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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Die Familie ohne Autorität.

Über drei Dinge wird in unseren Tagen zu viel geschrieben und geredet, über Kunst, Gesundheit und Erziehung. Folge davon, daß wir unkünstlerisch, kränkelnd und ungezogen geworden sind. Gewisse Dinge sind so persönlich, daß sie nicht gesprochen, sondern gelebt werden müssen. Je mehr man über sie theoretisiert, je unpersönlicher werden sie, fortwährende Betrachtungen können ureigene Wesenheiten aus uns herausheben, sie uns gegensätzlich machen und sie verflüchtigen.

Was besonders die Erziehung angeht – diese ist keine Lehre, sondern ein Beispiel. Somit will ich nicht lehren, vielmehr ein Beispiel erzählen und mein Freund wird dann darüber nachdenken, ob und inwieweit man dieses Beispiel nachahmen soll oder nicht.

Das Haus des Abgeordneten Rysand war berufen in der ganzen Stadt – gleichsam ein Knochen, wie ihn jedes Rudel braucht, um sich an ihm die Zungen zu wetzen, oder die Zähne auszubeißen. In Rysands Familie ging es nämlich ganz eigentümlich zu. Zehn Kinder, teils erwachsen, teils unerwachsen, bildeten den Ärger der Leute. Und dort, wo sie anerkennen, ja heimlich bewundern mußten, war der Ärger am größten. In Rysands Haus ging es ganz anders zu, als in anderen Häusern. Da gab's Leben, Kampf zwischen den Mitgliedern – und auch ungezügelte Liebe. Immer wurde gestritten, nie gezankt, immer gab es Gegnerschaft, nie Trotz, überall Gegensätze, die zusammen – Harmonie bildeten. Die Eltern glichen sich nicht und lebten in Eintracht, die Kinder glichen sich nicht, jedes war anders, jedes strebte einer anderen Richtung zu, ging seinen besonderen Neigungen nach und doch blieb alles in einem einheitlichen Kreise, in dem es also viele Gestalten und nur einen Geist gab. Zwischen Mutter und Töchtern herrschte vertraulicher Freimut, zwischen Vater und Söhnen eine geradezu burschikose Kameradschaft. Das ganze Haus mit seiner naiven Ehrfurchtslosigkeit und seiner Liebesfrische war eine heitere Anarchie. Dem Pädagogen zum Kopfschütteln, dem Pietisten zum Ärgernis, dem Menschenkenner zur Freude. Und zum heimlichen Neide allen, die bei größter Genauigkeit und Strenge in ihrem Hause ein solch treues Familienleben nicht zuwege brachten.

Und eines Tages wurde Rysand von einem alten Hofmeister mit Fleiß befragt, wie er denn das mache, seine Kinder so zu erziehen.

»Ich? Meine Kinder,« versetzte Rysand, »aber mein Herr, die erziehe ich ja gar nicht.«

»Nein, es muß im Hause doch eine Autorität sein?«

»Gewiß. Und sie ist auch.«

»Das möchte ich wissen, wer bei Ihnen die Autorität hat!«

»Das ist kein Geheimnis. Jeder hat sie. Jeder für sich. Wir sind ein demokratischer Staat – also ohne König, oder bloß mit einem zeitweilig gewählten. Wir sind protestantisch und protestieren gegen jede Willkürherrschaft. Bei uns gibt es keinen Zwang, als den der Umstände – diesen fügt sich jeder. Zehn Kinder sind mir gegeben und die zehn Gebote darüber, und die Naturgesetze dazu, ich brauche ihnen weiter nichts vorzuschreiben. Ich sage keinem: So mußt du es machen, dies und das mußt du meiden. So lange sie noch schwach und dumm waren, wurden sie schweigend geführt, aber nicht von vorne, sondern von hinten an einem starken aber losen Bande, daß sie es kaum merkten. So konnten sie nicht in den Abgrund fallen, wohl aber anstoßen. Sie stießen auch an, aber höchstens nur ein paar Mal, denn das tat weh und sie merkten es sich. Hätte ich sie mit Worten zurückgehalten, so würden sie entweder meine Weisung und Warnung übertreten oder niemals recht erfahren haben, weshalb man eigentlich nicht anstoßen soll. Der Mensch ist so eingerichtet, daß ihn nicht das Studieren, nur das Probieren vorwärts bringt, und Gottlob, daß es so ist, sonst gäbe es bald nur noch Begriffe, aber keine Tatsachen. Meine Kinder sollen durch daß Anstoßen erzogen werden und ihre Fehler müssen sie erst fühlen, um sie künftig zu vermeiden. Kommen sie mit Wunden heim, so werden sie weder ausgescholten noch bedauert, sie müssen ihre Sache selber leiden und tun es ohne weiteres. Kommen sie mit einem Erfolg, dann freuen wir uns gemeinsam. Das, was Sie Autorität nennen, würden meine Kinder so wenig ertragen, als ich es selbst je ertragen hätte. Trotz allen meinen Abhängigkeitsverhältnissen hatte ich immer das Gefühl: Du mußt nicht, du tust es freiwillig, kannst es ändern wann du willst. Das Müssen hätte ich nicht ausgehalten, da hätte ich wahrscheinlich die größten Dummheiten gemacht, um ihm zu entkommen. Das eigene Wollen hat mich gehalten und Fehltritte habe ich gebüßt, ohne es ungerecht zu finden, eben weil es meine eigenen waren. Wer eine fremde Autorität hat, und wäre es gleich Vater und Mutter, der verläßt sich drauf und ist geneigt, ihr die Verantwortung zuzuschieben, er wird nie selbständig und bleibt moralisch ein Schwächling: ein Gelingen hält er sich selbst zu gut, ein Fehlschlagen schiebt er der Autorität zu, die ihn leitet. In wichtigen Punkten halte ich meine Kinder schon fest, aber nur so, daß sie es nicht merken, daß sie glauben, sie hielten sich selbst.«

Da schüttelte der Hofmeister seinen Kopf und sprach: »Wenn sie also Wort und Lehr verschmähen, wie wissen Ihre Kinder, was recht und unrecht ist.«

Darauf antwortete Rysand: »Die Kinder sehen es am Vorbilde und sehen es durch Erfahrung. Man braucht's ihnen kaum ein einzigmal zu sagen. Sie haben es sehr bald weg, was sich rächt und was sich lohnt. – Das Wort Erziehung sollte man ausstreichen, das Wort Vorbild sollte man dafür hinsetzen.

Die Gebote darf der Vater seinen Kindern, der Vorgesetzte seinen Untergebenen nicht verkünden aus den Wolken herab, er muß sie ihnen vorleben auf der Erde. Dieses Vorleben des Richtigen hat wohl seinen Haken. Wer es kann, der ist Erzieher, Vater und König, wer es nicht kann, der ist trotz aller schönen Worte und weisen Lehren ein lächerlicher Wicht. Eine Autorität, die kein rechtes Vorbild ist, wirkt geradezu demoralisierend, umso demoralisierender, je salbungsvoller sie sich gibt.

»Ich habe,« sprach der Hofmeister, »in meiner Praxis immer erfahren, daß nach strenger Strafe gewiß die Fehler ausbleiben.«

»Weil man sie Ihnen mit umso größerer Sorgfalt verheimlicht. Ich dächte, die einmal vorhandenen Fehler müsse man eher hervorlocken, als sie zurückschrecken, man muß sie doch genau kennen, um ihnen entgegenwirken zu können. Ich habe sogar ein paar Mal solche Fehler scheinbar selbst begangen, um den Jungen zeigen zu können, wie man sie unterkriegt.«

»Und hat das Vorbild nie versagt?«

»Wenn das Vorbild versagt, mein Freund, dann versagt die Gewalt erst recht.«

»Gingen Ihre Kinder stets gerne in die Schule, Herr Rysand?«

»Gingen sie nicht willig, so wurden sie auch nicht gezwungen. Das stützige Kind wurde bloß immer aufmerksam gemacht, wie andere gerne in die Schule gehen und welches Vergnügen sie dabei haben und wie ganz anders sie dastehen. Eines Tages war es zeitig aus dem Bett und flugs mit dem Buche davon – in die Schule.

»Und geschieht es nie, daß Ihre Kinder vor entscheidenden Schritten ratsbedürftig sind?«

»Das geschieht sogar sehr oft. Weil man sich aber nicht beim Tyrannen Rates erholt, sondern beim Freunde, so kommen sie zu mir. Ich rate nicht jedem gleich, sondern jedem nach seinem Charakter, nach seinen Anlagen; so wird kein Persönlichkeitsgefühl verletzt, wohl aber der Mut an sich selbst gestärkt. Der Grundsatz, daß die Erziehung den Eigenwillen brechen soll, ist durchaus verwerflich, er paßt für Sklaven, aber nicht für ein freies Volk. Der Eigenwille muß vielmehr gekräftigt, beständig gemacht und veredelt werden, niemals soll er vom Trotz, immer von der Vernunft geleitet werden. Die Vernunft kommt auch nicht aus klugen Worten, sie wird ausgebildet durch Überlegung, und Überlegung kommt von Erfahrung, oder wenn Sie wollen, vom Anstoßen.«

»Zugegeben, Herr Rysand, daß Ihre Grundsätze bei gutgearteten Kindern am Platze sind; doch möchte ich nicht in einem Hause wohnen, wo jeder tut, was er will.«

»Jeder, mein Lieber, tut bei uns durchaus nicht, was er will. Er merkt es sehr bald, wie weit er in seiner Eigenmächtigkeit gehen darf, ohne anzustoßen und sich selbst zu schädigen. Im Ganzen sucht jeder seinen Vorteil, der bei dem enge geschlossenen Gemeinwesen aber sofort fraglich wird, sobald er in die Rechte eines andern greift. Der Eine mag für sich manchmal eigennützige, rücksichtslose Anwandlungen haben, sofort regt sich in den neun übrigen der Gerechtigkeitssinn und das neunfach Gute besiegt das einfach Böse.«

»Wenn aber von den zehn fünf oder mehr eigennützig sind?«

»Eigennutz hält nicht zusammen, nicht einmal bei fünfen; er zersplittert sich und bleibt schließlich immer in der Minorität. Unsere Verfassung ist so, daß von den zehn eines, das im Rechte ist, Sieger bleibt gegen neun, wovon jeder für sich was anderes will. Und für alle Fälle bin ich da mit –«

»Der Autorität?«

»Nein, mit der freundlichen Vermittlung. In kleinen harmlosen Dingen mag jedes seine Besonderheit haben – das ist mir gerade recht, es macht das Leben im Hause mannigfaltig, es führt eine Menge von Gesichtspunkten, Plänen und Aufgaben ins Haus, und diese Welt im Kleinen wird zu einer Vorbereitungsschule für die draußen harrende große Welt.«

Nun fragte der Hofmeister: »Wie wollen Sie aber bei einem mißratenen Kind ohne Gewalt auskommen?«

»Die meisten solcher Unglücklichen sind eben durch Gewalt und Roheit verdorben worden. Nun heilt man nicht mit denselben Mitteln, die verdorben haben. Gewalt erzieht nie. Was ich Ihnen da sage, paßt freilich nicht für alle Fälle. Vielfach wirds allerdings stimmen: Einen, bei dem Güte umsonst, überlasse man sich selbst. Was eine milde Gewalt des Vorgesetzten nicht vermag, das vermag die Herbe des Lebens. Des Lebens Arbeit und Not ist die beste Erzieherin für solche Naturen, die wir die Mißratenen nennen, bei denen wir aber manchmal die mißkennenden sind.«

»Ich komme aus dem Staunen nicht heraus,« rief der Hofmeister. »So sagen Sie mir doch, geschätzter Herr Rysand, was hält bei solche Grundsätzen Ihr Haus zusammen?«

»Daß Sie noch fragen können! Was eben die ganze Welt zusammenhält.«

»Und was ist denn das endlich?«

»Die Liebe.«

»Die Liebe?« fragte der Hofmeister mit gerunzelter Stirn. »Ein altes Schlagwort. Aber bedenklich. Liebe macht weich.«

»Wie das Feuer Eisen weich macht, daß man etwas daraus bilde,« rief Rysand bewegt. »Ein heiß Gemüt stärkt manches junge Herz vielleicht zu leidenschaftlichem Streite, zu begeisterter Verteidigung persönlicher Ideale, zu glühendem Zorn gegen Widerwärtiges. Aber besser ein sprühendes Herz, denn ein kaltes und sprödes. – Sie sehen, daß meine Kinder nach allen vier Himmelsrichtungen auseinanderstreben. Ganz wild flattern sie des Morgens davon und ganz zahm kehren sie des Abends zurück. Die Freude lockt sie hinaus, das Leid bringt sie wieder heim. Je ferner sie gewesen sind, je größer ist ihre Liebe zur leidenden Mutter, zum sorgenden Vater, zu den lustig hadernden Geschwistern geworden. Oh gewiß, es ist eine Autorität, die sie zwingt, treu und fest an den Ihrigen zu halten, dem Vorbilde der Eltern nachzustreben und den frischen ehrgeizigen Konkurrenzkampf mit den Geschwistern aufzunehmen und munter durchzuführen, es ist eine Autorität, die mit sanfter Gewalt die tollen Herzen bändigt – diese Autorität heißt Liebe.

»Ja, also gut denn,« fragte der Hofmeister. »Jetzt sagen Sie mir gütigst das eine noch – woher nimmt man die Liebe?«

Rysand war starr und schwieg.

»Ich kenne das nicht,« sagte der andere kalt. »Ich habe derlei nie erfahren.«

»Aber, Sie – Sie sind doch ein Mensch!«

»Höchst wahrscheinlich. Vielleicht sogar ein recht glücklicher. Ich kann sagen, mein Platz war vielfach an der Sonne. Stets sorgenlos, nie gebunden, nie verheiratet!«

– Ein alter Hagestolz. Und ich konnte mit ihm von Liebe sprechen wollen?!

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