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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 40
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Newyork

Die moderne Großstadt ist immerhin ein Wunderbares. Wir Menschen haben heute keinen Grund mehr, zu Ameisen und Bienen aufzuschauen: was die an Zusammenarbeiten leisten, leisten wir auch. Und auch wir sind ohne Frage im ganzen zu kollektivem Dasein geschaffen. Wem frommt die Einsamkeit? Dem Heiligen, dem Denker; schon dem Künstler nur zeitweilig; sämtliche übrigen leben zu vielen voller als allein. Viele Formen der Vergesellschaftung gab und gibt es; jede weist spezifische Vorzüge auf. Das moderne Großstadtleben nun ist wie kein anderes dem modernen Durchschnittsmenschen angemessen. Hier entsprechen sich Lebenstempo und Gelegenheiten, Bedürfnisse und Befriedigungsmöglichkeiten, Notwendig- und Wünschbarkeiten wirklich ganz so gut, wie dies für Ameisen in ihrem Haufen gilt.

Noch nie habe ich es so leicht gefunden, mich in einer Metropole zu orientieren, wie in Newyork. Die äußeren Lebensnotwendigkeiten sind so vollkommen hergerichtet, daß es scheint, man habe nur irgendwohin zu wollen – und schon ist man dort. Alles geschieht mit ungeheurer Schnelligkeit, und doch empfindet man gar keine Hast – weniger Hast jedenfalls als in London oder Berlin; man lebt geschwinder, ohne daß dies Unrast bedingte. Es wird eben nicht nur keine Zeit verloren: das Leben ist so gut organisiert, daß man keine verlieren kann, und dies Bewußtsein gibt der angepaßten Seele die gleiche Ruhe, wie dem Inder das Gefühl, unendlich lange Zeiträume vor sich zu haben. – Das ist die Lösung des äußeren Lebensproblems, die einzige, die für Westländer in Frage kommt. Der Inder ist innerlich freier als wir, weil er auf die Außenwelt keine Aufmerksamkeit wendet; er ist frei auf Kosten seiner Macht über sie. Wir hatten, um diese Macht zu erlangen, unsere innere Freiheit vorläufig preisgegeben, und dies so sehr und in so steigendem Maße, daß sich mehr und mehr Stimmen erhoben, die da »zurück« riefen. Sie vergaßen, daß ein »Zurück« biologisch unmöglich ist und erst recht dem Verderben zuführen würde: haben wir uns einmal mit der Außenwelt eingelassen, dann heißt es, wir oder sie; unsere Mentalität, wie sie geworden, verschließt uns, außer in seltenen Ausnahmefällen, die Möglichkeit, auf indisch zu entsagen. Unser Weg zur Freiheit führt über die besiegte Natur. Und in der Tat: wo diese wirklich besiegt ist, stellt Freiheitsmöglichkeit sich automatisch ein. Dies beweist Newyork, beweist das ganze Amerikanerleben überall, wo es einen vollendeten Ausdruck gefunden hat. In Amerika wird, auf entgegengesetztem Weg, geradezu das Ideal des Inders erreicht. Das Leben hier erscheint im allgemeinen, verglichen mit dem europäischen, wesentlich vereinfacht, obgleich Komfort hier noch mehr gilt als dort und viel allgemeiner verbreitet ist: das Überflüssige wird nach Möglichkeit ausgeschaltet, das Notwendige auf die ökonomischste Art beschafft; in den Gasthäusern z. B. wird man kaum überhaupt bedient. Weshalb nur? – Ursprünglich beruht dies gewiß auf force majeure, der Notwendigkeit, mit wenig Menschenkräften auszukommen und von diesen, bei größtmöglicher Achtung ihrer Wünsche, den äußerst denkbaren Gewinn zu erzielen; aber jetzt besteht das Regime der Einfachheit auch dort, wo es vermieden werden könnte, und zwar deshalb, weil die meisten sich an dasselbe gewöhnt und eingesehen haben, daß sich auch ohne überflüssigen Aufwand, und zwar im ganzen besser, leben läßt. Vollkommene Organisation leistet ebensoviel wie ein Sklavenstaat. Während ein solcher aber seinen Herrn demoralisiert, übt die moderne Lebensvereinfachung, die alle vernünftigen Wünsche befriedigt, aber ein Sichgehenlassen auf Kosten anderer ausschließt, eine ähnlich stählende Wirkung aus wie die Askese.

Das ist in der Tat die Lösung des äußeren Lebensproblems, die einzige, die für uns Abendländer in Frage kommt. Ist unsere Lösung nicht die beste schlechthin? ... Ich gedenke eines anderen Ausdrucks des gleichen Verhältnisses, unserer Vorstellung von Menschenwürde gegenüber der indisch-russischen der Belanglosigkeit des Individuums: zweifelsohne ist es ersprießlicher, vor sich und anderen gleiche Ehrfurcht zu empfinden, als beide gleich gering zu schätzen. Metaphysisch bedeuten beide Auffassungen gleiches; aber die unsere allein verleiht dem Sinn in der Erscheinung angemessenen Ausdruck. Nicht nur im Leben der Staaten, in jedem Leben erscheint das Recht zum Dasein darauf begründet, daß es gewahrt wird; nicht weil die Macht Recht schaffe, sondern weil dieses im Entschluß zur Wahrung seinen psychologischen Körper hat. Wer sich nicht achtet, gibt sich damit preis – gleichviel ob jemand da ist, dies auszunutzen. Daher kommt es, daß bei Völkern ohne Würdebewußtsein eine fortschreitende Entwürdigung vor sich geht, während solche, die sich selbst respektieren, ob ursprünglich noch so roh, automatisch innerlich weiter kommen; daß die gewalttätige westliche Menschheit, nicht die sanftere Rußlands und Indiens, einen Zustand herbeigeführt hat, wo sich im Ernst von allgemein anerkannten Menschenrechten reden läßt.

 

Immer mehr beeindruckt mich diese Stadt. Was die äußere Organisation des Lebens betrifft, steht Amerika, in seinen großen Metropolen, ohne Zweifel an der Menschheit Spitze. Ein hoher Grad von Komfort wird ohne sein Zutun jedem zuteil, dies aber hebt unwillkürlich das Niveau der Lebenshaltung. Hier kann der Arbeiter mit Selbstverständlichkeit Ansprüche an das Leben stellen, die ein europäischer Bürger extravagant fände. Nicht allein, daß er besser ißt, trinkt, wohnt, sich kleidet als dieser, daß er unter besseren hygienischen Bedingungen lebt – er findet es selbstverständlich, seine geistigen Bedürfnisse in einem Grad befriedigen zu können, die bei uns mancher Höhergestellte sich versagen muß. Wohlstand gilt in Amerika als das Normale. Dies bedeutet etwas absolut Positives.

Woher kommt es, daß es gerade hier, nur hier bisher, zu dieser Lösung des Lebensproblems gekommen ist, die für uns Abendländer die schlechthin beste ist? Vieles hat hierbei mitgewirkt, der natürliche Reichtum des Landes, der alles Streben reichlich lohnt, die größere Energie, über welche der Mensch in ihm verfügt, und anderes mehr; aber an erster Stelle doch wohl, so seltsam dies klinge, die Religion. Alle wichtigeren, sonst noch so verschiedenen Formen des amerikanischen Christentums stimmen nämlich in dem einen überein, daß die Gnade Gottes am materiellen Erfolge auf Erden einen leidlich genauen Prüfstein und Gradmesser habe. Der Gottwohlgefällige muß reich werden; andrerseits: wer nicht reich werden will, der wuchere nicht mit seinem Pfund, arbeite nicht ernsthaft zur Ehre Gottes mit; wer sich bescheidet, sei lau. Was solche Anschauung religiöse Naturen, wie es die Amerikaner angelsächsischer Abkunft meistens sind, im Erwerben anspannen muß, liegt auf der Hand, um so mehr, als der ideelle Ansporn an den Banken, die alle ursprünglich im Konfessionellen rückversichert waren und den zu gewährenden Kredit an der Sektenangehörigkeit und dem religiösen Eifer ihrer Kunden abschätzten, einen sehr reellen Hintergrund hatte. Dem amerikanischen Christentum fehlt jede Animosität gegen den Reichtum. Wenn der Calvinismus schon von vornherein gegenüber dem Luthertum weltzugekehrt erschien, so ist er es in Amerika noch mehr geworden. Zuerst hieß es: man müsse zwar reich werden, doch nur zur Ehre Gottes; seinen Reichtum genießen dürfe man nicht. Hieraus erwuchs, da mit dem Besitz doch etwas geschehen mußte, die so paradoxale kapitalistische Lebensanschauung, nach welcher das persönliche Leben dem unpersönlichen Kapitale dienen soll. Allmählich verklang die puritanische Grundstimmung; mehr und mehr ward der Wille zur Macht, der Wunsch, zu genießen, auch hier zum eingestandenen Erwerbsmotiv. Aber der religiöse Ursprung der amerikanischen Stellung zum Besitz ist noch heute deutlich zu spüren, noch heute wirkt die Idee, daß Gottseligkeit und Wohlstand zusammenhängen: das äußert sich eben darin, daß der Wohlstand als Normalzustand gilt, dieser wird hier, wenn auch noch so unbewußt, genau im gleichen Verstande hochgeschätzt, wie von anderen Sekten die Armut und die Niedrigkeit. Es ist nicht wahr, daß Reichtum dem besseren Amerikaner das höchste Gut bedeute, so sehr dies bei viel zu vielen zutreffen mag: ihm bedeutet er den Exponenten des Höchsten, was einen gewaltigen Unterschied bedingt. Gleichviel, was er unter diesem Höchsten verstehen mag: die Gnade Gottes, die selbstherrliche Persönlichkeit oder die Energie und den Wagemut schlechthin – ihm gilt Wohlstand als Normalzustand des Begnadeten, und dies gibt dem Streben nach irdischen Gütern einen spirituellen Hintergrund und einen Sinn, der ihm alles Odium nimmt. So wird der Reiche vom Armen in Amerika nicht gehaßt, sondern bewundert; so findet es dort der Reichgewordene selbstverständlich, zum allgemeinen Besten Summen auszugeben, die jedem Europäer, der sich ein gleiches leisten könnte, Entsetzen einflößen.

Es ist ja leicht, über eine Weltanschauung Worte des Spotts zu finden, welche irdisch-materiellen Erfolg als Gradmesser göttlicher Gnade beurteilt, schon allein deshalb, weil das Dogmengefüge, das sie hält, kaum die leiseste Kritik verträgt; Jesu leibliche Auferstehung zumal ist keine einwandfreie Glaubensstütze. Aber weiser erscheint es, zu begreifen, daß diese Neufassung des Problems vom gegenseitigen Verhältnis des Materiellen und des Spirituellen eine kopernikanische Tat bedeutet – eine Tat von so ungeheurer Bedeutung, daß ihre möglichen Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Die Ideale sind nichts Festes, Vorgegebenes, ein für allemal Bestehendes: der Mensch setzt sie aus sich heraus in die Welt, und je nachdem was und wie er idealisiert, erhält die Erscheinung einen neuen Sinn; ein gleiches Phänomen wird, je nachdem man es versteht, zum Ausdruck des Niedersten oder des Höchsten. Bisher galt Reichtum als antispirituell oder als spirituell neutral, was in der Tat die nächstliegende Auffassung ist. Er ist antispirituell insofern, als Streben nach irdischen Gütern in der entgegengesetzten Richtung führt, als das nach Verinnerlichung, und ihr Besitz ein Genußleben erleichtert; spirituell neutral insofern, als er von Hause aus ein Leben im Geist, wo nicht hindert, doch jedenfalls nicht fördert. Die höheren Religionen haben sich im ganzen ablehnend zum Wohlstand gestellt. Dies hat sein Gutes überall, wo entweder Armut der Normalzustand war, wie im nördlichen Europa bis vor kurzem, wo also materielles Streben von vornherein zum Mißerfolg verurteilt war, oder aber in jenen heißen Zonen, wo Streben widernatürlich ist. Sobald Streben in der Regel von Erfolg begleitet wird, sobald Reichtum als allgemein-erreichbares Ziel winkt, überall ferner, wo Streben als solches zum Nationalcharakter gehört, wirkt eine weltabgekehrte Lebensansicht schädlich. Denn da neunundneunzig von hundert Menschen Behagen der Vollendung vorziehen, führt das Fortgelten asketischer Ideale notwendig dahin, daß das intime Wollen zum vorausgesetzten Sollen in dauernden Widerstand gerät, was seinerseits schlimme Folgen nach sich zieht. Wer an den überkommenen Idealen festhält, hat dauernd ein schlechtes Gewissen – wohl das Unersprießlichste, was einem Menschen widerfahren kann; wer an ihnen verzweifelt, verzweifelt damit am Idealen überhaupt, wird zum krassen Materialisten; und wer an ihnen zwar zweifelt, aber nicht verzweifelt, dessen Wesen erhält jenen Grundzug der Gebrochenheit, der wie wenig anderes den modernen Kulturmenschen charakterisiert; allen miteinander aber fehlt es an der Idealität, die allein vor- und aufwärts führt. Was nun tun, um dem Übel zu steuern? – Zwei Wege und nicht mehr stehen offen. Der eine besteht in der Abkehr vom Streben nach materiellen Gütern, der andere in der Heiligung dieses Strebens. Der erste, der immer wieder gepredigt und betreten wird, führt nicht zum Ziel und kann nicht hinführen, weil Entsagen dem Europäer unnatürlich ist; nicht einer unter Millionen weißer Menschen wird die Armut wählen, wo ihm der Reichtum erreichbar scheint. Also bleibt allein der andere Weg. Auf diesem marschiert die westliche Menschheit unbewußt schon lang. Aus jeder Reform ist das Christentum weltzugekehrter hervorgegangen. Wenn der Katholizismus das Leben in der Welt zwar gelten ließ, aber das mönchische doch als das höhere hinstellte, verneinte Luther das Mönchsideal und sprach das Leben in Beruf und Ehe heilig. Immerhin predigte er nicht Streben nach Erfolg in der Welt, sondern Sich-Bescheiden in den Grenzen der gegebenen Lebensstellung; ihm galt Leiden noch höher als Tun. Calvin ging weiter. Zunächst erhob er das Tun über das Leiden, ja er machte jenes zur Pflicht; dann aber weihte er – und das war das Entscheidende – die Effikazität zum Prüfstein der Auserwähltheit. Damit ward dem Erfolge ein für allemal spirituelle Bedeutung zuerkannt, womit der Bruch zwischen Wollen und Sollen im Prinzip geheilt erschien. Faktisch gelang diese Heiligung zwar nicht so bald, weil dem der starre Bibelglaube des alten Calvinismus entgegenstand, auch war das entscheidende Moment in den Vorstellungen der älteren Sekten noch schwach herausgearbeitet. Diese Arbeit haben die späteren geleistet, leisten gerade die jüngsten am erfolgreichsten. So naiv, so roh die Vorstellungen der Christian scientists, der verschiedenen New thought-Sekten im einzelnen seien – diese religiösen Bildungen haben das ungeheure Verdienst, daß sie die Verkörperung des spirituellen Ideals im temporellen Streben definitiv vollziehen, und zwar in der simplistischen Form, welche allein Massen beeinflussen kann. Wenn kurz und bündig gelehrt wird: wer den Christus in sich entdeckt, der wird auch reich, wird gesund, und zum Vollmenschen im Sinn dieses Lebens, so mag das theoretisch nicht einwandfrei sein – sicher beeinflußt es die Massen im guten; es lehrt sie die Möglichkeit, ihr Streben nach Gütern dieser Welt mit idealem Streben zu vereinen. Daher der ungeheure Erfolg dieser Lehren und ihre im ganzen so günstige Wirkung. Nietzsche hat prinzipiell gleiches erstrebt wie der New thought, und seine Lehren sind philosophisch befriedigender; gleiches erstreben die meisten neueren Weltanschauungen, ob religiös oder areligiös. Aber die amerikanische hat den unermeßlichen Vorzug für sich, daß sie die alten Glaubensvorstellungen bewahrt und ihnen nur einen neuen Sinn erteilt (dies gilt auch von der William James'; diese setzt, vielleicht ohne es zu wissen, die neuchristlichen Grundvorstellungen voraus). Nie wird es gelingen, das Christentum in uns zu überwinden; dagegen wehrt sich ein übertausendjähriger Atavismus; alle neuen Ideen werden sich mehr oder weniger offenkundig in alten Formen verkörpern müssen, um weitreichende Wirkungskraft zu erlangen. Die Brücke zwischen dem modernen Geist und den alten Vorstellungen gefunden zu haben, bezeichnet die Großtat Johann Calvins; jenen mehr und mehr in diesen zu verkörpern, ist das Streben aller späteren Bildungen. Daß diese aber wirklich auf richtiger Bahn sind, ist heute schon klar. Es gibt nicht nur keine freudigeren, unbefangeneren Menschen als die durch diese Vorstellungen geformten – es gibt keine idealeren; sie vor allen sind berufen dazu, dem modernen Leben den spirituellen Gehalt zu geben, der ihm im ganzen so sehr fehlt.

Schon heute ist Amerika auf diesem Wege so weit vorangeschritten, daß dort Wohlstand als Normalzustand gilt. Hiermit erscheint, praktisch wie ideell, vom Standpunkt dieser Welt ein unbedingter Fortschritt erzielt: stellt sich die allgemeine Alternative, an der Fülle oder am Mangel Genüge zu finden, dann ist die erstere vorzuziehen. Soviel besser in der Tat Genügsamkeit sei, als Abhängigkeit von bestimmten günstigen Umständen, zumal als Leiden an der Unbefriedigtheit – im ganzen ist wohl gewiß, daß Bedürfnislosigkeit dem Erdensohn nicht frommt, daß diese als Anlage keine Tugend ist und erzwungen selten Gutes wirkt. Denn wer nichts wünscht, ist meist dürftig veranlagt; jedes Organ strebt nach Betätigung, jeder Trieb nach Ausdrucksgelegenheit; und wer sich bescheidet, gibt Wachstumsmöglichkeiten preis. Ja schlimmer noch: in engen Verhältnissen können sich nicht allein die meisten Anlagen nicht allseitig entfalten, jene hemmen gerade die Entwicklung der edelsten; ein freies, vollausgeschlagenes Menschentum ist immer nur auf dem Boden der Befriedigtheit gediehen. Weshalb? Weil die Bedürfnisse einer Natur, solange diese besteht, durch Grundsätze nicht verflüchtigt werden können, weil sie gestillt werden müssen, auf daß der Geist seine Freiheit erlange. Sind sie es nicht, so finden Stauungen statt, Verdrängungen, Selbstvergiftungen der Seele; was sich in Schönheit hätte vollenden können, verbildet sich nun zu scheußlicher Mißgestalt. So löst verdrängte Sinnlichkeit unausweichlich obszöne Bilder aus, verbissene Kränkung hämische Rachegedanken; so zieht Armut, schmerzlich als solche empfunden, unvermeidlich Neid, Mißgunst und Ressentiment heran. Dies denn heiligt den Materialismus unserer Ära: indem bewußtermaßen nur möglichst günstige Lebensverhältnisse für alle erstrebt werden, wird tatsächlich ein edleres Leben angebahnt. Je erfreulicher jene, desto weniger Nahrung findet das Häßliche, desto mehr das Edle. Es ist ein allgemeiner äußerer Zustand denkbar, in welchem Mißgunst, Mißtrauen und Ressentiment, als Absurda, lebensunfähig erscheinen werden. Insofern kann Armut allerdings als absolutes Übel gelten, und Streben nach Reichtum, gemäß der amerikanisch-christlichen Lehre, als gottwohlgefälliger denn Bescheidung beim Gegebenen. Der heutige unerfreuliche Zustand der weißen Menschheit rührt nicht daher, daß sie Bedürfnisse hat, noch weniger daher, daß sie dieselben nicht befriedigen könnte – keine hat in letzterer Hinsicht unter nur annähernd gleich günstigen Bedingungen erlebt –; sie rührt daher, daß deren Befriedigung ihr noch nicht selbstverständlich ist. Dieser unglückliche Übergangszustand wird bald überwunden sein. Dann aber wird sich erweisen, daß die Früchte, die nur der Weltverneiner bisher geerntet, auch dem Weltbejaher zuteil werden können; daß, so wenig Glück als Ziel menschlichen Strebens gelten kann, es doch das beste Mittel ist zu seiner Erreichung.

 

Aber freilich ist in Amerika die Kluft zwischen äußerem Vorgeschrittensein und innerer Vollendung noch weiter als in Europa. Beim Verpflanzen wurden die alten Wurzeln des Europäers verschnitten, und die neugebildeten sind noch nicht tief in die Erde eingedrungen; auch wurden der Hauptmasse nach unveredelte Gehölze verpflanzt, die auf dem fetteren Boden, ohne Schulung, an Rassigkeit noch eingebüßt haben: so darf es nicht weiter wundernehmen, daß der höheren Zivilisation ein niedrigeres Kulturniveau entspricht. Auch in der alten Welt bedeutet Vollkommenheit der Einrichtungen in bezug auf den Menschen wenig genug. Die Objektivierung der idealen Forderungen in Institutionen hat bei allen Vorteilen den Nachteil mitbedingt, daß jene an subjektiver Wirkungskraft verloren haben. Wir sind oberflächlicher als die Inder, weil bei uns die geistigen Mächte an die Oberfläche gezogen worden sind, wo sie nun automatisch funktionieren, ohne die Seele notwendig in Mitleidenschaft zu ziehen, während sie bei jenen in deren Tiefe wirken und daher, wo überhaupt lebendig, innerlichst beeinflussen. Aber beim Europäer bleibt immerhin spürbar, daß das Äußerliche von innen hervorgesprossen ist. Man nehme einen noch so ausgesprochenen Zweckmenschen: ist er aus altem Stamm, so hat er den Humanismus unserer Klassiker, den Idealismus des Entdeckungszeitalters, die hohe Ethik des Mittelalters, zuletzt die antike Kultur zum lebendigen Hintergrund; dies aber gibt ihm eine geistige Atmosphäre und seinem Tun eine Bedeutsamkeit, welche besteht, auch wo sie seinem Bewußtsein ganz entgeht. So spürt man durch alle europäische Oberflächlichkeit hindurch die mögliche Tiefe, in jedem maschinellen Betrieb seine mögliche Beseeltheit; man hat bei den äußeren Einrichtungen, die zunächst auf nichts Innerliches hinweisen, das Gefühl, das man neuen Organen gegenüber hat, mit denen man noch nicht umzugehen weiß: man fühlt, noch geht es nicht, aber es wird bald gehen. Denn unsere Geschichte steht dafür Gewähr. Der Louvre steht gut dafür, daß der Eiffelturm dereinst ein lebendiges Symbol bezeichnen wird, die Kathedralen bürgen dafür, daß Fabriken werden dem Geist dienen können. Dieses trostreiche Gefühl überkommt einen in Amerika nicht. Die allermeiste Tatsächlichkeit ist Tatsächlichkeit schlechthin, ohne lebendige Bedeutung und ohne Hintergrund.

Dieses Gefühl ist gewiß nur bedingt gerechtfertigt; zwischen amerikanischen und europäischen Zuständen besteht kein Unterschied des Wesens, sondern nur des Grades. Die so verschwenderisch ausgestatteten amerikanischen Universitäten sind ohne geistige Atmosphäre, die amerikanischen Prachtbauten ohne Symbolik, die Amerikaner selber nur zu oft bis zur Seelenlosigkeit flach, weil hier die auch bei uns bestehende Diskrepanz zwischen Äußerem und Innerem noch größer ist. Die Amerikaner sind innerlich roher und jünger als wir, und äußerlich weiter: so treten die Nachteile dieses schiefen Gleichgewichtszustandes bei ihnen deutlicher an den Tag. Es wäre auch ganz in der Ordnung so und kein Wort darüber zu verlieren, wenn nicht die Neue Welt, anstatt der alten nachzustreben, dieser voraneilte und mehr und mehr zu ihrem Vorbild würde. Dieser Umstand weckt sorgende Gedanken.

Ich denke zurück an alles Positive und Negative, was ich an den Vereinigten Staaten wahrgenommen, an die vielen Vergleiche zwischen Orient und Okzident, die ich angestellt, an die allgemeinen richtunggebenden Ideen, die sich in meinem Bewußtsein, mehr und mehr, im Laufe meiner Wanderungen präzisiert haben. Es ist allerdings Zeit, daß die westliche Menschheit erkenne, daß sie auf dem Wege des »Fortschritts« das »Eine, was not tut«, nicht finden wird; sie gewinnt nur vollkommenere Ausdrucksmittel dafür. Daß solche ihr zu eigen werden, ist freilich gut; nichts wäre törichter, als sie verleugnen zu wollen. Nachdem dieses aber geschehen, ist das Lebensproblem nicht etwa gelöst, sondern es stellt sich in unveränderter Gestalt. Das einzige absolute Ideal des individualisierten Lebens wird durch den Begriff der Vollendung bestimmt. Der Vollendung nun ist der noch so vorgeschrittene Moderne ferner als irgendein Wesen. Er steht ihr ferner nicht allein als der Chinese, als der Mensch der Antike und des Mittelalters, er steht ihr ferner als der Australneger und viel ferner als jede Pflanze und jedes Tier. Solange er dies nicht einsieht, sondern im Wahn befangen bleibt, dank seinem »Fortschreiten« wesentlich weiterzukommen, wird kein äußerer Gewinn ihm zu innerem Heil gereichen; sein Mensch wird fortverflachen und -verkümmern proportional dem Zuwachs seiner Mittel. Erkennt er es hingegen und wendet er um, dem einzig wahren Menschenziele zu, dann, aber allerdings nur dann, wird das bisherige Verhängnis ihm zum Segen umschlagen. Es ist nicht notwendig, daß materielle Macht, so böse sie an sich sei, der Seele schade, nicht wahr, daß Verstandeskraft zersetzen muß; jene kann zum Organ göttlicher Güte werden, diese zum Mittel geistlicher Wiedergeburt. Es ist ein Irrtum, daß die Bewegtheit unseres Lebens Vertiefung ausschließe, denn alles Leben ist bewegt, nicht richtig, daß unser Streben ins Unbegrenzte, da Vollendung doch an Grenzen gebunden sei, solche prinzipiell unmöglich mache, denn Grenzen des Strebens und des Strebenden sind zweierlei; jeder einzelne wird immer früh genug seine Grenze finden. Vom Standpunkte des Geistes ist es eins, ob einer einen festen oder einen flüssigen Körper trägt. Gelangen wir nun dahin, auf unsere Art vollkommen zu werden, unseren so wunderbar reichgestalteten Leib durchaus zum Ausdrucksmittel des Geistes zu machen, so werden auch wir am Ziele sein.

Nach Vollendung sollen wir streben, nach Vollendung allein. Nicht nach »Erneuerung«, der Lieblingslosung moderner Weltverbesserer. Nach Erneuerung streben, heißt, das Heil von einer neuen Sondergestalt erwarten – einem neuen Mythos, einer neuen Lebensform, einem neuen Menschentypus, der aus dem alten hervorgehen soll. Wenn aber etwas gewiß ist, dann ist es dies, daß das Heil von dorther nicht mehr kommen wird. Das Ideal der Erneuerung bedeutet nichts anderes, als die äußerste Sublimierung des Fortschrittsideals; es konnte fördern, solange der Mensch das Wesen unmittelbar zu sehen noch nicht gelernt hatte. Damals bedeutete die Geburt einer neuen Form in der Tat die Offenbarung eines neuen Inhalts. Vom antiken Heidentum zum Christenglauben fand äußerlich zwar nur ein »Fortschritt« statt, aber dieses Fortschreiten bedingte gleichzeitig ein »Vollenden« insofern, als sich die Masse in dieser neuen inneren Form viel tiefer ihrer selbst bewußt wurde. Immerhin: schon damals bedeutete Bekehrung ungefähr das, wie in der Geometrie eine Hilfskonstruktion; Marc Aurel stand, so wie er war, nicht niedriger als der heilige Ambrosius, hätte durch Glaubenswechsel nicht gewonnen; schon damals gereichte solcher nur Nicht-Wissenden zum Heil. Heute aber wissen die meisten viel zu viel, um durch Formveränderung zu gewinnen, zu viel, um eine Form noch so weit ernstzunehmen, daß diese ihre Gestaltungskraft voll ausüben kann. Es erstehe morgen ein geistliches Genie, das die bestmögliche Religion verkündete – seine Tat wird nicht annähernd mehr das bedeuten, wie diejenige Luthers; seitdem der Sinn an sich den Menschen bewußt zu werden beginnt, wird es Zeit für sie, die Aufgabe umzustellen. Es gilt nicht mehr, neue Formen in die Welt zu setzen, um sich vermittelst ihrer tiefer zu realisieren, sondern unmittelbar nach Wesenserkenntnis zu streben, das aber heißt: seinen tiefsten, innersten Gehalt in beliebigem Rahmen zum Ausdruck zu bringen. Strebt der Mensch nur nach Erfüllung, nach Vollendung, dann ergibt sich das weitere von selbst. Dann kommt es mit Unvermeidlichkeit, je nach den Umständen, zur »Erneuerung«, zur »Bekehrung«, zur »Wiedergeburt«; dann ersteht ganz von selbst, wenn die Zeit es verlangt, auch die neue historische Gestalt. Mögen es der Zahl nach noch so wenige sein, welche wissend über Name und Form hinaus sind, unwissentlich sind wir's alle; ein Endziel kann Gestaltung an sich uns nie mehr sein.

Nach Vollendung sollen wir streben, nach Vollendung allein. Als Abendländer sind wir spezifische Geschöpfe von ausschließlicher Anlage, die ihr Sonderschicksal erfüllen müssen. Nie werden wir unseren physiologischen Grenzen entrinnen, nie wird uns frommen, uns selber untreu zu werden; jeder Versuch, aus unseren historisch bedingten Schranken auszubrechen, kann nur schaden. Wir sollen nicht zerschlagen wollen, was wir erschufen, aus theoretischen Erwägungen heraus keine gewaltsamen Veränderungen vornehmen, sondern organisch fortwachsen dem Zustand entgegen, der unserem Sonderstreben als dessen Krönung winkt. Aber wir sollen jetzt, da wir erkannt haben, daß unser empirisches Ziel kein Selbstzweck ist und unsere Eigenart kein absoluter Wert, unmittelbar in und aus dem Wesen leben lernen. Dann erst, dann aber sicher, wird unser »Fortgeschrittensein« zum Ausdruck des »Einen, was nottut« werden, damit zur vorgeschobenen Etappe auf dem Wege zum Menschheitsziel. Dann wird sich erweisen, daß, so viel Unheil wir bisher über die Welt gebracht, dank unserem wahnwitzigen Streben, die ganze Schöpfung unserer Eigenart zu unterwerfen, es doch wahr ist, daß wir berufen sind zu einer hohen Mission. Dann wird sich nämlich, dank uns, die Einheit des Lebensganzen, sein unzerreißbarer wesentlicher Zusammenhang, wie nie zuvor im Reich des Erscheinenden ausprägen. Diese Ausprägung hat Indien nie überhaupt versucht. Chinas Leistung, sonst so bewunderungswürdig, krankte daran, daß es als Menschen nur Chinesen gelten ließ. Was aber des Westens frühere Universalitätsbestrebungen betrifft, so scheiterten sie daran, daß er trotz richtiger allgemeiner Tendenz den Ansatz verfehlte, aus dem Allgemein- und Sonderprobleme auf einmal zu lösen sind. Die der Spätantike mündeten in Eklektizismus und Synkretismus ein, innerhalb des Christentums verdichteten sie sich zur Wahnidee, daß eine Kirche das ganze Menschengeschlecht umfangen könne; im 17. Jahrhundert gewannen sie in der ungenauen Vorstellung Form, daß alle Denk- und Glaubensgestaltungen Erscheinungen eines einheitlichen, jedem gleichmäßig eingeborenen »natürlichen Lichtes« seien, und versiegten im 18. in schaler Gleichmacherei. Wir nun besitzen den Ansatz, aus dem allein alles Einzelne vom Ganzen her bestimmt werden kann: in der Objektivierung, welche die geistigen Mächte durch uns erfuhren, ist die einzig haltbare Verbindung geschaffen worden zwischen Ideen- und Erscheinungswelt. Unsere Erkenntnisse sind objektiv; die Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Phänomenen entdeckt wurden, bestehen unabhängig von allem Meinen; die Gesetze, welche wir feststellten, gelten an sich: also kann es gelingen, das Leben nicht mehr einer persönlichen Formel gemäß, sondern seinem Eigen-Sinn nach zu verstehen und zu gestalten. In uns hat die Menschheit die Bewußtseinsstufe erstiegen, welche Name und Form notwendig übersieht. Damit ist geistiger Ausschließlichkeit für immer der Boden entzogen, ein allgemeiner Zustand angebahnt, wo alles Einzelne, bei überzeugter Verfolgung seines Sonderziels, sich doch als Glied des Ganzen wissen wird. Schon heute ist es jedermann möglich, sich über Sinn und Bedeutung jeder Erscheinung im Zusammenhang Gewißheit zu verschaffen, folglich auch möglich virtuell, sich im Zusammenhang zu behaupten; schon heute braucht einer anderes nicht mehr abzulehnen, um unbefangen er selbst zu sein. Dies alles muß schließlich zu einer in der Geschichte unerhörten Verbreiterung der Lebensbasis führen, zugleich zu einer nie dagewesenen Vertiefung jeder einzelnen Lebenstendenz. Wenn es vormals hieß: Nationalgefühl oder Weltbürgertum, so wird bald eines das andere bedingen; die verschiedenen Kultur- und Glaubenstypen werden einander mehr und mehr als Ergänzungen achten lernen; das »Er oder Ich« früherer Stufen wird sich in immer vollerem Maße in bewußtes Zusammenarbeiten umsetzen. Und dies beinahe unabhängig von allem guten Willen, weil das Leben an sich ein zusammenhängendes Ganzes ist, und das Bewußtgewordensein eines wirklichen Verhältnisses mit Notwendigkeit dessen gesteigerte Darstellung nach sich zieht, dank immer inniger vermittelnden Objektivationen. Schon sind in Gestalt der Wissensinhalte, des Geldes, der wechselseitigen ökonomischen Abhängigkeit Grundlagen da, auf denen Verständigung im Prinzip unvermeidlich ist; bald wird gleiches von den Rechtsbegriffen gelten. Die Objektivationen wirken ihrerseits auf das Subjektive zurück. Mehr und mehr führende Geister verleugnen alle nationalkulturelle Ausschließlichkeit, täglich machtvoller wird das Zusammenhangsgefühl aller arbeitenden Massen; eines gebenedeiten Tags wird sich die Menschheit durchaus solidarisch wissen, durch allen notwendigen Kampf und Gegensatz hindurch. Diese bessere Welt herbeizuführen – nicht die ganze Schöpfung zu verwestlichen – ist unsere Westländermission; unsere besondere Physiologie, unsere Geschichte beruft uns wie niemand sonst dazu, in Leben umzusetzen, was Inder bisher am tiefsten erkannten. Aber unsere Lebensformel bleibt doch eine unter anderen, und wenn wir auch glauben dürfen, daß sie die vom Standpunkte der Geistesverwirklichung glücklichste ist, weil sie einerseits vollkommene Durchdringung der Erscheinung durch den Sinn fordert, andrerseits in der Idee die umfassendste Gestaltung zuläßt, so dürfen wir doch niemals vergessen, daß kein Phänomen die anderen resümiert, kein Wert alle erschöpft, eine Art der Vollendung die übrigen ausschließt, daß Totalität das Ziel aller Entwicklung ist und dem Einzelnen nie mehr gelingen kann, als sich innerhalb enger Grenzen zu vollenden.

Vernunftgemäßer Voraussicht nach müßte die Symphonie des Geistes auf Erden fortan immer schöner erklingen. Immer reiner müßten die Einzelstimmen tönen, immer besser untereinander harmonieren, auf immer vollere Grundtöne abgestimmt. Die ursprünglich chaotische, zeitweilig barocke, dann wieder überdifferenzierte Schöpfung müßte zuletzt in vollendeter Klassik ausklingen, jener monumentalen Einfachheit, die allen Reichtum in sich beschließt. Wandel ist des Lebens Weg, immer neu ist es erschienen. Wird seine Entwicklung fortan vom immer tiefer bewußten Geiste gelenkt, so müßten vorläufige Formen immer mehr endgültigen Platz machen, müßte die Differenziation langsam umschlagen in Integration. Allein, Vernunfterwartungen werden nicht immer erfüllt. Die altgriechische Vorstellung, nach der es Hauptabsicht der Götter sei, alles Edle auf Erden auszurotten, wird dem Charakter der Wirklichkeit leider besser gerecht, als die Vorsehungsidee. Ein dummer Zufall mag die Entwicklung irgendwann abschneiden, Katastrophen, Seuchen, Barbaren mögen wieder und wieder den Geist seiner besten Träger berauben, bis zum Erduntergang mag es bei Ansätzen bleiben. Dieser Planet war von je eine Stätte der Anfänge, nicht der Erfüllungen. Mit der Spätantike schien ein Zeitalter endgültiger Universalität hereinzubrechen, und es erfolgte Barbarisierung; individualistische Kultur blühte in Hellas, im Italien der Renaissance, blüht heute wieder, und wie die früheren alle plötzlich abstarben, so mag es auch diesmal kommen. Die Evolution des Geistes hat kein zuverlässiges Mittel an dieser Welt, in der tausend verschiedensinnige, einander feindliche Entwicklungsreihen sich kreuzen. Sein eigentliches Ziel liegt überhaupt nicht in ihr. Das Unendliche, das wir ins Endliche zu bannen trachten, entrinnt uns ewig; die Vollendung, der alles Lebendige als seiner höchsten Erfüllung nachstrebt, ist keine Erfüllung im irdischen Verstand, denn Verfall folgt ihr und Tod, kein Ideal ward jemals restlos verwirklicht – käme es aufs Erreichen an im Rahmen von Zeit und Raum, dann wäre aller Idealismus sinnlos. Aber er ist es nicht. Sein Sinn liegt in einer anderen, geistigen Welt, der wir wesentlicher als dieser angehören, und alles Streben hienieden dient nur dazu, im Geist zu wachsen: auf dem Wege zum Ziel, das ein zeitlich-Imaginäres ist, wird unser Eigentliches wirklich. Wir sollen das Himmelreich auf Erden begründen wollen; je näher wir dem kommen im Überwinden materiellen Widerstands, desto mächtiger wird der Geist; auf einer vollkommen gemachten Erde könnte er sich vielleicht vollkommen manifestieren. Aber die Vollkommenheit der Erde ist nicht Selbstzweck: dies gilt es zu begreifen, um der Wirklichkeit nicht unrecht zu tun. Freilich endet alles Leben mit dem Tod, ist alle Vollendung hinfällig, kurzfristig und die meiste vom zeitlichen Standpunkt zukunftslos. Aber es kommt nicht an auf die Zeit. In jeder vollkommenen Lebensverwirklichung aktualisiert sich das Ewige, wird das Wesentliche erreicht, zu dem zeitliche Entwicklung nur das Mittel war. Insofern kann man sagen, daß der Fortschritt in der Idee ein Wesentlicheres ist, als der reale Fortschritt, obgleich jener sich nur in diesem realisiert, und daß es nicht wesentlich darauf ankommt, ob kosmische Zufälle dem Geist volle Verwirklichung auf Erden gestatten. Wir dürfen Meister Eckhart Glauben schenken, wenn er verheißt: »Gebricht dir's nicht am Wollen, sondern allein am Vermögen, wahrhaftig! vor Gott hast du alles getan.«

 

Das Schiff, das mich heimträgt nach Europa, fährt gerade an der Freiheitsstatue vorbei. Wie vielen ist ihr Anblick die Verheißung eines neuen, besseren Lebens gewesen! wie vielen Millionen symbolisiert sie ihr Ideal! Ich denke zurück an die Gespräche mit Ausgewanderten, die ich gehabt: da war nicht einer, der nicht mit Stolz erfüllt gewesen wäre darob, ein freier Amerikaner zu sein ... Ich kann im Zustande der Neuen Welt von heute nichts Ideales sehen; sie ist nicht wirklich freier als die alte. Weniger Freiheit als Willkür herrscht in ihr – die Willkür nicht Eines zwar, wie in asiatischen Despotien, sondern die jedes Einzelnen, was nicht besser ist. Das allgemeine Wahlrecht hat in verfeinerter Gestalt das Faustrecht wiedererweckt: durch Geigen auf Stimmungen und Trieben, durch suggestive Einwirkung, durch das mechanische Ergebnis schlauer Intrigen wird hier entschieden, wer regieren soll, welcher Entscheidungsmodus sich von dem der Raubritterzeit genau nur insoweit unterscheidet, wie Verführung von Vergewaltigung. Beamtenbestechung und -bestechlichkeit sind wenig seltenere Erscheinungen als in Rußland. Der »Wille des Volkes« äußert sich im ganzen als Regiment der Inkompetenz. Die Macht, die überlegenen Menschen nicht zuerkannt wird, ist toten Maschinen (trusts, caucus, Wahlbureaus) zuteil geworden, und die Voraussetzung der Gleichheit aller, nicht nur vor Gott und dem Gesetz, sondern als Menschen untereinander, hat das geistige Niveau herabgedrückt in unerhörtem Grad. Die meisten der Vorzüge Amerikas vor Europa, auf die ich in meinen Betrachtungen hinwies, bestehen vorläufig nur in der Idee ... Dennoch sehe auch ich in der Freiheitsstatue ein Symbol: sie bezeichnet die erste, noch so mißverständliche Verkörperung des politischen Ideals.

Jeder Mensch ist wesentlich frei; das heißt, sein allerinnerstes Wesen unterliegt schlechterdings nur seiner Bestimmung. Von den zwei Schachern, die neben ihm am Kreuz dem Tod entgegenschmachteten, konnte Jesus nur einem das Paradies versprechen, dem, dessen Wille ihm entgegenkam; für und über den anderen, welcher sein Herz vor ihm abschloß, vermochte er nichts. Bis zum tiefsten Subjekt reicht keine Macht von außen hinab. So hat man den erst wirklich überzeugt, der nicht bloß nachgab unter dem Druck der Suggestion, sondern selbständig erwählte, was man ihm vorhielt; so kann man ein Weib wohl vergewaltigen, aber unmöglich zu willentlicher Hingabe zwingen, und nur der, dem es sich freiwillig gab, besitzt es wirklich. Dieses innerste, schlechthin autonome Ich ist aber nicht von vornherein Mittelpunkt der bewußten Person: ursprünglich existiert es nur als Keim, es entwickelt sich allmählich, wächst langsam hinein in diese, und bis es mit ihrem Zentrum verschmolzen ist, kann man nicht sagen, daß der Mensch aus seiner Freiheit heraus lebe. Die junge Seele reagiert bloß triebhaft auf äußere Einwirkungen; ihr eigentliches Selbst schläft, und wo es erwacht, ermangelt es der Initiative. Mehr als ja oder nein zu sagen zu dem, was mit ihr geschieht, vermag es nicht, und da dieses Urteilen bei kaum vorhandener Intellektualität nur ausnahmsweise der Erkenntnis entspringt, so muß man sie leiten. Auf dieser Stufe bedeutet hellsichtig ausgeübte reine Gewalt, die auf das Meinen und Wollen keine Rücksicht nimmt, die beste Behandlung. Auf höherer wird jene füglich durch die Rückwirkung psychischer Bindungen – von Glaubenssätzen, Vorurteilen, Pflichtvorstellungen – ersetzt, die von außen oktroyiert, passiv, aber doch bewußtzustimmend hingenommen werden. Hier erlebt der Mensch sein Wesen mittelbar im Spiegelbild auslösender Objektivationen. Auf der höchsten, die der vollendeten Geburt des Selbst entspricht, kann der Mensch kein äußeres Motiv mehr als Letztes anerkennen, hier weiß er, daß, wozu man ihn auch zwänge, was immer er triebhaft täte, nichts durch ihn geschieht, solange sein freier Wille, in verstehendem Bewußtsein dessen, was er will, nicht die Initiative hat; hier lebt er unmittelbar, nicht mehr bloß mittelbar, aus seiner Freiheit heraus. Auf dieser Stufe erst ist er wirklich frei. Wer sie nun erstieg, der will auch andere nicht mehr zwingen, weder vergewaltigen noch auch suggestiv beeinflussen, da gleiches wesentlich von jedem gilt; sein Wunsch, auf andere zu wirken, geht nur mehr darauf, jedes Freiheit zur Vollendung zu führen. – Dieser Entwicklungsgang des Einzelnen hat im Sozialen sein Spiegelbild. Je entwickelter eine Nation, desto widerwilliger erträgt sie rein äußere Bestimmung. So sehen alle Regierungen sich gezwungen, immer mehr mit der Regierten Willen zu rechnen, arbeiten die weisesten bewußt daraufhin, sie zu vollkommener Autonomie zu erziehen.

Im Fall der Völker wie der Einzelnen läuft dieser Prozeß nicht in gerader Linie ab, sondern in Form einer bewegten, manchmal zurückgreifenden, oft gebrochenen Kurve, durch Stillstände hindurch, und da die Menschen im Werden nie klar sind über das, was sie wollen, so begehen sie Irrtümer. So hat die Emanzipierung des Geistes zuerst zur Verwerfung aller ererbten Weisheit geführt, zu Immoralismus, Positivismus, Nihilismus – Weltanschauungen, die um vieles törichter sind, als die überkommenen aus den Zeiten größerer Bindung; so hat die der Völker zunächst, indem sie willkürlich die Ordnungen zerbrach, die organisch aus kumulierter Erfahrung emporgewachsen waren, mehr Unheil als Heil bewirkt. Hier wie dort waltete ein gleiches Mißverständnis: man wähnte, die alten Gebote und Ordnungen seien inhaltlich falsch, während sie tatsächlich wahr und berechtigt waren, und das zu Überwindende nur darin bestand, daß es sich um äußerlich Aufgezwungenes handelte; der Entwickelte will freiwillig tun können, wozu der Unentwickelte gezwungen werden muß. Wenn jener keiner Vorurteile, keines Dogmenglaubens, keiner Grundsätze noch Pflichtvorstellungen bedarf, und faktisch ohne sie lebt, so liegt dies daran, daß Grundsätze, Dogmen und Pflichten Objektivationen dessen sind, was der Geist im tiefsten und letzten will, als solche natürlich unzulänglich, weil nie erschöpfend, nie einwandfrei bestimmend und immer schematisch und starr – er, der Freie aber unmittelbar-bewußt aus dem Selbst herauslebt, dessen Wollen alles Sollens Seinsgrund ist. Nun bezeichnet freilich der vollkommen Freie ein Ideal, das im Laufe der Geschichte seltene Male verwirklicht ward. Wie die seelische Entwicklung nicht damit beginnt, daß die naturhafte Unmittelbarkeit wächst – der Naturwüchsige weiß nichts von seinem Subjekt –, sondern daß die Objektivationen, die der Geist aus sich herausstellt, immer genauer dem Streben des tiefsten Ichs entsprechen, so gelingt die Wiederauflösung dieser auch nur stufenweis. Allein das Ziel ist überall, aller Vermittlung entraten zu können, unmittelbar aus dem Grund heraus zu leben, sein Bewußtsein so vollkommen in ihm zu zentrieren, daß die persönlichen Wünsche dessen Wachstumsnormen widerspiegeln, daß man mit Paulus sagen kann: nicht ich lebe, sondern Gott lebt in mir. Dieses erreicht nur der Überwinder seiner Person, der so tief Verinnerlichte, daß er sein höchstes Glück nicht in befriedigter Selbstsucht, sondern im Opfer findet, im Geben ohne Wieder-Nehmen-Wollen, in gotthafter Spontaneität.

Der Drang nach Freiheit erwacht meist, wie gesagt, bevor die Erkenntnis reift, was jene bedeutet, worin sie sich äußert, und dies bedingt vorläufig Verrohung und Verflachung. Dieses Verhältnis illustriert die Neue Welt mit oft abschreckender Deutlichkeit. Die Amerikaner haben weniger als alle begriffen, daß, wenn die von außen aufgezwungenen Schranken fallen sollen, dies nicht zu dem Ende ist, daß Schranken überhaupt fehlen müssen, sondern daß sie freigewählten Platz machen sollen. Sie wollen noch nicht wahr haben, daß die ererbten, im besonderen noch so konventionellen Ordnungen unter den Menschen Wirklichkeiten ausdrücken, daß Unterschiede im Seelenalter, des Charakters, der Begabung; ja der angeborenen Stellung ein ebenso Reales sind, wie die zwischen chemischen Elementen, und daß kein Gott, so lange er in der Sphäre der Natur verweilt, deren Gesetzen entgegen schaffen kann; sie wollen frei sein, ohne dem Empirisch-Wirklichen Rechnung zu tragen. Die Folge dessen ist, daß das Leben, anstatt selbstherrlicher zu werden im loseren Rahmen, seiner Autonomie fortschreitend verlustig geht. In der modernsten Demokratie wird das Geschehen in einem Grad von mechanischen Gesetzen bestimmt, wie in keiner antiken Tyrannis: hier entschied immerhin ein Lebendiges, gut oder schlecht, dort entscheidet der Zufall, die Macht der Umstände, die Konjunktur; dort ist das Leben schlechterdings abhängig von anorganischen Gewalten, wie der Chemiker, der ohne Kenntnis arbeitet, vom »Gutdünken« seiner Ingredienzien; entsteht ein Sprengstoff unter seinen blinden Händen, so fliegt er auf. Aber diese Erfahrung mußte gemacht werden. Nur überzahlte Erkenntnis wird der Menschheit zu dauerndem Besitz.

Irgendeinmal wird der Demokratismus überstanden sein. Dann aber wird sich zum Erstaunen vieler zeigen, daß sich die Menschheit in ihrem dunklen Drang auch dieses Mal des rechten Wegs bewußt gewesen ist. Jene äußerliche Schrankenlosigkeit, die im heutigen Amerika Willkürherrschaft und Barbarisierung bedingt, wird einer innerlich höchstgebildeten Menschheit den entsprechendsten Lebensrahmen gewähren. Die wird so weit wissend geworden sein, daß sie dem Seelischen nicht anders gegenüberstehen wird, als wir der Natur. Die wird psychische Tatsachen ebenso selbstverständlich gelten lassen, wie materielle, dem innerlich Höherstehenden selbstverständlich, ohne Streit, auch die höhere äußere Stellung zuerkennen, des bewußt, daß es ebenso widersinnig ist, über Menschenwert durch Stimmenmehrheit zu entscheiden, wie über das Dasein des Seleniums. Die wird sich selbstverständlich selbst begrenzen überall, wo es der Grenzen bedarf. So werden vorgegebene Schranken nicht mehr vonnöten sein. Und dann wird ein Erstaunliches geschehen: die Idee, die dem Demokratismus als Äußerstes zugrunde lag, wird sich als nicht allein wahr im Prinzip, sondern als darstellbar in der Erscheinung erweisen. Was ist ihr letzter Sinn? Kein anderer, als daß der Geist mächtiger ist als die Natur; daß keine natürliche Grenze unüberwindlich ist, daß ein Göttlich-Schöpferisches der Seele des Menschen innewohnt. So ist es wirklich. Wenn dem aber so ist, wenn die Menschheit einmal so weit gelangt, ganz aus dem Geist herauszuleben, dann wird sie auch keine Naturordnung mehr als unverrückbar anzuerkennen brauchen; dann wird eben das sich bewahrheiten, was heute durch alle Tatsachen widerlegt erscheint. Jene Unterschiede zwischen den Menschen, die ich dem zwischen chemischen Elementen verglich, bezeichnen wirklich keine letzten Instanzen; Tradition, Begabung und Rasse sind nicht unübersteigbar: es ist möglich, sie aus dem Geist heraus zu überwinden. Im einzelnen geschah dies von jeher. Keine Rasse war je verantwortlich für das Genie – die ganz Großen waren immer Zufallsprodukte vom Standpunkt der Natur, reine Kinder des Geistes, wie denn auch keine Natur je einen Heiligen hervorgebracht hat, als welcher eben aus ihrer Besiegtheit erwächst. Heute aber geschieht gleiches schon im allgemeinen, im weiten und breiten, und zwar mehr und in höherem Grade, als man denkt, was mit beiträgt zur Wirrsal dieser Zeit; schon heute ist der Zusammenhang zwischen Naturbestimmtheit und innerem Beruf, der einst so fest war, im Prinzip gelockert. Nur mit großer Unsicherheit ist im modernen Westen von der Abkunft auf die Anlage zu schließen, immer möglicher scheint es, von beliebiger Naturstufe her beliebig hoch hinanzusteigen. Und das bedeutet nicht, daß wir entarten; es bedeutet vielmehr, daß das Geistige über dem Natürlichen immer mehr den Sieg davonträgt. Dieses Überwinden der ursprünglichen Bestimmtheit vollzieht sich im ganz Großen, und dementsprechend roh und summarisch in Amerika, dem Schmelztiegel der Rassen und Traditionen. Der Erfolg ist bisher kein allgemein günstiger, weil die meisten, die über die Natur hinauswollen, noch so wenig Herrschaft erlangt haben über sie, daß sie sich in der Emanzipation ihrer besten Bildungsmöglichkeit entäußern. Das wird sich ändern. Je geistiger wir werden, desto unabhängiger werden wir dastehen vom Überkommenen. Die Wunderwirkungen der Yoga werden nicht nur einzelnen, sondern auch Gruppen und Völkern zuteil. Wie die Inder, trotz geringeren Genies, in der Selbsterkenntnis weiter gekommen sind als wir, indem sie sich tiefer in ihr Wesen versenkten; wie der Gerechte am Tor der Heiligung vor dem Sünder nicht den Vortritt hat; wie es jedem widerfahren kann, daß er im Geiste wiedergeboren wird, welches Ereignis sämtliche Bindungen, welche die leibliche Geburt ins Leben setzte, zerreißt: so mag es geschehen, daß eben dort, wo die Menschheit am tiefsten im Materiellen gefangen scheint, ihre Vorhut zuerst über alle Naturbestimmtheit hinausgelangt. Ja, sicher wird es so kommen: das geistige Wesen erstarkt im Kampf, entfaltet sich desto voller und freier, je mehr Widerstand es überwand. So ist unser gegenwärtiger Materialismus recht eigentlich Gewähr unserer künftigen Spiritualität. Deren Körper nun ist im heutigen Amerika schon vorgebildet. Die Menschheit von morgen wird ohne Zweifel in einem äußeren Zustand leben, dem derjenige der Vereinigten Staaten am ähnlichsten sieht. Sie wird keinerlei starre Formen anerkennen, jedem absolute Selbstbestimmung zugestehen. Sie wird, indem sie sich erhebt über alle Natur und nur dem Geistentsprossenen Rechnung trägt, sogar das Gleichheitsideal realisieren. In den Vereinigten Staaten ist die äußere Form – wie dies immer geschieht, wo sie nicht weit zurückbleibt hinter ihm – dem Gehalt weit vorausgeeilt. Sie entspricht Amerikanern schlechter, als sie Chinesen entspräche, dem einzigen Volk, das dem Kulturideal je nahegekommen ist. Langsam, überaus langsam wächst die Seele in den Körper hinein. Es geht langsamer vor sich, als das Umgekehrte geschieht, weil, während der Körper muß, wenn die Seele will, diese seiner Bestimmung nicht unmittelbar unterliegt. Ist sie aber so weit, wie die äußere Gestalt antizipiert hatte, dann besitzt sie vollkommene Ausdrucksmittel. Dann befindet sie sich vollkommen ungehemmt. Dann wird das wahr werden, was der Demokratismus mit Unrecht vom heutigen Menschen wahr haben wollte. Dann wird erwiesen sein, daß der Geist wahrhaftig Herr ist der Natur ...

Die Freiheitsstatue versinkt in grauer Ferne. Wieder einmal schwimme ich auf dem unendlichen Meer. Über ein Kleines werde ich dort zurück sein, von wo ich ausging. In jenem Europa, das mir so jung schien, als ich es gegen den Hintergrund Asiens betrachtete, und so alt wiederum, da ich es verglich mit dem, was wird im zukunftsschwangeren Amerika.

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