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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
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17. Kapitel. Am Ziel

Die Brückenberger Schule droben an der Kirche Wang war zu Ende. Rotwangige, klaräugige Buben und Mädel drängten sich lärmend durch die Tür hinaus ins Freie. Hier rauften zwei miteinander, dort jagten sich einige Blondköpfe um das kunstvoll geschnitzte Holzkirchlein. Kinderjauchzen mischte sich in das Frühlingsgezwitscher der Vögel.

Von einem mit Rosen geschmückten Hügel des Bergkirchhofs kam eine junge Dame. Sie ging langsam, atmete in tiefen Zügen die würzige Mailuft. Heimatsluft. Froh strahlten ihre Augen auf, als die übermütige Kinderschar sie umtobte. So war auch sie einst drunten aus der Krummhübler Schule gekommen, mit schwarzen Zöpfen, den Schulranzen auf dem Rücken.

Die junge Dame zog aus ihrem Reisetäschchen eine Tafel Schokolade und verteilte sie unter die sie umringende Schuljugend. Mit halb erstaunten, halb beglückten Augen, mit wohlerzogenem »Dank ooch scheene« verschwand die süße Gabe sofort in den roten Mäulchen. Aber sie reichte nicht weit, die eine Tafel Schokolade. Da waren noch viele begehrliche Kinderaugen. Sollten die leer ausgehen?«

»Mehr habe ich nicht«, sagte die Dame lächelnd. »Aber bis zum Striezelbäcker ist es ja nicht weit, gelt? Dort hat's noch mehr Schokolade. Wer will mitgehen?«

Da blieb kein einziges zurück. Alle gaben sie der Fremden das Geleit. Wie der Rattenfänger von Hameln schritt sie inmitten der Kinderschar, selbst froh wie ein Kind, die Dorfstraße entlang. Neugierige Augen der Brückenberger Bewohner folgten der hochgewachsenen, vornehm gekleideten Erscheinung. Es waren jetzt im Mai erst wenige Gäste im Gebirge. Keiner kannte die Fremde.

Nachdem die süßen Einkäufe in all die Kinderhände gewandert waren, trennte sich die Spenderin von der kleinen Gesellschaft. Sie mußte hier gut Bescheid wissen. Ohne nach dem Weg zu fragen, schlug sie einen Abkürzungspfad über die Wiesen nach Wolfshau hinüber ein.

Aber zwei kleine Mädchen liefen hinter ihr her. Schlüsselblumen und Anemonen hatten sie am Wiesenrain gepflückt. Jetzt reichten sie der Dame dankbar verlegen ihr Sträußchen. Keine noch so kostbare Blumengabe hatte die berühmte Sängerin Barbara Kleinert jemals so erfreut wie diese Frühlingsblümchen aus Kinderhand.

Bärbel ließ den Blick über die blaue Gebirgskette schweifen. Da grüßten sie wieder ihre lieben Heimatsberge. Schnee lag noch auf der Koppe, auch in der Seifengrube. Bärbels Augen feuchteten sich. Wenn der Vater doch diesen Tag erlebt hätte!

Das Streben und Ziel seines fleißigen Lebens, heute hatte es sich erfüllt. Seit zwei Stunden war Bärbel die Besitzerin des Rosenhäusels. Sie kam soeben aus Hirschberg vom Notar, wo der Kauf abgeschlossen worden war. Mit der ersten größeren Summe, die sie erübrigen konnte, hatte sie den Traum ihrer Kinderjahre verwirklicht.

Nun hatte sie ein Heim, nun war sie erst wirklich daheim in ihren lieben Bergen. Hier im Rosenhäusel würde sie ausruhen von dem Trubel, von dem Treiben und Hasten da draußen in der Welt, von all der Unruhe, die das Theaterleben mit sich brachte. Hier würde sie ihre Ferienzeit, wenn sie nicht auf Gastspielreisen war, friedlich verbringen.

Die Mutter ahnte noch gar nichts. Bärbel hatte nicht viel Zeit zum Schreiben. Mehrere Male hatte sie in den drei Jahren, die sie nun schon an der Breslauer Oper als gefeiertste Sängerin war, mit dem Auto die Heimat besucht. Sie hatte die Mutter und die Geschwister zu sich nach Breslau nehmen wollen. Aber die einfache Frau mochte nichts davon hören.

»Nee, Bärbel, nu nee! Du bist jetzt halt a vornähme Dame geworden, du sollst dich ooch deiner Mutter nä schämen missen.« Auch zu einem kurzen Besuch war sie nicht zu überreden, trotzdem Bärbel in ihrer hübschen Vierzimmerwohnung Platz für sie gehabt hätte. Aber Karl und Friedel, die Geschwister, die hatten sie in Breslau besucht. Mund und Nase hatten sie aufgesperrt über all die Herrlichkeiten in der großen Stadt, die Bärbel ihnen zeigte. Vor allem aber hatten sie gestaunt, was für eine berühmte Theaterprinzessin ihre große Schwester geworden war. Wie die Leute in der Oper ihr zujubelten, wie man sie mit Blumen überschüttete, was für herrliche Kleider sie trug und was für ein feines Leben sie führte.

Mit nachdenklichen Augen schritt Bärbel durch den Frühlingswald. Es war nicht immer gar so beneidenswert, das Leben einer gefeierten Bühnenkünstlerin. Es strengte oft mehr an, verlangte stärkere Nervenanspannung als rechtschaffene körperliche Arbeit. Aber sie wollte nicht undankbar sein. Sie gab Tausenden Erhebung und Freude durch ihre Kunst. Sie vermochte der Mutter ihr Alter sorgenlos zu gestalten, die Geschwister etwas Rechtes lernen zu lassen. Karl besuchte seit einem Jahr, nachdem er seine Lehrlingszeit hinter sich hatte, die Breslauer Kunstakademie. Er hatte zeichnerisches Talent und starken Farbensinn. Reklamemaler waren gesucht. Die jetzt fast siebzehnjährige Friedel hatte sie auf die hauswirtschaftliche Frauenschule geschickt. Gewerbelehrerin sollte sie werden. Bärbel hatte sie zu sich genommen. Nur Fritzel, der Jüngste, war noch daheim. Er hatte einen offenen Kopf und besuchte neuerdings das Hirschberger Gymnasium. Der sollte mal studieren.

Der Wald vor Bärbel hatte sich geöffnet. Wolfshau mit seinen lenzgrünen Samtmatten breitete sich in der Maisonne ihr zu Füßen. Da lag das Rosenhäusel – ihr Rosenhäusel. Noch blühten die Rosen nicht, nicht einmal Knospen hatte das zartgrüne Gerank angesetzt. Verödet, ja sogar verwahrlost sah das Häuschen aus. Der frühere Besitzer hatte in den letzten Jahren nichts mehr daran gewendet, da er es verkaufen wollte. Das Dach mußte ausgebessert werden, ein frischer Anstrich war notwendig, die grünen Fensterläden hingen schief in den Angeln. Und doch, ein unsagbares Glücksgefühl durchflutete Bärbel, als sie jetzt den ersten Schritt auf eigenen Grund und Boden tat. So im innersten Herzen glücklich war sie selbst damals kaum gewesen, da man sie an die Breslauer Oper gerufen hatte.

Um das Haus herum, an Stall und Schuppen vorüber wanderte Bärbel. Dort hatte des Vaters gelber Hörnerschlitten seinen Platz gehabt. Hier im Stall hatte sie die Ziege gemolken. Bärbel lächelte. Wenn die vornehmen Leute, die sich jetzt um die Bekanntschaft der Barbara Kleinert rissen, das wüßten. Obgleich sie nie ein Hehl daraus machte, daß sie von bescheidenem Herkommen war. Es war doch eine glückliche Kinderzeit gewesen trotz schwerer Arbeit.

Der Apfelbaum auf der Wiese stand in zartrosa Blüte, über und über hatte er sich für den Einzug der jungen Herrin geschmückt. Hier hatte im Sommer die Großmuttel ihren Lieblingsplatz gehabt. Da hatte sie den lauschenden Enkeln ihre Rübezahlmärchen erzählt. Und des Abends hatte Bärbel mit ihrem Vatel unter dem Apfelbaum zur Zither gesungen ...

Helles Gezwitscher in der blauen Mailuft weckte Bärbel aus ihrem Sinnen. Schwalben schossen in Bogenflügen um ihr Haus, Glücksboten des Herrn Rübezahl. Ein gutes Omen.

Nun aber zur Mutter. Hier stand sie nun und dachte wehmütig vergangenen Zeiten nach und besaß dabei doch noch freudige Gegenwart. Eine Mutter, die sich mit ihr freuen würde, die sie in das Rosenhäusel, aus dem das Elend sie vertrieben, frohen Auges zurückführen durfte.

Drüben beim Schuster Hensel schien alles unverändert, wie es Bärbel als Kind schon gesehen. An den kleinen Fenstern blühten Blumen in Topfscherben und alten Konservenbüchsen. Dort hing die Flauschjoppe und die Mütze von Vater Hensel am Haken bei der Tür. Da kamen die Tabakswolken aus seiner Schusterwerkstatt. Es roch nach Pfeife, Leder und Kohl, ganz so wie früher, da Bärbel als Kind sich vom Vater Hensel einen Riester auf ihre Sonntagsschuhe hatte setzen lassen. In der Küche rumorte die Frau, sie wusch das Mittagsgeschirr ab.

Bärbel klopfte an die Tür zu dem Stübchen, das die Mutter jetzt zur Miete bewohnte. Kein »Herein« ertönte. Der Henselsche Hund schlug an. Gleich darauf steckte Vater Hensel in grünen Pantoffeln und Lederschurz den graustoppeligen Kopf zur Tür heraus.

»Nu gutten Tag ooch, gutten Tag, womit kann ich dienen?« fragte er höflich, in der Annahme, daß sich vornehme Kundschaft zu ihm verirrt habe.

Helles Lachen antwortete. »Aber Vater Hensel, kennen Sie denn die Bärbel nicht mehr, die Kleinert Bärbel?« Die junge Dame reichte ihm eine zartbehandschuhte Hand, in die der brave Schuster seine von der Arbeit schwärzliche Rechte nicht zu legen wagte.

»De Kleinert Bärbel, de beriehmte Freilen Sängerin! Mädel – nu verzeihen Se ooch, Freilen, ich kann mich halt immer noch nä dran gewehnen, daß de Kleinert Bärbel su a scheene, man mechte sprechen, su a vurnähme Dame jetze is.«

»Vater Hensel, hier in Wolfshau bin und bleibe ich die Kleinert Bärbel. Die vornehme Dame bin ich bloß für Breslau. Sie werden doch nicht ›Fräulein‹ zu mir sagen, wo Sie mich auf den Knien geschaukelt haben.« Bärbel ergriff ohne weiteres des Meisters Arbeitshand. »Wo ist die Muttel? Ich hab' halt eine Überraschung für sie.«

»De Mutter Kleinerten, nu wo wird se ooch sein? A bissel zu a Nachbarin 'nieber. Se hat halt keene rechte Arbeet mähr, de Muttel Kleinerten, wenn und se sull nä mähr fier andere Leite waschen. Der Fritzel kummt ooch ärst in a Stunde aus Hirschberg 'nuff, da is se halt mal uff a Sprung nieber zur Fischern. Aber ich tu se schon holen, de Kleinerten, wenn und de Freilen Bärbel mecht sich ooch a Augenblick gedulden, ich tu gleich 'nieberspringen.«

»Ich kann ja selbst gehen, Vater Hensel, ich habe jüngere Beine als Sie.«

Aber davon wollte der brave Meister nichts hören. Er stieß die Tür zur Küche auf und seiner lieben Frau unsanft an den neugierig lauschenden Kopf. »Nu kumm ooch, Muttel, nu kumm ooch, de Kleinert Bärbel, de vurnähme Freilen Sängerin begrießen. Ich tu halt schnelle de Muttel Kleinerten holen.« Damit lief Vater Hensel in die Maisonne hinaus, daß die grünen Pantoffeln nur so flogen.

Frau Hensel trocknete sich umständlich die Hände an ihrer Blaudruckschürze ab, ehe sie dieselben dem Gast mit einem Wortschwall reichte. Dann öffnete sie die Tür zur Kleinertschen Stube und wischte einen tadellos sauberen Holzstuhl nochmals ab.

»Nu nähmen Se ooch Platz, nu setzen Se sich ooch, Freilen Bärbel. Das wird halt a Freide werden fier de Muttel. Keene zwee Tage ist's här, daß se halt gesprochen hat: ›Ich tu gor nischte mähr aus Breslau heeren. Wenn de Jungen halt aus'm Nest geflogen sind, hernach tun se de Alten vergessen.‹ Nu, das is ja scheene, daß Se halt mal wieder zu uns härgefunden haben, Freilen Bärbel. Und so feine sähen Se aus wie a Kumtesse.« Sie fuhr bewundernd über Bärbels Kostümstoff. »Nu jo jo, de reichen Leite in a Stadt, die wissen halt nischte nich von Armut.«

»Nun, Frau Hensel, Sorgen habe ich genug in meinem Leben kennengelernt. Arbeiten muß man in der Stadt genau so wie auf dem Lande.« Bärbel sah sich in dem peinlich saubergehaltenen Stübchen um. Da war das geblümte Kattunsofa aus dem Rosenhäusel, von dem man Mohrle, der inzwischen auch das Zeitliche gesegnet hatte, immer vertreiben mußte. Großmutters Wäschetruhe mit den buntgemalten Blumen, all die alten, bescheidenen Möbel ihrer Kinderjahre. An den Fenstern hinter den sauberen Gardinen Ableger von allerlei Pflanzen. Die Mutter schien immer noch ihre glückliche Hand in der Blumenpflege zu haben. Da kam sie ja schon selbst, so schnell sie ihre Füße trugen. Denn Vater Hensel hatte mit lauter Stimme, daß man es bald bis Krummhübel hinauf hören konnte, verkündet: »Nu kumm ooch schnelle heime, Kleinerten. De Bärbel, die Freilen Sängerin, is halt kummen und a Ieberraschung bringt se mitte. Und scheene is se wie a vurnähme Dame – nu su kumm ooch!«

Am Fenster draußen sah man der Mutter ergrauten Kopf im schwarzgehäkelten Kopftüchel auftauchen, und da stand die Bärbel auch schon im Hausflur und umfing die ihr kaum bis zur Schulter Reichende und streichelte ihr die immer noch roten Wangen und die Hände, die soviel für ihre Kinder gearbeitet hatten.

»Nu gutten Tag ooch, Bärbel, nu das is scheene, daß du ooch amal wieder Heime finden tust. Nu, dir gäht's gutt!« Ein bewundernder Blick überflog die Gestalt der Tochter.

»Ja, Muttel, mir geht's gut. Heute ganz besonders gut. Ich war schon oben in Wang an Vaters Grab, er sollte der erste sein, der es erfuhr: Das Rosenhäusel ist unser – ich hab's gekauft.«

»Das – – – was sagste? Das Rosenhäusel – ja Mädel, ist denn das wahr, ist denn das wirklich und wahrhaftig meeglich? Und nicht nur zur Pacht sollen wir es wiederhaben, halt richtig geheeren tut es uns?« Die Mutter konnte es nicht fassen. Sie brach plötzlich In Tränen aus.

»Aber Muttel, du sollst dich doch freuen, daß du wieder in unser liebes Rosenhäusel einziehen kannst.« Ratlos stand Bärbel diesem ungewöhnlichen Gefühlsausbruch der einfachen Frau gegenüber. Einmal im Leben nur hatte sie die Mutter weinen sehen. Das war damals, als der Vater ...

»Lachen kannste, Kleinerten, wenn und das Rosenhäusel is euer, anstatt daß und du weenst«, ließ sich Meister Hensel, seine Pfeife frisch stopfend, vernehmen.

Energisch trocknete Frau Kleinert die Augen. »Ich tu mich ja halt freuen. Aber wenn und du hast dein ganzes Läben uff was gedacht und gespart, und nu kummt's, wo's balde zu späte is – – –.«

»Es ist doch noch nicht zu spät, Muttel. Wenn's auch der Vater nicht mehr erlebt hat – du sollst noch viele frohe Jahre im Rosenhäusel haben. Und wir Kinder draußen in der Welt, wir wissen, wo wir daheim sind.« Arm in Arm ging Bärbel mit der Mutter hinüber in ihr Rosenhäusel.

»Eene Ziege missen wir halt wieder anschaffen, Bärbel, und Hiehner und ooch a braves Hundel. Und vermieten mecht ich halt ooch wieder an Gäste, man hat ja sonst reine nischte nich zu tun.« So machte die Mutter frohen Auges Pläne. Ihre Schaffenskraft erwachte wieder.

»Freilich, Muttel, zwei Zimmer richten wir für Sommer- oder Wintergäste ein. Und ich lasse den Oberstock ausbauen, mein Mansardenstübchen soll einen Balkon zur Schneekoppe zu bekommen. Wo ich als Kind geschlafen, da will ich wieder wohnen. Aber das Häusel muß erst hergerichtet werden, alles frisch geputzt und gestrichen. Und unten am Bächel, da laß ich eine Steinmauer setzen, daß kein Hochwasser uns mehr bedrohen kann«, überlegte Bärbel.

»Je, Mädel, denkste denn ooch, was das alles kosten tut?« warf die Mutter mahnend ein.

»Es reicht schon noch dazu, Muttel.«

»Soviele Geld verdienste halt mit a bissel Singen? Je, Bärbel, da war's doch gutt, daß und du bist in die Stadt gemacht, anstatt daheime Stubenmädel oder Kellnerin zu werden!« Immer wieder glitt der Blick der Mutter über die Tochter. Sie konnte sich nicht satt sehen. Fremd war sie ihr in ihrer vornehmen Schönheit geworden und doch so lieb und vertraut. »Wie gäht's dem Karle und der Friedel? Und was wird bloß der Fritzel sagen!«

Die buntstreifige Gymnasiastenmütze auf dem hellblonden Schädel, die Bücher unter dem Arm, so kam Fritzel vom Bahnhof her durch Wolfshau geschlendert. Schon unterwegs hörte er es allenthalben: »Weißte 's schon, Fritzel, deine Sängerin-Schwester aus Breslau is da, und 's Rosenhäusel hat sie halt gekauft. Nu, es is eich auch zu gennen, daß es eich amal gutt ergäht.« In jedem Hause wußte man es schon. Denn Mutter Hensels Beine waren nicht weniger schnell als ihre Zunge.

Als Bärbel den Bruder über die von weißem Schaumkraut überwogten Wiesen eiligst herbeikommen sah, mußte sie unwillkürlich an ihren Jugendfreund denken. So war Hermännel auch oft mit der Gymnasiastenmütze zum Rosenhäusel hinuntergelaufen, um ihr ein Buch zum Lesen zu bringen. Ins Lehrerhaus mußte sie noch unbedingt, so knapp die Zeit auch war.

Herr und Frau Opitz waren nicht jünger geworden in all den Jahren. Sie klagten über dies und über das, was ihnen fehle. Am meisten aber fehlte ihnen ihr Junge, der Hermann. Ob er denn noch nicht daran dachte, heimzukommen und sich als Arzt niederzulassen. Er war doch schon geraume Zeit mit dem Studium fertig und hatte nun wirklich lange genug an den Breslauer Kliniken gearbeitet.

»Der Herr Doktor läßt sich wenig bei mir sehen«, meinte Bärbel. »Er behauptet, nicht aus der Klinik fehlen zu können. Wenn ich ihn nicht mal mit einem Opernbillett aus seiner Arbeit herauslockte, bekäme ich ihn monatelang nicht zu Gesicht, den Hermann.«

»Ja«, bestätigte seine Mutter, »so war der Hermännel schon als kleines Jungele, pflichttreu und strebsam. Wenn ich nur wüßte, wo er sich mal als Arzt niederlassen könnte. Ohne Geldmittel ist das eine schwierige Sache. Denke nur, Bärbel, was alles dazu gehört: Miete, Einrichtung und die teuern Instrumente und modernen Apparate. Ich werd's wohl nicht mehr erleben, daß der Hermann ans Ziel kommt.«

»Heute wollen wir uns mal mit der Bärbel freuen, die nach all dem schweren Ringen endlich ihr Ziel erreicht hat«, unterbrach der Lehrer lächelnd die Klagen seiner Frau. »Mädel, was bin ich stolz auf dich! Jede Zeitungskritik schickt der Hermann uns ein. Ich habe schon ein ganzes Buch davon.«

»Wirklich? Und ich glaubte, der Hermann habe nur Interesse für seine Kranken und kümmere sich gar nicht um meine Premieren.«

»Er versäumt keine, wenn er sie auch nur vom hohen Olymp herab genießt. Zu einem Logenplatz langt der Geldbeutel nicht.«

»Aber Herr Opitz, der Hermann kann doch von mir Freikarten kriegen, sooft er nur will. Er braucht es mir doch bloß zu sagen.«

»Er ist halt stolz, unser Hermännel. Er sagt nicht gerne ›Danke schön‹. Lieber nimmt er mit Geringerem fürlieb«, entschuldigte die Mutter den Sohn.

»Aber wir sind doch Jugendfreunde, Nachbarskinder über den Hügel. Ja, wenn der Hermann nicht so stolz wäre – – – –«, Bärbel blickte sinnend vor sich hin. »Sagen Sie, Frau Opitz, hat der Hermann schon mal geäußert, wo er sich als Arzt niederlassen will?«

»Auf keinen Fall in der Stadt. Nur bei uns hier oben im Gebirge. ›Der Heimat gehört meine Arbeit‹, hat er oft gesagt. Aber hier in Krummhübel hat's schon Ärzte genug. Bei uns hier im Lehrerhaus geht es ja ohnedies nicht, weil wir Dienstwohnung haben. Brückenberg oder Wolfshau käme in Frage.«

»Würden Sie das Rosenhäusel für Hermanns Praxis wohl geeignet finden, Herr Opitz?« erkundigte sich Bärbel. Sie hatte bisher noch kein Wort davon verlauten lassen, daß sie das Rosenhäusel erworben hatte.

»Das Rosenhäusel? Warum nicht? Es liegt an der Dorfstraße, und Wolfshau entwickelt sich als Sommerfrische von Jahr zu Jahr mehr. Aber der Besitzer will verkaufen. Ich glaube nicht, daß er es zur Miete abgibt. Und wie soll der Hermann überhaupt die Miete im ersten Jahr aufbringen?«

»Der Besitzer will nicht mehr verkaufen«, meinte Bärbel mit unterdrücktem Lächeln. »Er ist froh, daß er das Häusel hat. Über die Miete ließe er wohl auch mit sich reden. Zwei Zimmer könnte er dem Hermann abtreten, wenn's nötig ist, auch drei.«

»Ja, Bärbel, du scheinst nicht mehr zu wissen, wie hart solch ein schlesischer Bauernschädel ist. Drei Jahre läßt der Bauer drunten in Seidorf nun schon das Häusel leer stehen, verliert Pacht und Miete, nur weil er sich in den Kopf gesetzt hat, zu verkaufen. Wer hat bei den schlechten Zeiten jetzt Geld dazu.«

»Das Häusel ist verkauft, Herr Opitz.« Bärbels Gesicht überzog sich mit Röte freudiger Erregung.

»Der Tausend – und dazu muß erst einer aus Breslau kommen, um uns das zu erzählen. Seit wann denn?«

»Seit heute.«

»Seit heute? Bärbel – nein, das ist ja nicht möglich!« rief Frau Opitz aufgeregt, die schneller die Sachlage durchschaute als ihr Mann.

»Halt doch, Frau Opitz! Hier sehen Sie die neue Besitzerin des Rosenhäusels. Vor wenigen Stunden habe ich es gekauft.«

»Mädel – Bärbel – und das erzählst du uns erst jetzt?« Frau Opitz packte Bärbel trotz ihrer Berühmtheit um den Hals und küßte sie herzhaft.

»Gratuliere – und Glück und Segen ins eigene Heim!« rief Herr Opitz lebhaft. »Hole eine Flasche Johannisbeerwein, Muttel, eigenes Gewächs. Das müssen wir feiern.«

»Ein andermal, Herr Opitz, wenn der Hermann auch dabei ist. Jetzt habe ich noch verschiedene Besprechungen mit Maurer- und Malermeister, um das Häusel bald in Ordnung bringen zu lassen. Ich habe unsern Fritzel beauftragt, die Herren ins Rosenhäusel zu bitten. Es ist höchste Zeit, daß ich mich verabschiede.«

Aber ein paar Minuten mußte Bärbel doch noch zugeben. Frau Opitz wollte erst noch ein Futterpäckchen für den Sohn herrichten, das sie Bärbel mitzunehmen bat. Anders tat sie's nicht, die gute Mutter.

Als Bärbel durchs Dorf zurückging, grüßte es aus jedem Hause. Allenthalben reckte man die Hälse hinter der berühmten Sängerin her, die sich jetzt im Ort angekauft hatte.

Im Rosenhäusel erwarteten der Maurermeister Liebig und der Malermeister Hanke, bei dem Karl in der Lehre gewesen, bereits die junge Besitzerin und nahmen ihre Aufträge in Empfang. Ja, ein Balkon, und darunter eine Loggia, das ließ sich gut anbauen. Auch der Oberstock würde ausgebaut recht nette Zimmer ergeben. Das Fräulein Kleinert solle es ihnen nur überlassen. Sie würden ihre Ehre dreinsetzen, es so schmuck wie möglich herzurichten.

»Ich werd' halt die Oberaufsicht übernehmen«, raunte der Quartaner Fritzel der großen Schwester zu. Er war voller Begeisterung für den neuen Besitz, vor allem wohl wegen der damit verbundenen Abwechslung.

Als Bärbel abends wieder im Breslauer Zug saß, dachte sie lächelnd daran, wie doch Kleider Leute machen. Der reiche Maurermeister Liebig, der früher keine Notiz von ihr genommen, hatte sich in Ehrerbietungsbezeigungen heute nicht genugtun können. Und seine Tochter, die Marthel, welche die Kellnerin damals auf der Kleinen Teichbaude als Schulkameradin verleugnete, hatte der Opernsängerin neulich nach der Carmen-Ausführung ins Künstlerzimmer Blumen mit ihrer Karte geschickt und sie an die alte Freundschaft erinnert.

Freudigere Bilder drängten sich im Rattern des Zuges an die junge Reisende. Das Rosenhäusel – noch ehe die Rosen blühten, würde die Mutter einziehen können. Ob sie auch dem Jugendfreunde damit zu einer Existenz würde verhelfen können?

Und dann hörte Bärbel im Rattern der Räder nur noch die immer wiederkehrende Weise: Am Ziel – am Ziel – endlich am Ziel!

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