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Das rote Messer

Paul Zech: Das rote Messer - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas rote Messer
authorPaul Zech
year1953
firstpub1953
publisherGreifenverlag
addressRudolstadt
titleDas rote Messer
pages176
created20170203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Besuch bei einer hundertjährigen Cuzé

Man soll von einer indianischen Zauberpriesterin nicht jene als »Schauer über den Rücken laufenden Zeichen und Wunder« vorgeführt zu sehen begehren, die von den im Zirkus oder Varieté auftretenden Fakiren vorgeführt werden.

Ich wollte sagen: Eine indianische Cuzé legt sich nicht auf ein mit zehnzölligen Nägeln gespicktes Brett. Sie läßt keinen Mandelbaum in zehn Sekunden aus dem Kern emporwachsen und »arbeitet« auch nicht mit dem Siderischen Pendel oder mit Kaffeegrund. In den meisten Fällen ist sie dort gebürtig, wo man sie gerade antrifft. Sie braucht sich nicht erst durch einen Geburtsschein als eine Mocovi oder Ñeozé zu legitimieren. Was man (als aufklärender Zivilist) von ihrem Bildungsgang und ihrer gesellschaftlichen Stellung wissen will, das steht in ihrem Gesicht geschrieben. Nur nicht das Alter. Und wenn man im Anschauen sagen würde: diese Frau kann höchstens eine Fünfzigjährige sein, dann ist das für unsere Begriffe vom Aussehen einer Greisin gewiß nicht eine Fehlschätzung. In Wahrheit wird sie aber erst dreißig oder schon an die hundert Jahre hinter sich gebracht haben.

Wir waren indes nicht darauf aus, uns unter allen Umständen und auf Biegen und Brechen einen garantiert echten Hundertjährigen Kalender in natura vorführen zu lassen. Und was wir von der Cuzé als solcher zu erfahren gedachten, war nicht etwa das Rezept, wie man aus Affenhirn und Bananenmark ein Elixier herstellt, eiskalte Mädchen liebestoll zu machen. (Derlei Tränke, Salben und Pillen mit entsprechenden Gebrauchsanweisungen waren in Rio billiger und weniger gefahrvoll zu haben.) Kurz gesagt: die Cuzé sollte einige von den Geheimnissen ihrer Zauberei vor uns 170 lüften, ohne uns jedoch den blauen Dunst vorzumachen, von dem die noch nicht christianisierten Indios (unter Umständen auch die bekehrten) glauben, daß er die Atmosphäre der Gottheit sei.

Mein indianischer Begleiter Jao fragte also die arme alte Frau so gründlich aus, daß sie darüber einschlief. Es war nicht einfach, sie wieder wachzukriegen. Es war dazu nun ein Dolmetscher notwendig. Den stellte der Sohn der Cuzé dar, ein Mann, den man gut für den Großvater der Zauberpriesterin hätte halten können. Er wurde vom Feld gerufen, wo er Yuca gestochen hatte. Er nahm, als er unserer ansichtig wurde, den breitkrempigen Strohhut von dem verfilzten Übermaß seiner schwarzen Strähnen aus Pferdehaar und sagte in seiner Sprache ein Wort, das man zwar nicht wortwörtlich übersetzen kann, das in der kühnsten Umschreibung aber noch immer nicht soviel bedeuten würde wie: Habe die Ehre!

Darauf kramte er in einer Ecke der Hütte herum und brachte mir ein Bündel getrockneter Schlangenhäute. Preis: ein Buschmesser und eine Handsäge. Er hielt mich wahrscheinlich für einen Konkurrenten eines syrischen Händlers, der hier sein Unwesen trieb. Denn nach den Schlangenhäuten offerierte er mir die schneeweiße gegerbte Haut eines Tapirs. Preis: eine Axt. Und als ich darauf nicht anbiß, kamen drei kurze Pfeile aus Hartholz mit Spitzen aus Fischgräten zum Vorschein. Keine Verwendung! Er zeigte nun mit Nachdruck auf die dunkle Färbung der Spitzen: »Curaré!« Das wirkte wie ein Zauberwort auf meinen Freund, den Dr. Fereira. Er kaufte die Pfeile, ohne sich erst lange auf ein Feilschen über den Preis mit dem Alten einzulassen. Außerdem machte die Cuzé den Preis, deren knapp 171 zehn Minuten langer Schlaf so erquickend gewesen sein muß, daß sie nun um ein paar Jahrzehnte jünger aussah und ein Enkelkind ihres Sohnes hätte sein können. Das Curaré ist ein ausgesprochenes Pfeilgift. Es wird nicht aus Pflanzenmilch oder Vogelblut gezogen, sondern von einer kleinen roten Kröte geliefert. Man hält das Tier solange in lebendem Zustand über ein 172 Holzkohlenfeuer, bis es einen weißen Saft ausspritzt, der sofort auf die bereitgehaltenen Pfeilspitzen gestrichen wird. Curaré tötet augenblicklich. Der davon betroffene Körper, gleich ob von Tier oder Mensch, wird nach wenigen Stunden hart wie eine Mumie.

Das zweite Gift, das die Cuzé in Form von blauen Sägespänen, aufbewahrt in einer kleinen, zierlich geformten Kürbisflasche, vorführte und wofür sie einen enormen Preis verlangte (Kattun und silberne Armspangen), ist zwar kein Mittel, unangenehme Mitbürger aus dem Wege zu räumen, aber in einem gewissen Sinne nicht minder gefährlich als das Curaré. Man nennt es Yayé. Und gewonnen wird es aus der Wurzel einer Liane und wie Yerbamate mit der Bombilla aus der Kalabasse gesogen. Es soll Zustände des Rausches erzeugen, die mit Visionen verbunden sind, die jene von Haschisch und Heroin erzeugten weit übertreffen.

Senhor Fereira kaufte schließlich auch diesen Kram, nachdem er den Preis bis auf eine billige Nickelarmbanduhr heruntergedrückt hatte.

Von der Armbanduhr sagte die Cuzé, nachdem sie sich das Aufziehen des Werkes und das Stellen der Zeiger hatte erklären lassen: sie höre jetzt darin die Geister klopfen. Es seien aber nicht die unsrigen. Die säßen in dem Rohr, aus welchem das Feuer spritzt. »Wenn man einen Rauch macht aus den Federn des ›Dios-te-dé‹, erstickt das Feuer. Wollt Ihr haben solche Federn?« Wir waren nicht überzeugt davon, daß der Rauch verbrannter Vogelfedern einen kugelsicheren Panzer abgeben soll, und machten keinen Gebrauch davon.

Die wahrhaft priesterliche Geste, mit der die Cuzé das Bündelchen grüner und blauer Federn hinter sich warf, schüchterte uns so ein, daß wir ihr für eine 173 Mundharmonika, die Jao mit einem indianischen Lied der Alten vorgeführt hatte, eine in Ellipsenform geflochtene und mit dem Saft der Cachote-Frucht blutrot gefärbte Bastdecke abnahmen. Dieses nicht viel mehr als drei Handflächen große Stück war ganz gewiß kein Kunstwerk, aber eine saubere, handwerkliche Arbeit. Als Verfertiger stellte sie mir ihr Ur-Enkelkind vor, ein Mädchen mit noch nicht voll entwickelten Brüsten. Das sonderbarste an diesem jungen Ding war, daß es die Haare wie eine Baskenmütze auf dem Kopf trug, fest zusammengeklebt mit einer gummiartigen und wie Lack glänzenden Masse. Man hätte gut an einen Panzerschutz gegen Läuse denken können. Der gepanzerte und lackierte Haarschopf hatte aber eine mehr kultische Bedeutung. Wir kamen erst dahinter, als das Mädchen den Mund öffnete. Im ersten Moment glaubten wir, daß es ein zahnloser Mund sei. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß dieser Mund ein sehr kräftiges Gebiß besaß, allerdings von kohlschwarzer Färbung. Das sei hier im Dorf, erklärte mir der Großvater, nur bei ganz wenigen Kindern der Fall. Bei jenen nämlich, die man nicht zur Taufe in die Schule gegeben hat. Weshalb, das wollte er mir nicht verraten. Ich bezähmte meine Neugier und fragte später auch die Padres nicht danach, wie sie über gelacktes Haar und Zähne von Ebenholzschwärze dächten. Sie hätten mir sicher einen geistreichen Vortrag über rückläufige Bewegungen im Privaten eines jeglichen Individuums gehalten und auf die Drei Gerechten hingewiesen, um derentwillen der Himmel seine Pforten nicht schließen darf. Ich denke: von solchen und ähnlichen Formen des Determinismus bin ich in den letzten zwei Jahrzehnten gerade zur Genüge belästigt worden. Und ich wäre wahrscheinlich sehr grob 174 geworden, hätte es hier eine Aufwärmung der längst in Verwesung übergegangenen Legenden gegeben.

Auf meine an die Cuzé gerichtete Frage, ob sie ihrerseits die Taufe empfangen habe, griff sie hinter sich und brachte einen halbierten und zu einer flachen Schale verarbeiteten Kürbis zum Vorschein. Innen war das Gefäß von der gleichen roten Färbung wie der Bast jener Matte, die wir von ihr erworben hatten. Auf der Außenfläche jedoch, die den ursprünglichen goldbraunen Natur-Ton aufwies, waren mit wenigen, aber deutlich erkennbaren Strichen die Umrisse jener Götterfratze eingeritzt, die mir in der Wurzelhöhle eines Ombú so viele Rätsel aufgegeben hatte. Wir durften das Gefäß mit unseren Händen nicht berühren. Für uns war es ein Ding nur zum Ansehen, und das auch nur wenige Augenblicke. Dann verschwand die Schale wieder in dem Winkel, der wahrscheinlich das Magazin aller Waren und Gerätschaften darstellte, die teils dem Verkauf, teils der kultischen Handlung dienten. Die Sichtbarmachung der Schale sollte mich nur davon überzeugen, daß die Cuzé den alten Göttern untertan war und nicht der dreieinigen Gottheit des Christentums. Wie hätte man es von einer hundertjährigen Cuzé auch anders erwarten können, nachdem sie zum Schluß mir auch noch das gelbe Taschentuch wegnahm, womit ich mich gerade geschneuzt hatte?! Sie sagte nicht: »Nach Tlalloc und Tupá komme gleich ich!« oder: »Ich, und nach mir die Sintflut!« Sondern sie lebte in dem und von dem, was die Dorfgemeinschaft (und dies gar nicht einmal auf Schleichwegen) ihr an Respekt entgegenbrachte. Auf meine direkte Frage: ob sie die Leute der Mission als hassenswerte Eindringlinge betrachte, antwortete sie: »Man wird schlafen, man 175 wird wieder aufwachen, und dann werden sie nicht mehr sein!«

Das war in weiten Räumen gedacht. Das war das Postulat einer mehr als zeitgemäßen Philosophie. Das war eine Devise, die man gewiß nicht ohne Schaden auch auf heutige Zustände anwenden könnte.

 


 

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