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Das rote Messer

Paul Zech: Das rote Messer - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas rote Messer
authorPaul Zech
year1953
firstpub1953
publisherGreifenverlag
addressRudolstadt
titleDas rote Messer
pages176
created20170203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gemüsegärtner Pfuhl und die Ameisen

I

Federico Pfuhl hatte seine Lehrzeit als Kolonist auf einem Chacra am oberen Paraná durchgemacht, besser gesagt, nach drei Jahren das aus der Heimat mitgebrachte Geld, seine weißblonde Frau, zwei Kinder und die Siedlungsstelle verloren. In der Hauptsache, weil man ihn von vorn und hinten begaunert hatte, in dem Augenblick eigentlich schon, als er die Ackergeräte, das Zugvieh und die Materialien zum Hausbau einkaufte. Weil er eben ein Gringo war, den hier jeder ungestraft ausbeuten darf: die Agenten, der Almacenero, der Herr Polizeikommissar des Distrikts, die kreolischen Nachbarn und die »Spanischen Schatzgräber«. Den ersten Stoß in das Unglück hinunter versetzte ihm freilich die Mißernte des zweiten Arbeitsjahres. Und zuletzt bedrückte ihn eine unerträgliche Verschuldung. Immer gieriger stürzten sich die Aasgeier auf ihn, teilten sich den Raub und machten aus einem muskelstarken Mann, den schon die drei harten Anfangsjahre beinahe ausgehöhlt hatten wie eine von Bohrwürmern beglückte Espinille, ein totales Wrack.

Da stand er nun arm und zerschlagen am Rand einer Schilflagune, sah in das blanke Wasser hinunter und kannte sein eigenes Gesicht nicht mehr wieder. Er erschien sich selbst als irgendwelcher gottunbekannter Mann. Im Nachdenken schien sein Dasein noch zweckloser als das der braunen Krokodile im Morast unter den fahlgrünen Schilfgewächsen. Fast war er dem gleichen Ende nahe, welches ein Kalb hier gefunden hatte, das mit aufgetriebenem Bauch im Totora-Schilf schaukelte. Wenn ihn der barbarische, würgende Hunger nicht weitergetrieben hätte (ein unbeschreiblich 72 schmerzender, alle Gedanken zerreißender Hunger), dann läge er vielleicht wirklich im Sumpf, vom Geziefer zerbissen und von den sich zersetzenden Säften längst aufgesogen: Blume geworden, Baumsprößling, filziges Blatt oder Ranke der wilden Ananas.

Fünf Jahre als Gelegenheitsarbeiter ließ ihn der Hunger durch die Landschaft traben, von den verschilften Ufern des Rio Bermejo bis zum Chaco hinauf: Bettler und Hilfsknecht, Viehräuber und Herdenbegleiter, Speicherpeon, Baumwollpflücker und zuletzt Holzfäller im Akkord auf Quebrachobäume der Tanninfabriken. Immer doch Gringo unter Criollos und Indios, unter bettelarmen Nomaden und dem grinsenden Nichts der Entwurzelten. Unter Tausenden ein Einzelner, der im halben Zerfall doch noch plötzlich eine Art Glückslos zog und auf Menschen stieß, die gewiß nicht um der göttlichen Barmherzigkeit willen, aber von irgendwelchen, vielleicht launenhaften Einfällen gelenkt, ihn wieder aufhoben, satt und gesund fütterten und schließlich auch seßhaft machten.

II

Zu diesem Federico Pfuhl führte kein Weg, den Empfehlungen vorher hätten glätten können; er war noch nicht zum Musterbeispiel eines Mannes erhoben, der es in diesem »Affenlande« weit gebracht hatte kraft seiner Fäuste oder eines unverschämten Glücks. Für mich war er mit einem Male da, als ich in einem klapprigen Ford an den Maisfeldern von Los Guttierres vorüberfuhr. Vielleicht war es das seltsam flach hingestreckte Haus: mit Blech beschlagene Holzwände unter einer jungen Pflanzung von Jacaranda und Eukalyptus. 73 Vielleicht waren es auch die blühenden Erbsenfelder hinter der Hecke, die Beete mit Rotkohl, Tomatenstauden und Kürbishügel, die mich halten ließen, um die Pflanzung näher zu betrachten.

Immer sieht man die vielfältigen Dinge dieser Welt nur durch die Filter früherer Erlebnisse, steht ratlos vor dem unverhofft Neuen und noch Wildfremden. Man fühlt sich nur wesensverwandt mit dem längst bekannten, dem schon gewohnten Bild, das man immer wieder, wenn auch in einer anderen Umgebung, sehen will.

Nichts auf dieser sauber gehegten Farm gab mir verwirrende Rätsel auf. Geordnet lag die Erde da, und ihre Früchte waren Früchte unserer nordischen Gärten.

Dort aber, wo ich zu Hause war, wäre solch ein Feld vielleicht spurlos an mir vorübergegangen, weil die Felder dort alle so liegen und die Arten der Früchte durch nichts überraschen. Obwohl man in den meisten Fällen gar nicht wußte, woher sie kamen, was mit ihnen durch Menschenhand mit der Zeit geschehen war, das jetzt wie eine Selbstverständlichkeit dastand.

Hier aber in der Fremde wird auch das einst Alltägliche noch Wunder wirken. Ich stand wirklich wie vor einem Wunder und suchte den, der mir diese Wunder erklären konnte. Ich fand zuletzt sein Gesicht: grau und zerrissen wie die Rinde uralter Aromiten, unter denen ich gestern noch saß und dem Señor Carbaljo behilflich war, die handtellergroßen Nachtfalter zu präparieren. Es war in einer kühlen Septembernacht, als über der dunstig flimmernden Caflada der schwarze Ibis kreiste und die Blähfrösche sich heiser rumorten. Gespenstisch waren die gezackten Silhouetten der Bäume und die dahinhuschenden Schatten großer Vögel, Fischen gleich in der Dämmerung in einem großen Aquarium. Auch 74 die Luft schien strömendes Wasser geworden zu sein, als der Mond, grünrot wie eine erst halbreife Tomate, heraufkam und der Landschaft ein neues Gepräge gab. Auf den flachen Ausläufern einer Dorn-Lagune, zu einem Gemüsegarten von zwanzig Hektar umgewandelt, stand ich jetzt.

III

»Ja . . . ein ganzes Jahr lang haben wir hier nichts anderes getan als Erde gekarrt und gefahren . . .«, sagte Federico Pfuhl, »und mit Mate und Tortillas aus grobem Maismehl oder schwarzen Bohnen uns den Magen betrogen. Wir waren unserer drei und sangen oder pfiffen uns eins, wenn wir die Erde bewegten. Das Fleisch, das uns zum Essen meist fehlte, sahen wir in Fetzen blutig von unseren Händen herunterhängen.

Ja . . . und dann kam die Arbeit des Pflanzens. Zuerst gedachten wir, die hier üblichen Citrusfrüchte zu kultivieren. Dann kamen wir im Weiterüberlegen auf Birnen und Äpfel. Hol der Teufel das Obst! Es wiegt hier nicht viel am Baum und läßt wohl auch viel zu lange auf sich warten mit Erträgnissen, selbst wenn man zunächst unter den Bäumen Kartoffeln pflanzen würde. (Der Zentner bringt sieben, acht Pesos auf dem Markt unten in der Stadt.) Auch von der Anpflanzung der flach am Boden hinrankenden kleinen Gemüsekürbisse sind wir wieder abgekommen. Zwischendurch dachten wir auch an eine Geflügelfarm. Die Luft aber wäre uns sehr bald ausgegangen, hätten wir das herbeigewünschte Glück nur auf die Produktion von Eiern und Brathühnern gestellt. Wir fuhren nach der Stadt und sahen uns ein paar Tage lang den Betrieb in der Markthalle an. 75 Wir beobachteten, überlegten hin und her und kamen zuletzt auf das, was Sie hier jetzt vor sich sehen. Praktisch und zweckmäßig ausgewertet nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Vielleicht aber nicht bloß als eine rein zufällige Erleuchtung ist der Einfall, uns auf den Gemüseanbau zu legen, daher gekommen, daß wir, angeregt von den Geschäften in der Halle, erkannten: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Das Gärtnern haben wir alle drei in Deutschland gründlich gelernt. Bloß den richtigen Augenblick, mit dem Gelernten in der Fremde auch etwas Gescheites anzufangen, begriffen wir erst, nachdem man uns mit der Nase darauf stieß. So haben wir diese unmenschlichen Umwege erst machen müssen, die uns so teuer zu stehen gekommen sind. Wir haben uns ein halbes Jahr lang verkehrt herum auf den Gaul gesetzt oder setzen lassen, wie man will. Das geht hier vielen so, all denen, die das Chaos in der Welt vermehren helfen. Vielen, die im Grunde ja schuldlos sind und doch schuldig erscheinen vor denen, die sich für Sonntagskinder halten oder jedem rauhen Wind gewachsen sind, der sie anbläst.

Die ersten sieben Zentner Tomaten, Artischocken und Frühkartoffeln der diesjährigen Ernte schaukeln bereits auf dem Ochsenkarren zur Stadt. Wir liefern direkt, ohne Zwischenhandel. Und was uns zuweilen noch rupft und betrügt um den Lohn des fleißigen Erdefahrens, das sind, wie man so sagt, die höheren Mächte: viel zuwenig Regen oder zuviel, Sonne im Überfluß oder gar keine. Natürlich auch das Raubtierzeug von der Rinconada drüben. Gott schickt sie, und Gott vertreibt sie auch wieder, diese Nandus und Jakuntiges. Wir haben nur Hunde und noch keine Winchester-Gewehre. Die Zeit muß uns einstweilen noch Raum und 76 Freiheit lassen, für einfachere Dinge die Knochen hinzugeben. Es ist noch nicht soweit, andere für uns arbeiten zu lassen und sie wie ein Kraut anzusehen, das man billig schneiden und in den Galpon tragen kann.«

IV

Hinter dem gelben Blechhaus, von der Hecke her nicht zu entdecken, senkte sich eine breit angelegte Terrasse in vielen Stufen bis zu den Bohnenfeldern hinab. Aromatisch stieg es aus weißen, hellblauen und roten Schmetterlingsblütlern empor, eine Lustweide für Wespen und die grüngoldenen Panzerkäfer, ein ewiger Tummelplatz der Unkrautharke. Die Brennessel und der Schachtelhalm schossen in saftigen Bündeln aus dem braunschwarzen Humus, in der taufrischen Frühe abgeschnitten und über Nacht wieder da, als müsse der Mensch in Langeweile ersticken, wenn er sich nicht noch häufiger bückte und das Geradestehen überhaupt vergäße.

Und Federico Pfuhl erzählte weiter: »Jedem das Seine. Was dem einen Weizen ist, soll dem anderen der Mais bringen, eine Durham-Herde oder die Yerba-Pflanzungen. Wir aber mit unseren Gurkenbeeten und Kartoffelfeldern sind vielleicht doch schon ein kleines Stück weiter auf dem Wege zur Gesundung, den die Leute alle hier einmal werden gehen müssen.

Wir drei hier bilden bereits eine Einheit: jeder für jeden und alles für uns alle. Wind und Regen sind Brot. Und das Brot soll wachsen auf Erden für alle, die hungrig sind. Wenn Sie die Weintrauben einmal kosten wollen: es ist bloß ein privater Versuch von uns, genau so wie dort die Truthenne unter der blauen Palmita. Ein Versuch 77 ist schließlich auch die Milchkuh jenseits der Hecke. Nachts haben wir das Gebrüll der Mirikinas von der Buschsavanne herüber. So eine kleine Prise Urwald im Ohr, das beruhigt ungemein das Blut. In der Stadt stehen die Leute viel schlechter auf den zwei Beinen, weil man schon längst nicht mehr neben dem Wagen hergeht. Weil man immer schneller irgendwohin möchte, von Gott weiß welcher Angst von innen heraus getrieben, dorthin, wo alles in großen Haufen sich bewegt. Ich merke, daß ich mit meinem Kram bei Ihnen nicht ganz ins Blaue hineinrede. Es freut mich, daß Sie noch einen Tag bleiben wollen. Leute aus der Ecke in Deutschland, wo wir beide aufgewachsen sind, trifft man hier nicht jeden Tag an. Sie sind überhaupt der erste in diesem Wetterwinkel. Bueno! Und wenn Sie nachher gleich die Kartoffelkuchen probieren werden und das Bananenpüree dazu: wir essen heute rein vegetarisch. Morgen gibt es – vielleicht haben Sie Glück – junge Ferkel am Spieß oder Asado milano. Das ist nicht aus einem Prinzip heraus, wir nehmen das Nahrhafte nur so, wie es uns gerade in den Mund wächst. Auch eine neue Frau ist mit dieser Erde hier dazugewachsen. Man sagt nun, es sei kein Raum mehr da für die nachkommenden hungrigen Mäuler, wie? Ich sage Ihnen: hier unten, vom Amazonas bis zum Rio Negro, ist für eine millionenfache Portion von Nachkommenschaften noch Futter genug da. Man soll jedem nur den richtigen Platz an der Krippe geben und das Vieh für die notwendige Vicuña zum Poncho. Alles andere sät sich dann wie geschmiert von selber aus. Auch die Kinder . . .« 78

V

In der Dämmerung, Schlag acht, kamen die beiden Männer und Frau Pfuhl, eine goldbraune India, im Ochsenkarren aus der Stadt zurück: sechs Stunden hin und fünf zurück, eine Tagereise, weil man nur auf Wegen vorwärtskommen konnte, die knapp angedeutet sind, durch die Buschsavanne, an Weizenfeldern vorüber, auf steiniger Pampa und am Gezäun der großen Viehherden entlang. Die Begleitmusik machten die Karrenräder und der Wind, der im Bambusdschungel die alten Reime von der Wasserjungfer, von Zornebock und dem panischen Schrecken der Zentauren sang, hier natürlich an das Gesicht anderer Figuren gebunden, im Motiv, in der urtümlichen Bedeutung aber überall auf Erden gleich, weil aus der fortzeugenden Kraft des Ewig-Fließenden in die vielen Verästelungen des Lebens hineingewachsen.

Zu gern wäre Frau Pfuhl neben dem Ochsenkarren her auf einem falben Criollo-Gaul geritten. Und manchmal auch noch ein ganzes Stück weiter, vielleicht bis zum Ufer, dort, wo die Silberreiher über das stille Wasser streichen und die uralten indianischen Mütter den Maiskolben am offenen Feuer rösten.

Frau Pfuhl hatte oft Sehnsucht nach den Grasinseln im Anakonda-Wald, wo sie aufgewachsen war mit den Kindern der Toba und den Buben der Rinderhirten. Nachts hörte sie gern das Käuzchen pfeifen, und schließlich wollte sie auch noch einmal auf einer großen Hierra tanzen, zu Harmonika und Baumtrommel, zusammen mit dem Gaucho Juan Juaca, dem großen Freund aller indianischen Mädchen der Toba.

Wunschträume im Geratter der Räder auf der 79 Nachhause-Fahrt. Eine stille, eine besinnliche Frau, von früh bis spät zwischen Bohnen und Artischocken. Herb wie die Luft, wenn sie von Süden Kühlung bringt und vom Nordosten den Geruch der Tabakpflanzen, wenn sie auf den Feldern der benachbarten Estancia »Santa Rosa« in Blüte stehen.

Das Blut der indianischen Frau färbt die Kinder der blonden Männer dunkler. Sie werden seßhafter auf diesen Gründen. Sie werden die künftigen Tage schon bei den Wurzeln begreifen und ihre Geschehnisse bezwingen. Und sie werden nicht müde werden, den Wald und seinen nahrhaften Urgrund dem Volk der Hirten und Bauern zurückzugewinnen. Sie werden wieder ein Volk von ganz einfachen, unverdorbenen Menschen sein. 80

VI

Als ich diese und ähnlich gelagerte Gedanken Federico Pfuhl gegenüber äußerte, schwieg er zunächst eine Weile. Und dann sagte er: »Weshalb auch nicht? Die Welt verjüngt sich ohne Unterlaß in dem, was sie ohne Menschenwerk wachsen läßt. Schließlich sind die großen Städte, die man jetzt auch nach oben wachsen läßt, nicht das Menschengemäße, das ihnen angedichtet wird. Immer sind die großen Städte zugrunde gegangen, wenn sie in der Weite und Breite keinen Raum mehr hatten. Dann war ihre Zeit reif und abgelaufen, um in Schutt zu zerfallen. Im Urwald aber ist ewiges Kommen und Gehen. Und keine Frucht, wenn sie fällt, ruht neben dem Erdraum: Im Nichts weiterzuwurzeln.

Haben Sie eben das heisere Pfeifen gehört? Auf der Savanne streicht der Mancuco. Es soll ihn nur nicht nach unseren jungen Bananen gelüsten, nach den ersten Früchten, die angesetzt haben. Es ist schon genug, daß sie der Schildlaus so gut schmecken. Und sollten uns einmal die Ameisen besuchen . . . dann Gnade Gott!«

VII

»Sie haben auf der Savanne gewiß schon die schwarzen Hügel gesehen, oft wie eine indianische Tolderia hoch. Bueno! Es sind die Tacurus, wie der Criollo diese Bauten nennt. Aber was in den kunstvollen Bauten und in einem Staatswesen, von dem wir uns nur einen kleinen Begriff machen können, siedelt, kennen Sie unter dem Namen Termiten. Nicht selten geschieht dort eine Völkerwanderung zu dem ausschließlichen Zweck, die Plantagen der Chacareros zu überfallen und das 81 Besitztum, das bewegliche, das pflanzliche und das der Geräte, in einen wüsten Dreckhaufen zu verwandeln. Ich erlebte einmal solch eine Stätte des Grauens, gar nicht einmal so weit von hier. Nicht etwa im Chaco, wo sich wieder einmal die Granaten in die Erde gewühlt haben, die Buschwälder aufrissen und Trichter an Trichter setzten, alles vernichtend, was grün ist und die Sonne atmet, was sich wie ein Tier und wie ein Mensch bewegt und der irrsinnigen Zerstörung ausgesetzt ist. Ich habe den Chaco vor dem Krieg gesehen. Er könnte heute Weinberg und Obstgarten sein, wenn der Staat das Geld, das er für das Morden aufwendet, in Bewässerungsanlagen angelegt, Traktoren, Siedlungsbauten und Straßen geschaffen und Menschen ins Land gerufen hätte, die in den Ländern Mitteleuropas das Sattessen längst verlernt haben, aber darauf brennen, es sich durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen. Menschen, die von Erde schließlich auch eine Ahnung haben und einen Ochsen nicht mit einem Schaf verwechseln.

Nein, das Grauen, worauf ich jetzt hinauswill, erlebte ich in einem Stück Urwald Brasiliens, dort, wo das sumpfige Dickicht auf einem Areal von 1000 ha gerodet werden sollte, um Tannin aus den riesenhaften Bäumen zu machen. Ich hatte mich dort als Holzfäller anwerben lassen und erfuhr hier auch – zwar nicht zum erstenmal, aber mit aller nur denkbaren Deutlichkeit –, daß es nicht immer Granaten zu sein brauchen oder ein Erdbeben, um in die Landschaft den Schrecken der großen Vernichtung zu tragen und radikal und rücksichtslos auszulöschen, was lebt und webt.

Ich will aber auch nicht gleich von den Raubzügen der Taóca (der Treiberameise) sprechen, obwohl es gerade diese rotbraunen Biester sind, die in zehn Minuten aus 82 einem hüpfenden Pampahasen ein weißes Knochenbündel machen können und aus einem Hühnerstall einen Kasten voll gerupfter Federn. Ich möchte Ihnen vorerst einen einzigen Gegner vorstellen, der im Kampf mit den Taóca fertig wird, nämlich eine andere Ameisenart: den Blattschneider oder Saúbas. Ich habe diese Sorte hier allerdings noch nicht erlebt. Ich wünsche sie auch wahrhaftig nicht her. Ich lernte sie ebenfalls in jener brasilianischen Waldecke kennen, von der ich vorhin sprach. Ich bin sozusagen darüber gestolpert. Denn ich war ja nicht als Naturforscher in den Urwald gezogen, sondern um mir das Brot zu verdienen. Ein saures Brot, das einem kaum so viel freie Zeit ließ, daß man sich das Blut von den Insektenstichen aus Gesicht oder Nacken wischen konnte.

An jenem Vormittag, als ich zum erstenmal die Bekanntschaft mit den Saúbas machte, hatte ich gerade die Axt für einen Augenblick an den Baum gestellt, um mir eine dicke Zecke aus der Wade zu reißen. Das nichtsnutzige Vieh saß schon bis zur Hälfte des Körpers im Fleisch. Mit dem Dorn einer Kaktee bohrte ich die von meinem Blut schwarz und dick aufgeblähte Nudel heraus. Ich klebte ein Ampferblatt auf die Wunde. Und als ich wieder nach der Holzaxt griff, sah ich, daß sich vom Wurzelgewirr bis hoch zur Krone ein hellgrünes Band zog. Der Stamm war silbergrau und glatt, wie poliert. Der Bandstreifen fiel mir sofort in die Augen. Er bewegte sich. Und ich – in meiner Gringo-Dummheit – glaubte zuerst, es säße jemand oben in der Spitze des Baumes und zöge dieses hinauf. Als ich aber näher herantrat und schon mit dem Finger hintupfen wollte, bemerkte ich, daß es Tiere waren, die sich in einer ununterbrochenen Kette aus einem Wurzelloch 83 heraus nach oben bewegten. Das heißt, nur die eine Hälfte des handbreiten Bandes schob sich nach oben. Die andere Hälfte, durch keinen Zwischenraum getrennt, rutschte nach unten in die dunkle Wurzelhöhle wieder zurück. Wie kleine Blätter, von der Größe jener wilden Myrte etwa, sahen die einzelnen Lebewesen der Vierer-Reihen aus, die auf- und abwärts marschierten. Ich sah mir den seltsamen Spuk eine ganze Weile an. Ich verlor eine Viertelstunde Arbeit dabei. Ich wußte noch nicht, daß es Ameisen waren. Ich hielt das Zeug für Blattläuse oder sonst ein Geziefer. Schließlich entdeckte ich, daß die meisten Tiere von gleicher Größe waren. Dann und wann, aber in regelmäßigen Abständen, wurden sie von größeren Tieren begleitet, deren Köpfe mir bedeutend umfangreicher erschienen, die Beißwerkzeuge deutlich erkennbar als ganz gefährliche Instrumente. Das waren sozusagen die Korporale der Arbeiter-Armee. Ihr ganzes Tun bestand darin, den Aufzug und den Abstieg zu überwachen, Störungen abzuwenden und den emsigen Betrieb, der durchaus etwas Maschinenmäßiges hatte, in Gang zu halten. In der Arbeitskolonne entdeckte ich, daß die den Baum hinaufkletternden Tiere ohne irgendwelche Lasten gingen, während die hinunterkrauchenden Kolonnen, jedes einzelne Tier für sich, Blattstücke schleppten, die bedeutend größer waren als ihr Körper. Alles, was oben im Baum an Blattwerk saß, wurde von den Saúbas in kleine Teile zerschnitten und nach unten geschleppt, bis der Wipfel kahl war, als hätte der Herbst mit seiner Schere die Äste entlaubt und in den Wind geschüttelt. In zwei Tagen kann solch ein Baum abgeräumt werden von jeglichem Grün. Und es waren wahrhaftig nicht die kleinsten Bäume der Welt, die hier oft dicht bei dicht 84 herumstanden. Ich habe solch einen Baum von der Größe und dem Umfang, wie wir sie hier zu Hunderten mit der Axt umlegten, in meiner Heimat nie zu Gesicht bekommen. Die Saúbas suchen sich die mächtigsten Bäume aus. Solch ein Riese war der Pfefferbaum, an dem ich meine Beobachtungen machte. Er war am nächsten Tage schon ratzekahl gefressen, von den Blattschneidern aber keine Spur mehr zu entdecken. Sie hatten ihre Ernte eingebracht. Jetzt arbeiteten sie in den weiten Gängen des Hügelbaues, zermahlten das geerntete Blattwerk und formten Mistbeete daraus, auf denen sie einen gelbweißen Pilz züchteten. Und wenn die Mistbeete schließlich ausgelaugt sind und die Pilze zur Neige gehen, dann wird ein neuer Baum entblättert, und wenn der in der Nähe nicht vorhanden ist, suchen sie sich ein Maisfeld oder eine Bohnenpflanzung aus. Und nun stellen Sie sich einmal vor, was alles passieren kann, wenn diese Saúbas ausgerechnet uns hier einen Besuch abstatten würden. Gerade das, was hier, mit Knochenfett und Schweiß gedüngt, uns zur Nahrung des Leibes und des Lebens wuchert, bevorzugen sie. Ich sah einmal die Strünke einer Yerbaplantage. Der Anbau hatte den Kolonisten fünf harte Jahre gekostet. Das Aufräumen der Saúbas war in knapp acht Tagen geschehen. In acht Tagen eine Fläche von 30 ha zu Dreck gemacht! Nun, der Besitzer – auch ein Deutscher übrigens – geisterte wochenlang in der Einöde herum, ehe er wieder eine Hand zu rühren vermochte. Er hatte zwanzig- bis dreißigtausend Pesos in bar verloren, denn so viel wäre die erste Ernte wert gewesen. Daß die Saúba auch in die Häuser eindringt und die Möbelstücke, wenn sie nicht von Stahl sind, zu Staub zermahlt, alles, die Kisten und Kasten, die Matten und 85 die Kleidungsstücke . . . davon habe ich allerdings noch nichts gehört. Aber die Taóca, na hören Sie . . .

Die Taóca kann man sich nur mit einem über den Rücken jagenden Frostschauer vorstellen, weil man bei der Vorstellung immer wieder auf die Schlächterei eines Krieges mit der Nase gestoßen wird. Auf einen Raubzug der Taóca machte mich ein alter Siedler aufmerksam, nachdem er wohl erfahren haben mußte, daß ich gern und von Berufs wegen Einblick nehme in Dinge, die sich bewegen oder von einer sonderbaren Farbe und Form sind.

Daß etwas an jenem Tage in der Luft lag, hatte ich schon an dem aufgeregten Geschwirr der Bündelnister gemerkt, die unruhig ihre hängenden Nester in scharfen Kurven umflogen. Es mußte schon ein gewaltiger Schrecken sein, der in ihre sonst unentwegt herumhüpfende Munterkeit gefahren war, denn sonst hätten sie wohl nicht die fetten Maden fallen lassen, die sie aus dem Buschwerk herausgeklaubt hatten und für die noch nicht flügge Brut heranschleppten. Die kleinen Blaupapageien schossen aus den niedrigen Ästen mit einem irrsinnig schrillen Gekrächze nach oben in die letzten Astruten hinein. Der Uruy gab mit einemmal das Bohren und Hämmern auf und schlüpfte in die Astlöcher, steckte den feuerroten Schopf heraus und drehte ihn nach allen Seiten. Der gelbe Fasan, den man sonst nie zu sehen bekommt, huschte aus dem Farn heraus und zog das ganze Jungvolk hinter sich her mit flach gelegten, die Erde streifenden Flügeln. So fegten sie über die Lichtung der Lagune zu, ängstlich wie vor einem Feuer. In wilden Sprüngen hinterdrein Zwergtrappe und Rohrhühner. Das Sumpfschwein lief und die silberblanke Eidechse, alle Arten von Ratten, Mäusen 86 und Igeln. Nur das Gürteltier blieb liegen und rollte sich zusammen. Es liefen Tiere, die man zum erstenmal hier sah. Und als der kleine, wendige Schwarzhirsch an uns vorüberschoß, brüllte mein Freund, der Siedler: »Alle Mann auf die Bäume!« Einer half dem anderen hinauf bis zur zweiten, dritten Astgabelung.

Als ich den alten Siedler dumm ansah und mir dieses Manöver nicht erklären konnte, zeigte er ganz nach rechts, wo am Vormittag eine Pikade für Transportkarren gezogen und der Boden vom Unterholz gesäubert war. Als ich aber noch immer nicht begriff, was er wohl meinte, schrie er mich zornig an: »Gringo, verfluchter, siehst du denn noch immer nichts? Caramba . . . die Taócas!«

Jetzt endlich sah ich auch so etwas, was sich wie ein riesenhafter Tausendfüßler vorwärtsbewegte. Ein rotbraunes Fließband, an den Seiten ausgefranst, an manchen Stellen bis zu hundert Meter breit . . . so schob es sich vor. Die Taóca zogen die Spur der Vernichtung durch den Wald, den Menschen nicht in einem jeden Fall gefährlich. Unsere Flucht in die Bäume war nur eine Vorbeugungsmaßnahme. Hier im Wald rechnet man immer mit Eventualitäten und drückt es aus mit dem ewigen kreolischen Refrain: » . . . bueno, es könnte aber einmal doch anders kommen«, soll heißen, daß man von einem kaum fingergliedlangen Tier gefressen wird, wenn es einer Laune des Schicksals so gefällt. So wie eine kleine, unscheinbare Mücke oft die Ursache sein kann, daß man sich streckt und bei lebendigem Leibe verfault. Was ich damals vom Baum herunter sah, war ein Geschehnis, das ich vordem nicht einmal zu träumen gewagt haben würde. Ich konnte zunächst nur das Vorwärtsgeschiebe erkennen und ein unheimliches 88 Knistern hören. Es war, als fielen unsichtbare dicke Tropfen herunter und klirrten und trommelten im Kraut. Das unfaßbar Grausige solch einer Ameisen-Plage kommt erst voll zum Bewußtsein, wenn man es eine Weile in seinen Gedanken herumgetragen hat.

Das ganze Volk ist auf der Wanderung, auf der Suche nach Nahrung und einer neuen Unterkunft. Sie führen keinen Proviant mit, wenn sie zu solch einem Zug aufbrechen. Sie nähren sich von dem, was ihnen über den Weg läuft. Sie bevorzugen die Wege, wo es in ungeheuren Mengen kreucht und fleucht, damit die Billionen satt werden und auch noch Vorräte sammeln und mitschleppen für die Zeit des Festungsbaus. Alles, was kribbelt und sich bewegt, was atmet und noch einen lebendigen Geruch an sich hat, wird zunächst überfallen und von den Zangen der Freßwerkzeuge zerrissen. Aber auch das Unbewegte, wenn es nicht gerade aus Eisen oder Stein ist, Quebrachoholz und Glas, wird von den Taócas auf die Rolle genommen. Schuhwerk und Riemenzeug, Papier, Mehl, Mostrich und Dachpappe, sogar Fensterkitt, Felle und Tauwerk wandern, in kleinste Teile zerteilt, in die Magen- oder Vorratssäcke. Ich warf aus der Spitze meines Baumes die leeren Geniste des Pfeffer-Vogels in den unten vorüberrauschenden Schwarm der Ameisen. Wie kleine Boote schaukelten die Lehmkugeln eine ganze Weile auf dem Strom der Leiber. Dann tauchten sie unter, kamen wieder hoch, schaukelten in zersägten Stücken ein Stück weiter und verschwanden schließlich.

Kein Erdloch, kein Halm, kein Blatt, kein Genist und kein Spinngewebe entgeht den Ameisen. Jeder Winkel wird beklopft, untersucht und ausgeleert. Hat eine Heuschrecke, die doch zwanzigmal schwerer ist als eine 89 Taóca, sich auf einen Rohrhalm zu retten versucht, wird sie nach allen Regeln der Kunst belagert, immer enger eingekreist, heruntergeholt und in viele kleine Stücke zerrissen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit werden die einzelnen Teile nach hinten befördert und von den Arbeitstieren so lange weitergereicht, bis der letzte Bissen in irgendeinem Magensack verschwunden ist. Ein Nachtschmetterling, der den Tag unter dem breiten, dickfilzigen Blatt der Banahyú zu verträumen gedachte, wird von Hunderten von Ameisen zugleich gepeinigt, und während er noch mit den Flügeln um sich schlägt, klafft sein fester Hinterleib schon von tiefen Bißwunden. Zerstückelt wandern Leib, Augen und Fühler auf dem Fließband nach hinten. Kein Käfer, keine Fliege, keine Raupe bleibt unaufgefunden am Blattwerk kleben. Jeden trifft der würgende Griff der Zangen. Die Wucht der Schneidemesser zerlegt ihn kunstgerecht und verfrachtet ihn weiter. Ein großer Zangenkäfer lief vor dem Schwarm her und glaubte, dem schlachtenden Gewimmel zu entkommen. Er lief die schnellste Distanz und die höchste Kurve seines Lebens. Er wühlte sich zuletzt in den Erdboden. Die gezähnten Scheren packten ihn aber doch. Zu Tausenden sprangen die Taóca ihm auf den Rücken, ritten auf ihm herum und durchbohrten ihn. In diesen infernalischen Todesritten blieben sie immer Sieger. Eine Eidechse von mindestens zwölf Zentimeter Länge, ein prachtvolles, smaragdgrün gefärbtes Tier mit rubinroten Tupfen auf dem Bauch, in einer vollendeten Mimikry, wurde auf einem Beerenzweig gestellt, heruntergezerrt getötet und klein gemacht. Und gleich darauf vollzog, sich an einer jungen Korallenschlange dasselbe Schicksal; zwecklos verspritzte sie das Gift der geblähten 90 Drüsen in den säbelnden Ameisenhaufen hinein. Die Schwanzschläge töteten ein paar Hundert. Die fünffache Anzahl war sofort zur Stelle.

Grillen, Zikaden, Stechfliegen und Blattläuse wurden auch mitgenommen, aber die Zerkleinerung ihrer Körper hatte nicht mehr auf sich, als die Räder der Vernichtungsmaschine nicht leer laufen zu lassen. Selbstverständlich wurden auch die langen Wettläuferbeine der roten Tarantelspinne eingeholt. Das Leben schien ihr wert, noch tollere Anstrengungen auf sich zu nehmen. Sie drehte sich wie irrsinnig auf der Spitze einer Distelblüte im Kreise. Die mordgierigen Burschen drehten sich mit. Die Laufwerkzeuge wurden ihr einzeln ausgerissen, der Leib zerfetzt. Aus dem Netz heraus holten die rostigroten Ameisen die weit größere Vogelspinne. Vom Baum herunter warfen sie die fingerdicke Raupe eines Perlmutterfalters. Die in einem Baumloch schlafende Maus hatte nicht einmal so viel Zeit, sich die Augen überlaufen zu lassen, so schnell und sicher rissen die zackigen Scheren ihr die Bauchseiten auf. Und nach Sekunden war nichts weiter von ihr übrig als Krallen, Zähne und Schwanzspitze. Quer über den Weg hatte sich ein vom Sturm umgeworfener Mangobaum gelegt. Im Blattwerk hing ein Faultier verkrallt, als gäbe es keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde. Es mahlte seinen Freßgang unbekümmert weiter. Im Pelz wimmelte es von Läusen. Die klaubten sich die Ameisen heraus und ließen das Faultier ungeschoren dort kleben, wo es klebte und nicht einmal die Nase gerümpft hatte, als die kostenlose, aber umso gründlichere Entlausung geschah. Der Stamm des Mango war morsch, von Holzwürmern, Käfern und Maden durchhöhlt. Millionen von Taóca schlüpften in 91 die Bohrlöcher hinein und misteten die Ställe aus. Es blieb in den Höhlen nichts weiter zurück als die Gespinstfetzen der Puppen und Larven.

Einmal – das möchte ich hier einschalten – war ein Arbeiter einer benachbarten Estancia unversehens in einen Raubzug der Taóca geraten. Im Nu war er über und über von den gräßlichen Tieren bedeckt. In dicken Klumpen hingen sie von seinem Körper herab, fesselten ihm Arme und Beine und hüllten den Kopf ein. Er sah aus wie jener Mann, dem aus allen Taschen ganze Trauben von Kinderballons herausquellen und nach oben streben. Sein wildes Geheul wurde bald von den in Mund, Nase und Ohren eingedrungenen Ameisen erstickt. Ein gräßlicher Tod stand ihm bevor. Erst im allerletzten Augenblick wurde der Vorfall von einem Kameraden entdeckt. Er alarmierte sofort die Estancia. Mit Stöcken, Leibriemen, Spaten und dicken Blättern der Agave haben alle auf die um den Körper des Kameraden rotierenden Klumpen eingeschlagen. Ein blödsinniges Treiben, das die unglückselige Lage des armen Kerls eher verschlechterte. Erst in der allerbängsten Sekunde fiel es einem Neger ein, aus dem Lager Petroleum zu holen und den Mann von oben herunter damit zu begießen. Ganze dreißig Liter gingen zum Teufel, ehe das Geziefer von dem Unglücklichen abließ. Die Puste war ihm gottlob noch nicht ausgegangen. Aber die Arbeit hatte er für die nächsten drei Monate aussetzen müssen.

Eine Vogelart, bachstelzenähnliche Läufer, von hellgrünem Gefieder, durfte unbelästigt neben dem Ameisen-Heer marschieren. Sie pickten auf, was den Taóca nicht schmeckte oder ihnen entging. Und auch die kleinen blauen Typochi-Fliegen segelten mit. Sie 92 wurden weder von den Vögeln gefressen noch von den Ameisen zerschnitten. Sie surrten wie Flugzeuge über den marschierenden Reihen. Zuweilen gingen sie im Sturzflug nieder und stießen ihre Eier ab, und zwar ausschließlich in das weiche Gelenk zwischen Kopf und Rumpf der Arbeits-Ameise. Das bedeutete für die Taóca einen entsetzlichen Tod, weil er wochenlang dauerte, und für den Stamm die gefährlichste Seuche.

Endlich hatte der grausige Zug eine Lagune erreicht. Wie leicht hätten die Tiere das Wasser umgehen und dazu noch im Schilf eine besonders fette Ernte halten können. Die Marschrichtung wird aber nicht geändert. Geradeaus! So mußte der Befehl gelautet haben. Für eine Taóca gibt es eben keine Hindernisse. Sie schlüpften durch die Lücken des Rohres, stiegen ins Wasser, zogen eine schwimmende Brücke, die sich so lange vorwärtsschob, bis das jenseitige Ufer erreicht war. Über diese lebende Brücke von Millionen ineinander verhakter Ameisen marschierte ein Teil des kilometerlangen Heeres und setzte seine Raubfahrt in schnurgerader Richtung fort. Der größte Teil der Brückenbauer, die auch zugleich Brücke waren, war erstickt, der Rest bildete den Schluß des Zuges, gefolgt von einer Gruppe körperlich größerer und dunkler gefärbter Soldaten. Ein anderer Teil des Heeres – und der schien mir der weit größere gewesen zu sein – überquerte die Lagune in einer anderen Form. Dort, wo aus dem Wasser ein paar große und glatte Steine ragten, ballten sich Tausende und Abertausende der Ameisen zu dicken, fast kugelrunden Klumpen und ließen sich von den Steinen hinunter in die Flut rollen. Die auf dem Wasser bis zur Hälfte des Umfanges schwimmenden Kugeln waren durchweg von der mehrfachen Größe einer Kokosnuß. 93 Sicher erstickten die außen sitzenden Viecher bei der wie nach einem Kompaß gesteuerten Fahrt über die Lagune. Was aber bedeuteten Hunderttausende von Einzelwesen in diesem Zug der Billionen!

Ich sah, wie das schmale Boot eines Krebsfischers auf den schwimmenden Heerhaufen der Ameisen zusteuerte, obwohl die beiden Leute sich anstrengten, die schwarze Flottille von Kugeln nicht zu durchschneiden: eine rätselhafte Kraft schien das Boot heranzusaugen. Es gelang den wie toll paddelnden Fischern nicht, den Zusammenstoß aufzuhalten. Und nun geschah es, daß sich eine Unmenge der schwimmenden Kugeln an die Spitze und die Seiten des Kanoes klebten. Die zwar erschrockenen, aber nicht im geringsten verwirrten beiden Fischer schlugen mit den Ruderblättern auf die Ameisenklumpen ein. Manche der Kugeln zerbrachen darauf in Stücke wie eine Masse aus gebranntem Ton. Sofort bildeten sich neue Kugeln aus den Scherben, die nun aber von dem Boot abließen und dem Gros der Ameisen-Flottille nachschwammen. Es dauerte eine Viertelstunde, bis die Fischer sich von dem an den Bordwänden klebenden »Teufelsdreck« hatten befreien können. Und es war sicher nicht das erstemal, daß sie von solch einem Zwischenfall, der an die Nerven ging, beglückt wurden.

Fünfhundert Meter von der Lagune entfernt unter einer mächtigen Embaúba lagen die Wohn- und Wirtschaftsgebäude eines Yerba-Farmers. Die Pflanzung reichte bis zur halben Höhe eines flach ansteigenden Hügels. Alle Leute mit Ausnahme eines alten Peons arbeiteten an diesem Tage auf dem Felde. Das Geschrei des Töpfervogels, der sein kunstvolles Nest in der handbreiten Rille einer Kaktee gebaut hatte, die höher emporragte 94 als der Holzbau des Wohnhauses, machte die Hunde unruhig. Die Affen auf dem Baum knarzten und sprangen erregt von Ast zu Ast. Ein paar Blauhäubchen, die in Rohrkäfigen an der Wand des Hauses hingen, nahmen das mörderische Geschrei auf und mischten ihre durchdringenden Pfiffe hinein. Jetzt wurde auch der Peon, der auf dem Schleifstein unter der Veranda eine Axt schärfte, auf den Tumult der Tiere aufmerksam. Er trat aus dem Gehege heraus und beobachtete von dem freien Platz aus die Lagune. Er sah die flüchtenden Tiere, die heranbrausenden Schwärme von Fliegen und Käfern und wußte, was unterwegs war. In langen Sätzen sprang er auf das Waldstück hinaus, und auf dreihundert Meter Entfernung erkannte sein geübtes Auge den Zug der Taóca. Schließlich stellte er auch die Marschrichtung fest. Er sah deutlich, daß die Spitze auf eine Mandioka-Pflanzung zusteuerte. Er wartete noch ein paar Minuten und war sich dann klar darüber, daß das Raubzeug den Wohnplatz links liegen ließ. Er blieb aber noch so lange auf seinem Beobachtungsposten stehen, bis mehr als die Hälfte der kribbelnden Kilometerschlange schon in den Mandioka steckte und rüstig mit dem schmarotzenden Ungeziefer aufräumte. Die Pflanzen ließen sie stehen. Die Ernte dort wird sicher eine vorzügliche gewesen sein. Was gespritzte Säuren und Menschenhände nie erreicht haben würden, das hatten in zwei, drei Stunden die Taóca fertiggebracht.

Es gibt Siedler, die haben, durch bittere Erfahrungen belehrt, rund um die Gehöfte herum einen Graben gezogen. In diesen Graben lassen sie Petroleum laufen, wenn die Taóca im Anzug sind. Um Petroleum machen die sonst nichts scheuenden Tiere einen weiten Bogen, 95 das heißt, auch nicht immer und in jedem Fall. Sind sie noch hungrig und hat ihre Wanderung eben erst begonnen, dann schrecken sie auch vor einem zehn Meter breiten Petroleum-Hindernis nicht zurück. Das konnte ich einmal auf der Hazienda eines Holländers beobachten. Der hatte, als der große Heerbann sich den Wirtschaftsgebäuden zu nähern versuchte, auf dem abgeräumten Tabakfeld, das den Gebäuden einen halben Kilometer vorgelagert war, schnell einen breiten, allerdings nur flachen Graben ausheben lassen. Mehrere hundert Liter Petroleum wurden hineingeschüttet und angezündet. Der Wind trieb die hochlodernden Flammen der Ameisen-Kolonne entgegen. Man konnte deutlich wahrnehmen, daß sich das dicke braune Band immer noch vorwärtsbewegte. Wir warteten mit bis zum Zerreißen gespannten Nerven, ob aus dem Feuer heraus sich schließlich nicht doch die Spitze des Zuges schieben würde. Der Holländer lachte darüber: »Da könnt Ihr Narren bis in die Ewigkeit warten!«

Tatsächlich, der Zug schien ins Stocken gekommen zu sein. Man sah, daß sich die Massen ballten und daß sich die Spitze breit auseinanderzog, schließlich eine scharfe Kurve nach links nahm und einem Dschungel verwilderter Orangen zustrebte.

Als das Petroleum ausgebrannt war und der Qualm sich verzogen hatte, gingen wir zu jener Stelle hinüber, wo die Spitze der Ameisen-Wanderung den Versuch unternommen haben mußte, das Hindernis zu überqueren. Der Holländer lachte jetzt nicht mehr, als er wahrnahm, daß die Taóca das schier Unmögliche dennoch versucht hatten und daß sie wahrscheinlich auch durchgekommen wären, hätte der Wind von einer anderen Richtung her geweht. In der Asche fanden wir eine 96 riesige, aus verbrannten Ameisenkörpern gebildete Röhre. Zu dieser Röhre mußten sich Millionen von Tieren zusammengeschlossen und sie ein ganzes Stück weit in das Feuer hineingeschoben haben. Und während nun die verkohlten, zu einer steinharten Masse zusammengeschlossenen Körper die Außenseite der Röhre festigten, hatte die in der Röhre nachrückende Kolonne zunächst nichts anderes zu tun gehabt, als sie zu befestigen und zu verlängern. Weshalb die Arbeit schließlich gestoppt wurde, das zu ergründen wird dem menschlichen Scharfsinn wohl nie gelingen.«

 

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