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Das Sinngedicht

Gottfried Keller: Das Sinngedicht - Kapitel 7
Quellenangabe
created20001228
senderreinhard_feneberg@med.uni-heidelberg.de
authorGottfried Keller
typenovelette
titleDas Sinngedicht
firstpub1881
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Siebentes Kapitel

Von einer törichten Jungfrau

Denn er fühlte jetzt, als er sie am Arme dahinführte, dass seine Frage eigentlich nichts andres sagen wollte als: Schönste, weisst du nichts Besseres zu tun? oder noch deutlicher: was hast du erlebt? Darum schritt das sich gegenseitig unbekannte Paar in gleichmässiger Verblüffung nach dem Speisezimmer, und jedes wünschte meilenweit vom andern entfernt zu sein, wohl fühlend, dass sie sich unvorsichtig in eine kritische Lage heineingescherzt hatten.

Doch verlor sich die Verlegenheit, als sie in das bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde mit dem Auftragen des Abendessens beschäftigt waren. Man setzte sich zu Tisch, und die Mägde, nachdem sie ihren Dienst vorläufig getan, nahmen desgleichen Platz, versahen sich ohne weiteres mit Speise und assen mit Fleiss und gutem Anstand.

"Sie sehen," sagte Lucie zu ihrem Gast, "wir leben hier ganz patriarchalisch, und hoffentlich werden Sie sich durch die Gegenwart meiner braven Mädchen nicht beleidigt fühlen!"

"Im Gegenteil," erwiderte Reinhard, "sie trägt dazu bei, meine Kur zu befördern!"

"Welche Kur?" fragte Lucie, und er antwortete: "Die Augenkur! Ich habe mir nämlich durch meine Arbeit die Augen geschwächt und nun in einem alten ehrlichen Volksarzneibuche gelesen: kranke Augen sind zu stärken und gesunden durch fleissiges Anschauen schöner Weibsbilder, auch durch öfteres Ausschütten und Betrachten eines Beutels voll neuer Goldstücke! Das letztere Mittel dürfte kaum stark auf mich einwirken; das erstere hingegen scheint mir allen Ernstes etwas für sich zu haben; denn schon schmerzt mich das Sehen fast gar nicht mehr, während ich noch heute früh es übel empfand!"

Diese Worte äusserte Reinhard durchaus ernsthaft und ebenso ehrlich, als jenes Heilmittel in dem alten Arzneibuche gemeint war. Indem er daher an nichts weniger als an eine Schmeichelei dachte, war es um so mehr eine solche, und zwar eine so wirksame, dass die Frauensleute des Spottes vergassen. Fräulein Lucie wurde aufs neue verlegen und wusste nicht, was sie aus dem wunderlichen Gaste machen sollte, und die Mägdlein beäugelten ihn heimlich als eine kurzweilige und zuträgliche Abwechslung in diesem klosterartigen Hause. In der Tat war es ihm so wenig um grobe Schmeicheleien zu tun, dass er das Gesagte schon bereute und, um es zu mildern und davon abzulenken, hinzufügte, er habe auch einen glücklichen Tag gehabt und mancherlei Schönes gesehen. So erzählte er auch von der hübschen Wirtstochter im "Waldhorn" und fragte, welche Bewandtnis es mit dieser eigentümlichen Person habe.

Zugleich jedoch berichtete er mit der unklugen Aufrichtigkeit, welche ihn seit seiner Ankunft plagte, den vollständigen Hergang und die Beschaffenheit seines Ausfluges, die Entdeckung des weisen Sinngedichtes, die Begegnung mit der Zöllnerin und diejenige mit der Pfarrerstochter sowie endlich mit der Waldhornstochter. Denn solange er unter den Augen seiner jetzigen Gastgeberin sass oder stand, trieb es ihn wie ein Zauber zur Offenherzigkeit, und wenn er die ärgsten Teufeleien begangen, so würde ihm das Geständnis derselben über die Lippen gesprungen sein.

Allein obgleich diese Wirkung Lucien nur zum Ruhme gereichte, schien sie sich dennoch nicht geschmeichelt zu fühlen. Sich des Zettels erinnernd, den ihr Reinhard erst statt des Briefes in die Hand gegeben hatte, rötete sich ihr Gesicht in anmutigem Zorn, und plötzlich stand sie auf und sagte mit verdächtigem Lächeln:

"So gedenken Sie wohl Ihre eleganten Abenteuer in diesem Hause fortzusetzen, und sind nur in dieser schmeichelhaften Absicht gekommen?"

Worauf sie anfing, ziemlich rasch im Gemach auf und nieder zu gehen, während die zwei Mädchen, als erboste Schleppträgerinnen ihres Zornes, ebenfalls aufsprangen und ihr folgten, höhnische Blicke nach dem unglücklich Aufrichtigen schleudernd. Reinhard säumte nicht, sich gleichermassen auf die Beine zu stellen, und nachdem er mit Bestürzung eine kleine Weile dem Spaziergange zugesehen, sagte er:

"Mein Fräulein, wenn Sie es befehlen, so werde ich ohne Verzug das Haus verlassen und mit höflichstem Danke auch für kurzen, aber denkwürdigen Aufenthalt augenblicklich meinen Weg fortsetzen!"

Ohne stillzustehen, erwiderte die Schöne:

"Es ist zwar Nacht und kein Unterkommen für Sie in der Nähe; aber dennoch geht es unter den bewussten Umständen nicht an, dass Sie hierbleiben, in allem Frieden sei es gesagt! Auch kann die nächtliche Fahrt Ihrem unternehmenden Geiste nur willkommen sein, und überdies werde ich Ihnen einen Wegleiter samt Laterne mitgeben."

Demnach blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu entfernen; bescheiden ging er der Dame entgegen, und im Begriff, sich ehrerbietig zu verbeugen, besann er sich aber eines Besseren, richtete sich auf und sagte höflich:

"Ich überlege soeben, dass ich für Sie und für mich am besten tue, wenn ich mich doch nicht so schimpflich hier fortjagen lasse! Denn während ich durch mein Bleiben meine eigene Würde bewahre, gebe ich Ihnen Gelegenheit, auf die herrlichste Weise Ihre weibliche Glorie zu behaupten. Denn auch vorausgesetzt, dass ich irgendeinen ungehörigen, wenn auch harmlosen Scherz im Schilde geführt hätte, so würde ich gewiss am empfindlichsten gestraft, wenn ich bei aller Freundschaft so respektvoll werde abziehen müssen wie ein junger Chorschüler, und ohne im entferntesten jenen frechen Versuch gewagt zu haben! Aber fern seien von mir alle unbotmässigen Gedanken! Doch von Ihnen, meine gnädige Wirtin! ebenso fern der bedenkliche Schein, sich mit offener Gewalt und Wegweisung gegen einen ungefährlichen Abenteurer schützen zu wollen!"

Er bot ihr hiermit den Arm und führte sie wieder an ihren Platz, was sie ruhig und schweigend geschehen liess. Sie setzten sich abermals gegenüber, dann reichte sie ihm die Hand über den Tisch und sagte:

"Sie haben recht, machen wir Frieden! Und zum Zeichen der Versöhnung will ich Ihnen erzählen, was es mit der Waldhornjungfrau für eine Bewandtnis hat. Vorher aber liefern Sie mir als Beweis Ihrer redlichen Gesinnung jenen ruchlosen Reimzettel aus, den Sie bei sich führen! Und ihr Mädchen nehmt eure Rädchen und spinnt euern Abendsegen!"

Die Mädchen holten zwei leichte Spinnräder und setzten sich herzu; Reinhard suchte das Sinngedicht hervor und gab es Lucie; diese zeigte den Zettel den Mädchen und sagte:

"Da seht, welche Torheiten ein ernsthafter Gelehrter in der Tasche trägt!", worauf sie das arme Papierchen unter dem Gekicher der Mädchen an eine der Kerzen hielt, verbrannte und die Asche in die Luft blies. Dann begann sie, während das sanfte Schnurren der Spinnräder für Reinhard eine ebenso neue wie trauliche Begleitung bildete, ihre Mitteilungen.

"Was nun die hübsche Wirtin vor dem Walde betrifft," sagte sie, "so ist sie allerdings eine eigentümliche Erscheinung. Schon als Kind zeichnete sie sich sowohl durch Schönheit und frisches Wesen als auch durch eine ganz eigene Gescheitheit und Witzigkeit oder Zungenfertigkeit aus, oder wie man es nennen will, und je mehr sie heranwuchs, desto glänzender schienen diese äussern und innern Eigenschaften sich auszubilden. Mit der äussern Schönheit schien es nicht nur, sondern es war auch wirklich der Fall; denn so hübsch sie auch jetzt noch aussieht, so ist sie für die, so sie früher gesehen, doch beinahe nur noch ein Abglanz im Vergleich zu dem, was sie vor einigen Jahren gewesen. Die innere Schöne oder vermeintliche Weisheit des Mädchens dagegen erwies sich als ein arger Schein; sie hat zwar jetzt noch ein so schlagfertiges Redewerk, als es sich nur wünschen lässt, allein es steckt eitel Torheit und Finsternis dahinter. Nicht nur wurde sie von den Eltern, welches roh-gleichgültige Wirts- und Landleute sind, niemals dazu angehalten, etwas zu lernen und in ihre Seele hineinzutun, sondern sie empfand auch selber nicht den kleinsten Antrieb und blieb zu rechten Dingen so dumm, dass sie kaum mühselig schreiben lernte, und man sagt, dass ihr sogar das Lesen ziemlich schwer falle. Aber auch in Hinsicht des natürlichen Verstandes, an irgendeinem Verstehen des Erheblichen und Besseren im menschlichen Leben fehlte es ihr so sehr, dass sie als ein vollständiges Schaf in der dunkelsten Gemütslage verharrte, indessen sie doch durch ihre Zungenkünste in lächerlichen Dingen und durch eine grosse Gewandtheit in Kinderein stets den Ruf eines durchtrieben klugen Wesens behielt. Doch nur in zahlreicher Umgebung, wo die Leute kamen und gingen und es auf kein Stichhalten auslief, bewährte sich ihre Weisheit; sobald sie mit einer halbwegs verständigen Person allein war, so dauerte die Herrlichkeit keine Stunde und sie geriet aufs Trockene. Da erklärte sie dann die Leute für langweilige Einfaltspinsel, mit denen nichts anzufangen sei. Befand sie sich aber mit Menschen ihres eigenen Schlages allein, so entstand aus lauter Dummheit zwischen ihnen die trostloseste Stichelei und Zänkerei.

"Dennoch hielt sie sich für einen Ausbund, strebte von jeher nach grossen Dingen, worunter sie natürlich vor allem das Einfangen eines recht glänzenden jungen Herrn verstand. Da sie aber, wie gesagt, nur im grossen Haufen ihre Stärke fand, so wollte es ihr nicht gelingen, ein einzelnes Verhältnis abzusondern und ordentlich auf ein Spülchen zu wickeln.

"Als meine Grosseltern noch lebten, gab es zuweilen viel junge Leute hier, die sich nicht übel belustigten und die Gegend unsicher machten. Vorzüglich gefielen sich die Herren darin, in Verbindung mit den Bewohnern und Gästen umliegender Häuser das 'Waldhorn' zum Sammelplatz auf Jagd- und Streifzügen zu wählen, dort tage- und nächtelang zu liegen und der schönen Wirtstochter den Hof zu machen. Die wusste sich denn auch unter ihnen zu bewegen, dass es eine Art hatte und die Eltern vor Bewunderung ausser sich gerieten.

"Da war nun auch ein junger Städter oft bei uns, ein hübsches, aber durchaus unnützes Bürschchen, das, von ein wenig Schule und Schliff abgesehen, beinah so töricht war wie die Dame im 'Waldhorn'. Reich, übermütig und ein ganz verzogenes Muttersöhnchen, gab er, so leer sein Kopf an guten Dingen war, um so vorlauter in allen Narrheiten den Ton an und war hauptsächlich im 'Waldhorn' der Erste und Letzte. Dies zu sein, war ihm auch Ehrensache, und wenn er einen Streich nicht angegeben hatte oder in den Zusammenkünften nicht die Hauptrolle spielte, so fragte er nichts danach und tat, als sähe er nichts, statt mitzulachen. Am meisten machte er sich mit der Salome zu schaffen, belagerte sie unaufhörlich, behauptete, sie sei in ihn verliebt und er wolle sich besinnen, ob er um sie anhalten wolle, was selbstverständlich alles nur Scherz sein sollte. Sie widersprach ihm ebenso unaufhörlich mit spitzigen Spottreden, die mehr grob als launig ausfielen, versicherte, sie könne ihn nicht ausstehen, und war inzwischen begierig, wie sie ihn an sich festbinden werde, woran sie nicht zweifelte; denn sie wünschte keinen herrlicheren Mann zu bekommen. Allein es wollte sich lange nicht fügen, dass die geringste ernsthafte Beziehung sich bildete; der Meister Drogo (wie ihn seine Eltern närrischerweise hatten taufen lassen) trieb immer nur Komödie, und sie desgleichen, da sie nichts andres anzufangen wusste, bis seine eigene Narrheit ihr plötzlich zu einem verzweifelten Einfall verhalf.

"Im Garten hinter dem Hause gab es eine dichte Laube, die ausserdem noch von Gebüschen umgeben war. Dorthin verlockte Drogo eines Abends, als schon die Sterne am Himmel glänzten, die mutwillige Gesellschaft, indem er sich stellte, als ob er vorsichtig der Salome nachschliche und eine geheime Zusammenkunft mit ihr ins Werk setzte. Er glaubte, sie sei schmollend schlafen gegangen, da sie sich den ganzen Abend derb geneckt hatten, und wusste es nun so gut zu machen, dass die Leute wirklich getäuscht wurden und meinten, er wolle sich unbemerkt nach der Laube hinstehlen. Sie winkten einander listig und schlichen ihm ebenso pfiffig nach, als er voranhuschte, und als er in die dunkle Laube schlüpfte, umringten sie sachte das grüne Gezelt, um das Liebespaar zu belauschen und zu überfallen; denn es pflegte eben nicht sehr zartsinnig zuzugehen.

"Als Junker Drogo nun drin sass und merkte, dass die Lauscher sich nach Wunsch aufgestellt hatten, begann er, dieselben zu äffen und neidisch zu machen, indem er ein trauliches Geflüster nachahmte, wie wenn zwei Liebende heimlich zusammen wären; er nannte wiederholt ihren Namen mit seiner eigenen halblauten Stimme, und dann den seinigen mit verstelltem Lispeln; die süssesten Wörtchen ertönten, Seufzer, und endlich fiel ein deutlicher Kuss, welchem bald ein zweiter folgte, dann mehrere, die sich zuletzt in einen förmlichen Küsseregen verloren, von zärtlichen Worten unterbrochen, so dass die Lauscher sich anstiessen, vor Kichern ersticken wollten und dann wieder aufmerksam horchten, wie die Sperber.

"Nun sass der gute Herr Drogo mit seinen Possen keineswegs allein in der Laube; vielmehr sass niemand anders als die Salome auch darin, in eine Ecke gedrückt. Sie war nämlich nicht zu Bett, sondern hierher gegangen, um sich ein wenig zu grämen, da die dämliche Unbestimmtheit ihres Schicksals sie doch zu quälen begann, und sie weinte sogar ganz gelinde, eben als der Possenreisser ankam. Sie konnte nicht erkennen, wer es war, und sass bewegungslos im Winkel, um sich nicht zu verraten. Als jedoch die Komödie anfing, erriet sie bald ihren Widersacher und hörte auch gar wohl die übrigen heranschleichen; kurz; da es sich um eine Nichtsnutzigkeit handelte, vermerkte sie endlich den Sinn des ganzen Auftrittes, während sie etwas Ernsthaftes nicht erraten hätte, und sie verfiel stracks auf den Gedanken, den Spötter in seinem eigenen Garne zu fangen, jetzt oder nie.

"Als er am eifrigsten dabei war, mit vieler Kunst in die Luft zu küssen, als ob er die roten Lippen der Salome küsste, fühlte er sich unversehens von zwei Armen umfangen, und seine Küsse begegneten denjenigen eines leibhaftigen Mundes. Erschreckt hielt er inne und wollte aufspringen; allein Salome liess ihn nicht, sondern erstickte ihn fast mit Küssen und rief laut: 'Sieh, Liebster, so viel Küsse ich dir jetzt gebe, so viel Blitze sollen dich treffen, wenn du mir nicht treu bleibst!'

"Zugleich brach jetzt das lauschende Volk los, bereit gehaltene Lichter wurden rasch angezündet und damit in die Laube geleuchtet, und unter rauschendem Gelächter und lauten Glückwünschen wurde das Paar entdeckt und umringt. Aber auch die Eltern des Mädchens kamen herbei, ein aus dem mehrjährigen Militärdienst heimgekehrter Bruder, der nicht heiter aussah, Ackerknechte und ländliche Gäste, die noch in der Wirtsstube gesessen. Diese alle machten unheimliche Gesichter; das Pärchen wurde an der Spitze der ganzen Schar in das Haus begleitet, wo die Eltern Erklärung verlangten. Salome weinte wieder und ihr war sehr bang; Drogo wollte sich sachte aus der Verlegenheit ziehen und sich abseits drücken, seine Freunde selbst jedoch verlegten ihm den Weg und mochten ihm aus Neid und Schadenfreude sein Schicksal gönnen; sie beredeten ihn ebenso ernsthaft wie die Verwandten des Mädchens, sich zu erklären, während dieses, wie gebändigt, hold und traurig dasass und der junge Mensch noch das frische Gefühl ihrer Liebkosungen empfand. So verlobte er sich denn feierlich mit ihr und versprach ihr vor allen Zeugen die Ehe.

"Es fiel ihm nun nicht schwer, die Zustimmung der Seinigen zu erlangen, die von jeher tun mussten, was ihm beliebte, und so wurde diese Missheirat, die eigentlich nur äusserlich eine solche war, allseitig beschlossen. Aber, o Himmel! es wäre zehnmal besser gewesen, wenn es innerlich eine solche und die beiden Brautleute sich nich vollkommen gleich an Narrheit gewesen wären! Die Braut wurde jetzt modisch gekleidet und ein halbes Jahr vor der Hochzeit in die Stadt gebracht, wo sie die sogenannte feinere Sitte und die Führung eines Hauswesens von gutem Ton erlernen sollte. Damit war sie aber auf ein Meer gefahren, auf welchem sie das Steuer ihres Schiffleins aus der Hand verlor. Eine ihren künftigen Schwiegereltern befreundete Familie nahm sie aus Gefälligkeit bei sich auf. Diese Leute lebten in grosser Ruhe und voll Anstand und machten nicht viele Worte; schnelle, unbedachte Reden und Antworten waren da nicht beliebt, sondern es musste alles, was gesagt wurde, gediegen und wohlbegründet erscheinen; im stillen aber wurden nicht liebevolle Urteile ziemlich schnell flüssig. Salome wollte es im Anfang recht gut machen; da sie aber einen durchaus unbeweglichen Verstand besass, so geriet die Sache nicht gut. Ihre Gebarungen und Manieren, welche sich in der freien Luft und im Wirtshause hübsch genug ausgenommen, waren in den Stadthäusern viel zu breit und zu hart, und ihre Witze wurden urplötzlich stumpf und ungeschickt. Sie patschte herum, wollte nach ihrer Gewohnheit immer sprechen und wusste es doch nicht anzubringen; bald war sie demütig und höflich, bald warf sie sich auf und wollte sich nichts vergeben, genug, sie arbeitete sich so tief als möglich in das Ungeschick hinein und wurde von den feinen Leuten, die sie von vornherein scheel angesehen hatten, unter der Hand nur das Kamel genannt, welcher Titel sich behende verbreitete und besonders in den Häusern beliebt wurde, wo man für die Töchter auf ihren Verlobten gerechnet hatte. Denn obgleich der auch kein Kirchenlicht vorstellte, so war er im bewussten Punkte doch ein unentbehrlicher Gegenstand, den man nur mit Verdruss durch die Bauerntochter aus der Berechnung gezogen sah. Die weibliche Gesellschaft versäumte nicht, die Missachtung sichtbar zu machen, in welche die Arme geriet, und sorgte dafür, dass der Ehrentitel dem Bräutigam zeitig zu Gehör kam, während sie gegen diesen selbst ein zartgefühltes, schonendes Bedauern heuchelte, wie wenn er als das edelste Kleinod der Welt auf schreckliche Weise einer Unwürdigen zum Opfer gefallen wäre. Selbst die Herren, welche der Salome auf dem Lande schön getan und nicht verschmäht hatten, ihr tagelang den Hof zu machen, wollten sich jetzt nicht blossstellen und liessen sie schmählich im Stich.

"So kam es dazu, dass der Bräutigam, wenn die Braut nicht gegenwärtig war, sich für einen armen unglücklichen Tropf hielt, der sein Lebensglück leichtsinnig vernichtet habe, und er bedauerte sich selbst; sobald sie sich aber sehen liess, schlug ihre Schönheit solche Gedanken aus dem Felde, da er mit seinem leeren Kopfe nur dem Augenblick lebte. Salome aber, die sich überall verkauft und verraten sah und nichts Gutes ahnte, suchte sich um so ängstlicher an die Hauptsache, nämlich an den Bräutigam zu halten und ihn mit vermehrten Liebkosungen zu fesseln; denn sie hatte keine andere Münze mehr auszugeben, und sobald sie aufhörten, sich zu schnäbeln, stand die Unterhaltung still zwischen diesen Leutchen, die sonst so rüstig an der Spitze gestanden hatten.

"Salome verspürte keine Ahnung, dass die Beschaffenheit ihres Geistes, ihrer Klugheit in Frage gestellt war; sie schrieb den obwaltenden Unstern einzig ihrer ländlichen Herkunft und dem übeln Willen der Städter zu. Sie hüllte sich daher in ihr Bewusstsein, dachte, wenn sie nur erst Frau wäre, so wollte sie ihre Trümpfe schon wieder ausspielen, und hielt sich inzwischen an den Liebsten, um seiner Neigung sicher zu bleiben.

"Da sassen sie nun eines schönen Nachmittags auch auf einem seidenen Sofa oder Diwan. Salome in einem kirschroten Seidenkleide, das sie selbst gekauft, mit dicken goldenen Armspangen, die ihr Drogo geschenkt, und in echten Spitzen, die von ihrer Schwiegermutter herrührten, Drogo aber im neuesten Aufputz eines Modeherrn. Dergestalt hielten sich umfangen und gaben so dem Ansehen nach ein Bild irdischen Glückes ab; denn so jung, so schön und hübsch gekleidet, wie beide waren, als Brautleute, denen ein langes sorgloses Leben lachte, der lieblichsten Musse geniessend in einem stillen Empfangssaale, den sie zur Ruhe gewählt, schien ihnen nichts zu fehlen, um sich im Paradiese glauben zu können. Sie waren über ihrem Kosen sänftlich eingeschlafen und erwachten jetzt wieder, gemächlich eines nach dem andern; der Bräutigam gähnte ein weniges, mit Mass, und hielt die Hand vor; die Braut aber, als sie ihn gähnen sah, sperrte, unwiderstehlich gereizt, den Mund auf, so weit sie konnte und wie sie es auf dem Lande zu tun pflegte, wenn keine Fremden da waren, und begleitete diese Mundaufsperrung mit jenem trost-, hoffnungs- und rücksichtslosen Weltuntergangsseufzer oder Gestöhne, womit manche Leute, in der behaglichsten Meinung von der Welt, die gesundesten Nerven zu erschüttern und die frohesten Gemüter einzuschüchtern verstehen.

"Sie müssen sich nicht wundern," unterbrach sich Lucie, "dass ich diese Einzelheiten so genau kenne: ich habe sie sattsam von beiden Seiten erzählen hören, und es scheint ausserdem, dass jenes unglückliche Gähnduett gleich einem unwillkürlichen, verhängnisvollen Bekenntnisse die Wendung herbeiführte. Wenigstens verweilten beide wiederholt bei diesem merkwürdigen Punkte. Der Bräutigam wurde auf einmal ganz verdriesslich und rief: 'O Gott im Himmel! Ist das nun alles, was du zu erzählen weisst?'

"Salome wollt ihn küssen; allein er hielt sie ab und sagte: 'Lass doch, und sage lieber etwas Feines!'

"Da wurde die Abgewiesene von Röte übergossen; sie sprach aber schnell: 'Wie man in den Wald ruft, so tönt es heraus! Sag mir etwas Feines vor, so werde ich antworten!'

"'Ach, die Kamele sprechen nicht!' erwiderte Drogo unbesonnen mit einem Seufzer. Da wurde sie bleich, lehnte sich zurück und sagte: 'Wer ist ein Kamel, mein Schatz?'

"'O Liebchen,' sagte er, 'dieganze Stadt nennt dich so!'

"'Und du hältst mich also auch für eines?' fragte sie, und er antwortete, indem er sie wieder an sich ziehen wollte: 'Sicherlich, und zwar für das reizendste, das ich je gesehen!'

"Da fühlte sich Salome von dem stärksten Pfeil getroffen, den es für sie geben konnte; denn sie hielt ihre vermeintliche Klugheit für ihre eigentliche Ehre, für ihr Palladium und ihre Hauptsache. Aber das war gut für sie, weil sie dadurch eine Wehr und einen Halt gewann, sich vom Verderben rettete und ihre Schwäche gutmachte.

"Ohne ein ferneres Wort zu sagen, riss sie sich los, löste die Spangen von den Knöcheln, die Spitzen vom Halse, warf sie dem herzlosen Bräutigam vor die Füsse, und augenblicklich lief sie aus dem Hause, spuckte wie ein Bauer auf die Schwelle desselben und lief, wie sie war, ohne Hut und Handschuhe, aus der Stadt. Vor dem Tor erst brach sie in Tränen aus, und in einemfort weinend und schluchzend wanderte und eilte sie, mit dem seidenen Prachtkleide die Augen trocknend (denn sogar ein Taschentuch hatte sie nicht an sich genommen), durch Feld und Forst, bis sie tief in der Nacht im elterlichen Hause anlangte, mehr einer entsprungenen Zigeunerin ähnlich, als einer Braut. Sie gab den bestürzten Verwandten keine Antwort, sondern verschloss sich in ihre Kammer. Darin blieb sie mehrere Tage und erschien, als sie wieder hervortrat, in der alten Landtracht. Wo sie jenes rote Seidenkleid hingebracht, hat man nie erfahren. Einige sagen, sie habe es verbrannt, andere, es sei vergraben worden, wieder andere, sie habe es einem Juden verkauft.

"Als sie eine Zeitlang zu Haus geblieben, schickte ihr die Stadtfamilie, bei der sie gewohnt, ihre Sachen zu ohne jegliche Nachricht oder Anfrage, und noch fernere Zeit verging, ohne dass der Bräutigam oder sonst jemand nach ihr fragte. Die ihrigen wollten einen Rechtshandel mit dem Junker Drogo anheben; doch sie verwehrte es zornig, und so ist die Brautschaft der schönen Salome in nichts verlaufen und die Jungfrau noch vorhanden, wie Sie dieselbe gesehen haben, teilweise etwas klüger und besser geworden als früher, teilweise noch törichter. Ihre Lieblingslaune ist, die Männer zu verachten und mit solchen zu spielen, wie sie wähnt, während sie ihre Gesellschaft doch allem andern vorzieht. Aber ich glaube nicht, dass sie nochmals zu einer Verlobung zu bringen wäre."

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