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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectidbba2d399
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5. Kapitel. Von der Volksschule zum Lyzeum

Die Sommergäste rüsteten zur Heimreise, schweren Herzens. Der Abschied von diesem schönen Stückchen Erde, von den braven, einfachen Menschen, mit denen man wochenlang zusammengelebt hatte, ging ihnen recht nahe. Gerda, Lilli, Bärbel und Karl, das Quartett, waren am letzten Tage unzertrennlich. Gemeinsam gingen sie nochmal, mit Kannen und Körben bewaffnet, in die Blaubeeren. Alle Lieblingsplätze mußten zum letztenmal besucht werden.

Inzwischen versuchte Frau König, eingedenk ihres Versprechens, das Gespräch mit Frau Kleinert auf ihre Tochter Bärbel zu bringen. In der Küche war es, wohin Frau König das Frühstücksgeschirr zurückgebracht hatte.

»Sie glauben nicht, liebe Frau Kleinert, wie schwer uns der Abschied von dem lieben Rosenhäusel wird«, begann sie. »Unsere Mädel können sich gar nicht vorstellen, daß sie wieder in einer Etagenwohnung hausen sollen ohne die Bärbel, ohne Mohrle und ohne die Wiese mit dem Koppenblick. Wenn einer von Ihnen nach Breslau kommt, muß er uns bestimmt besuchen. Das Versprechen müssen Sie mir geben.«

»Nu je, – wie sollte ooch von uns eins nach Breslau kummen. Soviele Geld ha' mer nä iebrig, Frau Kenig«, meinte Mutter Kleinert, den Spinat aus dem Garten verlesend.

»Ei, die Bärbel laden sich unsere Mädel mal ein, vielleicht zu Weihnachten. Wir haben sie wirklich liebgewonnen, das Bärbele.«

»Nu jo jo, nee nee, sie is halt ooch a Prachtmädele!« kopfnickte die Großmuttel dazwischen, die mit welken Fingern ebenfalls die Wurzeln vom Spinat entfernte.

»Zu Weihnachten – nu das wär' jo was! Zu Weihnachten ha' mer hoffentlich wieder unser Häusel voller Wintergäste. Da kann die Bärbel nä furtmachen. Und was sullt sie ooch in Breslau? Sie sein feine Leite, Frau Kenig, da tut unser Bärbel nä zu passen.«

»Unsere Kinder haben miteinander Freundschaft geschlossen, Frau Kleinert. Und ich hoffe, daß es nicht nur eine Sommerfreundschaft ist, sondern von längerer Dauer. Von Bärbel können meine Mädel nur Gutes lernen. Sie ist ein fleißiges, pflichttreues Mädchen.«

»Nu jo jo, nee nee!« ließ sich die Großmuttel wieder beipflichtend vernehmen.

»Wenn und die Bärbel ist erst amal eingesägnet und als Stubenmädel in Dienst, denn hat die Freundschaft sowieso a Ende«, meinte Frau Kleinert, die das Leben kannte.

»Warum wollen Sie die Bärbel denn in einen Dienst geben, Frau Kleinert? Das Mädel kann doch weiß Gott mehr leisten. Die sollten Sie auf die höhere Mädchenschule schicken, aufs Lyzeum, da wär' sie am richtigen Platz.« Frau König wagte einen Vorstoß.

»Nu jo jo, nee nee, so hat der Herr Lährer halt ooch gesprochen, gelt, Mariele?« wandte sich die Alte an die Tochter. Die sah die Dame mißtrauisch an. Hatte man sie abgeschickt, um sie umzustimmen? Dazu mußten sie sich einen andern aussuchen als einen schlesischen Bauernschädel aus dem Gebirge. Frau Kleinert schwieg hartnäckig und zupfte an ihrem Spinat, als ob sie sonst nichts in der Welt interessiere.

»Die Bärbel hätte vom Lyzeum aus ganz andere Aussichten fürs Leben«, begann Frau König aufs neue ihre schwierige Mission. »Nicht nur, daß sie eine andere gesellschaftliche Stellung einnehmen würde – – –.«

»Mein Mädel braucht keene andere Stellung nä als ihre Mutter, ich bin halt ooch amal Dienstmädel gewäsen und es hat mir nischte nä geschadet, im Gegenteil«, beharrte Frau Kleinert.

»Aber sie kann doch von der höheren Schule aus viel mehr Geld verdienen, Frau Kleinert.« Die Fürsprecherin griff jetzt zum letzten Mittel. Sie wußte, daß Bärbels Mutter sehr auf Geld aus war, daß sie den Groschen zweimal umdrehte, ehe sie ihn ausgab.

Und wirklich, Frau Kleinert ließ den Spinat sinken, blickte von ihrer Arbeit auf und meinte: »I, wohär denn?«

»Nun, das ist doch klar. Als Lehrerin, Post- oder Bankbeamtin, ja auch als kaufmännische Angestellte würde sie doch ein viel größeres monatliches Einkommen haben wie als Stubenmädel. Das haben Sie sich gewiß noch niemals überlegt, Frau Kleinert«, fügte die kluge Frau hinzu, da sie merkte, daß Bärbels Mutter schwankend wurde.

»Nu nä, Mariele, das ha' mer uns nä ieberlägt, gelt nä?« stimmte die Großmuttel bei. »Wenn und's Bärbele kann von a hohen Schule halt viele Geld verdienen, nu da mecht ma doch sprechen, ma sein scheene tumm, wenn und mer lassen sie nä hingähen.«

»Nu jo jo – da ham Se rechte, da ham Se halt rechte«, stimmte jetzt auch Frau Kleinert bei. »Wenn das asu is, nu da ist's ja gutt. Da läßt sich halt nischte nä dagägen sagen«, sprach's und trug den Spinat unter den Brunnen zum Waschen.

Frau König aber ging stolz zu ihrem Mann, ihm das Resultat ihrer Verhandlung mitzuteilen.

Als die Kinder mit blaubeschmierten Mündern vom Heidelberg, wo es die meisten Heidelbeeren gab, heimkehrten, waren die Koffer geschlossen und über Bärbels Zukunft beschlossen. Das in Aussicht gestellte viele Geld zog – da konnte man am Ende das Rosenhäusel kaufen! Frau Kleinert überlegte nicht weiter. Für sie war die Sache erledigt. Des Einverständnisses ihres Mannes war sie von vornherein sicher; der wünschte ja selbst, daß Bärbel die höhere Schule besuchte.

»Bärbel«, rief sie zum Gartenplatz hinaus, wo die Jugend unter dem Apfelbaum zum letzten Male zusammensaß. »Bärbel, tu ooch der Ziege frische Streu hinschitten und die Blaubeeren zum Abend mit Milch uffstellen. Und denn kannste zum Herrn Lährer 'nieberspringen, wenn und er will dich halt immer noch uff die hohe Schule nähmen, deine Eltern hätten nischte nä mehr dagägen.« Frau Kleinert hatte Furcht, daß jeder Tag, den sie versäumte, die Geldsumme, die Bärbel mal verdienen konnte, verringerte.

»Hurra!« schrien die Freundinnen. »Hurra! Die Bärbel kommt aufs Lyzeum!«

Bärbel selbst saß starr. Kein Wort vermochte sie herauszubringen, kein Glied zu rühren. Rübezahl – der Herr Rübezahl! Das war alles, was sie denken konnte. So war es doch keine Mär, was die Großmuttel erzählte – Rübezahl, der mächtige Berggeist, hatte ihren Wunsch erfüllt.

Wie im Traum ließ sie den Jubel der Gefährtinnen, die Fragen Karls über sich ergehen. Wie eine Nachtwandlerin kam sie den Anordnungen der Mutter, im Ziegenstall Streu aufzuschütten und die Blaubeeren herzurichten, nach. Als sich die ganze Kinderschar nach dem Lehrerhaus aufmachte, hörte Bärbel der Mutter Stimme hinter sich herschallen: »Das tu ich dir aber sagen, Mädel, deine Pflichten in Haus, Stall und Garten darfste mir nä darieber vergessen. Und von dem Gelde, was du amal verdienen tust, da wird's Rosenhäusel gekauft – gelt ja?«

Das Rosenhäusel, das war das einzige, was Bärbel von der Mutter Rede begriffen hatte. Nun, das war ja ganz selbstverständlich, daß von dem Gelde, das man verdiente, das Rosenhäusel einmal gekauft werden sollte. Dazu sparte man ja jahrein, jahraus – erst das Pferdel, dann das Häusel. Still ging Bärbel neben den Freundinnen an der lustig plätschernden Lomnitz entlang. Wie das Wasser plätscherte auch das muntere Gespräch an Bärbels Ohr dahin. Sie war immer noch mit ihren Gedanken woanders, sie konnte es immer noch nicht fassen, daß ihr Wunsch, viel zu lernen, so plötzlich in Erfüllung gehen sollte. Erst als aus der Geißblattlaube Hermanns langaufgeschossene Gestalt beim Nahen des Besuches emporschoß, sammelte sie ihre verworrenen Gedanken.

»Hermann, die Bärbel darf aufs Lyzeum, ihre Mutter erlaubt es!« überschrien sich die andern.

»Ist's wahr, Bärbel?« Beide Hände streckte der Primaner dem schweigenden Mädchen entgegen. »Mädel, so rede doch einen Ton – oder haltet ihr mich etwa zum Narren?«

»Mit einer so ernsten Sache treibt man halt keinen Spick, Hermännel. Wahr ist's – ich darf – ich darf wirklich aufs Lyzeum!« Plötzlich, als Bärbel den Widerschein der Freude in Hermanns klugen grauen Augen sah, hatte sie erst richtig begriffen, da erst kam ihr die volle Glückseligkeit.

»Komm zum Vater.« Er zog sie um das Haus herum in den Vorgarten, wo der Herr Lehrer an seinen Rosen bastelte.

»Vater, die Bärbel darf aufs Lyzeum, sie hat's bei ihrer Mutter durchgesetzt«, rief Hermann in heller Mitfreude, während Bärbel heimlich dachte, daß es ein ganz anderer, nämlich der Herr Rübezahl, durchgesetzt habe.

»Guten Tag, meine jungen Damen. Das ist ja eine recht erfreuliche Nachricht, eine bessere konntest du mir nicht bringen, Bärbel. Nun werde ich gleich das Gesuch um einen Freiplatz für dich beim Provinzialschulkollegium einreichen. Hoffentlich wird es rasch bewilligt«, sagte der Herr Lehrer, ebenfalls voller Freude.

»Und wenn's halt nicht bewilligt wird?« Wie Reif legte es sich plötzlich auf Bärbels junge Glückseligkeit. Daß noch andere als der Herr Lehrer und die Eltern ihre Zustimmung dazu zu geben hatten, das war ihr bisher nicht in den Sinn gekommen.

»Wenn's der Vater warm befürwortet, werden die sicher keine Schwierigkeiten machen«, beruhigte sie Hermann. »Kommt, Kinder, wir feiern in der Laube die Bärbel als Lyzeumsschülerin und gleichzeitig den Abschied von Königs«, schlug er vor. Er stürmte mit langen Schritten ins Haus, um von der Mutter irgend etwas Gutes zur Feier zu erbitten.

Frau Opitz hatte gerade frischen Pflaumenkuchen gebacken. Er sollte eigentlich erst zu morgen, dem Geburtstag ihres Mannes, sein; aber Hermann meinte, die heutige Veranlassung sei ebenso feierlich. Was tat die gute Frau Opitz nicht für ihren Einzigen.

Herrlich mundete der frische Obstkuchen in der Geißblattlaube. Dabei wurden allerlei Pläne geschmiedet.

»Schade, daß die Schule schon wieder beginnt«, meinte Hermann. »Ich hätte dir gern Nachhilfestunden in verschiedenen Fächern gegeben, Bärbel, damit du auch bestimmt gut mitkommst im Lyzeum. Aber ich muß ja auch schon übermorgen wieder nach Hirschberg in die Penne.«

»Ich werde die Bärbel schon genügend vorbereiten, mein Sohn«, ließ sich da vom Eingang der Laube der Herr Lehrer hören. »An den schulfreien Nachmittagen kommst du zum französischen Unterricht zu mir, Bärbel, und – – –.«

»Die Bärbel hat ja schon die halbe französische Grammatik gelernt«, rief Lilli König. »Auf den Spaziergängen haben wir immer Schule gespielt, und dann haben wir sie geprüft, die Gerda und ich.«

»Ei, da hat sie ja schon eine Grundlage, desto besser. Auch in den übrigen Fächern werden wir noch kleine Lücken ausfüllen müssen, Bärbel. Morgen vormittag fangen wir gleich mit Französisch an, hörst du?«

»Morgen –«, Bärbel machte ein betretenes Gesicht. »Morgen vormittag, wenn Königs abgereist sind, muß ich halt beim Scheuern der Stuben helfen, und die Betten sollen gesonnt und geklopft werden. Die Muttel hofft, daß noch mal Gäste kommen, wenn und wir kriegen einen schönen Herbst.«

»Wenn wir einen schönen Herbst kriegen, Bärbel«, verbesserte sie Hermann. »Eine Lyzeumsschülerin muß halt dialektfrei sprechen.«

»Halt ist auch schlesisch«, lachten ihn die Mädel aus.

»Also dann komme morgen nachmittag, Kind, ich werde dir mein Nachmittagsschläfchen opfern«, überlegte der Lehrer gutmütig. »Später geht es nicht, weil wir Kaffeebesuch haben.«

»Morgen nachmittag kann die Bärbel nicht Französisch lernen«, entschied da der jüngere Bruder Karl. »Morgen nach Tische gehn wir in die Preiselbeeren. Die Mutter will einkochen.« Karl leckte sich bereits die Lippen in Vorfreude auf das süße Kompott.

»Ja, Bärbel, bestell nur der Mutter, wenn sie A gesagt, muß sie auch B sagen. Wenn sie dich aufs Lyzeum schicken will, muß sie dir auch die Zeit zur Arbeit dafür zugestehn«, sagte der Lehrer ernsthaft.

»Lernen ist für die Muttel keine Arbeit, sondern nur Zeitverschwendung«, meinte Bärbel bekümmert. Sie sah jetzt schon unliebsame Erörterungen voraus. Ach was, die wollte sie alle in Kauf nehmen, wenn sie nur lernen konnte wie Hermännel, wie die Gerda und Lilli. Und für den Notfall blieb ja auch noch der Ziegenstall ihre Zuflucht. Dort würde sie keiner stören.

Die Königschen Töchter verabschiedeten sich, um noch einen letzten Abendspaziergang mit den Eltern nach den Forstbauden zu bis zum Aussichtsbänkel, das noch am längsten Abendsonne hatte, zu machen.

»Wenn du als Student nach Breslau kommst, mußt du uns besuchen, Hermann«, forderte Gerda den Lehrerssohn auf. Wie die Wandervögel hatten sie sich alle bei ihren gemeinschaftlichen Wanderungen geduzt.

»Das hat noch gute Wege«, lachte Hermann. »Inzwischen kommt ihr sicher noch zu uns ins Gebirge.«

»Vielleicht zu Weihnachten«, versprach Lilli.

Am Abend, als Vater Kleinert, den Rucksack auf dem Rücken, von der Arbeit durch den Schmiedeberger Forst heimging und mit den Vöglein um die Wette pfiff, kam ihm etwas Schwarzes mit Freudengeheul entgegengesprungen – Mohrle als Vorbote.

»Nu Hundel«, rief er erfreut, »nu mein Hundel, haste halt härgefunden zu mir?« Liebevoll klopfte er das schwarze Fell des an ihm emporspringenden Köters. Gleich darauf tauchten seine drei Ältesten im Tannengrund auf. Bärbel hatte es mit ihrer großen Neuigkeit nicht ausgehalten, bis der Vater heimkam.

»Vatel«, rief sie schon von weitem, »die Muttel hat die Erlaubnis gegeben, daß ich zum Herbst aufs Lyzeum gehen darf.«

»Und dein Vatel? Der wird gor nä gefragt, gelt?« schmunzelte der Vater. Man sah ihm die Freude über die Einwilligung seiner Frau an.

»Vatel, du wünschst es ja halt ebenso wie ich. Du hast immer gesagt, das Beste, was der Mensch hat, ist die Musik und das Lernen. Ich bin dir halt gar zu glücklich, Vatel.« Bärbel hängte sich zärtlich in den Arm des Vaters, trotzdem man sonst gar nicht im Rosenhäusel seine Liebe zueinander zu zeigen pflegte.

»So gäb' halt unser Herrgottel, daß es ooch zu deinem Glicke sein möge, Bärbele«, sagte der Vater.

»Und das Rosenhäusel kauf ich für euch, sobald ich Geld verdiene, Vatel«, versprach Bärbel eifrig, eingedenk der Mahnung der Mutter.

Da lachte Vater Kleinert herzlich. »Nu, bis dahin, denk ich, läuft noch viel Wasser die Lomnitz 'nunter.«

Am nächsten Tage reisten Königs mit dem Versprechen, bald wieder ins Rosenhäusel zu kommen, ab. Bärbel winkte ihnen nach, bis das Zügel fast in Arnsdorf war. Dann ging sie zu ihrer ersten französischen Stunde.

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