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Das Spinnennetz

Joseph Roth: Das Spinnennetz - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/roth/spinnen/spinnen.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDas Spinnennetz
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XXIII

Es war ein Sieg der Ordnung. Man stürzte zwei Minister. Sie wußten zuviel von den geheimen Organisationen. Man ernannte zwei neue. Sie wußten mehr. Aber es waren Freunde. Sie gehörten der Demokratischen Partei an. So schienen sie demokratisch. Aber sie waren Ehrenmitglieder des Bismarck-Bundes. Und sie standen in Verbindung mit München. Und sie hatten Angst vor den Arbeitern.

»Vereiteln« war der technische Ausdruck für folgende Vorgänge: Spitzel drangen in Sekretariate und Parteibüros, die jeder kannte, und der Polizeibericht meldete eine »Aushebung geheimer Nester«. Spitzel stürzten sich auf einen Versammlungsredner, der harmlos war und ohne Bedeutung, und die Zeitungen schrieben, ein längst gesuchter bolschewikischer Spion sei endlich ergriffen worden. Seinen Namen kannte man, aber die Zeitungen teilten mit, den eigentlichen Namen des Verhafteten werde man schwerlich erfahren. Spitzel arrangierten Razzien in Arbeitervierteln, auf breite, schütternde Lastautos lud man zwei- und dreihundert. Die fremde Staatsbürger waren, das heißt aus den abgetrennten Gebieten Deutschlands stammten, wurden auf den Flugzeugplatz einquartiert, in Baracken, von Gendarmen bewacht und in Transporte eingeteilt, die nach den Grenzen gingen. In den Baracken lebten Tausende aus dem ganzen Reiche mit Kindern, Frauen, Großmüttern. Schmutz brachte Krankheiten. Krankheiten verursachten ein großes Sterben. Täglich starben einige, ehe der Transport zusammengestellt war. Durch jüdische Viertel schlichen Konfidenten, betrunkene Menschen, die von jedem Emigranten Geld forderten. Sie bekamen es. Zahlte der Jude nicht, so wurde er als bolschewikischer Spitzel in das Gefängnis geschleift zur polizeilichen Voruntersuchung. Sie dauerte ein paar Monate. Dann wurde der Jude, dessen Schiffskarte, dessen amerikanisches Visum verfallen war, wieder an die Grenze gebracht. Die Nationale Bürgerliga durfte Waffen tragen. Ihre Mitglieder schossen. Deutsche Prinzen legten Uniform an und fuhren durch die Städte. Alte Generale schepperten mit Orden und Sporen. Streikende Arbeiter, die vor den Betrieben standen, wurden von der Nationalen Bürgerliga gestochen, erschossen, geknüppelt. Die Zeitungen meldeten, daß die Arbeiter Passanten bedroht hatten und nur mit Waffengewalt auseinandergetrieben werden konnten. Wanderprediger zogen durch die Straßen. Sie sprachen von der nationalen Erhebung. Alle Bürger in den Geschäften, in den Kaufhäusern, in Fabriken, in Ämtern sprachen von der nationalen Erhebung. Sozialistische Zeitungen erwarteten jeden Tag neue Überfälle. Die Polizei kam zu spät und nahm Tatbestände auf.

Es war ein Sieg der Ordnung.

Es erwies sich, wie nützlich Benjamin Lenz sein konnte. Der Journalist Pisk brachte einen Bericht über Theodor Lohse. Andere Journalisten baten um Interviews. Man zählte alle vergangenen Taten Theodor Lohses auf. Man erdichtete neue. Theodor Lohse lebte, überschüttet von Ruhm, von Journalisten bedrängt. Reiche jüdische Häuser luden ihn ein. Einmal kam er sogar zu Efrussi. Wie lang war das her! Wieviel hatte er erreicht! Jetzt stand er im Hause Efrussis, mit Politikern, Bankiers, Schriftstellern, ein Gast wie sie. Jetzt hätte er, ein Ebenbürtiger, mehr, ein Held in Uniform, ein Berühmter, der Frau Efrussi entgegentreten können. Aber jetzt klang ihre Stimme aus einer weiten Ferne herüber. Jetzt lächelte sie nicht mehr, verschwunden war ihre Güte, keine Wärme kam von ihr, sie nickte Theodor zu, er konnte kaum die Spitzen ihrer kühlen Finger berühren, und es war etwas wie ein Hohn in ihrem Gesicht, als wollte sie sagen: Ei, sieh den Theodor Lohse!

Theodor konnte Frau Efrussi vergessen, wenn er mit Fräulein v. Schlieffen sprach, die mit ihrer Tante in Potsdam wohnte und sehr gut tanzen konnte. Theodor war kein Tänzer, auch im Sattel nahm er sich nicht besonders gut aus. Fräulein v. Schlieffen aber ritt jeden Morgen. Und obwohl ihr alle Offiziere der Garnison zur Verfügung standen, zog sie Theodor vor. Sie war sechsundzwanzig, eine Waise, aus berühmter Familie, aber ohne Geld. Der Vater hatte sein Leben als bescheidener Geheimrat, der Gesandtschaft in Sofia zugeteilt, beschließen müssen.

Die Tochter war im Stift erzogen. Die Tante hatte immer für sie gesorgt. Jetzt war Zeit, sich um einen Mann umzusehen.

Das wäre früher leicht gewesen. In der Republik wurde man eher alt, blieb man länger ledig. Wichtiger als Verbindungen war jetzt das Geld in dieser neuen Zeit. Was galt dieser Name? Nie hätte eine v. Schlieffen einen Bürgerlichen geheiratet. Jetzt konnte man es, jetzt durfte man es. Noch war man blond, noch waren ein paar allzufrühe Fältchen an den Schläfen nicht deutlich geworden, noch konnte man seine weißen, gesunden Zähne zeigen. Aber die Beine wurden schon merklich dicker, und in mancher Nacht fand man keinen Schlaf, Herz und Körper sehnten sich nach dem Mann. Es gab keinen so bescheidenen wie Theodor Lohse. Keinen, dem Ruhm, Erfolg und Ehrgeiz nicht Schüchternheit vor Damen genommen hätten. Er war mehr als dreißig. Im besten Alter für die Ehe. Er hatte eine Zukunft. Eine Frau, die hoch hinauswollte, konnte seinen Ehrgeiz nützlich machen. Elsa v. Schlieffen war in dem Alter, in dem man vernünftig denkt, und aus einer Familie, die zur Karriere verpflichtet.

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Benjamin Lenz. »Heiraten Sie«, drängte er.

Es war Zeit, Abschied von der Reichswehr zu nehmen. Wenn es nach denen in München gehen sollte, konnte man sein Leben lang bei der Reichswehr bleiben und Stabsoffizier werden. Trebitschs Stelle war schon besetzt. Man mußte sich umsehen. Was kam aus der Volkstümlichkeit des Tages? Ach! Es war ein kurzer Ruhm! Morgen ereignet sich Neues, und die Zeitungen sind undankbar. Man vergißt. Man macht vergessen.

Benjamin Lenz will an der Quelle sitzen, er braucht nicht beliebige Freunde, er braucht Männer in hohen Ämtern. Benjamin hat keinen Bedarf an kleinen Leutnants. Er will Berichte aus erster Hand; Einblick in einen wichtigen staatlichen Betrieb.

Theodor müßte heiraten. Dieser simple Theodor wird unter den Händen einer ehrgeizigen Dame höchste Ämter bekleiden. »Nützen Sie die Konjunktur aus!« sagte Benjamin.

Freilich konnte er nicht mehr Soldat sein. Wie war er gewachsen. Vor einem Jahr noch hätte er sein Leben als Offizier beschließen mögen.

Was war alles vor einem Jahr noch!

Armselige Zeit, Schinkensemmeln und Kaffee mit Haut bei Efrussi, Hülsenfrüchte einmal in der Woche und die »Weisen von Zion«. Anders, als es in dem Buche stand, waren die Zionweisen. Sie strebten nicht die Macht in Europa an. Sie hatten Verstand. Sie hatten Geld. Am größten war die Macht des Geldes. Aber es ließ sich nicht erobern. Längst wuchs Theodors Kapital nicht mehr, Benjamin Lenz sagte: »Verkaufen Sie! Wer an der Börse nicht heimisch ist, den bestiehlt sie. Wie die Zigeuner macht sie es.

Benjamin sah es gern, wenn Theodor kein überflüssiges Geld hatte. Benjamin leiht seinen Freunden willig und bar. Er ist ein nobler Mensch, Benjamin Lenz. Er ist glücklich, wenn er Theodor helfen kann.

München hätte gern Theodor bei der Reichswehr gelassen. Aber er war heute nicht mehr abhängig wie einst. Er meldete sich krank. Er war ein Neurastheniker. Neurasthenie ist nicht nachweisbar, sagte Benjamin Lenz.

Theodor schied aus der Reichswehr. Eine intime Feier veranstaltete das Kasino. Er meldete seinen Austritt in München und bat um neue Aufträge.

Es war ihm, als hätte er letzte Hindernisse aus dem Wege geräumt.

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