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Das spannende Buch

: Das spannende Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleDas spannende Buch
authorThomas Theodor Heine
year1966
firstpub1966
publisherFriedr. Bassermann'sche Verlagsbuchhandlung
addressStuttgart
titleDas spannende Buch
pages60
created20190113
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Th. Th. Heine

Das spannende Buch

 


 

Friedr. Bassermann'sche Verlagsbuchhandlung
Stuttgart
[1966]

 


 

Ich habe diese kleine harmlose Sammlung früher und späterer Zeichnungen »Das spannende Buch« genannt, weil die erste Zeichnung so heißt. Hoffentlich haben Sie danach nicht einen Detektivroman erwartet und verlangen entrüstet Umtausch gegen einen Wallace.

Der Titel ist nicht einmal eine Falschmeldung. Das Wesen des Witzes ist Spannung. Wie beim Kriminalroman liegt die Wirkung darin, daß es anders kommt als man erwartet hat und daß man bei dem überraschenden Eintritt der geistigen Detumeszenz Lustgefühle empfindet. Im Roman wird der Leser hunderte von Seiten hindurch bemüht, bis er endlich seine wohlverdiente Entspannung erreicht und beglückt entschlummern kann. Bei mir gibt es dieses Vergnügen auf jeder Seite. Der Mensch soll sich nicht überanstrengen.

Eine andere Enttäuschung wird es Einigen bereiten, daß in diesem Buch nirgends von Politik die Rede ist. Auffallenderweise wollen die Leute stets nur Subjekt, niemals Objekt des Humors sein. Beinahe alle Berufsklassen, die es gibt, haben mir schon manchmal flammende Proteste geschickt, wenn ich ihre Komik dargestellt hatte, Richter, Wursthändler, Zahnärzte usw. Und alle konnten furchtbare Rache an mir nehmen. Mit Schaudern denke ich noch daran, was der gekränkte Zahnarzt mir antat, vom Wursthändler und vom Richter ganz zu schweigen. In allen Ländern ist der Angehörige des Politikerberufes am empfindlichsten, wenn man ihm zumutet, einzusehen, wie komisch er sein kann. Deshalb habe ich mich in diesem Buche von Dingen, die nach Politik duften, ferngehalten. Die Herren, die das Rad der Weltgeschichte drehen möchten, pflegen ihre Wichtigkeit zu überschätzen. Alles Elend der Welt rührt daher, daß sich die Menschen zu wichtig nehmen.

Wenn ich abends beim Verlassen der Trocadero-Bar die letzte Trambahn nicht mehr erreicht habe und eine Stunde weit zu Fuß nach Haus gehen muß, erhebe ich den Blick zum nächtlichen Himmel und erblicke dort einen Stern, von dem aus der Weg nach meiner Wohnung 20 000 Jahre dauern würde. Dann weine ich nicht mehr und nehme mir heiteren Sinnes ein Taxi.

In München kannte ich einen Ägyptologen, der einen großen Teil seines ererbten Vermögens in einer Sammlung ägyptischer Altertümer angelegt hatte. Auch zwei Mumien waren dabei. Der Sammler hatte durch jahrelangen Fleiß das echte Rezept der Mumifizierung wiedergefunden und testamentarisch bestimmt, daß sein Leichnam nach diesem Verfahren einbalsamiert werden sollte. Dann trat ihm zum erstenmal in seinem Leben das Schicksal auf den Fuß. In der Revolution von 1918 drohten die Spartakisten mit Wegnahme der Räume, in denen seine Sammlung aufgestellt war, und Vernichtung all der kostbaren Gegenstände. Nie sah ich einen Menschen so verzweifelt. Er war fest zum Selbstmord entschlossen, wenn das Schlimmste eintreten würde und sagte mir, daß er mich zum Universalerben eingesetzt habe unter der Bedingung, daß ich mich verpflichte für Einbalsamierung seiner irdischen Überreste zu sorgen. Inzwischen war durch die Ereignisse übersehen worden, die Mumien in Ordnung zu halten. Die Feuchtigkeit des Herbstwetters hatte den König Menophis so angegriffen, daß er zu riechen begann. Wir mußten ihn einem Fleischermeister zum Nachräuchern übergeben. Als ich ihn wieder abholen wollte, zeigte es sich, daß er aus dem Rauchfang gestohlen worden war, gleichzeitig mit einigen Ripperln und Schinken. Es herrschte damals große Fleischnot und Menophis hatte längst zu ihrer Linderung gedient.

Schonend teilte ich meinem Freund das Entsetzliche mit. Zu meiner Überraschung brach er in ein brüllendes Gelächter aus. Ich fürchtete, er habe den Verstand verloren. Aber im Gegenteil, mit einem Male war ihm die Unwichtigkeit seines Lebensinhalts klar geworden.

Als wirklich seine Wohnung ausgeräumt und die Sammlung auf den Müll geworfen wurde, lächelte er fröhlich und befreit.

Dann verschlang die Inflation sein Vermögen. Er lächelte immer noch und hat sich später eine neue Existenz als Direktor einer Fleischkonservenfabrik aufgebaut.

Es liegt mir fern, hiermit eine Erklärung über die tieferen Gründe des Humors geben zu wollen. Das bleibt den Philosophen vorbehalten, die der Staat zur Fabrikation von Weltanschauungen pensionsberechtigt angestellt hat.

Ganz rein ist mein Gewissen ja nicht, wenn ich alle Wichtigkeit verdamme. Ich selbst halte die Kunst für wichtig und glaube, daß eine wirklich künstlerische Zeichnung noch lebendig sein wird, wenn ihr Humor längst auf dem Friedhof der alten Witze tot und begraben liegt.

Th. Th. Heine

 


 

Inhaltsverzeichnis

  1. Das spannende Buch.
  2. Vor der ersten Ausfahrt. Raum für Alle. Wenn ich im Winter parke.
  3. Im Zoo. Freiheitsberaubung.
  4. Der Mai ist gekommen.
  5. Frühlingsabend.
  6. Lenzeswonne.
  7. Im Verein für Danteforschung. Wissenschaftlich exakt.
  8. Ein Tierversuch.
  9. Forschungsergebnis.
  10. Betrachtungen zur Weltgeschichte. Zeitwende. Professor Piccard.
  11. Der Hund des Pädagogen.
  12. Heim und Technik.
  13. Technisches Genie in der Kinderstube.
  14. Sensationspresse.
  15. Der Einbruch.
  16. Tragödie der Höflichkeit.
  17. Tierliebe. Vergnügungsreisende.
  18. Der eheliche und der uneheliche Klapperstorch.
  19. Der Erbprinz lernt Skilaufen.
  20. Der Erbprinz lernt Schlittschuhlaufen.
  21. Vom Rummelplatz. Häusliches Tierleben.
  22. Drei Bilder aus dem Familienleben.
  23. Fideles Gefängnis.
  24. Wenn Adam und Eva. Der neue Reichtum. Der Kakteenzüchter.
  25. Entrüstung.
  26. Der Spezialarzt. Trost. Scheintot.
  27. Ärztliche Ehrengerichte.
  28. Die Weihnachtsgabe des Chirurgen. Moderne Patienten.
  29. Verjüngungsoperation. Ein Kavalier.
  30. Affenschande. Eugenik.
  31. Flugzeug und Adler.
  32. Vornehme Weihnachten. Erkenntnis.
  33. Die Zigarre des starken Mannes. Das Katzophon. Verein für Männerrechte.
  34. Gemütsmenschen. Im Tonfilm-Atelier.
  35. Hydra im Hutladen. Sommer.
  36. Moralische Erzählungen. I. Der gerechte Knabe.
  37. Moralische Erzählungen. II. Dankbarkeit einer Ziege.
  38. Irren ist menschlich. Fleischerladen.
  39. Lebenslauf eines Dichters.
  40. Neue Steuern.
  41. Der Pazifist zu Hause. Der Alkoholiker.
  42. Man lernt nie aus. Besuch bei der Sängerin.
  43. Die ehemalige Tennismeisterin.
  44. Sport und Familie 1. 2.
  45. Sport und Familie 3. 4.
  46. Sport und Familie 5. 6.
  47. Vorbereitung für Hochtouren. Der Geograph auf Reisen.
  48. Am Billett-Schalter. Reise-Erlebnis
  49. Mamas Ankunft.
  50. Eisenbahnunglück.
  51. Reise-Erfahrung.
  52. Reise. Der wollüstige Zollbeamte.
  53. Beim Golfspiel. Atelierweisheit.
  54. Sachlichkeit.
  55. Stilgefühl. Die Ehe des Kunsthistorikers.
  56. Der neue Pygmalion.
  57. The three Laokoons.
  58. Der Staatsanwalt im Museum.
  59. Wiedersehen. Der Maler und sein Sohn.
  60. Der Weltmeister im Schwergewichtsboxen. Raum ist in der kleinsten Hütte. Unglücklich Liebe.

 


 

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