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Das Salzburger große Welttheater

Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger große Welttheater - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Salzburger große Welttheater
authorHugo von Hofmannsthal
year1990
publisherSuhrkamp Verlag
addressFramkfurt am Main
isbn3-518-01565-6
titleDas Salzburger große Welttheater
pages3-6
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Widersacher
Aus Schlamm erfuhr ich, ward die Welt einmal,
Soll sie aus Schlamm noch einmal auferstehen,
Und wärs in dreiunddreißigjährigen Wehen!
Bevor wir uns von wortgewandten Fratzen
Noch einmal lassen um das Erbe schwatzen.

Reicher noch einen halben Schritt herantretend
Zerreiß, zerschlag, entwurzel alles um und um,
Stoß uns dein Messer ins Gekröse,
Doch wisse auch: nicht nur verrucht und böse
Hast du gehandelt, sondern dumm. –
Dies Ganze, diesen würdigen alten Leib,
Den unumfaßbaren, ausmessen wolltest du
Mit einem frechen Blick in einem einzigen Nu,
Mit deinem kurzen Sinn, der reicht von da bis da?
Ist es denn, wie du meinst, ein Ganzes nur von Sachen,
Von Räubern ein zusammgescharrter Hort,
Bewacht am mauerfesten Ort
Von ewgen Unrechts alten Drachen,
Und kannst du nicht zu einem Blick erwachen,
Wo es ein Ganzes dir aus Kräften deuchte,
Die, stets erneuert, nach geheim gebotnen Zielen
Mit Feuerslust so durcheinanderspielen,
Daß zu des Dranges letztestem Genügen
Es auch noch deiner Kräfte bräuchte?
Und ruft dich nichts, dich diesem einzufügen?

Widersacher
O Rattenkönig schlau verfitzter Lügen!
Zum Bettler, einbläserisch:
Jetzt geh ihn an! wirfs ihm in sein Gesicht!
Einfügen? wir? wir gehn im Göpel Nacht und Tag
Und sehen keine Frucht von unserer Plag
Und sehn kein End – Aus Werk wird Fron,
Geschändte Tag', vermaledeiter Lohn!
Sags ihm hinein!

Reicher Ich warte drauf.

König
Man steht dir Rede, man verstattet dir
Entgegnung, ungescheute. Mach Gebrauch!

Weisheit
Erwidre. Teil die innre Last! Im Wort,
Das aus dem Munde fliegt, ist Gottes Hauch!

Bettler
Ich steh nicht Red. Das wär euch recht –
Daß ich aufs Stichwort meine Red anbrächt.
Eur Stichwort zieht bei mir nicht. Richt't euch ein!
Was jetzt anhebt, wird ohne Sprüche sein!

Vorwitz halblaut
Sapperment!

Reicher
Bist du zu stumpf, du tust mir leid,
Den wunderbaren Webstuhl zu erfassen,
Der webt aus Erdenstoff ein wechselnd Geisteskleid,
So bleibt dir freilich nichts, als uns zu hassen.
Dann geh nur auch von unsern Arbeitsstätten,
Nur wie wir liegen, können wir dich betten.

Bettler
Ob ich geh oder nicht, das wird sich zeigen.

Reicher
Bring etwas vor, so läßt sich etwas doch beginnen,
Aus Spinnweb etwa noch ein Faden spinnen –
Aus Nichts wird nichts!

Bettler schweigt.

König wendet sich ab Ein häßlich böses Schweigen!
Wir kehren uns von ihm –

Bettler lacht.

Weisheit hebt die Hände zu Gott Wend ab die fürchterliche Tat,
Zu der dies Schweigen sich zusammenpreßt!

Widersacher
Wie Donner jetzt ein Wort! ein Manifest!
Ein einzig ungeheueres Diktat!
Davon wir in die Erde sausen!

Bettler schweigt.

Widersacher
Du machst mir selber kalt mit deinen Pausen!

Bettler tut ein paar Schritte seitwärts, als wolle er gehen.

Widersacher
Nun – nun – die Spannung noch nicht hoch genug,
Daß sie in einem Blitzschlag sich entlade!
Noch nicht genug Gewölk um deine Brust versammelt!
Vollstreckungsaufschub – wie? doch keine Gnade!
Der Ausweg bleibt euch ganz und gar verrammelt!

Bettler ist mit langsamen Schritten bis dorthin gekommen, wo der Bauer steht, der sich mit seinem Arbeitsgerät befaßt und tut, als achte er nicht auf ihn.

Reicher tut einen Schritt ihm nach.

Bettler wendet sich zum Gehen.

Reicher mit beherrschter Miene, wendet sich auch, an seinen Platz zurückzutreten. Alle sehen mit verhaltener Beklommmenheit auf den Bettler, ob er abgehe oder nicht.

Bettler geht sehr langsam, wie in dumpfes Brüten verloren.

Vorwitz halblaut
Na, geht er schon amal – oder geht er nit! War höchste Zeit!

Bettler geht noch ein paar Schritte, bleibt dann, schon ganz an der Seite der Bühne, vor dem Bauern stehen.

Bauer hat vor einer Weile seine Sense in den Baum gehängt und aus seiner Tasche ein Stück Brot mit Speck gezogen und seine Mahlzeit gehalten, anscheinend ohne auf die andern zu achten. Jetzt, wie der Reiche auf ihn hinsieht, schiebt er den letzten Brocken Brot und Speck schnell in seinen Mund und nimmt wieder seine Sense, legt sie sich auf die Knie und dengelt. Nichts an ihm verrät, ob er die letzten Reden gehört hat oder nicht.
Mein Sensen ist uneben wor'n,
Muß einghaut haben in ein Dorn.
Was will der Mensch von mir?
Laut:
Was stehst, wer bist?

Bettler
Wer bist denn du, damit ich dich halt grüß?

Bauer tut noch ein paar Klopfer auf die Sense
Ich? Hm. Ein Bauer. Weißt nit, was das is?
Er steht auf und richtet sich vor dem Bettler auf.
Is halt ein Brotlaib auf zwei Füß. Nach einer Pause:
Was schaust herum?

Bettler Dahint der Hof ist dein?

Bauer
Is mein.

Bettler Die Wiesen da?

Bauer Sind mein.

Bettler
Der Streifen Feld?

Bauer Is mein.

Bettler Und dort
Der andre?

Bauer Mein.

Bettler Der Garten dort?

Bauer
Is bald gnug gefragt?

Bettler Dich kosts ja nur ein Wort.

Bauer
I gib dir noch zehn Wörteln zu.
Das Hemd am Leib is Web aus meinigem Flachs,
Aus meinigem Leder sind die Schuh,
Stadel und Gattern, Dach und Fach und Wänd
Aus meinigem Holz, zug'richt mit meine Händ.
In der Weis sitz ich zwischen Hart und Bach
Auf meiner selbgeschaffenen Sach.

Weisheit
Nennst du geschaffen, was ein andrer dir geliehen,
Vergissest du, durch wen der Hände Werk gediehen?

Bettler mit erhobenem Kopf, zieht die Luft ein, vor sich
O Luft von überm Bach am Wiesenrain!

Bauer für sich, unruhig
Mir scheint, der schmeckt die Wurst im Rauchfang drein!

Bettler nach einer Pause
Da bleiben, da! und wieder still und ständig sein!
Ob ihr an Arbeit für mich hätts?

Bauer besieht ihn prüfend
Waß nit – schwer Arbeit war dir eppa z' letz –

Bettler
Ich bin nicht landfremd. Von da droben, zwei Stund von da,
Bin ich, von drüberm Hart.

Bauer Aha, ja, ja!

Bettler
Der Vater war Waldbauer, Heger dann,
Ein Baum hat ihn erschlagen, 's war ein armer Mann.

Bauer
Könnt wohl so möglich sein. San bettelarm Leut
Und a nit stark. A saure Wiesen is geschwind g'heut,
A magre Geiß gschwind gmolken. Haben ihr Leben nit gschafft,
Im Sack kein Geld, im Arm kein Saft und Kraft,
Drum wandern s' aus und schliefen wieder heim,
Hat alls kein Wesen und kein Reim.

Bettler finster
An' Arbeit ob der Bauer hätt – im Stall? am Feld? –

Bauer nimmt hinterm Baum eine langstielige Axt hervor, wiegt sie in der Hand
Hab Kinder Stucker acht und schaff mei Arbeit selb.
Wär alls scho g'fehlt, wanns nit so wär,
Dann wär der Acker stärker als der Herr.

Bettler will gehen.

Bauer die Axt in der Hand
An Holzknecht brauchert' ich.

Bettler bleibt stehen Ist deinig auch der Wald?

Bauer
Ang'forstet ist der Hof seiter sechshundert Jahr.
Schlagrecht is mein. Wie's Mahlrecht dort am Bach,
Weidrecht im Tal und Fischrecht in der Ach.

Bettler
Bist ja mit Recht und Recht gspickt wie ein Igel gar,
Wer dir was nehmen wollt –

Bauer wiegt die Axt auf den Knien Der lasset' Haar!

Welt tut einen Griff auf ihrer Laute.

Bettler tut abermals einen Schritt, als wolle er gehen.

Bauer
So willst halt nicht. Macht Miene, die Axt hintern Baum zu stellen. I bau an' neuchen Stadel aus mein Holz.
Brauch Plöch und Bretter. Wär jetzt d' Jahrszeit recht.
Im Wald fehlt nix, was fehlt, das is der Knecht.

Bettler
Schlagrecht. Kein Klafter Brennholz, Tür und Dach,
Nix kaufen, alles aus der eigenen Sach,
Nix kaufen, Wiegen nicht und nicht das Hochzeitsbett,
Auch nicht den Sarg –

Bauer Holz kaufen? war a lausigs Gfrett!
Willst oder nit? i hab ka Zeit.
Hält ihm die Hacke hin.
I gib drei Taler Jahrlohn, ein Paar Schuh,
Und Hauswoll auf a Joppen noch dazu.
Die Hütten steht im Wald, Laubstreu is frei,
A Pfann is drin, 's Fetthäfen steht dabei.

Bettler hält unschlüssig die Axt in der Hand
Schaff Holz fürs Bett, und im Bett drin werd'n andre liegen,
An' andern seine Kinder in der hölzern Wiegen –
Aber der Wald is schön, und in der Einschicht sein
Is besser, als da stehn und zornig umeinanderschrein.
Na, Bauer: wenn ich aushalt bis ans End
Und robot dir im Wald mit die zwei Händ,
Und halt dir ord'ntlich wie a Stubn dein Wald –
An Sarg spendierst mir doch, sechs Bretteln halt,
Aus deinigem Holz?

Bauer Fehlt nix. Die kriegst.

Bettler Ich steh dir ein.
Mi ziehts in Wald wie mit an' Strick.

Bauer
Na mußt in Wald, is halt dei G'schick.
Wart noch. Hab noch was anzuschaffen,
Daß d' mir ein Ordnung haltst im Wald:
Das Krummholz is a richtigs Gsindel halt,
Schmarotzt mir am Waldboden, zehrt'n aus auf Schritt und Tritt,
Bettelbagagi, weg damit!
Verstanden? Wart noch! mußt di nur neindenken frei,
Was d' bist! na, was? Waldpolizei!
Das nämlich', was dahier am Hof der Hund,
Bist du am Hart und drent im schattigen Grund.
Verstehst?

Bettler will fort.

Bauer Wart noch. Wird doch nicht gar so eilig sein!
Is neuerdings Holzklauben gar so in Schwung kommen,
Und hat a wenig überhand g'nommen.
Da fahrst ma drein, sind Witwen allermeist
Und Kinder gar, daß d' mir nit viel rumschreist,
Richt' einer nix beim Glumpert mit an G'schrei,
Anzeigt wird nix, das macht nur Schererei.
Hau drein, jags aus, dös Schandpack soll mein Waldl respektieren
Und anderswo herumvagabundieren –
Verstehst?

Bettler für sich Mir steht jetzt was bevor, ganz nah!

Bauer
Ah, machst ja schon zvor a grimmigs Gsicht,
Recht wie der Teufel dort beim höllischen Gericht!
Gehst du den Dienst mit so ein' Eifer an?
Ja, dann werd'n wir zwei beieinander bleiben,
Muß immer ein Nagel den andern treiben,
Dann wirds was Rechts! Jetzt schau zu deiner Sach,
Schau nur dazu, daß dir dein Dienst recht gfallt –
Was is?

Springt auf.

Bettler springt gegen die Mitte, drohend gegen alle Ja, ich muß Ordnung machen,
Das is mir ein'geben, aber nicht allein im Wald!
Schwingt die Hacke gegen alle.
Ihr Dieb' und Schänder alle miteinander,
Euch gehts an Balg!

Bauer springt ihm nach
Heda, Falott, laß mir die Hacken aus der Hand,
Der böhmische Zirkel ist nit eingführt hiezuland.

Bettler
Was willst du da, was schreist mit deinem Mund?

Bauer
Die Hacken her und fort von hier! Du Vagabund!
Abgstrafter Kerl!

Bettler Was? wer?

Bauer Was? wer?
Der Bauer bin ich, und du stehst auf mei'm Grund.
Marsch, oder ich brauch Hausrecht!

Bettler ungeheuer Noch ein Recht!

Bauer
Und Herrenrecht dazu, wannst aufrebellst, du Knecht!

Bettler mächtig die Axt hebend
Dieb! Deine Recht sind g'stohlen, und zu der Stund
Ruf ich mirs heim als wie verlaufene Hund.
Er pfeift.
Jetzt kommt gleich 's erste Recht. Schlagrecht ist jetzt bei mir!
Siehst jetzt? die Recht sind lumpige Lakain,
Die allezeit dem Stärkern dienstbar sein.

Widersacher
Auf! Was du tun willst, lieber Sohn, tu schnell,
Gerecht vergoßnes Blut ist ewiger Freuden Quell.

Welt ist aufgesprungen.

Bauer in großer Angst
Is niemand da? Zu Hilf! Herbei!
Will ausweichen.

Bettler
Maul halten mit dem Wehgeschrei.
Mach deine Seel fürs letzte End bereit.
Jetzt kommt zum Ausgleich der uralte Streit.
Faßt ihn.
Fahr hin! Verreck im Straßengraben!
Hab ich nix ghabt, sollst du das gleiche haben.

Weisheit mit angstvoll erhobenen Armen, Reicher, König, Schönheit, alle vier treten zugleich einen Schritt vor
Halt ein, Mörder, halt ein!

Engel
Denkt, wer euch sieht, denkt an des Spieles Gang!

Weisheit
Da du ein Kind warst, grausete dich Kain,
Willst du in sein Geschick?

Schönheit geht auf den Bettler zu Schlag mich! Erschlag uns alle!

Alle zugleich
Schlag zu und bring mit eins die ganze Welt zu Falle!

Bettler, die Axt hoch erhoben, blicklosen Blickes, steht ihnen allen furchtbar gegenüber.

Welt
Trompeten drein!
Jetzt ist mein Spiel dort, wo's höher nicht mehr geht.

Eine Pause.

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