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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Macau

Aus dem geschäftigen Lärm Cantons bin ich nach der idyllischesten, friedlichsten Stätte geflüchtet, die es in Ostasien gibt: nach dem entzückend gelegenen Macau, woselbst Camoeñs die Luisiaden vollendet hat. Wie sehr mich die Atmosphäre Chinas schon besitzt! Wie selbstverständlich drückt sich die Reaktion gegen die City in meiner Seele dahin aus, daß mir quietistische Gedanken à la Lautse und Dschuang Tse kommen; denn sicher bedeutet die extreme Form, in welcher der Quietismus sich bei diesen äußert, eine Reaktion gegen die extreme Gesellig- und Geschäftigkeit, welche China schon zu ihrer Zeit ausgezeichnet hat. Wenn ich hier in ihren Schriften lese, dann ist mir, als lauschte ich dem Echo meiner selbst. Die gleichen Stimmungen in indischer oder europäischer Färbung würden mich als fremd, ja als taktlos berühren.

Was ist es, das der chinesischen Mystik ihren besonderen Charakter gibt? – Gewiß nicht ihr Sinn, ihr Gehalt; in dieser Hinsicht stimmt sie mit der Weisheit aller Völker und Zeiten überein. Es ist einerseits die Ausdrucksweise. Über diese brauche ich mich nicht weiter auszulassen, da sie eine unmittelbare Funktion des chinesischen Schriftsystems ist. Wie dieses überhaupt, so drückt auch die taoistische Philosophie weniger bestimmte Gedanken als deren äußersten Sinn aus. Da nun dieser Sinn allein der Unsterblichkeit teilhaftig ist, während die begrifflichen Verkörperungen sämtlich, früh oder spät, dahinwelken müssen, so bedingt dieser Umstand allerdings eine absolute Überlegenheit der chinesischen Fassungen letzter Erkenntnisse: sie allein, wie sie dastehen, werden fortleben; was in allen übrigen Literaturen nur von einigen wenigen Urworten gilt, gilt prinzipiell von allen Ausdrücken chinesischer Weisheit. Aber um diese objektiven Dinge ist es mir heute nicht zu tun: ich bin zu müde nach Canton, zu erholungsbedürftig. Und dann ist Macau auch viel zu schön, als daß ich mich mit abstrakten Fragen gern befaßte. Wenn ich heute an Laotse denke, so sehe ich nicht den Verkünder ewiger Wahrheiten vor mir, sondern den gemütlichen alten Herrn mit dem twinkle in his eye, mit dem unversiegbaren Humor, der gewinnenden Bonhomie; und wenn ich über die Eigenart seiner Weisheit nachsinne, so meine ich die konkrete Eigenart, das spezifisch Chinesische an ihr. Diese äußert sich nun hauptsächlich im Grundton der Vor- und Umsicht, der in allen, auch den sublimsten Sätzen chinesischer Weisheit mitklingt. Nur keine Unannehmlichkeiten haben; alles fein vorausberechnen, vorausorganisieren; lieber sein Licht unter den Scheffel stellen, als durch sein Leuchten unliebsame Aufmerksamkeit auf sich ziehen; lieber schwach erscheinen als stark; unter allen Umständen nachgeben. – Das ist ebenso typisch chinesisch, wie die Sehnsucht nach Frieden um jeden Preis es für den Inder ist und tätiger Optimismus für den Abendländer. Eigentlich kann mir diese Farbe nicht sympathisch sein. Aber seit ich in Canton gewesen, verstehe ich sie so gut, daß ich beinahe bereit wäre, sie für den Augenblick selber zu bekennen. Wie soll einer stolz und frei nach Art der griechischen Weisen, oder seren-detachiert im Sinn eines Rishi werden, wenn es buchstäblich unmöglich ist, die Masse von sich fernzuhalten? Innerhalb dieser bleibt dem Weisen nichts übrig, als schlau zu sein, wenn er ein halbwegs erträgliches Leben führen will. Der Okzidentale trägt in solchen Fällen am häufigsten die Maske des Charlatans, weil unser Pöbel in seiner Vorliebe für das Neue und Ungewöhnliche dem Exzentrik gern gestattet, was er dem Weisen nie verzeihen würde, so daß es sich für diesen als beste Politik erweist, seine Weisheit als Narrheit passieren zu lassen. In China, wo das Außerordentliche unter allen Umständen verurteilt wird, bleibt dem Bedeutenden nichts anderes übrig, als jeden Anstoß überhaupt zu vermeiden, was freilich nur auf Kosten des Stolzes gelingt. Daher das Extreme der Kultur- und Gemeinschaftsfeindschaft der wenigen, denen es dennoch glückte, sich aus der Masse zurückzuziehen: es wäre unmenschlich, wenn sie auch diese letzte Spur von Ressentiment überwunden hätten. Wie vieles in China erklärt sich durch die Übervölkerung! Und wie lehrreich sind für uns Weiße, die wir ja gleichfalls, früh oder spät, zu einer kompakten Masse heranwachsen werden, die Wirkungen, die sie auf das Chinesentemperament gehabt! Ihr verdankt es ohne Zweifel seine ungeheure moralische Kultur, in der es noch heute die ganze übrige Menschheit übertrifft. Es ist nicht möglich, bei so dichtem Beieinanderleben, wie dies in China die Regel ist, als Ungebildeter zu gedeihen; da bedeutet ein Rüpel kaum weniger Schlimmes, als ein gemeingefährlicher Verbrecher unter uns. Aber andrerseits die Nachteile! Wie soll ein Original sich entwickeln inmitten so ungeheurer Massensuggestion? Wie soll es sich vor allem zur Geltung bringen? Schon bei uns ist es keineswegs notwendig, daß das Genie seine Bestimmung erfüllt; in China kann solches nur dank einem unerhört günstigen Zufall geschehen. Mag einer noch soviel Talent haben in einem kleinen entlegenen Dorf – wie soll er sich emporarbeiten, wenn so viel Millionen im Wege stehen? Da bedeutet Resignation von Hause aus allerdings das einzig Ersprießliche ...

 

Unverhältnismäßig besser gefallen die Chinesen mir hier als in Canton. Selbstverständlich übervorteilen mich die Händler gleich erfolgreich hier wie dort, aber darauf kommt es nicht an: in der Chinesenstadt Macaus herrscht die Atmosphäre, die einen im Stil Kung Fu-Tses so heimlich anmutet: die eines heiter-bürgerlichen Daseins von außerordentlichem Formensinn. Wie wenig verschlägt es doch, was die Leute nachweislich tun! Christus verkehrte am liebsten mit Zöllnern und Sündern. Wahrscheinlich ist es ganz bedeutungslos, was tatsächlich in der Welt geschieht. Das unausgesetzte Gonggerassel in chinesischen Theatern wirkt auf die Dauer wie lautlose Stille: also ist es an sich wohl einerlei, ob man in der Wüste oder in der Großstadt lebt. Die Pariser Luft bleibt anregend, wie töricht das Gebaren seiner Einwohner auch sei, diejenige St. Petersburgs verdürftigt, man verkehre, mit wem immer man wolle. Die psychische Atmosphäre einer Stadt ist die Resultante so vieler Komponenten, daß es auf den einzelnen nicht ankommt; gerade weil dieser so viele sind, gibt jene unweigerlich das richtige Durchschnittsbild. Hier nun fällt mir heute vor allem eines auf, was ich mit gleicher Deutlichkeit noch nirgends gespürt habe, so vertraut mir die Theorie der Sache sei: wie wenig notwendig das Tun mit dem Sein ursprünglich zusammenhängt.

Das ist eine der Grundanschauungen der Inder. Aber wie in so vielen Fällen, erscheint auch hier ein in Indien tiefer Erkanntes und Verstandenes in China besser in Leben umgesetzt; und dann ist es in China auch leichter aufzufassen, weil uns die Chinesen, was immer man sage, der Kultur nach sehr viel näher stehen, weswegen das Unterschiedliche leichter richtig zu beurteilen ist. Bei uns Europäern, die wir ganz nach außen zu leben, wird das Sein vom Handeln notwendig beeinflußt, weshalb unter uns in der Regel nur die menschlich angenehm sind, die einen edlen Beruf ausüben. In Europa steht der Regierende menschlich am höchsten, da er zur Aufgabe hat, im großen selbstlos zu wirken; der Künstler, der gewöhnlich an schiefe Ideale glaubt, ist unerfreulich im Verkehr, und der Geschäftsmann widerwärtig überall, wo große Gesichtspunkte ihn nicht malgré lui aus seinem beruflichen Banditentum hinausdrängen. Im Osten besteht allgemein kein notwendiger Zusammenhang zwischen beruflichem Handeln und Sein, und dies spüre ich hier deutlicher denn je. Ich habe die Händler aufmerksam beobachtet, die mir mit soviel Geschick mein Geld aus der Tasche lockten: man mag noch soviel von der Liebenswürdigkeit als zur kaufmännischen Technik gehörig abschreiben – ich bin überzeugt, daß viele dieser Krämer ihr Geschäft nur ausübten, aber nicht waren; es könnten hochstehende Menschen gewesen sein.

Der Deutsche versteht diesen Zusammenhang nur schwer. Hier muß er vom Russen lernen, dem einzigen Europäer, der ein ursprüngliches und unmittelbares Verhältnis zur Seele seines Nächsten hat. Warum sollte ein Mensch denn schlecht sein, der einen noch so sehr belügt und betrügt? Freilich hat man Schutzmaßnahmen zu ergreifen; man lasse sich nicht betrügen, und wo der andere einem allzu überlegen ist, dort belange man ihn gerichtlich, auf daß die Obrigkeit ihn unschädlich mache. Aber Roheit ist es, eines Menschen Wesen nach seinem Tun zu beurteilen. Wer ist denn so weit, daß sein Tun seine Seele vollkommen spiegelte? Noch habe ich keinen gesehen. Und wo Sein und Handeln sich nicht decken, ist der, welcher lügt und betrügt, weil die Sitte dies gestattet, dem anderen, der sich aus konventionellen Gründen rechtschaffen benimmt, genau und in allen Stücken gleichwertig. Für den Wissenden besteht kein Unterschied zwischen einer »Stütze der Gesellschaft« und einem unredlichen Makler, sofern beide nicht sind, was sie tun – allenfalls steht der letztere von beiden höher, insofern er keine Ideale hat und diesen daher nicht untreu sein kann. – Ich weiß, es ist nicht ungefährlich, solches auszusprechen; um so mehr, als tugendhaftes Handeln auf die Dauer die Seele doch beeinflußt und umgekehrt; die Inder wären weiter als sie sind, wenn sie zwischen Sein und Handeln nicht so scharfsichtig und reinlich unterschieden. Doch das sind praktisch-politische Erwägungen, die mich im Augenblick nichts angehen.

 

Laotse sagt:

Wer sein Licht erkennt
Und dennoch im Dunkel weilt,
Der ist das Vorbild der Welt.

Das Vorbild ... Ich weiß nicht, ob Richard Wilhelms Übersetzung hier genau ist, aber es sollte mich nicht wundernehmen. Hier, an dieser Stelle, ist die Kluft, die unsere Weltanschauung (der es als Sünde gilt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen) von der taoistischen scheidet, besonders deutlich zu übersehen.

Hieße es nicht »Vorbild«, sondern »Spiegel«, dann wäre der Ausspruch einwandfrei. Unbewußtes Schaffen ohne Absicht, Vorwärtsschreiten ohne Weiterwollen, Sich-Bescheiden im Rahmen des Gegebenen – dies ist in der Tat der Weg der Natur; und der Mann, der bewußt in ihre Spuren tritt, darf wohl als ihr Spiegel bezeichnet werden. Aber als ihr Vorbild? Lediglich dann, wenn nichts Höheres denkbar erscheint, als der Weg der Natur. Dieses ist in der Tat die Voraussetzung der gesamten chinesischen Weisheit. Während wir oberhalb der Natur ein Reich der Freiheit anerkennen, während wir es als unsere Aufgabe betrachten, den Geist der Freiheit der Naturbestimmtheit einzubilden, wodurch sich das natürliche statische Gleichgewicht nicht als Ideal, sondern als Zu-Überwindendes darstellt und das Schaffen gegenüber dem Befolgen, das Überwinden gegenüber dem Sich-Fügen, allgemein das Wollen gegenüber dem Nichtwollen als der höhere Wert erscheint, haben die Chinesen gerade umgekehrt geurteilt. So kommt es im äußersten zur Paradoxie, daß der Erleuchtete es als seine Aufgabe betrachtet, sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

Der taoistischen Weisheit wird daraufhin wieder und wieder der Vorwurf eines unfruchtbaren Quietismus gemacht, nicht zum mindesten von Seiten der Konfuzianer, die doch im letzten eines Geistes sind mit ihr. Ohne Zweifel versagt sie bei der bewußten Gestaltung dieses Lebens, wie denn auch schöpferische Arbeit ihren Grundsätzen zuwider ist. Nun ist aber doch nicht zu leugnen, daß in den Werken der taoistischen Klassiker die vielleicht tiefsten Aussprüche zur Lebensweisheit enthalten sind, die wir überhaupt besitzen, und dies zwar gerade vom Standpunkte unseres Ideals, des Ideals der schöpferischen Autonomie. Wie ist das möglich? Es ist möglich deshalb, weil das Tao, der Sinn (wie Wilhelm unübertrefflich übersetzt) im Naturschaffen bisher vollkommener zum Ausdruck kommt, als im freiesten Walten der Freiheit; so daß ein Leben, welches durchaus das Walten der Naturgewalten spiegelte, nicht umhin kann, zur Vollendung zu führen.

Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
Die Ursache der ewigen Dauer von Himmel und Erde ist,
Daß sie nicht sich selber leben.
Darum können sie dauernd Leben geben.
Also auch der Berufene:
Er setzt sein Selbst hintan,
Und sein Selbst kommt voran.
Er entäußert sich seines Selbst,
Und sein Selbst bleibt erhalten.
Ist es nicht also:
Weil er nichts Eigenes will,
Darum wird sein Eigenes vollendet?

Dieser herrliche Ausspruch Laotses ist wahr trotz der mythischen Verknüpfung, die der Weise zwischen Himmel und Mensch statuiert, weil er hier das Naturschaffen dem tiefsten Sinne nach versteht, und dem Sinne nach zwischen vegetativem und göttlichem Leben kein Unterschied besteht. So verstanden, hat der Ruf: zurück zur Natur! den Menschen immer vorwärtsgebracht. Sogar wo er falsch verstanden wird, wie dies von Seiten Rousseaus und auch einiger späterer Taoisten geschah, richtet er selten nur Unheil an, weil eben die Natur in ihrer Sphäre vollkommen ist und daher sogar ein oberflächliches Kopieren ihrer, ein Zurückgehen auf ihre Zustände als solche, den begriffsgefangenen Menschen seinem lebendigen Mittelpunkte näherbringt. Soviel vom Sinn der taoistischen Weisheit. Über die einzigartige Bedeutung ihres Ausdrucks habe ich mich schon ausgesprochen: von allen Formeln des Metaphysisch-Wirklichen, die bisher gefunden wurden, dürften die chinesischen allein unsterblich sein. Was nun den Menschentypus betrifft, den sie gestaltet, so kommt ihm jene Zwitterstellung zu, die auch für den Künstler charakteristisch ist: im Höchstfall gehört er zum Höchsten, was Menschenart darstellen kann; in allen anderen Verkörperungen, außer der höchsten, erscheint er anderen Typen unterlegen. So groß ein Laotse gewesen sein mag – der durchschnittliche Taoist war wohl immer ein minderwertiger Geselle.

Wenigstens müssen wir ihn also beurteilen, die wir die Bestimmung des Menschen darin sehen, über das bloß Natürliche hinauszugehen. Wenn auch wir einen Laotse als einen Größten verehren, so liegt das daran, daß dieser große Mann die Erscheinung überhaupt durchdrungen hatte und also sowohl über die Bestimmtheit der Natur als die Bestimmung des Menschen hinausgegangen war. Ich deutete vorhin an, daß auch die Konfuzianer den Taoisten als niederen Typus beurteilen, während uns der Gegensatz zwischen konfuzianischer und taoistischer Weisheit gar nicht so groß erscheinen will: das ist das Chinesische an beiden Schulen. Hiermit wäre ich denn bei dem Punkte wieder angelangt, bei dem ich gestern abgebrochen hatte. Diese Weisheit ist eben doch chinesische Weisheit, und insofern nicht übernational und schwer von unsereinem ganz zu würdigen. Wenn ich daher sage, der durchschnittliche Taoist sei ein minderwertiger Geselle, so verleihe ich mit diesem peremptorischen Urteil möglicherweise nur meiner Europäerbeschränktheit Ausdruck.

 

Zur Zeit der Siesta unterhalte ich mich damit, im Liao-tschai-tschi-i, den »seltsamen Geschichten aus dem Studierzimmer Zuflucht« des Pu Sung-ling, des »Letzten der Unsterblichen« Chinas, zu lesen. Die Qualität des Humors, die in diesem Werk zutage tritt, ist exquisit; wirkliche oder mögliche Vorgänge erscheinen vollkommen kühl und sachlich, ja mit einer gewissen Trockenheit dargestellt, ohne jede bemerkbare Absicht, aber die Erzählungen sind so geführt, daß sie nicht umhin können, komisch zu wirken. An innerem Wert ist wohl Gogols Humor dem chinesischen gleich, aber wozu in der europäischen Literatur, seit den Griechen wenigstens, kein Gegenstück zu finden sein dürfte, das ist die literarische Meisterschaft, dank welcher es gelingt, aus der reinen Form heraus, fast ohne sachliche Effekte zu Hilfe zu rufen, humoristische Wirkungen zu erzielen. Auf den ersten Blick scheint ja das Komische in allzu strenger Form nicht darstellbar. China beweist die Irrtümlichkeit dieser Meinung.

Meinen Eindruck gewinne ich aus einer vermutlich schlechten Übersetzung: wie hoch muß das Original doch stehen, wenn die Übertragung ihm sein Wesen nicht hat nehmen können! Ich vermag jetzt schon ganz gut zu verstehen, weswegen gebildete Chinesen, welche der europäischen Sprachen mächtig sind, nur die altgriechische Literatur als echte Kunst und der chinesischen beinahe gleichwertig gelten lassen wollen: die Hellenen allein sind streng und reich zugleich in ihrer Ausdrucksweise gewesen. Die Strenge der lateinisch-romanischen Form – der einzigen, welcher man im Westen seit Griechenland das Prädikat der Strenge zuerkennen kann – schließt aus: die Form muß einschließen, einschmelzen, verdichten, den möglichen Gehalt nicht verstümmeln, sondern steigern, wenn ihre Strenge einen höchsten Wert bedeuten soll. Freilich haben die chinesischen Meister in gewisser Hinsicht unter günstigeren Bedingungen gearbeitet als alle anderen: sie konnten streng in der Form sein, ohne endliche Grenzen zu statuieren. Dies verdanken sie ihrem wunderbaren Schriftsystem. In China kann, wie schon bemerkt, mit drei Hieroglyphen buchstäblich ebensoviel und mehr gesagt werden, als in unseren Sprachen auf vielen langen Seiten – unsere Meister der Präzision haben alle viel verschweigen müssen; die chinesischen Künstler hatten sämtliche Vorteile auf ihrer Seite, die in der Wissenschaft der reine Mathematiker vor dem Physiker voraus hat. Und der Nachteil, der diesem System für unsere Begriffe innewohnt, nämlich daß die Gedichte hauptsächlich für das Auge existieren, und nicht gut gehört, nicht gut vorgelesen werden können, kommt für den Chinesen ersichtlich nicht in Frage, dem diese Konvention Gewohnheitssache ist. Aber was nützt es, von leichteren oder schwereren Bedingungen zu reden? Der Mensch schafft sich die Bedingungen, die er verdient. Chinas Suprematie in der Form steht unter allen Umständen außer Frage.

Zur Nachtzeit kehre ich gelegentlich in einer der berühmten »Spielhöllen« ein und ergötze mich am Fan-Tan. Etwas Stilleres, Friedlicheres als solche Hölle gibt es kaum. Ernst und sachlich schauen Spieler meistens drein, aber solch heiteren Gleichmut, wie in Macau, habe ich noch nirgends beobachtet. Das Spiel an sich ist unendlich geistlos; der Spieler kann im günstigsten Falle nur ganz wenig, die Bank muß unter allen Umständen viel gewinnen. Der Chinese aber geht, nachdem er seinen Tagesverdienst verspielt hat, gelassen und friedlich dreinschauend heim. Allenfalls wiegt er sich, wenn er gar zuviel verloren, zum Trost in süße Opiumträume ein.

Während ich dem Treiben zuschaute, kam mir die Stelle der Bhagavat-Gîta in den Sinn, woselbst Krishna von sich (als Gott, als Içvara) sagt: Ich bin das Spielen des Spielers. In der Tat bedeutet Sinn für Hasard, was immer sonst gegen ihn einzuwenden sei, das Vorhandensein von Vitalität. Das selbsttätige Setzen des reinen Zufalls als einziger Bedingung des Erlebens bedeutet, vom Atman her geschehen, prinzipiell das gleiche, wie das Gewachsensein den Wechselfällen des Lebens gegenüber. Denn Leben ist ja nichts anderes als die Fähigkeit, einen inneren Gleichgewichtszustand im Wandel der äußeren Umstände zu behaupten. Daß die meisten Spieler nun, in intimem Widerspruch zu sich selbst, nach Systemen ausblicken, gehört zum Kontrapunkt des lebendigen Geschehens: wir tun immer zugleich das, was den Sinn unseres eigentlichen Wollens aufhebt. – Woher kommt es nun aber, daß der Typus des Spielers – gleichviel was sein Einsatz sei – als hoher doch nicht bewertet werden kann? Es kommt daher, daß, wer im Korrelationsverhältnis von Leben und Außenwelt die Zufallseite betont, damit das Sinnlose über den Sinn stellt; der dankt als freies, verantwortliches Wesen recht eigentlich ab. Der Spieler ist der Antipode des Helden: während dieser sein Leben tief bedeutsam weiß und es opfert, weil er noch Höheres anerkennt, setzt jener es aufs Spiel, weil es ihn gleichgültig dünkt.

 

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