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Das Salzburger große Welttheater

Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger große Welttheater - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Salzburger große Welttheater
authorHugo von Hofmannsthal
year1990
publisherSuhrkamp Verlag
addressFramkfurt am Main
isbn3-518-01565-6
titleDas Salzburger große Welttheater
pages3-6
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die unverkörperten Seelen ziehen auf, stellen sich singend auf der unteren Bühne in zwei Halbkreise. Sie tragen fahle, kuttenartige Gewänder, eine wie die andere. Auch ihre Gesichter gleichen einander wie die Larven, ohne jedes Merkmal des Geschlechtes, des Alters oder der Person. Sobald sie auf der unteren Bühne aufgestellt sind, die Gesichter dem Palast zugewandt, verstummt ihr Gesang. Welt, Tod und Vorwitz sind ins Proszenium ausgewichen. Widersacher hat sich gleichfalls im Proszenium auf einer abwärts führenden Stufe eingerichtet, indem er schon seit geraumer Zeit seine Handbibliothek aus der Reisetasche nimmt und vor sich ordnet. Der zweite Engel tritt aus der Palasttür hervor, er trägt ein Bündel Pergamentrollen im Arm.

Zweiter Engel an den Rand der oberen Bühne vortretend
Euch leiblose Seelen mit meinem Auge zu unterscheiden lehrte mich der Meister. So rufe ich euch auf, ihr seid auserlesen, vor ihm zu spielen. Tritt her, du (er winkt einer der Seelen), und empfange des Königs Rolle.

Eine der Seelen tritt heran und empfängt aus der Hand des Engels, der sich ihr oben entgegenneigt, die Rolle. Rollt sie auf und blickt hinein. Andere treten hinzu, sehen ihr neugierig über die Schulter in das Blatt.

Zweiter Engel deutet auf eine andere der Seelen
Du, spiele die Weisheit!

Welt tritt näher, winkt den Dienern
Kron und Mantel dem! Das Schwert mit goldenem Griff! Die Weisheit wird von einer Nonne vorgestellt! Ein Habit her! Ein Zingulum!

Zweiter Engel auf eine dritte Seele deutend
Du bist der Bauer!

Welt
Vorwärts! Dem Bauern grobe Schuh, ein grobes Gewand, einen Spaten. Vorwärts!

Zweiter Engel wie oben
Du sollst die Schönheit spielen!

Einige von den Dienern haben etliche Stücke Teppich oder Seidendamast gebracht, zugerichtet zu Vorhängen, nur zweimannshoch, mitsammen breit genug, die vordere Bühne abzuschließen. Drei von ihnen haben hohe lange Stangen in Händen mit Gabeln oben, damit stützen sie die Vorhänge, so daß die untere Bühne nun ganz verhängt, aber zwischen den Vorhangteilen Aus- oder Eintritt gegeben ist.

Vorwitz gibt ihnen dabei Anordnungen, weist ihnen läppisch die Plätze an wo sie stehen müssen.

Welt tritt durch den Vorhang heraus, späht aber zwischen den Falten wieder hinein, wie das Ankleiden drin vor sich gehe. Ruft zwischendurch nach außen: Es wird gleich angehen!

Man hört die Musiker ihre Instrumente versuchen, Welt horcht auf sie. Man hört indessen eine Unruhe auf der Bühne. Daraus hebt sich eine starke Stimme ab, die öfter heftig: Nein! ruft.

Vorwitz schlüpft aus dem Vorhang hervor, dumm aufgeregt
Es ist da eine Vorfallenheit untergekommen, wie sie mir jedenfalls noch nicht untergekommen ist!

Welt
Wo?

Vorwitz zeigt hinter sich
Da auf der Bühne, bei dem Rollenausteilen. Da! Schau sich die Frau das an!

Eine Seele, der Bettler, tritt eilig zwischen den Vorhängen hervor. Sie trägt eine Rolle in der Hand. Ihr nach tritt ein Theaterdiener, der ein zerfetztes Flickenwerk, das Kostüm des Bettlers, trägt.

Seele tritt auf die Welt zu
Da, nimm die Rolle wieder, die mir zugeteilt ist. Ein anderer mag das spielen, ich nicht! Ich nicht! Ich nicht!

Der Theaterdiener geht hinter ihm drein, bleibt hinter ihm stehen.

Welt
Was soll sein? was schreist du: Ich nicht!

Seele
Ich spiele die Rolle nicht. Ich ziehe dieses Gewand nicht an. Nimmts dem Theaterdiener aus der Hand, wirfts der Welt vor die Füße.

Vorwitz
Das wäre eine neue Mode. Oder ist da vielleicht ein Irrtum gegeben? Nimmt ihm die Rolle aus der Hand, besieht sie. Rolle: der Bettler. In Klammern: ein unglücklicher Mensch. Besieht das Gewand, indem ers vorsichtig anrührt. Gewand des Bettlers. Vollständig entsprechend. Sehr bettelhaft. Da ist alles in Ordnung. Was will der Schauspieler? worüber beschwert er sich? Das sind schwierige Leute!

Seele zur Welt
Dir sag ich nein! Lieber ungeboren dahin! Tot sein und bleiben! Hält ihr die Rolle hin.

Welt nimmt die Rolle, sieht hinein, blickt um sich
Was zürnt der Ungeborene so? Versteht ihn einer?

Vorwitz
Wie halt die Rollen ausgeteilt sind, das kann er nicht verschmerzen.

Seele
Da! Reißt ihr die Rolle aus der Hand.

Vorwitz
Das möcht ich mir ausgebeten haben, daß du der Spielmeisterin so lümmelhaft an den Leib fährst!

Welt
Laß. Er soll reden.

Seele hält ihr die Rolle hin
Da! Da! Das soll ein Leben sein! Das da eines Lebens Anfang! Eine Jugend das? Er blättert in der Rolle. Das eines Mannes Lebenszeit! Da: Qual und Not, Not und Qual, Qual und Not! Spott und Hohn! Einsamkeit, gräßlich, eine Hölle! Da stöhne ich in Verlassenheit! Da hause ich unter einer Brücke und zehre von dem, was Ratten nicht mehr wollen. Da schrei ich in Herzensangst, und sie zucken die Achseln da bleck ich die Zähne in Verzweiflung. Da, verlassen wie kein Hund, raff ich mich noch einmal auf und lebe, lebe noch immer, rede fast nichts mehr. Da singe ich Lieder! Ahnst du, was das für Lieder sein werden, die da mein zahnloser Mund singen wird?

Welt
Und? was noch?

Seele packt das Gewand und hält ihrs unter die Augen
Das soll mein Gewand sein! Ein verhaderter Fetzen – das Kleid der Unehre, stinkend! Darin soll ich leben und sterben! – Und deiner Tiere letztes, Frau, trägt ein seidenweiches Fell oder ein Schuppenkleid aus Gold und Silber! Wirft das Gewand wieder hin und tritt darauf.

Welt
Bist du so feige, Menschenseele? Geh mir aus den Augen, ich mag kein feiges Geschöpf sehen. Meiner Tiere letztes steht tapfer in dem Kampf, in den ich es hineingestellt habe. Und du willst nicht einmal im Spiel den schlechten Part auf dich nehmen? Zieh dich an, oder ich muß Knechte rufen! Damit wir weiterkommen!

Vorwitz
Feige Leute sind uns zum Ekel! Hast du nie was von einer Sach reden gehört, die man beispielmäßig Mut nennt? Das war schon den Römern bekannt!

Welt
Ruf Knechte her, kleidet diesen in seine Spieltracht. Es ist Zeit, daß wir anfangen.

Theaterdiener winkt, es treten zwei andere hervor. Sie fassen die Seele, machen Miene, ihr das Bettlergewand anzuziehen.

Seele macht sich los
Läßt du durch deinen Bedienten mich einen Feigling schimpfen, der das Harte nicht auf sich nehmen will? so wisse das: die Jammerrolle spiel ich nicht! Und es soll sie kein anderer auch nicht spielen! Er zerknittert die Rolle in der Hand.

Widersacher
Gesprochen wie ein Mann! Ich erhebe für diese Seele den Anspruch auf natürliche Gleichheit des Schicksals!

Welt winkt den Dienern
Es ist genug Zeit vertan. Angezogen den Mann und hinaus auf die Bühne! Wenn er dort steht, wird er sich hineinfinden ins Spiel!

Widersacher
Intercedo! Ich tue Einspruch! Ich protestiere gegen Vergewaltigung! Es ist eh und immer geklagt worden, daß eine blinde, tyrannische Gewalt hat geschaltet über die Menschen schon im Mutterleib – von zweien Zwillingen, ungeboren beide, unschuldig beide, zum voraus den Jakob begnadet, den Esau verworfen! Soll das so weitergehen und in unserer erleuchteten Zeit dergleichen Willkür fortrasen?

Engel tritt zwischen den Vorhängen hervor.

Seele hat sich den Händen der Diener entrissen, schreit auf
Nein!

Widersacher
Ich sehe, die Herrschaft schickt einen Boten. Es wird auf einen Ausgleich herausgehen. Der junge Mann hat das Wort. Wir sind begierig.

Engel
Zu dir red ich nicht. – Warum hältst du uns auf, unbotmäßige Seele? Die andern sind gekleidet. Der Bühnenmeister will's Zeichen geben. – Was schnaubst du so, wie ein Pferd, das der Schmied hat werfen müssen? Sprich zu mir.

Seele noch auf den Knien, sieht zu ihm auf.

Die Theaterdiener sind zurückgetreten, einer behält das Bettlergewand in der Hand.

Engel beugt sich über die Seele mit einem Lächeln
Weißt du denn, ob du Esaus Los gezogen hast und nicht Jakobs? Ein Feuer ist deiner Seele eingeboren, das nach oben lodert, das weist mehr auf Jakob als auf Esau. Seine Flamme brannte dunkel und rauchig.

Seele steht auf
Und wär ich Jakob. Es darf so nicht gehandelt werden wie an Esau. Ich leid es nicht. Die Rolle ist verflucht. Will sie zerreißen, kanns nicht.

Engel
Laß. Menschenhände zerreißen kein Pergamen, das von dorther kommt. – Reich mir die Rolle. Ich gebe sie dir wieder, sobald du deiner mächtig bist.

Seele
Niemals. Nicht denken, daß einer soll verdammt sein, so zu leben!

Engel
Tapfere Seele – ich weiß: nicht daß du leiden sollst für eines Spieles kurze Stunde, schaudert dich, dich schaudert zu erkennen die Finsternis, in der Adams Kinder hausen.

Seele
Es sind welche im Spiel, in deren Hand ist Macht gelegt, es sind Herren und Knechte, Mündige und Unmündige. Wer teilts aus? Das Glück? Ich will nicht unter einer blinden Metze Fuchtel stehen. Ich will nicht!

Engel
Dein Mund redet wüst, aber in dir, wie eines Bergmanns Lampe, ruhig leuchtend in der tiefsten Tiefe, brennt das Einverständnis.

Seele
Du hältst mir einen Köder hin, und etwas in mir zuckt freilich danach, ihn zu verschlucken.

Engel
Bekennst du das? Ehrliche Seele!

Seele
Aber ich weiß, wenn ich den gekrümmten Haken verschluckt habe, dann reißest du mich gegen Strom dahin, und ich will nicht! Gib mir eine Rolle, in der Freiheit ist, soviel als eines braucht um nicht zu ersticken, oder laß mich heraus aus dem Spiel!

Engel
Aber wer Freiheit hat und ist ihrer würdig, der fragt: wozu habe ich Freiheit? und ruht nicht, bis er erkennt, welche Frucht sie bringen. Die Frucht aber der Freiheit ist eine: das Rechte zu tun.

Seele
Betrüg mich nicht! – Nein. Du betrügst mich nicht! So erbarm dich!

Engel
Die Tat allein ist Schöpfung über der Schöpfung. Ihren Duft unmittelbar zu Gott zu tragen ist unser Dienst. Erfassest du, heldenhafte Seele, dein ungeheueres Vorrecht? Spielst du also den Bettler? Er hebt die Rolle.

Seele
Du sprichst: Tat? Meine Seele dürstet nach Tat! Wo wäre in dieser jammervollen Rolle der Raum für eine einzige Tat?

Engel
Spiele die Rolle, und dir wird sich enthüllen, was sie gehaltet.

Seele
Ich kann nicht. Laß mich heraus. Es sind welche für diesmal ohne Rolle. Ich verstecke mich unter denen.

Engel
Du aber hast eine bekommen. So bist du gewählt.

Seele ringt mit sich
Ich habe Worte in der Rolle gesehen, die dürfen nach Recht aus keiner Kreatur Munde gehen!

Engel
Hast du diese Worte gelesen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und auch diese: Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe - ?

Seele bedeckt ihr Gesicht.

Engel
Nimm auf dich! Schmiege dich! Wie sollte das Unsagbare zu dir sprechen als in diesem Schauder?

Seele kniend
Muß ich?

Engel
Schmiege dich in das Kleid, das dir zugeteilt ist.

Seele greift nach der Rolle
Ich will, kleidet mich an!

Winkt den Diener an sich heran, tritt durch den Vorhang, Diener mit dem Gewand folgt ihr.

Engel tritt an einer anderen Stelle durch den Vorhang.

Welt tritt an den Vorhang, sieht durch einen Spalt.

Vorwitz schneuzt sich
Ich habe bis jetzt gemeint, das Ganze wird eine recht lustige Kreuzerkomödie, – aber mir scheint, wenn das so wird, werd ich mein Schneuztüchel auch strapazieren müssen, beispielmäßig. Das ist unverhofft.

Welt am Vorhang, dreht sich gegen das Publikum
Gewaltig schön wird mein Spiel. Aufgeputzt sind sie aus meinen Kisten. Ihre Augen funkeln vor Kräften, und sie können es kaum erwarten, daß sie das Lebensspiel anfangen. Soll die Musik schon anheben! Blaset und tretet die Orgel und singet, daß alle, die von oben zusehen, es innewerden, was ich auf meiner Bühne vermag.

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