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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Unsere sieben Sachen.

Also was sollen wir erstreben und was sollen wir haben? Es geht der Spruch von den »sieben Sachen«. »Hast du deine sieben Sachen?« fragte mich meine Mutter, wenn ich gerüstet für den Schulweg war. »Die haben ihre sieben Sachen beisammen!« heißt es von Leuten, die sich ein Vermögen erworben. Man soll also sieben Sachen besitzen. Aber welche sieben Sachen! Wenn der Schulbub sein Buch mit hat und sein Sacktuch und seinen Taschenveitel und sein Stück Brot, so ist er zur Not ausgerüstet, er braucht nicht einmal sieben. Ja es gab Zeiten, wo selbst von den vieren mir eins oder das andere abging. Der Wohlhabende, der Reiche braucht allerdings sieben, aber auch nicht mehr. Das Kleid, das Dach, den Tisch, das Bett, die Seife, das Werkzeug, das Spielzeug. Das ist alles, was ein Mensch braucht; nicht bloß der Wilde, auch der Kulturmensch kommt damit aus. Er kommt nicht bloß damit aus, er hat einen Überschuß. Mit den genannten sieben Sachen, was eben dazu gehört, deckt er seine Bedürfnisse, seinen Erwerb, seine geistigen und künstlerischen Forderungen, denn zum Werkzeug gehört für den geistig Arbeitenden das Buch, zum Spielzeug Theater, Musik, gehören alle Künste und Vergnügungsfächer. Mit dem Spielzeug wird ihm so vieler Luxus zugestanden, daß es schon bedenklich ist.

Die meisten Leute klagen, daß sie zu wenig Sachen hätten, weil sie deren wirklich oft nicht sieben haben. Wenigstens nicht die sieben gewissen. Aber ich kenne auch reiche Leute, die klagen. Nicht über zu viele Sachen klagen sie, über diese Last hört man niemanden jammern, und doch läuft vieler Jammer darauf hinaus. Sie klagen über die Verwaltungs- und Erhaltungsmühen, über die Sorgen, klagen über die Unruhe ihres Lebens, über Mangel an Behaglichkeit, an Gemütlichkeit, an Zeit für ein ruhiges Zusichselbstkommen. Woher kommt dieses Ungemach? Sie haben zu viel Sachen.

Leser! Halte einmal Umschau über deinen Besitz. Vieles ist, das dir Freude macht. Aber ist nicht am Ende auch vieles vorhanden, das dir mehr Sorge macht als Freude, mehr Last als Lust? Du hast eine Wohnung mit vielen Zimmern, die angefüllt sind mit schönen Dingen. Wie oft ist es denn, daß du diese Dinge mit Freude betrachtest, daß du recht einfältig glücklich in ihrem Genüsse schwelgen kannst? Zumeist begnügst du dich damit, daß fremde Leute ihren heimlichen Neid in laute Bewunderung umsetzen: »Ah, haben Sie aber schöne Sachen!« Das ist oft so ziemlich die ganze Genugtuung für deine Sorge, daß die Dinge nicht verderben, für deinen Ärger mit den dienenden Geistern, derer du bedarfst, um sie täglich in Ordnung zu halten, für den Zorn, wenn etwas zerbrochen wird oder abhanden kommt, oder wenn ein Gewerbsmann oder Händler dich bei diesen Dingen übervorteilt. Besinne dich nur einmal, die vielen schönen Sachen belasten dich, verkümmern deine Freiheit, deinen Humor, deinen leichten Sinn. Und bedenke, wenn du erst gar Landhäuser und Schlösser hättest! Eins für das Frühjahr, eins für den Sommer, eins für den Herbst zum Aufenthalt, und Stadtwohnungen in Wien, Graz, München. Auch in Paris könntest du dir eine halten. Welche Unruhe das ganze Jahr, das Einpacken, Auspacken, die Reise hin, die Reise her. Eine Freizügigkeit, die näher besehen nichts ist als eine recht mißliche Gebundenheit an den Besitz, an Leute, die ihn dir herrichten und hüten sollen. Dein ganzes Denken und Interesse geht auf deine Besitztümer, auf ihr Erhalten und ihr Vermehren, und jedes Mißgeschick damit macht dir Kummer und täglich zitterst du vor dem Verlieren von etwas, das du – nie besessen. Wem gehören denn die Dinge, dem, der sie hat, oder dem, der sie genießt? Frage dich, wieviel du von deiner Habe wirklich genießest, mit Behagen und Freude genießest? Vertun, verschlemmen, das meine ich nicht, das ist nicht genießen. Sich damit prahlen und prunken, das meine ich auch nicht, ich meine einen Genuß, der Freude, Gehalt und Wert in dein Leben bringt. Wie weniges von unserem Besitz genießen wir in diesem Sinn. Das allermeiste liegt wie tot um uns herum und wartet, bis wir dahin sind, dann bekommt es Füße, flieht in alle Weiten und sucht wieder andere zu äffen. Die Dinge besitzen mehr uns, als wir sie besitzen, sie bestimmen unser Leben, beherrschen unser Gemüt, tyrannisieren unsere Neigungen. Nur das allein ist unser Eigentum, das sich uns anpaßt, unserem Charakter, unserem höheren Willen gehorcht, das mithilft, uns selbst zu finden aus uns heraus. Die Dinge, die wir besitzen, dürfen niemals Selbstzweck sein, sondern Mittel und Werkzeuge zur Erhöhung unseres persönlichen Wesens. Wenn ein Bild in meinem Zimmer, das zehntausend Gulden gekostet hat, mir nicht ein seelisches Wohlbehagen verursacht, so ist es des Abstaubens nicht wert. Wenn ein Seidenkleid, das alle zehn Jahre einmal angezogen wird, Tag für Tag vor Staub und Motten zu schützen ist, wenn der persische Teppich nicht genug gepflegt werden kann, als daß ihn die Schaben fressen, wenn täglich der Zank mit Dienstboten ist, weil sie Porzellanvasen nicht fleißig genug reinigen oder gar durch Ungeschicklichkeit gefährden, dann sind diese Dinge kein Gut, sondern ein Übel. Anstatt daß wir sie aufbrauchen sollen, brauchen sie uns auf. Es gibt Leute, die wirklich nur ihrer Sachen wegen leben. Mir ist eine alte Frau bekannt, eine Witwe, die aus besseren Zeiten her nichts besitzt, als eine Menge von alten Möbeln, Bildern, Spiegeln, Vasen, Krügen, Wäsche, Teppiche u. s. w. Sie braucht dazu eine geräumige Wohnung, um alles unterzubringen. Sie selbst wohnt nicht in dieser Wohnung, sondern sucht sich in anderen Häusern herum als Bedienerin und Wäscherin das Geld mühsam zu verdienen, um die Wohnung bezahlen zu können. Die wenige freie Zeit, die ihr bleibt, benützt sie nicht, um sich auszuruhen, in die freie Luft zu gehen, oder bei Bekannten sich zu zerstreuen, sondern vielmehr dazu, ihre Möbel abzustauben und die übrigen Dinge vor Motten zu schützen. Damit müht sie sich stets bis zur Erschöpfung, und ihre Befriedigung besteht schließlich nicht darin, soviel Sachen zu besitzen, sondern in der Tatsache, wieder eine lästige Arbeit hinter sich zu haben. Man kann nicht sagen, daß Pietät sie an diese wertlosen Sachen bindet, von den meisten weiß sie gar nicht mehr, woher sie stammen und wie sie dazu gekommen.

Ich habe erfahren, wie wertvoll Dinge sind, deren man bedarf, die einem täglich Vergnügen bereiten. Habe aber auch erfahren, wie lästig die Sachen werden können, wenn ihrer so viele werden, daß man nicht mehr Ordnung mit ihnen zu halten vermag, daß es Mühe und Opfer kostet, sie unterzubringen und zu bewahren. Dann gebe man sie weg, wird man raten. Das ist leichter gesagt, als getan. So zuwider einem das Geraffel im ganzen ist, so schwer kann man sich von dem einzelnen trennen. Dein Schrank ist überfüllt, du willst Raum schaffen, sobald du aber irgend ein Stück in die Hand nimmst, um es wegzugeben, wird es dir vorkommen: Nein, es sei doch schade darum, es wäre ja ganz hübsch und – es tut dir leid. Das kommt, weil es dir in diesem Augenblick allein gegenübersteht, weil du in diesem Augenblick, wo es sich um Trennung handelt, zu ihm eine persönliche Beziehung hast. Es ist auch mit Menschen so, jeder einzelne kann einem lieb und wert sein, aber die Menge ist uns zuwider, sie entwertet den einzelnen.

Am meisten empfinde ich es bei den Büchern. Zehn gute Bücher zu besitzen ist köstlich, tausend gute Bücher zu besitzen, eine Qual. Nicht bloß, weil im Kasten eins das andere in den Hintergrund drängt, auch in unserem Kopf geht dasselbe vor. Zehn Bücher, die dir entsprechen, machen dich als Persönlichkeit vollkommener als deren tausend, wenn du alle lesen willst; die tausend zerstreuen dich, anstatt dich zu sammeln, sie stumpfen dich ab, das Kostbare wird alltäglich und hat schließlich nicht mehr Wert für dich, als das Gewöhnliche. Aber hast du erst einmal die tausend Bücher, so ist es schwer, vielleicht unmöglich, sie auf gute Art los zu werden. Fast jedes einzelne, wenn du es nimmst, um es hinzugeben, schreit dir ans Herz. Selbst das unbedeutendste Buch, wenn es das einzige wäre, das du besitzest, wie unschätzbar! – Aber endlich, die Schränke bersten, du beginnst die Bände herauszunehmen, an denen dir am wenigsten liegt. Das ist schon nicht die richtige Methode. Hebe die heraus, an denen dir am meisten liegt, um sie zu behalten. Das übrige laß fahren. Du tust es aber nicht, denn du bist von Büchern bereits besessen.

Ähnlich geht es mit den anderen Sachen. Es gelingt wenigen, sich zu befreien. Denen es gelingt, die haben keine Reue. Wenn jemand z. B. durch ein Elementarunglück plötzlich um seine tausenderlei Sachen kommt, so erscheint der Losriß im Augenblick hart, ist aber bälder verwunden, als man glaubt. Das Notwendige, das man sich wieder anschafft, macht einem mehr Freude als früher der ganze Wust. Wust! Ja, das ist dafür das rechte Wort. Jeder, der einmal zu übersiedeln hat, wird beistimmen; man schenkt aber trotzdem nichts hin und ist trostlos, wenigstens ärgerlich, wenn etwas Schaden leidet. Der sogenannte Besitzer ist mit den Sachen verwachsen, statt persönlich zu bleiben, ist er – sachlich geworden.

Wer erinnert sich nicht daran, daß ihm Sachen die Weihnachtsstimmung oder das Osterfest oder sonst einen bedeutungsvollen Lebenstag verdorben haben! Das Abstauben und Scheuern und Aufputzen und Herrichten und Bergen, der Trubel im Hause. Die fremden Leute, das Gelaufe und Gegreine der Sachen wegen! Alles wird drunter und drüber geworfen, du mußt fliehen, willst du deine eigene Haut retten. Die Hausfrauen werden nervös, die Dienstboten unwillig, du wirst ärgerlich. Es gibt nichts mehr, keine Innerlichkeiten, keine Ideale – nur Sachen. Und zwar die allergewöhnlichsten Sachen, die oft gar keine andere Bedeutung haben, als die, daß sie da sind und einen Platz brauchen. Solcher Sachen wegen wird die ganze Familie aufgeboten zur Plage und Hast, wird jede Feststimmung, jedes seelische Behagen mit diabolischer Wut geopfert. Und wenn das nicht bloß alle heiligen Zeiten, sondern täglich vorkommt?! So lebt manche Familie nur für ihre Sachen, und ihre Sachen hat sie nur, um sie in Ordnung zu halten. Diese »Ordnung« aber ist jener fatale Stein, der jeden Tag niederrollt und jeden Tag hinaufgehoben werden muß, um wieder niederrollen zu können.

Das beste, vornehmste und weitaus das bequemste wäre: Wenig aber gediegen. Ein geräumiges Zimmer zum Wohnen müßte jedem genug sein. Darin findet alles Notwendige Platz, und wenn dieses Notwendige aus gutem Stoff ist und edle Form hat, dann ist nicht bloß für das Nützliche, sondern schon auch für die Schönheit gesorgt.

Jene Agenten, die heute nach allen Seiten hin das Land durchlaufen, um in jedes Haus – »Kultur« zu tragen, oder vielmehr Gschnas, die hätten wir uns vom Leibe zu halten. Sie geben uns Dinge und nehmen uns Persönlichkeit. Sie überhäufen unser Leben mit Sachen, die es ersticken. Für den, der überhaupt kein tieferes Leben hat, mögen die Sachen ja taugen – als Kinderspielzeug. Er soll sich mit dem Trödel beschäftigen, um ihn sorgen, sich über ihn ärgern wie er will – für den Staub seiner Seele sind das die richtigen Staubfänger. Mensch sein und wahrhaft glücklich sein aber kann man nie durch Sachen, immer nur im Geiste. Von diesem Standpunkte des Geistes aus rechtfertigen sich solche Dinge, an denen Geist ist. Das sind jene beseelten Sachen, in denen liebe und heilige Erinnerungen wohnen. Solche in Ehren, solche engen unsere Persönlichkeit nicht ein, sondern erweitern sie. Das Erinnerungszeichen ist in diesem Sinne auch keine Sache mehr, sondern ein Geist, deshalb ist es nicht aufgezählt unter den sieben Sachen, die wir nötig haben.

Wer also statt sieben Sachen deren siebenhundert hat, die er alle versorgen soll, der ist ob solcher Belastung recht zu bedauern, besonders wenn's noch eine erbliche Belastung ist, bei der er sogar die Freude des Erwerbens nie genossen. Er könnte sich aber – falls er noch nicht zu sehr sächlich geschwächt wäre – auf eine Weise helfen. Er suche hundert Personen auf, die nichts haben. Unter diese verteile er seine siebenhundert Sachen so, daß jeder beiläufig die bewußten sieben bekommt. Und sollte ihm bei solch klipper Teilung selbst nichts bleiben – um so besser. Dann steht ihm die Freude bevor, sich die sieben Sachen zu erwerben und dadurch erst wirklich zu besitzen.

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