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Das rote Messer

Paul Zech: Das rote Messer - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas rote Messer
authorPaul Zech
year1953
firstpub1953
publisherGreifenverlag
addressRudolstadt
titleDas rote Messer
pages176
created20170203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Mann ohne Gesicht

Im Garten des Hospitals »Sao Francisco de Assis« in Rio de Janeiro, in jenem von tropischen Blumen und blühenden Sträuchern geradezu überschütteten Teil, wo die nicht mehr ans Bett gefesselten Kranken sich ein paar Stunden täglich ergehen konnten und Besucher empfangen durften, lernte ich einen deutschen Landsmann namens Jürgen Osterloh kennen. Selbst wenn die paar deutsch gesprochenen Brocken nicht gefallen wären, mit denen er eine leerstehende Bank angeredet hatte, Platz nehmen zu dürfen und sich trotzdem nicht setzte, würde die Erscheinung der sonderbaren Gestalt mir dennoch nicht entgangen sein.

Die im Garten herumwandelnden oder in bequemen Liegestühlen ruhenden Kranken nannten Jürgen Osterloh nicht anders als den »Mann ohne Gesicht«. Und wenn ich aus seinem von einer bösen Krankheit zerfressenen, lippenlosen Munde nicht den Vor- und Familiennamen erfahren hätte, hörbar gemacht von einem grauenhaft gemurmelten Tonfall der Worte, er wäre sicher auch für mich der »Mann ohne Gesicht« geblieben. Denn das, was bei gesunden Menschen, selbst bei den häßlichsten mongoloiden Indios des brasilianischen Urwaldes noch ein Gesicht darstellt, nach dem Bilde des Schöpfers geformt, war bei Jürgen Osterloh nur eine unförmige, krebsrote Masse von Fleisch, mit dunklen Punkten darin, die Augen, Mund und Nase vorstellten – unheimlicher im Ausdruck als die aus Fischhaut und Federn gefertigten Tanzmasken der Mojos-Indianer von den Ufern des Yacuma.

Wes Wesens die fressende Krankheit war, die ein menschliches Gesicht so deformiert hatte, daß die Besucher der Kranken im Garten des Hospitals mit Entsetzen sich abwendeten, wenn sie unvermutet auf 156 Jürgen Osterloh stießen, ist den Ärzten in den sechzehn Jahren, die der »Mann ohne Gesicht« im Hospital schon zubrachte, noch immer nicht klar geworden. Ja, es haben sich sogar berühmte europäische Spezialisten, wenn sie studienhalber dieses Krankenhaus besuchten, wo fast ausschließlich nur »Unheilbare« lagen, Opfer des Urwaldes, um den »Mann ohne Gesicht« bemüht. Sie haben sich oft sehr eingehend mit ihm und seinem Leiden beschäftigt, jeden Blutstropfen seines Leibes unter dem Mikroskop gehabt, die Ausscheidungen des Körpers analysiert, das kranke Fleisch bestrahlt, elektrisiert, in Lehm gepackt und nach Eingeborenen-Art mit Säure von Ameisen und Kröten bestrichen. Sie haben sich unzählige Male von dem Patienten erzählen lassen, welche Art von Schlangen ihn gebissen und welches Insekt ihn gestochen habe, wovon er sich genährt, was er getrunken, von welcher Hautfarbe die Frauen gewesen seien, mit denen er Umgang gehabt habe. Stundenlang ließen die fremden Ärzte sich von den Erlebnissen berichten, die Jürgen Osterloh als Goldsucher in den Buschwäldern und an den Flüssen von Minas Geraes hinter sich gebracht hatte. Zuletzt war ihnen die immer steiler aufsteigende Kurve des Abenteuerlichen im Leben dieses Menschen unterhaltsamer erschienen als die Geschichte der Krankheit. Sie begann in Ouro Preto, wo sie über Nacht sozusagen zum Ausbruch kam, mit Fieber und Krämpfen begann, einen nässenden Hautausschlag aufkommen ließ und Kopfschmerzen im Gefolge hatte, die den damals noch starken Mann in Zustände von Raserei brachten, so daß ihn vier Männer nicht zu bändigen vermochten. Über die Anhörung der romanhaften Geschichte und den Schauer, den gewisse Einzelheiten der Erzählung 157 verursachten, sind schließlich auch die europäischen Spezialisten nicht hinausgekommen. Sie überließen den »Mann ohne Gesicht« wieder den Ärzten des Hospitals, die zuletzt nichts anderes mehr tun konnten als brennen, schneiden, spritzen und mit den Achseln zucken.

Wäre Jürgen Osterloh nicht von dem Wahn besessen gewesen, daß die fressenden Säfte im Blut sich eines Tages selber fressen und danach die schrecklichen Wunden sich wieder schließen würden (von der Entstellung seines Gesichts wollte er nichts wissen, nichts hören und nichts sehen), vielleicht hätte er um die letzte und erlösende Spritze gebeten. Er glaubte an die Genesung von dem Übel und bezahlte diesen Optimismus mit Gold. Er besaß an gediegenem Gold so viel, daß er noch hundert Jahre das teuerste Appartement des Hospitals hätte bezahlen können.

Er kam aus »Villa Rica de Ouro Preto«, der »reichsten Stadt des dunklen Goldes«. Er hatte zehn Jahre ohne Unterbrechung geschürft, gewaschen, gehungert und unvorstellbare Strapazen ertragen. Er wurde begaunert, beräubert und geriet immer weiter und tiefer in die unwirtlichsten Gegenden dieses vom Teufel mit Widerlichkeiten aller Art bewucherten Landes. Bis er eines Frühmorgens den »Fund seines Lebens« machen konnte. In Ouro Preto realisierte er ihn. In Ouro Preto, einen Monat vor der beschlossenen Rückfahrt nach Europa (als die endliche Verwirklichung des sagenhaften »Onkels aus Amerika«), befiel ihn die Krankheit, von der die Ärzte am Ort sofort sagten, es sei die gleiche des Aleijadinho.

Von Aleijadinho, das heißt wortwörtlich: »Der Verkrüppelte«, wußte Jürgen Osterloh damals noch soviel und sowenig wie die indianische Frau, die er auf der 158 Rückreise vom Ribeiro do Pedro einem Botocudo für ein paar Unzen Gold abgekauft hatte, weil sie ihm als eine Erscheinung vorgekommen sei, die dazu vom Schicksal bestimmt worden wäre, den »Fund des Lebens« zu krönen. Er hatte sie vor der Grashütte hocken sehen, Spitzen aus Bast häkelnd, wobei sie statt der Nadeln Fischgräten benutzte und den seidenweich präparierten Faden durch die Zehen ihrer schön geformten Füße laufen ließ. In Ouro Preto war die India zuerst seine wie ein Augapfel gehütete Geliebte gewesen, danach wurde sie seine Pflegerin. Und als man ihn nach Rio de Janeiro transportierte in einem Zustand, der nichts anderes mehr war als eine ununterbrochene Folge von Delirien, und die India mit brutaler Gewalt daran gehindert wurde, auf dem Krankenwagen Platz zu nehmen, jagte sie sich vor den Augen der Reisebegleiter den Dorn einer giftigen Kaktee ins Herz.

Vielleicht wußte die India in dem Augenblick, als man ihr die Mitreise verweigerte, doch schon, wer eigentlich dieser Aleijadinho war, dem man ein Denkmal gesetzt hatte und den man wie einen Heiligen verehrte, und inwiefern ihrem geliebten Herrn das gleiche Schicksal beschieden sei wie jenem berühmten brasilianischen Bildhauer, der mit seinem wirklichen Namen Antonio Francisco da Costa Lisboa hieß.

Als ich in einem späteren Gespräch mit Jürgen Osterloh im Garten des Hospitals ein paar Fetzen von seinen abenteuerlichen Erlebnissen erfuhr und auch von der damals für mich noch sagenhaften Stadt Ouro Preto hörte, wußte ich nur wenig von Aleijadinho. Der »Mann ohne Gesicht« erzählte mir nichts von ihm. Ich hörte es erst auf Umwegen. Ich hörte, daß er um 1730 als Sohn eines portugiesischen Emigranten in der »reichen Stadt 159 des schwarzen Goldes« geboren wurde. Seine Mutter soll eine Negra gewesen sein, die durch die Heirat mit dem weißen Mann befreit wurde von ihrem Dasein als Sklavin. Aleijadinho war also ein Mulatte, jedoch von so dunkler Hautfarbe und ausgesprochen senegalesischem Typ, daß er sich nur um ein weniges von einem reinrassigen Neger unterschied. Was er in seiner Kindheit getrieben hat, wem er seine Ausbildung als Bildhauer zu danken hatte, ist mit absoluter Sicherheit nicht mehr festzustellen. Man sagt zwar, daß er nicht einmal 160 die von den Jesuiten eingerichtete und betreute Kleinkinder-Schule besucht habe, nicht schreiben und Geschriebenes nicht lesen konnte. Ferner hieß es, daß vor ihm nie ein Meister der Bildhauerkunst in der Stadt des Goldes ansässig gewesen sei. Er sei der erste und zugleich auch ein großer Meister gewesen, der am Ort solch ein Handwerk betrieben habe.

In den Kirchenbüchern des Landes tauchte sein Name erst auf, als er schon in Lohn und Brot bei den kirchlichen Behörden stand, als er Altäre schnitzte und die Figuren von Heiligen aus Stein herausmeißelte.

In seinem fünfzigsten Jahr überfiel ihn die rätselhafte Krankheit, in deren Verlauf ihm sämtliche Zehen und Finger als faulige Brocken Fleisch abfielen. Er vermochte sich nur noch kniend fortzubewegen. Kniend und von grauenhaften Schmerzen besessen, bearbeitete er Stein und Holz und gab dem Figurenwerk jene sonderbare Form, die von einem Primitiven hätte herrühren können und doch wieder nicht primitiv genug war, um sie einem von der Zivilisation noch unberührten Urwaldneger zuzuschreiben.

Es ist heute eine feststehende Tatsache, daß die bedeutendsten Kunstwerke in Minas Geraes von dem »Verkrüppelten« stammen und neben dem Namen von Aleijadinho der eines anderen Künstlers nicht genannt wird. Als Aleijadinhos Körper von der Krankheit schon so weit zerfressen war, daß er die Hände nicht mehr gebrauchen konnte, ließ er besondere Werkzeuge herstellen, daß sie sich den Stümpfen der Arme anpaßten und nach und nach die Geschicklichkeit der abgefaulten Hände bekamen, geführt von der Kraft der schöpferischen Phantasie.

Die bedeutendsten seiner Arbeiten sollen in diesen Jahren 161 der körperlichen Verkrüppelung entstanden sein. So die berühmten Statuen der Propheten in Congonhas de Campo, ferner die auch einen Nichtgläubigen erschütternde Christusfigur in der Basilika von Sao Francisco de Assis, deren herrliches Portal, wenn nicht gar der ganze Bau, ebenfalls von ihm stammen soll, geschaffen allerdings in der Zeit, als er noch aufrecht auf seinen Beinen gehen und die Hände gebrauchen konnte. Von einer unerhörten Schönheit sind schließlich der Brunnen in der Rua Sao Miguel von Ouro Preto, die Engelköpfe am Altar der Marienkapelle von Joao des Rey und die Ornamente an dem noch gut erhaltenen Hause der Familie Itajahy.

Vor dem kritischen Auge des zünftigen Kunstsachverständigen wird vieles von den Arbeiten des »Verkrüppelten« wahrscheinlich nur als Kuriosum bestehen können. Denn das auf die Darstellung von Personen ins Überlebensgroße zugeschnittene Figurenwerk zeigt mit absoluter Deutlichkeit, daß dem Künstler, dem die herrlichsten Ornamente und Allegorien, geboren aus dem freien und weitschweifenden Spiel der Phantasie, gelungen sind, spezielle Kenntnisse im Anatomischen abgingen, so daß dort, wo er Wirkungen im Sinne religiöser Erhebung der Herzen angestrebt hatte, eine Verzerrung ins Groteske zustande kam, die von den objektiven Beschauern dementsprechend auch aufgenommen wurde. Für uns allerdings wird damit nichts von der Wertschätzung genommen, die wir dem Werk des »Verkrüppelten« zollen müssen.

Man sagt, daß zu der Figur des Heiligen Georg, die durch ein grauenhaft verzerrtes, zum lauten Auflachen geradezu animierendes Gesicht auffällt und heute in der Kirche Nossa Senhora do Pillar zu Ouro Preto 162 aufbewahrt wird, das absonderliche Wesen des damaligen portugiesischen Gouverneurs Modell gestanden haben soll. Denn dieser durch seine Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Geldgier berüchtigte Caballero soll den Bildhauer wegen der schrecklichen Deformierung des Körpers auf dem Markt und vor vielen Leuten verspottet haben. Daß Aleijadinho sich auf solch eine in die Ewigkeit hinüberreichende Art und Weise an dem Menschenschinder gerächt haben soll, darf man nicht allein als eine gut gelungene Anekdote betrachten. Es hat die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit für sich. Der Krüppel, an dem nicht nur die abscheuliche Krankheit, sondern auch das Ungeziefer und die erkannte Aussichtslosigkeit, jemals wieder zu gesunden, herumfraßen, hat sich seine gesunde, oft hellsichtige Auffassung von der Welt und den Dingen durch nichts trüben lassen. Auch die Gesichter der Propheten, wenn man sie einzeln für sich betrachtet, zeigen ein durchaus erdgeborenes Aussehen, sind mehr oder minder Abbildungen von Menschen, die man in den unteren Schichten des Volkes antrifft, und haben nicht das geringste von dem an sich, was von der Phantasie inbrünstiger Eremiten herbezogen sein könnte.

Obwohl die Wallfahrtskirche auf dem Hügel Conjuraçao in Congonhas do Campo schon zu Lebzeiten des Aleijadinho bestand und die Kranken von weither anzog, Lahmen wieder zum Gehen verholfen und den Blinden das Augenlicht wiedergegeben haben soll, hat die wundertätige Jungfrau, die eine Arbeit des Künstlers darstellt, es dennoch nicht vermocht, den Verkrüppelten von seinem grauenhaften Gebrechen zu befreien. Auch dann noch nicht, als er die Figuren der Propheten, eine nach der anderen, im Wallfahrtsort aufpflanzen ließ. 164

Die Wundertätigkeit der Heiligen Jungfrau hat das ehemalige unbekannte und schmutzige Niggerdorf in wenigen Jahrzehnten zu einem der bekanntesten Orte von Brasilien gemacht. Sie ließ es trotzdem zu, daß der Verkrüppelte seinen Leidensweg auf Erden bis zum bittersten Ende gehen mußte. Zuletzt als ein stinkender Haufen Fleisch, verarmt, hilflos und von Gott und den Menschen, die ihm dienten, verlassen.

Aleijadinho starb am Tage der Schlacht von Waterloo. Man sagt, seine Gebeine lägen in einem Winkel des Gewölbes von Sao Antonio Dias zu Ouro Preto. Doch keine Gedenkplatte zeigt die Stelle an.

Der »Mann ohne Gesicht« im Hospital von Sao Francisco de Assis und der »Verkrüppelte« von Ouro Preto: Beide litten an der gleichen geheimnisvollen Krankheit, die aus einem menschlichen Antlitz die abscheulichste Larve und aus einem menschlichen Körper einen Haufen stinkenden Fleisches machen kann, ohne daß in dem einen Fall die gerühmte wundertätige Kraft der Madonna sich an dem des Beistandes Würdigsten bewährte, während in dem anderen, jüngeren Fall die ärztliche Wissenschaft, von der man sagt, daß sie heute das schier Unmöglichste möglich zu machen verstünde, auch nichts weiter tun kann, als mit dem Kranken zusammen das Ende der Zerstörung abzuwarten – sofern er in der Lage ist, die Wartezeit der Ärzte mit Gold zu honorieren.

Man sagt, daß in Ouro Preto die Verkrüppelung eines Menschen eine allgewohnte Erscheinung sei und ganz gewiß nicht eine Angelegenheit, die es verlohne, ein besonderes Aufheben davon zu machen.

Man sagt, daß diese dunkle, Diamanten und Goldkörner bergende Erde beides in gleichem Maße austeile: 165 den Reichtum und die Qual. Das mag in den Fällen des begnadeten Künstlers Aleijadinho und des deutschen »Garimpeiro« Jürgen Osterloh, der über Nacht ein Millionär wurde, als eine Art volkstümlicher Wahrheit zutreffen. Und es dürfte uns auch anderen Orts wohl schon aufgegangen sein, manchmal sehr handgreiflich sogar, daß jedes Ding und jedes Geschehnis nicht nur die eine uns zugekehrte Seite hat; deshalb braucht man also nicht erst ein Garimpeiro in Minas Geraes zu werden. Es soll mich aber nicht abhalten, an Ort und Stelle zu erfahren, was ein Garimpeiro für ein Wesen ist und wie er über die Krankheit denkt, die den Goldrausch verursacht und den menschlichen Körper deformiert.

 

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