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Das Sinngedicht

Gottfried Keller: Das Sinngedicht - Kapitel 4
Quellenangabe
created20001228
senderreinhard_feneberg@med.uni-heidelberg.de
authorGottfried Keller
typenovelette
titleDas Sinngedicht
firstpub1881
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Viertes Kapitel

Worin ein Rückschritt vermieden wird

Da das Pferd noch hungrig sein musste, stieg er unweit des Dorfes nochmals ab, vor einem einsamen Wirtshause, welches am Saume eines grossen Waldes lag und und ein goldenes Waldhorn im Schilde führte. Aus dem Wald erhob sich ein schöner, grün belaubter Berg, hinein aber führte die breite Strasse in weitem Bogen.

Unter der schattigen Vorhalle des Wirtshauses sass ein stattliches Frauenzimmer und nähte. Sie war nicht minder hübsch als die Pfarrerstochter und die Zöllnerin, aber ungleich handfester. Sie trug einen schwarzen, fein gefalteten Rock mit roten Säumen und blenden weisse Hemdärmel, deren gestickte weitläufige Ränder offen auf die Handknöchel fielen. In den Flechten des Haares glänzte ein silberner Zierat, dessen Form zwischen einem Löffel und einem Pfeile schwankte.

Sie grüsste lächelnd den Reisenden und fragte, was ihm gefällig wäre.

"Etwas Hafer für das Pferd," sagte er, "und da es sich hier kühl und lieblich zu leben scheint, auch ein Glas Wein für mich, wenn Ihr so gut sein wollt!"

"Ihr habt recht," sagte sie, "es ist hier gut sein, still und angenehm und eine schöne Luft! So lasst's Euch gefallen und nehmt Platz!"

Als sie den Wein zu holen ging und mit der klaren Flasche wieder kam, bewunderte Reinhard ihre schöne Gestalt und den sicheren Gang, und als sie rüstig ein Mass Hafer siebte und dem Pferd aufschüttete, ohne an Reiz zu verlieren, sagte er sich: Wie voll ist doch die Welt von schönen Geschöpfen und sieht keines dem andern ganz gleich! - Die Schöne setzte sich hierauf an den Tisch und nahm ihre Arbeit wieder zur Hand. "Wie ich sehe," sagte Reinhard, "seid Ihr allein zu Haus?"

"Ganz allein," erwiderte sie voll Freundlichkeit, blanke Zahnreihen zeigend, "unsre Leute sind alle auf den Wiesen, um Heu zu machen."

"Gibt es viel gutes Heu dies Jahr?"

"So ziemlich; wenn das Frühjahr nicht so trocken gewesen wäre, so gäbe es noch mehr; man muss es eben nehmen, wie's kommt, alles kann nicht geraten!"

"So ist es! Der schöne Frühling war dagegen für andre Dinge gut, zum Beispiel für die Obstbäume, die konnten vortrefflich verblühen."

"Das haben sie auch redlich getan!"

"So wird es also viel Obst geben im Herbst?"

"Wir hoffen es, wenn das Wetter nicht ganz schlecht wird."

"Und was das Heu betrifft, was gilt es denn gegenwärtig?"

"Jetzt, ehe das neue Heu gemacht ist, steht es noch hoch im Preise, denn das letzte Jahr war es unergiebig; ich glaube, es hat vor acht Tagen noch über einen Taler gekostet. Es muss aber jetzt abschlagen."

"Verkauft Ihr auch von Eurem Heu, oder braucht Ihr es selbst, oder müsst Ihr noch kaufen, da Ihr ein Gasthaus führt?"

"In der Wirtschaft wird kein Heu, sondern fast nur Hafer verfüttert; für unser Vieh aber brauchen wir das Heu, und das ist es verschieden, das eine Jahr kommen wir gerade aus, das andre müssen wir dazukaufen, das dritte reicht es so gut, dass wir etwas auf den Markt bringen können; dies hängt von vielen Umständen ab, besonders auch, wie die andern Sachen und Kräuter geraten!"

"Das lässt sich denken! Das lässt sich denken! Und also über einen Taler hat der Zentner Heu noch vor acht Tagen gekostet?"

"Quälen Sie sich nun nicht länger, mein Herr!" sagte die Schöne lächelnd, "und sagen Sie mir die drolligen Dinge, die Ihnen auf der Zungenspitze sitzen, ohne Umschweif! Ich kann einen Scherz ertragen und weiss mich zu wehren!"

"Wie meinen Sie das?"

"Ei, ich seh' es Ihren Augen die ganze Zeit an, dass sie lieber von anderm sprechen als von Heu und mir ein wenig den Hof machen möchten, bis Ihr Pferd gefressen hat! Da ich einmal die arme Wirtstochter hier vorstelle, so wollen wir die wundervollen Dinge nicht verschweigen, welche man sich unter solchen Umständen sagt, und der Welt den Lauf lassen! Fangen Sie an, Herr! und seien Sie witzig und vorlaut, und ich ich werde mich zieren und spröde tun!"

"Gleich werd' ich anfangen, Sie haben mich nur überrascht!"

"Nun, lassen Sie hören!"

"Nun also - beim Himmel, ich bin ganz verblüfft und weiss nichts zu sagen!"

"Das ist nicht viel! Sollen wir etwa gar die verkehrte Welt spielen und soll ich Ihnen den Hof machen und Ihnen angenehme Dinge sagen, während Sie sich zieren? Gut denn! Sie sind in der Tat der hübscheste Mann, welcher seit langem diese Strasse geritten, gefahren oder gegangen ist!"

"Glauben Sie etwa, ich höre das ungern aus Ihrem Munde?"

"Das befürchte ich nicht im geringsten! Zwar, wie ich Sie vorhin kommen sah, dacht ich: Gelobt sei Gott, da nahet sich endlich einer, der nach was Rechtem aussieht, ohne daran zu denken! Der reitet fest in die Welt hinein und trägt gewiss keinen Spiegel in der Tasche, wie sonst die Herren aus der Stadt, denen man kaum den Rücken drehen darf, so holen sie den Spiegel hervor und beschauen sich schnell in einer Ecke! Wie Sie aber das Heugespräch führten und dabei Augen machten wie die Katze, die um den heissen Brei herumgeht, dacht' ich: es ist doch ein Schulmeister von Art!"

"Sie fallen ja aus der Rolle und sagen mir Unhöflichkeiten!"

"Es wird gleich wieder besser kommen! Sie haben eine so tüchtige Manier, dass man froh ist, Sie zu nehmen, wie Sie sind, da wir armen Menschen uns ja doch unser Leben lang mit dem Schein begnügen müssen und nicht nach dem Kern fragen dürfen. So betrachte ich Sie auch als einen schönen Schein, der vorübergeht und sein Schöppchen trinkt, und ich benutze sogar recht gern diesen Scherz, um Ihnen in allem Ernste zu sagen, dass Sie mir recht wohlgefallen! Denn so steht es in meinem Belieben!"

"Dass ich Ihnen gefalle?"

"Nein, dass ich es sagen mag!"

"Sie sind ja der Teufel im Mieder! Ein starker Geist mit langen Haaren?"

"Sie glaubten wohl nicht, dass wir hier auch geschliffene Zungen haben?"

"Ei, als Sie vorhin den Hafer siebten, sah ich, dass sie eine handfeste und zugleich anmutige Dame sind! Ihre Ausdrucksweise dagegen kann ich nicht mit den ländlichen Kleidern zusammenreimen, die Ihnen übrigens vortrefflich stehen!"

"Nun, ich habe vielleicht nicht immer in diesen Kleidern gesteckt - vielleicht auch doch! Jeder hat seine Geschichte, und die meinige werde ich Ihnen bei dieser Gelegenheit nicht auf die Nase binden! Vielleicht beliebt es mir, Ihnen zu sagen, dass Sie mir wohlgefallen, ohne dass Sie wissen, wer ich bin, wie ich dazu komme, dies zu sagen, und ohne dass Sie einen Nutzen davon haben. So setzen Sie Ihren Weg fort als ein Schein für mich, wie ich als ein Schein für sie hier zurückbleibe!"

Diese Grobheiten und seltsamen Schmeicheleien sagte die Dame nicht auf eine unangenehme Weise, sondern mit grossem Liebreiz und einem fortwährenden Lächeln des roten Mundes, und Reinhard enthielt sich nicht, endlich zu sagen: "Ich wollte, Sie blieben nun ganz bei der Stange und es beliebte Ihnen, Ihr schmeichelhaftes Wohlgefallen auch mit einem Kusse zu bestätigen!"

"Wer weiss!" sagte sie, "in Betracht, dass ich in vollkommenem Belieben Sie küssen würde und nicht Sie mich, könnte es mir vielleicht einfallen, damit Sie zum Dank für die angenehme Unterhaltung mit dem Schimpf davonreiten, geküsst worden zu sein wie ein kleines Mädchen!"

"Tun Sie mir diesen Schimpf an!"

"Wollen Sie stillhalten?"

"Da werden Sie sehen!"

Sie machte eine Bewegung, wie wenn sie sich ihm nähern wollte; in diesem Augenblick wallte aber ein kalter Schatten über sein Gesicht, die Augen funkelten unsicher zwischen Lust und Zorn, um den Mund zuckte ein halb spöttisches Lächeln, so dass sie mit fast unmerklicher Betroffenheit die angehobene Bewegung nach dem Pferd hin ablenkte, um dasselbe zu tränken. Reinhard eilte ihr nach und rief, er könne nun nicht mehr zugeben, dass Sie sein Pferd bediene! Sie liess sich aber nicht abhalten und sagte, sie würde es nicht tun, wenn sie nicht wollte, und er solle sich nicht darum kümmern.

Sie war aber in einiger Verlegenheit, denn die Sachen standen nun so, dass sie doch warten musste, bis Reinhard ihr wieder Anlass bot, ihn zu küssen, dass sie aber beleidigt war, wenn es nicht geschah. Er empfand auch die grösste Lust dazu; wie er sie aber so wohlgefällig ansah, befürchtete er, sie möchte wohl lachen, allein nicht rot werden, und da er diese Erfahrung schon hinter sich hatte, so wollte er als gewissenhafter Forscher sie nicht wiederholen, sondern nach seinem Ziele vorwärtsstreben. Dieses schien ihm jetzt schon so wünschenswert, dass er bereits eine Art Verpflichtung fühlte, keine unnützen Versuche mehr zu unternehmen und sich des lieblichen Erfolges im voraus würdig zu machen.

Er stellte sich daher, um auf gute Manier wegzukommen, als ob er den höchsten Respekt fühlte und von der Furcht beseelt wäre, mit zu weitgehenden Scherzen ihr zu missfallen. In dieser Haltung bezahlte er auch seine Zeche, verbeugte sich höflich gegen sie und sie tat das gleiche, ohne dass etwas weiteres vorfiel. Sie nahm alles wohl auf und entliess den Reiter in guter Fassung.

"Auf diesem Waldhörnchen wollen wir nicht blasen!" sagte er zu sich selbst, als ihm beim Wegreiten das Schild des Hauses in die Augen fiel, "vielleicht führt uns der Auftrag der Pfarrerstochter auf eine Spur, wie das Gute stets zum Bessern führt! Ich will den schalkhaften Seitenpfad aufsuchen, der irgend hier herum zu jenem Schloss oder Landsitz führen soll, wo die unbekannte Freundin haust!"

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