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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Das entlaufene Jungweib.

In der Plessenhube saßen sie um den großen Tisch herum und taten Sauerkraut essen. Sie taten es behäbig und schweigend. Zum Sauerkraut gehört Speck aber nicht Schwätzen. Wer tief eindringen will in das, wie gut Speckkraut ist, der muß alles sonst beiseite lassen, er darf nicht denken und nicht sprechen, er muß inbrünstig Speckkraut essen. –

Doch aber war es, daß die Plessenhuberin mit ihrem Löffel plötzlich stillstand mitten auf dem Wege zwischen Schüssel und Mund. Ihr Blick schaute zum kleinen Fenster hinaus auf den Anger. »Uh«, sagte sie, »da geht die Walpa daher. Die Spinnradel-Walpa. Sie ist's. Und was sie für ein großmächtiges Bündel schleppt.«

»Sie wird ihrem jungen Mann halt Sachen zutragen«, meinte der Plessenhuber, dieweil er seinen Löffel senkrecht auf den Tisch stemmte und auch zu gucken anhub. Obschon der die Seinige noch nicht gar lange hatte, lugte er doch gerne auch ein wenig nach anderen Weibsleuten aus.

»Zutragen? Schon eher wegtragen«, sagte die Bäuerin. »Sie geht von ihrem Schmiedehaus weg, statt hin.« »Sie kommt zu uns«, rief der Junghirte am Rande der langen Bank. Der Knecht an der anderen Seite braucht bloß jäh aufzustehen und der junge purzelt hin. Aber so was kommt nicht vor beim Speckkrautessen.

Die Spinnradel-Walpa. Im ganzen Tal hob jeder und jede den Kopf, wenn die Walpa in Sicht kam. Ein ungefähr fünfundzwanzigjähriges Weibsbild war's. Wer sie dem Gewand nach ansah, der hielt sie leicht für vierzig, wer ihr zwischen den weit vorstehenden Rändern des braunen Kopftuches ins weiße Gesichtlein zu gucken Schick und Glück hatte, der gab ihr zwanzig und nicht mehr. Ihre Eltern hatten das Schachenhüttel besessen, sie waren arme emsige Arbeitsleute gewesen, nun aber schon gestorben. Von ihren zwei Schwestern war die eine als Kind gestorben, die andere bei einer Flußüberfuhr verunglückt. So war die Walpa allein übrig geblieben, hatte das Schachenhüttel geerbt und sich mit Spinnen und Strümpfstricken und mit einer kleinen Kartoffelzucht ernährt. Alles wunderte sich, daß sie mit so Geringem auskam und man versah sie gerne mit Werg und Wolle, weil sie gar so gewissenhaft arbeitete und nicht einen Faden für sich zurückbehielt. Sie hatte das auch nicht nötig. Wie sie die Stiefel ihres Vaters trug, so gewandete sie sich mit den Röcken ihrer Mutter; immer dunkelblau und so glatt und schlank hinab, ohne Bandwerk und Faltenzier. Das war's auch, was sie vierzig Jahre alt machte. Trotzdem kümmerte es die Burschen des Tales, daß die Walpa so ganz allein in ihrer Schachenhütte lebte und mancher versuchte es, ihr Gesellschaft zu leisten. Er versuchte es aber nur einmal. Er kam gerne zurück und brummte unmutig: »Das ist eine!« Aber was für eine, das sprach er nicht aus.

Der Dorfschmied Sebast ging zur Zeit auf Freiersfüßen; die waren hübsch schlank und machten große Schritte, aber den letzten, wenn er ins Haus einer Schönen trat, allemal vorsichtig. Er kam gewöhnlich bald wieder hervor, denn die Dirnlein waren ihm zu verliebt. Er konnte den Baum nicht sanft genug schütteln und schon fiel ein Apfel herab. So ein frühfälliges Obst hält nicht, ist bloß was zum Naschen, aber nichts zum Einlegen fürs Haus. Anders die Spinnradel-Walpa. Da ließ sich's schütteln, es fiel nichts. Das schien ihm etwas zum Einlegen fürs Haus. Er warb um sie. Sie fragte zurück, was sie mit ihrem Spinnrade wohl in der Schmiede zu tun habe. Er deutete es nicht schlecht aus, daß zum Harten sich das Zarte geselle, zum Eisen sich die Wolle. Er erklärte, daß der Mensch bei Hammer und Amboß nicht zufrieden sein könne für die Länge, daß auf den Tisch weiße Linnen und ins Bett milde Kissen gehören. Sie sah das ganz gut ein. Sie dachte, daß es eigentlich auch nichts rechtes sei, wenn man bloß für sich so hinlebe, sein Verdienst selber verzehre, wobei niemand ein Dankdirgott gibt und niemand eins nimmt. Sie sagte das einmal geradeso ihrer Freundin, der Plessenhuberin. Und daß es am Ende doch netter sei, für wen zu sein und zu schaffen, den man gern hat. »Ja«, antwortete die Bäuerin auf der Plessenhube, »du wirst es erst noch sehen, was das für ein Glück ist, wem zu gehören und wen zu haben. Es ist gerade, als würde man ein doppelter Mensch, doppelt so stark und so schön, und wenn eins in der Ohnmacht liegt, so ist noch das andere da und wacht. Ja, Walpa, du wirst es noch sehen, was das für ein Glück ist.«

So hat die Schachenhütterdirn dem Schmiedmeister Sebast ein ruhiges Ja gesagt. Sie nehme ihn. Wie er ihr vorkomme, ein ehrenhafter Mann, ihm vertraue sie sich an.

Es war ein stattliches Paar, als sie nebeneinander aus der Kirche schritten. Sie in ihrem schneeweißen Kleide mit dem Rosmarinzweig im braunen glattgekämmten Haar sah freilich aus wie ein zartes, schlankes Mägdlein von neunzehn Jahren. Der stämmige Bräutigam daneben mit dem braunen, gutmütigen Gesicht nahe den Dreißigern. Die Burschen tuschelten einander zu: Wie es der wohl angegangen sei, daß er sie drangekriegt habe! Einer wollte seine besondere Meinung kund tun, da redete der alte Nachtwächter drein: »Leut', da find' ich nichts dran. Wenn er das hart' Eisen nicht kunnt bearbeiten, dann wär er kein Schmied!«

Seit dieser Hochzeit waren drei Tage vorbei, heute, als die Plessenhuberin durchs Fenster die Spinnradel-Walpa mit dem Bündel vom Schmiedehaus her gegen die Plessenhube gehen sah. Als die Walpa vom Wege abging und gegen die Haustür trat, wischte die Bäuerin ihren Löffel rasch mit dem Tischtuch ab, legte ihn hin und ging in die Vorlauben der Ankommenden entgegen.

»Lachen wirst, Hanel, daß ich auf einmal da bin mit Sack und Pack.« Mit diesen Worten war die junge Schmiedefrau der Bäuerin entgegengetreten.

»Das wär' nicht zum Lachen, wenn's deine Sachen wären!« gab die Plessenhuberin zur Antwort.

»Was denn? Wessen sollen sie denn sonst sein? hast ein bissel Zeit für mich?«

Wo wäre das Weib, das nicht Zeit hätte, wenn die vertraute Freundin nach der Hochzeit das erste Mal kommt!

Die Bäuerin rief in die Küche, man möge den Brennsterz auftragen, auf sie brauche man nicht zu warten. »Am besten, wir gehen ins Kammerl hinauf«, sagte sie vergnügt und wollte der Freundin das Bündel abnehmen, was diese nicht zugab. Oben im Dachkammerl auf der Flachstruhe setzten sich zusammen. Die Bäuerin zog am Fensterchen den roten Vorhang zu, falls es die Sonne nicht sollte sehen dürfen, was die Schmiedin nun auspacken würde. Diese packte vorderhand gar nichts aus, sondern lehnte sich an die Ofenkante und Hub an zu schluchzen.

»Jesses Maria! Aber Walpa, was hast denn?« pfauchte die Bäuerin. »Hat's was geben bei euch?«

Die Schmiedefrau schüttelte den Kopf und dann: »Kann nichts sagen. Mußt dir's selber denken. Schuld bin ja ich. Daß ich mich so geirrt hab'. Mag ja ein guter Mensch sein, kann sonst nichts sagen. Nur das. Nur das, wenn's nit wär'! Das hätt' ich nie gedacht, daß mir einmal so was sollt zustehen. Wo er sonst die Gutheit selber ist. Na, es laßt sich gar nichts reden.«

Erschrocken fragte die Bäuerin: »Hat er was Schlechtes getan?«

»Ja, leicht wohl, meine liebe Hanel! Es steht so, daß wir uns nimmer ins Aug' schauen könnten. Die zwei Nächte bin ich in der Küche gelegen auf dem Herd. Weiß nicht was ich tu', wenn ich neben seiner muß leben. Derweil hab' ich zusammengepackt. Er weiß noch nichts davon. Mein Gott, erbarmen tut er mir auch noch. Muß es denn sein? Mir geht's halt einmal gegen die Natur. Eine Stunde lang hab' ich Erbrechen gehabt. Ich weiß nicht – am liebsten wär' ich hinaus bei der Nacht und in den Hammerbach gesprungen.«

Die Bäuerin saß schon lange nicht mehr auf der Truhe. Sie stand vor der Freundin, schlang die Finger ihrer Hände in einander und flüsterte nun mit ganz verzerrten Mienen: »Ich bitt' dich um Tausendgottswillen. Wenn ich dich recht verstehe?«

Da stellte die Walpa mit aller äußerlichen Ruhe die Frage: »Hanel, wie lange bist du schon verheiratet?«

Die Bäuerin stutzte ein wenig. Dann ließ sie die Hände über den Busen hinabsinken, zog an beiden Seiten die blaue Schürze an, daß sie sich um den Leib spannte: »Solange wohl schon, meine Liebe, daß ich dir heute was Erfreuliches kann anvertrauen.« Das verstand die Walpa sofort. Die Achseln zuckte sie. Wenn's so ist. Wenn das so ist, dann – Ich red' lieber nichts. Der Deinige ist auch so. Und du auch. Und es ist eine Narrheit. Ich geh' wieder. Ich weiß nicht, soll ich lachen oder weinen.«

Die Bäuerin ließ sie natürlich nicht. »Jetzt bin ich deutsch«, sagte sie, und fast zärtlich sagte sie es: »Ja, warum hast denn nachher geheiratet?«

An der Tür kehrte die Walpa mit einer raschen Wendung sich wieder um: »Denk' dir, wie ich im Zimmer die zwei Betten sehe. Und so, daß keine Maus dazwischen kunnt schliefen.«

Da begann die Bäuerin hell zu lachen. Es war anfangs nur wie ein kurzes Auflachen, dann ein wiederkehrendes Kichern, das aber so mächtig anschwoll, daß sie sich mit beiden Händen an der Truhe halten mußte. »Ja, warum hast denn nachher geheiratet?« mußte sie dazwischen immer wieder aufschreien, um dann weiter zu lachen, noch heftiger und noch krampfhafter.

Die Walpa stand da und legte ihre Hände flach an die Ohren, als ob sie den Kopf halten, oder ihre Ohren vor diesem Gelächter verschließen wollte. »Mein Gott«, sagte sie dann, »heiraten! Ich hab' mir das halt alles anders gedacht. Grausen tut mir vor diesen Mannsbildern, grausen tut mir!«

Ging die Tür auf, quixend und nur eine Spannweite, so guckte er herein und sagte: »Da ist sie ja!«

In Hemdsärmeln war er, aber das Schurzfell hatte er noch um. »Also da ist sie ja«, sagte er lachend, »ich hab's ja gewußt. Hasen, die schnell laufen, laufen nicht weit. Was wär' denn das? Wenn mir mein Weiberl tät davonlaufen, was wär' denn das?« Er legte seinen Arm um ihren Hals und schaute ihr schalkhaft ins Auge hinein. Dann sah er ihre Sachen. »Aber daß du ein so großes Bündel mit hast! Das ist ja zu schwer für dich. Schau, das will ich dir tragen.« Gleich nahm er von der Bank das Bündel auf, ohne sonst noch viel zu sagen, nahm er es mit sich und ging lachend davon.

Die Walpa stand da und wußte nicht, wie ihr war. Verblüfft schaute sie ihm nach, der da so ohne weiteres mit ihren Sachen davonging, als wären es die seinen. Die Plessenhuberin stand hinter ihr, guckte über ihre Achsel nach dem schönen schlanken Menschen, der so flink die Stiege hinabschritt und dann gab sie mit beiden Fäusten der Walpa hinten einen Stoß, daß diese nach vorne taumelte und – weil sie schon in Bewegung war – nicht mehr still stand, sondern ihrem Manne nachging. Dann sind sie, der Schmied und sein Weib, mitsammen über den Anger hingegangen gegen das Dorf. Eine Zeit lang war sie hinter ihm hergegangen; dann als sie an die Zaunstiegel kamen, über die er sie mit starker leichter Hand hinüberhob, schritt sie an seiner Seite.

»Na, ich glaub's«, dachte ihr die Bäuerin nach. »Wärst wohl ein Narr.«

Es währte nicht zwei Tage, und da ereignete sich Folgendes: Die Plessenbäuerin hockte, mit dem einen Bein kniend, auf dem andern sitzend, am Bach, der hinter dem Garten rann, und schwemmte Leinwand aus. Weiche Leinwand, aber man muß die Spinnerin und den Weber wegschwemmen, sonst bekommt das Kind in den Windeln das Mondsüchtige. Doch während die Spinnerin aus der Wäsche geschwemmt werden sollte, kam sie von hinten des Weges. Sie wollte der Bäuerin ausgewichen sein, wäre diese nicht von dem Flieder verdeckt gewesen. Heute hatte die Walpa kein Bündel mit, denn die Truhe mit ihrem Gewand war schon voraus, im Kohlenkarren eines Fuhrmannes. Sie hielt die Hände unter der Schürze verborgen und duckte sich im Hohlweg und unter Büschen und huschte hastig dahin.

»Wer jagt dich denn?« lachte ihr die Bäuerin zu.

Die Spinnerin-Walpa blieb betroffen stehen und antwortete: »So muß ich dir doch behüt' Gott sagen. Dasmal laufe ich weiter, als vorgestern.«

Die Bäuerin riß die Leinwand aus dem Wasser, schlänkerte sie auf den Rasen hin und sagte: »Walpa, mich deucht, du bist richtig nicht recht gescheit.«

»Zank' mich aus«, gab diese zurück, »zank' mich nur brav aus. Weiß' eh, daß ich's verdien'. Aber ich krieg's nicht herum. Ich kann mir denken wie der Will und kann mich hinzwingen, es geht gegen meine Natur. Was ich mich selber schon hab' ausgescholten, es geht gegen meine Natur, ich sag' es dir.«

»Also kurz und gut, du magst ihn nicht.«

»O mein du, wenn das wär', da wär's freilich leicht. Nur zu gern hab' ich diesen Menschen, kann dir nicht sagen, wie mir ist. Aber in Ruh lassen soll er mich. Ich will ihm eine brave Hauswirtin sein, will kochen wie er's gern hat und auf sein Gewand schauen und alles. Nur das soll er sich nicht einbilden, daß ich – Gott, wenn's nur nit so schwer reden wär!«

Die Bäuerin trocknete sich die Hände an ihrer Schürze und sagte sinnhaft: »Jetzt kommt's mir schier so vor, du hättest nichts gewußt, als daß ein Mannsbild nur zum Kochen und Gewandflicken eine heiratet. Jetzt weiß ich nur nicht, ist bei euch auf dem Hüttel wirklich allemal der Storch gekommen? Solche Narrheiten da! Na da muß man sich wirklich giften. Gern hat sie ihn und läuft davon wie eine –. Verrückt bist, Walpa, verstehst? – Dir wär' einer gesund! Alle zehn Finger möchte sich immer eine abschlecken, wenn sie so einen Mann hätte. Sei froh! Ich sag' dir nur eines, Walpa, sei froh und versündige dich nicht. Es können einmal andere Zeiten kommen. Mußt es ja rein nicht wissen, wie es die Ehemänner gern' machen. Lassen das Weib daheim allein und suchen ihre Unterhaltung anderswo.«

»Was sagst?« Die Walpa horchte auf und machte einen raschen Schritt gegen die Freundin hin.

»Ja, ja! Solche, wie der deinige werden überall gut aufgenommen!« sagte die Bäuerin. »Er braucht gar nicht weit zu gehen. Ihrer ein halbes Dutzend Nachbarsmädeln haben nach ihm geplangt. Auch eine junge Witfrau –«

»Die Bäckin?!« schrie die Walpa auf. »Gelt? Na, die lauft nicht vor ihm davon, darauf kannst dich verlassen.«

Die Walpa stand ganz erstarrt da. Dann sagte sie gedämpft vor sich hin: »So! – So!« – – Und plötzlich: »Du, ich muß laufen, daß ich den Fuhrmann einhole. Bleib' gesund.«

Dann war sie weg. Sie hatte lange zu laufen. Freilich mußte sie ihn einholen, den Fuhrmann, um ihm zu befehlen, er solle die Truhe ablegen, sie würde wieder zurückgeführt nach dem Dorfe zum Schmied. Einen diese Richtung fahrenden Kalkkärrner belog sie, diese alte Gewandtruhe habe sie gekauft mit Flachs, und die solle er für ein Trinkgeld beim Schmied ablegen. Als das besorgt war, schlich sie auf dem Umweg durch Au und Schachen zurück gegen ihr Haus, wo sie spät abends ankam. Die vordere Tür war verschlossen, aber das Hinterpförtlein von der Schmiede aus war immer offen. Dort schlich sie leise hinein und in der finsteren Vorkammer stand sie lange und sann, wie sie das machen solle. Wenn sie nun in die Schlafstube tritt, soll sie es ihm eingestehen, daß sie wieder fort wollte, oder soll sie eine Ausrede anwenden? – Am besten, sie sagt gar nichts, geht hin, nimmt ihn mit beiden Händen beim Kopf und gibt ihm einen Kuß. Und halt ihn fest und läßt ihn nicht mehr los. – Ganz heiß ward ihr hinter dem Busenlatz. Sie will sich ihm nicht mehr entwinden, will ihn festhalten, und wenn sie ihn in den Arm beißen muß! Ein Wirbeln und Sausen hub an in ihrem Kopf, bei diesem Gedanken. Starke ungleiche Atemstöße aus ihrer Brust – so legte sie die Hand an die Türklinke, drückte an, sprang in die Stube und hin an sein Bett.

Sein Bett – das war leer. War noch nicht angebraucht worden, und stand's doch schon um Mitternacht. Eine Weile kauerte sie da, bewegungslos. Dann begann sie an den Haarsträhnen zu zerren, die ihr ins Gesicht gefallen waren, und riß zornig an ihnen herum. Machte Licht und untersuchte die Wohnung und fand nirgends den Mann.

Der ist bei der Bäckin! schrie es rasend in ihr auf, dann wälzte sie sich auf dem Bette und schluchzte und stöhnte, daß sie sich selbst bitter erbarmte. Dann ward sie ruhig und lag still dahin. Und stellte sich vor, wo ihr Mann nun sein werde. Dabei stöhnte sie, als wären die Gesichte gräßlich. Dann streckte sie die Arme aus, um ihn dort loszureißen, an sich zu reißen. So heiß war ihr, daß sie anfing, das Gewand wegzuwerfen, und dann schüttelte sie ein Frost, daß sie die Decken bis zu den Ohren zog. Die Glieder zuckten am ganzen Leib, so sehr schüttelte sie der Frost. Jetzt fiel ihr die Decke aus dem Bette, jetzt das Kopfkissen, sie langte hinaus und riß es wütend an sich, alles an sich und preßte es an den Leib und stöhnte. Aber die Bilder wollten nicht schwinden und war es doch so pechfinster. Wenn er daheim wäre! Die Plessenhuberin hat recht.

Wie, wenn sie aufstünde und sich noch einmal anzöge und ihn suchen ginge? Ja, das will sie. Nach dem Lichtzeuge tastete sie, den Leuchter stieß sie um.

Das Zündholzschächtlein fiel zu Boden. So zitterte sie und war unfähig, etwas zu tun. Das Feuer der Eifersucht hatte ihr Blut zum Sieden gebracht. So war's noch nie in ihr gewesen, das ganze Leben nicht. So laut hatte sie in ihren Schläfen das Blut noch nie hämmern gehört. Noch fragte sie sich: Soll das Sterben sein oder Leben? –

Plötzlich fuhr sie auf. Draußen war ein Poltern gewesen. An der Haustür klapperte der Schlüssel, die Tür knarrte auf und wurde heftig zugeschlagen. In der Vorkammer hörte sie seine laute fluchende Stimme: »Und das heißt verheiratet sein?!« – Sie merkte, daß er allein war, und daß er zornig war, und atmete auf. Sie merkte, wie er sich an den Türpfosten tastete, sie rührte sich nicht.

Ja, so war er heimgekommen, der Schmied, unverrichteter Sache. Er hatte gedacht, viel weiter als in die Plessenhube würde sie wohl auch diesmal nicht gelaufen sein. Aber sie war weiter gelaufen, er hätte ihre Spur verfolgt, streckenweise liebeglühend und streckenweise wütend. Und als er hinter dem Schachen ihre Spur endlich verloren hatte, und als er wahrnahm, daß die Leute, die er fragte, ihn auslachten, da schrie er der Entflohenen ein wüstes Wort nach in die weite Welt und kehrt um. Daß es schon finster ward, des war er froh. Im Dorfe schlief schon alles, nur das Bäckerhaus hatte noch Licht in einem einzigen Fenster. Die Bäckin las wahrscheinlich noch an einem Roman. Romane müßte man eigentlich erleben und nicht lesen, dachte sich der Schmied. Aber solange das Bild seiner Walpa noch so heftig in ihm herrschte und seine fiebernden Sinne es umkreisten, wie Falter das Kerzenlicht – solange kam die Bäckin nicht auf. – Es ist ja dumm! knurrte er sich selber zu, es ist dumm, wenn einer so an einer klebt. Hätte er sie jetzt, erst wollte er sie züchtigen, dann wollte er sie lieben. Aber das Schmiedehaus war verlassen, die Schritte hallten in der Wohnung. Mutterseelenallein! – Und das heißt verheiratet sein.

In der dunklen Stube suchte er umher nach dem Lichtzeug. Er stieß an die Wand, an den Kleiderschragen, an das Nachtkästchen, an das Bett und dieweilen er nach dem Kerzenleuchter tastete, glitten seine Finger an weiches Haar.

»Wer ist da!« schrie er auf.

»Ich bin es«, sagte sie und ihre Stimme zitterte ein wenig.

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