenzenlosen Sündflut (nicht Sintflut) gedruckten Papieres, wo jedes Blatt danach plangen muß, überhaupt nur angesehen zu werden, hat es wohl Ursache, möglichst gefällig und zuvorkommend zu sein, daß es sich sofort in das Auge schmeichle, anstatt mit rüpelhafter Arroganz aufzutreten: schau mich an! Ich bin was Besonderes, lerne mich du erst verstehen! – Und dann wenn man aufsitzt und den Sinn mühsam entziffert zu haben glaubt, ist gehaltlich nicht soviel dahinter, daß man auf die Kosten kommt. Die Schrift ist da, um auf einfachstem und kürzestem Wege uns einen geistigen Inhalt zu übermitteln, nicht aber dazu, daß die Buchstaben uns auf eigene Faust allerhand Mätzchen vormachen sollen. Die beste, zweckmäßigste Buchausstattung ist die, die unsere Aufmerksamkeit am wenigsten von dem Inhalte des Buches ablenkt. Auch die sogenannten Illustrationen sind zumeist von Übel, außer, sie vervollständigen den Text, oder bieten mit einem Bilde das klar und deutlich, wozu man sonst eine seitenlange Beschreibung benötigen würde. Bei unserer kurzen Daseinsdauer und bei der unendlichen Mannigfaltigkeit des Lebens, die gekostet und ausgekostet sein möchte, ist die Zeit ein wertvolles Ding geworden, und Buchstaben, die uns Zeit stehlen, sind wirkliche Diebszeichen.

Die sezessionistischen Bilder eignen sich am besten für Reklamebogen und Plakatblätter, wozu sie heute auch weidlich ausgenützt werden. Die sezessionistische Schrift hingegen ist nicht einmal für Plakate praktisch. Für diesen Zweck des raschen Hinausschreiens sind gerade wieder jene Buchstaben am besten, die im Augenblick gekannt sind und in unserer Seele haften bleiben. Plakate und Firmenschilder, die das Publikum erst mit Mühe entziffern muß, sind gerade das Unpraktischste, was ein Geschäftsmann aufstellen kann. Am meisten kann man das bei Landleuten oder sonst des Lesens ungewohnten Passanten bemerken, solche würdigen schon Namen keines Blickes, die mit lauter großen Lateinbuchstaben geschrieben sind. Mit den verrenkten Krüppelbuchstaben, die oft gar nicht einmal wie Buchstaben aussehen, machen sie gar keinen Versuch. Wenn in einer Stadtstraße der Zahnarzt Dr. Chr. Lochbauer nicht übersehen, wohl aber sehr leicht gefunden werden will, welche von den drei Schriften wird er wählen müssen?

Praxisschild
Praxisschilder

Nur die letztere Schrift liest unser Auge mühelos, und wenn ein Arzt lateinisch, der andere sezessionistisch, der dritte deutsch sich ankündigt, so findet aus der Menge letzterer den meisten Zuspruch.

Die Schrift gehört zu den Mitteln, nicht zu den Zwecken. Sie gehört zu jenen Mitteln, die nur schön sind, wenn sie zweckmäßig sind, d. h. einem gewissen Zwecke möglichst gut dienen. In den Fällen bei Denkmälern, Urkunden, Hausinschriften, Münzinschriften, Buchtiteln u. s. w. soll die Kunst die Schrift aus dem Banalen emporheben, aber auch da nicht auf Kosten der Deutlichkeit. Für den praktischen Gebrauch im täglichen Leben sind gerade die gewöhnlichsten, bekanntesten Zeichen die besten, und ein Buchdrucker, der Geschmack hat, kann ihn auf diesem schlichten Felde sehr wohl anbringen.

Wir wissen ja, daß die abscheuliche Sezessionsschrift sich bald überlebt haben wird, aber wir warten darauf mit Ungeduld. Und wir wollen uns vor denen nach uns, die darüber sehr lachen werden, nicht in den Verdacht stellen, als ob wir die freche Torheit auch mitgemacht oder gutgeheißen hätten, darum ist dieser Steckbrief gegen die modernen Diebszeichen geschrieben worden.

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