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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectidbba2d399
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18. Kapitel. Nachbarskinder

»Um halb fünf erwarte ich Herrn Doktor Opitz. Für andern Besuch bin ich nicht zu sprechen. Auch telephonisch nicht«, gab die Sängerin Barbara Kleinert dem Stubenmädchen Anweisung.

Zehn Minuten fehlten noch zur festgesetzten Zeit. Bärbel rückte die Teetassen auf dem kleinen Ecktisch zurecht, trotzdem dieselben ganz richtig standen. Sie trat hinaus auf den Balkon, der mit bunten Petunien und feuerroten Pelargonien ein wenig Natur vortäuschte. Es war eine stille Villenstraße, in die Bärbel blickte. Kinderpflegerinnen schoben weiße Kinderwagen in den nahen Südpark. Spaziergänger kamen und gingen. Aber Hermanns schlanke Gestalt wollte sich nicht zeigen. Dabei hatte der Zeiger an Bärbels kleiner Armbanduhr bereits die festgesetzte Zeit erreicht. Ja, mit den Herren Ärzten konnte man noch weniger rechnen als mit den Künstlern.

Bärbel ging in das mit vornehmem Geschmack von einem Architekten eingerichtete Wohnzimmer zurück. Das Warten machte sie nervös, ein Zustand, den sie nicht einmal vor Aufführungen kannte. Sie hatte Hermann Opitz brieflich zu sich gebeten, um ihm Grüße von seinen Eltern zu übermitteln, ihm das mitgesandte Päckchen einzuhändigen; vor allem aber, um ihm im Rosenhäusel Zimmer zur Verfügung zu stellen, falls er sich in Wolfshau niederlassen wollte. Das war es auch, was ihr sonstiges Gleichmaß beunruhigte – wie würde sich der Freund zu ihrem Vorschlag stellen? Er war stolz, der Hermann, sie durfte es ihm nur zur Miete anbieten.

In den letzten Jahren hatten sie sich recht auseinandergelebt, sie beide, Bärbel konnte es sich nicht verhehlen. Sie war ständig in Anspruch genommen, sei es von ihrer Kunst, von Verehrern oder gesellschaftlichen Verpflichtungen. Hermann hatte sich zurückgezogen. Es machte ihm wohl keine Freude, mit soundso vielen anderen gleichgültigen Menschen sich in Bärbels Gesellschaft teilen zu müssen. Die gemeinsamen Sonntagsspaziergänge hatten aufgehört. Keiner von ihnen hatte mehr Zeit dazu.

Das waren die Gedanken, die durch Bärbels Kopf zuckten, während sie die Finger über die Tasten ihres Flügels gleiten ließ. Sie summte dazu eine Arie aus »Aida«, worin sie am Abend aufzutreten hatte.

Da meldete das Stubenmädchen: »Gnädiges Fräulein – Herr Doktor Opitz.« Gleich darauf trat der Freund ein.

»Bitte vielmals um Entschuldigung wegen der Verspätung, aber ich war nicht früher abkömmlich.« Es klang ein wenig förmlich.

»Laß dich anschauen, Hermann. Ich habe dich ja seit Monaten nicht gesehen. Ein wenig blaß und überarbeitet, gelt ja?« Es war, als ob das heimatliche »Gelt ja« die Entfernung zwischen den einstigen Nachbarskindern überbrückte. Hermann ergriff noch einmal Bärbels Hand. »Ich bin ein recht schlechter Mensch, daß ich mich sowenig um dich kümmere, Bärbel, und erst zur Audienz befohlen werden muß. Aber du vermißt mich ja wohl kaum bei deinem großen Kreise.«

»Erst recht, Hermann. Man sehnt sich aus dem großen Gesellschaftskreise oft nach Menschen, die einem innerlich nahestehen. Wenn ich Königs nicht hätte und meine Geschwister, wäre ich trotz der vielen Leute, mit denen ich täglich zusammen bin, recht einsam.« Sie zündete den Samowar an und reichte dem Freunde Zigaretten. »Bitte, bediene dich.«

Hermann blickte auf die gepflegten, weißen Finger und verglich sie in Gedanken mit den einstigen roten Bauernhänden der Jugendfreundin. Es erinnerte nichts mehr an die Bärbel von früher. Sie war ganz und gar vornehme Dame geworden, die berühmte Sängerin Barbara Kleinert. Wunderschön, aber fremd, halt nicht mehr die Bärbel. Doch nein, die Augen von der Farbe des Enzians, diese klaren, strahlenden Augen, die waren noch dieselben wie in ihrer gemeinsamen Kinderzeit.

»Ich bringe dir Heimatsgrüße«, begann Bärbel, den Tee einschenkend. »Ich war vor einigen Tagen im Gebirge und habe bei euch vorgesprochen. Deine Mutter schickt dir Schinkenspeck und die letzten Winteräpfel mit.«

»Meine gute Alte – sie denkt immer noch, ich muß in der Stadt hungern. Dabei werde ich in der Klinik vorzüglich verpflegt. Wie schaut's denn aus daheim? Geht's den Eltern gut?«

»Sie klagen alle beide schon ein bissel über dies und jenes.«

»Werden halt auch nicht jünger. Das Leben rollt dahin, und man muß es getrennt voneinander leben«, meinte Hermann nachdenklich, die Zigarette anzündend.

»Muß man das denn?« wagte Bärbel den ersten Vorstoß. Nimmst du Rum oder Zitrone zum Tee? Ja, also deinen Eltern fehlt eigentlich nichts weiter als du selbst. Sie wünschen sehnlichst, daß du dich in der Heimat als Arzt niederließest.«

»Mit dem Wunsch allein ist es nicht getan. Ich würde auch lieber heute als morgen aus der Stadt fortgehen. Obgleich ich hier im Krankenhause immer noch lerne und mich medizinisch weiterbilde. Manchmal packt mich der Wunsch, den ganzen Krempel hier hinzuwerfen und daheim auf dem Lande zu praktizieren. Daraufhin habe ich studiert und gearbeitet. Aber es wird wohl noch manches Jahr vergehen müssen, bis ich am Ziel bin, bis ich die notwendigsten Mittel dazu zusammengespart habe.« Merkwürdig, die Sängerin Barbara Kleinert hatte sich im Gespräch wieder in die Kleinert Bärbel verwandelt, der er wie als Junge seine Wünsche anvertraute.

»Ich habe mein Ziel erreicht, Hermann. Du kannst mir gratulieren.« Bärbel machte ein verschmitztes Gesicht.

»Gratulieren? Hast du dich verlobt? Mit einem von diesen eleganten Laffen, die dir täglich Blumen schicken?« Hermann machte eine ungestüme Bewegung zu den kostbaren Blumen drüben auf dem Flügel.

Bärbel schüttelte den Kopf. »Mein Leben gehört der Kunst allein. Errätst du's wirklich nicht, Hermann? Das Rosenhäusel habe ich gekauft – unser liebes Rosenhäusel ist mein!«

»Da wünsche ich dir von Herzen Glück, Bärbel.« Beide Hände der Freundin ergriff Hermann erfreut. »Du bist dir und der Heimat treugeblieben.«

»Und nun komme ich mit einer Bitte zu dir, Hermann.« Schüchtern klang's, nicht als ob die verwöhnte Sängerin es sprach, sondern noch das kleine Dorfmädel von früher. »Ich habe den Oberstock im Rosenhäusel ausbauen lassen und möchte einige Zimmer abgeben. Schon damit die Mutter wieder etwas zu schaffen hat. Willst du mein Mieter werden, Hermann? Kannst du im Rosenhäusel deine Praxis begründen? Du könntest mir keine größere Freude bereiten, als wenn du einschlägst. Wegen der Miete würden wir uns schon einigen, das braucht dir keine Sorge zu machen. Und – und meine Mutter könnte dir den Haushalt versehen, da hätte sie gleich wieder ein Wirkungsfeld.« Bärbel sprach nicht so ruhig wie sonst. Ihre Worte überstürzten sich, als sie sah, daß Hermann die Stirn in Falten zog.

Er zögerte mit der Antwort.

»Du meinst es gut, Bärbel, aber – Almosen nehme ich nicht.« Gleich darauf tat ihm seine schroffe Abweisung leid. Denn er sah, wie sich die blauen Augen ihm gegenüber mit Tränen füllten. Und sie hatte niemals leicht geweint, die Bärbel. »Ich muß mein Ziel ohne fremde Hilfe erreichen«, erklärte er nochmals.

»Fremde Hilfe? Ich habe nicht gewußt, daß ich dir so fremd geworden bin, Hermann.« Sie schwiegen beide. Dann fuhr Bärbel energisch fort: »Wenn wir als Kinder auf einen hohen Berg geklettert sind und du warst früher am Ziel als ich, da hast du wohl die Hand ausgestreckt, mir den letzten Anstieg ein wenig zu erleichtern. Und als ich den schweren Aufstieg vom einfachen Dorfkinde zu den gebildeten Kreisen unternahm, wer war's da, der mich stützte, indem er mir Bücher brachte, der mir Mut zusprach, wenn ich verzagen wollte. Ich habe damals nicht daran gedacht, mein Ziel ohne deine Hilfe erreichen zu wollen.«

»Hast recht, Bärbel, man soll die Freundeshand ergreifen, die einem geboten wird. Ich danke dir für dein großherziges Anerbieten. Wolfshau mit seinen sonnigen Matten halte ich für geeignet, um mal später dort, wenn es glückt, ein Erholungsheim zu gründen. Vorläufig aber will ich im Rosenhäusel als Wald- und Wiesenarzt unseren braven Gebirgsleuten Hilfe bringen. Wie sind die Mietsbedingungen?«

»Daß du mir gestattest, dir die Zimmer so einzurichten, wie du sie brauchst. Ich bin im Begriff, für die nächste Saison einen Vertrag mit der Dresdner Oper abzuschließen. Da bekomme ich hohe Gage. Die medizinischen Instrumente und Apparate, deren du bedarfst, sind gewiß teuer. Ich lege sie für dich aus, und du gibst mir das Geld wieder, wenn du in die Praxis hineingekommen bist.«

»Bärbel – du bist ein treuer Kamerad. Ich hab' dir unrecht getan. Hab' gemeint, die vielumworbene Sängerin Barbara Kleinert fragt nichts mehr nach der bescheidenen Vergangenheit, nach dem Nachbarssohn aus der Heimat. Opfer sollst du für mich nicht bringen. Die medizinischen Warenhäuser sind es gewohnt, daß junge Ärzte ihre berufliche Einrichtung allmählich abzahlen. Wenn du mich die ersten schweren Monate gegen ein geringes Entgelt im Rosenhäusel wohnen lassen willst, nehme ich es dankbar von dir an. Von keinem andern tät ich's halt.« Er hatte noch hinzusetzen wollen, ob er wohl hoffen dürfe, daß sie eines Tages zusammen im Rosenhäusel wohnen würden, ob sie wohl mal auf ihre Künstlerlaufbahn, auf Ruhm und Ehren verzichten und an seiner Seite ein gemeinsames Leben in der Heimat still und zufrieden würde führen können. Aber da waren die Lorbeerkränze drüben an der Wand, die vielen Schleifen mit Goldschriftwidmungen. Da war das Wort, das Bärbel selbst vor kurzem gesprochen hatte: »Mein Leben gehört der Kunst allein« – das alles schloß ihm die Lippen. Stumm und zerstreut hörte er zu, wie Bärbel Pläne machte, in welcher Farbe sein Ordinationszimmer gestrichen werden sollte und wie das Wartezimmer; daß sie das Mansardenzimmer, in dem sie schon als Kind gewohnt, für sich einrichten wollte, wenn sie zu den Ferien heimkäme, auszuruhen von der Unruhe des Theaterlebens.

Er mußte sich damit begnügen, daß sie die Ferien ihrer bewegten Künstlerlaufbahn im Rosenhäusel verbrachte.

Bärbels kleine Armbanduhr lief unerbittlich weiter, so gern die Besitzerin sie auch angehalten hätte. Schwester Friedel steckte den Blondkopf zur Türe hinein: »Bärbel, du noch hier? Ich dachte halt, du wärst schon im Theater. Gleich ist es sieben.«

Das gab einen eiligen Abschied nach der gemeinsamen Teestunde, welche die beiden Nachbarskinder innerlich wieder miteinander verknüpft hatte.

Aber als der junge Mediziner dann an Friedels Seite von einer Loge aus die Jugendfreundin als Aida bewunderte, als das Publikum ihr in stürmischer Begeisterung zujubelte, als man sie immer wieder vor den Vorhang rief, da empfand er die Kluft, die ihr Leben von dem seinigen trennte, unüberbrückbar.

Barbara Kleinert, die gefeierte Sängerin, gehörte ihrer Kunst.

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