Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Zech >

Das rote Messer

Paul Zech: Das rote Messer - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas rote Messer
authorPaul Zech
year1953
firstpub1953
publisherGreifenverlag
addressRudolstadt
titleDas rote Messer
pages176
created20170203
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Noco nua« – Das rote Messer

Die Farbe des Himmels in dieser sengenden Glut von vierzig Grad ist nicht zu beschreiben, weil das tödliche Geflimmer in der Luft über dem Wasser überhaupt nichts mehr mit Farbe zu tun hat. Und gerade an dieser Stelle, wo der Wald sehr dünn ist und Felsgeröll das Strombett verengt, stoppte das Motorboot und war mit seiner Fahrt zu Ende. Es hätte vielleicht noch zehn, zwölf Kilometer weiter stromaufwärts sich bewegen können, aber dann nur in einer so mäßigen Geschwindigkeit, als rückte man das Fahrzeug mit einem Paddel von der Stelle.

Über die Stromschnellen von Cuchaguana hinaus fährt nur der ganz flache und höchstens zwei Meter lange Einbaum der Krebsfischer, jener indianischen Leute, die aus dem Schlick und Steingemeng eine Art Langusten herausstochern. Wenn sie Glück haben, kann in einer Stunde ihr Tagewerk beendet sein. Meist aber brauchen sie zehn Stunden, um die beiden Körbe aus Bastgeflecht zu füllen. Ein schmackhafter Krebs. Ein sonst auch billiges Eßvergnügen. Aber eine elende Arbeit, dieses braune Schlammprodukt einzufangen. Eine lebensgefährliche Beschäftigung wegen der ewig wandernden und glitschigen Steine, wegen der Gefahr des plötzlichen und jähen Abrutschens von diesen Steinen. Das Wasser ist kristallklar, oft eiskühl unter der feuchten, mit dem Gelben und Schwarzen Fieber geladenen Luft. Und diese kühle Strömung gekräuselter Wellen könnte der Haut ein Labsal sein, wenn sie, aufgedunsen von der flimmernden Hitze und klebrig von Schweiß und Fettsubstanzen, sich einfach hineinwürfe, ein paar Minuten wenigstens.

Doch der erste Versuch schon wäre zugleich auch der letzte. Und es braucht auch nicht immer ganz und gar 120 aus zu sein mit dem, der hier das Schwimmen versuchen würde. Bis auf den blanken Knochen zerfetzte Waden und Arme reichen aber hin, um mit Grauen an solch ein Bad im Alto Paraná und an die Pirañas zurückzudenken. Der Piraña, diese unheimliche Gewißheit des Todes für einen jeglichen Schwimmer, sei er nun zweibeinig oder vierfüßig, ist keine ganz besonders gefährliche, nur unter der Oberfläche des Wassers lebende Krokodilart, kein Scherenkrebs von jenen riesigen Ausmaßen, wie man ihn in der blauen Bucht von Palau antrifft oder auf den Korallenbänken Hawaiis, auch kein Wasserrattengezücht, gierig und gefräßig nach Warmblut, kein Stachelrochen und keine fleischfressende Orchidee. Der Piraña ist nur ein Fisch, nicht viel größer als ein ausgewachsener Barsch, zu dessen Familie er gezählt wird. Ich weiß nicht, wie der Piraña auf lateinisch heißt. Die Indios nennen ihn: Noco nua, das heißt: »Das rote Messer«. Der Piraña ist das blutgierigste und vom Blutgeruch geradezu in eine Tollwut hineinversetzte Tier, das sich nur denken läßt. Der Hai ist ein zahmes Haustier im Vergleich zu diesem ganz und gar aus Reiß- und Beißwut zusammengesetzten Fisch, einem Fisch, oft nur von der Größe einer Hand, braun, rot und goldhell geschuppt, je nach dem Alter. Mit Zähnen, die wie Rasierklingen schneiden und wie eine Zange zerren, festhalten, reißen und zerfetzen. Jede andere mordlustige Wildart in den Wäldern an diesem Fluß ist unter Umständen verscheuchbar. Der Piraña beißt sich stur in Stangen aus Eisen und Holz hinein, wenn ihn der Blutgeruch umnebelt. Er frißt seine Artgenossen, wenn sie dem Opfer näher sind als er. Er würde sich selber fressen, wenn das technisch möglich wäre.

Ein lächerlich kleiner Räuber, wenn man sich 121 daneben den Alligator vorstellt, der nicht minder zahlreich in diesem Gewässer vertreten ist, aber immer sichtbar auf den Sandbänken liegt und sich die verschorfte, warzige Hornhaut von der Sonne bestrahlen läßt. Einen einzelnen Piraña könnte man zur Not auch noch abwehren, und wer nicht schreckhaft ist und weiß, mit wem er es zu tun hat, würde auch mit einem Dutzend 122 fertig werden, um mit dem Leben davonzukommen. In Schwärmen von vielen Tausenden, ja Millionen lebt der Fisch zusammen mit seinesgleichen und pfeilt unter dem Wasser dahin, flach am Boden, vom Schlamm geschützt. Unsichtbar, wenn der Blutgeruch seine Nase nicht kitzelt.

Aber das Wasser wird von ihm aufgewühlt, als zöge unten eine riesige Schiffsschraube dahin, wenn er etwas wittert, das sich zerbeißen und zerreißen läßt, dem Blut entströmt und das süß schmeckt nach warm fliessendem Blut. Auf Strecken von dreihundert und fünfhundert Metern gerät das Wasser in Bewegung, als koche es. Und ein Kalb, von der Fähre unversehens ins Wasser hinuntergerutscht, ist in zehn Minuten nur noch ein blankpoliertes Skelett.

Das sah ich einmal auf der Höhe der Siedlung von Ayora blanca und bekam einen Begriff von der Gefräßigkeit, von dem Blutdurst und der Tollwut dieser Biester nach fließendem Blut. Und ich erfuhr hier überhaupt zum erstenmal, daß es solches Raubzeug unter den Kleinfischen gibt. Ich sah von diesen Räubern ein einzelnes ganz ausgewachsenes Exemplar eingefangen vor mir auf der Bootsplanke liegen. Es war von der doppelten Länge einer Hand mit gräßlich schielenden Glotzaugen, mit einem Gebiß, das noch zuschnappte, als der Kadaver schon halb im Verwesen war.

Ich sah Kühe auf der Grasweide am Fluß, von denen jede dritte ein zerrissenes Euter hatte. Teure Zuchttiere, die jetzt nur noch zum Aufmästen taugten. Ich sah einen Fischer mit Waden, als hätte ihm ein Granatsplitter die Muskeln und das halbe Fleisch von den Knochen gefegt.

Und als mir die Frau eines Kolonisten, bei dem ich ein 123 paar Tage ausspannte von der angestrengten Flußfahrt durch den Urwald, die Hand reichte, verspürte ich mit leisem Grauen, daß zwei Finger dieser Hand fehlten.

Und darauf lächelte die Frau wehmütig: » Ja, ich war gerade ein Jahr hier, als wir im Einbaum auf die andere Seite hinüberfuhren. Ich wußte schon, daß es im Fluß von Pirañas nur so wimmelt. Ich hatte es an unseren Kühen deutlich vor Augen. Ich sah auch das Gerippe eines Tapirs angeschwemmt auf der Klippe, und ich 124 griff dennoch in das Wasser hinein, weil ich eine wundervolle Orchidee treiben sah auf einem morschen Baumstamm. Orchideen und die großen Falter, die blauen und roten, deren Flügel wie flüssiges Feuer leuchten, das ist meine sonntägliche Leidenschaft in dieser Einöde von Mühe und Arbeit. Die Hand griff nach der Orchidee und glitt ab. Und sie versuchte es noch einmal und glitt wieder ab. Und das trotzige dritte Mal . . . das hat mich die beiden Finger gekostet. Ich glaube, nicht einmal drei Sekunden lang hat meine Hand das Wasser berührt. Aber diese Sekunden haben für die Gier der Pirañas nach den zwei Fingern genügt. Und wenn Sie noch mehr von den Pirañas hören wollen, dann fragen Sie den Fischer Tuyta. Der wird Ihnen eine Geschichte erzählen, daß Sie glauben, ein Eiswagen fährt Ihnen den Rücken herunter.«

Es gäbe Möglichkeiten, den Riesenschwarm der Pirañas zu vermindern, würden sie zum Laichen sich in einem stehenden Gewässer aufhalten. Es gibt aber keine Möglichkeit, sie in den Flüssen unschädlich zu machen, besonders in der Hochsommerzeit nicht, wenn sie aus den Gräben und Nebenflüssen von der Trockenheit nach den größeren Wasserläufen abgedrängt werden, wenn sie zur grauenhaftesten Plage für alles werden, was in die Flut hinabtauchen will. In diesen Zeiten meidet selbst der Kranich und der Reiher die tieferen Flußränder. Und die große, zwölf Meter lange Anakonda wird keine zehn Minuten älter, wenn sie sich von einem überhängenden Ast herunterläßt, um einen jungen Wels zu fangen. Oft hat auch der Puma schon daran glauben müssen. Nur die Schildkröte paddelt ungestört, und die braunen, fast versteinerten Alligatoren stoßen träge mitten in den dicksten Piraña-Schwarm hinein. 125 Vor Jahren hatte hier ein Kolonist auf seiner Farm knapp fünfhundert Meter vom Fluß einen Bewässerungskanal anlegen müssen. Das Wasser dazu bezog er aus einer Felsenquelle, die in einer Lagune gestaut wurde. Die Lagune war vorher fast immer trocken 126 gewesen, ein Sumpf-Dorado für Ibisse, Schildkröten und sonstiges Kriech- und Nistgetier. Nie aber hatte man einen Fisch in der Lagune bemerkt. Die Rinder patschten manchmal durch das Sumpfloch, um sich den Weg zur Tränke abzukürzen oder an den filzigen Fettblättern herumzuknabbern, die süß schmeckten wie Saft aus dem Zuckerrohr. Ein Wildschwein sah man zuweilen suhlen, und nach langen Regentagen, wenn das Wasser etwa einen Meter hoch stand, konnte man zur Not darin auch ein paar Schwimmübungen machen.

Seitdem die Quelle aber dauernd Wasser führte, war aus der Lagune ein See geworden, ein dunkelgrüner, von blühenden Bäumen eingesäumter, an Fläche fast vier Morgen groß. In der Trockenheit sank der Spiegel beträchtlich, dann kam wieder das Schilfgewirr zum Wachstum, und mit dem Abkühlen und Schwimmen im Wasser war es vorbei. Der Bewässerungsgraben aber funktionierte. Und das war für die Maisfelder des Kolonisten die Hauptsache.

Er legte schon einen zweiten und dritten Graben an und kam auf den unglückseligen Gedanken, mit einer Windpumpe das ihm noch fehlende Wasser aus dem Fluß zu ziehen, aus einem Becken, das parallel zur eigentlichen Strömung lag und an der Verbindungsstelle noch nicht einen halben Meter breit war.

Nach sechs Wochen schon hatte der Kolonist die Pirañas bis in die Lagune hinein. Was nun im Wasser vorging, das bemerkte er nicht einmal, als die im Schilf und im Rohr brütenden Wasservögel, als sogar die Reiher und Flamingos, die in den Bäumen ihr Genist hatten, die Brutstätten lärmend verließen. Und er wunderte sich auch gar nicht, weshalb die Frösche mit einemmal verstummten und selbst der Rohrochse seinen gellenden 127 Ruf nicht mehr hören ließ, aus welchem Grunde ferner der Ibis verschwunden war und woher der Kadaver jener Wildsau kam, die mit aufgerissenem Bauch auf der Barranca der Lagune lag, von schwarzen Geiern lärmend umkreist.

Daß er die Lagune und alle Bewässerungsgräben mit den Pirañas durch eigene Schuld verseucht hatte, auf diesen Gedanken kam der gute Mann erst, als er im Auslauf der letzten Rinne, in dem flachen Morast eines Tages ein halbes Dutzend von den roten Raubfischen luftschnappend zappeln sah und sich nun an den Kopf griff. Und eine ganze Weile so herumtorkelte zwischen den Gräben, als sei er von der Korallenschlange gebissen worden oder von einem Raja verletzt.

Er brauchte schließlich einen ganzen Sommer dazu, die Lagune und die Gräben wieder blank zu fegen, vor allem von den fingergliedkleinen Jungfischen, die sich inzwischen aus dem abgesetzten Laich entwickelt hatten und sicher nach Millionen zählten.

Nach einem Spaziergang durch die Felder kam ich eines Tages an der Lagune vorüber. Sie lag da wie ein riesiges Stück Waldmoos, in einer unvorstellbaren Trächtigkeit, umkränzt von den weitästigen Büschen der Fuchsie, die zu den Blüten auch noch ein funkelndes Geschwärm von Kolibris, blauen und zinnoberroten Faltern tragen.

Seit dieser Radikalvernichtung mit Sprengpatronen und den Kadavern von vergifteten Kaninchen hat der Kolonist nie wieder etwas von den Mordfischen gemerkt. Hier also, in dem wenigen Wasser, ist der Piraña total ausgerottet. Ein Geschöpf Gottes vernichtet, dem man beim besten Willen keine wohlbedachte Zweckhaftigkeit nachweisen kann, die selbst dem Alligator, dem 128 Puma und der Giftschlange vielleicht noch zugestanden werden könnte.

Der Fluß aber ist immer noch voll von den Pirañas, und wer vermöchte ihn blankzufegen von diesen »Roten Messern«? Die Regierung, die von den Siedlern Zins und Steuern begehrt und dementsprechend auch eine Verpflichtung gegenüber den »Untertanen« hat? Diese Regierung hat ganz andere Sorgen, auch wenn sie oft nur ein Alpdruck von Geschehnissen sind, die auf dem Mond passieren.

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.