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Das Salzburger große Welttheater

Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger große Welttheater - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Salzburger große Welttheater
authorHugo von Hofmannsthal
year1990
publisherSuhrkamp Verlag
addressFramkfurt am Main
isbn3-518-01565-6
titleDas Salzburger große Welttheater
pages3-6
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bettler kommt langsam, schleppenden Ganges, von rechts.

Vorwitz sieht ihn, wie er noch weit ist
Ah, da ist er, der Bettler! haben s' den aber despektierlich herg'richt!

Bettler geht mit gesenktem Kopf, auf einen Knüppel gestützt; er spricht mit sich selber, scheint nichts zu sehen. Er geht auf der Bühne herum wie ein Verlorener.

Vorwitz
Ein grausliches Gehwerk hat der Mensch! er muß sich die Füß derfrört haben!

Weisheit verläßt ihren Platz und tritt auf den Bettler zu.

Bettler murmelt vor sich.

Weisheit in seinem Rücken
Was hast du unbekannter Mann im Sinn?
Komm!

Bettler zuckt zusammen Da sind Leut, da mach ich mich davon.

Weisheit tritt vor ihn
Tritt her. Ich will dich herbergen und pflegen.
Mich dünkt, zu lang bist du in keinem Bett gelegen.

Bettler ohne sie anzusehen
In keinem Bett? das geht ins neunte Jahr.

Weisheit
Woher des Wegs?

Bettler Ich weiß nit, wo ich gestern war.
Ich weiß nicht, wo ich heut hingeh.

Weisheit
Du hast gelitten Not und Weh.
Nimm da, und pfleg dich. Reicht ihm Geld aus einem Beutel.

Bettler kehrt sich ab.

Weisheit Steh mir Red!

Bettler
Ich steh nicht Red.

Weisheit Nimm meine Gabe hin,
Ich bin des Guts nur die Verweserin,
Denn es ist dein und aller Armen.

Bettler
Ich will kein Lirumlarum hören,
Brauch keine Sprüch und kein Erbarmen,
Ich will davon!

Er will gehen, versinkt aber wieder in Brüten.

Weisheit
Zweierlei Hochmut trägt der Mensch in sich:
In übermäßigem Glück und übermäßigem Leide.
Der oben thront, verwirft sie beide.

Bettler ohne sie anzusehen
Ich mag deine Predigt nicht. Ich will nichts von der Welt.

Weisheit
Ich steh nicht für die Welt, ich steh dahier für Den,
Der nicht abläßt, nach dir so sehnlich zu begehren,
Daß du mit zehnfach Eisen um dein Herz
Ihn doch nicht kannst vom Herzen ab dir wehren!

Bettler sieht sie voll an
Red – Weiberred – Ich hab ein Weib gehabt,
Der ist kein unnütz Wort aus ihrem Mund –
Er bricht ab.

Weisheit
Ist sie dahin?

Bettler Frag nichts! Ich steh nicht Red.

Vorwitz
An was ist sie denn gstorben? es wird schon nit so arg gwesen sein!

Bettler
Am Zufall is sie verstorben. Ich war zufällig nicht daheim –
Und der Stock da auch nicht –

Bauer sieht auf Die Red hat gar kein Reim!

Bettler
Da sind so ein paar fremde Hund über die Grenz daherkommen,
Und da hats mit ihrem Leben jählings ein End genommen.
Die Hütten war verbrannt und die Frau halt auch und die Kuh dazu.
Ganz still hat die Brandstatt geraucht in einer besonderen Ruh!
Die Kinder haben sich versteckt im Wald
Und die Geißen in ein Dörnicht getrieben,
So sind sie den Tag am Leben geblieben.

Bauer
Ah! an der Grenz! da draußt! ja da is nit gut sein!
San bettelarm Leut und recht ein schlechter Wein.
Dort wohnen stünd mir nicht zum Sinn,
Ich sitz im Landl mitten drin.
Er dengelt.

Bettler stiert vor sich hin, halblaut
Warum, warum?

Weisheit Ruf dir dein inneres Licht zu Hilf.

Bettler
Ist ausgangen das Licht. Noch nicht den Tag,
Wo s' mir die Frau erschlagen haben,
Nein später, wie ich hab müssen die Kinder
In einer selbgrabenen Gruben begraben.

Vorwitz
Werden nit alle auf einmal gstorben sein!

Bettler
Nein, nein. Auf einmal sind nicht alle viere gstorben
An der schandgierigen Hungerseuch.
Am Mittwoch nur zwei, am Donnerstag eins,
Dann am Sonntag das letzte – es war eine stille Leich,
Die Verwandtschaft, die Leichenträger und der Totengräber dazu
War alles die nämliche Person. Und du?
Du hast den Tag fleißig gebet't? ja, du?
Schön g'sungen und mit Weihrauch geräuchert auch,
Alls nach der Ordnung und heiligem Brauch,
Und dicke Mauern um dich herum
Und eiserne Gitter vor jedem Loch,
Daß nur sicher war! nur recht sicher doch!
Und andre – andre sind vogelfrei
Und können Händwinden und Blutschwitzen
Und zwingen sich keine Hilf herbei!
Warum?

Weisheit Es hat sein müssen. Trotzigem Warum
Bleibt der saphirene Gerichtshof stumm. Sie deutet nach oben.

Bettler
Nein: es hat nicht sein müssen! Lüg nicht! Nein!

Er stößt seinen Knüppel auf den Boden.

Andern ist nichts passiert! Wer reich war, ist davon!
Wer sich ein Pferd hat kaufen können,
Hat mögen der Seuch aus dem Netz rennen!
Warum? warum? wo steht das geschrieben!
Mein Fleisch und Blut hat müssen auf den Mist,
Den andern ihrs ist springlebendig blieben!
Wo steht das? wo? wo steht, daß meine Brut
Zum frühzeitigen Sterben hat getaugt,
Den andern ihre war dafür zu gut!
Das Maul auftun jetzt! her mit dem Gericht,
Das zwischen mir und euch den Handel schlicht't
Hier schrei ich um mein Recht!

Weisheit
Dein Schrei ist Qual der Kreatur,
Doch gegen wen vor irdischen Schranken willst du klagen?
Wer von den Unseren hat an dir mißgetan?

König tut einen Schritt.

Weisheit
Hier tritt heran, in dessen Hand der Stab,
Ihm bringe vor die giltige Beschwer.
Doch hüte dich, daß nicht ein finstrer Wahn
Sie über alle Maße treibe.

Sie tritt gegen ihren Platz.

König
Was will der Mensch? Wo kommt er uns daher!

Bettler
Daher? Euch nicht zum Guten!

Weisheit von ihrem Platz Bleibe
In Maßen, Mensch! todsündig ist der Zorn!

König
Wes Unrechts zeihst du welchen aus den Meinen?
Wen zeihst du wessen? Rede gib! Wir haben –

Bettler
Ihr habt, und ich hab nicht – das ist die Red,
Das ist der Streit und das, um was es geht!
Ihr habt das Weib und habt das Kind,
Und habt das Haus, den Hof und auch das Ingesind,
Ihr habt das Feld und habt die Kuh,
Und habt das Kleid und auch den Schuh,
Und habt ein warm satt Blut im Leib,
Und habt die Zeit und noch den Zeitvertreib,
Ihr habt den Tag und habt als zweiten Tag die Nacht
Mit Fackeln, Kerzen, Glanz und Pracht.
Ihr habt den Wein und noch ein Lautenspiel zum Wein,
Und habt das Ding und noch den Schein,
Und habt das ganze Erdenwesen
Und noch das Buch, darin recht schön und faul zu lesen,
Darin wird eure Welt beschmeichelt und bewitzelt,
Damit euch, was ihr habt, noch einmal traumweis kitzelt.
Das alles habt ihr und woher? weil ihrs gestohlen,
Gebaut das Haus auf Bruders schmählichem Verderbe!
Jakob, du sitzest in gestohlenem Erbe,
Und Esau kommt, das Seine sich zu holen!

Widersacher bläst ein, da jener innehält
Natur gibt mir und euch das gleiche Recht,
Natur kennt keinen reichen Dieb noch armen Vagabunden!

Bettler ohne sich umzudrehen
Schweig! Meine Red hab ich aus mir gefunden,
Brauch keinen Fürsprech.

Widersacher Ist mir zehnfach recht!

Vorwitz
Pfui Teufel, wie der freche Kerl aufbegehrt!

Schönheit tritt zum König, der unwillkürlich sein Schwert in der Scheide vom Gürtel gegen die Brust erhoben
Mein Herr, ich acht es für verlorne Stund,
Zu hören eine blinde Rede,
Die häßlich losringt aus verzerrtem Mund.

Widersacher richtet sich auf
Samson war blind und hat das Haus zerschmissen,
Drin tafelnd der Philister lag!

Weisheit
Hast du geheim nicht noch ein ander Wissen,
Du fremder Mann, als tönt aus deiner wilden Klag?

Schönheit
Sieh, wie er tierischen Blickes auf mich starrt,
Mach mich des bösen Anblicks ledig!

König hebt den Mantel und birgt sie
Mein Kanzler!

Reicher beugt ein Knie Herr, was anbefiehlst du gnädig?

König
Uns ziemt nicht mit erhabner Gegenwart,
Ein solches freches Toben zu erdulden:
Wo wir auftreten, wollen wir in Hulden
Erkannt sein und in Ehrfurcht scheu und zart.
Bedeut ihn! Maßen unsres Amts nicht ist,
Daß wir zu einem Streite uns erniedern –
Sollst du an unsrer Stelle ihm erwidern.
Weh, käm der Tag, da Rang und Ordnung wankte,
So wie dem Leibe, dem das Herz erkrankte
So widerfahre dem gemeinen Wesen,
Dessen zu wahren wir von Gott erlesen.
Bedeut ihn das, verweis ihm seine Klage,
Du wärest nicht, wofür wir dich erkannt,
Stünd dir nicht Geist und Rede zu Gebot,
Wo Geist, das Störrische zu lenken, not.

Reicher
Dir zu Befehl.

König nimmt Schönheit bei der Hand, sie zurückzuführen.

Schönheit, indem sie sich zum Abgehen anschickt, wendet ihr Gesicht voll dem Bettler zu.

Bettler gewahrt nun erst Schönheit in ihrer ganzen Macht Die! ist die auch bei dir!
Ist dies da, Gabe unter allen Gaben,
Wovon ein Strahl das ärmste Herz durchfährt,
Unten in oben, Nacht in Tag verkehrt,
Ist dies auch eingeschlossen in dein Haben?

Weisheit
Heil dir, vermagst im Bilde überm Schrein
Den Abglanz du des Höchsten zu erkennen!
So hoff ich noch.

Bettler Nein, nein und dreimal nein!
Das ist zuviel, daß dieses Lebens Krone
Bei euch in eurer Diebesherberg wohne.
Was? schmiegt sie sich an dich! jetzt hats ein Ende!
Ich brech in dein Geheg! ein neuer Weltstand her!

Wirft den Stock weg.

Nieder, Philister! Hier sind Samsons nackte Hände!

König hat Schönheit an ihren Platz geführt, steht selber an seinem.

Reicher tritt auf den Bettler zu, mißt ihn erst mit dem Blick
Heb auf den Stab, er wird dir nötig sein.
Du habest denn genug der wüsten Wanderschaft
Und dieses Knüppels, wo im Wald errafft,
Und tauschest dir dafür ein nützlich Werkzeug ein.

Einen Schritt näher

Das rat ich dir. Du bist, mich dünkt, ein Mann,
Ich bins gewohnt, mit Männern zu verkehren.
Das hat ein rechter Mann an sich: man kann
Mit einem rechten Wort ihn oft gradhin belehren.

Bettler
Die Gall ist unser, Honig euer Teil.
Willst du mir Honig um die Lippen schmieren?
Was willst du sonst? nimm dich in acht!
Nämlich: ich hab nichts zu verlieren!

Reicher
Doch manches, denk ich, zu gewinnen,
Genau so wie wir Werkleut alle,
Wir alle hier und du, wir sind im gleichen Falle,
Vielleicht geht dir davon ein Licht zu Sinnen.

Bettler finster, verhalten
Der Weltstand muß dahin, neu werden muß die Welt,
Und sollte sie zuvor in einem Flammenmeer
Und einer blutigen Sintflut untertauchen,
So ists das Blut und Feuer, das wir brauchen.

Reicher
Ordnung ists, die ihr braucht!

Bettler Mit dem verfluchten Wort
Kommst du mir nicht. So nennt ihr die Gewalt,
Die uns in Boden drückt.

Reicher Warum spritzt deine Rede
Nicht aus dem Aug, das dir sich wütend ballt,
Warum nicht aus der Faust mit ihrem wilden Schwunge,
Warum vertraust du sie der ungelenken Zunge?

Bettler
Was?

Reicher Weil in deinem Leibe so die Ordnung ist!
Willst du da deine wilde Klag herbellen,
Uns alle vor den Richter stellen,
Die Zung nach Amt und Ordnung muß dir dienen.
Aufstampfen wüst, blutunterlaufne Mienen,
Die tuens nicht allein. Und soll die Zung nicht stammeln
Und deiner Klagred nicht, indem sie sie gebiert,
Als einer Totgeburt noch schnell den Weg verrammeln,
So muß dein innrer Sinn an ganz geheimem Ort
Sich ein Gedankenbild, ein sinnvoll Wunderzeichen,
Erschaffen und der Zung es nach der Ordnung reichen,
Zu schießen gegen uns das scharfgeprägte Wort.
Noch mehr: dies Wunderding der Ordnung nachzuschaffen,
Muß sich der innre Sinn erst den Begriff erraffen
Aus einer Geisterwelt, die wie das Sternenmeer
Sich oben wölbt und blitzt und schießet Strahlen her,
Denn wenn er nicht hinauf nach solchen Lichtern griffe,
So lahmet deine Red, sie läuft nur durch Begriffe.
Was du herbelferst hier von Herr und Knecht,
Von Erbe und Enterbt, Gerecht und Ungerecht,
Es ist dir nicht von selbst zu Hirn gediehen,
Jahrtausendaltem Schatz hast du's, der Ordnung nach, entliehen –
So seh ich dich, den Samson unsrer Welt,
Den Rütteler am Pfeiler unsres Hauses,
Heraufbeschwörer wüsten Höllengrauses,
Dich, der gen jede Ordnung aufrebellt,
Mit allem deinem Toben, deinem Trotzen,
Dich an uralter Ordnung noch schmarotzen.
Reiß Ordnung ein, den heilgen, alten Damm,
Reiß ein, lös auf die ganze Welt in Schlamm!

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