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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 38
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Ostwärts

Nun durchschneide ich den Kontinent in eilendem Zug; in Windeshast fliegt die neue Welt an mir vorüber. Und wieder einmal erfahre ich's: zur Auffassung des Wesentlichen ist die Zeit nur hinderlich. Die großen Linien treten desto schärfer hervor, je mehr das einzelne verflimmert und verschwimmt.

Dem Idealzustand, dem unsere jüngste Entwicklung zustrebt, ist Amerika, trotz des vorläufigen Charakters des meisten in ihm, entschieden näher als Europa. Hierbei habe ich selbstverständlich nicht den alleskaufenkönnenden Kulturprotz im Auge, der sich selbst für die Krone der Schöpfung hält – der ist unwesentlich in jeder Hinsicht, kaum echter in seinem Gewand europäischer Bildung, als der anglisierte Hindu; sondern den hartarbeitenden, dem Erfolg im großen nicht allzu nahen kleinen Mann, auf den die demokratische Weltanschauung eigentlich zugeschnitten ist. Der ist seinem transozeanischen Genossen menschlich weit überlegen. In Amerika fehlt eben das meiste dessen, was den in ungünstiger Lebensstellung geborenen Europäer verbittert und verringert. Hier sind die Verhältnisse so weit, daß jeder einzelne Aussicht hat, seinen Weg zu machen, und so bestärkt wird in seinem Mut und seiner Aufrichtigkeit; hier bieten sie ihm andrerseits die harte Schule, deren jeder von Hause aus Unmündige bedarf, um das moralische Recht zur Selbstbestimmung zu erringen. Und kommt hier einer aus kleinen Anfängen hoch hinauf, so mag er zu seiner höheren Stellung ebenso reif erscheinen, wie der in ihr Geborene, weil Zurücksetzung und Furcht vor solcher vielfach die Haupthindernisse sind einer sonst naturgemäß der äußeren nachfolgenden Seelenerhebung, und, umgekehrt, freudig anerkanntes echtes Verdienst das Selbstbewußtsein ähnlich beeinflußt wie ererbter Adel; denn unzweifelhaft bedeuten Klassenschranken und -vorurteile ein reines Übel überall, wo sie nicht wirklich, d. h. physiologisch bestehenden Unterschieden entsprechen. Hier, wenn irgendwo, wird auf demokratischer Basis echte Kultur erblühen.

So gilt in Amerika schon in hohem Maße die Anschauung, die überall wird gelten müssen, wo die moderne Entwicklung ihrer Vollendung naht: daß alle Arbeit gleich ehrenvoll sei. Natürlich beruht dies zunächst auf force majeure, nicht auf höherer Einsicht, weshalb es nicht zu verwundern ist, daß hier andrerseits krassere Kastenvorurteile herrschen, als bei uns. Aber die Konstellation der Umstände, daß jeder, ganz auf sich selbst gestellt, sein Brot verdienen muß, ferner jeder der höchsten Bildung teilhaftig werden kann, und jeder sich selbst als souverän fühlt, bringt es notwendig mit sich, daß in den Augen des amerikanischen Volkes die Ausfüllung einer noch so niederen Stellung das Gentlemansein nicht ausschließt, was seinerseits zur Folge hat, daß alle Arbeit geadelt und das Selbstbewußtsein des Geringsten gehoben erscheint. Damit ist der Weg zu einem Idealzustande betreten: wird er erreicht, so würde damit die Wahrheit, daß alles Äußerliche gleichgültig ist, ihre höchstmögliche Verkörperung finden. Dem Inder ist das Äußerliche in dem Sinn gleichgültig, daß ihm alle Erscheinung als gleich wertlos gilt: ersprießlicher ist unzweifelhaft, alle Erscheinung als gleich wertvoll zu beurteilen, und das ist die Richtung, in welcher die amerikanische Entwicklung sich bewegt. Beide Stellungnahmen bedeuten metaphysisch gleiches, da durch beide die empirischen Rangordnungen aufgehoben werden, aber durch letztere wird die Erscheinung sinnvoll gemacht – »das Himmelreich wird auf Erden verwirklicht« –, während erstere sie vollends aushöhlt. Die orientalische Auffassung der Gleichgültigkeit alles Äußerlichen drückt die, welche gezwungen sind, in äußerlicher Betätigung aufzugehen, also sämtliche arbeitenden Klassen, zu sinnlosen Existenzen herab; die amerikanische ermöglicht es dem geringsten Kuli, sich als Vollmensch zu fühlen und zu betätigen. Hier, im amerikanischen Arbeitertypus, erscheint ein Fortschritt verwirklicht, der mehr als Fortschritt im üblichen Sinne ist: hier handelt es sich um ein Vorwärtsgekommensein nicht bloß im Sinn des Erfolges, sondern vor allem der Vollendungsmöglichkeit. Wenn jeder äußere Rahmen als gleich wertvoll gilt, dann ist der Beweglichkeit ihr Verhängnischarakter genommen; dann mag im Durchschreiten der Lebensordnungen dieselbe innere Bildung gewonnen werden, wie sonst nur durch Verharren in den gegebenen. Und sie wird schon erzielt. So sehr der »gebildete« Amerikaner noch Barbar ist, so gebildet wirkt das einfache Volk. Die Schaffner, mit denen ich hier und da Unterhaltung pflege, imponieren mir mehr, als mir irgendein Westländer seit Jahren imponiert hat.

Eine weitere Hinsicht, in welcher Amerika uns auf unserer Bahn voraus erscheint, ist die, daß hier die Demokratie nicht notwendig Herrschaft der Inkompetenz bedingt. Natürlich strebt sie danach als nach ihrem Ideal: schon brandmarken die Labour-Unions den, der mehr leistet als seine Mitarbeiter, als unfair, schon werden, wie in Europa, gleichmäßig hohe Löhne unabhängig von der Leistung gefordert, und zeitweilig wohl auch erzielt werden. Aber schwerlich wird es in der Neuen Welt zu so trostlosen Dauerzuständen kommen, wie sie uns mit Sicherheit bevorstehen. Das Mächtigerwerden der niederen Volksschichten in Europa ist deshalb so unheilschwanger, weil der noch so selbstbewußt und selbstbestimmt gewordene Proletarier doch an der überkommenen Vorstellung festhält, daß die höheren Schichten verpflichtet seien, für ihn zu sorgen. Diese Vorstellung war berechtigt, solange kein freies Vertragsverhältnis zwischen Arbeitgebern und -nehmern bestand, sondern ein patriarchalisches oder sonst bevormundendes. Sobald der Arbeiter als selbständiger Kämpfer in die Arena tritt, entbehrt sie der Grundlage und führt, wo sie im Gesellschaftsorganismus dennoch fortbesteht, zu verhängnisvollen Folgen. Bei uns streben die Proletarier nichts Geringeres an, als den Ruin aller Wohlhabenden. Offiziell tun sie das in Amerika auch, aber dort werden sie nicht viel Unheil damit anrichten, weil gerade die Vorstellung, die alles Unheil bei uns von innen her bedingt, dort fehlt: es setzt keiner als selbstverständlich voraus, daß die Wohlhabenden für die Ärmeren zu sorgen verpflichtet seien; dort besteht das Vertragsverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer rein; dort erwartet jeder alles von sich selbst allein, und der scheinbare Klassenkampf ist in Wahrheit ein Kämpfen der Interessen. Amerika hat den ungeheuren Vorteil vor uns, daß dort die Entwicklung von vornherein individualistisch eingesetzt hat, während sie in der Alten Welt nur ganz allmählich zu einer solchen wird. Jeder Auswanderer, der sich über den Ozean begab, war mit Überzeugung sich selbst der Nächste; er wies es ab, für andere zu schaffen. Aber ebensosehr widerstrebte es seinem Stolz, von anderen Hilfe zu erwarten. In einem armen Lande hätte diese Grundverfassung auf die Dauer wohl zu mißtrauischer Verbissenheit geführt. Im überreichen Amerika entwickelte sie sich zu immer freimütigerem, optimistischerem Selbstvertrauen, so daß das Gefühl des Neides und des Ressentiments daselbst noch heute zu den Seltenheiten gehört. Der Amerikaner setzt nicht voraus, daß andere für ihn zu sorgen hätten: dieser Satz resümiert den Vorzug, den die neue Welt vor der alten hat. Nur unter dieser Voraussetzung kann freier Wettbewerb zu Gutem führen; auf dieser Grundlage allein kann eine dauerhafte Gesellschaftsordnung aufgebaut werden, in welcher alle gleiche Rechte besitzen. Denn nur, wenn jedem das Recht zugestanden wird, seinen eigenen Vorteil rücksichtslos zu wahren, kann der Herrschaft der Inkompetenz vorgebeugt werden, kann die Idee der Demokratie eine effektive Aristokratie herbeiführen.

Freilich ist das psychologische Moment, mittels dessen allein die neue Ordnung verwirklicht werden kann, nichts anderes als der Egoismus: dies erklärt den Tiefstand alles dessen in Amerika, was das Bewußtsein höherer Synthesen, als es das Individuum ist, voraussetzt. Humanität im tieferen Sinne ist unter Amerikanern selten zu finden, so wohlwollend und gutmütig und sogar hilfsbereit sie meistens sind; selten fühlt sich einer innerlich verpflichtet, einem anderen beizustehen, es sei denn, er sei Humanitätsspezialist; wer nicht zu arbeiten vermag, nun, der mag Hungers sterben. Aber es gilt zu begreifen, daß dieser Mangel die unvermeidliche vorläufige Erscheinungsform einer sich festigenden Selbstbestimmtheit bezeichnet und, vom Standpunkt einer besseren Zukunft her betrachtet, menschlich wertvoller ist als Humanitätsduselei. Eine individualistische Gesellschaftsordnung ist undenkbar auf Grundlage von Mitleidsmoral; nur dort kann sie Gutes bedeuten, wo jeder alles von sich, und nichts von anderen erwartet. Diese Grundverfassung setzt eine völlige Ummodelung der Europäerpsyche voraus, und bis diese vollendet ist, werden die Schattenseiten mehr als die Lichtseiten der neuen Lage dem Beobachter auffallen. Aber hier und da ist sie schon vollendet, und dort bietet sich einem ein durchaus erfreuliches Bild. Die Menschen, welche ungebrochen durch die grausame Schule des amerikanischen Daseinskampfs hindurchkommen, sind hart und elastisch wie Stahl; sie sind innerlich gespannt, wie sonst niemand. Aber da sie alles von sich, und nichts von anderen erwarten, so geben sie, wo sie edel sind, desto lieber; so wird Humanität, bisher eine Rückversicherung, zum reinen Geschenk. Es ist nicht unmöglich, daß in Amerika, nachdem die Flegeljahre überstanden, der allzu wildwüchsige Egoismus vom Leben zurechtgestutzt ward, eine vom westlichen Standpunkt höchste Zivilisation erblühen wird, die eben nur unter diesen historischen Voraussetzungen denkbar scheint: eine schlechterdings individualistische Zivilisation, wo keiner etwas vom anderen erwartet, und dennoch alles, was er nur kann, für die Gesamtheit tut.

 

Nun trägt mich die Bahn durch endlose Felder und Weidengelände dahin. Noch nie habe ich so extensive Wirtschaft gesehen, und selten rationeller betriebene. Kein Landwirt von Kansas scheint Sport in der Ökonomie zu treiben, wie es der europäische immer noch tut, der aus Freude an der Sache so häufig teurer wirtschaftet – zu großartig baut, Unvorteilhaftes erhält, fruchtbares Land aus ästhetischen oder Pietätsrücksichten nicht nutzt usw. –, als ihm ersprießlich wäre; aber auch keiner scheint kleinlich praktisch, pennywise, bauernschlau, reaktionär aus Mangel an Wagemut: nur das unbedingt Zweckmäßige geschieht, dieses aber aus voller Hand. Und seltsam: diese großzügigen Wirtschaften, die nichts als Betriebe zum Zweck des Gelderwerbs sein sollen, bieten häufig schönere Landschaftsbilder dar als die nordeuropäischen, an denen so viel mehr Liebe beteiligt ist. Das macht, daß nicht nur der oberste praktische, sondern auch der oberste ästhetische Grundsatz der Ökonomie ihre Rentabilität ist, weshalb unpraktische Verschönerungen gar oft als Verhäßlichungen wirken.

Ich denke an die Gespräche amerikanischer Landwirte zurück, die ich im Laufe meiner Reisen hier und da zu überhören Gelegenheit fand. Ja, das sind großzügige Leute, und zwar typischerweise, während einer es bei uns bisher nur ausnahmsweise ist. Ihnen allein unter Landwirten erscheint es selbstverständlich, daß Initiative das beste Betriebskapital ist, daß Weitblick, selbst auf Kosten des Nächstliegenden, einträglicher ist als noch so scharfäugige Kurzsichtigkeit. Es sind starke, zielbewußte Männer. Aber ihnen fehlen alle die moralischen Eigenschaften, die den Landwirt, der auf ererbter Scholle sitzt, in Ländern alter Kultur so sehr adeln. Dem Erbherrn eines Rittergutes, dem besitzenden Sproß eines alteingesessenen Bauerngeschlechts ist sein Betrieb, und leite er ihn noch so sehr nach rein ökonomischen Gesichtspunkten, eine Herzensangelegenheit; er fühlt sich ihm verpflichtet. Melioriert er seine Äcker und Wiesen, so geschieht dies mehr um dieser- als um seinetwillen; oder denkt er an sich, so meint er nicht seine Person, sondern sein Geschlecht. So hat sein Tun den tiefen Hintergrund, den das Wurzeln im überindividuellen Naturzusammenhang allein verleiht, so werden in seinem Wesen die Eigenschaften großgezogen, welche das Bewußtsein dieses Wurzelns zum Ausdruck bringen, und das sind die besten. Das ist es, weshalb der Beruf des Landwirts bei uns mit Recht als von allen praktischen der edelste gilt: daß er den Menschen wie keiner vertieft und wurzelecht macht. Aber mit gleichem Recht gilt er in den Vereinigten Staaten Amerikas nur als eine Industrie unter anderen: bedeutet Landwirtschaft nichts außer dem, daß Geld mit ihr zu verdienen ist, dann hat sie auch nicht mehr Sinn. So steht der amerikanische Landwirt menschlich nicht höher, als der Industrielle auf der ganzen Welt, und das will sagen: er ist als Typ vollkommen oberflächlich; eine Gelderwerbsmaschine; ja er stellt vielleicht den unangenehmsten Ausdruck des modernen Industrierittertums dar, weil man bei ihm unwillkürlich nach den Zügen ausschaut, die den Landwirt sonst vorteilhaft vom Industriellen unterscheiden, und durch ihr Fehlen entsetzt wird. – Und von hier aus nun denke ich an China zurück. Welch überwältigender Unterschied! Wenn die Landwirtschaft in Amerika ein Gewerbe unter anderen, in Europa ein Gewerbe auf moralischer Grundlage ist, so ist sie in China ein Ausdruck des Moralischen schlechthin; dort fällt ihr materieller Vorteil kaum ins Gewicht. In China gehört der einzelne der Familie, die Familie dem Geschlecht, das Geschlecht dem Grund und Boden, auf dem es sitzt; denn dieser ist ja seinerseits nichts Unlebendiges, sondern das irdische Symbol aller Vorfahren, um deren Grabhügel der Pflug im Zickzack fährt. Vom Standpunkte des materiellen Vorteils betrachtet, erscheint die chinesische Landkultur als sinnlos; sie bedeutet ein Minusmachen ohne Ende. Aber sie soll auch kein Erwerbsmittel sein: sie soll nur der moralischen Natur des Menschen ihre normale Betätigung sichern. Ihr verdankt der Chinese in der Tat seine einzigartigen moralischen Eigenschaften. Und betrachtet man von hier aus seine Betriebsart, dann erweist sie sich der amerikanischen als überlegen. Diese macht reich, aber sie macht flach und dürr; jene fristet nur Elend fort, aber sie züchtet überlegene Menschen.

Und doch ruht in der amerikanischen Auffassung der Landwirtschaft der Keim zu einem höheren Zustande, als er in den Ländern alter Kultur jemals verwirklicht ward: dem Zustand, wo das Bewußtsein der tiefsten Zusammenhänge des Lebens an kein materielles Substrat mehr gebunden erscheint. Je freier und tiefer selbstbewußt ein Mensch, desto mehr naturhafte Schranken darf er verleugnen, unbeschadet seines inneren Werts. Der höchste Mensch, den wir vorstellen können, ist vollkommen détachiert; er kennt keine geographische Sentimentalität, keine Vorliebe für diese oder jene Sitte, kein Vorurteil gegen irgendeinen Beruf, überhaupt keine Ausschließlichkeit in seinen Gefühlen; und dies bedeutet bei ihm nicht, daß er kalt und gleichgültig wäre, sondern daß er das Stadium innerer Durchbildung erreicht hat, wo der Mensch im Sinne Gottes lieben kann, welcher auch keine Unterschiede gelten läßt. Die Richtung aller Kulturentwicklung weist dahin. Immer mehr befreit sich der Geist von der Materie, in der er ursprünglich involviert war, in jedem folgenden Kulturstadium steht der einzelne ungebundener da. Geschähe diese Entwicklung nun so, daß die alten Formen zersprengt würden, nachdem der neue Inhalt ausgereift ist, dann führte sie geradlinig aufwärts. Aber sie geschieht nicht also, und aus guten Gründen. Auf daß das Neue sich entwickeln könne, muß das Alte vergehen, wenn jenes erst als Keim existiert. Deswegen bedingt aller äußere Fortschritt zunächst einen inneren Rückschritt, desto mehr, je weiter die Entwicklung der Form derjenigen des Gehalts vorausgeeilt ist. Dies ist der Sinn der fortschreitenden Barbarisierung, die mit der weißen Rasse eben jetzt vor sich geht. Wir haben über der neuen Form das Bewußtsein des Gehaltes überhaupt verloren. Über ein Kleines aber wird es wieder wachsen, und dann wird es auch innerlich mit uns vorwärts gehen. Deswegen darf es nicht allzu tragisch genommen werden, wenn die Landwirtschaft, indem sie sich modernisiert, ihrer erzieherischen Kraft verlustig geht, wenn die Familienverbände sich lockern, der Berufs- und Klassenidealismus abflaut, ja der Patriotismus in Friedenszeiten immer weniger als Dominante der Volksseele erscheint: überall handelt es sich um ein Zerfallen der Form, auf daß ein neuer Inhalt sich heranbilden könne. Wenn einerseits die Form, wo sie gefestigt ist, den Inhalt meist überdauert, eilt andererseits die neue dem Inhalt voraus; dies aber ergibt ein schlimmes Übergangsstadium. Wir sind in einem solchen mitten drinnen. Wir sind oberflächlicher als irgendeine Menschenart, materiell gesinnter, dürftiger; dieses allgemeine Charakteristikum unserer Zeit tritt in Amerika karikiert in die Erscheinung. Aber wir sind nur deshalb oberflächlicher, weil unser Tiefstes in die neue Gestalt noch nicht hineingewachsen ist, nur deshalb materieller, weil unserer Spiritualität das entsprechende Ausdrucksmittel noch fehlt, nur deshalb dürftiger, weil wir unseren Reichtum nicht aufzuschließen wissen. Und die Amerikaner wirken nur deshalb schlimmer noch als wir, weil bei ihnen die Spannung zwischen Form und Gehalt noch größer ist. Aber irgendeinmal wird das unerfreuliche Stadium hinter uns liegen. Und am frühesten wahrscheinlich in der Neuen Welt, weil dort im Kampf mit dem Alten keine Kraft vergeudet zu werden braucht, und der innere Gehalt sich, ohne Rückblick, der neuen Form wird einbilden können.

 

Je weiter ostwärts ich gelange, desto intensiver erscheint die Kultur, desto selbstherrlicher der Mensch im Naturzusammenhang; fast möchte man glauben, hier bestimme er durchaus, ohne seinerseits bestimmt zu werden. Geringeren Witterungszufällen hat er durch regulierende Eingriffe (Wasserableitung, Stauung, Düngung) vorgebeugt, katastrophalen durch Versicherung; sein Acker trägt nicht, was er mag, sondern was er soll, seine Kühe sind milchergiebiger als ihrer Natur entspricht, fehlende Hände ersetzen Maschinen. Und durch vorausschauende Abstimmung seiner Privatproduktion auf die Erfordernisse des Weltmarkts hat er recht eigentlich im ökonomischen Weltzentrum Fuß gefaßt, so daß er sich ohne weiteres dem anschmiegen und dergestalt zu seinem Vorteil nutzen kann, wem er sonst als einem Fatum unterläge. Meine Gedanken ziehen zaumlos diesen Möglichkeiten nach, ich verliere sie aus den Augen. Auf einmal entdecke ich, daß sie zum Gegenpol des amerikanischen Lebens hinübergeschweift sind, dem Zustande, der nicht in schöpferischem Tun, sondern in Hinnehmen und Erleiden wurzelt. Und wie es in solchen Fällen leicht geschieht, sehe ich diesen jetzt in einseitig günstigem Licht. Die spezifische Kultur, welche dort erwächst, wo der Mensch sich der Natur nicht überlegen dünkt, wo er sich, im Gegenteil, unterworfen fühlt einem übermächtigen Geschick, wird in Amerika niemals entstehen – und doch umfaßt sie einen großen Teil des Höchsten, was die Menschheit für sich anzuführen hat. Wie edel ist der Stolz des Wüstensohns, der sich vom Schicksal schlechthin abhängig glaubt! Wie tief ist das Naturgefühl des indischen, des russischen Bauern, die sich beide als geringste Elemente fühlen im All! Und wie Erhabenes hat das gleiche Wurzelbewußtsein in China hervorgebracht! Nein: Demut, Bescheidenheit, Nichtigkeitsgefühl bedeuten nicht, wie Amerika wähnt, ein durchaus Negatives, auch sie können Quellen sein der höchsten Kraft. Sie waren es zu allen Glanzzeiten des Christentums. Ich gedenke der Bachschen Musik: diese Tiefe, diese Kraft offenbart sich nur dort, wo der Mensch sich nicht als Herr, sondern als Knecht empfindet; nicht als wesentlich Handelnder, sondern als einer, mit dem wesentlich geschieht. Die Bewußtseinseinstellung, die der jüngsten Weisheit des Westens als einzig richtige gilt, ist in Wahrheit nur eine unter vielen, und ihre Vorzüge ändern an der Tatsache nichts, daß sie die Erlebnisse eines Laotse und eines Augustin, eines Bach und eines Luther, eines Tolstoi und eines Buddha ausschließen.

O über die Relativität aller Gestaltung! Jede ist fähig, das Tiefste zum Ausdruck zu bringen, aber keine sagt alles und keine absolut mehr als andere, scheinbar geringwertige. Gewaltiges wirkt das Bewußtsein, mit der Gottheit eins zu sein: gewaltiges nicht minder der Glaube an die eigene Erbärmlichkeit. Beide Auffassungen des Verhältnisses von Mensch und Gott sind eben empirisch gleich richtig, oder können es doch sein. Sündbewußtsein entsteht notwendig bei seelischer Vertiefung, weil bei deutlicherem Innewerden des Atman auch die persönliche Unzulänglichkeit fortschreitend deutlicher wird; wer sich mit seiner Person, nicht seinem überpersönlichen Selbst identifiziert, der muß erfahren, daß nicht er handelt, sondern daß mit ihm geschieht, daß er allen Fortschritt der »Gnade« dankt. Keine Form faßt den Atman an sich selbst: nur darauf kommt es an, wie tief der Mensch sich selbst in beliebiger Form realisiert. Wie die Mystiker Persiens aus den rohen Suren des Koran sublime Weisheit herauslasen, wie die Ilias den Griechen als Moraltextbuch galt, und die züchtigste Christenheit an den verfänglichsten Stellen ihrer Bibel niemals ein Ärgernis fand, so kann jede Gestalt zum Ausdrucksmittel des Höchsten werden; aber in jeder stellt dieses sich besonders, ausschließlich und einzig dar. Die jüngste Auffassung des Christentums wird die älteren nie überflüssig machen. Unheilbar Kranken frommt Leugnen des Krankseins nicht; die kommen geistlich weiter durch den Glauben an eine Prüfung. Als Jüngerin der christlichen Wissenschaft wäre Adele Kamm nie zur Heiligen geworden, sie hätte sich im Gegenteil verhärtet in fruchtlosem Widerstand. Den Vorzügen der Karma-Lehre stehen die Nachteile entgegen, daß diese alles Unglück als Sühne, mithin als Abschluß deutet, wodurch dieses seines produktiven Einflusses verlustig geht und in ihren Bekennern die schlimme Neigung großzieht, in jedem Mißgeschick eines anderen eine verdiente Strafe zu sehen. Wer mit dem New Thought den positiven Charakter des Übels leugnet, macht die günstigen Wirkungen, die es als Strafe, Prüfung oder Ansporn aufgefaßt, ausübte, erst recht unmöglich und wird im übrigen der Tatsache nicht gerecht, daß es unstreitig kein absolut Negatives ist: des einen Unheil bedeutet immer zugleich eines anderen Heil, denn kein einzelnes hat seinen Sinn in sich, es empfängt ihn vom Ganzen. Hinnehmen, Ausharren, Mit-Sich-Geschehenlassen hat sein absolut Gutes. Und es erweist sich als einzigersprießliche innere Stellung zum Weltprozeß zu kritischen Zeiten, wo Naturkatastrophen, Revolution und Krieg alles Wollen des Einzelnen zunichte machen, wo das Fatum alle Menschenordnung zerreißt. Denn es gibt wirklich ein überpersönliches Schicksal, fasse man es als Vorsehung auf im christlichen Sinn, als Rassen-Karma oder, unbefangener und gegenständlicher, als Moira, eine allgemeine kosmische Notwendigkeit, die Resultante alles des, was je geschah, die meist unmerklich waltet und oft zusammenfällt mit den Ergebnissen menschlicher Voraussicht, sich manchmal jedoch zu souveräner Persönlichkeit verdichtet und völlig eigene, unerkennbare Ziele verfolgt – der Moira gegenüber aber hilft alles Pochen auf Selbstherrlichkeit nichts. Und selbst wenn es anders wäre, selbst wenn die ganze moderne weiße Menschheit sich zum amerikanischen Optimismus bekehren könnte, bedingte dies doch keinen absoluten Fortschritt: es bedeutete nur, daß zu gewisser Zeit eine bestimmte Gestalt dem Leben die besten Gelegenheiten bietet, daß der Hippos dem Hipparion gefolgt ist; und bewirkte zugleich das Aussterben der Form der Größe, die uns an Luther, Augustin und Bach so einzig verehrungswert scheint.

Der selbstherrlich-selbstbewußte Mensch, gleich allen Vollendungstypen, schließt die übrigen nicht ein, sondern aus. Gleichwohl ist es gut, daß er zum Ideal ward: dies bezieht aller Dasein auf einen tieferen Grundton. Der Atman ist schöpferische Spontaneität; wer sich selbstherrlich weiß, wurzelt tiefer in ihm, als wer sich abhängig fühlt. Indem der Mensch sich aus einem wesentlich bestimmten zum bestimmenden Teil der Natur verwandelt, durchmißt er in der Sphäre des praktischen Lebens die gleiche Entwicklung, die den Theisten zum Mystiker hinaufführt. Empirisch hat jener so recht wie dieser; Gott wird als Du oder als Ich erlebt, je nachdem, wo das Bewußtzentrum ruht; doch wer Ihn als Ich erlebt, erlebt Ihn tiefer. So wurzelt der selbstherrlich Bestimmende überhaupt unmittelbarer im Sein als der hinnehmend Erleidende. Und daß dem so ist, beweist hier nicht allein, wie beim Mystiker, das subjektive Gefühl, sondern die objektive Erfahrung: diese tut dar, daß der Mensch wirklich zum Herrn der Schöpfung berufen ist. In unserer Welt besitzt die Moira nicht ein Tausendstel der Macht, über die sie unter den Griechen verfügte, welche hemmungslos ihre Leidenschaften auslebten und dergestalt selbst die Gewalten schufen, die sie verdarben; die Elementarkräfte haben wir uns zum großen Teil botmäßig gemacht. Gewinnen wir je gleiche Herrschaft über uns selbst und üben sie mit vollem Verständnis aus, so mag es dahin kommen, daß einer pessimistischen Weltansicht, weil kein Erleiden mehr verhängnisvoll erschiene, aller Boden entzogen sein wird; daß der Mensch, äußerlich Herr der Natur, über allen Zufällen innerlich erhaben, des Sinns des Guten wie des Bösen voll bewußt, der Vorsehung Amt übernimmt.

 

In Amerika schweift meine Einbildungskraft unaufhaltsam in eine bessere Zukunft voraus. Dies beweist, wie sehr der Fortschrittsbegriff dieser Welt gemäß ist. Hier hat das reflektierende Bewußtsein das ganze Leben so weit durchdrungen und erfaßt, daß seine Eigenart bestimmt, seine Normen das Geschehen regulieren und seine Ideale als schöpferische Kräfte wirken. Wieviel Macht besitzt der Geist über die Natur! An Originalität, Beweglichkeit, Erfindungsgabe stehen die führenden Völker der Moderne den alten Griechen hundertfältig nach. Allein die Entwicklung dieser, so vieldimensional sie war und so weit sie führte, fand nicht unter dem Zeichen des Fortschritts statt. Sie lebten richtungs- und hemmungslos ihre Gaben aus, unbefangen wie die indische Phantasie, und nach knapp zwei Jahrhunderten der Herrlichkeit waren sie am Ende; seitdem faulten und verdarben sie nur, soviel geistige Fermente sie auch weiter ausschieden. Jene nun pflanzten ihre Ideale unter dem Fortschrittsgesichtspunkt systematisch dem Leben ein, was den physiologischen Prozeß, der an sich endlich ist, dem unendlichen geistigen unterordnet. Darum ist keine Ursache abzusehen, weshalb sie je im ganzen verderben und sich fortzuentwickeln aufhören sollten.

Die neue fortschrittliche Menschheit hat zum Beruf, in progressives Leben umzusetzen, was von den Ideen aller Zeiten im guten irgend fortwirken kann. Zu diesem Umsetzen ist sie, ihrer besonderen Physiologie nach, einzig begabt, so sehr sie in anderen Hinsichten versage. Die hellenischen Ideale sind realere Mächte in unserer Welt als in der antiken; irgend einmal wird gleiches von den indischen Einsichten gelten. Heute freilich sind kaum die Vorarbeiten zum ersten Anfang dessen erledigt, was unsere Bestimmung scheint; die gegenwärtigen Zustände bedeuten embryonale Phasen. Wer in diesen aufgeht, leistet wenig für die Dauer. Ich persönlich bin von zu alter Kultur, um an Vorläufigem Befriedigung zu finden; ich könnte nicht Bastillen stürmen, auf Barrikaden kämpfen, weil ich weiß, daß es dabei nichts Wesentliches gilt. Zum Revolutionär-, zum Pioniertum bedarf es der Blindheit. Allein wo ständen wir, gäbe es die Blinden nicht? Die Phagozyten, die im Blut todbringende Mikroben bekämpfen, wähnen gewiß, dieser Krieg sei ein Endzweck; und dächten sie anders, kein höheres Wesen könnte leben. Mehr als alle haben die Sehenden Grund, die Blinden zu achten, denn ihnen danken sie ihre Daseinsmöglichkeit; der Versteher ist möglich nur deshalb, weil Millionen von Unverständigen sich opfern. Eine Welt, in der deren Meinung dominiert, kann ihn freilich nicht freuen, aber worauf hat er auch Anspruch? Nous n'avons pas le droit d'être fort difficiles, schrieb schon Renan. Dans le passé, aux meilleures heures, nous n'avons été que tolérés. Cette tolerance, nous l'obtiendrons bien au moins de l'avenir. Un regime démocratique borné est, nous le savons, facilement vexatoire. Des gens d'esprit vivent cependant en Amerique, à condition de n'être pas trop exigeants. Noli me tangere est tout ce qu'il faut demander à la Démocratie. Et peut-être la vulgarité generale sera-t-elle un jour la condition du bonheur des élus.

 

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