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Das Salzburger große Welttheater

Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger große Welttheater - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Salzburger große Welttheater
authorHugo von Hofmannsthal
year1990
publisherSuhrkamp Verlag
addressFramkfurt am Main
isbn3-518-01565-6
titleDas Salzburger große Welttheater
pages3-6
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Symphonie hebt an, die Welt steht vor dem Vorhang und singt hinein. Die Männer, die den Vorhang halten, treten auseinander. Vorwitz springt nach links, klappt den Faltstuhl auf, auf einem erhöhten Platz, richtet der Welt einen Thron. Die untere Bühne wird sichtbar. Sie ist leer, nur links steht ein Fels, rechts ein Baum. Engel stehen auf der oberen Bühne. Die Welt setzt sich auf ihren Platz ins Proszenium. Tod auf ihren Wink geht querüber, stellt sich rechts zwischen die Vorhänge. Widersacher kauert rechts unten im Proszenium.

Die Symphonie endet.

Engel tritt vor an den Rand der oberen Bühne in der Mitte
Ihr Menschen, zu des Lebens Spiel erwacht,
Nehmt eurer Tritte jeglichen in acht.
Ihr wandelt von der Wiege Ruh
Auf eures Sarges Frieden zu.
Der Meister vom erhabnen Thron
Sieht hin und wägt euch Straf und Lohn.

Vorwitz
Jetzt ist schon angesagt und verkündigt genug, jetzt könnten sie schon einmal anfangen.

Fanfaren, minder gewaltig als beim Kommen des Meisters.

König tritt von links auf und schreitet auf die Mitte der Bühne zu.
An diesen Platz ziehts meine Schritte;
Hier bleibe ich: der Herr steh in der Mitte.
Wohin ich schau, mir alles untertan,
Herrschen ist Leben – alles sonst ein Wahn.
Die Gau'n und Marken, kaum zu zählen,
Empfangen Glanz und Reichtum von Befehlen.
Die Berge schaun herein, die Flüsse blitzen,
Und sehn mich in ererbten Ehren sitzen.
Sei mir das Herz im Herzen eingeweiht,
Und mit der herrlichen Gerechtigkeit,
Mit dem Verstand, der Weisheit und der Stärke,
Gesegnet meine Tag' und meine Werke.
Daß ich des Lands als Leu und Adler walte,
Das Hohe hoch, das Niedre niedrig halte.

Vorwitz
Eine schöne Sprach! Aber schön reden und gut spielen ist zweierlei!

Schönheit von links, Weisheit von rechts treten auf. Sie gehen sehr langsam aufeinander zu.

Die ist sehr schön. Das muß eine Hofdam sein! – Und die andere eine Klosterfrau! O je, so jung!

König
Zwei herrlich wunderbare Fraun.
Die müssen mir sogleich sich anvertraun.
Gesegnet, daß ichs hab in Mächten,
Solche zu mir zu ziehen in Glanz und Prächten!

Schönheit bleibt stehen
O schöne Welt, o aufgetane Pracht,
Wie alles zu mir blitzt und äugt und lacht!
Reizende Ferne, zauberhafte Nähe,
In der ich als ein Zauberwesen stehe.
Um mich dies Gartenfest hält seinen Atem an,
Und dort im Hintergrund ein schöner Mann –
Und wär er König, Herrscher über alle,
Er tritt mir nah und ist schon mein Vasalle!

Vorwitz
Ah, die ist zu schön! Jetzt schaut sie sich in Spiegel! Recht hats!

Schönheit senkt den Spiegel
Beinahe Angst haucht auf mich aus dem Spiegel,
Darf eins denn offen tragen Gottes Siegel?

Weisheit
Wie sollte Erdenlust in Spiegel sehen
Und nicht ein Todeshauch sie überwehen?

Schönheit erblickt ihre Hand
Du aber, meine Hand, du wunderbar Gebilde,
Du Elfenbein, du Blume, zaubrisch Zeichen,
Was führest du, geschmeidige, im Schilde,
Den Schlüssel drehest mir zu welchen irdischen Reichen?

Weisheit birgt ihre Hände
Du meine Hand, aufschließ die stille Zelle,
Schnell überschreit, mein Fuß, willkommene Friedensschwelle!

Schönheit
Sieh auf! Es lacht auf uns die ganze Welt,
Für uns bewimpelt, Jugend seidnes Zelt!
Sieh auf, du Liebe!

Weisheit Liebe, laß mich fort,
Uns beide beherbergt nie der gleiche Ort.

Schönheit
Nein, bleib bei mir, ich mag allein nicht stehen.

Weisheit
Es will schon jemand dir zur Seite gehen!

Schönheit
Bleib da, ich will! Man soll allein zu mir nicht treten!

Weisheit
Mich ziehts, wo ich allein: in Einsamkeit zu beten!

Sie tritt einen Schritt nach links.

Vorwitz
Die ist mir fad! Alleweil beten! Beten! So a junge Person!

Schönheit
Mich anschaun darf er ja, weil jedes Auge lacht!

Weisheit
Mich soll nur einer sehen, der sieht auch durch die Nacht.

König tritt auf Schönheit zu.

Schönheit aus dem Augenwinkel
Wie Macht und hoher Stolz noch einen Mann verschönt!

Weisheit
Ein Mensch wie andre auch: ein schwaches Haupt, gekrönt!

Beide neigen sich.

König
Zu mir, du Namenlos, du herrlich Wesen!
Wohin du schwebest zwar ist Königes Palast.
Helenas Werke sind nicht einst gewesen,
Sie werfen ab Jahrtausendlast,
Sind wieder, sind von heut, sind ewig da!
Was jemals herrlich war, ist wieder nah,
Du bleibst bei mir, an meiner Seite hier!
Meinst du, wer dich gesehn, der ließe noch von dir?
Ich bitte nicht, dem König gilt kein Nein,
So braucht es auch kein Ja. Es muß so sein!
Dorthin! bei mir!

Er führt sie ein paar Schritte zu dem Platz an seiner Linken, kehrt dann zurück, tritt zur Weisheit.

Doch du, so weise, klar und mild,
Zu meiner Rechten hier nimm Platz, du edles Bild.
Und ziehn wir uns zu frommem Sinnen ein,
Erleucht uns du mit sanftem Ampelschein.

Weisheit
Zu nah dem Wirbel, der inmitten dieser Welt.
Ich habe mich aus ihr in Ewigkeit gestellt.
Siehst du den Fels – die schöne Einsamkeit –
Dorthin!

König Von meiner Stadt und meinem Hof so weit?
Nicht gern. Doch wer kommt da? mein mächtger Handelsmann –

Der Reiche ist aufgetreten, schreitet ehrerbietig auf den König zu.

Vorwitz
Das ist der Reiche! Man schaut ihms völlig an. Der Pelz und die Ketten! Sakra! Ah, der Bauer ist auch da. Jetzt fehlt noch der Bettler, dann wär die Quart beisamm!

Bauer ist gleich nach dem Reichen von der entgegengesetzten Seite aufgetreten (er trägt eine Sense, außerdem eine Axt und einen Spaten). Er tritt gleich zu dem Baum, lehnt die Axt und den Spaten daran und schickt sich an, seine Sense zu dengeln.

König
– und dort! Der Nährstand, unser braver Untertan.

Bauer
Nur nit viel herschaun, das war mir ka Ding –
gebts mir an Fried, daß i mei Arbeit vorwärtsbring.

Rückt, daß er hinter den Baum kommt.

Weisheit
Ist Weisheit nicht in ihm, sie ist in seinem Tun.

König zum Reichen
Mein vielgewandter Mann!

Reicher Wird deine Gnad geruhn,
Was ich im Lande schuf, mit Hulden anzusehn?

König
Du bist mir hochgeehrt. Sollst mir zur Seiten gehn.
Du hast schon viel gewirkt.

Reicher Viel mehr ist vorbereit',
Wenn dies erhabne Schwert mir weiter Schutz verleiht.
Dir ist gewaltiger Herrscherruhm beschieden,
Mehrer des Reichs, du bists im tiefsten Frieden.
Dein hoher Sinn hat sich der neuen Zeit
Und ihren großen Dingen zugeneigt.
Du hast dich als ein Fürst bezeigt,
Den sie vor anderen hat eingeweiht
Und ihm geheim ihr Losungswort vertraut:
Der Gott der neuen Zeiten heißt Verkehr,
Ihm sei dein Reich zum Tempel umgebaut.
Der Berg durchstochen, Bergsee aufgestaut,
Kanäle binden Fluß und Fluß,
Ans Tal das Tal, die Ebne an das Meer –
Denn jede Stund, da Ware schneller rollt,
Schafft neuen Wert, ist bares Gold
Und steigert deines Thrones Machtgenuß.
Die Nachbarn, von so hoher Kraft bezwungen,
Sie stimmen ein in ihren Zungen,
Wo nicht, so werde, was doch werden muß,
Zu ihrem Heile ihnen aufgedrungen!
Bauer
Wann dem die staatischen Sachen geraten,
Steigts Körndl um a paar Dukaten.
War a nit schlecht so weit.

Weisheit
O Strafe ob der Welt, o Gier, o Trachten!

König
Ich muß den Sinn, der in dir brennt,
Verwandt mit meinem eignen achten,
Weil er nicht Grenzen anerkennt.
So bin auch ich: das Wort ›genug‹ will ich nicht kennen.

Reicher
Genug? das ist ein niederträchtiges Wort,
Mit dem die Faulen ihre Faulheit nennen,
Uns sind zehn Flügel innen angewachsen,
Verflucht, wer hockt an seinem niedren Ort,
Mit Faulheit, Feigheit und den andern Faxen.

Bauer
Tät eins nit hocken, wo's hinghört,
Na könnts euch anschaun...

König Mir erprobt und wert,
Schatzmeister bist du schon, sei mein Minister
Und Kanzler auch: nur wer die neuen Wege weiß,
Kann alle Kräfte straff zusammenhalten,
Zur Einheit eines großen Ziels verwalten.

Reicher küßt ihm kniend die Hand, steht wieder auf, schweigt wie beschämt.

Widersacher prompt einflüsternd
Und muß es sein, so wird dein Schwert für mich –

Reicher
Und muß es sein, so wird dein Schwert für mich –

Widersacher
Aus seiner Scheid –

Reicher nimmts auf Aus seiner Scheide blitzen –

König
Was sagst du da? für dich?

Widersacher schnell Für das, was wir besitzen!
Für unsre Macht und Ehr!

Reicher stark
Für unsre Macht und Ehr!

König Des mög der Ewige walten!

Er zieht sein Schwert.

Weisheit
Gedenk: das Hohe hoch, das Niedre niedrig halten!
Tust du nach deinem Spruch?

Schönheit sieht sich in dem Spiegel
Wie schön im Widerschein der Macht
Aufleucht ich vor mir selbst!

Bauer dengelt seine Sense.

König stößt sein Schwert wieder in die Scheide.

Engel Habet des Spieles acht,
In dem ihr steht, und wie sein Name erst erklang.
Der Herr ist über euch! Vergesset nicht den Gang.

Welt tut ein paar Griffe auf ihrer Laute, die sie im Schoß hält.

König winkt dem Reichen, den Platz zu seiner Rechten einzunehmen, und tritt selbst auf seinen Platz in der Mitte
Mit hocherleuchtem und bemühtem Sinn
Hab ich mein Reich wie einen Ring geründet
Und schau zufrieden auf sein Blühen hin.
Auf Schwertes Kraft ist Macht gegründet,
Die Schönheit wohnt im goldenen Palast,
Gebet steigt auf aus heiligen Mauern,
Der Nährstand trägt nach Recht für uns die volle Last,
Steht fest auf seinem treu beschränkten Sinn
Und wird in diesem Sinn auch dauern.

Bauer hält im Dengeln inne
Ich steh recht fest auf die zwei Füß, ja! ja!

Weisheit
Erbarm dich, Herr, und bleib auch nächtens nah!

Vorwitz
Sehr zufrieden sind die alle! Gemütliche Leut hab ich gern. Jetzt möcht ich wissen, wo der noch alleweil bleibt, der den Bettler spielen soll! Wann der jetzt in eine solche zufriedene Gesellschaft hineinkäm, könnt er auch nicht grantig sein.

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