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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectidbba2d399
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8. Kapitel. Skiheil!

Eisfunkelnde Frosttage kamen. Die Weiden drunten am Bach standen in feinsten Rauhreifkleidern. Die Halden waren mit blitzenden Schneediamanten besät. Goldener Sonnenschein lag über den schlohweißen Gipfeln. Juchhu – war das eine Lust! Auf der sanft abfallenden Wiese hinter dem Hause machten die Schwestern ihre ersten Schneeschuhversuche. Da purzelten sie lachend und kreischend durcheinander, daß keiner mehr seine eigenen Beine herausfand. Selbst Klein-Fritzel, der schon so sicher auf seinen Schneeschuhen herumrutschte, lachte die jungen Großstädterinnen wegen ihrer Ungeschicklichkeit aus. Vater Kleinert hatte wenig Zeit dazu, den Lehrer zu spielen. In aller Frühe stand er schon mit seinem Hörnerschlitten zwischen Krummhübel und Brückenberg, wo die drei großen Sportbahnen zum Gebirge hinauf münden. Der gute Fremdenbesuch bei dem herrlichen Winterwetter mußte ausgenützt werden. Karl, der den Vater vertreten wollte, war als Lehrmeister zu unvorsichtig und zu wild. Da nahmen die Königschen Schwestern schon lieber einen Skikurs bei Bärbel. Aber deren Zeit war auch knapp bemessen. Mit dem Rodeln ging es bedeutend besser. Schon als kleine Mädchen waren Gerda und Lilli den Kinder-Zobten in Breslau mit ihren Schlitten hinabgesaust. Nein, vor dem Rodeln hatten sie gar keine Angst. Aber Vater Kleinert erklärte ihnen, daß auch das Rodeln im Gebirge verstanden sein will und daß man durch Unvorsichtigkeit oder mangelnde Übung dabei auch Hals und Beine brechen könne. Nachdem Lilli immer wieder in die Schneeböschung gefahren war, und Gerda beim Steuern vor lauter Aufregung nicht mehr links und rechts unterscheiden konnte, wußten sie allmählich ihre Rodeln zu meistern. Der Studienrat, selbst ein begeisterter Rodler, konnte es wagen, mit ihnen eine Winterwanderung zur Prinz-Heinrich-Baude zu unternehmen und vom Kamm abzurodeln. Frau König aber vertraute sich lieber dem gelben Hörnerschlitten ihres braven Wirtes als den Rodelkünsten ihres Mannes an. Zu Vater Kleinerts Zuverlässigkeit hatte sie das größte Vertrauen. Auch Bärbel und Karl schlossen sich auf Aufforderung von Königs gern mit ihren Schlitten an.

Eine ganz andere Wanderung war das als damals im Hochsommer. Der Schnee knirschte unter den Füßen, man mußte in die Fußtapfen des Vorangehenden treten und versank trotzdem tief bis an die Knie im Schnee. Die Lomnitz, die im Sommer über gewaltige Steinblöcke dahingeschäumt war, lag gebändigt in Eisfesseln. Zu unheimlichen Spukgestalten hatte der Winter Baum und Felsgestein verwandelt. Hier hockte es wie kleine Gnomen mit schneeiger Zipfelmütze am Wege, dort schienen gewaltige weiße Riesen ihre Keulen zu schwingen. Rübezahl hielt nicht seinen Winterschlaf. Überall lauerte er dem Wanderer in seltsamer Gestalt auf, ihn zu schrecken und zu ängstigen. Karl machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, der furchtsamen Lilli, die mit bangen Augen in den weißen Winterwald spähte, Rübezahlmärchen aufzubinden. Dabei war er selbst seiner Sache gar nicht sicher.

Die Erwachsenen genossen mit geweiteter Brust die reine Luft, die erhabene Schönheit der Winterbergwelt. Zur sonnenbeglänzten Firnkette kletterten vermummte Gestalten empor, Skier und Rodler. In sausender Fahrt ging es auf der andern Seite der geteilten Sportbahn zu Tal. Gerda und Lilli klopfte doch ein wenig das Herz, wenn sie an die Abfahrt dachten.

Bärbel ging nachdenklich, ihren Schlitten hinter sich herziehend. Bisher hatte sie es immer als ganz selbstverständlich angesehen, daß der Vater den schweren Hörnerschlitten zu den Bauden emporziehen mußte. Andere Männer taten es ja auch. Aber heute, wo sie alle die Fremden nur zum Vergnügen, allenfalls mit Rodelschlitten oder Schneeschuhen zu Berg steigen sah, empfand sie die Schwere seiner Arbeit doppelt und dreifach. Koffer und Rucksäcke hatte er von Schneeschuhläufern, die ein paar Tage auf den Bauden bleiben wollten, aufgeladen. Drei Rodelschlitten waren noch hinten an seinem Hörnerschlitten festgebunden. Schwer atmend schleppte er seine Last zu Berg um ein paar Groschen Verdienst. Hatte es da nicht das Pferd, das an ihnen vorbei einen Hörnerschlitten mit vermummten Insassen hinaufzog, viel besser als der Mensch? Das hatte von der Natur wenigstens die Kräfte zu der Arbeit, die es leisten mußte, mitbekommen. Das waren ernste Gedanken im Kopf eines noch nicht vierzehnjährigen Mädchens. Bärbel legte die Hand an den Hörnerschlitten und begann ihn hinaufschieben zu helfen. Der Vater merkte die Erleichterung wohl gar nicht. Aber sie hatte wenigstens das Gefühl, sein schweres Los zu teilen. Auf der andern Seite des Hörnerschlittens trottete Mohrle, den schwarzen, zottigen Kopf tief auf den Schnee gesenkt. Er sprang nicht wie sonst lustig bellend voraus. Auch das treue Tier empfand die Schwere der Last seines Herrn.

Wie aus weißem Alabaster tauchte die Schlingelbaude auf. Lange, dicke Eiszapfen hingen vom Schneedach fast bis zur Erde herab.

»Das Schloß der Eiskönigin«, rief Lilli, die noch im Märchenlande daheim war.

Dann kam der schwierigere Teil der Gletscherwanderung. Man ließ die schützenden Bergföhren, die gewaltigen Wegwächter, hinter sich. Hui – eisiger Sturm fuhr über die Schneehalden daher, wie spitze Nadeln stach es im Gesicht.

»A bissel zu gutt meint's ooch das Mailüftel des Herrn Riebezahl«, scherzte Vater Kleinert, schnaufend haltmachend. Gerda und Lilli ärmelten Bärbel und Karl unter. Vereint trotzten sie dem eisigen Ansturm. Die großen Mädel hätten beinahe vor Kälte geweint. Frau König klammerte sich an den Arm ihres Mannes, um nicht abgeweht zu werden.

Schritt für Schritt vorwärts in Eis und Sturm. Schwere Schneeflocken hatte der Nordost herangewälzt. Man sah nichts mehr von den vor kurzem noch sonnenbeschienenen weißen Tälern. Keine drei Schritt weit vermochte man durch die plötzliche Nebelwand zu schauen. Die hohen Orientierungsstangen lugten wie Eismänner nur noch mit dem Kopf aus meterhohem Schnee empor. Nun begann es gar noch im tollen Wirbel zu schneien.

»Wir wollen umkehren; das heißt Gott versuchen«, stieß Frau König, nach Atem ringend, heraus. Sie mußte es wiederholen. Pfeifend nahm ihr der Schneesturm die Worte vom Munde.

Der Studienrat schien unschlüssig. Er war gewöhnt, jede angefangene Sache mit Pedanterie durchzuführen.

»Nu kummen Se ooch, Frau Kenig«, redete Vater Kleinert zu und griff stützend nach dem Arm der erschöpften Frau. »Gleich sein mer do, da kennen Se sich halt hibsch erholen.« Er hatte nicht zuviel versprochen. Gerade als Gerda stöhnte, daß sie nun aber wirklich nicht mehr weiterkönne, und Lilli jammerte, daß sie sich bereits die Nase erfroren hätte, stieß sie mit derselben beinahe gegen den ganz verschneiten Eingang zur Prinz-Heinrich-Baude. Man sah das tief im Schnee vergrabene Haus nicht eher, als bis man dicht davor stand.

»Puh – – –!« Mit tiefem Aufatmen schüttelten sich die Schneemänner in dem vor dem Sturm Schutz bietenden Hausflur. Hausknechte eilten mit Reisigbesen herzu und kehrten die vereisten Kleider und Stiefel ab. Selbst an den Augenbrauen und Wimpern hatte man Eis.

Nur wer einmal aus wüstem Schneesturm in die warme Gemütlichkeit einer Riesengebirgsbaude gekommen, vermag das Behagen, das die Eintretenden umfing, nachzufühlen. Da drinnen in den Gastzimmern war mehr Leben und Treiben als im Sommer. Fast jeder Tisch war von Schneeschuhläufern und Rodlern besetzt. Überall wintergerötete Gesichter, frohe Mienen. Paare schoben sich nach den Klängen des Zitherspielers zwischen den Tischen im Foxtrott auf und nieder; Damen wie Herren in der blauen Skihose und im Wolljumper. Bald dampften Erbssuppe und Glühwein vor den Erstarrten, bald tauten sie äußerlich und innerlich wieder auf. Nun waren die Städter doch stolz, daß sie's geschafft hatten; denn den Kindern der Berge machte »das bissel Wind« nicht soviel aus, die waren daran gewöhnt. Vater Kleinert durfte nicht ins Führerzimmer, wohin er sich bescheiden zurückziehen wollte. Er mußte in der Gaststube am Königschen Tisch Platz nehmen. Ja, Frau König fand sogar, daß Vater Kleinerts Zitherspiel viel musikalischer klänge als das des Berufsspielers. Bärbels Augen strahlten, als sie ihren Vater so gelobt hörte.

»Der Winter ist 'kommen, die Schneeschuh heraus!
Da bleibe, wer Lust hat, beim Ofen zu Haus.
Wenn andre noch schlafen, zur Bahn geht's in Eil',
Und ringsum schon grüßt man: ›Kam'raden, Ski-Heil!‹

Bald sind wir am Ziele, es locket die Höh',
Bergauf und bergab geht's durch schimmernden Schnee;
Durch schweigende Wälder empor geht es steil,
Das Tal bleibt tief unten – Kam'raden, Ski-Heil!«

So sang der Zitherspieler und der Gäste Chor fiel mit lauten Stimmen ein.

Wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! Den Königschen Schwestern pochte das Herz, wenn sie an ihre erste größere Rodelprobe dachten. Bei diesem Schneesturm hinabzusausen – nein, es hatte gar nichts Verlockendes für sie. Auch Frau König wurde es trotz ihres Zutrauens zu Vater Kleinert unbehaglich zumute, wenn sie an den gelben Hörnerschlitten dachte. Es war doch eine recht gefährliche Sache.

Der Schneesturm hatte ein Einsehen mit den Neulingen des Wintersports. Trotzdem war der Abstieg bis zur Schutzhütte, wo man die Schlitten gelassen hatte, ein schwieriges Stück. Aber schließlich saß Frau König bis über die Ohren eingehüllt im Hörnerschlitten und die andern auf ihren Rodeln. Vater Kleinert fuhr als erster. Er saß vorne auf zwischen den Hörnern und steuerte mit dem Absatz. Hui – wie die wilde Jagd verschwand ein Schlitten nach dem andern im weißen Bergwald. Herr König fuhr als letzter, um die etwa gestrandeten Töchter aufzulesen; die aber sausten, nachdem die erste Angst überwunden war, sicher ohne Unfall zu Tal. Sie mochten sich doch nicht von Bärbel und Karl auslachen lassen.

Auch im Skilauf machten Gerda und Lilli nette Fortschritte. Freilich, beim Jugend-Skiwettspringen droben in Brückenberg sahen sie erst, was die einheimischen Kinder leisteten. Wie die Vögel flogen die von der Sprungschanze durch die Luft. Hermann Opitz trug den Ersten Preis im Christianiasprung davon. Karl erhielt ebenfalls einen Preis.

Auch die Mädel beteiligten sich am Wettspringen. Bärbel kam unmittelbar hinter Martha Liebig zum Springen. Als sie glücklich unterhalb des Sprunghügels landete, fand sie die Schulkameradin weinend im Schnee sitzen. Sie hielt sich ihr Bein.

»Mein Fuß – au, mein linker Fuß – er ist bestimmt gebrochen«, jammerte sie.

»I woher denn – wirst ihn dir halt a bissel übersprungen haben«, tröstete Bärbel. Sie legte die Hände an den Mund und rief »Hermännel!« zu der auf der andern Seite haltenden Knabenschar hinüber.

Hermanns lange Beine flogen auf den noch längeren Schneeschuhen im Augenblick herbei.

»Wo brennt's, Bärbel?«

Diese wies auf die Schulkameradin. »Versprungen hat sie sich halt den linken Fuß, die Liebig Marthel. Sieh auch, Hermännel, daß du ihn wieder zurechtbandagierst.«

Hermann hatte, wie Bärbel wußte, stets Verbandzeug bei sich.

»Was du auch davon verstehst«, wehrte sich Martha, als Hermann den schmerzenden Fuß sachkundig zu bewegen begann. »Au – du – du tust mir weh!« Das Mädchen schrie wie am Spieß.

»Gebrochen ist er nicht«, stellte der zukünftige Mediziner mit verblüffender Sicherheit fest. Er zog eine Mullbinde hervor, während Bärbel der Martha die Schneeschuhe abschnallte und mit behutsamen Fingern Stiefel, Skisocke und Strumpf entfernte.

»Gib's Taschentüchel her«, befahl Hermann, »das Gelenk ist rot und geschwollen. Wir wollen mit Schnee kühlen.« Geschickt wickelte er über das in Schnee getauchte Tuch die Mullbinde fest herum.

»Kannst du auftreten?«

Martha versuchte es. Aber mit einem Aufschrei sank sie wieder zurück.

»Ich hole einen Schlitten, da fahren wir dich heim.« Auf Schneeschuhen sauste der junge Helfer davon, während Bärbel ihre Feindin, die ihr so manches Böse angetan, mitleidig stützte und ihr Trost zusprach.

Bald darauf fuhren Hermann und Bärbel die Patientin nach Krummhübel hinunter. Der dort zugezogene Arzt fand die Behandlung des Jungen durchaus vernünftig und zweckmäßig. Trotzdem mußte Martha mit einer Fußverstauchung wochenlang bis ins neue Jahr hinein liegen. Sie hatte Zeit, darüber nachzudenken, daß Bärbel ihr Böses mit Gutem vergolten hatte.

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