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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 2
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typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Das deutsche Laster.

I.

Im Wirtshause zu Oberabelsberg lebt ein merkwürdiger Mann. Dieser Mann kann auf einen Sitz vierundzwanzig Krügel Bier vertilgen. Sonst kann er nichts. Als ob das nicht genug wäre! Nicht mehr als genug! Als ob ihm das im Menschengeschlecht so leicht jemand nachmachen könnte!

Der Mann ist heute dreißig Jahre alt und eben aus Anlaß dieses Jubiläums wird vorstehendes biographisches Charakterbild verfaßt, und eben deshalb auch wird ein frisches Faß angeschlagen. Der Jubilar genießt bei einem großen Teile seiner Zeitgenossen die höchste Verehrung, er freut sich ihrer und ist ihrer wert; und doch nagt insgeheim in seinem Gemüte ein Wurm. Er hat einen gekannt, der es für den Sitz auf ein Viertelhundert Krügeln gebracht hat. Wiederholt versuchte unser Mann es, dieses höchste ihm bekannte Ziel zu erreichen, allein das fünfundzwanzigste Glas kam allemal auffallend rasch zurück. Es wartete nicht erst auf die Empörung der übrigen, die nach wenigen Stunden erfolgte und stets mit einem heftigen Leidenschaftsausbruch endigte. Zwei Dutzend, – das schien vorläufig der Höhepunkt seiner irdischen Erfolge zu sein.

Das hatte Anstrengung genug gekostet, es so weit zu bringen. Entsprossen war Dagobert Blunzer einer simplen Familie, in welcher gelegentlich nur ein bis zwei Schöpplein getrunken zu werden pflegte. In dem jungen Dagobert aber äußerte sich schon früh ein großes Talent: er hatte einen guten Magen. Zwei Ammen soll er jeden Tag bis zur Nagelprobe ausgetrunken haben. Später verfiel er der Erziehungsmethode eines unvernünftigen Vaters; wenn er Durst hatte, bekam er Wasser. Dem widerstrebte seine gesunde Natur und kein Wunder war es deshalb, daß Dagobert sich der studentischen Laufbahn widmete. Doch auch hier lief er Gefahr, verdorben zu werden. Theoretisch wählte er die Philosophie, allein der Umgang mit einem Litteraturprofessor und mit einem jungen Musiker war Ursache, daß er ein gewisses Interesse für Kunst und Schrifttum gewann und so manche Stunde mit solchen Dingen vertrödelte, während seine Kollegen in der Kneipe tätig waren. Noch rechtzeitig gelang es seinen Kameraden, ihn dieser verderblichen Richtung zu entreißen und dem Ideal der Jugend wieder zuzuführen.

Die erste Prüfung auf zehn Krügeln des Abends ward verhältnismäßig glänzend bestanden, die zweite auf fünfzehn krönte sich mit einem kolossalen Kater. Als hernach im Laufe der Vervollkommnung der junge Mann daran ging, sich auf zwanzig zu rüsten, ward der Magen um manchen guten Bissen betrogen, doch opferte er willig dem hehren Zweck. Von zwanzig bis dreiundzwanzig gab es ganz unheimliche Katzenjammer und der Bierometer sank mehrmal sogar unter zehn herab. Allein Dagobert verlor den Mut nicht und eines Tages, es war der Polterabend einer Nichte, strengte der brave Neffe seine Kraft bis aufs äußerste an und siehe – das vierundzwanzigste stand. Der Kater dauerte drei Tage und Nächte; während dieser Zeit soll Dagobert sogar schwach geworden sein und sich geschworen haben, die ruhmreiche Laufbahn zu verlassen. Am vierten Tage soff er wieder.

Wo die Stärke seines Wesens lag, stand nun fest. Sein Leben und Streben war das Bier. Alle Interessen von Oberabelsberg verblaßten vor dem einen: Wo gibt's das beste Bier? Wann wird neu angezapft? Gelegenheiten zu großen Gelagen gab es stets: Frühschoppen, Elfuhrmessen, Samstagskneipen, Ankunftsfeste, Abschiede, Geburts- und Namenstage, Gauverbandkommerse, Fahnenweihen u.s.w. Jeden Tag war ein anderer hochwichtiger Anlaß zum Biervertilgen. Und war ganz ausnahmsweise einmal kein Anlaß, so war diese Ausnahme Anlaß genug zu einer grandiosen Kneipe. Wenn Tags über sich ein respektabler Durst heranwuchs, so empfand Dagobert sogar eine sittliche Größe in seinem Tun, denn der Mensch muß naturgemäß leben, folglich trinken, wenn er Durst hat. Allerdings hielt der natürliche Durst über das dritte, höchstens vierte Krügel hinaus selten vor; dann mußte ein künstlicher erzeugt werden, etwa durch Heringe, Schinken oder durch Rauchen. Von den ersten Krügeln wurde jedes mit je einem Zuge geleert, später mit zwei Zügen, – »Vergnügungszüge« nannte sie der witzige Dagobert. Ein Glas auf drei Züge zeigte schon von Erschöpfung. Vom zehnten Krügel an ward nichts mehr motiviert, ward nicht mehr getrunken, bloß gesoffen.

Die Unterhaltung der Trinker verflachte sich nicht etwa über Welt, Politik, Socialismus, Stadtereignisse oder sonstiges, womit genügsame Wirtshausgeister sich die Zeit zu vertreiben suchen, nein, die Genossen konzentrierten ihre ganze Gegenwart auf das Bier. Dagobert hatte sich an den Henkel seines Stammglases ein Schiefertäfelchen hängen lassen, worauf er den vertilgten Krügeln mit Strichelchen gleichsam eine Grabschrift stiftete. Je mehr Strichelchen, je höher stieg die Weihe des Abends. Dagobert setzte das Glas nie an die Lippen – was sage ich: an die Gurgel –, ohne es einem Zechgenossen zu widmen: »Die Blume!« »Prosit!« »Meinen Halben!« »Ex!« Da tun sie alle Bescheid, und bald darauf hebt ein anderer seinen »Mörser«, »kommt nach!« – und alle wieder mit ihm. Ist ein Glas leer: »Marianka!« oder man sagt gar nichts, hebt das Leere nur so ein wenig über die Achsel und die Kellnerin ist stets dienstbereit. »Mir auch ein Frisches!« »Mir ebenfalls!« »Mir gleichfalls!« Rasch die Reste ausgetrunken. Frisches, frisches! Dann werden Biergeschichten erzählt, Trinkanekdoten aufgetischt, Katerschwänke zum Besten gegeben, und dabei wird immer frisch begossen. Es ist ein herrliches Leben!

Manchmal geschieht es, daß doch einer das Gespräch auf die neu zu eröffnende Eisenbahn lenkt, oder auf die Choleragefahr, oder auf eine italienische Reise, oder auf ein neues Aufsehen erregendes Buch, aber stets plötzlich fährt Dagobert mit seinem Glase drein, rempelt es an die übrigen: »Prosit!« – Gegossen wird und das öde Gespräch ist zerrissen. Dagobert beteiligt sich an keinerlei profanem Diskurs, oder nur mit halben, gelangweilt hingeworfenen Bemerkungen; sobald sich etwas zu vertiefen droht, eine ernstere Wendung nehmen will –: »Prosit meine Herren! Die Blume!« Angestoßen und in den Schlund gegossen. Nicht fünf Minuten lang gibt er Ruhe, der Dagobert Blunzer, nicht einen Zug tut er, ohne den ganzen Tisch davon gnädigst in Kenntnis zu setzen. Er sinnt nur nach guter Gelegenheit, zu trinken. Fällt das Wort: Bismarck – »Prosit, Bismarck!« oder: Marianka – »Prosit, Marianka!« oder: Bodenstedt – »Prosit, Mirza Schaffy!« oder: Onkel – »Prosit, Goldfuchs!« – oder: Ozean – »Prosit, Walfisch, strammer Junge! wacker!« Und getrunken wird auf alles. Auch hat man schöne Gesänge, deren Refrain stets im Trinken endigt, hat geistvolle Spiele, deren Gewinner das Glas leeren muß, und deren Verlierer auch das Glas leeren muß. Hat endlich schneidige Wetten, bei welchen der, so innerhalb einer Stunde nicht zehn Krügeln Bier vertilgen kann, ein Faß zahlen muß, das dann gemeinsam getrunken wird und bei welchem dem Verlierer Gelegenheit geboten ist, seine ungenügende Fertigkeit weiter zu vervollkommnen.

Dem Neuling, der sich vorzeitig einen Kater angetrunken hat, wird geraten, den Kater im Bier zu ertränken; das heißt in der profanen Sprache: sich wieder nüchtern zu saufen. Es soll ja schon geglückt sein. Wohlgeschulte Trinker verfügen über mannigfache Mittel, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben und den noch nachzugießenden Krügeln wieder Raum zu verschaffen. Ein ordentlich eingerichteter Magen hat einen Eingang und zwei Ausgänge, also daß der Möglichkeit, zu platzen, gründlich vorgebeugt ist.

Dagobert war einmal recht schlank gewesen, »jetzt sieht er besser aus!« Ein Gesicht wie ein »Blasengel«, eine Nase wie eine rote Kartoffel, und die lieblichsten Triefäuglein dazu. Es hat ja viel Nährwert, das Bier! Seine Genossen nennen ihn ein Spundloch, ein Bierfaß! Er lächelt dazu, schweigt bescheiden. Man braucht viel, bis man's zu Ehrentiteln bringt.

Bei Gott, den Herrn Dagobert möchte ich zum Freunde haben! Welch ein gemütliches Haus! Und wie anregend, wie gründlich in seinem Denken, wie viel Interesse für die Fragen der Zeit! Das alte Sumpftier!

Ein vorlauter Mensch zu Abelsberg tat einmal den pathetischen Ausruf: Und deshalb so viele Jahre lang Latein und Griechisch studiert, und höhere Mathematik und Geschichte und die Weltliteratur und alle Philosophen, um nun als Biersimpel täglich vierundzwanzig Krügel in den Bauch zu schütten? – Dieser Ausspruch ist zum mindesten sehr übertrieben. Erstens hat der Mann nie studiert, sondern sich bloß notdürftig für die Prüfungen hergerichtet, und zweitens vertilgt er schon darum nicht täglich vierundzwanzig Krügel, weil zwischen zwei solchen Biertagen allemal ein Katzenjammertag liegt. Und Simpel?! Wer ist denn ein Simpel? Was heißt denn ein Simpel? Simpel heißt: Einfaltspinsel. Und ist das ein Einfältiger, der das Bier vierundzwanzigfältig nimmt? Vielmehr der ist ein Einfältiger, welcher ein Krügel trinkt, wie der Schullehrer von Abelsberg, der die famose Lehre aufstellt: Ein normaler Mensch, der drei Krügel Bier trinkt, trinkt schon eins über den Durst! – Und solche Leute wollen da mitreden!

Der Onkel, der Goldfuchs, macht's erst gut, der meint, es wäre sehr wünschenswert, wenn Dagobert sich endlich einem nährenden Beruf zuwenden wollte. Ist der Alte verrückt? Was versteht denn dieser Herr unter einem nährenden Berufe, wenn das Biertrinken keiner ist? Hat der Banause denn keine blasse Idee davon, daß sein Neffe ein Märtyrer der Menschheit ist! In der Schlichtheit seiner Größe ist er sich zwar dessen nicht bewußt, aber doch tatsächlich: die Menschheit muß ihre Talente nach allen Seiten hin ausbilden, sie muß wissen, was sie zu leisten vermag. Welch ein Sieg, wenn endlich festgestellt werden kann, auf welchen äußersten Grad die schöne Männlichkeit des Individuums hinaufgetrieben werden kann, mit anderen Worten: wie viel Bier zu vertragen der rechte Mann im Stande ist. Ganz und voll ein Mann zu sein! Prosit!

Wenn der wackere Dagobert es eines Tages dahin gebracht haben wird, daß auch das fünfundzwanzigste Krügel »steht«, dann feiern wir ein Jubiläum, bei welchem der Versuch gemacht werden soll mit – dem sechsundzwanzigsten. – Prosit! Einen Ganzen! Ex!

II.

Es ist nicht mehr lustig, an Sonntagen über Land zu gehen. In früheren Zeiten waren jüngere Leute harmlos heiter über Felder und Wiesen, durch Gärten und Felder gewandelt, hatten frohe Lieder gesungen, muntere Spiele getrieben, aneinander ihre Körperkraft geübt, wobei es zwar nicht allemal sehr glimpflich abgegangen ist – Übermut hat es gegeben, aber weiter keine Feindschaft. Ältere Leute hatten beschaulicher Sonntagsruhe gepflegt, in einem Buch gelesen, oder sich an dem Blühen, dem Reifen der Früchte gefreut. Heute kann man lange suchen nach solchen Idyllen. Hingegen stößt man überall auf Besoffene, auf Unflätlinge, auf Schamlose. Der höllische Geist, der das treibt, heißt längst nicht mehr Luzifer, sondern – Alkohol. Er schürt ein Feuer, dessen erster Funke scheinbar erwärmt und vorleuchtet, gleichzeitig aber in den Dachstuhl dringt. – Der Bauer sieht, daß Sparen nichts mehr klecken will, und trinkt. Anfangs trank er sich lustig ins wirtschaftliche Elend hinein, und nun will er sich aus dem Elend wieder heraustrinken. Er trinkt, um sich zu betäuben, um die Gedanken an eine trostlose Zukunft zu verscheuchen. Der Knecht, der Geselle, der Arbeiter hat gehört, daß der Mensch nur einmal lebt, daß später so wie so der große Trumpf kommt, da wäre es schon gar dumm, sich selber die Schnauze zu verbinden, solange noch etwas im Bottich ist – er trinkt. Er trinkt, er schwelgt, er lottert – wer schert sich drum, was später kommt! Jeder weiß es, daß morgen Katzenjammer kommt, Unheil, Not. Allein sie sind zu schwach, um sich etwas versagen zu können; sie sind moralisch so entkräftet, daß sie sich von dem erstbesten oder erstschlechtesten Gelüste in den Sumpf werfen lassen. Sie haben keine Stärke und kein Licht mehr.

Aber lustig ist's im Wirtshaus. Weindunst, Tabaksqualm, wüstes, sinnloses Geschrei, anzügliche Reden und Gebärden zwischen beiderlei Geschlechtern, dann Zank, Zorn, Gewalttat. Alle Laster werden geschmiedet in der blauen Flamme des Alkohols. Wenn man von solchem Treiben angeekelt hinausgeht auf den Hof, so bittet man's dem Vieh ab, es je hinter den Menschen zurückgesetzt zu haben. – Und der Wirt mitten in seinem Hexensabbat! Er hat's nicht über sich gebracht, den Gästen noch rechtzeitig das Alkoholgift abzustellen, die Habsucht hat ihn zum bewußten Giftmischer gemacht – nun hat er die Bescherung. Er vermag die stieren, wahnwitzigen, gewalttätigen Gesellen nicht mehr zu bändigen, seine Zechstube ist ein Irrenhaus geworden, voll Tobsüchtiger. Vielleicht lärmt er selber mit im Rausche, weil man mit den Wölfen heulen muß. Vielleicht sucht er mit List die Vollen hinauszuschaffen; die noch nicht ganz Vollen trachtet er festzuhalten, bis auch ihr Bauch voll und ihr Säckel leer geworden ist. Ein Wirt dieser Gattung verdient sein Schicksal, früher oder später geht er als Lump mit den Lumpen zu grunde.

Solche Beispiele mehren sich von Tag zu Tag. Ganz erschreckend nimmt auf dem Dorfe die Trunksucht zu, und an Sonntagen wimmelt es von Besoffenen. Unsagbar widerlich, diese vollgetrunkenen Menschen, mancher auf der Erde sich in Krämpfen windend, wenn seine Natur sich wider ihn empört. Der Halbkretin ist ein Weiser im Vergleich zu dem im Rausche lallenden Schwätzer, der mit seiner Kraft prahlt, während er in den Straßengraben taumelt, der rülpsend immer das eine cynische Wort wiederholt, weil ihm das andere nicht mehr einfällt, und der sich endlich grunzend den Regungen des Schweines überläßt.

Ein vergifteter Mensch! – ein unter Obhut des Staates zum Tiere entarteter Mensch! Der Staat bestraft die Verführer, die Majestätsbeleidiger, die Gotteslästerer, die Verleumder und die Selbstschänder, aber den Betrunkenen, in dem alle diese Laster sich vereint zeigen, bestraft er nicht. Was muß doch die Besoffenheit für eine heilige Sache sein, daß sie bei Verbrechen selbst der Richter als Milderungsgrund gelten läßt!

Soll das so bleiben?

Mischt sich der Staat doch sonst überall drein und spielt den Zuchtmeister, warum gerade hier die unbegrenzte Nachsicht, wo durch den Alkohol zahlreiche Individuen, Familien, Völkerschaften degenerieren und zu grunde gehen müssen! Dann mußt du dir, mein einseitig toleranter Staat, das Schlimme nachsagen lassen, als ob du der Steuern wegen die Alkoholgetränke protegiertest! Doch, doch, das glaube ich nicht, welche Regierung würde Geldes wegen das Volk schädigen lassen, um die Alkoholsteuern nachher doch wieder für Krankenhäuser, Irrenhäuser, Zuchthäuser ausgeben zu müssen! Es wäre zu dumm.

Nein, liebe Herrlichkeit, du scheinst bloß nicht zu wissen, wie sehr das Laster des Trunkes in unserem Volke überhand nimmt, und was es für Folgen hat. Du wunderst dich nur über den wirtschaftlichen Ruin so vieler Geschäftsleute, über die Decadenz der Rekruten, über die ungeheuer zunehmende Nervosität und Übervölkerung der Anstalten für Geisteskranke. Du wunderst dich darüber und begünstigst die »aufblühende Industrie« der Bier-, Wein- und Schnapserzeugung. Jeder Hütte, die am Wege steht, erteilst du Lizenz für ein »Wirtshaus« und als »liberalen Staat« fällt es dir nicht im Traume ein, den Wirten die Verabreichung des Giftes einzuschränken. Die Regierung zuckt die Achseln. Die Erziehung zur Nüchternheit sei Sache der Schule. Ich glaube, die Schule tut, was sie kann. Zu wundern wäre es kaum, wenn so ihrer etliche polnische Schnapsbrenner gegen den Kultusminister klagbar würden, weil er in den Schulen vor dem Branntweintrinken warnen läßt. Der eine Minister verlangt vom armen Schnapsgrafen hohe Steuern, der andere predigt gegen sein Geschäft den Boykott, das ist doch zu toll! – Nicht?

Allerdings fängt die Menschheit an zu erwachen. Praktische, einsichtsvolle Völker, wie die Engländer, die Amerikaner, sind uns in der Bekämpfung des Alkohols längst voraus. Die sogenannten Temperenzler erzielen dort drüben unglaubliche Erfolge, und auch in Deutschland fangen junge Leute, selbst Studenten, an, sich, des Trunkes zu enthalten. Und doch wütet im Ganzen diese Pest mehr als je. Und in den sogenannten »besseren Kreisen« ist der Suff noch viel ekelhafter, als auf dem Dorf. In Deutschland ist das Trinken zu einem förmlichen Kultus erhoben worden, der mit fanatischem Pietismus geübt wird. Der Bursche, der sich hervortun will, nichts wird er mit solchem Eifer und solcher Gewissenhaftigkeit vollführen, als das Trinken. Es handelt sich dabei natürlich nicht um Durst, nicht um Geschmack, nicht um Geselligkeit – es handelt sich schlechterdings ums Trinken. Von diesem Trinken hängt nachgerade die Burschenehre ab. Es gilt vielfach für national. Mir scheint es aber gar nicht zweckmäßig, die Mägen so übermäßig auszudehnen, bevor man noch genau weiß, wie man sie später wird füllen können. Bekanntlich rauft man sich heute schon um Kolonien, weil gefürchtet wird, auf heimischen Schollen könnten viele Leute einmal nichts mehr zu schlucken haben.

Ein Studenten-Bier-Comment ist so ziemlich das Ödeste, was man hienieden erleben kann. Stumpfsinnig, langweilig über alle Beschreibung. Das Pikanteste dabei ist noch jene hie und da angewandte Pfauenfeder, welche im Magen neuerdings Raum schafft. Die alten Deutschen hätten ja auch gesoffen, heißt es stolz, und deutsche Dichter hatten das Trinken verherrlicht. Es ist so. Allein, weshalb will man nicht auch die guten Eigenschaften der Alten nachahmen? Weshalb gerade die, an denen die Nation unter Harfenklang vertiert?

Ja, diese Studenten! Man kann nicht sagen, daß sie für Litteratur keinen Sinn haben. Nur halten sie es jeden Tag mit einem anderen Dichter: Heute ganz Bierbaum, Shakespeare (sprich Sechs-Bier), morgen ganz Kotze-Bue! Aber freilich, aus dem Bierglase des Burschen kriecht schließlich der ledernste Philister. Und die Hörner, aus denen er einst getrunken, werden ihm schließlich aufgesetzt. Fremde Reisende, die zu uns Deutschen kommen, können sich nicht genug wundern über die versumpften Tischgesellschaften in unsern Wirtshäusern. Temperament, Humor, Witz – im Bier ist alles ertrunken. Schließlich ersetzt man die ersäuften Geister durch Kognak. Der Wein! Auch er ist ein schlimmer Geselle, aber so arg verblödet er die arme Seele nicht, als das Bier, »von dem man trinken kann, so viel man will.«? Der Wein versteht keinen Spaß, er wirft den Trinker um, bevor der Wanst voll ist. Das eine Glas Wein ist ja nicht von Übel, doch ihm ein Loblied zu singen, wäre deshalb bedenklich, weil das erste Glas leicht zum zweiten verleitet, und so fort, bis der fröhliche Zecher sich vom Menschen zum Gott und von diesem zum Tiere durchgetrunken hat.

Keiner Passion opfert der Deutsche auch nur im entferntesten so viel an Geld, Zeit, Gesundheit und Vernunft, als dem Trinken. Ein englischer Nationalökonom hat behauptet, der richtige Deutsche verbringe ein Viertel seiner Lebenszeit im Wirtshause, vertue ein Drittel seines Erwerbes im Wirtshause, vergeude die Hälfte seiner Gesundheit im Wirtshause und hole seine ganze elendigliche Versumpfung im Wirtshause.

Wenn heute ein neuer Hermann aufstände mit der heiligen Absicht, das deutsche Volk wieder herzustellen, sittlich stark und groß zu machen, die Auerochsenhörner dürfte er nicht mehr hervorsuchen, mit gegorenem Met dürfte er Frau Germania nicht leben lassen. Ein Volk, das seinen Göttern Blutopfer bringt, kann im Aufsteigen sein; ein Volk, das durch Anschwampung des Magens seinen Idealen nahekommen will, sinkt sachte in den Lehm. Ein neuer Hermann und Herzog der Deutschen müßte, möchte ich beinahe sagen, hohe Preise stiften auf rationelle Züchtung der Hopfenlaus und der Reblaus, und müßte gleich am ersten Tage alle Branntweinbrenner durch das Schwert hinrichten lassen, denn der Strick könnte reißen.

Nun rülpsen zwar die Bierphilister und sagen, die Deutschen tränken schon seit zweitausend Jahren und wären tüchtig geblieben. Mag sein, daß der an Muttermilch erstarkten derben Waldnatur der alten Germanen ein scharfer Trunk weniger anhaben konnte, als den heutigen Glashauspflänzchen, bei denen der Bierhumpen gleich nach dem Saugfläschchen kommt. Die Deutschen leisten ja auch heute noch etwelches, aber möglicherweise ginge das auch ohne Räusche. Nein, die ungeheuerlichen Kriegswaffen, die großen Maschinen unserer Zeit sind – nicht im Rausche erzeugt worden. Wenn wir diese Menschenarbeit ersetzenden Waffen und Maschinen nicht hätten, dann würde es uns erst einmal klar werden, wie sehr wir mit unserer Körperkraft heruntergekommen sind.

Tadelt ihr meine dreiste Sprache? Seid versichert, es ist ein redlicher Zorn. Ich habe schon allzuviel Opfer der Trunksucht gesehen. Ich sah junge Leute, reich begabt, fähig edelster Regungen, im Biere enden. Ich sah Lehrer, Priester, Dichter kläglich im Biere enden. Zwischen Wiener-Neustadt und Neunkirchen begegnete mir einmal ein Rudel von Gymnasiasten, die ihren besoffenen Professor, der auf allen Vieren kroch, am Strick wie einen Bären dahinführten. Sie johlten laut und am lautesten der Vierfüßler ... Dann erst der unermeßliche Sumpf des trinkenden Kleinbürgertums. In unserem Lande gibt es, um noch einmal aufs Dorf zu kommen, Ortschaften, die bei kaum tausend Einwohnern fünfzehn bis zwanzig Wirtshäuser zählen. Die meisten derselben haben mehrere Stammgäste, einen solchen hat jedes – nämlich den Wirt. Des Tages wiederholt verläßt der Schuster, der Tischler, der Sattler, der Böttcher, sein Gewerbe, um dem Nachbar »ein Viertela abzukaufen«. Und dann schimpfen sie über die schlechten Zeiten, über die geschäftverderbenden Juden, über, was weiß ich!

Eine Ortschaft ist bekannt, in der sich vor etlichen Jahren ein fremder Krämer niederließ. Sie wollten den armen Gauch, der seinen Ladenzins mit Schundware bezahlen mußte, ausbeißen. Da tat er einen kleinen Weinschank auf – süffiger Wein – billiger Wein! Sie kamen und tranken, und er gab Kredit, ohne seine Gäste gleich auf den Pranger der schwarzen Tafel zu stellen. Ging er zu grunde? Nein, er wurde bloß wohlhabend, denn dieweilen sich seine Gäste ansogen, blieb er hübsch nüchtern und lauerte bei allen Geschäften, die bei ihm gemacht wurden und die er machen half, auf seinen Vorteil. Heute gehört das halbe Dorf diesem Fremdling. Von dem einem Schuldner hatte er das Kalb genommen, von dem anderen die Kuh, von dem dritten die Wiese, von dem vierten den Wald und schließlich die dazu gehörigen Häuser. Aber sein Wein war süffig und »billig!«

Einmal habe ich das Trinken entschuldigen wollen damit, daß die guten Deutschen einen etwas schwerfälligen Geist hätten, der erst mit einem bißchen Alkohol gekitzelt werden müsse, bis er dem des leichtblütigen Romanen ebenbürtig sei. Das war falsch.

Anstatt geistreich zu werden, wird der deutsche Trinker cynisch. Anstatt begeistert zu werden, wird er berauscht. Und während er sich Kraft, Mut und Frohsinn zuzutrinken glaubt, sinkt er sachte in körperliche und geistige Ohnmacht, in Blasiertheit und Lebensunlust, in einen Ekel, von welchem der dem Rausche unmittelbar folgende Katzenjammer nur ein flüchtiges Symbol ist. Ein Volk, das sein Herz erst mit Spirituosen auffrischen, seinen Nationalismus aus dem Biere, seine Lebenslust aus dem Weine holen muß, ein solches Volk wird immer mehr versimpeln und versumpfen und endlich ein Spott der Nachbarvölker sein.

In diesen Abgrund zu versinken sind wir in Gefahr, wenn nicht endlich Gesetzgeber, Kirche und Schule mit allen Kräften zusammenwirken, dem Verderben Einhalt zu tun. Weg mit dem Alkohol! Weg mit ihm, ohne Volksabstimmung, ohne Umfrage, ob's allen recht ist. Eigenmächtig, wie bei einem Staatsstreiche, oder wie bei einer Entscheidungsschlacht müßte des Landes Herzog die Alkoholgetränke verbieten und mißachten den Hagel von Flüchen, der sich in kurzer Zeit zu einem Schauer des Segens verwandeln würde. Wenn erst dieser künstliche Geist abgeschafft ist, dann wird wieder die natürliche Begeisterung aufflammen – und aus dem gesunden Körper, aus der klaren Seele die Lebensfreude.

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