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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
correctorreuters@abc.de
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Literatursünden.

Können zwei befreundete Schriftsteller Müller und Meier heißen? Ist das gestattet? Gut, dann besucht eines Abends der Meier den Müller.

Dieser sitzt am Schreibtisch, kritzelt mit der Rechten auf einem Blatt, wühlt mit der linken im wirren Haar und sagt, ohne aufzublicken: »Meier, du? Nicht wahr? Ach, tu' mir den Gefallen, dich zu setzen und auf ein Viertelstündchen dich in etwas zu vertiefen, ich bin gerade mitten in der Katastrophe. Dort auf dem Tische liegen Novitäten.«

»Sei nicht öde, Müller«, sagt der Meier, »was heißt Novitäten? Cigarren, wenn du hast! Übrigens, wie kommst du spät abends noch zu einer Katastrophe?«

»Mein Gott, sie ist doch gut vorbereitet, dünkt mich. Bin gerade in der Stimmung, oder war es noch vor einem Augenblick. Wenn es die Kollegen nicht wissen, wie man arbeitet und nicht gestört werden soll, dann kann man es den Philistern nicht verübeln, wenn sie vom Tagewerk sprechen, wie beim Schuster und Schneider.«

»Du warst gestern in der sozialdemokratischen Versammlung, Müller?«

»Ich denke, wir haben uns dort ja gesehen, Meier.«

»Und auch gehört, mein Geschätzter. Deine gute Feder, um die ich dich stets beneide, gestern lag sie dir auf der Zunge. Du sprachest wie ein Gott!«

»Götter sprechen nicht, mein Lieber.«

»Also wie ein Teufel. Alle hast du hingerissen mit deiner Rede, ja sogar von der Gegenpartei einige Seelen zum Achtstundentag bekehrt.«

»Nicht wahr, das lag mir?«

»Alles liegt dir, Müller, du bist ein Genie.«

Müller hat die Feder in den Napf gesteckt und sagt: »Wie? Leiste ich? Und heute seit früh wieder beim Roman.«

»Du arbeitest? Und seit früh, sagst du?«

»Wie ein Ochs.«

»Höre mal, Müller, hast du dich gestern nicht zu den Arbeitern bekannt? Hast du nicht den kolossalen Ausruf getan: Wir alle, Genossen, sind Arbeiter, haben die gleichen Interessen, müssen für einander stehen, einer für alle, alle für einen. Der Sieg mit uns!«

»Jaaa, Meier! Dein Gedächtnis.«

»Und deines, Müller? Von früh morgen bis in den späten Abend. Ist das dein Achtstundentag?«

»Ah, da hinaus willst du! – Nun sieh 'mal, Meier, es geschah nicht außerordentlich gern. Nimm gütigst für wahr, daß ich lieber in der Chaise gelegen wäre. Aber der Verleger. Wisse, mein Verleger ist ein Hund. Der drängt mich, um den Roman, der Hund.«

»Eben darum wirst du nicht über acht Stunden arbeiten, damit der Verleger Zeit hat, auch andere zu beschäftigen. Zum Beispiel, deinen ergebenen Freund Meier, der nichts zu tun hat, nichts, sage ich dir, Kameel, dieweilen du täglich zwölf Stunden lang den armen Genossen das Brot vom Munde weg kritzelst.«

»So! Böse sein?! Auch gut. Junge. Dann rate ich dir bloß mal: habe Talent und du wirst einen Verleger finden. Habe großes Talent und du wirst zehn Verleger finden.«

Nun fragt Meier sehr gelassen und etwas heiser: »Mit Verstattung, handelt es sich jetzt um Talent oder um den Achtstundentag?«

Lacht Müller: »Gestern bei den Sozialdemokraten um den Achtstundentag, heute beim Schreibtisch um Talent.«

»Lieber Kollege, du hast doch wohl schon darüber nachgedacht, daß das Talent verpflichtet.«

»Aber ja. Es auszunützen, anstatt auf dem Lotterbett zu liegen oder Kaffeehaus zu bummeln.«

»Das geht auf mich.«

»Gratuliere zur Selbsterkenntnis.«

»Großartig! Wie moralisch du geworden bist!«

Müller, der lässig im Lehnstuhl sitzt und das linke Bein auf den rechten Oberschenkel legt, lehnt jetzt den Kopf zurück, schlägt ruhig sein Auge nach Meier auf und sagt lässig: »Bin ich etwa nicht moralisch?«

»Entschuldigung! Mir war immer, als müsse ein Schriftsteller sein Talent dazu ausnützen, um seine Persönlichkeit in Worten wiederzugeben, seine Überzeugung auszudrücken.«

»Überzeugung?« sagt Müller sehr ruhig. »Und du wunderst dich, keinen Verleger zu finden?«

»Und daß man seinen eigenen Worten nachleben müsse.«

Müller macht eine leichte Bewegung, als fange die Sache jetzt an, ihn zu interessiren. »Es scheint, Meier, du verwechselst das Genie mit einem tugendhaften Philister. Du hast doch wohl noch 'n bißchen Ehre im Leib. Na siehste, wie kannst du so reden. – Wenn der Schriftsteller alles das wirklich meinen wollte, was er schreibt! Ha – lächerlich!«

»Aber was er spricht, muß wahr sein.«

»Schreiben oder sprechen, das bleibt sich gleich. Ich habe gestern einen sozialdemokratischen Essay gesprochen, und nun müßte ich nach deiner Meinung heute und in aller Zukunft diesen Einfall als mein Gesetz betrachten. Freund Meier, gestatte mir zu sagen, daß, selbst die Tätigkeit eines Schuhmachers über deinen Horizont hinausgeht. Oder soll er die Stiefel, die er macht, die von Groß und Klein bei ihm bestellt wurden, alle selber tragen?«

Meier sitzt hilflos da und weiß im Augenblick nichts zu sagen. Darüber lacht Müller und bemerkt: »Warum schweigst du? Schweigen kannst du, wenn du im Rechte bist. In einem Augenblicke aber, wo man, wie jetzt du, absolut nichts zu sagen weiß, muß man erst recht sprechen. Laß doch den Schuster bei seinem Leisten, Müller, würde ich sagen an deiner Stelle. Der richtige Schriftsteller, ob er schreibt oder spricht, hat eine Sache gründlich, nach allen Seiten hin zu beleuchten, entweder so, daß seine Privatmeinung ganz in den Hintergrund tritt, oder so, daß er sich klar zu einer Seite bekennt. Ich meine, so müßtest jetzt du gesprochen haben.«

»Ganz recht, Müller. Dann hättest du gestern die Vor- und Nachteile des Achtstundentages objektiv behandeln, oder dich für oder gegen den Achtstundentag bekennen müssen. Im letzteren Falle wärest du Parteimann, und als solcher hättest du heute zu tun, was du gestern gesagt hast.«

»Siehste, Meier, und hier auf diesem Fleck wollte ich dich haben. Ich war gestern Parteimann. Ich bin als sozialdemokratischer Sprecher entschieden für den Achtstundentag eingetreten und habe alle Genossen aufgefordert, von ihrer Achtstundentagforderung unter keiner Bedingung abzulassen und habe gesagt, daß, sei er wer immer, jeder ein Schuft ist, der auch nur fünf Minuten über acht Stunden arbeitet.«

»Nun, und heute? Heute sitzest du zwölf Stunden lang am Arbeitstisch, weil du gerade in der Stimmung bist, der Verleger den Roman und der Autor wahrscheinlich das Geld braucht!«

»Charmant, Kollege, diese deine letzte Bemerkung ist mir sympathisch – nebenbei bemerkt. Was nun die sozialdemokratische Rede betrifft – ich weiß nur nicht, ob du mir folgen kannst, Meier. Nämlich. Ein Schriftsteller, heißt es, soll objektiv sein. Und ein Dichter muß objektiv sein, besonders wenn er Gestalten aus dem Leben darstellen will. Als Shakespeare Richard den Dritten geschrieben hatte, wird er es doch nächsten Tages nicht als seine heilige Pflicht betrachtet haben, ein Richard der Dritte zu sein

»Was willst du damit eigentlich sagen, Müller?«

Dieser wiegt sich resigniert in seinem Sessel und sagt: »Ich habe mir's ja gedacht. – Stelle dir bloß vor, Meier, gestern war ich Dichter und Vortragsmeister und habe der Versammlung einen sozialdemokratischen Tribunen vorgestellt. Und zwar so vollendet, daß alle meinten, ich sei es wirklich. Und daß Freund Meier heute noch glaubt, ich sei es mit Fleisch und Blut und Seele gewesen. Siehst du, und das ist es eben. Das ist die Kunst. Ich war Künstler und du hieltest mich für einen Sozialdemokraten.«

Meier stutzt. »Ich bin geschlagen. – Nur kommen mir jetzt – du verzeihst schon, Müller – Bedenken. Du hast zeitweilig als Freund zu mir gesprochen. War das nicht am Ende auch Kunst?«

»Mein Herr, Sie werden anzüglich!« Müller erhebt sich stolz und ernst. »Man mag mit der großen, dummen Menge spielen, aber man spielt nicht mit Freunden.«

»Ich zweifelte eigentlich nicht, Müller«, sagt Meier warm und treuherzig. »Es wäre ja auch verzeihlich gewesen, wenn du mit dem Achtstundentag der Bergleute und Wasserarbeiter sympathisiert hättest, ohne diese Arbeitszeit auf alle Arbeitsarten zu übertragen. Denn – weil sie für alle nicht paßt. Die Muse z. B., hat keine Kanzleistunden, sie wählt sehr eigenwillig ihre Zeit und –«

»Nicht wahr, Junge, wenn du mit mir sprichst, dann habe es mit solchen Banalitäten sein Abkommen.«

»Zu Diensten. Ich muß dich ja eigentlich in guter Laune zu erhalten oder vielmehr zu versetzen suchen, Müller. Ein Mann wie du kann sich ja leichter etwas erlauben, als irgend ein armer Teufel. Talente sind souverän, und daß du wirklich ein großes –«

Müller wird aufmerksam. »A–a–h! Mir ahnt etwas, Meier! Ja? Na denn, du weißt. Das erste Gesetz der Freundschaft ist unbeschränkte Offenheit gegenseitig. Also – ich hab' jetzt keins.«

»Auch nicht fünf Kronen?«

Müller blickt ihn vorwurfsvoll an. »Du willst doch nicht, daß ich mich der letzten fünf Kronen entäußere!«

Meier steht ein Weilchen bewegungslos da. Dann macht er ein gemütliches Gesicht, legt dem Freund die Hand auf die Achsel: »Das ist mein Müller. Ohne jegliche Kunst. Ganz Natur. – Willst du dich nicht auch einmal selber so recht objektiv beschreiben? Mit Humor so einen aufgeblasenen Schmutzian. Wie?«

»Bei meiner Seele, das kann ich tun. Das kann ich wirklich tun. Schildere so 'nen Kerl und nenne ihn – Meier.«

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