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Das Römische Imperium der Cäsaren

Theodor Mommsen: Das Römische Imperium der Cäsaren - Kapitel 8
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authorTheodor Mommsen
titleDas Römische Imperium der Cäsaren
publisherSafari-Verlag
editorKurt L. Walter-Schomburg
year1941
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Kapitel VI

Die Donauländer und die Kriege an der Donau

Gefangener Daker
Neapel, Museo Nazionale

Wie die Rheingrenze Cäsars, so ist die Donaugrenze das Werk des Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Römer auf der italischen Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Hämus (Balkan) und der Küstenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; nirgends reichte ihr Gebiet an den mächtigen Strom, der das südliche Europa vom nördlichen scheidet; sowohl das nördliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen Handelsstädte und mehr noch die zivilisierten Landschaften Makedoniens und Thrakiens waren den Raubzügen der rohen und unruhigen Nachbarstämme stetig ausgesetzt. Als Augustus starb, waren an die Stelle der einen kaum zu selbständiger Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fünf große römische Verwaltungsbezirke getreten, Rätien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien, Oberillyrien oder Dalmatien und Mösien und die Donau in ihrem ganzen Lauf, wenn nicht überall die militärische, doch die politische Reichsgrenze geworden. Die verhältnismäßig leichte Unterwerfung dieser weiten Gebiete sowie die schwere Insurrektion der J. 6-9 und das dadurch veranlaßte Aufgeben der früher beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen Donau nach Böhmen und an die Elbe sind früher dargestellt worden. Es bleibt übrig die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die Beziehungen der Römer zu den jenseit der Donau wohnhaften Stämmen darzustellen.

Die Schicksale Rätiens sind mit denen der obergermanischen Provinz so eng verflochten, daß dafür auf die frühere Darstellung verwiesen werden kann. Die römische Zivilisation hat hier im ganzen genommen sich wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen mit den Tälern des oberen Inn und des oberen Rheins umschloß eine schwache und eigenartige Bevölkerung, wahrscheinlich diejenige, die einstmals die östliche Hälfte der norditalischen Ebene besessen hatte, vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurückgedrängt durch die Kelten und vielleicht auch die Illyriker behauptete sie sich in den nördlichen Gebirgen. Während die nach Süden sich öffnenden Täler, wie das der Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den Südländern wenig Platz und noch weniger Reiz zur Ansiedlung und Städtegründung. Weiter nördlich auf der Hochebene zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Stämmen der Vindeliker eingenommen war, wäre wohl für römische Kultur Raum und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte und das gleich dem angrenzenden sogenannten Decumatenland wohl zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die Römer von Wert war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Kultur vielmehr zurückgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft zu entvölkern. Diesem geht zur Seite, daß in der früheren Kaiserzeit keine römisch organisierte Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der Anlage der großen Straße, die gleich mit der Eroberung selbst von dem älteren Drusus durch die Hochalpen an die Donau geführt ward, war die Gründung der Augusta der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort über ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verließ und die Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. Die Verleihung des römischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden dürfen, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und römische Städte im ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in Rätien auch später Augusta der einzige größere Mittelpunkt römischer Zivilisation geblieben. Auch die militärischen Einrichtungen haben auf das Zurückhalten derselben eingewirkt. Die Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Rücksichten nötigten, wie dies früher gezeigt ward, die Regierung nach Rätien lediglich Truppen zweiter Klasse zu legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die zivilisierende und städtebildende Wirkung ausüben können wie die Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des marcomanischen Krieges das rätische Hauptquartier, die Castra Regina, das heutige Regensburg mit einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in römischer Zeit bloß Militärniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der städtischen Entwicklung auf einer Linie gestanden zu haben. Daß die Grenze Rätiens schon zu Traianus Zeit von Regensburg westlich eine Strecke über die Donau hinaus vorgeschoben war, ist früher bemerkt und daselbst auch ausgeführt worden, daß dieses Gebiet wahrscheinlich ohne Anwendung von Waffengewalt, ähnlich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwähnt, daß die Befestigung dieses Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher sich erstreckenden Einfällen der Chatten zusammenhängt, so wie daß diese und später die Alemannen im 3. Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Rätien selbst heimsuchten und schließlich unter Gallienus den Römern entrissen.

Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung ähnlich wie Rätien behandelt worden, aber hat sich sonst anders entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den Landverkehr so wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias sowohl durch das Friaul nach der oberen Donau und zu den Eisenwerken von Noreia wie über die Julische Alpe zum Savetal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach) jenseit des Passes war ein römischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona (Laibach) eine später förmlich Italien einverleibte, der Sache nach seit ihrer Gründung durch Augustus zu Italien gehörige römische Bürgerkolonie. Daher genügte, wie früher schon hervorgehoben ward, für die Umwandlung dieses »Königreiches« in eine römische Provinz wahrscheinlich die bloße Ankündigung. Die ursprünglich wohl illyrische, später zum guten Teil keltische Bevölkerung zeigt keine Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Römische Sprache und römische Sitte muß hier früh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der nördliche durch die Tauernkette vom Drautal getrennte Teil nach italischer Gemeindeverfassung organisiert. Während in den Nachbarländern Rätien und Pannonien die Denkmäler römischer Sprache entweder fehlen oder doch nur in den größeren Zentren erscheinen, sind die Täler der Drau, der Mur und der Salzach und ihrer Nebenflüsse bis in das hohe Gebirge hinauf erfüllt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermaßen ein Teil Italiens; bei der Aushebung für die Legionen und für die Garde ist, solange hier die Italiker überhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz so völlig erstreckt worden wie auf diese. – Hinsichtlich der militärischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie von Rätien. Aus den schon entwickelten Gründen gab es auch in Noricum während der ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Kohortenlager; Carnuntum (Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehörte, ist, als die illyrischen Legionen dort hingelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren norischen Standlager an der Donau und selbst das von Marcus, der auch in diese Provinz eine Legion legte, für diese eingerichtete Lager von Lauriacum (bei Enns) sind für die städtische Entwicklung von keiner Bedeutung gewesen; die großen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) im Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spital), Virunum (Zollfeld bei Klagenfurt), im Norden Juvavum (Salzburg), sind rein aus bürgerlichen Elementen hervorgegangen.

Illyricum, das heißt das römische Gebiet zwischen Italien und Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der griechisch-makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum größeren als Nebenland von Italien und nach der Einrichtung der Statthalterschaft des cisalpinischen Galliens als ein Teil von dieser verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem weitverbreiteten Stamm, von dem es die Römer benannt haben: es ist derjenige, dessen dürftiger Rest an dem südlichen Ende seines ehemals weitgedehnten Besitzes unter dem Namen der Schkipetaren, welchen sie sich selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heißen, der Arnauten oder Albanesen noch heute seine alte Nationalität und seine eigene Sprache bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und innerhalb derselben wohl am nächsten dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den örtlichen Verhältnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens eben so selbständig wie der lateinische und der keltische. In ihrer ursprünglichen Ausdehnung erfüllte diese Nation die Küste des Adriatischen Meeres von der Mündung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus bis gegen Akarnanien und Ätolien, ferner im Binnenlande das obere Makedonien sowie das heutige Serbien und Bosnien und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt also östlich an die thrakischen Völkerschaften, westlich an die keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdrücklich unterscheidet. Es ist ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit schwarzem Haar und dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von den Germanen, nüchterne, mäßige, unerschrockene, stolze Leute, vortreffliche Soldaten, aber bürgerlicher Entwicklung wenig zugänglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer größeren politischen Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen Küste traten ihnen wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich illyrischen Völkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden durch die Rivalität mit den Kelten früh zu fügsamen Untertanen der Römer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gründung von Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen ein. An der Ostküste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren Inseln und die Südhäfen des Kontinents seit langem von den kühnen hellenischen Schiffern okkupiert. Als dann in Skodra (Skutari), gewissermaßen in alter Zeit wie heutzutage dem Zentralpunkt des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen sich zu eigener Macht zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, schlug Rom schon vor dem hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand nieder und nahm die ganze Küste unter seine Schutzherrschaft, welche bald, nachdem der Herr von Skodra mit dem König Perseus von Makedonien den Krieg und die Niederlage geteilt hatte, die völlige Auflösung dieses Fürstentums herbeiführte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Hälfte des siebenten wurde in langjährigen Kämpfen auch die Küste zwischen Istrien und Skodra von den Römern besetzt. Im Binnenland wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Römern wenig berührt; dafür aber müssen von Westen her vordringend die Kelten einen guten Teil ursprünglich illyrischen Gebietes in ihre Gewalt gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal saßen die beiden großen Stämme im Gemenge, als Cäsar Augustus die südlichen Distrikte Pannoniens der römischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit keltischen Elementen neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem frühen Untergang der illyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Teil beigetragen. In die südliche Hälfte der von Illyriern bewohnten Landschaften dagegen sind von den Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung an der unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Nähe von Thessalonike früher erwähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen gewissermaßen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen Macht und die Verödung von Epirus und Ätolien müssen die Ausbreitung der illyrischen Nachbaren gefördert haben. Bosnien, Serbien, vor allem Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es noch heute.

Es ist früher erzählt worden, daß Illyricum schon nach der Absicht des Diktators Cäsar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden sollte und diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen Augustus und dem Senat zur Ausführung kam; daß diese anfangs dem Senat überwiesene Statthalterschaft wegen der daselbst notwendigen Kriegführung auf den Kaiser überging; daß Augustus diese Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur nominelle Herrschaft über das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet effektiv machte; daß er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, die bei den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im J. 6 n. Chr. ausbrach, nach schwerem vierjährigem Kampf überwältigte. Es bleibt übrig die ferneren Schicksale zunächst der südlichen Provinz zu berichten.

Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es erforderlich, nicht bloß die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften statt wie bisher in ihrer Heimat vielmehr auswärts zu verwenden, sondern auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Kommando ersten Ranges in Botmäßigkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck rasch erfüllt. Der Widerstand, den die Illyriker unter Augustus der ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit dem einen gewaltigen Sturm; späterhin verzeichnen unsere Berichte keine ähnliche auch nur partielle Bewegung. Für das südliche oder nach dem römischen Ausdruck das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie seit der Zeit der Flavier gewöhnlich heißt, begann mit dem Kaiserregiment eine neue Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl auf der ihnen nächstliegenden Küste die beiden großen Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium (Durazzo) gegründet; eben darum war dieser Teil schon unter der Republik der griechischen Verwaltung überwiesen worden. Aber weiter nordwärts hatten die Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz-Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den Eingeborenen namentlich an der Küste von Narona und in den Salonä vorliegenden Ortschaften unterhalten. Unter der römischen Republik hatten die italischen Händler, welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den Haupthäfen Epitaurum (Ragusa vecchia), Narona, Salonä, lader (Zara) sich in solcher Zahl niedergelassen, daß sie in dem Kriege zwischen Cäsar und Pompeius eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber Verstärkung durch dort angesiedelte Veteranen und, was die Hauptsache war, städtisches Recht empfingen diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die energische Unterdrückung der auf den Inseln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, teils die Unterwerfung des Binnenlandes und die Vorschiebung der römischen Grenze gegen die Donau insbesondere diesen auf der Ostküste des Adriatischen Meeres angesiedelten Italikern zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters und der gesamten Verwaltung, Salonä, blühte rasch auf und überflügelte weit die älteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium, obwohl in die letztere Stadt ebenfalls unter Augustus italische Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker gesendet und die Stadt als römische Bürgergemeinde eingerichtet wurde. Vermutlich hat bei dem Aufblühen Dalmatiens und dem Verkümmern der illyrisch-makedonischen Küste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senatsregimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem eigentlichen Machthaber. Damit wird weiter zusammenhängen, daß die illyrische Nationalität sich in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser behauptet hat als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort, und es muß in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im Binnenland die des Volkes die illyrische geblieben sein. In Dalmatien dagegen wurden die Küste und die Inseln, soweit sie irgend sich eigneten – die unwirtliche Strecke nordwärts von Iader blieb in der Entwicklung notwendig zurück –, nach italischer Ordnung kommunalisiert, und bald sprach die ganze Küste lateinisch, etwa wie heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das Binnenland traten örtliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens bedeutende Ströme bilden mehr Wasserfälle als Wasserstraßen; und auch die Herstellung der Landstraßen stößt bei der Beschaffenheit seines Bergnetzes auf ungewöhnliche Schwierigkeiten. Die römische Regierung hat ernstliche Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschließen. Unter dem Schutz des Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem der Cettina unter dem des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier die Träger der Zivilisierung und der Latinisierung gewesen sein werden, sich die Bodenbestellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der Rebe und der Olive und überhaupt italische Ordnung und Gesittung. Dagegen jenseit der Wasserscheide zwischen dem Adriatischen Meer und der Donau sind die auch für den Ackerbau wenig günstigen Täler von der Kulpa bis zum Drin in römischer Zeit in ähnlichen primitiven Verhältnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von Salonä bis in die Täler Bosniens verschiedene Chausseen geführt; aber die späteren Regierungen ließen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe fallen. An der Küste und in den der Küste nähergelegenen Strichen bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren militärischen Hut; die Legionen des Kerka- und des Cettinatales konnte schon Vespasian von dort wegziehen und anderweitig verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des Reiches im 3. Jahrhundert hat Dalmatien verhältnismäßig wenig gelitten, ja Salonä wohl erst damals seine höchste Blüte erreicht. Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlaßt, daß der Regenerator des römischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener Dalmatiner war und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen ließ: er baute neben derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige Hauptstadt der Provinz den Namen Spalato trägt, innerhalb dessen sie zum größten Teil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom und als Baptisterium dienen. Aber zur Großstadt hat nicht erst Diocletian Salonä gemacht, sondern, weil sie es war, sie für seine Privatresidenz gewählt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe müssen damals in diesen Gewässern vorzugsweise in Aquileia und in Salonä sich konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und wohlhabendsten des Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren wenigstens in der späteren Kaiserzeit in starkem Betrieb; ebenso lieferten die Wälder der Provinz massenhaftes und vorzügliches Bauholz; auch von der blühenden Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine Erinnerung. Überhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens eine der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und die sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra berühren sich wie die Herrschaftsgebiete Cäsars und Marc Antons, so auch nach der Reichsteilung des 4. Jahrhunderts die von Rom und Byzanz. Hier grenzt die lateinische Provinz Dalmatien mit der griechischen Provinz Makedonien; und kräftig emporstrebend und überlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht hier die jüngere neben der älteren Schwester.

Wenn die südliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das nördliche Illyricum oder, wie es gewöhnlich heißt, Pannonien in der Kaiserzeit eines der großen militärischen und somit auch politischen Zentren. In dem Donauheer haben die pannonischen Lager die führende Stellung wie im Westen die rheinischen, und die dalmatischen und die moesischen schließen ihnen in ähnlicher Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die Legionen Spaniens und Britanniens. Die römische Zivilisation steht und bleibt hier unter dem Einfluß der Lager, die in Pannonien nicht wie in Dalmatien nur einige Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der Überwältigung des batonischen Aufstandes belief die regelmäßige Besatzung der Provinz sich zuerst auf drei, später, wie es scheint, nur auf zwei Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist die weitere Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater Siscia an der Mündung der Kulpa in die Save zum Hauptwaffenplatz ausersehen hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien mindestens bis an die Drau unterworfen hatte, die Lager an diese vorgeschoben worden und wenigstens eines der pannonischen Hauptquartiere befand sich seitdem in Pötovio (Pettau) an der norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder zum Teil im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche zu der Anlage der dalmatinischen Legionslager geführt hat: man brauchte hier die Truppen, um die Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im Draugebiet selbst in Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt die römische Flotte Wacht, die schon im J. 50 erwähnt wird und vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legionslager gab es am Flusse selbst unter der julisch-claudischen Dynastie vielleicht noch nicht, wobei in Betracht kommt, daß der zunächst der Provinz vorliegende Suevenstaat von Rom damals vollständig abhängig war und für die Grenzdeckung einigermaßen genügte. Wie die dalmatinischen hat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist das große Hauptquartier der pannonischen Armee das früher norische Carnuntum (Petronell östlich von Wien) und daneben Vindobona (Wien).

Die bürgerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Küste Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in einigen an der norischen Grenze gelegenen und zum Teil ursprünglich zu Noricum gehörigen Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit Noricum gleich, und wenn Savaria (Stein am Anger) zugleich mit den norischen Städten italische Stadtverfassung empfangen hat, so wird, solange Carnuntum eine norische Stadt war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehört haben. Erst seitdem die Truppen an der Donau standen, ging die Regierung daran, das Hinterland städtisch zu organisieren. In dem westlichen ursprünglich norischen Gebiet erhielt Scarbantia (Ödenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, während Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstädten wurden. Zwischen Save und Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau Pötovio (Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter Hadrian Kolonialrecht, um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Daß die überwiegend illyrische, aber zum guten Teil auch keltische Bevölkerung der Romanisierung keinen energischen Widerstand entgegensetzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte Sitte schwanden, wo die Römer hinkamen, und hielten sich nur in den entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedlung einladenden Striche östlich vom Raabfluß und nördlich der Drau bis zur Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber vielleicht in nicht viel anderer Weise als Germanien vor der Varusschlacht; hier hat die städtische Entwicklung weder damals noch später rechten Boden gefunden, und auch militärisch ist dieses Gebiet lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sich erst infolge der Einverleibung Daciens unter Traian einigermaßen geändert; die dadurch herbeigeführte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens wird besser im Zusammenhang mit den traianischen Kriegen geschildert.

Das letzte Stück des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten des Margus (Morawa) und das zwischen dem Hämus und der Donau lang sich hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Völkerschaften; und es erscheint zunächst erforderlich, auf diesen großen Stamm als solchen einen Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem Sinne parallel. Wie die Illyrier einst die Landschaften vom Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfüllten, so saßen ehemals die Thraker östlich von ihnen vom Ägäischen Meer bis zur Donaumündung und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer namentlich in dem heutigen Siebenbürgen, andererseits jenseit des Bosporus wenigstens in Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot die Thraker das größte der ihm bekannten Völker nach den Indern. Wie der illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung gelangt und erscheint mehr gedrängt und verdrängt als in eigener geschichtliche Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber während Sprache und Sitte der Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der Jahrhunderte verschliffenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir mit einigem Recht das Bild der Palikaren aus der neueren Geschichte in die der römischen Kaiserzeit übertragen, so gilt das gleiche von den thrakischen Stämmen nicht. Vielfach und sicher ist es bezeugt, daß die Völkerschaften des Gebietes, welchem infolge der römischen Provinzialteilung schließlich der Name Thrakien geblieben ist, so wie die mösischen zwischen dem Balkan und der Donau und nicht minder die Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem römischen Kaiserreich eine ähnliche Stellung wie die der Kelten und der Syrer. Der Historiker und Geograph der augustischen Zeit Strabo erwähnt die Gleichheit der Sprache der genannten Völker; in botanischen Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die dakischen Benennungen angegeben. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius, Gelegenheit gegeben wurde, über seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der Dobrudscha nachzudenken, benutzte er seine Muße, um getisch zu lernen, und wurde fast ein Getenpoet.

Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache: Gratulierst du mir nicht, daß ich den Geten gefiel?

Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionäre, die Bergtäler Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt haben, so ist das thrakische unter dem Völkergewoge des Donaugebietes und dem übermächtigen Einfluß Konstantinopels verschollen, und wir vermögen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen einzelner dazugehöriger Völkerschaften, über welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben keine für den ganzen Stamm gültigen individuellen Züge und heben meistens nur Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Völkern auf niederer Kulturstufe sich zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht minder brauchbar wie für die leichte Infanterie, von den Zeiten des peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der römischen Cäsaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder später für sie fechten. Auch die wilde, aber großartige Weise der Götterverehrung darf vielleicht als ein diesem Stamm eigentümlicher Grundzug aufgefaßt werden, der gewaltige Ausbruch der Frühlings- und der Jugendlust, die nächtlichen Bergfeste fackelschwingender Mädchen, die rauschende sinnverwirrende Musik, der strömende Wein und das strömende Blut, der in Aufregung aller sinnlichen Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, der herrliche und der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen und dem römischen Kult besonders hervortritt, knüpft an thrakische oder phrygische Sitte an.

Während die illyrischen Völkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach der Niederwerfung der großen Insurrektion in den letzten Jahren des Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Römer angerufen haben, gilt von den thrakischen Stämmen nicht das gleiche; der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien südlich vom Hämus blieb das alte Fürstentum unter römischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der Odrysen, mit der Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Küste des Schwarzen Meeres, tritt schon in der früheren Zeit unter den thrakischen Fürstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von anderen thrakischen Königen als denen dieses Hauses nicht ferner die Rede, so daß die übrigen Fürsten durch Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein scheinen und mit dem thrakischen Königtum fortan nur Glieder dieses Geschlechts belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil während des 1. Jahrhunderts, wie weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau keine römischen Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumündung erwartete Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhömetalkes, welcher in der zweiten Hälfte der Regierung des Augustus als römischer Lehnskönig das gesamte Thrakien beherrschte, und seine Kinder und Enkel spielten denn auch in diesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nachkommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, entschiedene Hinneigung zu römischem Wesen, Verfeindung mit den eigenen, die nationale Unabhängigkeit festhaltenden Landsleuten bezeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die große früher erzählte thrakische Insurrektion der Jahre 741–743 richtete sich zunächst gegen diesen Rhömetalkes und seinen Bruder und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Römern die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige Jahre später seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und der Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, treu zu den Römern hielt und an der Niederwerfung desselben wesentlichen Anteil hatte. Sein Sohn Kotys war mehr Römer oder vielmehr Grieche als Thraker; er führte seinen Stammbaum zurück auf Eumolpos und Erichthonios und gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen Hauses, der Urenkelin des Triumvir Antonius; nicht bloß die griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an, sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter. Der letzte der thrakischen Könige, des früh gestorbenen Kotys Sohn, Rhömetalkes, war in Rom aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber teilte keineswegs die römischen Neigungen des regierenden Hauses und die Regierung überzeugte sich allmählich in Thrakien wie in Palästina, daß der schwankende, nur durch beständiges Eingreifen der Schutzmacht aufrechterhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von Nutzen und die Einführung der unmittelbaren Verwaltung in jeder Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thrakischen Königshause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der Vormundschaftsführung über die unmündigen Prinzen im J. 19 einen römischen Statthalter Titus Trebellenus Rufus nach Thrakien zu schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne freilich erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in den Bergtälern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kümmerte und dessen Mannschaften, von ihren Stammhäuptern geführt, sich kaum als königliche, noch weniger als römische Soldaten fühlten. Die Sendung des Trebellenus rief im J. 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloß die angesehensten thrakischen Völkerschaften sich beteiligten, sondern der größere Verhältnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen über den Hämus, um in Mösien und vielleicht noch weiterhin den Nationalkrieg zu entfachen. Indes die mösischen Legionen erschienen rechtzeitig, um Philippopolis, das die Aufständischen belagerten, zu entsetzen und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre später (J. 25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, weigerten sich die Mannschaften außerhalb des eigenen Landes zu dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das ganze Gebirge auf, und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum großen Teil teils in die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stürzten und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vormundschaftsführung in Thrakien bis zum Tode des Tiberius; und wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund ebenso wie dem jüdischen die Herrschaft zurückgab, so machte wenige Jahre darauf im J. 46 die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch diese schließliche Einziehung des Königreichs und Umwandlung in einen römischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich hartnäckige Gegenwehr. Aber mit der Einführung der unmittelbaren Verwaltung ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht stärker war als 2000 Mann nebst einem kleinen bei Perinthos stationierten Geschwader, genügte in Verbindung mit den sonst von der Regierung getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Thraker niederzuhalten. Mit der Anlegung der Militärstraßen wurde gleich nach der Einziehung begonnen; wir finden, daß die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebäude für die Unterkunft der Reisenden bereits im J. 61 von der Regierung eingerichtet und dem Verkehr übergeben wurden. Thrakien ist seitdem eine gehorsame und wichtige Reichsprovinz; kaum hat irgendeine andere für alle Teile der Kriegsmacht, insbesondere auch für die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der Lohnsoldaten.

Die ernsten Kämpfe, welche die Römer auf dem sogenannten thrakischen Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben Nation zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des mösischen Kommandos führten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Regulierung der Nordgrenze in augustischer Zeit, und sind in ihrem Zusammenhang bereits geschildert worden. Von ähnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Römern entgegensetzten, wird aus Mösien nichts berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor.

Die Zivilisation kam den thrakischen Völkerschaften, wie den illyrischen, von zwei Seiten: von der Küste her und von der makedonischen Grenze die der Hellenen, von der dalmatischen und pannonischen die lateinische. Über jene wird zweckmäßiger zu handeln sein, wo wir versuchen, die Stellung der europäischen Griechen unter der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genügt es, im allgemeinen hervorzuheben, daß dieselbe auch hier nicht bloß das Griechentum, wo sie es fand, geschützt hat und die gesamte Küste, auch die dem Statthalter von Mösien untergebene, stets griechisch geblieben ist, sondern daß die Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von Traian begonnen und durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die römische Bahn gelenkt, sondern hellenisiert ward. Selbst die nördlichen Abhänge des Hämus, obwohl administrativ zu Mösien gehörig, sind in diese Hellenisierung hineingezogen, Nikopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Gründungen Traians, nach griechischem Schema organisiert worden. – Von der lateinischen Zivilisation Mösiens gilt das gleiche wie von der des angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt dieselbe, wie natürlich, um so viel später, schwächer und unreiner auf, je weiter sie von ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Überwiegend ist sie hier den Legionslagern gefolgt und mit diesen nach Osten hin vorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich ältesten Mösiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz). Freilich hat sie, der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel entsprechend, auch in Obermösien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den primitiven Zuständen noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch Hadrian italisches Stadtrecht erhalten. Niedermösien zwischen dem Balkan und der Donau ist in der früheren Kaiserzeit wohl durchaus in der Verfassung geblieben, welche die Römer vorfanden; erst als die Legionslager an der unteren Donau bei Nova, Durostorum und Trösmis gegründet wurden, was, wie weiter unten dargelegt werden wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah, ist auch dieser Teil des rechten Donauufers eine Stätte derjenigen italischen Zivilisation geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind hier auch bürgerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau selbst zwischen den großen Standlagern die nach italischem Muster eingerichteten Städte Ratiaria unweit Widin und Öscus am Einfluß der Iskra in die Donau, und allmählich näherte sich die Landschaft dem Niveau der damals noch bestehenden freilich in sich verfallenden römischen Kultur. Für den Wegebau in Untermösien sind seit Hadrian, von dem die ältesten bisher daselbst gefundenen Meilensteine herrühren, die Regenten vielfach tätig gewesen.

Wenden wir uns von der Übersicht der römischen Herrschaft, wie sie seit Augustus in den Ländern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte, zu den Verhältnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was über die westlichste Landschaft zu bemerken wäre, im wesentlichen schon bei der Schilderung Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich hervorgehoben worden, daß die zunächst an Rätien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter den sämtlichen Nachbarn der Römer die friedfertigsten gewesen und, so viel uns bekannt, niemals mit denselben in Konflikt geraten sind.

Daß das Volk der Markomannen oder, wie die Römer sie in früherer Zeit gewöhnlich nennen, der Sueven, nachdem es in augustischer Zeit in dem alten Boierland, dem heutigen Böhmen, neue Sitze gefunden und durch den König Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben hatte, während der römisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der drohenden römischen Invasion bewahrt ward, ist bereits erzählt worden; nicht minder, daß der Rückschlag des abermaligen Abbruchs der römischen Offensive am Rhein diesen allzu neutralen Staat über den Haufen warf. Die Vormachtstellung, welche die Markomannen unter Maroboduus über die entfernteren Völker im Elbegebiet gewonnen hatten, ging damit verloren, und der König selbst ist als vertriebener Mann auf römischer Erde gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten östlichen Nachbarn, die Quaden in Mähren, gerieten insofern in römische Klientel, als hier, ungefähr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden Prätendenten sich teilweise auf die Römer stützten und diese das Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umständen auch ausübten. Der Gotonenfürst Catualda, der zunächst den Maroboduus gestürzt hatte, konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der König der benachbarten Hermunduren Vibilius gegen ihn eintrat; auch er mußte auf römisches Gebiet übertreten und gleich Maroboduus die kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte dann, daß ein vornehmer Quade Vannius an seine Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden verbannten Könige, das auf dem rechten Donauufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius Sitze auf dem linken im Marchtal und dem Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom befreundeten Hermunduren. Nach dreißigjähriger Herrschaft wurde dieser im J. 50 gestürzt durch seine beiden Schwestersöhne Vangio und Sido, die sich gegen ihn auflehnten und die Nachbarvölker, die Hermunduren im Fränkischen, die Lugier in Schlesien, für sich gewannen. Die römische Regierung, die Vannius um Unterstützung anging, blieb der Politik des Tiberius getreu: sie gewährte dem gestürzten König das Asylrecht, intervenierte aber nicht, da zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter sich teilten, bereitwillig die römische Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suevenfürst Sido und sein Mitherrscher Italicus, vielleicht der Nachfolger Vangios, fochten in der Schlacht, die zwischen Vitellius und Vespasian entschied, mit der römischen Donauarmee auf der Seite der Flavianer. In den großen Krisen der römischen Herrschaft an der Donau unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern wieder begegnen. Zum römischen Reich haben die Donausueven nicht gehört; die wahrscheinlich von denselben geschlagenen Münzen zeigen wohl lateinische Aufschriften, aber nicht römischen Fuß, geschweige denn das Bildnis des Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen für Rom haben hier nicht stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist namentlich im 1. Jahrhundert der Suevenstaat in Böhmen und Mähren einbegriffen gewesen und, wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der römischen Grenzwacht nicht ohne Einfluß geblieben.

In der Ebene zwischen Donau und Theiß ostwärts von dem römischen Pannonien hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm gehörigen Volkes der Sarmaten, das nomadisch lebend als Hirten- und Reitervolk die weite osteuropäische Ebene zum großen Teil füllte; es sind dies die Jazygen, die »ausgewanderten« μετανάσται genannt zum Unterschied von dem am Schwarzen Meer zurückgebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, daß sie erst verhältnismäßig spät in diese Gegenden vorgedrungen sind; vielleicht gehört ihre Einwanderung mit zu den Stößen, unter denen um die Zeit der aktischen Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach (S. 10). Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser Claudius; dem Suevenkönig Vannius stellten die Jazygen für seine Kriege die Reiterei. Die römische Regierung war auf der Hut vor den flinken und räuberischen Reiterscharen, stand aber übrigens zu ihnen nicht in feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im J. 70 nach Italien marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und führten nur in schicklicher Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen für die Ruhe an der entblößten Grenze bürgten.

Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwärts an der unteren Donau. Jenseits des mächtigen Stromes, der jetzt des Reiches Grenze war, saßen hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunächst die germanischen Bastarner, alsdann sarmatische Stämme, wie die Roxolaner, ein Reitervolk gleich den Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don, dann am Meerufer entlang vorrückend. In den ersten Jahren des Tiberius verstärkte der Lehnfürst von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren; in Tiberius späteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und mehr alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, daß er die Einfälle der Daker und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros diesseits und jenseits der Donaumündung zuging, zeigt ungefähr der zufällig erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Mösien Tiberius Plautius Silvanus Älianus. Dieser »führte über 100 000 jenseits der Donau wohnhafte Männer mit ihren Weibern und Kindern und ihren Fürsten oder Königen über den Fluß, so daß sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten unterdrückte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen großen Teil seiner Truppen zur Kriegführung in Armenien (an Corbulo) abgegeben hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Römern in Fehde stehender Könige führte er über auf das römische Ufer und nötigte sie, vor den römischen Feldzeichen den Fußfall zu tun. Den Königen der Bastarner und der Roxolaner sandte er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Söhne, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück und nahm von mehreren derselben Geißeln. Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch den König der Skythen bestimmte er abzustehen von der Belagerung der Stadt Chersonesus (Sevastopol) jenseit des Borysthenes. Er war der erste, der durch große Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom wohlfeiler machte.« Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der julisch-claudischen Dynastie am linken Donauufer gährenden Völkerstrudel wie auch den starken Arm der Reichsgewalt, der selbst über den Strom hinüber die Griechenstädte am Dnjepr und in der Krim noch zu schützen suchte und einigermaßen auch zu schützen vermochte, wie dies bei der Darstellung der griechischen Verhältnisse weiter dargelegt werden wird.

Indes die Streitkräfte, über welche Rom hier verfügte, waren mehr als unzulänglich. Die geringfügige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls geringe Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen höchstens für die griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen Küste desselben in Betracht. Dem Statthalter von Mösien, der mit seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur Mündung zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die Beihilfe der wenig botmäßigen Thraker war unter Umständen eine Gefahr mehr. Insbesondere nach der Mündung der Donau zu mangelte ein genügendes Bollwerk gegen die hier mit steigender Wucht andrängenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an der Donaumündung als am Unterrhein Einfälle der Nachbarvölker hervor, zuerst der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heißt wohl der Jazygen. Es waren schwere Kämpfe; in einem dieser Gefechte, wie es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Mösien Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee; die Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstärken, muß noch dringender erschienen sein und die damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede Erhöhung der Gesamtarmee. Er begnügte sich, wie es die Befriedung des Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhältnisse sowie die durch die Einziehung Thrakiens herbeigeführte Auflösung der thrakischen Truppen gebieterisch verlangten, die großen Lager der Donauarmee an die Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem Suevenreich gegenüber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen von der Kerka und der Cettina an die mösischen Donauufer, so daß der Statthalter von Mösien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen verfügte.

Eine Verschiebung der Machtverhältnisse zuungunsten Roms trat unter Domitian ein, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der ungenügenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir darüber wissen, knüpfte die Wandelung der Dinge, ganz wie die gleiche in Cäsars Zeit, an einen einzelnen dakischen Mann an; was König Burebista geplant hatte, schien König Decebalus ausführen zu sollen. Wie sehr in seiner Persönlichkeit die eigentliche Triebfeder lag, beweist die Erzählung, daß der Dakerkönig Duras, um den rechten Mann an die rechte Stelle zu bringen, zugunsten des Decebalus von seinem Amt zurücktrat. Daß Decebalus, um zu schlagen, vor allem organisierte, beweisen die Berichte über seine Einführung der römischen Disziplin bei der dakischen Armee und die Anwerbung tüchtiger Leute unter den Römern selbst, und selbst die nach dem Siege von ihm den Römern gestellte Bedingung, ihm zur Unterweisung der Seinigen in den Handwerken des Friedens wie des Krieges die nötigen Arbeiter zu liefern. In welchem großen Stil er sein Werk ergriff, beweisen die Verbindungen, die er nach Westen und Osten anknüpfte, mit den Sueven und den Jazygen und sogar mit den Parthern. Die Angreifenden waren die Daker. Der Statthalter der Provinz Mösien, der ihnen zuerst entgegentrat, Oppius Sabinus, ließ sein Leben auf dem Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer Lager wurde erobert, die großen bedroht, der Besitz der Provinz selbst stand in Frage. Domitianus selbst begab sich zu der Armee und sein Stellvertreter – er selbst war kein Feldherr und blieb zurück – der Gardekommandant Cornelius Fuscus führte das Heer über die Donau; aber er büßte das unbedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage, und auch er, der zweite Höchstkommandierende, blieb vor dem Feind. Sein Nachfolger Julianus, ein tüchtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem eigenen Gebiet in einer großen Schlacht bei Tapä und war auf dem Wege, dauernde Erfolge zu erreichen. Aber während der Kampf gegen die Daker schwebte, hatte Domitianus die Sueven und die Jazygen mit Krieg überzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene zu senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, ließ er hinrichten. Auch hier verfolgte das Mißgeschick die römischen Waffen. Die Markomannen erfochten einen Sieg über den Kaiser selbst; eine ganze Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. Durch diese Niederlage erschüttert, schloß Domitian trotz der von Julianus über die Daker gewonnenen Vorteile mit diesen voreilig einen Frieden, der ihn zwar nicht hinderte, dem Vertreter des Decebalus in Rom Diegis, gleich als wäre dieser Lehnsträger der Römer, die Krone zu verleihen und als Sieger auf das Kapitol zu ziehen, der aber in Wirklichkeit einer Kapitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem Einrücken des römischen Heeres in Dakien sich höhnisch erboten hatte, jeden Mann, für den ihm eine jährliche Zahlung von 2 Assen zugesichert werde, ungeschädigt nach Hause zu entlassen, das wurde beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit einer jährlich zu entrichtenden Abstandssumme die Einfälle in Mösien abgekauft.

Hier mußte Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl ein guter Reichsverwalter, aber stumpf für die Forderungen der militärischen Ehre war, folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser Traianus, der, zuerst und vor allem Soldat, nicht bloß jenen Vertrag zerriß, sondern auch die Maßregeln danach traf, daß ähnliche Dinge sich nicht wiederholten. Der Krieg gegen die Sueven und Sarmaten, der bei Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es scheint, unter Nerva im J. 97 glücklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch bevor er in die Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an die Donau, wo er im Winter 98/99 verweilte, aber nicht um sofort die Daker anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit gehört die an die Straßenbauten in Obergermanien anschließende Anlage der am rechten Donauufer in der Gegend von Orsowa im J. 100 vollendeten Straße. Zum Kriege gegen die Daker, in dem er wie in allen seinen Feldzügen selbst kommandierte, ging er erst im Frühjahr 101 ab. Er überschritt die Donau unterhalb Viminacium und rückte gegen die nicht weit davon entfernte Hauptstadt des Königs Sarmizegetusa vor. Decebalus mit seinen Verbündeten – die Burer und andere nordwärts wohnende Stämme beteiligten sich an diesem Kampf – leistete entschlossenen Widerstand, und nur mit heftigen und blutigen Gefechten bahnten die Römer sich den Weg; die Zahl der Verwundeten war so groß, daß der Kaiser seine eigene Garderobe den Ärzten zur Verfügung stellte. Aber der Sieg schwankte nicht. Eine feste Burg nach der anderen fiel; die Schwester des Königs, die Gefangenen aus dem vorigen Krieg, die den Heeren Domitians abgenommenen Feldzeichen fielen den Römern in die Hände; durch Traianus selbst und durch den tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen, blieb dem König nichts übrig als vollständige Ergebung (102). Auch verlangte Traianus nichts Geringeres als den Verzicht auf die souveräne Gewalt und den Eintritt des dakischen Reiches in die römische Klientel. Die Überläufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst für diese von Rom gestellten Arbeiter mußten abgeliefert werden und der König persönlich vor dem Sieger den Fußfall tun; er begab sich des Rechts auf Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die Festungen wurden entweder geschleift oder den Römern ausgeliefert und in diesen, vor allem in der Hauptstadt, blieb römische Besatzung. Die mächtige steinerne Brücke, die Traian bei Drobetä (gegenüber Turnu Severinului) über die Donau schlagen ließ, stellte die Verbindung auch in der schlimmen Jahreszeit sicher und gab den dakischen Besatzungen an den nahen Legionen Obermösiens einen Rückhalt. Aber die dakische Nation und vor allem der König selbst wußten sich in die Abhängigkeit nicht so zu fügen, wie es die Könige von Kappadokien und Mauretanien verstanden hatten, oder hatten vielmehr das Joch nur auf sich genommen in der Hoffnung, bei erster Gelegenheit sich desselben wieder zu entledigen. Die Anzeichen dafür traten bald hervor. Ein Teil der auszuliefernden Waffen wurde zurückgehalten, die Kastelle nicht, wie es bedungen war, übergeben, römischen Überläufern auch ferner noch eine Freistatt gewährt, den mit den Dakern verfeindeten Jazygen Gebietsstücke entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenzverletzungen nicht hingenommen, mit den entfernteren noch freien Nationen ein lebhafter und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianus mußte sich überzeugen, daß er halbe Arbeit gemacht, und kurz entschlossen, wie er war, erklärte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich einzulassen, drei Jahre nach dem Friedensschluß (105) dem König abermals den Krieg. Gern hätte dieser ihn abgewandt; aber die Forderung, sich gefangen zu geben, sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als der Kampf der Verzweiflung, und dazu waren nicht alle bereit; ein großer Teil der Daker unterwarf sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf an die Nachbarvölker, in die Abwehr für die auch ihrer Freiheit und ihrem Volkstum drohende Gefahr mit einzutreten, verhallte ohne Wirkung; Decebalus und die ihm treu gebliebenen Daker standen in diesem Krieg allein. Die Versuche, den kaiserlichen Feldherrn durch Überläufer aus dem Wege zu schaffen oder mit der Losgebung eines gefangen genommenen hohen Offiziers erträgliche Bedingungen zu erkaufen, scheiterten ebenfalls. Der Kaiser zog abermals als Sieger in die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus, der bis zum letzten Augenblick mit dem Verhängnis gerungen hatte, gab, als alles verloren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus ein Ende; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern seiner Existenz. Aus dem besten Teile des Landes wurde die eingeborene Bevölkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer für die Bergwerke aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst überwiegend, wie es scheint, aus Kleinasien herangezogenen nationslosen Bevölkerung wieder besetzt. In manchen Gegenden freilich blieb dennoch die alte Bevölkerung und behauptete sich sogar die Landessprache; diese Daker sowohl wie die außerhalb der Grenzen hausenden Splitter haben auch nachher noch, zum Beispiel unter Commodus und Maximinus, den Römern zu schaffen gemacht; aber sie standen vereinzelt und verkamen. Die Gefahr, mit der der kräftige Thrakerstamm mehrmals die römische Herrschaft bedroht hatte, durfte nicht wiederkehren, und dies Ziel hat Traianus erreicht. Das traianische Rom war nicht mehr das der hannibalischen Zeit; aber es war immer noch gefährlich die Römer besiegt zu haben.

Die stattliche Säule, welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von dem Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet ward und die ihn heute noch schmückt, ist ein Zeugnis der verwüsteten Geschichtsüberlieferung der römischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites besitzen. In ihrer ganzen Höhe von genau 100 römischen Fuß ist sie bedeckt mit einzelnen Darstellungen – man zählt deren hundertvierundzwanzig; ein gemeißeltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu welchem uns fast überall der Text fehlt. Wir sehen die Wachttürme der Römer mit ihrem spitzen Dach, ihrem pallisadierten Hof, ihrem oberen Umgang, ihren Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, dessen Flußgott den römischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren Feldzeichen auf der Schiffbrücke entlang ziehen. Den Kaiser selbst im Kriegsrat, dann vor den Wällen des Lagers am Altar opfernd. Es wird erzählt, daß die den Dakern verbündeten Burer den Traian vom Kriege abmahnten in einem lateinischen auf einen gewaltigen Pilz geschriebenen Spruch: man meint diesen Pilz zu erkennen auf ein Saumtier geladen, von dem gestürzt ein Barbar mit der Keule auf dem Boden liegend dem heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den Pilz weist. Wir sehen das Lager schlagen, die Bäume fällen, Wasser holen, die Brücke legen. Die ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren langärmligen Kitteln und ihren weiten Hosen, werden, die Hände auf den Rücken gebunden und an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten gefaßt, vor den Kaiser geführt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- und Steinschleuderer, die Sichelträger, die Bogenschützen zu Fuß, die auch den Bogen führenden schweren Panzerreiter, die Drachenfahne der Daker, die feindlichen Offiziere, geschmückt mit dem Zeichen ihres Ranges, der runden Mütze, den Fichtenwald, in den die Daker ihre Verwundeten tragen, die abgehauenen Köpfe der Barbaren vor dem Kaiser niedergelegt. Wir sehen das dakische Pfahldorf mitten im See, in dessen runde Hütten mit spitzem Dach die Brandfackeln fliegen. Frauen und Kinder flehen den Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten werden gepflegt und verbunden, Ehrenzeichen an Offiziere und Soldaten ausgeteilt. Dann geht es weiter im Kampf: die feindlichen Verschanzungen, teils von Holz, teils Steinmauern, werden angegriffen, das Belagerungsgeschütz fährt auf, die Leitern werden herangetragen, unter dem Schilderdach greift die Sturmkolonne an. Endlich liegt der König mit seinem Gefolge zu den Füßen Traians; die Drachenfahnen sind in Römerhand; die Truppen begrüßen jubelnd den Imperator; vor den aufgetürmten Waffen der Feinde steht die Victoria und beschreibt die Tafel des Sieges. Es folgen die Bilder des zweiten Krieges, im ganzen der ersten Reihe gleichartig; bemerkenswert ist eine große Darstellung, welche, nachdem die Königsburg in Flammen aufgegangen ist, die Fürsten der Daker zu zeigen scheint, sitzend um einen Kessel und einer nach dem andern den Giftbecher leerend; eine andere, wo des tapfern Dakerkönigs Haupt auf einer Schüssel dem Kaiser gebracht wird; endlich das Schlußbild, die lange Reihe der Besiegten mit Frauen, Kindern und Herden aus der Heimat abziehend. Die Geschichte dieses Krieges hat der Kaiser selbst geschrieben, wie Friedrich der Große die des Siebenjährigen, und nach ihm viele andere; uns ist alles dies verloren, und wie niemand es wagen würde nach Menzels Bildern die Geschichte des Siebenjährigen Krieges zu erfinden, so bleibt auch uns nur mit dem Einblick in halb verständliche Einzelheiten die schmerzliche Empfindung einer bewegten und großen, auf ewig verblaßten und selbst für die Erinnerung vergangenen geschichtlichen Katastrophe.

Die Grenzverteidigung im Donaugebiet wurde infolge der Verwandlung Daciens in eine römische Provinz nicht in dem Grade verschoben, wie man wohl erwarten sollte; eine eigentliche Veränderung der Verteidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue Provinz im ganzen als eine exzentrische Position behandelt, die nur nach Süden hin an der Donau selbst unmittelbar mit dem römischen Gebiet zusammenhing, nach den anderen drei Seiten in das barbarische Land hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dacien sich erstreckende Theißebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich wohl Reste alter Wälle gefunden, die von der Donau über die Theiß weg bis an das dacische Gebirge führen und das Jazygengebiet nördlich begrenzen, aber über die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist nichts Sicheres ermittelt. Auch Bessarabien wird von einer doppelten Sperrlinie durchschnitten, welche vom Pruth zum Dnjestr laufend bei Tyra endigt und nach den darüber bis jetzt vorliegenden ungenügenden Berichten von den Römern herzurühren scheint. Ist dies der Fall, so sind die Moldau und die südliche Hälfte von Bessarabien sowie die gesamte Walachei dem römischen Reich einverleibt gewesen. Aber mag dies auch nominell geschehen sein, effektiv hat die Römerherrschaft sich schwerlich auf diese Länder erstreckt; wenigstens fehlt es an sicheren Beweisen römischer Ansiedlung bis jetzt sowohl in der östlichen Walachei wie in der Moldau und in Bessarabien völlig. Auf alle Fälle blieb hier viel mehr noch als in Germanien der Rhein die Donau die Grenze der römischen Zivilisation und der eigentliche Stützpunkt der Grenzverteidigung. Die Positionen an dieser wurden erheblich verstärkt. Es war ein Glücksfall für Rom, daß, während die Völkerbrandung an der Donau stieg, sie am Rhein sank und die dort entbehrlich gewordenen Truppen anderweitig verfügbar wurden. Wenn noch unter Vespasian wahrscheinlich nicht mehr als sechs Legionen an der Donau standen, so ist deren Zahl durch Domitianus und Traianus später auf zehn gesteigert, womit zusammenhängt, daß die bisherigen beiden Oberkommandanturen von Mösien und Pannonien, die erstere unter Domitian, die zweite unter Traian, geteilt wurden und, indem weiter die dacische hinzutrat, die Gesamtzahl der Kommandanturen an der unteren Donau sich auf fünf stellte. Anfänglich scheint man freilich die Ecke, welche dieser Strom unterhalb Durostorum (Silistria) macht, die heutige Dobrudscha, abgeschnitten und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der Fluß bis auf sieben deutsche Meilen sich dem Meere nähert, um dann fast im rechten Winkel nach Norden abzubiegen, die Flußlinie durch eine befestigte Straße nach Art der britannischen ersetzt zu haben, welche bei Tomi die Küste erreichte. Indes diese Ecke ist wenigstens seit Hadrian in die römische Grenzbefestigung eingezogen worden; denn von da an finden wir Untermösien, das vor Traian wahrscheinlich gar keine größeren ständigen Besatzungen gehabt hatte, belegt mit den drei Legionslagern von Nova (bei Svischtova), Durostorum (Silistria) und Trösmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte eben jener Donauecke vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung dadurch verstärkt, daß zu den obermösischen Lagern bei Singidunum und Viminacium das unterpannonische an der Mündung der Theiß in die Donau bei Acumincum hinzutrat. Dacien selbst ist damals nur schwach besetzt worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Kolonie Sarmizegetusa, lag nicht weit von den Hauptübergängen über die Donau in Obermösien; hier und an dem mittleren Marisus so wie jenseit desselben in dem Bezirk der Goldgruben haben die Römer vorzugsweise sich ansässig gemacht; auch die eine seit Traian in Dacien garnisonierende Legion hat ihr Hauptquartier wenigstens bald nachher in dieser Gegend bei Apulum (Karlsburg) erhalten. Weiter nördlich sind Potaissa (Thorda) und Napoca (Klausenburg) wohl auch sofort von den Römern in Besitz genommen worden, aber erst allmählich schoben die großen pannonisch-dacischen Militärzentren sich weiter gegen Norden vor. Die Verlegung der unterpannonischen Legion von Acumincum nach Aquincum, dem heutigen Ofen, und die Okkupierung dieser militärisch beherrschenden Position fällt nicht später als Hadrian und wahrscheinlich unter ihn; wohl gleichzeitig ist die eine der oberpannonischen Legionen nach Brigetio (gegenüber Komorn) gekommen. Unter Commodus wurde an der Nordgrenze Daciens in der Breite von einer deutschen Meile jede Ansiedlung untersagt, was mit den später zu erwähnenden Grenzordnungen nach dem Markomannenkrieg zusammenhängen wird. Damals mögen auch die befestigten Linien entstanden sein, welche diese Grenze, ähnlich wie die obergermanische, sperrten. Unter Severus kam eine der bisher niedermösischen Legionen an die dacische Nordgrenze nach Potaissa (Thorda). Aber auch nach diesen Verlegungen bleibt Dacien eine von Bergen und Schanzen gedeckte vorgeschobene Stellung am linken Ufer, bei der es wohl zweifelhaft sein mochte, ob sie die allgemeine Defensivstellung der Römer mehr förderte oder mehr beschwerte. Hadrianus hat in der Tat daran gedacht, dies Gebiet aufzugeben, also dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem sie einmal geschehen war, überwog allerdings die Rücksicht wenn nicht auf die einträglichen Goldgruben des Landes, so doch auf die rasch sich entwickelnde römische Zivilisation im Marisusgebiet. Aber wenigstens den Oberbau der steinernen Donaubrücke ließ er entfernen, da ihm die Besorgnis vor der Benutzung derselben durch die Feinde schwerer wog als die Rücksicht auf die dacische Besatzung. Die spätere Zeit hat von dieser Ängstlichkeit sich frei gemacht; aber die exzentrische Stellung Daciens zu der übrigen Grenzverteidigung ist geblieben.

Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind für die Donauländer eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwicklung gewesen. Ganz zur Ruhe kam es freilich namentlich an den Donaumündungen nie, und auch das bedenkliche Hilfsmittel, von den angrenzenden unruhigen Nachbaren, ähnlich wie es mit Decebalus geschehen war, durch Aussetzung jährlicher Gratiale die Grenzsicherheit zu erkaufen, ist ferner angewandt worden; dennoch zeigen die Reste des Altertums eben in dieser Zeit überall das Aufblühen städtischen Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens nennen als ihren Stifter Hadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte ein Sturm, wie das Kaisertum noch keinen bestanden hatte, und der, obwohl eigentlich auch nur ein Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung über eine Reihe von Provinzen und durch seine dreizehnjährige Dauer das Reich selbst erschütterte.

Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne Persönlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht. Ebensowenig haben Übergriffe römischerseits diesen Krieg heraufbeschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbar, weder den mächtigen noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als billig hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und Sido, in das Königtum der Markomannen im heutigen Böhmen und das der Quaden in Mähren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Römern scheinen hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhältnis der Quadenfürsten wurde sogar unter Pius' Regierung durch die erbetene Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerschiebungen, die jenseit des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des großen Krieges gewesen. Bald nach Pius' Tode († 161) erschienen Haufen von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her, aber auch Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedrängt von den römischen Truppen, die ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den Markomannenfürsten Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn beteiligten Stämme, um ihre Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter ließ es bei dem Bescheid und zwang sie, über die Donau zurückzugehen. Dies ist der Anfang des großen Donaukrieges. Auch der Statthalter von Obergermanien Gaius Aufidius Victorinus, der Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um das J. 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch nachdrängende Völkerschaften von der Elbe her veranlaßt sein mag. Wäre gleich energisch eingeschritten worden, so hätte größerem Unheil vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der armenische Krieg begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem Osten geschickt wurden, wofür wenigstens keine Beweise vorliegen, so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort energisch aufzunehmen. Dies Temporisieren hat sich schwer gerächt. Eben als in Rom über die Könige des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die Chatten, die Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in das römische Gebiet. Rätien, Noricum, beide Pannonien, Dacien waren im selben Augenblick überschwemmt; im dacischen Grubendistrikt können noch wir die Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten, zeigt die Tatsache, daß mehrere Jahre später die Quaden erst 13 000, dann noch 50 000, die Jazygen gar 100 000 römische Gefangene zurückgaben. Es blieb nicht einmal bei der Schädigung der Provinzen. Es geschah, was seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmöglich zu gelten: die Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von Rätien aus zerstörten sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der julischen Alpe berannten Aquileia. Niederlagen einzelner römischer Armeekorps müssen mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, daß einer der Gardekommandanten Victorinus vor dem Feind blieb und die Reihen der römischen Heere sich in arger Weise lichteten.

Der schwere Angriff traf den Staat zur unglücklichsten Stunde. Zwar der orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder als der Krieg und in entsetzlicherem Maße die Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es notwendig war, zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer die teure Zeit gehört, so erschien auch hier mit ihr Mißwachs und Hungersnot und schwere Finanzkalamität – die Steuern gingen nicht ein und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlaßt, die Kleinodien seines Palastes in öffentlicher Auktion zu veräußern. Es fehlte an einem geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militärisch-politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, was ihm abging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren Adoptivbruder Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden Voraussetzung, daß der flotte junge Mann, wie er ein tüchtiger Fechter und Jäger war, so auch zum fähigen Feldherrn sich entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besaß der ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so unglücklich wie möglich ausgefallen; der eben beendigte parthische Krieg hatte den nominellen Feldherrn als eine wüste Persönlichkeit und einen unfähigen Offizier gezeigt. Verus' Mitregentschaft war nichts als eine Kalamität mehr, die freilich durch seinen nicht lange nach dem Ausbruch des markomannischen Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Neigungen nach mehr reflektiv als dem praktischen Leben zugewandt und ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende Persönlichkeit, übernahm die ausschließliche und persönliche Leitung der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im einzelnen Fehler genug gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf mit zurück; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den Zweck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben schließlich den gefährlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent verdankt wird.

Worauf man sich gefaßt machte, zeigt die Tatsache, daß die Regierung, trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der Hauptstadt Dalmatiens Salonä und der Hauptstadt Thrakiens Philippopolis herstellen ließ; sicher sind dies nicht vereinzelte Anordnungen gewesen. Man mußte sich darauf vorbereiten, die Nordländer überall die großen Städte des Reiches berennen zu sehen; die Schrecken der Gotenzüge pochten schon an die Pforten und wurden vielleicht für diesmal nur dadurch abgewandt, daß die Regierung sie kommen sah. Die unmittelbare Oberleitung der militärischen Operationen und die durch die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvölkern und Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen, noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelführern überlassen werden. In der Tat änderte sich die Lage der Dinge, sowie die beiden Kaiser in Aquileia eintrafen, um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche Leitung, fühlten sich solchem Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen überall sich zurück; die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre Unterwerfung ein und vielfach büßten die Führer der gegen die Römer gerichteten Bewegung diesen Rückschlag mit dem Leben. Lucius meinte, daß der Krieg Opfer genug gefordert habe, und riet zur Rückkehr nach Rom. Aber die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die Kalamität, die über Rom gekommen war, die Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die von den Barbaren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kräftigere Politik und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus' Schwiegersohn, Tiberius Claudius Pompeianus, übernahm außerordentlicherweise das Kommando in Rätien und Noricum; sein tüchtiger Unterbefehlshaber, der spätere Kaiser Publius Helvius Pertinax, säuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien herbeigerufenen ersten Hilfslegion das römische Gebiet. Trotz der Finanznot wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich mancher bisherige Straßenräuber zum Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue Legionen gebildet und, wie schon früher angegeben ward, die bisher geringfügige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen Legionslager von Regensburg und Enns verstärkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich die Kaiser selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers einzuschränken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe anboten, wurden nicht zurückgewiesen und fochten in römischem Sold, soweit sie nicht, was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feinde gemeinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden und um die Bestätigung des neuen Königs Furtius baten, wurde diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rückgabe der Überläufer und der Gefangenen. Es gelang einigermaßen, den Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen verbündeten Jazygen, zu beschränken. Gegen diese beiden Völker wurde in den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und nicht ohne Niederlage gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen Zusammenhang bringen lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die außerordentlicherweise vereinigten Kommandos von Obermösien und Dacien anvertraut waren, fiel um das J. 171 im Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in diesen Jahren Ehrendenkmäler in Rom an der Säule Traians, weil sie in Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Stämme, die sich für Rom erklärt hatten, fielen zum Teil wieder ab, so die Cotiner und vor allem die Quaden, welche den flüchtigen Markomannen eine Freistatt gewährten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben, worauf Kaiser Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogäsus einen Preis von 1000 Goldstücken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint die völlige Überwindung der Markomannen erreicht worden zu sein und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus angenommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der Quaden, endlich im J. 175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den überwundenen Völkerschaften gestellt wurden, zeigen, daß Marcus nicht zu strafen beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen, wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donauufer wurden römische Besatzungen gelegt, die allein bei den Markomannen und Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20 000 Mann beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer zu stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht durch die Insurrektion Syriens abgerufen worden, so hätte er die letzteren ganz aus ihrer Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Daß Marcus die abgefallenen Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestätigt der weitere Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die Donau und begann, eben wie Traianus, im J. 178 den zweiten abschließenden Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklärung ist nicht bekannt; der Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, daß er zwei neue Provinzen Marcomania und Sarmatia einzurichten gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam gezeigt haben werden, wurden die lästigen Auflagen größtenteils erlassen, ja ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dacien hausenden Stammverwandten, den Roxolanen, der Durchgang durch Dacien unter angemessener Aufsicht gewährt – wahrscheinlich auch nur, weil sie schon als römische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die Äcker zu bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu versorgen. Nach vierzehnjähriger fast ununterbrochener Waffenarbeit stand der Kriegsfürst wider Willen am Ziel und die Römer zum zweitenmal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die Ankündigung, das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. März 180.

Man wird nicht bloß die Entschlossenheit und die Konsequenz des Herrschers anerkennen, sondern auch einräumen müssen, daß er tat, was die richtige Politik gebot. Die Eroberung Daciens durch Traian war ein zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem markomannischen Krieg der Besitz Daciens nicht bloß ein gefährliches Element aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich auch bewirkt hat, daß der Völkerschwarm an der unteren Donau, die Bastarner, die Roxolaner und andere mehr, in den Markomannenkrieg nicht eingegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer westlich von Dacien die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte, konnte diese nur in abschließender Weise ausgeführt werden, indem Böhmen, Mähren und die Theißebene in die römische Verteidigungslinie eingezogen wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dacien, eine Vorpostenstellung zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben sollte.

Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem Namen nach mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz der unumschränkten Gewalt. Nur kurze Zeit ließ der neunzehnjährige Nachfolger die Vertrauensmänner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus und andere, die mit Marcus die schwere Last des Krieges getragen hatten, im Sinne desselben schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vaters; kein Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach wie dieser entschlossen und konsequent, so träge und pflichtvergessen wie dieser tätig und gewissenhaft. Er gab nicht bloß die Einverleibung des gewonnenen Gebietes auf, sondern gewährte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie nicht hatten hoffen dürfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter römischer Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Römern befreundeten Nachbarn nicht zu schädigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem Lande zurückgezogen und nur das Gebot, den Grenzstreifen nicht zu besiedeln, festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Ähnlich ward mit den Quaden abgeschlossen und wird mit den übrigen Transdanuvianern abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben und die vieljährige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man nicht mehr wollte, so war eine ähnliche Ordnung der Dinge schon viel früher zu erreichen. Dennoch hat der markomannische Krieg die Suprematie Roms in diesen Landschaften für die Folgezeit sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht von den Stämmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoß geführt worden, dem die römische Weltmacht erlag.

Eine andere bleibende Folge dieses Krieges hängt zusammen mit den durch denselben veranlaßten Überführungen der Transdanuvianer in das römische Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen; die unter Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker waren nichts als neue zu den früher vorhandenen hinzutretende Untertanen oder Untertanengemeinden, und etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht gewesen, denen Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Böhmen mit solchen im Reich zu vertauschen, während den sonst unbekannten Astingern an der dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die nicht bloß im Donauland, sondern in Italien selbst bei Ravenna von ihm angesiedelten Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind dies die Anfänge der römischen Leibeigenschaft, des Kolonats, dessen Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten Staates in anderem Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatische Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf und mußten wieder weggeschafft werden, so daß der neue Kolonat zunächst auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften, beschränkt blieb. Wiederum folgte auf den großen Krieg an der mittleren Donau eine fast sechzigjährige Friedenszeit, deren Segen durch das während derselben stetig steigende innere Mißregiment nicht vollständig aufgehoben werden konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht, daß die Grenze, namentlich die am meisten exponierte dacische, nicht ohne Anfechtung blieb; aber vor allem das straffe Militärregiment des Severus tat hier seine Schuldigkeit, und wenigstens Markomannen und Quaden erscheinen auch unter dessen nächsten Nachfolgern in unbedingter Abhängigkeit, so daß der Sohn des Severus einen Quadenfürsten vor sich zitieren und ihm den Kopf vor die Füße legen konnte. Auch die in dieser Epoche an der unteren Donau gelieferten Kämpfe sind von untergeordnetem Belang. Aber wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Völkerverschiebung von Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die römische Grenzwacht an der unteren Donau neuen und gefährlicheren Gegnern gegenübergestellt. Bis auf diese Zeit hatten den Römern dort vorzugsweise sarmatische Völkerschaften gegenübergestanden, unter denen sich die Roxolaner mit den Römern am nächsten berührten; von Germanen saßen damals hier nur die seit langem in dieser Gegend heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht unter den dem Anschein nach ihnen stammverwandten Garpern, welche fortan an der unteren Donau, etwa in den Tälern des Sereth und Pruth, die nächsten Nachbarn der Römer sind. Neben die Carper, ebenfalls als unmittelbare Nachbarn der Römer an der Donaumündung, tritt das Volk der Goten. Dieser germanische Stamm ist nach der einheimischen Erzählung, die uns erhalten ist, von Skandinavien über die Ostsee nach der Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer gewandert; damit übereinstimmend kennen die römischen Geographen des 2. Jahrhunderts sie an der Weichsel und die römische Geschichte seit dem ersten Drittel des dritten an der nordwestlichen Küste des Schwarzen Meeres. Von da an erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian vor ihnen auf das rechte Donauufer gewichen, während ohne Zweifel ein großer Teil dieser wie jener sich unter die Goten mischten und ihnen sich anschlossen. Überall darf diese Katastrophe nur in dem Sinne als die des Gotenkrieges bezeichnet werden, wie die unter Marcus eingetretene von den Markomannen heißt; die ganze Masse der durch den Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten Völkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese Angriffe ebenso zu Lande über die untere Donau wie zu Wasser von der Nordküste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzählt hat, diesen Krieg vielmehr den skythischen, indem er unter diesem gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde zusammenfaßt. Was über diese Züge zu berichten ist, soll, soweit die der Verwirrung dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der Überlieferung es gestattet, hier zusammengefaßt werden.

Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Bürgerkrieges, wird bezeichnet als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten begann. Da die Münzen von Tyra und Olbia mit Alexander († 235) aufhören, so sind diese außerhalb der Reichsgrenze gelegenen römischen Besitzungen wohl schon einige Jahre früher eine Beute der neuen Feinde geworden. In jenem Jahr überschritten sie zuerst die Donau, und die nördlichste der mösischen Küstenstädte Istros war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit als Herrscher hervorging, wird als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser ist es, daß die römische Regierung wenn nicht schon früher, so doch unter ihm sich dazu verstand, die gothischen Einfälle abzukaufen. Begreiflicherweise forderten die Carper das Gleiche, was der Kaiser den schlechteren Goten bewilligt habe; als die Forderung nicht gewährt ward, fielen sie im J. 245 in das römische Gebiet ein. Kaiser Philippus – Gordianus war damals schon tot – schlug sie zurück, und eine energische Aktion mit der vereinigten Kraft des großen Reiches würde den Barbaren wohl hier Halt geboten haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermörder so sicher den Thron wie wiederum seinen Mörder und Nachfolger; eben in den gefährdeten Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marinus Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus Decius aus, welcher letztere in der Tat in Italien seinen Gegner überwand und als Herrscher anerkannt ward. Er war ein tüchtiger und tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er trug, und trat, sowie er konnte, entschlossen in die Kämpfe an der Donau ein; aber was der inzwischen geführte Bürgerkrieg verdorben hatte, ließ sich nicht mehr einbringen. Während die Römer miteinander schlugen, hatten die Goten und die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfürsten Cniva in das von Truppen entblößte Mösien eingefallen. Der Statthalter der Provinz, Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach Nikopolis am Hämus und wurde hier von den Goten belagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und belagerten dessen Hauptstadt, das große und feste Philippopolis; ja sie gelangten bis nach Makedonien und berannten Thessalonike, wo der Statthalter Priscus eben diesen Moment geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Als Decius anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu bekämpfen, wurde wohl jener ohne Mühe beseitigt und gelang auch der Entsatz von Nikopolis, wo 30 000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien zurückweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroë (Alt-Zagora), warfen die Römer nach Mösien zurück und bezwangen sowohl Nikopolis daselbst wie in Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100 000 Menschen in ihre Gewalt gekommen sein sollen. Darauf zogen sie nordwärts, um die ungeheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem Feind bei dem Übergang über die Donau einen Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter Gallus am Ufer auf und hoffte die Goten auf diese werfen und ihnen den Rückzug abschneiden zu können. Aber bei dem mösischen Grenzort Abrittus entschied das Kriegsglück oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn; Decius kam mit seinem Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann sein Regiment damit, den Goten die jährlichen Geldzahlungen abermals zuzusichern (251). Diese völlige Niederlage der römischen Waffen wie der römischen Politik, der Fall des Kaisers, des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das Leben verlor, eine Kunde, welche selbst in dieser in der Gewohnheit des Unheils erschlaffenden Zeit tief die Gemüter erregte, die darauffolgende schimpfliche Kapitulation stellte in der Tat die Integrität des Reiches in Frage. Ernste Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich der drohende Verlust Daciens, müssen die nächste Folge gewesen sein. Noch einmal ward dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien, Marcus Ämilius Ämilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden Waffenerfolg und trieb die Feinde über die Grenze. Aber die Nemesis waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus' Namen erfochtenen Sieges war, daß die Armee dem Verräter des Decius den Gehorsam aufkündigte und ihren Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Bürgerkrieg der Grenzverteidigung vor, und während Ämilianus in Italien zwar den Gallus überwand, aber bald darauf dem Feldherrn desselben, Valerianus, unterlag (254), ging Dacien, wie und an wen wissen wir nicht, dem Reiche verloren. Die letzte von dieser Provinz geschlagene Münze und die jüngste dort gefundene Inschrift sind vom J. 255, die letzte Münze des benachbarten Viminacium in Obermösien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und Galliens also besetzten die Barbaren das römische Gebiet am linken Ufer der Donau und drangen sicher auch hinüber auf das rechte.

Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter verfolgen, erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die Piraterie, wie sie in der östlichen Hälfte des Mittelmeeres damals im Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezüge der Goten und ihrer Genossen.

Daß auf dem Schwarzen Meer die römische Flotte zu keiner Zeit entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet worden ist, liegt im Wesen der Römerherrschaft, wie sie an seinen Küsten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von der Donaumündung abwärts bis Trapezunt. Römisch waren freilich auch einerseits Tyra an der Mündung des Dnjestr und Olbia an der Bucht der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen Hafenorte in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. Auch das dazwischenliegende bosporanische Königreich in der Krim stand in römischem Schutz und hatte römische, dem Statthalter von Mösien unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen größtenteils wenig einladenden Gestaden nur jene Hafenplätze entweder als alte griechische Ansiedlungen oder als römische Festungen in festem Besitz, die Küste selbst öde oder in den Händen der das Binnenland erfüllenden Eingeborenen, die unter dem allgemeinen Namen der Skythen zusammengefaßt, meistens sarmatischer Abkunft, den Römern niemals botmäßig wurden, noch werden sollten; man war zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Römern oder deren Schutzbefohlenen vergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, daß schon in Tiberius' Zeit die Piraten der Ostküste nicht bloß das Schwarze Meer unsicher machten, sondern auch landeten und die Dörfer und die Städte der Küste brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia überfiel und unter deren Mauern mit den Bürgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewiß nur zufällig für uns einzeln dastehende Vorgang, daß dieselben Erscheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich erneuerten und noch bei äußerlich unerschüttert aufrecht stehender Reichsgewalt nicht bloß einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im Schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und vor allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlässigen Berichte melden bereits in der Zeit vor Decius das Erscheinen einer großen Piratenflotte im Ägäischen Meer; dann unter Decius die Plünderung der pamphylischen Küste und der griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien bis nach Pessinus und Ephesos. Dies waren Räuberzüge. Diese Gesellen plünderten die Küsten weit und breit und machten auch, wie man sieht, dreiste Züge in das Binnenland; aber von zerstörten Städten wird nichts gemeldet und die Piraten vermieden es, mit den römischen Truppen zusammenzustoßen; vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine Truppen standen.

Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. Die Art der Züge weicht von den früheren so sehr ab, daß der an sich nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung bezeichnet werden konnte und daß die Piraten eine Zeitlang in Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht bekannten Völkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten einheimischen Anwohnern des Schwarzen Meeres gehen diese Züge aus, sondern von den nachdrängenden Schwärmen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, fängt an, ein Stück derjenigen Völkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der Goten an die untere Donau angehört. Die beteiligten Völker sind sehr mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den späteren Zügen scheinen die germanischen Heruler, damals Anwohner der Mäotis, eine führende Rolle gespielt zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes, soweit es sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich genaue Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht eigentlich diese Züge heißen richtiger skythische als gotische. Der maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmündung, der Hafen von Tyra. Die griechischen Städte des Bosporus, durch den Bankerott der Reichsgewalt schutzlos den andrängenden Haufen preisgegeben und der Belagerung durch dieselben gewärtig, ließen halb gezwungen, halb freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren Schiffen und durch ihre Seeleute nach den nächstgelegenen römischen Besitzungen an der Nordküste des Pontus überzuführen, wofür diesen selbst die nötigen Mittel und das nötige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zustande. Die Boraner wurden gelandet und sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe zurück. Aber der entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den Angriff ab, und die Angreifer, den Anmarsch der übrigen römischen Besatzungen befürchtend, zogen eilig ab, wozu sie mühsam die nötigen Fahrzeuge beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen sie wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe festgehalten hatten und aus gepreßten Schiffsleuten und gefangenen Römern deren Bemannung beschafften, bemächtigten sich weithin der Küste und gelangten bis nach Trapezunt. In diese gut befestigte und stark besetzte Stadt hatte alles sich geflüchtet, und zu einer wirklichen Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Führung der Römer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, daß nicht einmal die Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der großen und reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl von Schiffen in ihre Hände. Glücklich kehrten sie aus dem ferne Lande zurück an die Mäotis. Ein zweiter durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber benachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen Bithynien; es ist bezeichnend für die zerrütteten Verhältnisse, daß der Anstifter dieses Zuges ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war, und daß er für den glücklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. Diese Expedition wurde, da die nötige Zahl von Schiffen nicht zu beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser unternommen; erst in der Nähe von Byzanz gelang es den Piraten sich einer beträchtlichen Zahl von Fischerbooten zu bemächtigen, und so gelangten sie an die asiatische Küste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese Kunde davon lief. Nicht bloß diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern auch an der Küste Nikomedeia, Kios, Apamea, im Binnenland Nikäa und Prusa; Nikomedeia und Nikäa brannten sie nieder und gelangten bis zum Rhyndakos. Von da aus fuhren sie heim, beladen mit den Schätzen des reichen Landes und seiner ansehnlichen Städte.

Schon der Zug gegen Bithynien war zum Teil auf dem Landweg unternommen worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europäische Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten zusammen. Wenn Mösien und Thrakien auch nicht dauernd von den Goten besetzt wurden, so kamen und gingen sie doch hier, gleich als wären sie zu Hause, und streiften von da aus weit nach Makedonien hinein. Selbst Achaia erwartete unter Valerianus von dieser Seite her den Einbruch; die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt, und die Athener gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Trümmern liegenden Mauern wieder herzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht. Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornehmlich Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine Wehrhaftigkeit noch nicht eingebüßt hatte; die Schiffe der Byzantier schlugen glücklich die Räuber ab. Diese fuhren weiter, zeigten sich an der asiatischen Küste vor dem früher nicht angegriffenen Kyzikos und gelangten von da über Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden geplündert und zerstört. Es war immer etwas, daß, wie in den Zeiten der Perserkriege, die Bürger des zerstörten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen Hinterhalt legten und unter Führung ihres ebenso gelehrten wie tapferen Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem altadligen Geschlecht der Keryken, mit Unterstützung der römischen Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gallienus sie in Thrakien am Fluß Nestos an und tötete ihnen eine beträchtliche Anzahl Leute.

Um das Maß des Unheils vollständig zu übersehen, muß man hinzunehmen, daß in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom Feind überschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der Krone griff, die es kaum noch gab. Es lohnt der Mühe nicht, die Namen dieser ephemeren Purpurträger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, daß nach der Verwüstung Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es unterließ, einen außerordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken, weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, als Rival galt. Dies hat mitgewirkt bei dem fast durchaus passiven Verhalten der Regierung gegenüber dieser schweren Not. Doch ist andererseits unzweifelhaft ein guter Teil dieser unverantwortlichen Passivität auf die Persönlichkeit der Herrscher zurückzuführen; Valerianus war schwach und bejahrt, Gallienus fahrig und wüst und der Lenkung des Staatsschiffs im Sturme weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden übertragen hatte, operierte nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum Besseren kam es nicht, solange Gallienus den Thron einnahm.

Nach Gallienus Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser, unternahmen die Barbaren, wieder unter Führung der Heruler, aber diesmal mit vereinigten Kräften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen, wie er also noch nicht dagewesen war, mit einer mächtigen Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande von der Donau aus. Die Flotte hatte in der Propontis viel von Stürmen zu leiden; dann teilte sie sich, und es gingen die Goten teils gegen Thessalien und Griechenland vor, teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse begab sich nach Makedonien und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel in Verbindung mit den in Thrakien eingerückten Haufen. Aber den oft belagerten, jetzt bis aufs äußerste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der persönlich mit starker Macht heranrückte, endlich Entsatz; er trieb die Goten vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter über die Berge hinüber, nach Obermösien; nach mancherlei Kämpfen mit wechselndem Kriegsglück erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen glänzenden Sieg, in welchem 50 000 Feinde gefallen sein sollen. Die Goten wichen in Auflösung zurück, in der Richtung erst auf Makedonien, dann durch Thrakien zum Hämus, um die Donau zwischen sich und den Feind zu bringen. Fast hätte ihnen ein Zwist im römischen Lager, diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre Kameraden im Stich zu lassen, und so siegte die vereinigte Armee abermals. Eine schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber besonders damals in diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wütete, tat zwar auch den Römern großen Schaden – Kaiser Claudius selbst erlag ihr –, aber das große Heer der Nordländer wurde völlig aufgerieben und die zahlreichen Gefangenen in die römischen Heere eingereiht oder zu Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der Militärrevolutionen wurde einigermaßen gebändigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt werden kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang gemacht worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dacien war und blieb verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden Posten heraus und gab den vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten Besitzern neue Wohnstätten auf dem mösischen Ufer. Aber Thrakien und Mösien, die eine Zeit lang mehr den Goten als den Römern gehört hatten, kehrten unter römische Herrschaft zurück und wenigstens die Donaugrenze ward wieder befestigt.

Man wird diesen Goten- und Skytenzügen zu Lande und zur See, welche die zwanzig Jahre 250-269 ausfüllen, nicht die Bedeutung beilegen dürfen, daß die ausschwärmenden Haufen darauf bedacht gewesen wären, die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal für Mösien und Thrakien nachweisbar, geschweige denn für die entfernteren Küsten; schwerlich waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche Invasionen zu unternehmen. Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und vor allem die Unzuverlässigkeit der Truppen vielmehr als die Übermacht der Barbaren die Überflutung des Gebietes durch Land- und Seeräuber hervorriefen, so zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische Auftreten der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich. Noch konnte der römische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer aber war es ein großes Werk, das Regiment so wieder zusammenzunehmen, wie Claudius es getan hat. Wir wissen noch etwas weniger von ihm, als von den meisten Regenten dieser Zeit, da die wahrscheinlich fiktive Zurückführung des constantinischen Stammbaumes auf ihn sein Bild nach der platten Vollkommenheitsschablone übermalt hat; aber diese Anknüpfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode ihm zu Ehren geschlagenen Münzen beweisen, daß er der nächsten Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin nicht geirrt haben. Ein Vorspiel der späteren Völkerwanderung sind diese Skythenzüge allerdings; und die Städtezerstörung, welche sie vor den gewöhnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Umfang stattgefunden, daß der Wohlstand wie die Bildung Griechenlands und Kleinasiens sich niemals davon erholt haben.

An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte den erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv führte und die Donau an ihrer Mündung überschreitend jenseit derselben sowohl die Carper schlug, die seitdem zu den Römern im Schutzverhältnis standen, wie auch die Goten unter ihrem König Canabaudes. Sein Nachfolger Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Überreste der von den Goten bedrängten Bastarner herüber auf das römische Ufer, ebenso im J. 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet darauf hin, daß jenseit des Flusses das Reich der Goten sich konsolidierte; aber weiter kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstärkt; Gegen-Aquincum (contra Aquincum, Pest) ist im J. 294 angelegt worden. Die Piratenfahrten verschwanden nicht völlig. Unter Tacitus zeigten sich Schwärme von der Mäotis in Kilikien. Die Franken, die Probus am Schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge und fuhren heim nach ihrer Nordsee, nachdem sie unterwegs an der sizilischen und der afrikanischen Küste geplündert hatten. Auch zu Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die zahlreichen Sarmatensiege Diocletians alle und ein Teil seiner germanischen auf die Donaugegenden fallen werden; aber erst unter Constantin kam es wieder zu einem ernsthaften Kriege mit den Goten, der glücklich verlief. Das Übergewicht Roms stand seit Claudius' gotischem Siege wieder so fest wie vorher.

Die eben entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ordnung des römischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine und bleibende militärisch-politische Rückwirkung. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die Rheinheere, in der früheren Kaiserzeit die führenden in der Armee, ihren Primat schon unter Traian an die Donaulegionen abgaben. Wenn unter Augustus sechs Legionen im Donau- und acht im Rheinland standen, so zählten nach den dakischen Kriegen Domitians und Traians im 2. Jahrh. die Rheinlager nur vier, die Donaulager zehn, nach dem markomannischen sogar zwölf Legionen. Nachdem seit Hadrian aus der Armee, abgesehen von den Offizieren, das italische Element verschwunden war und im ganzen genommen jedes Regiment sich in der Gegend, in welcher es lagerte, auch rekrutierte, waren die meisten Soldaten der Donauarmee und nicht weniger die aus dem Gliede hervorgegangenen Centurionen in Pannonien, Dacien, Mösien, Thrakien zu Hause. Auch die neuen unter Marcus gebildeten Legionen gingen aus Illyricum hervor, und die außerordentlichen Ergänzungen, deren die Truppen damals bedurften, wurden wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise aus den Gegenden genommen, in denen die Heere standen. Also war der Primat der Donauarmeen, den der Dreikaiserkrieg der severischen Zeit feststellte und steigerte, zugleich ein Primat der illyrischen Soldaten; und es kam dies bei der Reform der Garde unter Severus zu sehr energischem Ausdruck. In die höheren Kreise des Regiments griff dieser Primat nicht eigentlich ein, solange die Offizierstellung noch mit der Reichsbeamtenstellung zusammenfiel, obwohl die ritterliche Laufbahn dem gemeinen Soldaten durch das Zwischenglied des Centurionats zu allen Zeiten zugänglich war, und also die Illyriker auch in jene schon früh eindrangen; wie denn bereits im J. 235 ein geborener Thraker Gaius Julius Verus Maximinus, im J. 248 ein geborener Pannonier Traianus Decius auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt sind. Aber als dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem Mißtrauen die Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst ausschloß, erstreckte sich notwendigerweise, was bisher von den Soldaten galt, auch auf die Offiziere. Es ist also nur in der Ordnung, daß die der Donauarmee angehörigen, meistens aus den illyrischen Gegenden herstammenden Soldaten seitdem auch im Regiment die erste Rolle spielen und, soweit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls der Mehrzahl nach Illyriker sind. Also folgen auf Gallienus der Dardaner Claudius, Aurelianus aus Mösien, Probus aus Pannonien, Diocletianus aus Dalmatien, Maximianus aus Pannonien, Constantius aus Dardanien, Galerius aus Serdica; von den letztgenannten hebt ein unter der constantinischen Dynastie schreibender Schriftsteller die Herkunft aus Illyricum hervor und fügt hinzu, daß sie mit wenig Bildung, aber guter Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliche Herrscher gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem türkischen Reich gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem römischen Kaiserstaat, als dieser bei ähnlicher Zerrüttung und ähnlicher Barbarei angelangt war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration des römischen Kaisertums nicht etwa als eine nationale Reorganisation aufgefaßt werden; es war lediglich die soldatische Stützung eines durch das Mißregiment vornehm geborener Herrscher völlig herabgekommenen Reiches. Die Demilitarisierung Italiens war vollständig geworden, und Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft erkennt die Geschichte nicht an.

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