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Das Spinnennetz

Joseph Roth: Das Spinnennetz - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDas Spinnennetz
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XIII

Er las Kurse.

Sein Geld vermehrte sich, er lernte sagen: Das Kapital wächst. Nun waren Wege frei. Wege zu weißschimmernden Villen im Tiergarten, zwischen samtenem Rasengrün, hinter silbrigen Gittern, mit steifen Lakaien und goldgerahmten Bildern. Darüber hätte Theodor fast anderes vergessen. Mächtiger als alle war Efrussi. Nie hörte man auf, sein Hauslehrer zu sein. Zu den Geheimnissen aller Macht führte wachsendes Kapital.

Immer hatte er Geld geliebt, er, Theodor Lohse. In der Schule vollbrachte er das erste Geschäft. Er sammelte für einen Kranz. Der kleine Berger war gestorben. Zwei Mark vierzig Pfennig bekam Theodor. Er kaufte den Kranz für zwei Mark zehn Pfennig. Dreißig Pfennig behielt er. Er hielt sie ein Jahr lang.

Immer war er sparsam gewesen. Als Student und später beim Militär lernte er Geld geringschätzen. Nur die ersten Schecks von Trebitsch gab er leichtsinnig aus. Er bereute es später. Er bereute immer, wenn er ausgegeben hatte.

Er reiste in Zivil und in der Dritten. Er kaufte Wochenkarten für die Stadtbahn. Trug er die Uniform, so ging er zu Fuß.

In der Früh, wenn sie auf der Exerzierwiese rasteten, sah er die Frau mit dem Zuckerwerk von Soldaten umringt. Limonade verkaufte sie. Alle waren erhitzt und tranken. Theodor steckte Kaugummi zwischen die Zähne.

Dreimal täglich rauchte er, nach jeder Mahlzeit. Eine Zigarre genügte ihm. Er löschte sie aus, steckte sie wieder an.

Er sah, wie sein Geld wuchs. Wenn er erst reich war wie Efrussi, kaufte er sich einen Theodor Lohse.

Vorläufig blieb Theodor vor den Schaufenstern stehen und rechnete aus, was er kaufen könnte, wenn er seine Aktien losschlüge. Manchmal fragte er bei umherirrenden Maklern an, was dieses und jenes Haus kostete. Er bekam viele Angebote. Er sonderte sie in jene, auf die er nicht eingehen konnte, und solche, für die sein Geld reichte.

Fast hätte er darüber seine Aufgaben vergessen. Er glich einem Bräutigam, der den Sonnenaufgang am Tage der Erfüllung verschläft. Sein spähendes Auge irrte zu fremden Zielen. Sein eingeschläfertes Ohr vernahm nicht mehr die verheißenden Gewitter der Zeit. Er sah Trebitsch nicht mehr. Er schrieb nichts mehr für den »Nationalen Beobachter«.

Gleichgültig ging er an den Lebensmittelläden vorbei, vor denen hungrige Mengen lärmten. Am Nachmittag plünderten Arbeiter in Potsdam.

Eine stille Geschäftigkeit herrschte in der Kaserne. Es rückte eine fremde Maschinengewehrkompanie ein und blieb – niemand wußte, wie lange. Niemand kannte den Oberleutnant, der sie befehligte.

Man sprach weniger, der Oberst saß schweigsam und steif. Er hatte dunkelrote, blaugeäderte Wangen. Sie hingen, wenn er schwieg, wie kleine Täschchen aus Haut über den Kragen. Am Ende der Tafel, wo die »jungen Leute« saßen, machte man keine Witze mehr. Man las Zeitungen, den politischen Teil, und kümmerte sich nicht um das Geld.

Es war eine angstvolle Feierlichkeit, als wartete man auf eine beglückende Katastrophe. Major von Lübbe hielt einen Vortrag über die Zukunft des Luftkrieges. Es war jener bereits bekannte Vortrag, den Major Lübbe einigemal im Jahr aus einer alten Nummer der »Kreuzzeitung« vorzulesen pflegte. Er hatte als Hauptmann einen Artikel über Luftkriege verfaßt. Das war lange her. Wenn er den Aufsatz las, drückten sich die Stabsoffiziere. Nur die jungen Leute mußten bleiben und lauschen. Sie lauschten. Der Major sprach von Zeppelin. Er war einmal beim Grafen Zeppelin Gast gewesen. Und der Aufsatz handelte eigentlich nicht vom Luftkrieg, sondern von der Persönlichkeit des Grafen.

Diesmal drückten sich die Stabsoffiziere nicht. Es war der Zeit nicht angemessen. Sie erforderte strengste militärische und gesellschaftliche Pflichterfüllung. Aber diesmal sprach der Major auch nicht mehr so viel über den Grafen Zeppelin. Er sprach von der Zeit des Grafen und verglich sie mit der Gegenwart. Und mahnte zur deutschen Einigkeit. Und sprach von harrenden Aufgaben. Und sogar die Stabsoffiziere lauschten.

In zwei Wochen war die Enthüllung einer Gedenktafel fällig. Dazu hatte das Regiment alle alten Offiziere und den General Ludendorff eingeladen. Natürlich kam er. Der Oberst verkündete es im Kasino; er sprach langsam, er formte die Laute sichtbar, und er arbeitete dabei mit den Kiefern, so daß seine Täschchen schlotterten.

Man exerzierte mit erneuten Kräften. Man putzte Gewehre, fettete Läufe, übte Griffe. Die Musik spielte, alte Märsche frischte sie auf.

Und die Menschen in den Städten hungerten. Nachrichten vom Generalstreik brannten in den Zeitungen. Die Arbeiter schlichen mit schweren, langsamen Schritten am Abend durch die Straßen. Ihre Frauen warteten. Die Männer kamen nicht heim. Kalt war der Herd. Kein Essen war bereitet. Was sollten sie zu Hause? Sie gingen in die Schenken. Es reichte für Schnaps. Betrunkene fühlen keinen Hunger. Betrunkene torkelten, schleiften ihre Füße über den Asphalt. Straßen waren abgesperrt. Polizeihelme starrten. Über zerschmetterten Schaufenstern hingen Rolladen wie eiserne Sargdeckel. Verhaltene Schüsse erwarteten ihre blutige Stunde.

Ein Geheimbefehl erreichte Theodor: Eifer verdreifachen. Es fuhr in Theodor wie ein Trompetenstoß. Seine Zeit brach an. Er war bereit. Er rüstete sich für den Tag. Heute und morgen konnte es sein.

Er berief seine Garde. Die Jungen kamen. Sie brachten neue Kameraden aus dem Bismarck-Bund mit. Sie brachten Pistolen zum Einschießen. Theodor ging zum Waffenmeister. Alle Gewehre wurden geputzt. Alte Bajonette strahlten. Die Jungen blieben einen Tag in der Kaserne. Wie berauschte sie der Rost der alten Waffen! Und wie blendete sie der Glanz der neuen! Konnten sie's wissen? Dieses und jenes Gewehr hatte alle Kriege mitgemacht. Feinde getötet. Eine große Kraft ging von einem Gewehrkolben aus. Zauberhaft wirkte der Griff eines Säbels. Von welch tapferem Reiter war er geschwungen worden? Blind war der Stahl... Von Blut! sagten sie. Rostflecke waren Blutflecke. Blut des Feindes klebte an den Waffen.

Am Sonntag kam der General.

Am Sonntag rückte das Regiment aus, mit klingendem Spiel. Die Oktobersonne strahlte wie im Frühling. Bürger winkten aus den Fenstern. Fahnen wehten. Kinder liefen mit. Es war wie im Frieden. Mancher vergaß seine Armut.

Vor dem General standen sie. Der alte Divisionspfarrer sprach. Ludendorffs Helmspitze schwamm im Sonnenglanz. Ein leises Ordenklirren kam von den Offizieren wie silberne dünne Musik. Sporen läuteten wie Glöckchen. Wie eine Schicht schwerer Feierlichkeit lag der Atem der Mannschaft in der Luft. Man hörte leise Stimmen der Offiziere von der Mitte des Platzes her. Ein kurzes starkes Lachen des Generals. Es klang wie ein Gurgeln.

Drei Sätze sprach der General, rechts neben der Gedenktafel. Er sprach harte Worte. Die Hände hielt er über dem Säbelknauf. Man hätte ihn für eine Statue halten können, eine bekleidete Statue.

Dann stieg er herunter, das Monokel klemmte er ein, wenn er mit jemandem sprach. Er sprach mit Theodor. Einmal habe ich ihm einen Brief geschrieben, denkt Theodor. Wie lange war es her! Wie jung war Theodor vor einem halben Jahre noch! Heute kennt ihn Ludendorff.

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