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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
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12. Kapitel. Abschied

In das Rosenhäusel, aus dem man früher jederzeit Lachen und Singen vernommen, hatten Trauer und Sorge ihren Einzug gehalten. Die Begräbniskosten hatten die wenigen Ersparnisse vollständig aufgezehrt. Die Mutter fand kaum Zeit, den ihnen so plötzlich Entrissenen zu betrauern. Vom ersten Morgendämmerschein bis in die Nacht hinein regte die fleißige Frau die Hände, um den Unterhalt für die Familie, welcher jetzt der Ernährer fehlte, herbeizuschaffen. Umsonst, die Sorgen verdichteten sich immer mehr. Der spärliche Verdienst reichte kaum für Essen und Trinken. Keine Aussicht, die Pacht zu Johanni für das Rosenhäusel aufzubringen.

Bärbel, zu des Vaters Lebzeiten des Hauses Sonnenschein, tat still und freudlos ihre Pflicht in Haus und Schule. Sie sang und sprang nicht mehr, aus dem frohen Kinde hatte der erste große Schmerz ein ernstes Mädchen gemacht. Ihre einzige Freude war, mit den Geschwistern und Mohrle am Sonntag hinaufzuwandern zu dem kleinen Bergfriedhof da droben. Während die Brüder und selbst Mohrle bald wieder draußen ihren Spielen nachgingen, saß Bärbel an dem frischen Erdhügel und hielt stumme Zwiesprach mit ihrem Vater.

»Ich soll Ostern von der Schule abgehen, einen Dienst muß ich annehmen. Du hättest das nimmer gelitten, Vatel«, so klagte sie wortlos. Und in dem Rauschen des Bergwindes kam ihr die Antwort: »Du darfst nicht mehr selbstsüchtig an deine eigenen Wünsche denken. Du hast jetzt die Pflicht, deiner Mutter und den vaterlosen Geschwistern zur Seite zu stehen. Du mußt so schnell wie möglich Geld verdienen helfen.« Dann senkte Bärbel wohl still den Kopf mit den schwarzen Zöpfen: »Ich will ja, Vatel, ich will ja auf alles verzichten, wenn wir nur weiter in unserm Häusel bleiben könnten.«

Am Palmsonntag wurde Bärbel mit ihren Schulkameradinnen konfirmiert. Das Einsegnungskleid, zu dem der Vater für sie gespart, war ein Trauerkleid geworden.

»Sei stille dem Herrn und hoffe auf ihn, er wird es wohlmachen« – das war der Geleitspruch, welchen der in den jungen Herzen lesende Seelsorger der Bärbel Kleinert mit auf den Lebensweg gab. Oh, wieviel fehlte noch, daß Bärbel ergeben sich Gottes Willen fügte, daß der Schmerz um den Vater nicht immer wieder wild aufbegehrte. Und hoffen? Ihr Hoffen und Wünschen hatte sie mit dem Vater begraben – das harte Muß würde sie künftig in eine freudlose Tätigkeit zwingen. Aber als die Orgel zu spielen begann, als der Chor der Schulkameradinnen, in dem sie sonst die führende Stimme gehabt, fromm zu singen anhub, da löste sich Bärbels Schmerz in erlösende Tränen. »Auf welchen Platz das Leben mich auch hinstellt, ich will ihn so ausfüllen, daß mein Vatel Freude an mir haben würde«, gelobte sie sich heute an der Kindheitswende.

Daheim eine Feier, wie sie bei ihren Schulkameradinnen stattfand, verboten die Trauer und die knappen Geldmittel. Aber die gute Frau Lehrer Opitz hatte eine große Mohnstolle für die Bärbel gebacken, und ihr Sohn Hermann hatte von seinem mageren Taschengeld einen Band Gedichte für die Freundin zusammengespart. »Stille Stunden« – zum erstenmal empfand Bärbel wieder Freude, als sie das Büchlein aus Hermanns Hand in Empfang nahm.

Drin in der Stube saß der Herr Lehrer Opitz und versuchte, wie schon einmal vor Jahren, das Lebensschifflein Bärbels in ein anderes Fahrwasser zu steuern. Aber diesmal war das Schicksal stärker als er, diesmal fehlte der Vater, der mit liebevollem Verständnis für sein Bärbel eingetreten war. Die Mutter, die vor Sorgen nicht ein und nicht aus wußte, bestand darauf, daß Bärbel Ostern von der Schule abgehen und eine Stelle annehmen müsse. Auf der Kleinen-Teich-Baude brauche man eine Bedienerin, dazu würde sich das Mädel gut schicken. Sie war anstellig, die Bärbel, und freundlich zu den Gästen würde sie halt auch sein. Dort hätte sie ihr gutes Essen, und ein paar Taler Trinkgeld würde es sicher auch im Monat abwerfen. »Da hat se's gutt, die Bärbel, es is hechste Zeit, daß sie endlich amal mit dem dummen Lernen a Ende macht und was Richtiges lernen tut fiers Läben.«

Herr Opitz sah ein, daß hier jedes Wort überflüssig war. Ihm selbst wurde es nicht leichter als der Bärbel, seine Hoffnungen, die er auf sie gesetzt, vernichtet zu sehen.

Der Frühling kümmert sich nicht um Trauer, um getäuschte Hoffnungen. Lachend zieht er ins Land und erwartet ein Echo von den Menschen. Wie hatte Bärbel dem Lenz sonst entgegengejubelt. Als sie diesmal die ersten Veilchen im Gartenwinkel fand, mußte sie denken: Wer wird euch im nächsten Jahr pflücken? Der Besitzer des Rosenhäusel, ein Bauer drunten in Seidorf, wollte nichts von einer Erlassung der Pacht hören. Nach der Mißernte des vergangenen Sommers brauchte er Geld. Alle Vorstellungen und Bitten waren umsonst. Zum Juli mußte Frau Kleinert das Rosenhäusel verlassen.

Schuster Hensel, der mit Vater Kleinert zusammen auf der Schulbank gesessen, nahm sich getreulich der Hinterbliebenen seines Freundes an. »Nu, da kummt ihr halt zu mir, wenn und ihr mißt 'naus aus 'm Rosenhäusel. A Stübel kann der Vater Hensel schon fier eich freimachen, und der Karle schläft halt in a Kammer.«

»Wie sull ich dir das danken, Hensel, daß und du bist asu gutt zu mir und a Kindern«, sagte Frau Kleinert dankbar.

»Nischte zu danken. Der Kleinert Karle is halt ooch immer fier alle dagewest«, lehnte der gutherzige Mann jeden Dank ab.

Zwar gab Bärbel zu bedenken, daß es der Mutter schwer fallen würde, ihr liebes Rosenhäusel, das sie verlassen mußte, so dicht vor Augen zu haben. Aber eine Wahl gab es nicht, man mußte froh sein, irgendwo unterkriechen zu können. Weichmütige Anwandlung kannte Mutter Kleinert auch nicht: »Ich habe vor Arbeet erschte gar keene Zeit nä, nach unserm Häusel 'nieberzuschauen.«

Alles war anders geworden in diesem Frühling. Hermann Opitz hatte sein Abiturium bestanden und war als Student der Medizin an die Breslauer Universität gegangen. Sein Vater hatte aus Bärbels Schicksal die Nutzanwendung gezogen, daß er seinen Einzigen nicht in den Lehrerberuf zwingen wollte, wenn dessen ganzes Interesse medizinischen Dingen galt. Schwer würde er es ja haben, der Hermann. Ob er als Mediziner ein Stipendium zum Studium erlangen würde, war zweifelhaft. Aber wenn man jung ist, gibt es keine Schwierigkeiten. Hermann war arbeitsfreudig; in der großen Stadt würde es schon irgendwelche Verdienstmöglichkeit neben dem Studium für ihn geben.

»Laß die Hoffnung nicht sinken, Bärbel, es kann auch mal wieder anders kommen«, hatte Hermann beim Abschied tröstend zu seiner Kindheitsfreundin gesagt.

»Wie soll es anders kommen? Ich habe die erste Klasse nicht mehr besuchen können und muß jetzt als Kellnerin nach der Teichbaude 'nauf. Die Muttel hat schon recht gehabt damals, man soll nicht über seine Verhältnisse hinausstreben. Das tut nicht gut«, meinte Bärbel bedrückt.

»Was der Mensch gelernt hat, ist sein wertvolles Eigentum, das kann ihm keiner nehmen. Kopf hoch, Bärbel! Auch der Kellnerinberuf ist ehrenwert; es kommt nur darauf an, daß man seine Pflicht tut.« Hermann war weit über seine Jahre verständig.

Wie gut hatte der Bärbel sein Zuspruch getan. Daran dachte sie heute, als es Abschied nehmen hieß von ihrem lieben Rosenhäusel, in dem sie ein glückliches Kind gewesen war. Zum Pfingstfest sollte sie auf der Teichbaude schon eingearbeitet sein. Da wurden viele Gäste dort erwartet.

In ihrem Mansardenstübchen packte Bärbel ihre paar Habseligkeiten in den Rucksack. Sie hatte nicht schwer zu tragen daran. Nur die Schulbücher, die sie für eine freie Stunde mitnahm, um nicht alles zu vergessen, erschwerten das Gepäck. Durch das kleine Fenster lugte die Schneekoppe herein. Bärbel stand und schaute, als sähe sie die zartblaue Gebirgskette heute zum erstenmal. Da, nicht weit vom Fuße des Koppenkegels, war die Seifengrube – Bärbel schloß die Augen, um das Bild, das auf sie einstürmte, zu verscheuchen. An der obersten Treppenstufe stockte ihr Fuß. Hier hatte sie gestanden und angstvoll das von Stufe zu Stufe steigende Wasser in jener Hochwassernacht beobachtet, bis der Vater sie aus ihrer Angst erlöste. Der Vater ... wie oft war sie ihm die Treppe hinab mit Mohrle um die Wette entgegengelaufen, wenn sie ihn von der Arbeit hatte heimkehren sehen. Dann hatten sie zum Feierabend gesungen und Zither gespielt – – die Zither, des Vaters Zither, mußte sie mitnehmen. Das war sein Vermächtnis für die Tochter.

Die Mutter hatte nur einzuwenden: »Wenn und du machst den Baudenleuten da droben zuviele Musike, da werden sie dich halt balde wieder furtschicken.« Sie betrachtete die Zither nun mal nur als einen zeitraubenden Gegenstand.

Behutsam nahm Bärbel das in ein rotes Schnupftuch noch eigenhändig vom Vater eingeschlagene Instrument in den Arm. Eine Karte flatterte heraus. Es war die Adresse des Breslauer Opernschuldirektors, der ihr damals im Sommer beim Freilichttheater eine Zukunft als Sängerin prophezeit hatte. Ein bitteres Lächeln stahl sich um die jungen Lippen: Ade ihr Träume von Kunst und Ruhm. Ade mein Rosenhäusel, das ich für uns erwerben wollte. Schon wollte sie die Karte zerreißen, da besann sie sich eines andern. Man konnte sie ja aufheben zur Erinnerung an jenen Freilichttheatertag, an dem sie so glücklich gewesen. Sie schob die Karte in Hermanns Einsegnungsbuch »Stille Stunden«, das als größter Schatz obenauf in dem Rucksack lag.

Der Abschied von der Großmuttel wurde Bärbel recht schwer. Die alte Frau war durch das plötzliche Unglück stumpf und teilnahmslos geworden. Sie mochte nicht mehr stricken, sondern döste meist vor sich hin. Liebevoll streichelte Bärbel ihr welkes Gesicht: »Leb wohl, Großmuttel, ich muß jetzt fort aus dem Rosenhäusel« – Bärbel schluckte, um die aufsteigenden Tränen niederzuzwingen. »Bleib auch gesund, Großmuttel.« Da erwachte die alte Frau aus ihrer gewohnten Teilnahmlosigkeit. »Wo machste denn hin, Bärbele? Nach Hirschberg oder gar noch weiter furt nach Breslau?«

»Ich gehe doch auf die Kleine-Teich-Baude, Großmuttel«, erinnerte Bärbel.

»Was sullste denn da oben? Zitherspielen?« Die alte Frau wies auf die Zither in Bärbels Hand.

Die Enkelin schüttelte den Kopf. »Die Gäste bedienen soll ich halt. Kellnerin muß ich werden.«

»Nu, der Herr Riebezahl kann ooch aus a Kellnerin a Zitherspielerin machen. Der Riebezahl kann alles – nur unserm Karle kunnt er nä helfen.« Die Stimme der Großmuttel verfiel wieder in unverständliches Gemurmel.

Mutter Kleinert, die wie meist am Waschfaß stand, trocknete sich die rissigen Hände an der Sackschürze. »Nu, so läb ooch wohl, Bärbele. Nu, so tu ooch gutt da oben. Und wenn de a Taler beisammen hast, denn schick ihn halt mit Gelägenheit 'nunter.«

»Leb wohl, Muttel, und besuch mich auch mal.«

»Dazu wird halt keene Zeit nä sein.« Die Mutter rubbelte schon wieder auf ihrer Wäsche herum.

»Aber ich tu dich besuchen, Bärbel«, versprach Karl eifrig. »Und hier haste ooch a Andenken an unser Häusel.« Der Junge zog ein etwas verknittertes Heftblatt aus der Hosentasche.

»Unser Rosenhäusel, unser liebes!« rief Bärbel erfreut. Der Bruder hatte das Häuschen recht nett gezeichnet und die Blumen davor rosenrot angetuscht.

»Du bist ein guter Junge. Von meinem ersten Gelde kaufe ich dir ein Paar neue Schuhe«, versprach Bärbel.

»Im Sommer tu ich barfuß laufen«, meinte Karl gleichmütig.

Die jetzt zehnjährige Friedel empfand Bärbels Fortgehen wohl am schmerzlichsten. Nach dem Tode des Vaters, der stets sein Späßchen mit den Kindern getrieben, hatte sie sich noch fester an die große Schwester angeschlossen, die nie ungeduldig wurde, wenn es eine Schulaufgabe zu erklären gab. Still vor sich hinweinend saß das kleine Mädchen auf der Wiese zwischen Schlüsselblumen und Anemonen.

»Tu nicht fortgehen, Bärbel, tu mich mittenähmen«, bettelte sie.

Als Fritzel, der Kleinste, die Schwester weinen sah, stimmte er mit lautem Geheul ein.

»Ihr besucht mich alle beide mit dem Karl in der Teichbaude, gelt? Dann bringe ich euch jedem eine Tasse Schokolade und Kuchen«, beschwichtigte Bärbel die weinenden Geschwister.

»Mohnkuchen oder Streiselkuchen?« Fritzel war schnell getröstet, während bei Friedel der Trennungsschmerz überwog.

Auf der Wiese hinter dem Hause stand der Apfelbaum in Blüte. Bärbel brach ein Zweiglein von der rosenroten Pracht. Den brachte sie dem Vater mit als letzten Gruß aus dem Rosenhäusel. Denn daß sie den Weg über die Kirche Wang zum Gebirge hinauf wählte, das war selbstverständlich. Der Ziegenstall stand leer. Kein Meckern ertönte mehr daraus. Ziege und Hühner hatte man verkaufen müssen.

Langsam, Schritt für Schritt, entfernte sich Bärbel von ihrem Kindheitsparadies. Immer wieder drehte sie den Kopf zum Rosenhäusel zurück. Die Mutter war in die Tür getreten und winkte ihrer Ältesten einen Gruß nach. Die Geschwister und Mohrle gaben ihr das Geleit bis nach Brückenberg hinauf.

»Kopf hoch!« wiederholte Bärbel für sich das Abschiedswort des fernen Freundes, als die Kinder kehrtgemacht hatten und sie nun allein durch den Bergwald aufwärts stieg. Die dunkeln Tannen hatten lichtgrüne Spitzen aufgesteckt, die Lärchenbäume am Wege waren in zarte Frühlingsschleier gehüllt. In den Wipfeln jubilierten Finken und Amseln lenzfreudig. Da fiel auch all das Schwere, was das junge Menschenkind bedrückte, ab. Unbewußt öffneten sich Bärbels Lippen, zaghaft und leise zuerst, dann lauter, immer heller und jubelnder erklang ihre Stimme mit den Vöglein um die Wette. Den Rucksack auf dem Rücken, die Zither im Arm, so wanderte Bärbel singend in das neue Leben hinein.

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