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Das Salzburger große Welttheater

Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger große Welttheater - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Salzburger große Welttheater
authorHugo von Hofmannsthal
year1990
publisherSuhrkamp Verlag
addressFramkfurt am Main
isbn3-518-01565-6
titleDas Salzburger große Welttheater
pages3-6
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Weisheit
Schlag zu! Wir sind für unser End bereit!
Und tritt es her mit schreckensvollen Mienen,
Wo wär das Schrecknis, das wir nicht verdienen?
Wirft sich auf die Knie, zu Gott:
Du aber thronend ob verworrenen Geschicken,
Du siehest zu, wie in des Unrechts Netz
Wir alle, alle uns geheim verstricken.
Wie leicht wär alles dir mit einem Hauch zu schlichten,
Mit einem Fingerwink ins Grade dies zu richten,
Doch dir beliebt vom hocherhabnen Pfühl
Ein ungeheueres Gewährenlassen,
Um dann, mit Adlersaug durchdringend das Gewühl,
Mit Adlersklau die Beute dir zu fassen.
Du machst mit einem fürchterlichen Winke
Dem anbefohlnen Spiel ein jähes End,
Sieh willig uns von deiner Bühne weichen,
Und – eh in Schatten unser Spiel versinke –
Sieh noch zuletzt die aufgereckten Händ!

Sie verharrt noch einen Augenblick mit gefalteten Händen, dann steht sie auf und spricht weiter, stehend, zu den übrigen:

Denn es ist nun an dem – seid ihr auch des belehrt?
Daß wir sehr schnell von dieser Bühne schwinden,
Ein kurzer Augenblick ist allen uns gewährt
Abtretend aus dem Spiel uns zu uns selbst zu finden.
Und er, des höchsten Willens arger Bot
Furchtbar gewürdigt, uns hinwegzurufen –
Auch sein Spiel ist vorbei, darin er gräßlich uns bedroht,
Er steigt mit uns hinab der Bühne wenige Stufen.

Nach oben gewandt, gewaltsam, den Bettler nicht ins Auge fassend, spricht sie das Weitere. Der Bettler indessen geht auf sie zu, die Axt erhoben. Je näher er ihr, desto fester, die tiefste Angst überwindend, wird ihre Stimme. Der Bettler steht vor ihr wie festgewurzelt; sein Gesicht verändert sich ungeheuer. Die erhobene Hand, darin die Axt, sinkt herab. Der Bauer liegt nächst dem Baum, das Gesicht im Arm geborgen, wie ein Toter, regungslos.

Weisheit
Du aber, Leben über allem Leben,
Du wunderbar Gericht, das in den Dingen ruht,
Sieh mich nunmehr für ihn die Händ erheben:
Gnad ihm, wenn er jetzt bebend vor dich trägt,
Gräßlich gefärbt mit unser aller Blut,
Den Wesensschein, den furchtbar schicksalsvollen,
Drein Du erhabnen Willens Spur geprägt!
Gnad ihm, ihm war von Deines Spieles Rollen
Die eine überschwere auferlegt!

Bettler zitternd
Wo ist der Baum?

Weisheit Was für ein Baum?

Bettler
Den ich wie Donner schlug,
Der niederkrachend euch und mich begrub!
Doch ich –

Weisheit Und du?

Bettler Weib? was geschah? Wo ist das Licht?

Weisheit
Was für ein Licht?

Bettler Das aus der Krone brach,
Mit einer Menschenstimme zu mir sprach!
War dies zuvor? war dies nachher? Weib – was geschah?
Daß ich nicht auf dich schlug! – du tratest nah –

Weisheit
Brach da ein Licht hervor? – und

Engel War das nicht
Des Saulus Blitz und redend Himmelslicht?

Bettler
Du hobest deine Händ und betetest für mich?

Weisheit
Für dich!

Bettler Verstehend mich und mein Gericht?

Engel
War das nicht Isaaks Lamm, das schimmernd sank vor dich?

Bettler
O du mein Gott!

Er kniet nieder, birgt sein Gesicht in den Händen.

Engel
Nach Taten, Seele, war dein Drang!
Untat war nah in finstrem Wahn,
Doch herrlich ist des Spieles Gang!
Statt Untat ist jetzt Tat getan!

Bettler
Getan?

Weisheit Getan!

Bettler Schlug ich?

Weisheit Du schlugest nicht!

Widersacher
Ein Blutandrang, ein schwindelnd Flimmerlicht
Und alles wiederum zunicht!

Er wirft wütend seine Bücher zur Seite.

Des Bettlers Blick, der, wieder auf seinen Füßen, wie ein Entrückter um sich sieht, trifft den Blick der Weisheit, die wieder von ihrem Platz zwei Schritte auf ihn zugetreten ist. Sie lächelt. Er lächelt auch. Sein Gesicht hat einen verwandelten Ausdruck.

Weisheit
Bist du befreit von deiner Strafbegier,
Um die dein Bruder dir in Fäusten ächzte,
Indes die Seele in der Seele dir
Unbändig nach Unendlichkeiten lechzte!
Empfingest du in jähem Himmelsschein
Die ungeheuerste der Gaben,
Und kannst du deinen Brüdern nun verzeihn
Am schalen Erdengut ihr dumpfes Haben?

Bettler
Was schiert mich, was ihr habt? Ich bin so voller Freuden
Und will in Wald, daß ich umblitzt von Ewigkeit
Mich beieinander halt, an keinen Hauch der Zeit
Die innre Himmelsfülle zu vergeuden!

Weisheit
Begnadigt uns nunmehr dein umgewandter Sinn?

Bettler
Was weiß ich, wer ihr seid – was weiß ich, wer ich bin?
Als wie von Ewigkeit
Ist mir der Wald bereit,
Da ich ein schuldlos Kind
Auf moosigem Stein gelegen.
Dort liegen und in Lust
Mich ganz zu Gott zu regen!

Weisheit
O Seele, du bist jäh zum großen Ziel gekommen,
Grab dich in Waldesgrund und blühe als ein Christ!

Bettler ist zum Gehen gewandt.

Widersacher ihm seitlich in den Weg tretend
Was! lahm die Hand, die einmal richten konnte!
Und Unrecht, wie's nur eh und je sich sonnte,
In frechem Licht schlägt wiederum sein Rad,
Und du im Walde wandelst Träumerpfad!
O Ekel, pfui! o kann ein Hirn den Unsinn fassen?
Vertan die Manneskraft! das schöpferische Hassen!
Graust dich denn nicht vor dir?

Bettler mit einem ablehnenden Armheben gegen ihn
Ich ward hineingestellt,
Als Gegenspieler diesen zugesellt:
Denn dies ist Gottes Spiel,
Wir heißen es die Welt.

Widersacher
Leckst so feig du den Fuß, der auf dich tritt?

Bettler
Ich bin bei Gott, in aller Dinge Mitt!
Doch in dem Spiel bin ich der Bettler halt,
Von dem ich Wesen anhab und Gestalt.
Was soll ich denn von denen wollen?
Ich kann doch nicht hinein in ihre Rollen
Noch deren Sprüch und Sprüng herein in meine reißen?
Da müßte ich ein Geck und Stümper heißen!
Wollt ich dem dort die pelzern' Schaub abziehen,
Dem dort sein goldnes Schwert aus Händen schlagen –
Und setz ich stracks mich auf den Thron für ihn
Und sitz dort breit zu meinen Lebenstagen,
So sitzt Hans Wurst zu Thron, das Blatt bleibt ungewendet,
Und diese Welt wie eh und je geschändet.
Ob ich mich spreiz mit Machtgebärden
An ihrer Statt, verschlägt nicht viel:
Es muß für wahr und ganz ein neuer Weltstand werden,
Sonst blieb' dies gar ein ärmlich puppig Spiel.
Er tut einen Schritt.
Ich haus mit denen nicht, ich muß woanders hin,
Mir hat die Sternenuhr die große Zeit getragen,
Nun weck ich selber mich, entzünd in mir den Sinn,
Davon um Mitternacht der finstre Wald wird tagen:
Ich hab ein Wort gehört, das war mir lang verloren,
Mir ist, da ichs gehört, da war ich ungeboren,
Und eines Engels Mund gab mir so zarte Lehre –
Von Freiheit war das Wort und welcher Art die wäre.
Ich war – mein Seel – nicht frei, als ich in finstrem Drang
Scharf Eisen über diese schwang,
Des bin ich inneworden jäh,
Wie der inner gemalten Scheiben steh,
Die Bilder inne wird. Freiheit ist alleweil nah,
Doch greifst du hart nach ihr, so ist sie jählings fern;
Kaum schmiegest du dich sanft, so ist sie wieder da
Und weht von dir hinan bis an die Himmelsstern.
Sie ist geheim und läßt sich irdisch nicht benennen:
Sie ist ein Abgrund, über den sichs herrlich lehnet,
Doch der mit Macht sich auch dich zu verschlingen sehnet;
Ich will in wilden Wald, sie völlig zu erkennen –
Mich deucht, sie ist von Gott, und bleib ich nur allein,
So dringet sie durch Gott schon tief in mich hinein
Und gehet dann mit mir auf jeden Pfad und Steg:
Somit laß ab von mir und gib mir frei den Weg!

Er geht langsam an ihm vorbei.

Weisheit
Geh hin und sei im Wald ein guter Geist,
Und lobe Gott den Herrn, der alle Wege weist!
Ich neige mich vor dir!

Bettler wendet sich nach rechts, abzugehen.

Weisheit
Halt noch, nimm dein Gerät.

Sie geht hin, wo das Beil liegt, bückt sich, hebts auf und gibts ihm.

Bettler nimmts nicht
Es ist nicht mein.

Weisheit Nimms hin und brauchs als dein.
So spricht der Herr: Ihr sollt nicht müßig sein.
Soll dich mein hoher Wald umhegen,
Einsiedel, mußt du seiner pflegen,
Sanft wie der Hirtenstab im Schattensaal,
Wandle die Axt voraus dem Himmelsstrahl,
Und wie die Glocke tön ihr voller satter Schlag
Ins Dorf und melde Herbst und friedereichen Tag.

Bettler befestigt die Axt an dem Stricke, der ihm die Lenden gürtet, und geht langsam hinaus.

Bauer sieht ihm, halb hinterm Baum geborgen, nach, bis er verschwindet.

Vorwitz hebt sich auf die Fußspitzen, um dem Abgehenden noch bis in die Kulisse nachzusehen, dann stößt er einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus.

Weisheit ist auf ihren Platz zurückgegangen, faltet die Hände zum stillen Gebet. Alle fünf Figuren verharren ruhig auf ihren Plätzen. Bauer blickt in die Kulisse, gleichsam in den Wald, in den der Bettler verschwunden. Er macht ein befriedigtes Gesicht, deutet pantomimisch an, er höre ihn Holz machen. Ein Signal.

Welt ergreift ihre Laute, spielt und singt nach einem kurzen Präludium.
Flieg hin, Zeit, du bist meine Magd,
Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt,
Flicht mir mein Haar, spiel mir um den Schuh,
Ich bin die Frau, die Magd bist du.
Heia!
Sie greift dumpfer in die Laute, ihr Gesicht verfinstert sich.
Doch einmal trittst du zornig herein,
Die Sterne schießen schiefen Schein,
Der Wind durchfährt den hohen Saal,
Die Sonn geht aus, das Licht wird fahl,
Der Boden gibt einen toten Schein,
Da wirst du meine Herrin sein!
O weh!
Und ich deine Magd, schwach und verzagt,
Gott sei's geklagt! Wieder lebhafter und heller:
Flieg hin, Zeit! die Zeit ist noch weit!
Heia!

Das Licht auf der Bühne verändert sich, währenddem sie singt, wie gegen einen trüben Abend hin.

Schönheit nach einer Stille, wie aus einem Traum erwachend
O weh! was ist mir widerfahren?
Ich spürs von Sohlen bis zu Haaren!

Sie sieht sich in dem Spiegel, läßt ihn gleich wieder sinken.

O weh! an mir ist unversehen,
Ein Unheil fürchterlich geschehen!
Zeit ist geflohen wie der Wind,
Ich war noch just ein blühend Kind,
Und sie hat an mir mißgehandelt,
Schmählich mein Angesicht verwandelt.
Bin ich denn keine junge Frau?
An Schläfen schien mir wie ein Grau!

Sieht wieder in den Spiegel.

O Gott! nun seh ichs wohl, nun seh ichs wieder!
Und was soll denn der dunkle böse Strich
Unter dem Schlage meiner Lider?
Das Ganze freilich ist noch da

Sie lächelt ihr Bild an

Und doch ein Böses etwa nah;
Schaut' ich mit starrem Blick und zu genau,
Ich säh die Larve einer alten Frau!

Sie läßt den Spiegel sinken, blickt versteckt nach dem König hin.

Auch er! der Gleiche und doch wieder nicht!
Ein scharf und furchig Etwas im Gesicht!

Sieht nach dem Bauer.

Und der! verwandelt bis in die Gestalt!
Wie grau! wie stumpf und dumpf! wie jählings alt!

Sie verläßt ihren Platz und tut ein paar Schritte nach links, blickt verstohlen auf den Reichen.

Ein Adlerblick aus selbstbewußten Brauen.
Vorbei! leichthin nur wie Vorüberschauen,
Sonst sieht er starr auf mich! und doch im Flug
Ich hab gesehen und ich weiß genug!

Läuft zur Weisheit hinüber.

Und du, wie schön bist du, wie leuchten deine Mienen,
Von wo sind sie mit diesem Glanz beschienen,
Wo nimmst du dieses nicht mehr irdische Lächeln,
Was sinds für Lüfte, die um deine Stirne fächeln? Näher:
Und doch! auch du! gealtert, doch nur wie der Edelstein,
Der alternd aushaucht eingesognen Schein.
Auch du?

Weisheit lächelt, wie aus der Entrückung erwacht
Was sprächest du?

Schönheit in der Mitte stehend, ringt die Hände O herzzerfressend Leid!
O einzig wahres Unheil ob der Welt,
Das unsres Daseins hohe Lust vergällt!

Weisheit
Was klagest du?

Schönheit Die Zeit! die Mörderin! die Zeit!
Die Zeit ist über uns mit Räuberfaust gefallen,
Hat böslich mißgetan an dir und mir und allen!

Ein Paukenschlagen hebt an, dazu ein Windesrauschen. Die Figuren, wie aus einer Starrheit erwachend, verlassen ihre Plätze und treten durcheinander, aber wie Träumende, indem sie jeder für sich sprechen, ohne auf die anderen zu achten und dabei die Hände ringen, außer der Weisheit, welche die ihren gefaltet hält.

König
Macht ist Ohnmacht! Das geht mir ein
Und schneidet mir durch Mark und Bein.

Reicher
Ich kannte Zwang nicht, noch Gesetz,
Allein ein Etwas zwingt mich jetzt!

Bauer
Hab stets mein festen Stand dahier,
Was springt so geistisch um mit mir?

Weisheit
Im Sturmeswehn ist deine Spur,
Erbarm dich deiner Kreatur –

Schönheit
O Schwäche, Bangen ohne Ruh,
Was wird aus mir in diesem Nu!

Alle zusammen unter dem Paukenschlag
Ein fahler Schein, ein hahler Wind,
Weh, daß wir Kreaturen sind!

Das Windesbrausen verstummt. Sie halten alle inne. Jeder findet sich auf seinem Platz. Sie stehen starr.

Vorwitz ist, wie ihr tanzartiges Durcheinandertreten anhebt, neugierig hinzugetreten und wird, ohne es zu wollen, darein verstrickt und tanzt mit ihnen bis ans Ende, aber ohne den Mund aufzutun. Jetzt wischt er sich die Stirn und schlüpft auf seinen Platz zurück. Auch der Paukenschlag verstummt.

Engel wendet sich, wie von einem Wink getroffen, gegen den Palast des Meisters und blickt ehrerbietig nach oben nach dem Balkon.

Hier, deines Winks gewärtig!

Er eilt hin, horcht nach oben, eilt sogleich wieder nach vorne, immer auf der oberen Bühne und ruft dem Tod, der seitlich auf der oberen Bühne schon dann und wann sichtbar gewesen, von weitem zu:

Zu Ende gehen soll schon bald das Spiel,
Ruf du jetzt einen nach dem andern ab!

Tod tritt von wo er steht an den Rand der oberen Bühne vor und ruft laut:
Du, der des Königs Rolle hat, tritt ab!
Dein Part ist ausgespielt! Geh von der Bühne!

Tritt wieder ganz seitwärts, wo er aber sichtbar bleibt.

König erfaßts. Schönheit und Reicher zucken zusammen.

Bauer tut, als hätte er nichts gehört, er gräbt mit dem Spaten.

Weisheit wirft dem König einen strahlenden Blick zu.

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