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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
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Salt Lake City

Wie ich im Bureau des Mormonentempels, des Beginns des mittaglichen Orgelkonzertes harrend, in den ausgestellten Büchern und Traktaten blätterte, wandte sich die Verkäuferin zu mir und fragte, ob mir das neue Evangelium schon gepredigt worden sei? – Ich erwiderte, daß mir die Schriften der Mormonen allerdings bekannt seien. – Sind Sie davon schon überzeugt, daß sie Gottes Wort enthalten? Und ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, fuhr sie fort: das eben ist das Wunderbare unserer Religion, daß sich über den göttlichen Ursprung ihrer Offenbarung ohne Umschweif Sicherheit erlangen läßt. Gott hat durch Joseph Smith verheißen, daß Er jedem, der Ihn in Wahrhaftigkeit um Auskunft angeht, unmittelbar Bescheid erteilen wird. Und Er hält Wort: so bin ich bekehrt worden. Ich bin ein Münchener Kind; zufällig gelangte ich dazu, einem Mormonenmissionar zu lauschen; der wies mir den Weg, wie ich mir über den göttlichen Ursprung des Buches Mormon Gewißheit verschaffen könne. So fragte ich Gott – und siehe da: Er antwortete mir sogleich mit einem vernehmlichen Ja. Seitdem bin ich hier und sehr glücklich. – Gerührt sah ich sie an. Sie gehörte dem üblichen Typus der Bekehrten an, wie er gleichsinnig und gleichartig alle Erweckungskirchen füllt; aber so rührend simplistische Vorstellungen hatte ich noch nie mit eigenen Ohren bekennen gehört. In dieser Hinsicht steht die Mormonenkirche ohne Zweifel an der Spitze aller geistlichen Institutionen. Wie pathetisch ist die Geschichte der Mormonenpolygamie! Es war Joseph Smith geoffenbart worden, daß die Familienbande im Himmel fortbeständen; damit war die Vielweiberei insofern als bestehend anerkannt, als der, welcher auf Erden nacheinander mehrere Frauen heiratet, dieselben im Himmel alle auf einmal besitzen werde. So bedeutete die nächstfolgende Offenbarung, daß der Mann auch auf Erden viele Frauen haben solle, dem Sinn nach nur ein Korollar zur vorhergehenden. Gleichwohl wirkte dieses Gebot auf die Gemüter der Frommen niederschmetternd; es widerstritt allen Vorurteilen ihrer biederen Angelsachsenseelen. Allein die Gottesfurcht siegte, und schweren Herzens legten sich alle mehrere Frauen an. Bald setzten die Nachstellungen ein; es begann eine Zeit so erbitterter Verfolgung, daß die Kirche vernichtet zu werden drohte. Da erbarmte sich der Herr; Er offenbarte dem Präsidenten Wilford Woodruff, daß die Vielweiberei nunmehr aufhören dürfe. »So sind die Heiligen der letzten Tage«, heißt es in einer kanonischen Schrift ( Mormonism, by B. H. Roberts, published by the Church p. 57), »was die Vielweiberei betrifft, weder für ihre Einführung noch auch für ihre Abstellung verantwortlich. Der Herr hat sie erst geboten, allen menschlichen Vorurteilen zum Trotz; dann, sich der Leiden erbarmend, die der Gehorsam über seine Getreuen brachte, erlaubte Er zur Monogamie zurückzukehren. Es ist Gottes Sache, für die von ihm ausgehenden Befehle einzustehen.« – Ich muß über das Urteil denken, das der Swami Vivekânanda über alle ihm bekannten Religionsstifter des Westens fällte: bei ihnen allen sehe man echte Erleuchtung auf seltsame Weise mit possierlichem Aberglauben verquickt; sie seien wohl von Gott inspiriert, aber psychisch zu ungebildet gewesen, um das Geoffenbarte rein aufzufassen und richtig zu verstehen. So ist es. Im Mormonentum tritt in extremer Form zutage, was im Prinzip von aller religiösen Gestaltung der westlichen Menschheit gilt. Unzweifelhaft waren Joseph Smith und Brigham Young ebenso echte Propheten, wie Moses, Wesley, Luther und Calvin; sie waren nur überaus unwissend und ungebildet. Aber wesentlich unterscheiden sie sich darin, darüber sei man sich klar, von unseren Größten nicht. Was soll man z. B. zu Luther sagen, welcher das, was allen tief religiösen Geistern vor ihm das Wesen der Religion verkörperte, als vorübergehende, sekundäre, ja bedenkliche Erscheinung verworfen und eben das, was vor ihm stets als abgeleitete Wirkung ihrer galt, als ihr Wesen beurteilt hat? welcher gelehrt hat, daß Religion nichts anderes sei und nichts Höheres bedeuten könne, als blinden Glauben an Gott und Benutzen der Heilmittel Wort und Sakrament Vgl. Adolf Harnack, Reden und Aufsätze, II, S. 300, 302.? Man kann nur verlegen schweigen ob des Verständnismangels dieses großen Mannes. Herrlich tief war seine persönliche Religiosität, doch seine Gedanken über das Religiöse hafteten sämtlich an der Oberfläche. Und nun Calvin: ist seine Dogmatik nicht ungeheuerlich? Ungeheuerlich fürwahr ist die Idee einer ewigen Verdammnis, die von Ewigkeit her von einem allbarmherzigen Gott zu seiner Ehre über die machtlose Seele verhängt sein soll. Allein Calvin war ein sonst hochgebildeter Mann, und Luther ein Genius: deshalb leuchtet aus ihren noch so flachen Vorstellungen immerhin der Geist der Tiefe hervor, so daß man durch alle Torheit hindurch fühlt: sie wußten's besser, als sie's aussprechen konnten. Bei den angelsächsischen, zumal den überseeischen Reformern spürt man nichts Ähnliches. Die angelsächsische Rasse, in vielen Hinsichten die entwickelteste der Welt, steht religiös auf einer ganz primitiven Stufe. Sie ist so unphilosophisch, so unpsychologisch, überhaupt so undifferenziert und unreflektiert, was das Leben der Seele betrifft, daß sonst bedeutende Briten sich anstandslos zu Religionsformen bekennen, die unserem Urteil nach kaum mehr Köhlern gemäß sein sollten. Kein angelsächsischer Religionsstifter war je philosophisch urteilsfähig, und gehörte er gar den niederen Volksschichten an, war er überhaupt ungebildet und ungeschult, wie die meisten amerikanischen Reformatoren, dann entstanden Systeme wie das mormonische. Noch einmal: wer da Indien kennt oder sonst weiß, was religiöse Bildung bedeutet, dem stellen sich Auswüchse, wie sie in Rußland die Duchobortsen, in Norddeutschland die Pietisten und in Amerika die Mormonen verkörpern, als nichts Außerordentliches dar; vielmehr als leidlich typische Ausdrucksformen der religiösen Erfahrung im Westen.

Wir Okzidentalen sind nicht Versteher, sondern Täter. Dieselben Mormonen, deren religiöse Vorstellungen so kindisch wirken, haben eine Kulturarbeit geleistet, wie kaum ein Volk; in knapp einem halben Jahrhundert haben sie die Salzwüste in einen Garten umgewandelt. Sie sind ferner ausgezeichnete Staatsbürger, rechtschaffen, ehrlich und fortschrittlich. Solch praktische Vorzüge eignen den Indern nicht, bei all ihrer größeren Einsicht. Offenbar besteht kein notwendiger Zusammenhang zwischen dem philosophischen Werte einer Idee und ihrer Bedeutung für das Leben, läßt sich von jenem aus über diese nichts präjudizieren. Der Prädestinationsgedanke ist eine Monstrosität: er hat gleichwohl die stärksten Männer der Geschichte gebildet; die ganze Wirkungsmacht des modernen Menschen geht auf die Weltanschauung Johann Calvins zurück. Die lutherische Auffassung der Religion ist befremdlich flach: aus ihr oder innerhalb ihrer ist gleichwohl die tiefste Gemütskultur Europas erwachsen, und ihr Geist liegt der Musik Johann Sebastian Bachs sowohl, als der großen deutschen Spekulation zugrunde. Die katholische Kirche mit ihrem Gegensatz gegen alle Selbständigkeit, mit ihrer primitiven Mythologie und ihrer Fortschrittsfeindlichkeit bedeutet noch heute die beste psychologische Bildungsanstalt, mithin die beste Schule der Selbsterkenntnis, die wir haben. Und der Brahmanismus mit seiner wunderbaren Erkenntnistiefe hat sich als unfähig erwiesen, nicht allein das praktische Leben der Masse auch nur annähernd so günstig zu beeinflussen, wie die roheren Religionsformen des Westens, sondern er hat auch die Erkenntnis im ganzen weniger gefördert als das Luthertum. Es geht eben nicht an, bei der Beurteilung einer religiösen Idee von den empirischen Verhältnissen abzusehen, innerhalb derer sie wirken soll. Ihre Wirkungskraft hängt ab von dem Grade, in welchem sie den Willen der Menschen beeinflußt; dieser seinerseits von der prästabilierten Sympathie zwischen den religiösen Vorstellungen und den Neigungen; diese ihrerseits von dem Milieu, in dem sie aufwuchsen, und so fort. Allgemein läßt sich allenfalls das folgende sagen: wo die Geistesbildung gering, die Intensität des Wollens groß ist, erweisen sich primitive Vorstellungen als die besten; wo das umgekehrte Verhältnis waltet, dort sind alle Vorstellungen wirkungslos; nur wo beide auf annähernd gleich großer Höhe stehen, entscheidet der geistige Wert mehr oder weniger über die Effikazität. Auf diesem letzten Stadium befindet sich neuerdings ein Teil der europäischen Menschheit. Aber dieser Teil ist geringer, als man denkt; auch unter uns frommen den meisten primitive Vorstellungen am besten.

 

Wesentlich interessanter erscheint das amerikanische Sektenwesen, wenn man es nicht an sich selbst, sondern als Exponenten und Repräsentanten okzidentalischer Religiosität betrachtet; denn hier wie überall treten die typischen Züge des Abendländers in Amerika stärker zutage, als in Europa, und haben vorgeschrittenere Entwicklungsstadien erreicht.

Was unterscheidet unsere Religiosität grundsätzlich von der indischen? Daß in ihr, im Gegensatz zu dieser, das Principium individuationis die Gestaltung herrschend bedingt. Die Religion hat es im Westen mit dem Verhältnis des einzelnen als solchen zu Gott zu tun; über dem einzelnen, zum Menschen zu, gibt es keine Instanz. Damit wird das Individuelle zum Wert. Gleichviel, wie dies Verhältnis im besonderen verstanden werden mag – im Sinn eines unendlichen Werts der Menschenseele schlechthin (Christus), der Persönlichkeit als höchsten Glücks (Goethe), des Übermenschen (Nietzsche), des Gottmenschen (Johannes Müller, New thought), den jeder einzelne aus sich herausbilden oder in sich wecken soll – es ist die Wertbetonung des Individuellen als solchen, die der okzidentalischen Religiosität ihren eigenartigen Charakter gibt. Hierauf sind die meisten und jedenfalls die wichtigsten Unterschiede zwischen östlichem und westlichem religiösen Wesen zurückzuführen. Nirgends gibt es mehr Sekten als in Indien; nirgends sind die Unterschiedsmerkmale bestimmter herausgearbeitet. Aber da das Unterschiedliche nicht wertbetont erscheint, so ergeben sich aus dem Tatbestand die Konsequenzen nicht, die ein gleiches im Westen immer zur Folge gehabt hat. Bei uns hat Unterschiedlichkeit immer Feindschaft bedingt, sieht eine Sekte auf die andere herab, bekriegt sie, verfolgt sie, sucht sie auszurotten oder zu bekehren; wenn der Wert an die individuelle Form gebunden sein soll, dann entwertet natürlich die jeweilig anerkannte sämtliche anderen, woraus sich die Berechtigung, ja die Pflicht ergibt, diese so oder anders aus der Welt zu schaffen. Wo hingegen das Individuelle nicht als Wert, sondern als Sonderausdruck eines Höheren aufgefaßt wird, dort ist der Intoleranz, der Ausschließlichkeit, der Bekehrungswut, ja dem bloßen Missionseifer der Boden unter den Füßen entzogen. Deshalb hat sogar die Mahâyâna-Religion, die ihren Anhängern Missionieren zur Pflicht macht, nie Intoleranz geübt: dem indischen Geist widerstrebt es absolut, eine Sondergestalt an sich als Wert zu beurteilen.

Nun ist kein Zweifel, daß die indische Auffassung prinzipiell die richtige ist: das Individuelle ist an sich kein Wert. Aber es kann zum Träger von Werten gemacht werden, und geschieht solches, so erhält es eine spirituelle Dichtigkeit, die sein Wesen von Grund aus verwandelt. Daher die ungeheure, einzigartige Wirksamkeit, die den westlichen Geist in all seinen Äußerungen kennzeichnet. Was hat die bloße Tatsache des »Verschiedenseins« bei uns von je für Kräfte entfesselt! Man denke an die Kämpfe zwischen Christen und Ungläubigen, Katholiken und Protestanten, Traditionalisten und Fortschrittlern: so wenig sie innerlich berechtigt erscheinen, so ungeheure Wirkungen haben sie ausgelöst, und zwar segensreiche Wirkungen. Jeder Kämpfer sah eben in seinem Sonderbekenntnis das einzig mögliche Gefäß der absoluten Wahrheit, er füllte es mit dem gesamten Gehalt an Idealen, den er besaß, und ward sich derer so deutlicher und innerlicher bewußt, als dies möglich gewesen wäre, wenn er sie an sich und parteilos kontempliert hätte. Hierher rührt es, daß unsere beschränktere Erkenntnis für den Menschheitsfortschritt mehr bedeutet hat, als die tiefere und weitere der Inder: was wir wußten, haben wir unserem persönlichen Leben eingebildet und auf diese Weise unseren Ideen die ganze lebendige Kraft persönlichen Wünschens und Strebens mitgeteilt. Auf diese Weise löst sich das Rätsel, weshalb Albasche und Cromwellsche Unduldsamkeit mehr zum Sieg der Gewissensfreiheit beigetragen haben, als eines Erasmus Allverstehen: Toleranz läuft praktisch auf Gleichgültigkeit hinaus, kann die Welt daher von sich aus nicht verändern, während jedes einseitige Wirken dank der Gegenwirkungen, die es auslöst, darauf hinarbeitet, daß sich der alte Gleichgewichtszustand in einen neuen umsetzt. Auf diese Weise löst sich auch das Paradoxon, auf das ich im Laufe dieser Aufzeichnungen öfters hinzuweisen Gelegenheit fand – das Paradoxon, daß der Wert einer Idee als Idee so wenig ihren praktischen Wert garantiert, daß beschränkte, ja ungeheuerliche Vorstellungen sich oft segensreicher erwiesen haben, als tiefere –: wo der Akzent des Wesens auf der Erscheinung ruht, ist diese transfiguriert; sie bedeutet nun, was zu ihrem Eigensinn in gar keinem Verhältnis, ja kaum in Beziehung steht; sie wird zum Ausdruck des Absoluten. So haben die Völker des Westens, trotz ihrer Seelenblindheit, ihrer Beschränktheit, ihrer Einseitigkeit und Intoleranz, ja man kann beinahe sagen, wegen ihrer, von allen am meisten bisher für die Menschheit als Ganzes geleistet; sie allein haben es unternommen und verstanden, die Ideale, die sie fortschreitend erkannten, in dieser Welt auch fortschreitend zu verwirklichen.

Das Medium dieser Verwirklichung war nichts anderes als der Parteigeist, das Grundmotiv der Glaube an den absoluten Wert und die Substanzialität des Individuellen; aber die wirkende Kraft war das Ideal. So führt der normale Weg des Fortschreitens von selbst aus den Beschränkungen hinaus. Niemand wohl ist in engerem Sinne religiös gewesen, als die amerikanischen Pilgerväter; lange hat jenseits des Ozeans die grausamste Intoleranz geherrscht; furchtbar zumal waren die Verfolgungen, welche die Mormonen ausstehen mußten. Aber weil das Principium individuationis in Amerika auf die Spitze getrieben ward, brach diese dort am frühesten ab. Sekten über Sekten entstanden dort, jede wähnte sich zuerst im Alleinbesitz der Wahrheit, schloß sich streng von allen übrigen ab. Aber da von allen Amerikanern die schlechthinige Freiheit des Individuums als Grundprinzip einer politischen Weltanschauung anerkannt ward, so konnte es auf die Dauer nicht fehlen, daß ein Individuum das andere gelten ließ; Duldsamkeit löste langsam, aber auch unaufhaltsam die ursprüngliche Unduldsamkeit ab. Damit nun war etwas angebahnt, was unzweifelhaft einen Höhepunkt in der bisherigen Menschheitsentwicklung bezeichnet: eine Praxis, welche ideell auf der indischen Weitherzigkeit fußt, die alles Besondere als selbstverständlich gelten läßt, aber de facto von der ganzen Kraft beseelt wird, die persönliches Wollen beruft. Mit anderen Worten: die neueste Entwicklung der westlichen Menschheit führt unter Wertbetonung des Individuellen zum gleichen Zustand, wie unter Indern die Nichtachtung des Individuums.

Wird die westlich-christliche Lebensstimmung jemals vom Geist metaphysischen Wissens beseelt, dann mag sie wohl noch dereinst das vollkommenste Leben aus sich hervorbringen, das hienieden theoretisch denkbar erscheint. Wenn die christliche Liebe bis heute ebensoviel Unheil wie Heil verursacht hat, so liegt dies daran, daß sie noch allzusehr mit dem naturhaften Gefühl zusammenfällt, das mehr ein Nehmen- als ein Gebenwollen ist und beinahe durchaus mit einem weiteren Egoismus zusammenfällt. Wenn die christliche Stellung zum Sterben im ganzen unedler wirkt als die buddhistische, so beruht dies darauf, daß sie den Nachdruck nicht auf das Opfer, sondern das Behalten legt, auf Vergeltung des Leids und ein Wiederfinden alles Verlorenen in einer besseren Welt. Allein keine dieser Auffassungen hängt mit unserer Lebensanschauung notwendig zusammen. Was diese wesentlich kennzeichnet, unabhängig von allen zeitbedingten Vorstellungen, sind die Wertbetonung des Individuellen und das Jasagen zum persönlichen Schicksal; diese jedoch, vom Geiste wahren Wissens beseelt, bedingten ein höheres und volleres Leben, als das indische Détachement. Auch die Inder reden vom Opfer, das jeder bringen soll: doch was bedeutet das Aufgeben dessen, woran einem nichts liegt? Wer das Leben nicht ernst nimmt, hat leicht verzichten. Das Nichternstnehmen aber beweist, außer in seltenen Ausnahmefällen, Unaufrichtigkeit. Wir sind nun einmal Individuen, irdische, leidensfähige Wesen, hängen mit unserem ganzen empirischen Bewußtsein zusammen mit dieser Welt. Also lügen wir, indem wir behaupten, sie wäre uns nichts; oder lügen wir nicht, so offenbaren wir damit in den meisten Fällen nicht, daß wir weltüberlegen, sondern stumpf und gefühllos sind. Jedenfalls aber beweisen wir physiologische Opferunfähigkeit. Als Opfer kann nur das Hingeben gelten, welches weder auf größeren Gewinn hin geschieht, noch ein als wertlos Erkanntes betrifft. Im freudigen Opfernkönnen und -wollen allein nun sind wir »entworden«, wie Meister Eckhart sagt, unseres Ich entkleidet, und insofern praktisch eins mit Gott – keine Lebensstellung aber legt solch wahres Opfern näher als die westlich-christliche. Sie ermöglicht in der Idee die weitaus freieste zum Tod. Wer da stirbt, gibt wirklich sein Leben hin; denn mag seine Seele fortleben – der Mensch, als welcher er sich kennt und anderen lieb ist, ist auf immer dahin. Im vollen Bewußtsein dessen gern zu sterben oder ein geliebtes Wesen willig hinzugeben, bedeutet buchstäblich ein Überwinden des Todes, denn wer so schenken kann, rein hingeben ohne wieder nehmen wollen, ist hinaus damit über alle Natur. – Nicht anders steht es mit der christlichen Liebe. Besser entschieden, als sich und die Welt gleich gering zu schätzen, ist seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, schon deshalb, weil sich selbst doch jeder liebt. Nur muß die Liebe, um einen Ausdruck metaphysischen Wissens zu bedeuten, rein geberisch sein, ein sonnenhaftes Strahlen, Wärmen, Lebenspenden, ohne Vorbehalt, Absicht und Ausschließlichkeit. Weil sie dieses nicht ist in der christlichen Welt, sondern im ganzen ein Ausdruck von Selbstsucht, bietet diese ein häßlicheres Schauspiel dar als die gleichgültigere des Orients. Allein sie kann es, muß es werden bei fortschreitender Erkenntnis; der psychische Körper ist da, bedarf bloß der Durchgeistung, und diese geschieht schon. Ist sie aber vollendet, dann wird das göttliche Licht an der christlich gestimmten Seele ein vollkommenes Medium besitzen. Anstatt, wie in Indien, nur in der geistigen Sphäre zu leuchten, oder in der des Empfindens, wie im buddhistischen Japan, oder allein, wie im Westen bisher, dem Handeln die Richtung zu weisen, wird es den ganzen, vollen Menschen beseelen.

 

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