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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
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3. Kapitel. Sommergäste

Längst hatte Bärbel den Band Uhlandscher Gedichte ausgelesen. Längst hatten die Birken unten am Bach sich in seidengrüne Frühlingsschleier gehüllt. Das Rosengerank am Rosenhäusel hatte die ersten zarten Blättchen getrieben. Die Bergtannen zeigten ihren funkelnagelneuen Maiwuchs, lichtgrüne Spitzen am tiefdunklen Genadel. Auf den Bergen schmolz der Schnee. Aber drunten im Tal blühten die Kirschbäume in schneeiger Weiße. Der alte knorrige Apfelbaum auf der Wiese hatte sich eitel wie das jüngste Mädel mit Rosenrot geschmückt. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen.

Die Krummhübler Kirchenglocken schwangen und klangen weit hinaus ins Tal. Aus Querseifen und aus Steinseifen, aus Wolfshau und vom Tannicht her zogen die Dorfbewohner durch das Frühlingsgelände zum Festgottesdienst.

Im Rosenhäusel waren nur Mohrle, die Katze und das Rotkehlchen zurückgeblieben. Selbst der dreijährige Fritzel, der noch etwas zu schwer für seine Beine war, watschelte an der Mutter Hand mit den übrigen Familienmitgliedern der höhergelegenen Kirche zu. Er war immer noch schneller als die Großmutter mit ihrem gichtkranken Bein, die sich schwer auf den Arm des Schwiegersohns und auf ihren Stock stützte. Aber zur Kirche mußte sie. Ohne Festgottesdienst war es kein rechter Feiertag.

Bärbel fehlte. Sie war schon eine halbe Stunde früher vom Herrn Lehrer Opitz bestellt worden. Er wollte noch einmal mit ihr den Sologesang an der Orgel durchgehen.

Die Kirche füllte sich. Die Schulkinder nahmen ihre Plätze im Chor ein.

»Wenn ich die Kleinert Bärbel wär', tät' mir halt bange sein«, meinte eine der jungen Sängerinnen.

Aber Bärbel sah nicht aus, als ob ihr bange wäre. So klar und blau wie der Pfingsthimmel strahlten ihre Augen in die Welt. Zum erstenmal sollte sie allein vor so vielen Menschen singen – merkwürdig, daß sie nichts als Freude dabei empfand. Nur wenn ihr Blick die Liebig Marthel streifte, die mit bitterbösem Gesicht, das gar nicht zu dem Festtag paßte, auf ihrem Platz saß, wurde ihr etwas bedrückt zumute. Die Marthel gönnte es ihr nicht, daß sie diesmal den Sologesang übernehmen sollte.

Bärbels Augen gingen munter hinab in das Kirchenschiff. Sie kannte sie alle, die da in den Bänken saßen, trotzdem sie ihr den Rücken zukehrten. Da war der gestrenge Herr Bürgermeister, da waren die Handwerker, alle im feierlich schwarzen Bratenrock. Die Frau Schlächtermeister, die ihr gestern den Speck verkauft hatte, führte heute ihr neues Seidenes aus. Und da waren ja auch Bärbels eigene Leute, die Rosenhäuselbewohner alle miteinander. Die Großmuttel sah heute mit dem Kapotthut, den sie nur zur Kirche trug, ganz anders aus als sonst. Sie hatte die runzligen Hände über das Gebetbuch gefaltet und war jetzt schon in Andacht versunken. Die Mutter war auch hier beschäftigt, sie kannte keine Ruhe. Ihre Augen suchten diese und jene Bekannte, ihr blonder Kopf ging hin und her, nickte hier, grüßte dort. Und dabei mußte sie noch den Fritzel, der die Kirchenbank für einen Turnplatz hielt und Kletterversuche darauf anstellen wollte, in Zaum halten. Karl saß ebenfalls oben unter den Sängern, während Friedel mit feierlichem Gesichtchen neben der Großmutter die Hände faltete. Des Vaters Blicke aber gingen zum Kirchenchor. Seine Augen suchten die seines Bärbels. Aufmunternd nickte er ihr zu. Oh, der Vatel sollte schon zufrieden mit ihr sein. Sie würde ihm keine Schande machen.

Da begann der Lehrer das Vorspiel auf der Orgel. Das Wispern und Summen im Kirchenschiff verstummte. Feierliche Andacht breitete sich über die Menge.

»O heiliger Geist, kehr' bei uns ein«

stimmte der Chor der Schulkinder an. Der Lehrer an der Orgel gab Bärbel durch Kopfnicken das Zeichen zum Solo. Und plötzlich hörte sie ihre eigene Stimme, klar und voll, durch den Kirchenraum klingen, als ob es die Stimme eines andern sei. Aller Köpfe wandten sich zur Höhe – jubilierte dort oben einer von des lieben Herrgotts Engeln? So war in der Krummhübler Kirche noch nie zu Ehren des Höchsten gesungen worden.

Wie ein Vogel, der zum ersten Male merkt, daß seine Schwingen ihn tragen, fühlte Bärbel sich emporgehoben, ihr Sang trug sie davon in das Reich der Töne. Sie kannte ihre eigene Stimme nicht wieder, so voll klang sie in dem Kirchenraum.

Als der Gottesdienst zu Ende war, steckten die Krummhübler die Köpfe zusammen. Wer mochte nur so herrlich gesungen haben? Die Wolfshauer aber umdrängten die Kleinertsche Familie. Sie waren stolz darauf, daß die junge Sängerin aus ihrem Dorfe war. Schuster Hensel legte Vater Kleinert die Hand auf den schwarzen Rock, der noch von seiner Hochzeit stammte. »Kleinert Karle«, meinte er, »ich tu dir was sagen – aus deinem Mädel da wird amal was. Die singt dir halt zu scheene!«

Vater Kleinert antwortete nicht. Wie ein Nachtwandler ging er aus der dämmerigen Kirche hinaus in den Frühlingssonnenschein. Er konnte sich noch nicht wieder zurechtfinden. War das wirklich sein Bärbele gewesen, deren Stimme wie Engelsang geklungen?

Die Mutter wehrte die Lobeserhebungen der Nachbarinnen ab. Je, das bissel Singen! Da brauchte man wirklich nicht soviel davon herzumachen. Am Feiertag mocht's ja hingehen. Aber am Werkeltag war's halt nur ein Grund zur Ärgernis, wenn das Mädel alles andere darüber vergaß.

Bärbel selbst strahlte über das Lob des Herrn Lehrers. »Brav gesungen, Bärbel!«

Vor der Kirchentür traf sie mit Martha Liebig zusammen.

»Gelt, Marthel, du bist mir nicht böse, daß ich heute singen mußte? Das nächste Mal bist du halt wieder dran.« Sie streckte der Älteren die Hand entgegen. In ihrem Frohgefühl mochte sie keinen verletzen.

Aber ihre Hand wurde unsanft zurückgestoßen. »Was du dir auch einbildest, so wie du sing' ich halt noch alle Tage«, sagte Martha von oben herab und wandte ihr den Rücken.

Bärbel machte ein betretenes Gesicht. Da stand Hermann Opitz, der Lehrersohn, neben ihr.

»Bärbel, kennst du den Unterschied zwischen einer Nachtigall und einer Krähe?« fragte er scherzhaft.

»Nu freilich«, machte Bärbel verwundert. »Die eine ist halt ein Singvogel und die andere nicht.«

»Richtig. Aber frag mal die Liebig Marthel, die kennt keinen Unterschied, obgleich sie zwei Jahre älter ist als du. Die hält eine Krähe für eine Nachtigall«, lachte der Primaner. Er hatte so laut gesprochen, daß die vor ihnen Gehende es hören mußte. Mit puterrotem Gesicht wandte sich Martha Liebig zurück. »Wenn ihr mich etwa damit meint, dann werd' ich's halt meinem Vater sagen«, rief sie zornig.

»Puh, da haben wir aber Angst, gelt, Bärbel?« lachte Hermann sie aus.

Bärbel zupfte den langaufgeschossenen Jungen am Jackenärmel. »Wir wollen doch Frieden halten, Hermännel, heut' am heiligen Fest. Und noch dazu, wenn wir aus der Kirche kommen, gelt ja?« sagte sie bittend.

Jetzt war die Reihe an dem Jungen, rot zu werden. »Bist halt besser als ich, Bärbel«, sagte er anerkennend. »Aber weil du gar so schön gesungen hast, darfst du dir wieder ein Buch von mir ausborgen.«

Was wurde das für ein herrlicher Pfingsttag. In der einen Hand ein großes Stück Mohnkuchen, in der andern den Wilhelm Tell, den ihr Hermann geliehen, so hockte Bärbel weltvergessen unter den grünen Maien des Birkenwäldchens an der über Felsblöcke dahinschäumenden Lomnitz. –

Die zu Pfingsten in dem Bergdorf erst knospenden Fliederbüsche hatten in voller Blüte gestanden, waren braun und unansehnlich geworden und hatten den Rosen Platz gemacht. Die wucherten jetzt in üppiger Fülle. Ganz und gar eingesponnen hatten sie das Rosenhäusel. Schon von weitem brannte es mit seiner feurigen Rosenpracht in dem frischgrünen Wiesengelände. Kein Vorübergehender, der nicht den Schritt hemmte und sich das Rosenidyll anschaute. Hier müssen glückliche, zufriedene Menschen wohnen, dachte so mancher von den Spaziergängern, die Erholung in den Bergen suchten.

Es waren schon viele Fremde in Krummhübel, Brückenberg und Wolfshau, den beliebtesten Sommerfrischen am Fuße der Schneekoppe. Trotzdem die großen Ferien noch gar nicht begonnen hatten. Überall, in den Hotels und Logierhäusern sowohl als auch in den bescheidenen Dorfhäuschen war man zum Empfang der erholungsbedürftigen Städter gerüstet. Im Rosenhäusel hielt man drei Stuben für die Fremden bereit. Am liebsten hätte die tüchtige Frau Kleinert auch das vierte Zimmer mit vermietet. Aber das litt ihr Mann nicht. Die Großmuttel mußte ihr Stübchen behalten. Die durfte nicht mit ihrem gichtkranken Bein die steile Stiege hinaufklettern und irgendwo unterkriechen. Bärbel und Friedel hatten eine der Bodenkammern bezogen, während die Eltern sich das Mansardenstübchen eingerichtet hatten. Es ging alles. Die Hauptsache, man konnte einen tüchtigen Batzen für das Pferd, das nächsten Winter zum Hörnerschlitten angeschafft werden sollte, zurücklegen. Bärbel war mit dem Tausch ganz zufrieden. Oh, sie war herrlich, ihre Bodenkammer. Die schönste Aussicht hatte sie von ganz Wolfshau – vom Bett aus konnte Bärbel schon die Schneekoppe sehen. Aber es hieß jetzt zeitig heraus aus den Federn. Noch vor der Schule, die im Sommer bereits um sieben Uhr begann, hatten Bärbel und Karl, die beiden Großen, tüchtig zu schaffen. Die Stiefel und Kleider für die Fremden zu bürsten; die frischen Semmeln vom Bäckerwagen, der jeden Morgen durch Wolfshau fuhr, zu holen; die Ziege zu melken und nachzuschauen, ob die Hühner Eier gelegt hatten. Um fünf Uhr, wenn die ersten Sonnenstrahlen droben in den Fenstern der Koppenhäuser blitzten, war die fleißige Familie schon auf den Beinen. Dann ging der Vater bereits mit seiner blauen Emaillekanne auf Arbeit, nach Schmiedeberg zu. An der großen Autostraße ins Böhmische hinüber fand er jetzt seinen Verdienst. Die Mutter hätte noch mal soviel Hände haben können. Da galt es das Frühstück für die Gäste zu richten, die Stuben aufzuräumen, das Mittagessen zu bereiten, den Garten in Ordnung zu halten, für Klein-Fritzel und für die Tiere zu sorgen. Dabei wusch die fleißige Frau noch Wäsche für die Fremden, wie ein Schild am Gartentor besagte. Sobald die Kinder aus der Schule kamen, war sie im Haushalt entlastet und konnte sich ans Waschfaß stellen. Denn die Großmuttel mit dem steifen Bein sollte möglichst nur Arbeit im Sitzen machen, Gemüse verlesen, Geschirr abwaschen und Flickarbeit, soweit es die alten Augen zuließen.

Bärbel war unermüdlich. Freudig tat sie ihre Pflicht. Ob sie nun Wäsche auf der Wiese zur Bleiche spreitete, ob sie im Garten jätete und harkte, die Rosen ans Spalier band, den Hausgästen die Vespermahlzeit unter dem Apfelbaum auftrug oder die kleinen Geschwister versah, sie sang mit den Vögeln um die Wette. Und wenn einer von den Fremden sie fragte: »Bärbel, wo hast du denn so schön singen gelernt?« zeigte sie lachend ihre weißen Perlenzähne: »Halt von unserm Rotkehlchen.«

Dabei erledigte sie ihre Schulaufgaben stets mit gleichem Pflichtbewußtsein. Von dem Besuch des Töchterlyzeums war vorläufig nicht mehr die Rede. Da gab es jetzt anderes, Wichtigeres in der Fremdenpension. Zum Bücherlesen kam Bärbel kaum mehr. Wurde sie im Hause nicht mehr gebraucht, hatte sie nicht Wäsche für die Kunden auszutragen, so zog sie mit Bruder Karl die Schubkarre zum Bahnhof. Dort gab's bei Ankunft der jetzt meist überfüllten Züge fast immer ein paar Groschen Verdienst für die Kinder. Sie fuhren den ankommenden Reisenden auf ihrer Karre die Handkoffer nach Krummhübel oder Brückenberg, wenn diese es vorzogen, nach der langen Eisenbahnfahrt die würzige Gebirgsluft beim Wandern zu genießen, anstatt sich dem gelben Postauto anzuvertrauen. Im Schweiße ihres Angesichts schleppten sie den Touristen die oft recht schweren Rucksäcke auf den Gebirgskamm hinauf und waren glückselig, wenn sie sich damit ein paar Pfennige verdienten. Jeder mochte die hübschen Kinder gern, die so unbefangen und zutraulich plauderten. Freilich, Karl wünschte meist für seine Mühe auch den Lohn in Empfang zu nehmen. Er brachte immer ein paar Pfennige überseite zu Bonbons oder gar zu einer Tafel Schokolade. Aber Bärbel paßte ihm scharf auf die Finger, daß alles in die Kasse für das »Pferdel« abgeliefert wurde.

Heute waren die Kleinertschen Kinder wieder mit ihrer Schubkarre am Krummhübler Bahnhof. Der Zug hatte Verspätung. Er hatte wohl arg zu schleppen. Die Sommerferien hatten begonnen.

Auch im Rosenhäusel hoffte man auf neue Logiergäste. Zwei Zimmer waren leer geworden. Im dritten wohnte ein alter Professor aus Leipzig, der Steinstudien in den Bergen machte und für den ganzen Sommer gemietet hatte.

»Paß auf, Muttel, wir bringen euch wieder nette Gäste ins Haus«, hatte Bärbel versichert.

»Die Hauptsache ist, daß sie gut zahlen«, erwiderte die praktische Mutter. »Denk auch dran, Bärbel, jetzt im Juli kostet jedes Zimmer halt fünf Mark mehr die Woche!«

War das ein Gewühl heute am Bahnhof. Die Postautos, die Hotelwagen und Landauer, die Hausmeister alle aus den Gast- und Logierhäusern, die Wirte der Privathäuser, alles stand empfangsbereit, auf den Zug wartend. Auch Dorfkinder wie Bärbel und Karl hatten sich mit ihren kleinen Wägelchen eingefunden. Bärbel machte ein etwas ängstliches Gesicht. Alle wollten sie Gäste mit heimnehmen. Ob da wohl noch welche für sie übrigblieben?

Von Hirschberg schnaufte der Zug herauf. Lange bevor er aus den Waldbergen auftauchte, hörte man schon das Ächzen und Prusten der Maschine.

Ein Ruck der Erwartung ging durch die Menge. »Das Zügel kommt – jetzt müssen wir uns halt dranhalten.«

So überfüllt wie heute war der Zug heuer noch nie gewesen. Touristen mit Rucksäcken, Wandervögel und Pfadfinder, Reisende mit Koffern und Kindern, dazwischen Gepäckträger; es war ein arges Gewühl. Die Hausmeister riefen mit lauter Stimme die Namen ihrer Hotels aus: »Preußischer Hof – Goldener Frieden – Teichmannbaude – Hotel Wang – Hotel Rübezahl –« man verstand sein eigenes Wort nicht.

Bärbel und Karl hielten sich vorläufig noch abseits. Erst mußte der stärkste Strom sich ein wenig verlaufen haben, erst mußten die Fremden, die bereits Zimmer bestellt hatten, mit Wagen und Autos davongefahren sein, ehe sich die Kinder heranwagen konnten.

Einer der Ankommenden, ein Herr mit Frau und Töchtern, schien es ebenso zu machen. Er war zur Seite getreten und ließ die Flut der Reisenden an sich vorüber.

»Wir warten hier in aller Ruhe, bis die Menschenmenge sich verlaufen hat, da wir noch nicht wissen, wohin wir unsere Schritte lenken werden.«

Bärbel, die unweit daneben stand, hatte seine Worte gehört. Sie schwankte. War es nicht zu keck, sich in das Gespräch der Fremden zu mischen und ihnen Wohnung anzubieten? Aber das Pferdel mußte zusammenkommen, und der Herr sah mit seiner goldenen Brille freundlich und vertrauenerweckend aus.

Bärbel gab sich einen Ruck. »Ach bitte, lenken Sie doch Ihre Schritte nach Wolfshau in unser Rosenhäusel«, bat sie, die Worte des Herrn wiederholend. »Da hat's zwei hübsche Stuben und Rosen über und über. Und unser Häusel ist schön, das schönste von ganz Wolfshau. Die Schneekoppe können Sie da sehen und das Schlesierhaus. Und die Lomnitz fließt unten an unserer Wiese vorbei und – und – und so eine gute Luft hat's nirgendswosonst.« Die blauen, strahlenden Kinderaugen sahen den Fremden zutraulich bittend an.

Der Herr sowohl wie seine Gefährtinnen mußten unwillkürlich lachen über die drollige Anpreisung. Der Herr meisterte seine Heiterkeit zuerst. »Das klingt ja recht verlockend – Wolfshau wäre mir besonders sympathisch, weil es ganz staubfrei sein soll. Hoffentlich ist der Preis für uns erschwingbar.«

»Oh, der ist billig«, versicherte Bärbel mit strahlenden Augen, daß sie so schnell Gäste gefunden hatte. Sie nannte den Mietspreis, ohne in ihrer freudigen Erregung daran zu denken, daß es ja jetzt in der Saison fünf Mark teurer sein sollte.

»Nun, das ist in der Tat nicht zu hoch«, stimmte der Herr zu. »Was meint ihr?« Er wandte sich an Frau und Töchter.

»Ja, Vater, wir wollen ins Rosenhäusel, das klingt so poetisch«, bat die Älteste.

»Die Kinder machen mir einen wohlerzogenen, sauberen Eindruck, das läßt günstig auf die Häuslichkeit schließen. Ich denke, wir sehen uns die Wohnung mal an«, meinte die Dame halblaut zu ihrem Manne.

Inzwischen hatte Karl die Schwester am Kleid gezupft.

»Schafskopp – die Wohnung is doch halt teurer, hat die Muttel gesagt«, flüsterte er, aber so laut, daß die Fremden es hören konnten.

»Na, was soll sie denn kosten, Junge!« fragte die Dame belustigt, da der Schreck, die Verlegenheit und die Enttäuschung in dem hübschen Gesicht des Mädchens offensichtlich war.

»Halt fünf Mark mehr«, meinte Karl achselzuckend. Bärbel war verstummt. Wie peinlich! Ob die Fremden auch nicht dachten, daß sie überteuert werden sollten?

»Nun, Alfred, ich denke, wir versuchen es trotzdem«, vermittelte die Dame, der es Bärbels bittende Blauaugen angetan hatten. Da die Miete immer noch niedriger war als die in Krummhübel und Brückenberg angebotenen Zimmer, schien ihr Gatte einverstanden.

Eins, zwei, drei, das Handgepäck auf die Schubkarre geladen – den großen Koffer ließen die Fremden noch an der Bahn. Man mußte ja erst sehen, ob es einem auch gefiele.

Oh, es würde ihnen schon im Rosenhäusel gefallen. Davor war Bärbel nicht bange. Als sie jetzt gemeinsam mit Karl ihre Karre von der belebten Krummhübler Landstraße in das friedliche Wiesengelände Wolfshau hinabzog, wandte sie immer wieder den dunklen Kopf zu den ihr nachfolgenden Fremden zurück.

»Gelt, hier ist's schön?« fragte sie erwartungsvoll.

»Herrlich!« riefen die jungen Mädchen begeistert. Die Eltern sagten gar nichts. In stummer Andacht ließen sie den Blick über die blauende Gebirgskette schweifen, über die tiefdunklen Tannenwälder und die lichtgrünen Samtmatten. Ein tiefer Atemzug hob die Brust der Dame.

»Ist das eine köstliche Luft hier! Dieser würzige Heuduft! Jeder Atemzug bringt Erholung!«

»Gelt ja?« meinte Bärbel strahlend. »So schön ist's halt nirgends sonst wie in unsern lieben Schlesier Bergen!« Berechtigter Heimatsstolz sprach aus den Worten des Mädchens. Karl wies mit dem Daumen, um auch etwas für seine Heimat zu tun, auf die höchste Bergkuppe. »Das ist halt unsere Schnäkoppe«, erklärte er. »Die Koppenhäusel sind gerade in Wolken. Aber das Schläsierhaus kann man sehen, am Fuß des Koppenkegels.«

Der Herr zog sein Fernglas aus dem Lederriemen und begann die einzelnen Punkte, welche die Kinder ihm wiesen, eingehend in Augenschein zu nehmen. Aber seine Damen drängten, ins Rosenhäusel zu kommen. Auch Mohrle schien derselben Ansicht. Er jagte an der Lomnitz entlang ein ganzes Stück voran und kam dann mit aufmunterndem Bellen zurück, als wollte auch er sagen: »Gelt, hier ist's schön? Aber daheim im Rosenhäusel ist's noch viel schöner.«

Bergauf, bergab, durch Wald und Wiesen, an kleinen Bauernhäusern und etwas größeren Logierhäusern vorüber. Dann leuchtete es feuerrot aus grünem Wiesenkranz. Bärbel blieb stehen. »Das ist unser Rosenhäusel«, sagte sie wie jemand, der das Stammschloß seiner Ahnen zeigt.

»Wie goldig!« – »Ein Dornröschenhaus!« – »Allerliebst in der Tat!«, riefen Mutter und Töchter begeistert. Der Herr betrachtete interessiert das brennendrote Rosengerank, welches das Häuschen umkletterte. »Merkwürdige Rankrose, in dieser Farbe habe ich sie noch nie bei uns in Breslau gesehen.« Er nannte einen lateinischen Namen, denn er war Studienrat.

»Es ist auch die einzige im ganzen Dorf«, bestätigte Bärbel stolz.

Mohrles Gebell hatte die Mutter herbeigerufen. Sie reichte den Gästen treuherzig die verarbeitete Hand.

»Nu, so seien Se ooch scheene willkummen im Rosenhäusel«, sagte sie.

Den Fremden, die noch gar nicht sicher wußten, ob sie hierbleiben würden, wurde es warm ums Herz bei den schlichtfreundlichen Worten. Und als sie nun die blitzsauberen Parterrestuben, den runden Holztisch um den Apfelbaum draußen auf der Wiese, von dem man das ganze Gebirgspanorama vor sich hatte, besichtigt hatten, dachten sie nicht mehr an Weitergehen. Sie waren glücklich, ein so idyllisches Ferienheim gefunden zu haben.

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