Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Das Spinnennetz

Joseph Roth: Das Spinnennetz - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/roth/spinnen/spinnen.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDas Spinnennetz
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
Schließen

Navigation:

XIV

Geheimbefehle mahnten zur Bereitschaft für den 2. November. Theodor hatte drei Wochen Zeit. Er schlief nicht mehr. Seinen Tag erfüllte Hast ohne Ziel. An den Abenden hielt er Abrechnung über vergebliche Geschäftigkeit. Durch die wachen Nächte kreiste ohne Ende der planlose Entschluß: mächtig zu werden. Die flinken Ereignisse kamen ihm zuvor, überrumpelten ihn. War er am 2. November noch Mittel nur, nicht Führer, Glied einer Kette, nicht ihr Anfang, zwischen den anderen und nicht über ihnen, so hatte er seinen Tag versäumt. Dann erwartete ihn kein Glanz, sondern bescheidenes Ziel.

Mitten in seine kreisende Sorge schossen Heldenträume, klang der Ruf seiner Sendung, hob ihn roter Jubel empor. Günther und Klitsche und achtzehn Arbeiter waren tot, vergeblicher Erfolg acht eifervoller Monate. Mißbrauchtes Werkzeug fremder Lust war Theodor gewesen. Wofür? Verantwortung schuldete er nur sich selbst. Er trug sie leicht, wenn sein Ziel erreicht war; er ging an ihr zugrunde, wenn er unterwegs blieb.

Er durfte nicht mehr innehalten. Aber er hatte sich Zeit gegeben, ein Jahr wenigstens, noch spann er seine Fäden, noch bargen sich vor ihm Menschen und Dinge. Man hatte ihn abseits gestellt, sein Eifer hatte ihn verraten, er hätte bedachtsamer Wege wählen müssen. Jetzt tat er, was hundert andere taten: Vorträge halten, Broschüren verteilen. Längst war er nicht in München gewesen . . . wer weiß, neue Menschen führten, und der Zufall brachte einen anderen Klitsche ans Licht.

Ein Jahr noch – und er wäre vielleicht reich, und Geld erwarb ihm alles, wozu der Eifer nicht reichte. Aber hart vor ihm lag der 2. November. Die Nähe des Tages verwirrte ihn, nahm seinen Entschlüssen Besonnenheit. Unter ihm schwankte der Boden, sein Weg führte nicht mehr empor.

Halbe Tage war er unterwegs zwischen Potsdam und Berlin. In seinem Büro las er den Einlauf, zu Trebitsch ging er. Der war ein Beispiel zielsicherer Ruhe. Trebitsch benahm sich, als stünde er abseits. So mußten die Menschen sein, die den 2. November schmiedeten, so harmlos und sanft. Der Vollbart gab ihm das Aussehen des ungefährlich Würdevollen, des Menschen der Idee, des ahnungslosen Gelehrten. Nur ein achtloses Wort verriet ihn. Er sah jede Veränderung, wie Theodor, wenn er vor der Front seiner Kompanie stand. Er sprach von der »anderen Methode«, die Arbeiter zu behandeln. Vielleicht ging es in Zukunft um die Eroberung des linken Radikalismus. Die Parole war: Vorsicht; Näherkommen, nicht Herausforderung.

Geborgen vor gefährlicher Entdeckung, lag in Theodor der alte, undeutlich und behutsam geformte Wunsch, eine Brücke zu den anderen zu schlagen. Verrauscht waren die klingenden Worte des Eides, ihre Fruchtbarkeit verblaßt, ihre Drohung unwirklich. Was geschah einem Mächtigen? Unterwegs noch drohte Gefahr – ehe er bei den anderen war. Drohte sie nicht auch hier? Die anderen waren leichter zu fassen. Ehrlichkeit vermutete er bei ihnen. Hier war Selbstsucht und Sorge um Gehalt, Stellung, Weib und Kind. Dort lebten die Goldscheiders, die Gekreuzigten, die Güte predigten und Neues Testament.

Nun ist die Gefahr gering. Immer bleibt eine Tür offen; heute kann Theodor selbständige Versuche machen. Wem schuldet er Rechenschaft? Wer verdächtigt ihn? Er kann alles verantworten. Daß er Unternehmungen geheimhält, deren Erfolg im Geheimnis begründet ist, muß selbstverständlich erscheinen. Er kann es wagen.

Was war Sozialismus? Ein Wort. Man muß nicht daran glauben. Woran glaubte er heute? Drüben war er wertvoll. Die anderen breiteten die Arme aus. Er kannte die Kulissen.

In den wachen Nächten formte sich sein Plan, nahm Leben an und drängte zur Erfüllung. Theodor hatte keine Zeit mehr. Die ersten Schritte mußte er bedächtig tun.

War er ein Verräter? Er ist es nicht. Er will wirklich nur die anderen aushorchen, seine Spione beaufsichtigen. Er durfte nicht lange nachdenken. Überlegung schwächt Entschlüsse. Es war keine Zeit.

Flammender wurden täglich die Titel über den Zeitungsberichten. Schon streikten die Metallarbeiter in Sachsen. Man sprach von Zügen, die irgendwo aufgehalten worden.

Doppelte Bereitschaft war in der Kaserne befohlen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.