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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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16. Kapitel. Ein aufgehender Stern

Fast zwei Jahre waren verflossen, daß Bärbel im ausgewachsenen Einsegnungskleide ihren Einzug in Breslau gehalten hatte. Bei angestrengter Arbeit fliegen die Tage dahin, im Gleichmaß der Pflichten reiht sich einer an den andern zur Jahreskette, ohne daß man es gewahr wird. War es denn wirklich möglich, daß sie schon zwei Jahre lang ihr liebes Riesengebirge, die Mutter und die Geschwister nicht mehr gesehen hatte?

Bärbel schritt am Stadtgraben dahin. Das Strauchwerk, welches die Ufer umböschte, blinzelte mit ersten Knospenaugen in die Märzsonne hinein. In den Benzinduft der dahinrasenden Autos mischte sich kaum merklich Erdgeruch, neues Werden verheißend. Keiner der vorüberhastenden Städter achtete darauf. Aber das Landkind spürte in allen Poren den kommenden Frühling. Wie die Spatzen in den Anlagen lärmten und piepsten. Ach – und da waren ja die Schwalben, die ersten Schwalben wieder da. Drüben um die Dominsel kreisten sie, wie daheim um das Krummhübler Kirchenkreuz.

»Schwalben sind halt des Herrn Rübezahls Glücksboten«, hatte die Großmutter immer gesagt. Die gute Großmuttel – nun ruhte sie auch schon über ein Jahr im engen Bretterhäusel unter dem Rasen. Drunten in Arnsdorf hatte man sie zur Ruhe bestattet, und Bärbel hatte ihr nicht mal das letzte Geleit geben können. Aus der Opernschule während des Semesters zu fehlen, das erschien ihr unmöglich. Herr Velden verlangte von seinen Schülern strengste Disziplin und eisernen Fleiß. Junge Damen, welche die Nächte durchtanzten, verbummelte Musikschüler, welche übernächtigt zum Unterricht erschienen, die konnte er nicht gebrauchen, die sägte er glatt ab. In der Veldenschen Opernschule hieß es arbeiten, ernsthaft und mit Anspannung aller Kräfte. Sicher hätte Bärbel zur Beerdigung der Großmutter Urlaub erhalten, wenn sie gewagt hätte, darum einzukommen. Aber es mangelte ihr ja am nötigsten, am Reisegeld und an einem anständigen Trauerkleide. Die gute Großmuttel würde es ihr verzeihen. Sie hatte ja immer Verständnis gehabt für ihr Bärbele.

Nicht mal während der Sommerferien war sie daheim gewesen. Die Königschen Töchter hatten neuerdings eine Vorliebe für die See, wo sie schwimmen konnten. Nun hätte Bärbel ja auch allein ins Gebirge fahren können. Die paar Mark Reisegeld hätten Königs ihr am Ende bewilligt. Sie ersparte ihnen ja vollständig fremde Hilfe im Haushalt. Oft stand sie, kaum daß der Morgen ins Fenster dämmerte, am Waschfaß und wusch noch vor der Opernschule die Wäsche. Herr und Frau König waren gar nicht damit einverstanden, aber Bärbel setzte ihren Stolz drein, die Kosten, die sie verursachte, wieder einzubringen. Auch Hermann Opitz hatte gedarbt und gespart, mehr noch als sonst. Er hatte von seinen geringen Einnahmen das Reisegeld für sich und Bärbel abgeknappst. Grenzenlos enttäuscht war der treue Freund gewesen, als sie ihm eröffnen mußte, daß sie nicht zu den Sommerferien heimfahren könne. Der Musikdirektor, der ein Häuschen im Trebnitzer Buchenwald nahe bei Breslau besaß, wünschte, daß Bärbel die Ferien dort mit ihm und mit seiner Familie verlebte, um weiter Unterricht zu nehmen. Sie sollte nicht so lange in der Arbeit pausieren. Und das war auch ganz gut. Von der Mutter konnte sie sich doch unmöglich wochenlang mit durchfüttern lassen.

Im Winter empfand Bärbel auch kaum noch Sehnsucht nach ihren Bergen. Sie hatte ja gar keine Zeit dazu. Höchstens wenn sie die jungen Burschen und Mädel mit ihren Schneeschuhen zum Bahnhof ziehen sah, erwachte der Wunsch nach den weißen Höhen, von denen man vogelgleich zu Tal flog, in ihr. Und jetzt, wo der Lenz selbst an die Steinmauern der Stadt schüchtern und zaghaft anpochte, ja heute hier am Stadtgraben, da fühlte sie wieder den Frühlingswind, wie er vom Eulengrund her über die Wolfshauer Wiesen dahergejagt kam.

Bärbel war stehengeblieben. Weiden hingen tief in trübes Wasser hinunter. Sie ließ die winzigen Kätzchen zärtlich durch die Finger gleiten. Daheim hinterm Rosenhäusel die Weiden und Birken drunten am Bach hatten sicher noch keine Kätzchen angesetzt. Daheim – sie war ja nicht mehr im Rosenhäusel daheim – das war wohl für alle Zeiten vorbei. Die jetzt Neunzehnjährige wußte inzwischen, wie schwer es war, Geld zu verdienen, daß man nicht so schnell Reichtümer erwarb, wie sie sich das als Kind vorgestellt hatte. Die meisten Opernschüler waren froh, wenn sie nach Abschluß ihres Studiums an irgendeiner kleinen Provinzbühne gastieren durften. Von fester Anstellung war so bald keine Rede. Ein schweres Brot, das Künstlerbrot.

Wer mochte bei der morgigen Freischützaufführung am besten abschneiden? Kurz vor Ostern fand jedes Jahr am Sonntag Vormittag von der Veldenschen Opernschule eine Opernaufführung in einem der Breslauer Theater statt. Nur die Schüler, welche schon etwas leisteten, durften sich daran beteiligen. Geladenes Publikum und Theateragenten wohnten der Aufführung bei, um für die kommende Saison besonders gute Kräfte zu engagieren. Vor allem aber war Kritik geladen, die in der Tagespresse über die Schüleraufführung berichtete. Kein Wunder, daß Musikdirektor Velden seine Ehre darein setzte, das Renommee seines Instituts durch strenge Auswahl der zur Aufführung zugelassenen Sänger und Sängerinnen aufrechtzuerhalten.

Bärbel hatte den Winter über besonders eifrig gearbeitet. Sie hatte die Sopranrolle im Figaro, in Preziosa, im Don Juan und dem Barbier von Sevilla eingehend studiert. Ihre Lieblingsoper aber blieb der Freischütz. Die Rolle des Ännchen und der Agathe war ihr bis ins kleinste vertraut. Und nun wurde der Freischütz von den Opernschülern aufgeführt, und sie war noch nicht dazugelassen worden. Grenzenlos enttäuscht war Bärbel. Was nützte es ihr, daß Herr Velden ihr versicherte, daß er sie nur nicht zu früh an die Öffentlichkeit lasse, weil sie etwas Vollkommenes, etwas ganz Großes, noch nie Dagewesenes leisten solle. Bärbel fühlte sich zurückgesetzt. Sicher meinte der Musikdirektor, daß sie noch nicht soviel könne wie die andern, die schon jahrelang bei ihm studiert hatten. Heute vormittag war die Generalprobe, und morgen, Sonntag fand die Matinee im Lobetheater statt. Eigentlich hatte Bärbel gar nicht hingehen wollen. Aber die Schüler waren verpflichtet, sowohl den Proben wie der Aufführung beizuwohnen. Als gestrenge Kritik konnten sie am meisten lernen, meinte der Direktor.

Es hatte sich viel an der Opernschule verändert in diesen zwei Jahren. Manche hatten ihren Abschied genommen, neue Gesichter waren aufgetaucht. Mieke von Lucken war längst heimgegangen auf ihr Gut. Die Frau Mama hatte eingesehen, daß es gescheiter war, die Tochter heiratete mal einen braven Landwirt, als daß sie die Bühnenlaufbahn ohne besondere Begabung ergriff. Bärbel hatte inzwischen festen Fuß gefaßt an der Musikschule. Keiner nannte sie mehr »Dorfschöne«. Allgemein beliebt war sie, wenn es auch immer einige gab, die es ihr nicht gönnten, daß der Direktor sie den andern Schülern als Beispiel setzte, daß sie den Meister hin und wieder sogar in den Stunden vertreten durfte. Um so mehr hatte es Bärbel geschmerzt, heute im Theater nur Publikum sein zu dürfen. Also wieder ein Jahr länger, bis der Direktor sie in die Öffentlichkeit hinausließ. Bärbel beschleunigte ihren Schritt, als könne sie damit auch das Tempo ihrer Studienzeit beschleunigen. Sie achtete nicht der bewundernden Blicke, die mancher Vorübergehende auf das liebreizende Mädchen warf. Bärbel wußte es kaum, daß sie zu einer jungen Schönheit erblüht war. Sie hatte ja keine Zeit, in den Spiegel zu schauen.

Ein eigentümliches Gefühl hatte Bärbel jedesmal, wenn sie ein Theater betrat, halb beklommen, halb andächtig. Wie in einer Kirche fühlte sie sich, an geweihter Stätte. Aber heute im Lobetheater war nichts von weihevoller Stimmung zu merken. Große Aufregung herrschte dort. Nicht nur das gewöhnliche Lampenfieber der Schüler vor dem ersten Auftreten, auch der Musikdirektor, der sonst allen Ruhe gab, war in ungewöhnlicher Erregung. Fräulein Wiegand, die Darstellerin der Agathe, war erkrankt, sie lag im Fieber und konnte nicht singen. Ersatz für eine jede Rolle war natürlich vorgesehen. Aber die zweite Besetzung der Agathe war nur mäßig. Vor allem aber war die Vertreterin durch die plötzliche Mitteilung, daß sie die Agathe singen müsse, total nervös geworden. Sie saß in der Garderobe, weinte vor Lampenfieber und behauptete, keinen Ton herausbringen zu können. Der Musikdirektor gab sich die denkbarste Mühe, ihr gut zuzureden und, als dies nichts nützte, sie tüchtig anzuschreien. Aber Fräulein Ludwig blieb dabei: »Ich kann nicht singen – ich kann nicht!«

So standen die Dinge, als Bärbel das Theater betrat.

»Was sagen Sie zu dem Pech, Fräulein Kleinert! Die Wiegand krank, und die Ludwig will nicht singen. Total hysterisch! Ich werde die Aufführung absagen müssen – wir müssen sie verschieben!« rief Herr Velden mit rotem Kopf Bärbel entgegen.

Bärbels Herz hämmerte plötzlich bis in den Hals hinein.

»Herr Velden« – kaum konnte sie vor Erregung die Worte herausbringen –, »lassen Sie mich die Agathe singen. Bitte, bitte, bitte!« Sie wußte gar nicht, daß sie beide Hände des Musikdirektors ergriffen hatte.

»Sie – Sie morgen schon in die Öffentlichkeit rauslassen – ich hätte Ihrer Stimme gern noch die letzte Abrundung gegeben – Sie werden natürlich die Agathe viel besser singen als die Wiegand und die Ludwig, aber ob es etwas Fertiges wird – –.« Er überlegte, schien schwankend geworden zu sein. »Kind, ich möchte Ihnen Ihre Künstlerlaufbahn nicht dadurch verderben, daß Sie hier einspringen müssen. Sie sollen gleich begeisterte Kritiken erhalten, und ich weiß wirklich nicht, ob Sie schon – – –.«

»Versuchen Sie es doch mit mir, Herr Velden. Gelt, Sie tun's? Es ist ja heute erst die Generalprobe, da ist es halt nicht so schlimm, wenn ich etwas verpatze. Ich will mir die allergrößte Mühe geben, und ich wäre so glücklich, wenn Sie mir die Rolle der Agathe anvertrauten!« Dem Flehen der blauen Strahlenaugen konnte man nicht so leicht widerstehen.

»Also meinetwegen – singen Sie die Agathe. Ich werde den Regisseur davon in Kenntnis setzen. Aber nun rasch in die Garderobe. Und Hals- und Beinbruch!« Mit diesem allgemein üblichen Künstlerwunsch eilte der Musikdirektor davon. Im Grunde war er jetzt noch aufgeregter als zuvor. Würde er mit dem Stern, den er entdeckt hatte, Ehre einlegen? Ging er nicht zu früh am Kunsthimmel auf?

Bärbel saß in der Garderobe vor dem Spiegel, ließ sich das schwarze Haar in Zöpfe flechten und das weiße Nachtgewand, das sie beim ersten Auftritt zu tragen hatte, von der Theatergarderobiere überstreifen. Dabei sang sie abwechselnd mit dem sich ebenfalls ankleidenden Ännchen das erste Duett.

»Nun noch Schminke und Puder«, rief Fräulein Petsch, welche das Ännchen gab.

Aber Bärbel wehrte sich dagegen. »Ich hab' mein Lebtag keine Schminke und keinen Puder gebraucht.«

»Ja, aber auf der Bühne ist das notwendig«, regte sich Ännchen auf. »Der Regisseur schickt Sie zurück, und das bringt Pech, wenn man umkehren muß.«

Auch die Garderobiere verlangte, daß Bärbel Puder und Schminke auflege. »Sie sehen, trotz ihrer Pfirsichfarben, im Bühnenlicht wie eine Leiche auf Urlaub aus«, beteuerte sie. Wohl oder übel mußte der Neuling sich fügen.

Keine Spur von Angst empfand die Bärbel. Während Fräulein Petsch mit eiskalten Händen und brennenden Wangen vor Lampenfieber an allen Gliedern flog, war Bärbel nur von einem hohen Glücksgefühl durchflutet. Jetzt war es da, das Große, auf das sie schon als Kind gehofft hatte, morgen würde es sich erfüllen.

Wenn man noch nie auf einer Bühne gestanden hat, ist es durchaus nicht leicht, sich richtig auf den Theaterbrettern zu bewegen. Der Regisseur zeigte den angehenden Künstlern Auftritt und Abgang. Aber die meisten stellten sich recht ungeschickt an. Auch Bärbel wurde verschiedentlich zurückgeschickt, bis die Sache klappte. Himmel, worauf mußte man alles achten, bevor man zum Singen kam. Daß man an der richtigen Stelle vortrat, daß man nicht über das lange Gewand stolperte, daß keine Handbewegung zuviel oder zuwenig war. Wie eine aufgezogene Puppe kam sich Bärbel vor. Wie sollte man da seine ganze Seele in den Gesang hineinlegen, wenn solche seelenlose Dinge dabei eine Rolle spielten. Und dann noch diese schreckliche Souffleuse, die einen mit ihrem Vorsagen nur verwirrte und jede Stimmung nahm. Daran mußte sich Bärbel besonders gewöhnen.

Aber nachdem Ännchen in ihrem Lampenfieber den Einsatz versäumt hatte, und der Kapellmeister noch einmal abklopfen mußte, entwickelte sich das erste Sopranduett ganz nett. Der Musikdirektor atmete auf. Es würde gehen.

Je weiter die Aufführung vorrückte, um so mehr staunte der Meister. Das hatte selbst er nicht vermutet. Die Stimme seiner jungen Schülerin hatte unter seiner gewissenhaften Schulung eine überraschende Tonfülle bekommen, sie klang im Theater so voll und edel, daß er wirklich nicht mehr zu fürchten brauchte, sie zu früh in die Öffentlichkeit hinauszulassen. Zwar unterbrach der Regisseur des öfteren, da Bärbel nicht mehr Theater spielte, sondern die Agathe lebte, so daß sie, statt auf die vorgeschriebenen Bewegungen zu achten, sich frei aus ihrem Gefühl heraus benahm. Ihre Angst um den Geliebten, der sich dem Teufel verschrieben hatte, um den Probeschuß nicht zu verfehlen, war so echt, daß selbst der Regisseur von der herrlichen Arie »Wie nahte mir der Schlummer, bevor ich ihn gesehen« in Bann geschlagen war, daß er nicht daran dachte zu unterbrechen, weil die junge Künstlerin den Ausgang zum Altan nicht vorschriftsmäßig öffnete. Ihr Gebet »Leise, leise, fromme Weise, schwing dich auf zum Sternenkreise« klang so inbrünstig fromm, so zart und innig empfunden ihr Flehen: »Zu dir wende ich die Hände, Herr, ohn' Anfang und ohn' Ende. Vor Gefahren uns zu wahren, sende deine Engelscharen!«, daß jeder Zuhörer tief ergriffen war. Selbst die neidvolle Kritik verstummte vor dieser Reinheit des Empfindens.

»Für eine Generalprobe ging es viel zu gut«, war das Urteil des Meisters nach dem Schlußchor. »Hoffentlich steht die Aufführung morgen vormittag nicht zurück. Ich war recht zufrieden mit Ihnen, Fräulein Kleinert. Wenn Sie morgen ebenso singen, wird es ein Erfolg. Aber heute müssen Sie sich vollkommen schonen, gar nicht mehr singen und öfters mal ein Ei mit Zucker geschlagen trinken, um die Kehle zu schmieren.«

Bärbel verstand kaum, was der Direktor zu ihr sagte. Wie eine Nachtwandlerin lebte sie noch ein Traumleben. Sie war die Braut des jungen Jägerburschen, sie war von seiner Kugel getroffen worden und – – –.

»Ich danke Ihnen schön, Kleinert, daß Sie heute für mich eingesprungen sind. Meine Nerven sind jetzt wieder besser. Morgen werde ich sicherlich die Agathe singen können«, kam es da wie aus der Ferne an Bärbels Ohr.

Bärbel fuhr sich über die Stirn, um die Bilder des Theatertraums zu scheuchen. Vor ihr stand Fräulein Ludwig, wieder getröstet und ganz munter.

»Aber Sie haben doch die Generalprobe nicht mitgemacht, Ludwig. Ohne Generalprobe können Sie doch morgen nicht auftreten, gelt? Herr Velden nimmt halt ganz bestimmt an, daß ich die Agathe singe.« Da war Bärbel wieder mitten in der Wirklichkeit. Sollte ihr die Rolle noch im letzten Augenblick entrissen werden?

»Freilich, Sie haben sich gewiß wieder beim Meister eingeschmeichelt, um mich herauszudrängen. So was kennt man«, begehrte Fräulein Ludwig auf.

»Aber Sie waren doch nicht imstande zu singen. Sie waren mir doch vorhin dankbar, daß ich eingesprungen bin,« verteidigte Bärbel sich und ihre Rolle.

»Eingesprungen für heute, jawohl – morgen bei der Aufführung singe ich. Das wäre ja noch schöner, wenn Sie mir den Ruhm vor der Nase fortschnappen wollten, wo man überhaupt noch gar nicht an Sie gedacht hat«, rief Fräulein Ludwig voller Empörung.

»Wir müssen Herrn Velden entscheiden lassen«, beruhigte Bärbel die Aufgeregte.

Der Musikdirektor war bereits gegangen. Die noch anwesenden Schüler teilten sich in zwei Parteien. Die eine für, die andere gegen Bärbel. Letztere bestand hauptsächlich aus neidischen Kolleginnen, die ihr den Erfolg nicht gönnten.

»Ich werd' halt lieber morgen die Ludwig in der Aufführung singen lassen, wenn Herr Velden einverstanden ist,« überlegte Bärbel auf dem Heimwege. »So glücklich ich auch war, die Agathe geben zu dürfen, ich mag einer andern nicht dadurch schaden.«

Des Mittags bei Tische erkundigten sich Königs, wie die Generalprobe abgelaufen sei. Bärbel berichtete von dem aufregenden Zwischenfall und wie sie zur größten Zufriedenheit des Musikdirektors die Agathe gesungen habe. Aber daß die Ludwig ihr jetzt die Rolle streitig mache und sie morgen bei der Aufführung selber geben wolle.

»Ausgeschlossen«, rief Lilli aufgebracht. »Das wäre ja noch schöner. Erst bibbert und heult die Ludwig vor Angst, und nachher will sie dir die Rolle wieder entreißen. Ganz ausgeschlossen.«

»Ohne Generalprobe läßt sie der Direktor gar nicht auftreten.« Ruhig und sachlich klang der Einwurf der älteren Schwester.

»Das ist auch meine Meinung«, stimmte der Studienrat seiner Ältesten zu.

»Also wird morgen unser Pflegetöchterchen den ersten Schritt auf der Bahn des Ruhmes machen«, sagte Frau König lächelnd.

»Ich hab' gar keine richtige Freude mehr dabei. Ganz schlecht komme ich mir vor, daß ich die Ludwig verdränge«, meinte Bärbel nachdenklich.

»Aber Mädel, sei doch nicht so dämlich!« regte sich Lilli auf, die als Altersgenossin besonders befreundet mit Bärbel war. »Wenn du nicht als Ersatzmann gesungen hättest, wäre die Aufführung ja doch verschoben worden. Dann hätte die Ludwig auch nicht gesungen. Ich komme morgen mit zur Matinee, damit du dich nicht etwa in deiner Gutmütigkeit von der an die Wand drücken läßt.«

»Darf man zuhören, Bärbel? Wir möchten uns doch alle gern an deinen ersten Erfolgen freuen«, erkundigte sich Frau König.

»Hoffentlich wird es auch ein Erfolg, wenn ich überhaupt singe. Wir dürfen unsere Angehörigen mitbringen. Sie sind doch meine Nächsten hier.«

»Ich ziehe es vor, ins Freie zu fahren. Am Sonntag muß ich mir für die ganze Woche Sauerstoff in die Lungen pumpen.« Gerda arbeitete schon auf das Studienreferendarexamen hin und war recht blaß und angestrengt.

Bärbel dachte nicht an die Mahnung des Musikdirektors, sich heute zu schonen. Sie tat ihre Sonnabendarbeit, die Küche blitzblank zu scheuern, wie stets. Auch ein Liedchen trällerte sie dazu. So fand sie der junge Mediziner Hermann Opitz, der jetzt in einer der am Scheitnig gelegenen Kliniken als Famulus tätig war.

»Das Studentel ist da!« rief Lilli, die geöffnet hatte. Hermann hieß immer noch »das Studentel« bei Königs, trotzdem er inzwischen schon zum »Kandidaten der Medizin« aufgerückt war.

Ehe Bärbel sich noch die Hände abtrocknen und die große Schürze, die sie beim Scheuern trug, ablegen konnte, stand Hermann schon in der Küche.

»Tag, Bärbel, wieder mal fleißig? Draußen kommt der Frühling. Wir wollen ihm morgen ein Stück entgegengehen in die Strachate hinaus. Habt ihr Lust?«

»Unsere Bärbel tritt ja morgen vormittag im Lobetheater auf. Als Agathe im Freischütz. Wir können sie doch unmöglich allein auf die Leiter des Ruhmes klettern lassen«, lachte Lilli.

»Ist das ein Scherz?« Hermanns Augen gingen fragend zu Bärbel. Und während Bärbel den Herd rieb und putzte, daß er nur so blinkte, berichtete sie dem Freunde von den heutigen Ereignissen.

»Der Tausend – gratuliere!« rief der junge Mediziner erfreut. »Dann ist's halt morgen wirklich der Anfang zur Berühmtheit. Da muß ich dabei sein. Der Frühling kann sehen, wie er ohne uns in die Strachate einzieht.«

»Meinst du denn, Hermann, daß ich der Ludwig die Rolle fortnehmen kann?« fragte Bärbel zaghaft.

»Natürlich meint unser Studentel das. Es ist doch klar wie Kloßbrühe, daß diejenige, die bei der Generalprobe die Agathe gegeben hat, sie auch bei der Aufführung spielt«, ereiferte sich Lilli von neuem.

»Das zarte Empfinden wirst du dir bei der Bühne abgewöhnen müssen, Bärbel, wenn du nicht dort selber zertreten werden willst«, stimmte auch der Freund bei. »Wir assistieren dir morgen gegen die Ludwig. Aber ich würde mir heute halt die Hände nicht so angreifen. Eine Operndiva mit roten Scheuerhänden ist immerhin etwas Ungewöhnliches.« Hermann sah mit nicht mißzuverstehendem Blick auf Lillis zarte, weiße Hände. Er fand, daß die Königschen Töchter viel zuviel ihre häuslichen Pflichten auf Bärbel abwälzten.

»Beim Kunstgewerbe muß man auch zarte Hände haben«, verteidigte sich Lilli errötend.

»Bin ja schon fertig«, lachte Bärbel, ihre roten Hände mit Seife und Bürste bearbeitend. »Der Puder, mit dem sie am Theater verschwenderisch umgehen, macht die Hände schneeweiß.«

Bärbel schlief fest und traumlos in dieser Nacht vor ihrem ersten Auftreten. Das Landkind kannte keine Nerven.

Als sie am Sonntag vormittag eine Stunde vor Beginn der Matinee im Lobetheater erschien, saß Fräulein Ludwig bereits in der Garderobe vorm Spiegel und ließ sich auf ihren Bubikopf eine Zopfperücke als Agathe aufsetzen.

»Ja, wir müssen uns nun halt einigen, wer von uns beiden die Agathe singt«, meinte Bärbel bescheiden.

»Eine Frechheit, daß Sie überhaupt hier in die Garderobe zu kommen wagen, Kleinert. Sie haben hier nichts zu suchen. Sie gehören in den Zuschauerraum«, schrie Fräulein Ludwig.

Bärbel ging still hinaus, da ihr Streit widerwärtig war. Als der Musikdirektor erschien, trug sie ihm die Angelegenheit vor und fragte, ob sie oder Fräulein Ludwig auftreten solle. Der Direktor tobte: »Ist die Ludwig denn ganz von Sinnen!«

Es half Fräulein Ludwig nichts, sie mußte das bereits übergeworfene Gewand der Agathe und die Perücke wieder ablegen. Bärbel nahm das unangenehme Gefühl mit auf die Bühne, daß dort drunten im Zuschauerraum eine Feindin saß.

Aber da waren gute graue Augen, klar und ruhig, die voller Begeisterung der liebreizenden Agathe auf der Bühne folgten. Zu denen rettete sich Bärbel, wenn die Blicke der mißgünstigen Kollegin sie durchbohren wollten. Bärbel sang die Sommernachtsarie:

»Alles pflegt schon längst der Ruh,
Trauter Freund, wo weilest du?
Ob mein Ohr auch ängstlich lauscht,
Nur der Tannen Wipfel rauscht;
Nur das Birkenlaub im Hain
Flüstert durch die bange Stille.
Nur die Nachtigall und Grille
Scheint der Nachtluft sich zu freun.«

Sie waren wieder in Wolfshau an lindem Sommerabend, der Opitz Hermännel und sie – Bärbel sang, ohne daß es ihr bewußt war, diese Arie nur für ihren Freund Hermann drunten im Parkett.

Der war wie verzaubert. Er kam nicht oft in die Oper, der arme Student. Jeder Pfennig mußte gespart werden. Aber daß er hier in seiner Jugendfreundin eine ganz große Sängerin vor sich hatte, das empfand der musikalische Hermann. Und diese Erkenntnis machte ihn merkwürdigerweise nicht so froh, wie sie es hätte müssen. War es nicht schlecht von ihm, daß er nicht voll beglückt davon war? Daß irgendein leises Weh ihm kündete, daß sich die Gefährtin aus der Kinderzeit mit dem heutigen Tage von ihm entfernte?

»Und ob die Wolke sich verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt!«

Bräutlich zart, voll rührendem Gottvertrauen sang Bärbel Agathes Brautgesang.

Begeisterter Beifall bei offener Szene folgte dem wundervoll gesungenen Liede. Die Kritiker schrieben nicht, sondern klatschten Beifall. Die Theateragenten veranstalteten nach Beendigung der Oper ein Wettlaufen, um den aufgehenden Stern für ihre Bühnen zu erlangen. Es war ein Erfolg, wie ihn die Opernschule noch nicht zu verzeichnen gehabt hatte. Der Meister umarmte seine Schülerin auf der Bühne: »Bärbel, Sie haben mir heute den schönsten Tag meines Lebens bereitet! Aber Sie gehen an keine der kleinen Provinzbühnen. Unter dem Breslauer Stadttheater machen wir es nicht.«

Bärbel nahm voll kindlicher Seligkeit all die wortreichen Glückwünsche in Empfang. Frau König und Lilli küßten sie voller Freude. Hermann drückte der Jugendfreundin stumm ein Blümchen in die Hand. Es war welk, das Blümchen – ein rotes Habmichlieb-Blümchen aus dem Gebirge war's. Dankbar nahm Bärbel den Heimatgruß.

Der mühselige Anstieg zum Gipfel der Kunst lag hinter ihr.

Am nächsten Morgen verkündeten die Breslauer Zeitungen, daß ein neuer Opernstern am Stadttheater aufgegangen sei. Barbara Kleinert war mit dreijährigem Kontrakte für die Breslauer Oper verpflichtet worden.

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