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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 24
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typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Das Recht auf Einsamkeit.

Das zwanzigste Jahrhundert wird nicht vergehen, ohne der müden Menschheit ein großes Rasten, einen heiligen Frieden gebracht zu haben.

Ein denkender Sozialist von heute ins Mittelalter versetzt, würde geeifert haben gegen das Sichabschließen in den Klöstern, gegen die träumerische Himmelsbeschaulichkeit, gegen die Abkehr, denen sich damals übermäßig viele Menschen, darunter oft gerade die bedeutendsten und hellsten Geister, hingegeben haben. Er würde gesagt haben, ein gesunder Mensch sei nicht auf die Erde und in ein leidendes, unfreies Geschlecht gesetzt worden, um zu träumen und seinen Körper zu kasteien, seine gottesdienstliche Aufgabe bestehe im gemeinnützigen Wirken. So wie der Humanist in der Gegenwart das Zusammenlaufen der Leute in die Städte, den zu großen Luxus und die mehr als tierische Genußsucht verurteilt, hatte er damals müssen gegen das überwiegende Klosterleben auftreten. Doch so wenig er heute die Städte und den Luxus ganz und gar würde aufgehoben wissen wollen, so wenig könnte er gegen die gänzliche Ausrottung der Klöster sein. Er müßte sich nur sagen: eines schickt sich nicht für alle. So notwendig für die Kulturentwicklung und Lebensbereicherung die Städte und der Glanz des Lebens sind, so wichtig ist in ihrer Art für die Kulturarbeit im höchsten Sinne die Abgeschlossenheit einzelner, die geistige und geistliche Betrachtung – die Beschaulichkeit.

In unserer, nur dem sogenannten Praktischen dienenden Zeit ist es so geworden, daß durch ausschließlich materielle Interessen des Menschen sein inneres Leben erdrückt wird, daß fast niemand mehr in sich gekehrt ist, sein will, daß die Einsamkeit und Hingabe an den Gottesgedanken geradezu verachtet wird. Bei diesem Zustande ist es Zeit, den Wert der Einsamkeit und innerer Beschaulichkeit anzudeuten und das Recht des Einzelnen auf diese seelische Lebensführung zu manifestieren. Nach meiner Erfahrung liegt im geistigen Leben ein realeres Glück als im materiellen, sinnlichen. Realer deshalb, weil es persönlicher, intensiver und unzerstörbarer ist, weil es den Zufälligkeiten der Welt weit weniger unterworfen, von Furcht und Angst vor dem Verlieren viel weniger belagert ist, als die Freude an dem Stofflichen. Man betrachte sich einmal einen Geldjäger, oder einen Erfolggierigen gegenüber einem beschaulichen Menschen, der ein Innenleben führt. Der eine unruhig, gehetzt, friedlos, ein Spiel äußerer Umstände und diesen häufig unterliegend; der andere ebenmäßig, zufrieden und heiter.

Die von der ersteren Gattung, die Dutzendleute, mögen es auch nicht begreifen, wie ein Mensch so leichthin die Geselligkeit der Menge entbehren und mit sich selbst zufrieden sein könne. Sie ahnen es nicht, wie wertlos diese Geselligkeit für einen tieferen Menschen ist. Wertlos und gefährlich, weil sie jeden, der ihr nahet, so leicht ins Banale und Gemeine zieht. Es kann einer nicht leicht unbedeutend genug sein, um in landläufiger Geselligkeit etwas zu gewinnen, eher verliert bei ihr noch der Unbedeutende sein bißchen Persönlichkeit.

Wir müssen lernen – und das ist das große Gebot der Zeit – lernen, wieder Persönlichkeit zu werden. Das lernt man in der Einsamkeit bei sich selbst. Wer in sich selber schaut, sich selber fragt und zu beantworten sucht in allem, was in ihm und außer ihm ist, wer Ewigkeitsgedanken hat und ihnen nachhängt – der macht seine Seele größer und stärker. Stärker nicht bloß für das innere Leben, vielmehr für die gemeinfrohe Werktätigkeit nach außen hin.

Das hat besonders Dr. Josef Prenner in seinem Büchlein: »Das Recht der Zelle. Gedanken über das beschauliche Leben« (Graz. 1902) gut gesagt. Diese Schrift tritt geradezu für das Klosterleben ein, »für jene« – wie moderne Phraseurs sagen würden – »Parasiten, die es aus dem Volke herausschinden und in ihre geilen Bäuche stecken.« Das ist nun freilich nicht so gemeint, als ob die Leute Mönche werden sollten, um im Müßiggang zu schlemmen und allerlei Lüsten zu fröhnen, sondern vielmehr so, daß jeder, der die Neigung in sich fühlt, auch heute noch das Recht habe, sich in die Klosterzelle zu flüchten, um dort in Entbehrung weltlicher Freuden ganz dem Geistigen und Ewigen zu leben und mit den aus solcher Beschaulichkeit entspringenden sittlichen Kräften sich und die Mitmenschen zu stärken. Der Verfasser des genannten Büchleins behandelt die Idee des beschaulichen Lebens, welche die Idee der geistigen Sammlung und Vertiefung ist, ohne die eine geistige Tat überhaupt nicht möglich sein kann. Alle Forscher, Erfinder, Künstler und Dichter führen in diesem Sinne ein Einsiedlerleben; alles Große, das Menschen je geleistet, geht aus der Einsamkeit, aus der Vertiefung geistigen Schauens hervor. Und so wie der Gelehrte, der Erfinder und Künstler das Recht auf die Zelle hat, um in der Einsamkeit sein Werk ausreifen zu lassen, so hat es auch der Gottsucher, der mit Freuden die weltlichen Kreise hingibt, um die göttlichen zu finden. – Soll man's denn immer wieder sagen, daß der Mensch nicht allein da ist, um weltliche Werte zu schaffen, die ihn doch nie und niemals befriedigen können, daß er vielmehr ein Entfalten und Ausleben seiner geistigen Persönlichkeit beanspruchen darf und soll, nicht bloß in Wissenschaft und Kunst, wohl auch in Religion, die doch unter allen Umständen ein wichtiger Faktor unseres Lebens ist!

Unser gesellschaftliches Leben ist so über alle Maßen unbehaglich, ja unheimlich geworden, daß mir die Zeit schon recht nahe scheint, in der sich eine Flucht in die Einsamkeit vollziehen wird. Viele werden hingehen, nicht etwa, um dort ein egoistisches Leben zu führen, sondern um sich eine Zeit lang zu sammeln für ein ernstes, treues Arbeiten zum Wohle der Menschen. Bei geistiger Arbeit ist eine solche Sammlung selbstverständlich, die ist ohne Einsamkeit nicht denkbar; doch selbst der Gewerbsmann sendet aus der kleinen Werkstätte bessere Produkte in die Welt, als aus der Fabrik. Wenn nun mancher Weltflüchtling sich in die Klosterzelle verschließt, um dort im heiligen Nachsinnen über das Unendliche, in Anbetung Gottes sein Leben oder einen Teil desselben zuzubringen, so ist das sein volles Recht, verbürgt gerade durch den modernen Zeitgeist, der dem Menschen die persönliche Freiheit, die Selbstbestimmung gegeben hat. Dieses Recht könnte man nicht einmal dann absprechen, wenn der Klösterling seine Tage tatlos verleben und verträumen würde. Lebt doch auch der Rentner wo und wie er will. Freilich, gutheißen könnte man das nicht. In süßlich frommer Stimmung dahinträumen, das gibt keine Kraft und ist nicht Beschaulichkeit. Diese ist das Beschauen einer bestimmten Wesenheit, ein angestrengtes Tieferblicken in Geheimnisse, ein Forschen. Es muß nicht ein wissenschaftliches oder theologisierendes Forschen nach Gott sein, das da in der Klosterzelle vor sich geht, es kann ein inniges Gefühl der Anbetung und Liebe sein – mehr Gefühl als Gedanke, im Herzen eine Wärme und Kraft sammelnd, die in sich selig macht und geeignet ist, auch andere sittlich zu erheben und das Wünschen mit dem Muß des Geschickes in Einklang zu bringen. Sittliche Erhebung und innere Harmonie, sind das denn keine Lebensgüter? Sind sie etwa für unser Dasein weniger wichtig, als eine elektrische Verkehrsanlage oder eine städtische Wasserleitung?

Wenn man unsere Kultur betrachtet, diese äußerlich so sieghafte, innerlich so trostlose Kultur, die aus den Menschen etwas wie Homunkeln macht, dann kann es nicht Wunder nehmen, wenn ernstere, seelisch anspruchsvollere Leute am Ende ihr Heil in der Klosterzelle suchen. Ich weiß mir allerdings andere Einsamkeiten, wenn ich geistig frei werden und Ewigkeitsdinge beschauen will.

Auf glatt gemähtem Rasen unter Silberweiden, am vorüberwogenden Alpenfluß, der zwischen steilen dunklen Waldbergen hervorkommt, in der Ferne sehend die schimmernden Gletscher, am Himmel gestaltenreiche glänzende Wolken – da ruhe ich, blicke hin und bin selig. Es ist anfangs kein Schauen, es ist kein Denken, es ist nur ein weiches, süßes, ein unbeschreibliches Seelenbehagen – die Wirkung der Schönheit. Allmählich wird das Empfinden zum Denken, das Sehen zum Schauen. Die heilige Majestät der Natur erinnert mich an die Allmacht Gottes. Das, was mich umgibt und trägt, ist das sichtbare Sinnbild des Reiches Gottes, ich stehe mitten darin und gehöre dazu. Ich denke, wie diese Berge entstanden sein mochten, nach welchen ewigen Gesetzen diese Wasser steigen und fallen, diese Lichter leuchten. Ich denke an die Gewalten, die langsam diese Steine meißelten oder plötzlich diese Felsen spalteten; die Gewalten, so furchtbar sie sein mögen, sie ängstigen mich nicht, je größer sie sind, je sicherer fühle ich mich geborgen in ihnen, denn es ist dieselbe Kraft, die auch mich trägt, erhält und verwandelt, die meinen Geist in Gestalten bringt, in denen er an der Brust Gottes ewig lebt und schafft zu immer reinerem Bewußtsein der Seligkeit. Ich betrachte das Geschick der Menschheit, wie sie rang, wie sie irrte, wie sie litt; wie sie sich immer wieder aufbäumt gegen das Elend, gegen das Gemeine und immer wieder zurückgeschleudert wird und doch den Glauben an den Sieg nicht fahren läßt. Dann kommen mir am Ufer des rauschenden Alpenflusses in den Sinn die lieben Seelen, die schon verwandelt sind, meine Verstorbenen, die mit mir einst in irdischer Gemeinschaft waren, wie sie jetzt in geistiger Gemeinschaft mit mir sind. Ich sehe und fühle, wie sie einst gejubelt und geweint haben, Freuden und Leiden, die ihnen von mir kamen, sind jetzt meine Freuden und meine Leiden. Und in Mitleid mit ihrem einstigen Weh, erinnere ich mich der Menschen, die noch leben. Mißmutig vielleicht bin ich heute morgens von ihnen geflohen, da sie in ihren Gebrechen und Fehlern doch meines Beistandes bedürftig sind! Da sage ich mir: du weinst, mein Herz, weil du Vergangene versäumt hast, und versäumst nun auch die noch Lebenden? Gehe zu ihnen, wenn sie auch gemein und armselig sind, du bist es in einer anderen Weise auch, sei gut mit ihnen und hab' sie lieb. – In solchem Sinne ist mir das Herz warm geworden und ich eile zu den Mitmenschen, um ihnen etwas sein zu können. Und meine Lust und Kraft dazu ist größer als vorher.

Das ist eine Art jener Beschaulichkeit, die wir meinen. Sage nun, weltgesinnter Leser, ob diese Beschaulichkeit ein Müßiggang ist, oder sage, ob die einsamen Spaziergänge des Poeten ein Müßiggang sind. An den emsig arbeitenden Steinschlägern, Schmieden, Heuern und Schnittern schlendert er nachlässig vorüber, sie ärgern sich über den Nichtstuer, aber nach Jahrzehnten, da das Erzeugnis ihrer Arbeit längst spurlos verschwunden ist, wirkt die Dichtung, die auf jenem Spaziergang entstanden, begeisternd und beglückend fort in der Menschheit. Und die großen Gelehrten und Erfinder, ich sage es noch einmal, nirgends anders sind ihre Werke aufgekeimt, als in der Einsamkeit, in der Zelle, die der Menge oft nur als Ort der Faulheit erscheint.

Wie die Welt heute geworden, ist also die wiedererwachende Neigung nach Einsamkeit und Beschaulichkeit ein gar erfreuliches Ding. Wir alle sind nach Äußerlichem strebende und an Äußerlichem hangende Leute geworden; wir haben an uns wieder eine Menschwerdung zu erfüllen, eine Wiedergeburt jenes Teiles unseres Wesens, den wir Seele nennen.

Wer sich nur in der Menge glücklich fühlt, der weiß nicht, was das heißt, ein Mensch sein. Zu diesem Wissen kommt man erst in der Einsamkeit. Leute, die in der Menge sich selbst verloren, suchen die Einsamkeit und finden sich dort wieder; Geisteskranke werden in der Einsamkeit oft gesund, Unglückliche in der Einsamkeit glücklich. Denn es ist ein unendlich großes Glück, sich selber wiederfinden! Freilich gibt es sehr viele Leute, die trotz ihrer egoistischen Schlauheiten, trotz ihrer flunkernden Geistreichigkeiten kein geistiges Ich haben. Solche können sich natürlich auch in der Einsamkeit nicht finden, solchen ist das innere Leben tiefgründender Beschaulichkeit verschlossen. Sie können sich selbst bespiegeln, aber sie können sich nicht beschauen, sie können nie zu sich kommen, sich nie selbsteigen über die Welt erheben, sie zersplittern ihren Willen für alltägliche Angelegenheiten und sind die Sklaven des kleinlichen Zufallsgetriebes in der Masse. Die Einkehr bei sich selber ist etwas, das unser heutiges Geschlecht ganz verlernt hat und die ihm so not täte, wie tägliches Brot. Das Asyl bei sich selber ist der beste Gottesfriedenkreis über der Unruhe und den Widerwärtigkeiten des Erdenlebens.

Gibt es nicht viele solcher, wie jener Mann war in den Wäldern des Teufelssteingebirges? Der war auf der Bergtour zufällig von seiner lustigen Gesellschaft abgekommen, hatte sich verirrt und war stundenlang wie gehetzt im Walde umhergelaufen. Einem ziegenhütenden, blöde glotzenden Halbkretin hatte er sich angeschlossen, dem ging er nicht von der Stelle. Der Mann suchte sich mit ihm vergeblich zu unterhalten, verkam aus Langeweile und konnte sich doch nicht entschließen, allein weiter zu gehen. Denn die Gesellschaft des Trottels war ihm immer noch lieber als seine eigene. Der mußte sich nicht schlecht langweilig vorkommen! Andere wieder scheinen sich vor sich selber zu fürchten, sie werden in der Einsamkeit unruhig, geängstigt, es fallen ihnen, wenn sie nicht immer in zerstreuender Gesellschaft sind, allerhand unangenehme Sachen ein, vielleicht auch hebt böses Gewissen sein häßliches Haupt empor – sie fliehen vor sich selbst, wie vor einem bösen Feinde. Für jeden ist also die Einsamkeit nicht, mancher – man sieht es ja wohl oft – wird in ihr ein Narr, ein Wahnsinniger.

Solchen Armen Beschaulichkeit zu predigen wäre Torheit, sie gehören in die Herde. Jenen jedoch, die einige Anlage dazu haben, sollen sie üben, sollen zeitweise den Markt des Tages verlassen, sich zurückziehen, sich bescheiden und abhärten, sich dem Vergänglichen zu entwöhnen suchen und ihren Sinn dem Ewigen zuwenden. Dem Ewigen in sich und im All. Und wenn sich viele und immer mehr darauf besinnen, dann wird's bald anders aussehen auf der Welt. Vielleicht weniger »fortschrittlich« und gefräßig, weniger rücksichtslos und roh, weniger feindselig und unselig. Ich sehe es kommen, daß wir Tiere wieder zu Menschen werden. Und selbst wenn die Klosterzelle der Käfig ist, der das Raubtier bezähmt – so ist es gut. Ich sehe die Zeit kommen, da die Menschen wieder große Weihestätten gründen werden, wo viele zusammen, doch jeder für sich lebt der befruchtenden Einsamkeit. Wenn sie solche Stätten mit Kunst schmücken, den Gott- und Ewigkeitsgedanken mit Schönheit umrahmen, um so besser. Es ist ihr gutes Recht, das zu tun und wenn es nicht aus unfreiwilligen Mitteln anderer, sondern auf eigene Kosten geschieht, so kann's niemand wehren.

Das Hasten und Jagen der letzten Zeit war zu groß. Das zwanzigste Jahrhundert wird nicht vergehen, ohne der müden Menschheit ein großes Rasten und einen heiligen Frieden gebracht zu haben. – Aber wie der Unfriede bis aufs äußerste ging, so wird auch das Ruhen bis aufs äußerste gehen, so daß einst wieder Wecker erstehen werden mit dem Rufe zur Arbeit. Denn auf segensvollem Mittelwege vermag die taumelnde Menschheit nicht lange zu verharren. Dieser Mittelweg wäre: bete und arbeite. Ist es aber schon der Menge nicht möglich, diesen Kurs stets einzuhalten, mancher einzelne vermag 's zu vollbringen. Die Arbeit, wenn sie echt und recht ist, macht ihn geschickt zur Beschaulichkeit, und die Beschaulichkeit stark zur Arbeit.

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