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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 39
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Chicago

Meine freundliche Stimmung ist dahin. Chicago ist fürchterlich. Alles Leben hier geht auf in maschinellem Betrieb, so sehr, daß selbst der Zugereiste sich ihm unwillkürlich einfügt, aus Furcht, sonst zugrunde zu gehen. Und sein Instinkt irrt nicht: wer in Chicago nicht Apparat sein kann oder will zu bestimmter Funktion, mit seinem ganzen Wesen ihr verschrieben, der muß verderben.

Ich bin tief deprimiert. Gegen die Mechanisierung des Lebens an sich habe ich nichts, im Gegenteil: ich wünschte, daß alles Mechanisierbare möglichst bald, möglichst vollständig mechanisiert würde, auf daß der Geist für das Übermechanische desto mehr Kraft und Muße übrigbehalte; wie die antike Kultur ihren hohen Vollendungsgrad dem dankte, daß Sklaven den Gebildeten alle Arbeit abnahmen, die ohne freie Initiative geleistet werden konnte, so wird die moderne erst dann zu vergleichbarer Reife gelangen, wenn Maschinenbetrieb den Menschen entlastet haben wird. Das Fürchterliche an dieser Welt ist der Umstand, daß sich das Leben im Mechanisierbaren erschöpft; hier knechtet das Werkzeug den Menschen, der es beherrschen soll. Wie kam es dahin? – Der Menschenmangel machte es zunächst zur Notwendigkeit, alles Mechanisierbare zu mechanisieren; dann bannte die Rentabilität dieser Betriebsart alles Interesse mehr und mehr, so daß das Übermechanische zum Leben immer überflüssiger erschien und immer mehr im Bewußtsein zurücktrat. Leider ist es ja nicht wahr, daß ein seelenloses Leben kein volles Lebensbewußtsein geben könne: alle verfügbare Kraft und Intensität kann im Maschinenmäßigen aufgewandt werden, so sehr, daß eben der, welcher mir unsäglich dürftig vorkommt, sich subjektiv als Vollmensch fühlt und herabsieht auf die blutlosere »Seele«. Der Vorwurf gegen die Mechanisierung ist unberechtigt, daß sie die Menschen im biologischen Verstande unlebendig mache: der Chicagoaner ist durch und durch vital, wähnt seine Lebensführung eben deshalb allen anderen überlegen, weil sie das Daseinsgefühl wie keine andere steigere. Das tut sie wirklich, weil sie alle vorhandene Kraft in einen engsten Kanal der Betätigung hineinzwängt, wodurch jene eines ungeheuren Intensitätsgrades teilhaftig wird. Die amerikanischen Geschäftsleute sind echte Yogis insofern, als sie alle Aufmerksamkeit auf eines konzentrieren, und alle typischen Früchte der Yoga werden ihnen im Prinzip auch zuteil, als da sind: Potenzierung der Lebenskraft und des Lebensgefühls, Steigerung der Fähigkeiten, Vergrößerung des psychischen Betriebskapitals. Das Entsetzliche an diesem Amerikanertum ist nicht, daß es die Menschen unlebendig macht, sondern daß es den psychischen Organismus in unerhörtem Grade vereinfacht. Dieses Amerikanertum beweist, daß sich ohne Seele, ohne geistige Interessen, ohne Gefühlskultur ein innerlich volles Leben führen läßt. Natürlich läßt sich das; kein Molch, kein Wurm sehnt sich über seinen Zustand hinaus. Wenn es heißt, die beschränkten Menschen seien die glücklichsten, so besagt das gleiches: es ist viel einfacher, sich in kleinem Rahmen der Ganzheit seines Lebens bewußt zu werden, als in großem. Aber die Beschränktheit verkörpert kein Ideal; ideal wäre der Zustand allein zu nennen, in dem der Mensch sich vermittelst des Weltalls seiner Ganzheit bewußt würde, in dem er nichts auszuschließen brauchte, um ganz er selbst zu sein.

Das Furchtbare am Amerikanismus ist, daß er den Menschen arm macht. Wie er alle Werte auf den einen der Quantität reduziert, so reduziert er die ganze Psyche auf einen Apparat zum Geldverdienst. Damit drückt er den Menschen zurück auf die Stufe des niederen Tieres. Betrachtet man den Tatbestand in diesem Licht, so erscheint er dermaßen entsetzlich, daß man ihn für gefahrlos halten möchte. Tatsächlich besitzt er ungeheure Werbekraft, gewiß die größte dieser Art zu unserer Zeit. Er besitzt sie erstens, weil jedem am Erfolg liegt, und die amerikanische Lebensformel diesem am günstigsten ist; wer keine Zeit mit Idealen, Ideen und Gefühlen verliert, wer keine gemütlichen und moralischen Hemmungen kennt, kommt am schnellsten vorwärts. Allein nicht hierin liegt die Hauptanziehungskraft: diese beruht darauf, daß in der Form des Amerikanismus jeder, auch der dürftigste Geselle, sich der Fülle seines Daseins bewußt wird; diese Formel ist so eng, so beschränkt, daß sie jedes Lebenskraft spannt. Hierin nun liegt eine furchtbare Gefahr: heute leuchtet der Menschheit ein niederer Zustand als höchster voran. Wird dieses Ideal nicht bald entthront, so führt es uns unfehlbar zur Barbarei, keiner vorläufigen, sondern einer endgültigen.

 

Meinen Besuch im Schlachthof habe ich gemacht; kein erfreuliches Unternehmen. Und doch bin ich's zufrieden: in größerer Vollkommenheit werde ich Maschinerie kaum wieder funktionieren sehen; in den Stock Yards scheint mir das äußerst Denkbare an Ausnutzung von Menschen und Zeit erreicht. So wenig Zeit geht hier verloren, daß ein Schwein in einigen zwanzig Minuten vom Leben zur Wurst befördert, ein Schaf in sechsundzwanzig Minuten, und ein Ochs in fünfunddreißig zerlegt wird. Jeder Arbeiter tut ein Bestimmtes, in festgesetzten Abständen; jeder tut es auf die bestmögliche Art. Von Mensch zu Mensch vermitteln Maschinen. So kann ein einziger Schlächter in einer Stunde bequem ein halbes Tausend an ihm vorbeigehißter Schweine abstechen, und entsprechend geschwind geht alles Übrige vor sich.

Wie ich dastand und zuschaute, fiel mir die Parabel Dschuang-Tses vom Metzger ein. Der Fürst Wen Hui hat einen Koch, der für ihn einen Ochsen zerteilte. Er legte Hand an, drückte mit der Schulter, setzte den Fuß auf, stemmte das Knie an: ritsch! ratsch! trennte sich die Haut, und zischend fuhr das Messer durch die Fleischstücke. Alles ging wie im Takt eines Tanzliedes, und er traf immer genau die Gelenke.

Der Fürst Wen Hui sprach: »Ei vortrefflich! das nenn' ich Geschicklichkeit!«

Der Koch legte das Messer beiseite und antwortete, zum Fürsten gewandt: der Sinn (das Tao) ist's, was dein Diener liebt. Das ist mehr als Geschicklichkeit. Als ich anfing, Rinder zu zerlegen, da sah ich eben nur Rinder vor mir. Nach drei Jahren hatte ich's soweit gebracht, daß ich die Rinder nicht mehr ungeteilt vor mir sah. Heute verlasse ich mich ganz auf den Geist und nicht mehr auf den Augenschein. Der Sinne Wissen hab' ich aufgegeben und handle nach den Regungen des Geistes. (R. Wilhelms Übersetzung.) – Ja, es ist wahr, solche Geschicklichkeit hat metaphysischen Sinn: sie bezeugt, daß die Bewegungen der Hände unmittelbar vom Prinzip des Lebens gelenkt werden; ob die Einheit mit ihm sich in vollkommenem Schlachten, in vollkommener Erkenntnis oder in vollkommenem Sein manifestiert, hängt von dem Ziele ab, das einer sich steckt. Auch die Schlächter von Chicago, gleich dem Koch des Fürsten Wen Hui, müssen sich dem Tao ergeben haben, um so Außerordentliches zu leisten. Aber entsetzlich wäre es, wenn ihre Art der Vollkommenheit fortan als Ideal menschlicher Entwicklung gelten sollte. Die Stock Yards sind ein schreckhaft lehrreiches Sinnbild, was an den Zielen der modernen Zivilisation verfehlt erscheint. Das ideale Verhältnis zwischen Körper und Geist wäre dort erreicht, wo mit jeder Gebärde die Seele zu vollendetem Ausdruck käme, wie beim Bühnenspiel der Duse. In unserer Welt stellt es sich mehr und mehr so dar, daß die ganze verfügbare Kraft in ein Werkzeug überfließt, wodurch dieses wohl Fabelhaftes leistet, der Mensch jedoch zu existieren aufhört. Der moderne Zweckmensch verkörpert den genauen Gegenpol des indischen Weisen: zieht dieser sich aus dem Äußeren ganz zurück, um in sich desto wirklicher zu sein, so verzichtet jener auf die Innerlichkeit, um in der Außenwelt Äußerstes zu leisten. Ihm verdanken wir die Wunder der Technik, eine unbedingte Bereicherung dieses Wandelsterns; insofern muß man ihn gelten lassen. Man muß ihn gelten lassen, wie man den Fakir gelten läßt, den Clown, den Schlangenbändiger. Aber aufblicken darf man zu ihm nicht. Ihm fehlt das, was allererst den Menschen macht ... Die Spirale der geschichtlichen Entwicklung hat auf erhöhter Stufe zu einer Wiederherstellung der Sklaverei geführt. Wieder wird der Mensch nach seiner Leistung allein beurteilt, wieder hat er nur Marktwert, und zwar gilt dies heute nicht bloß von Zwangsarbeitern, sondern von allen, denn im griechischen Verstande Freie gibt es nicht mehr; wer sich bei uns am unabhängigsten wähnt, sieht sich doch selbst kaum anders an, wie ein Phöniker seine Kriegsgefangenen. Wird auch der Kannibalismus wieder aufleben? In unserer aufgeklärten Welt stehen diesem gewiß weniger seelische Hemmungen entgegen, als unter abergläubischen Wilden. Es ist allzu wahr, was Tagore sagt: nirgends war Menschenfleisch und -seele je so billig wie im modernen Westen. Keine Zivilisation hat je der ganzen Schöpfung gegenüber eine so entwertende Stellung eingenommen wie die unsere, die ausschließlich des Nutzens gedenkt. Überantworten wir uns ganz der Logik dieser Entwicklungsrichtung, so wird der Verstand, je mehr sie sich entfaltet, desto mehr das Menschengeschlecht entseelen.

 

Ist nicht das ideale Ziel der Evolution, die in den Schlächtern von Chicago einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, – der künstliche Mensch? – Helmholtz pflegte zu sagen, daß er dem Optiker, der ihm einen so unvollkommenen Apparat, wie die Linse des Menschenauges, überbrächte, die Tür weisen würde: im selben Sinn ist denkbar, daß alle objektive Leistung durch ein Artefakt besser ausgeführt werden könnte, als durch einen lebendigen Organismus, und in der Idee kann diese Ersetzung durch ein Besseres bis zum ganzen Menschen gehen. Ein solches Kunstprodukt ist einmal konzipiert worden: es ist Halady, die Heldin von Eve future, der visionären Dichtung Villiers de l'Isle Adams. Villiers setzte willkürlich nur die Möglichkeit, einen künstlichen Menschen zu erschaffen, in dem Mechanismen von absoluter Präzision die lebendigen Organe ersetzen; und siehe da: aus ihr ergab sich mit Notwendigkeit, daß sein lebloser Automat an Leistungsfähigkeit das höchste Leben übertreffen müßte. Während der begabteste Geist doch irrt, war Halady irrtumsunfähig; sie reagierte auf jede Situation auf die absolut beste Art, antwortete unfehlbar richtig, tat immer das unter den gegebenen Umständen schlechthin zweckmäßigste, und so fort. Sie wäre Gott gewesen – wenn sie ein Ich besessen hätte.

In der Tat strebt die fortschrittliche Entwicklung gleich notwendig zwei entgegengesetzten Zielen zu, dem Automaten und dem Gott; und der Weg, der an den Stock Yards sein Sinnbild hat, führt schnurstracks zu jenem. Wenn die Leistung alles, die Seele nichts bedeuten soll, dann steht ein vollkommener künstlicher Mensch unstreitig über dem natürlichen. Diese Erwägung scheint mir lehrreich. Unsere fortschrittliche Entwicklung, welche wesentlich unabhängig vom inneren Weiterkommen verläuft, hat ihren psychologisch-technischen Seinsgrund an der fortschreitenden Intellektualisierung des Lebensprozesses; diese nämlich bedingt eine unaufhaltsame Vergegenständlichung dessen, was ursprünglich ein rein Zuständliches war. Indem der Mensch sich begrifflich klar wird über das Geschehen in und außer sich, über das, was es bedeutet, wohin es führen könnte und sollte, erhebt er sich darüber, sieht er es außer sich, gewinnt an seinen Begriffen die Mittel, es anzupacken, und gleichzeitig die Macht, ihm von sich aus die Richtung zu geben. Nun mag er seine Wünsche in Betriebe und seine Ideale in reale Mächte umwandeln. So sind bei uns Liebe und Gerechtigkeit in Institutionen, das Wissen in der Technik objektiviert, das Können in Organisationen und Fabriken. Dieser Prozeß, bis in seine äußerst denkbaren Konsequenzen durchgeführt, ergäbe eine vollständige Objektivation aller Lebenskräfte, so daß Subjektivität überhaupt nicht in Frage käme und alles freie Streben durch Automatismen vorweggenommen erschiene.

Halady, der Idealautomat, wird kaum je erschaffen werden; aber unzweifelhaft verkörpert sie nicht allein das Arbeiterideal jedes Betriebsbesitzers (man denke, an das Taylorsche System!), sondern das persönliche so manches sich freidünkenden modernen Menschen. Solche Einseitigkeit ruft naturgemäß die komplementäre Gegenbewegung hervor: so verehren heute viele, und nicht die Schlechtesten, ihr Ideal im russischen Bauern, dem urwüchsigen Menschen, welcher jeder Organisation schlechthin unfähig erscheint, bei dem keinerlei Objektivation, nicht einmal die des Pflichtbegriffs, Verständnis findet, welcher ausschließlich seiner planlosen Subjektivität gehorcht. Allein weiser wohl wäre es, sein Ideal weder im Automaten, noch im Mushik, sondern im Gott zu begründen: einem Wesen, dessen vergeistigte Seele allen intellektualen Objektivationen überlegen wäre, sie frei von innen her beherrschte. An und für sich ist Intellektualisierung ein Gutes. Mag sie vorläufig manches Wertvolle zersetzen – aus dem Zersetzten geht Wertvolleres hervor, denn unstreitig ist es besser, klar zu wissen, als nicht zu wissen, was man tut. Ein höheres Bewußtsein bedingt notwendig eine höhere Welt. Was den Fluch unserer Intellektualisierungsphase ausmacht, ist, daß wir, der Gegenstände außer uns Herr geworden, uns nun selbsterschaffenen Vergegenständlichungen unterworfen haben. Bald werden wir uns über sie erheben, bald – hoffentlich – erkennen, daß unser Fortschrittsstreben, vom Geist des Wissens gelenkt, anstatt dem Unbewußtsein des Automaten, der Allwissenheit zuführen kann.

 

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