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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Größenwahn.

Bitte, machen Sie sich doch bequem!« sagte der Arzt zu dem an der Tischkante lehnenden Mann mit dem zurückgestrichenen langen grauen Haar und dem fahlen, glattrasierten Gesicht. »Rauchen Sie? Nein? – Also wie war's? Erzählen Sie, Doktor!«

Mit etwas ungelenker Zunge entgegnete der andere, nachdem er sich in ein Sofa gesetzt hatte: »Auf dem Beobachtungszimmer, dem Arzte gegenüber, ist es verdammt schwer, zu erzählen. Sie hören ja doch nur die Phantastereien eines Irrsinnigen.«

»Aber gewiß nicht,« rief der Arzt lebhaft aus und faßte mit beiden Händen seine Rechte. »Von einer etwaigen Nervenüberreizung bis zum Irrsinn haben wir noch weit. Sie sind nur etwas aufgeregt, vielleicht tut es Ihnen wohl, sich aussprechen zu können. Als alter Verehrer ihrer Muse bin ich Ihnen ein teilnehmender Freund.«

»Als alter Verehrer meiner Muse!« lachte der Doktor grell auf. »Ich war der bedeutendste Richter Deutschlands. Mein Talent hat keiner wieder. Ich besitze Orden. Meine Werke sind in alle Kultursprachen der Welt übersetzt worden. Es hat Zeiten gegeben, wo hervorragende Persönlichkeiten aus Rußland und Frankreich herbeigereist kamen, um mich zu sehen. Um mich auszuhorchen über Literatur und Politik. In Paris erschien einst eine Extraausgabe des »Gaulois« mit meinem Interview. – Herr, es ist längst vorbei!« Seine Hand legte er auf die Stirn und ließ sie sachte herabgleiten über die Augen.

»Vorbei, aber nicht vergessen,« sagte der Arzt. »Vor allem jedoch würde es mich interessieren, zu hören, was gestern in Ihnen vorgegangen ist.«

»Das will ich Ihnen erzählen,« antwortete der Dichter. »Es war eine große Erwartung und eine große Enttäuschung, nichts weiter. – Es war mein fünfzigster Geburtstag, das wissen Sie. Es wurde ja durch einige Freunde öffentlich bekannt gemacht. Ich hatte diese Jubiläen sonst nicht gemocht – wenn sie andere feierten. Oft ganz unbedeutende Leute. Nun mal selber dran! – Der Vorabend, o, wie der schön war! Wie feierlich mein Zimmer! Die Abendröte beschien die Lorbeerkränze an den Wänden, sie sind schon lange dürr, sie rauschen, wenn die Magd den Staub abfächelt. Welche Erinnerungen! Ich lag auf dem Diwan ausgestreckt und rauchte. Ja, da schmeckte sie noch, die Zigarre la fleur. Meine Frau bereitete Küche und Keller vor. Wenn die Gäste kommen, die Deputationen, die Boten. Die Dienerschaft tat ganz heimlich; alles war so weihevoll, so geheimnisvoll, so erwartungsvoll. Halbe Andeutungen waren mir zu Ohren gekommen. Eine Ehrengabe der Nation! Fürstliche Auszeichnungen! Adelsstand! Und andere Überraschungen. Wenn's auch still geworden war um mich die letzten Jahre her, weil ich die Rezensenten gezüchtigt habe. Ich hatte sie tödlich getroffen. Doch wer je Großes geleistet, der bleibt unvergessen im Volke. In allen Blättern ist Ruh', von meinen Werken kein Hauch. Sie mögen schweigen, wie sie wollen, Unsterblichkeit schweigen sie nicht tot. So feierlich ist mir nie zu Mute gewesen, all meiner Tage nicht, Herr, als am Vorabend. Voller Hochstimmung die ganze Nacht, keinen Augenblick geschlafen. Kaum der Tag anbricht, schon Wagengerassel auf der Straße. Ich erzähle es, ich kreuzige mich in dem geistigen Wiederleben dieses Tages. Dieses fürchterlichen Tages. Wie glorreich war's noch, als beim Ankleiden – ich zog den Frack an – meine Frau hereinkam und mir den Kuß auf die Stirn gab, und eine purpurrote Geldtasche, eingestickt mit Goldfäden das Geburtsjahr und das Jubiläumsjahr. Man wird die Geldtasche noch einmal brauchen können. – Gutes Herz. Ich griff zur Morgenzeitung. Einen roten Festrand hatte sie nicht. Auf der ersten Seite stand das Huldigungsgedicht nicht. – Was Blatt wie jeden Tag und keine Zeile über den Jubilar, keine Zeile! Der Postbote brachte Briefe; es ist der Vortrab, dachte ich, denn die Post war kaum stärker als gewöhnlich. Ein paar Autographenjäger. Eine Photographie zur »Erinnerung an glückliche Stunden«! Wer mochte mit dieser alten Schachtel glückliche Stunden genossen haben! Ich nicht. Oder doch, einzelne Züge erinnerten, erinnerten wirklich. Eine Mitteilung des Verlegers, daß von tausend in Kommission gegebenen Exemplaren meines neuen Buches achthundert und achtzig Krebse zurückgekommen sind. Ein rekommandierter Brief, die Lebensbeschreibung eines armen Teufels und ein Bittgesuch enthaltend. Ein Paket mit Büchern zur gefälligen Besprechung. Endlich die Vermählungsanzeige eines alten Bekannten. Das war die Post zu meinem fünfzigjährigen Jubiläum. Ich blickte sprachlos auf meine Frau. Nein, sagte sie, das kann nicht alles sein. Die Zimmer wurden rasch in Ordnung gestellt. Welch' unerträglich lange Stunden! Und doch hätte ich den Uhrzeiger mögen festhalten, daß die Zeit nicht so fürchterlich unnütz verrinne. War es übrigens wohl auch das richtige Datum? Haben wir auch sicher den neunundzwanzigsten? Auch in »Kürschner« kein Druckfehler? Alles richtig. Und ich – blieb allein. Es wurde zehn Uhr, es wurde elf Uhr, es kam niemand. So oft draußen ein Wagen heranrollte, pochte mir das Herz; er fuhr immer wieder vorüber. Nein, jetzt hielt einer vor dem Hause. Ein Herr im Zylinder stieg aus, eilte in die Tür. Endlich, sagte ich, kommt einer. Es klingelte aber nicht und er kam nicht vor. Nach einiger Zeit stieg er wieder in den Wagen. Es war der Arzt, der die kranke Frau einer Nebenpartei besuchte. Ich hatte Zeit, meine Begrüßungs- und Dankrede zu wiederholen, die schon seit Tagen zurecht gelegt war. Nicht memoriert, ich memoriere nie etwas. Nur zurechtgelegt. Um zwölf Uhr plötzlich Musikklänge vor dem Fenster. Endlich! pfauchten wir auf, ich und meine Frau. Eine Militärkapelle marschiert vorüber, ein Bataillon, von dem Manöver zurückkehrend. Halb ohnmächtig warf ich mich in meinen Lehnstuhl. Da klingelt es. Ein alter Mann. Er bat um die Gnade, einen Augenblick zu danken für manche Spende, die er von mir erhalten, und um seine Glückwünsche darzubringen. – Es ist schon gut, schenkt ihm eine Mark, ich wäre unwohl.

»In der Küche tuschelten mehrere Mägde so herum, es war halb und halb eine größere Mahlzeit bereitet worden. Der Tisch wurde einstweilen nur für zwei Personen gedeckt. »Lasset das, mir fehlt heute der Appetit.« »Warte nur,« steckte mir meine Frau, »du wirst ihn bald haben, eben ging der Geldbriefträger ins Haus.« In der Tat, der kam zu mir. Im Vorhause blieb er stehen, denn seit dem letzten Briefträgermorde wagen sie sich nicht mehr in die Wohnung. Ich ging hinaus, er übergab mir einen schwer versiegelten Brief, dessen Empfangsschein ich rasch unterschrieb. »Herr Doktor,« sagte der Briefbote, »das kann doch keine Namensunterschrift sein, mit Permission, die kann ich nicht gelten lassen.« So hatte meine Hand gezittert! Ich schrieb den Namen noch einmal hin, mit größter Anstrengung deutlicher. Dann ins Zimmer, um den Brief auszuweiden. Laut zähle ich: fünfzig, sechzig, fünfundsech – – »zig Tausend?« fragt die Frau. – Freunde hatten für mich eine Ehrengabe gesammelt. Kollegen, die mir nicht die Schuhriemen auflösen, hatten in den letztvergangenen Jahren auch Ehrengaben erhalten, große, viele Tausende! Nun war auch die meine da. – Der beiliegende Brief war zu unbarmherzig: »Lieber Freund! Wir sind leider ziemlich abgeblitzt. Die materialistische Zeit, die unselige und ganz dumme Geschmacksrichtung der Literatur. Unser Wille war gut. Mit den herzlichsten Jubilaumsgrüßen u.s.w. Beiliegend fünfundsechzig Mark.« »Frau,« frage ich über die Achsel, »wie viel macht der fällige Wohnungszins?« »Siebenhundertfünfzig Mark.« »Es ist gut,« sage ich, »bringe mir vom Rheinwein.« – Ich gieße einige Gläser hinab, vier oder fünf, mögen auch mehr gewesen sein. Schleudere das Glas in den Spiegel, daß die Scherben sausen, und lache. Es ist zu drollig, zu drollig auf der Welt. »Weib, wenn du noch zu was nütze sein willst, so wirf mir den Alten vom Gesimse, seine Exzellenz, den Herrn Geheimrat. Er soll mir zechen helfen.« – Wann bin ich ins Bett gegangen. Kopfschmerz! Rasender Kopfschmerz! Nachher haben sie gesagt, ich hätte die Goethebüste von der Säule gestürzt.«

»Ja, lieber Doktor,« sprach nun der Arzt, »das haben Sie getan. Ein förmlicher Tobsuchtsanfall war's. Gegen Abend haben Sie sich beruhigt.«

»Ja, ich erinnere mich, daß ich jenen alten Mann suchen ließ, der am Tage gekommen war, um mir für Almosen zu danken, und der abgewiesen worden war. Nur einen Gratulanten! Nur einen einzigen! Auch der ist nicht mehr zu finden gewesen.«

»Pah, Doktor, Sie sind Philosoph. Sie legten doch niemals Gewicht auf derlei Förmlichkeiten. Es sind hohle, dumme Förmlichkeiten.«

»Gewiß, das sind sie,« antwortete der Dichter, »allein, wenn die hohlen dummen Förmlichkeiten an einem solchen Tage ausbleiben, dann ist man futsch! Dann hat man ein verlornes Leben hinter sich. Ein verlornes Leben, Herr, wissen Sie, was das bedeutet? Am fünfzigsten Geburtstag bestätigt zu finden, daß es nichts war, nichts und nichts! Und hat doch seine Existenz geopfert der Ehre, hat sein Herzblut hingeschrieben für Anerkennung und Ruhm! Und ist zuletzt ein vergessener, oder gar verachteter Gauch!« Er gröhlte auf vor Schmerz.

»Beruhigen Sie sich, lieber Freund, ich bitte, beruhigen Sie sich!«

»Ach, was wissen Sie, Professor, was Ehrgeiz heißt!« stöhnte der Doktor aus seinem Schluchzen hervor.

»Auf meinem Lebenswege«, versetzte der Arzt, »begegnen mir ganz andere Übel als der Ehrgeiz. An den Schmerzenslagern der Kranken, der Sterbenden sieht man, daß Ehre, Ruhm nichts, absolut nichts bedeuten.«

»Gerade in körperlicher Not sieht man, daß moralische Güter, Ehre, Unsterblichkeit alles bedeuten!« rief der Dichter.

»Das sind Dämonen,« entgegnete der Arzt gelassen. »Man sollte sie nicht aufkommen lassen. Ehrgeiz, Ruhmsucht sind weit gefährlicher als jedes andere Laster, darum gilt unter den sieben Hauptsünden Hoffart als die erste. Nichts ist geistquälender und herztötender als unbefriedigter Ehrgeiz. Nichts wirkt so sehr zerstörend auf die edlen Eigenschaften einer tiefangelegten Persönlichkeit, als unbefriedigter Ehrgeiz. Nicht allein am Mißerfolge, auch am Erfolge kann man zu grunde gehen. Ruhm ist wie Arsenik; wer ihm huldigt, der kann ihn bald nicht mehr missen; rühmen ihn andere nicht, so rühmt er sich selbst, und der Größenwahn ist fertig. Geniale Menschen, die von ihren Zeitgenossen geschmeichelt, gerühmt, angebetet werden – sie hätten nichts Wichtigeres zu tun, als Bescheidenheit zu lernen, sich täglich ein paar Stunden in Demut zu üben, denn es kommen Zeiten, da sie diese Tugenden wohl zu brauchen haben werden, Zeiten, da sie verbittern und verzweifeln müßten, ohne wahre, aufrichtige Demut. – Nein, lieber Doktor, so weit sind wir noch nicht. In Ihren Literaturwerken haben Sie von hoher Lebenswarte aus die irdischen und menschlichen Werte treffend geschätzt. Bleiben Sie auf dieser hohen Warte, steigen Sie nicht herab, um Chimären zu suchen.«

»So abstrakt, Professor, so grausam abstrakt!« entgegnete der Doktor. »Unsereiner ist nicht Künstler philosoph, er ist Künstler natur. Er dürstet nach Anerkennung genau nach denselben Naturgesetzen, wie der Fiebernde nach Wasser dürstet! Daß alles vergänglich ist, daß es keine Unsterblichkeit mehr gibt, besonders in unserer raschen, talenteproduzierenden Zeit, das wissen wir freilich. Aber wenigstens so lange man lebt, will man unsterblich sein. Nein, nein, nur sein Teil will man haben. Dem Straßenkehrer seinen Lohn, dem Schriftsteller seine Ehre! Wie der Hirsch nach dem Quell, so lechze ich nach Ehre! Jeder Droschkenführer feiert sein Jubiläum, und mir, dem die Literatur, die Schriftstellerwelt, das Volk so viel verdankt, mir nichts, nichts, nichts! Verdammtes Gesindel, undankbares!« Er sprang auf, stieß den Tisch um und schleuderte ihn mit einem Fußtritt quer über das Zimmer hin.

Der Arzt suchte ihn zu besänftigen. »Ich begreife ja Ihren Unmut,« sagte er, »doch warten Sie, Sie sollen sehen, daß Sie nicht vergessen sind, es wird Ihnen noch eine sehr angenehme Überraschung zu teil werden.«

Denn der Arzt hatte einen Plan. Zwar wußte er recht wohl, wodurch dieser Dichter es bei der Presse und beim Publikum verdorben hatte. Einerseits der übergroße Dünkel, andererseits ein brutaler Cynismus in den Schriften hatten ihm den Hals gebrochen. An eine Wiedergeburt seines einstigen Ruhmes war nicht mehr zu denken, und doch sollte er sein Jubiläum haben. So viele Freunde und gutmütige Menschen glaubte der Arzt noch aufzubringen, um dem armen Mann eine Komödie vorzuspielen, die eben, weil sie Komödie war, sich nicht viel von anderen Jubiläen unterscheiden sollte. Vielleicht konnte er doch wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Es blieb bei der Absicht. Schon in der nächsten Nacht erkrankte der Dichter heftig an einem Nervenfieber, in dessen Delirium die letzten Funken eines einst so lebhaften starken Geistes flackernd verloschen sind.

Dieser Geschichte habe ich nichts beizusetzen, als daß sie in höherem oder geringerem Grade Hunderten passiert, die ihre Karte auf Ehre und Ruhm gesetzt haben.

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