Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Das Spinnennetz

Joseph Roth: Das Spinnennetz - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/roth/spinnen/spinnen.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDas Spinnennetz
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
Schließen

Navigation:

XXX

Einmal kam Theodor spät am Abend ins Büro und traf Benjamin Lenz vor offenen Schränken.

Lenz photographierte Akten.

Als er Theodor sah, zog er seine Pistole.

»Ruhe!« sagte Benjamin.

Theodor setzte sich auf den Tisch, er taumelte.

»Ruhe!« sagte Benjamin.

»Spitzel!« schrie Theodor.

»Spitzel?« fragte Benjamin. »Sie waren mit mir bei den Gegnern. Sie haben Aufmarschpläne verraten. Ich habe Zeugen. Wer hat Klitsche ermordet?«

»Gehen wir!« sagte Benjamin Lenz.

Und Theodor ging mit Benjamin aus dem Hause.

»Fahren Sie zu Ihrer Frau!« sagte Lenz und begleitete Theodor zu einem Auto.

»Und schlafen Sie gut!« rief Benjamin, während der Chauffeur kurbelte.

Und Theodor fuhr heim.

Seine Frau spielte noch vor dem Schlafengehen. Die Fenster waren offen, und eine milde Märzluft blähte die Vorhänge.

»Du wirst jetzt große Aufgaben haben!« sagte Elsa.

»Ja, mein Kind!«

»Wir müssen bereit sein!«

»Ich bin bereit!« sagte Theodor und dachte an eine Ermordung Benjamins.

Benjamin Lenz ging in der Nacht zu seinem Bruder. Die Brüder hatten einander lange nicht gesehen.

»Hier hast du Geld und einen Paß«, sagte Benjamin, »fahre heute noch weg!«

Und Lazar, sein Bruder, verschwand.

Sie kannten einander gar nicht, Lazar wußte nicht, was Benjamin trieb, woher er Geld nahm und Paß, aber er verschwand.

Alles wußte er, man schwieg oder sprach ein kleines, gleichgültiges Wort, und eine Welt war in dem kleinen, lächerlichen Wort.

Man konnte jedem beliebigen Juden aus Lodz ein einziges kleines Wort sagen, und er wußte.

Man braucht einem Juden aus dem Osten keine Erklärungen zu geben.

Sanfte braune Augen hatte Lazar, der Bruder. Sein Haar lichtete sich. Er studierte so viel. Er machte Erfindungen.

»Kannst du deine Studien unterbrechen?«

»Ich muß«, sagte Lazar und war auch schon fertig. Er hatte nur einen Koffer. Und der Koffer war gepackt. So, als hätte er diese Abreise jeden Augenblick erwartet.

»Bist du schon Doktor?« fragte Benjamin.

»Seit einem Jahr!«

»Woran arbeitest du?«

»An einem Gas.«

»Sprengstoff?«

»Ja!« sagte Lazar.

»Für Europa«, sagte Benjamin.

Und Lazar lachte. Alles verstand Lazar. Was war Benjamin dagegen? Ein kleiner Intrigant.

Aber dieser junge Bruder mit den sanften, golden schimmernden Augen ließ den ganzen Weltteil in die Luft fliegen.

Um halb eins ging der Zug nach Paris.

Auf dem Bahnsteig stand Benjamin.

»Vielleicht komme ich nach«, sagte Benjamin.

Dann winkte Benjamin. Zum erstenmal winkte er. Und der Zug glitt aus der Halle. Leer war der Bahnsteig, und ein Mann sprengte Wasser aus einer grünen Kanne.

Viele Lokomotiven pfiffen irgendwo auf Geleisen.

 << Kapitel 29 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.