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Das Rosenhäusel

Else Ury: Das Rosenhäusel - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDas Rosenhäusel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
year0.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
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11. Kapitel. Lawinentod

Zu Ostern sollte Bärbel eingesegnet werden. Jeden Extragroschen hatte der Vater in die braune irdene Sparbüchse geworfen zu einem anständigen Einsegnungskleide für sein Bärbele. Sie waren knapp, die Groschen, diesen Winter im Rosenhäusel. Man mußte das Futter für die Ziege und die Kartoffeln für die Familie kaufen, denn das Hochwasser hatte die ganze Ernte verdorben.

Auch die Winterfremdensaison hatte schwer enttäuscht. Der sehnlich zu Weihnachten und Neujahr erhoffte Schnee blieb aus. Grüne Weihnacht – weiße Ostern, sagt das Volkssprichwort. Es schien wahr zu werden. Anfangs März lag bis in die schlesischen Täler hinein noch tiefer Schnee.

Vater Kleinert zog unermüdlich seinen zitronengelben Hörnerschlitten zu den Bauden hinauf. Ab und zu gelang es ihm doch, einen Gast zur Abfahrt zu gewinnen, wenn sie jetzt auch spärlich waren, die Wintergäste.

»Nu, Karle, willste schon wieder uff a Schläsierhaus nuff?« fragte Frau Kleinert kopfschüttelnd, als ihr Mann in aller Herrgottsfrühe seinen gelben Hörnerschlitten aus dem Schuppen zog. »Gäht's denn nä balde wieder mit a Erdarbeit hier unten im Tale los?«

»Nu nä, Fraule, nu nä, Mariele, 's liegt halt noch zuviele Schnee. Hier unten is noch nischte nä zu verdienen. Aber wenn ich als erschter uff a Schläsierhaus sein tu, noch vor den andern Hörnerschlittlern, paß uff, Muttel, da krieg' ich dir heit' a gutten Verdienst. Von a behmischen Grenze kummen halt immer noch Gäste nieder. Da hab' ich balde das Geld für unser Bärbeles Einsägnung beisammen.«

»Du tust mir das Mädel verwehnen, Karle. Aus a alten schwarzen Kaschmirkleid von a Großmuttel wär' ooch noch a ganz scheenes Einsägnungskleidel fier de Bärbel geworden. Sie is a armes Mädel und muß nä alles su vornähme haben wie ihre Schulkolläginnen. Du tätst besser, fiers Pachtgeld uffs Häusel zu sparen oder ooch a paar Hiehndel zu kaufen, daß und mer haben Eier uff a Summer, wenn die fremden Gäste einricken«, überlegte die praktische Frau.

»Kummt alles noch, Mariele, eens nach'm andern. Erscht das Kleidel, dann 's Pachtgeld, die Hiehndel und, will's Gott, ooch amal 's Pferdel.«

Sooft Vater Kleinert auch im Leben enttäuscht worden war, er hatte die glückliche Gabe, immer aufs neue wieder hoffen zu können. Mal würde er es doch erwischen, das Glück.

»Du bist halt unverbesserlich, Mann. Arbeetest und rackerst dich ab und – – –.«

»Und der Herr Riebezahl wird's ihm schon noch lohnen, dem Karle«, fiel die Großmuttel zuversichtlich ein.

»Tut er'sch nä schon? Sein mer nä alle gesund? Haben mer nä brave, gesunde Kinderle? Ich bin unserm Herrgott dankbar dafier.« Der Vater ließ den kleinsten, jauchzenden Flachskopf durch die Luft sausen, nickte seinem Sohn Karl zu, der sich vor der Haustür die Schneeschuhe unter die Füße schnallte, um darauf zur Schule zu fahren, und sah sich nach seinem Liebling, der Bärbel, um. Wo steckte denn das Mädel?

Da kam sie gerade aus dem Ziegenstall, den Melkeimer mit frischer Ziegenmilch in der Hand.

»Nu läb ooch wohl, Bärbele.« Vater Kleinert wußte es selbst nicht, was ihn veranlaßte, seinem Liebling noch einmal zärtlich über die bräunliche Wange mit seiner harten Schwielenhand zu streichen. Er pflegte doch sonst nur mit einem Kopfnicken Abschied zu nehmen, wenn er aufs Gebirge ging.

Bärbel hielt des Vaters Hand einen Augenblick fest. War es seine ungewohnte Liebkosung, die sie nachdenklich machte?

»Nimmste 's Mohrle mit, Vatel?« Bärbel hatte plötzlich das Gefühl, als ob sich ihr eine schwere Last auf die Seele wälze.

»Nu freilich, das gutte Hundel hilft doch a Schlitten ziehen, bis mer ärst unser Pferdel haben werden. Du weeßt doch wann, Bärbele?« Der Vater zwinkerte der Tochter verständnisvoll zu. Denn das war ihr gemeinsames Geheimnis, daß die Bärbel, wenn sie erst eine Sängerin sein würde, das Pferd und das Rosenhäusel kaufen würde. Vater Kleinert spannte sich selbst zwischen die gelben Deichselhörner des großen Stuhlschlittens. Sein Lieblingslied »O mein liebes Riesengebirge« vor sich hinpfeifend, stampfte er dem weißen Bergwald zu. Bärbel stand und schaute dem gelben Gefährt nach, bis die Mutter nach der Milch rief.

In großen Kurven führt der Waldweg zum schlohweißen, sonnenbeglänzten Bergkamm empor. Vater Kleinert schritt, den Schnee prüfend, langsam und gleichmäßig in seinen hohen Schaftstiefeln aufwärts. Weich und porös fühlte sich der Schnee an, er backte an den nägelbeschlagenen Stiefelsohlen, an den Schlittenkufen. Es gab Tauwetter, kein Zweifel. Die Bergföhren längs des Weges vermochten kaum noch ihre weiße Last zu halten. Hier und da zerstäubte sie im warmen Sonnenschein. Tiefblauer Himmel lugte durch die weißen Gipfel. Schön war sein liebes Riesengebirge. Vater Kleinert blieb von der Anstrengung, die das Heraufziehen des schweren Hörnerschlittens verursachte, ausruhend auf einer Berghalde stehen und hielt Umschau auf all die verschiedenen kleinen Ortschaften drunten in der Tiefe. Weicher Wind kam ihm von den Bergen entgegengestürmt. Das war der Föhn, der Vorbote des Frühlings. Oh, Vater Kleinert kannte sich aus in seinen Bergen. Er band Mohrle vom Schlitten los, denn »solch a kleenes Hundel muß doch ooch a bissel Läbensfreude haben«. Dankbar bellend schoß das schwarze Mohrle über die sonnenglitzernde schneeige Halde davon.

Schritte näherten sich dem gemütlich beim Verschnaufen seine Pfeife stopfenden Manne. Zwei junge Mädchen, die hinter ihm herkamen, überholten ihn.

Vater Kleinert grüßte freundlich. »Junge Beindel sein doch schneller als alte Knochen«, lachte er. »Nu, wie wär'sch, meine jungen Damen, mit a scheenen Hernerschlittenabfahrt hernach vom Schläsierhaus 'nunter? Ich mach's halt billig.«

»Nun, darüber ließe sich reden«, erwiderte die eine.

»Ich bin noch nicht so sicher im Abrodeln wie meine Kollegin hier. Wir sind beide aus dem kaufmännischen Erholungsheim in Wolfshau und erst seit kurzem im Gebirge. Also wenn Sie nicht zu teuer sind, lieber Mann – – –.«

»Tut mir eine besondere Ehre sein, es fier zwei so hibsche junge Damen extrabillig zu machen«, schmunzelte Vater Kleinert. »Hab' selbst drunten so a frisches Mädele, nu jo jo.«

Die jungen Touristinnen schritten grüßend weiter, während Vater Kleinert ihnen langsamer folgte. Mohrle dachte nicht daran, sich wieder einspannen zu lassen. Er jagte zwischen den schon eine ganze Strecke vor ihnen emporsteigenden Damen und seinem die Schlittenlast jetzt allein ziehenden Herrn hin und her.

Die letzte große Kurve, nun war die Höhe bald erreicht. Noch durch die sogenannte Seifengrube, dann hinter der kleinen Schutzhütte steil hinan. Die jungen Damen sah man schon als Silhouetten gegen den blauen Horizont oben den Kammweg entlang wandern. Sie winkten dem Tiefergehenden mit ihren Tüchern zu. Auch Mohrle war wieder mal weit voraus.

»Ich hab's doch wirklich gut«, dachte der schwer seinen Schlitten die Steile des Weges Hinaufziehende. »Fünf Mark geben die jungen Damen mir sicher für die Abfahrt. Da ist das Geld zu einem schönen Einsegnungskleidel für mein Bärbel beisammen. Ist ja meine ganze Freude, das Mädel – – –«.

Weiter kam Vater Kleinert nicht mit seinen Gedanken. Ohrenbetäubendes Krachen in den Lüften – gewaltige Schneemassen, die in die Seifengrube über ihn hinwegstürzten – Vater Kleinert und sein Schlitten waren verschwunden – unter der Schneelawine begraben.

Die jungen Damen droben auf dem Kamm hatten entsetzt das donnerähnliche Getöse vernommen. Wie ein Riesenwasserfall stäubte es hernieder. – »Barmherziger, eine Lawine!« schrie die eine los.

»Der Mann – der Mann und sein Schlitten sind nicht mehr zu sehen. Um Gottes willen, er wird doch nicht verschüttet sein?« Mit zitternden Knien gingen die beiden ein Stück Weges zurück. Da kam ihnen ein kleiner schwarzer Hund winselnd entgegen. Mohrle sprang an ihnen hoch, heulte und winselte und lief den Weg zur Seifengrube zurück. Ab und zu wandte er den schwarzen Kopf, ob die zwei ihm auch folgten.

Die beiden jungen Mädchen wagten sich nicht weiter. Es konnten ja noch mehr Lawinen abgehen. Die warme Märzsonne und der starke Föhn lösten die überhängenden schweren Schneewächten. Keine Spur von dem Manne mit dem Hörnerschlitten. Verschwunden auch die kleine Schutzhütte, an der sie ihn zuletzt von oben her gesehen hatten. Alles begraben unter dem gewaltigen schneeigen Leichentuch.

»Rasch zum Schlesierhaus und Hilfe schicken. Vielleicht ist es doch noch möglich, dem Ärmsten Rettung zu bringen«, rief die eine junge Dame erregt. So schnell sie ihre Beine trugen, eilten sie dem noch etwa zwanzig Minuten entfernten Schlesierhaus zu und alarmierten dort eine Rettungskolonne. Das winselnde Mohrle blieb allein zurück an der Unglücksstätte.

Alsbald zogen mit Schaufeln und Stricken bewaffnete Männer zur Seifengrube und begannen dort nach dem Verschütteten zu graben. Die ganze große Seifengrube war mit gewaltigen Schneemassen angetürmt. Bis in den Bergwald hinein hatte die Lawine Riesenbäume entwurzelt und mitgerissen.

»Wer den Schneeball an a Kopp gekriegt hat, der hat halt genug für immer«, sagte einer der Männer ernst, die weiße Verwüstung schauend. Dann machten sie sich tapfer ans Werk. –

Auch drunten im Tal hatte man allenthalben den Lawinendonner vernommen.

»Der Herr Riebezahl donnert heite nä schlechte da oben in a Bergen«, sagte die Großmuttel im Rosenhäusel, den alten Kopf lauschend von der Strickarbeit hebend.

»Ich wollte, der Karle wär' erscht wieder daheeme«, meinte ihre Tochter, am Herd hantierend. Sie war doch gewöhnt, ihren Mann in Wind und Wetter draußen zu wissen. Was war es nur, was ihr plötzlich die Brust einpreßte und ihr fast den Atem benahm? –

Im Töchterlyzeum hatte man deutschen Unterricht bei Herrn Opitz. Schillers »Glocke« wurde durchgesprochen.

»Bärbel Kleinert, fahre fort!«

»Von dem Dome schwer und bang
Tönt die Glocke Grabgesang – – –.«

Bärbel brach mittendrin ab und lauschte erschreckt dem lauten Donnergetöse da draußen.

»Herr Opitz, es gewittert«, rief eine der Schülerinnen.

Der Lehrer trat ans Fenster und blickte zu dem blauen Himmel auf. »Das ist kein Donner, das war sicher eine Lawine droben in den Bergen. Gewiß am Kleinen Teich, da gehen jetzt bei dem Föhn von den steilen Hängen immer die ersten Lawinen nieder. Weiter, Bärbel!«

»Ach, die Gattin ist's, die teure,
Ach, es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Fortführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinderschar – – –.«

Die Vortragende brach plötzlich in Tränen aus. Sie vermochte nicht weiterzusprechen.

»Aber Kind, wie kann man nur so weichmütig sein? Du darfst dich doch nicht von jedem traurigen Gedicht gleich zu Tränen rühren lassen. Das ist eine schlechte Mitgabe fürs Leben, das einen gar oft hart anpackt«, meinte Herr Opitz kopfschüttelnd und rief eine andere auf. –

Inzwischen meldete das Telephon aus dem Schlesierhaus in Krummhübel den Unglücksfall und rief die Rettungsmannschaft hinauf nach der Seifengrube. Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht im Ort: »Wißt ihr's schon? Aus Wolfshau den Kleinert Karle, den hat die Lawine in a Seifengruben verschittet. So a armer Kerle, der kommt da nä mehr läbendig wieder 'naus.«

Bärbel ahnte nichts von dem furchtbaren Schicksal, das seine finsteren Netze um das Rosenhäusel spann. Die war wie immer in der Schule aufmerksam und bei der Sache. Die letzte Stunde war Konfirmationsunterricht. Der Herr Pastor sprach über das Bibelwort »Sei stille dem Herrn und hoffe auf ihn«. Bärbels Augen hingen andächtig an den Lippen des Seelsorgers. »Wenn der liebe Gott einem auch noch so Schweres zu tragen gebe, man dürfe nicht verzagen, sondern gläubig auf ihn hoffen, der es wohl machen wird.« So versuchte der Prediger seiner jungen Schar das Bibelwort zu erklären. Oh, Bärbel hatte die besten Vorsätze, das fromme Wort wahr zu machen. Nach Beendigung des Konfirmationsunterrichts traten die Schülerinnen plaudernd hinaus ins Freie.

»Es wird Frühling«, rief Bärbel froh und schnupperte in den warmen Mittagssonnenschein.

»Die Kleinert Bärbel riecht halt den Frühling«, lachte sie die Liebig Martha aus.

Vorübergehende, die den Namen aufgefangen, blieben stehen, steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und blickten mitleidig zu Bärbel hinüber.

Was hatten denn die Leute?

Hinter der Kirche, wo beim Lehrerhaus der Weg nach Wolfshau abbiegt, stand Hermann Opitz, auf die Freundin wartend. Er sah sehr bleich aus.

»Tag, Bärbel.« Er reichte ihr die Hand, schluckte und druckste. Sie wollte nicht über seine Lippen, die entsetzliche Botschaft.

»Tag, Hermännel.« Nichtsahnend strahlten ihn die blauen Mädchenaugen an. Aber als der Junge stumm neben ihr herschritt und an den Worten würgte, schwand die sorglose Heiterkeit aus Bärbels Zügen.

»Du, Hermännel« – sie stieß ihn mit dem Ellenbogen an –, »was haste denn? Du bist doch so merkwürdig heute, halt so schweigsam. Ist dir was passiert?«

»Mir nicht«, stieß der Lehrersohn mit dem Mute der Verzweiflung heraus. Sie sollte es nicht von Fremden erfahren, die Bärbel. »Mir nicht, aber – – –.« Nein, er vermochte es doch nicht auszusprechen, das Furchtbare.

»So sag doch, was ist denn geschehen?« drängte Bärbel unruhig. »Ist deine Muttel gesund?«

»Ja, bei uns ist alles in Ordnung. Aber bei euch – – –.« Wieder stockte der Primaner.

»Die Großmuttel?« Kaum wollte Bärbel die Frage über die Lippen.

Hermann schüttelte stumm und gequält den Kopf. Dann stieß er hervor: »In der Seifengrube ist eine Lawine – – –.«

»Vatel!« gellte es von den Lippen des Mädchens. Und da sank die Bärbel zu Boden, wie vom Blitzstrahl getroffen.

Unter Hermanns Bemühungen, der die Schläfen der Ohnmächtigen mit Schnee rieb, schlug sie die Augen wieder auf. Verwirrt, wie aus einem bösen Traum erwachend, schaute sie um sich. Und dann wurde es ihr plötzlich klar, daß es kein Traum war, daß sie in Wirklichkeit das Entsetzliche vernommen hatte. – »Vatel, mein Vatel!« Von herzbrechendem Schluchzen wurde der schmale Mädchenkörper geschüttelt.

»Bärbel, Bärbele, vielleicht kommt die Hilfe noch nicht zu spät. Alle Rettungsmannschaften sind nach der Seifengrube hinauf – vielleicht gelingt es doch noch, deinen Vater lebendig aufzufinden.« So tröstete der Freund, während ihm selbst die Tränen über die Wangen rannen.

Das Mädchen schüttelte gequält den Kopf. »Du glaubst es ja allein nicht, was du da sprichst, Hermann«, stieß Bärbel stöhnend hervor. »Wen die Lawine verschüttet hat, mit dem ist es aus – aus!« wiederholte sie nochmal mit erstickter Stimme.

»Ist der Mohrle nicht bei deinem Vater? Der Hund wird ihm vielleicht helfen, sich bemerkbar zu machen, daß man ihn leichter auffindet.« Auch den kleinsten, auch den unwahrscheinlichsten Trost suchte Hermann Opitz heraus, um seine arme Freundin aufzurichten.

»Unser braves Hundel ist sicher mit unter der Lawine begraben. – Barmherziger – es kann ja nicht sein.« Wieder bäumte sich der Schmerz in Bärbel wild empor gegen die grausige Vorstellung.

»Nun sei mal verständig, Bärbel«, beruhigend strich der um mehrere Jahre Ältere dem Mädchen über das dunkle Haar. »Ich werde jetzt nach der Seifengrube hinaufgehen und nachschauen, wie weit sie mit den Rettungsarbeiten sind. So schnell als möglich bringe ich dir Bescheid.«

»Ich gehe mit – bitte, Hermännel, nimm mich mit, ich habe hier unten doch keinen Augenblick Ruhe, ehe ich nicht weiß – – –.« Sie packte Hermann flehentlich beim Arm.

»Nein, Bärbel, das geht nicht. Du bist vollständig erschöpft von der Aufregung und – und du mußt jetzt deiner armen Mutter zur Seite sein.« Im Grunde wollte Hermann der Bärbel die Seelenpein, oben an der Unglücksstätte zu weilen und nicht helfen zu können, ersparen.

»Du hast recht, ich muß heim zur Muttel«, gab Bärbel mit tonloser Stimme zu. »Ob sie's überhaupt schon wissen im Rosenhäusel?«

Ja, ins Rosenhäusel war die Unglücksbotschaft bereits gedrungen. Nachbarn und Freunde füllten Pfeife qualmend voller Teilnahme die Stube. Starr wie aus Stein saß die Mutter auf einem Stuhl unter ihnen. Sie jammerte nicht, sie weinte nicht, sie griff sich nur immer wieder an den Kopf, als ob sie es nicht fassen könne. Aber als jetzt Bärbel mit den kleinen Geschwistern in die Stube trat, schrie sie auf: »Ihr seid jetzt vaterlose Kinder!«

»Der liebe Herrgott wird unserm Karle beistähen, der da droben wird ihn uns beschitzen, Mariele«, stieß die Großmutter mit zitternden Lippen hervor. Dann murmelte sie wieder ein Vaterunser nach dem andern vor sich hin. Die Nachbarn zogen die bunten Taschentücher hervor, wischten sich die Augen und schneuzten sich.

»So a gutter Kerle – es muß ooch halt immer die besten treffen – nee, Kindersch, ihr kennt stolz sein uff eiern Vater.«

Bärbel hörte nichts von all den gutgemeinten Worten. Die hatte den Kopf auf den Tisch neben des Vaters Zither gelegt, mit der er so gern ihren Sang begleitet hatte. So fühlte sie sich nicht ganz losgelöst von ihm.

»Kann man nicht ganz a großes Feuer in a Seifengruben anzinden, daß der Schnee schnelle zum Schmelzen kommen tut«, schlug Karl vor, bei dem trotz aller Angst und allem Schmerz um den Vater das Abenteuerliche des Unglücksfalles eine große Rolle spielte.

»Nu nä, Jungele, das gäht nu nich. Da kennt man ja den Vater verbrennen, wenn und er tut noch läben«, bedeutete ihm Nachbar Hensel. Dann verabschiedeten sie sich einer nach dem andern. Die Rettungsmannschaften mußten nach einer festgesetzten Zeit abgelöst werden. Jeder wollte dem beliebten Vater Kleinert in der Not zu Hilfe eilen.

Aber alle Bemühungen, alle Gebete und Hoffnungen wurden zunichte. Erst achtundvierzig Stunden später fand man den entseelten Körper des Verschütteten auf. Mohrle, der nicht von der Unglücksstelle fortzulocken war und kein Futter anrührte, war der erste, der ihn aufheulend entdeckte. Dann folgte er, den schwarzen zottigen Kopf tief zu Boden gesenkt, der zu Tal getragenen Bahre seines Herrn.

Auf dem kleinen Bergfriedhof droben bei der Kirche Wang, auf seinem Lieblingsplatz brachte man Vater Kleinert zur letzten Ruhe.

»Von dem Turme schwer und bang tönt die Glocke Grabgesang« – weit hinaus zog das Glockengeläut in die verschneiten Täler.

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