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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Im Yosemite-Tal

Wirklich entrückt bin ich dem Orient doch noch nicht: er bildet den Hintergrund meines Abendländererlebens, dank welchem dieses ein Relief erhält, das ihm sonst abging. So finde ich es nicht selbstverständlich, es fällt mir auf, daß mein Selbstgefühl sich mehr und mehr in den Grenzen meiner Person zusammendrängt. Großartig ist die Natur, die mich umgibt; in gleicher Landschaft, in Indien oder in China, hätte ich mein Ich schon längst im All verloren. Mit den Felsen würde ich mich lasten fühlen, die in steiler Mauer das Schwemmland des Yosemite einfassen; ich erlebte mich als Seele der Fälle, deren Wassermassen nach vielhundertfüßigem Sturz das Tal als zartes Nebelbild erreichen; in jeder Tanne strebte ich himmelwärts. Hier bin ich nicht selbstverständlich eins mit dem, was mich umgibt. Ich scheide zwischen mir und den Felsen, die Wasserfälle sehe ich außer mir, der Geist der Wälder ist mir ein Du. Und versetze ich mich absichtlich in das hinein, was doch wesentlich zu mir gehört, so ist mir, als eroberte ich es. Mein Weltgefühl äußert sich als Trieb zur empirischen Expansion. Ich kann nicht mehr hinein in die Natur, ohne mein Ich mit hineinzunehmen; dessen Gewebe scheint zu dicht geworden, als daß es sich als Geist in ihr verbreiten könnte.

Dementsprechend gesteigert erscheint mein Daseinsgefühl. Die Kraft, welche jüngst erst den Weltraum ausfüllte, ist nun in den Grenzen meines Individuums zusammengedrängt. Dadurch erhält dessen Energie einen Stärkegrad, wie ich ihn in Indien niemals erlebt habe. Wohl bin ich ursprünglich nicht eins mit der Welt rings um mich her, doch was sollte mich hindern, es zu werden? Warum sollte ich den Himmel nicht erstürmen, den Erdkreis nicht einnehmen? Mir ist, als vermöchte ich alles, was ich nur will, und es drängt mich, es zu beweisen. – Dieses also wäre der Sinn des westlichen Eroberertums! Wir stellen das Problem im Rahmen von Raum und Zeit, das der Inder unabhängig davon zu lösen trachtet, aber es ist doch ein gleiches Problem! Ich fühle mich auch nicht oberflächlicher geworden, als ich in östlicher Gestaltung war, wenngleich die bestimmten Aufgaben, die sich mir stellen, allesamt an der Oberfläche der Dinge haften. Wie seltsam, daß ein gleicher innerer Sinn so grundverschiedenen Ausdruck finden kann: dort als mystische Erkenntnis, hier als Trieb zur Eroberung; dort als allverstehendes Genügen, hier als blinder Drang zum Erwerb. Aber der Sinn ist wohl überall Einer, und es hängt von den Umständen ab, ob er als Raubtier oder als Reh, als Selbstlosigkeit oder Begehren, als Verstehen oder Tun zutage tritt.

In Kalifornien wird mir zum erstenmal deutlich bewußt, welcher Art die Verhältnisse sind, die das Phänomen des Westländers ermöglichen, denn hier treten sie in extremer Ausprägung zutage. Diese Luft ist ungeheuer vitalisierend; noch nie habe ich über gleich viel kinetische Energie verfügt. Und fasse ich den Eindruck meines inneren Erlebens mit der Anschauung der Pflanzenwelt zusammen, dieses wahrhaftigsten Ausdrucks der elementaren Lebensbedingungen, so erkenne ich unmittelbar, inwiefern das Vitalisierende dieser Welt anderen Sinnes ist als das der Tropennatur. Nirgends scheinen die äußeren Verhältnisse der Flora günstiger zu sein als in der Treibhausatmosphäre Ceylons; dennoch bedeuten sie für das Leben, von dessen Standpunkte aus, kein Optimum. Dort ist es niemals stark; das Individuum ist nicht ausgeprägt; unaufhaltsam wuchern die Elemente über den Plan des Ganzen hinaus, das vereinigende Band erschlafft, der Intensitätsfaktor leidet. Bei Gewächs und Mensch tritt Gleiches in die Erscheinung: bei abnormem Ausbreitungsvermögen Konzentrationsmangel. Die Grenze zwischen Individuum und Gattung verschwimmt, das Einzelne verliert sich in der Masse. Gleich den Lianen wuchern die Geschlechter, wie das Unkraut die Gebilde der Phantasie; nur ausnahmsweise kommt es zu scharf umrissenen, innerlich festen, starken und eindeutigen Gestalten. – In Kalifornien drängt alles zur Individualitätenbildung. So günstig die äußeren Umstände seien, das innere Moment dominiert. Der fabelhaft fruchtbare Boden treibt keinen Dschungel, sondern einzelne Baumriesen hervor.

Die größere Individualisiertheit, die den Westen dem Osten gegenüber auszeichnet, bedeutet sonach weniger Beschränkung, als Potenzierung der Lebensmöglichkeiten; oder genauer ausgedrückt: der Verlust an üppigem Reichtum kommt der inneren Spannkraft zugute. Gleichwohl spüre ich es hier mehr denn je, gerade hier, wo sich die Natur dem Westländersinn am holdesten erweist, inwiefern der Orient uns voraus ist. Es fällt mir über die Maßen schwer, ein geistiges Dasein zu führen; nur mit übergroßer Anstrengung kann ich mich hier auf Ewigkeitsprobleme konzentrieren; die große Natur um mich herum findet kaum ein Echo in meiner Seele. Dies liegt nur zum geringen Teil daran, daß ich mich in der Wildnis befinde, in einer Welt, in der noch nie gedacht ward; es liegt hauptsächlich an den intimen Vorgängen, die sich in meinem Organismus abspielen und dem Bewußtsein übermächtig aufdrängen. Ich spüre mich wiederum wachsen, als ob ich mein physisch-organisches Leben neu begänne; ich fühle mich in den Zustand zurückversetzt, da meine Lebenskraft mit der Bildung des Körpers vollauf beschäftigt war. Aller Geist scheint im Körperlichen gebannt. Dementsprechend ist alles Streben stoffgebunden; wollte ich jetzt himmelan, ich könnte es nur im Sinn der Tanne tun. – Unsere Welt ist eine Kinderstube, verglichen mit der östlichen. Seltsam, daß derartiges einem an Bäumen so deutlich werden kann. Sie sind doch alt genug, diese Riesen, die doppelt und dreimal so hoch, wie in Europa, über den Erdboden hinausragen. Aber sie gehören einer jungen Rasse an. Sie sind ein Urausdruck des Lebens, gleich den vorsintflutlichen Riesentieren. Ich würde mich kaum sonderlich wundern, wenn hier ein Megatherium meinen Weg kreuzte, und kein Schauer der Ehrfurcht vor grauem Altertum überkäme mich dabei, sondern ein Gefühl heiterer Befriedigung darüber, wie jung diese Welt noch ist.

Wir sind mehr materiell als spirituell gesinnt, weil wir aus der Periode physischen Wachstums noch nicht heraus sind; wir sind Materialisten im Sinn von Kindern. Aus eben dem Grunde äußert sich unsere Energie zunächst hauptsächlich in blindem Tätigkeitsdrang. Lebte ich länger in diesem Land, auch ich entwickelte mich wohl zum Unternehmer; mein Geist bildete sich mehr und mehr der Materie ein, und die Idealität des Philosophen verwandelte sich in die des Konquistadors. – Ich kann nicht behaupten, daß diese Welt mir persönlich kongenial wäre. Und doch bin ich mir über eines klar: ist es das Streben des Geistes, die Erscheinungswelt zu durchdringen, ist es Bestimmung des Menschen, diese Durchgeistigung herbeizuführen, dann hat unser Materialismus mehr Zukunftswert als der Spiritualismus Hindustans. Dieser steht der Natur machtlos gegenüber. Er meistert sie nicht; darum kann er sie nicht spiritualisieren. Uns kann dies gelingen. Nur führt unser Weg zunächst ins Herz der Materie. Wir müssen hinein, hindurch durch alles das, worüber der Osten sich hinausschwang. Wir müssen zeitweilig Materialisten sein.

 

In diesen Wäldern ist kein höherer Menschenschlag denkbar, als derjenige Lederstrumpfs. Prachtvoll heben sich Rough-riders, Indianer und Cowboys vom Hintergrund der wilden Landschaft ab, in der alles so groß und so weit und zugleich so einfach ist; geistigere Typen wirken als Kümmerer. Hier gilt es kühn und geschwind, entschlossen und skrupellos sein; die Prospektortugenden sind die Tugenden schlechthin. Wie sehr lebt der Konquistador im modernen Amerikaner fort! Raubwirtschaft treibt dieser mit Wald und Feld, Raubwirtschaft mit den Menschen. Er ist kaum weniger freizügig und ungebändigt, wie einst der Trapper.

Ich versetze mich in jene Knabenjahre zurück, da nichts mich mehr vergnügte, als im Walde zu schweifen, da die Jagdpassion meine stärkste Leidenschaft war und der reisende Abenteurer in fernen Weltteilen mein verstiegenstes Ideal verkörperte. Jeder ordentliche Junge hat diesen Zustand durchgemacht; er bezeichnet den normalen Bewußtseinsexponenten der Periode stärksten Wachstums. Was soll man denn anderes erstreben, wo der Arm täglich länger wird, als täglich weiterzugreifen? und erstrebte man es nicht – wie sollte er genügend erstarken? Allzu früh allzu hohe Ideale zu bekennen, tut nicht gut. – Ja, jugendlich wirkt er, fast primordial, der Mensch des Fernen Westens. Danach sollten auch die wirklichen Schwächen der Amerikaner beurteilt werden. Allerdings sind sie Barbaren und trotz beneidenswert vorgeschrittener Institutionen höchst gefährlich für den Bestand unserer Kultur: dem Schulbuben sind gewisse Begriffe noch fremd, er kann nichts Schlimmes daran sehen, daß er einen kostbaren Gegenstand zerschlägt. Allerdings wirkt es mitunter recht komisch, wenn eine so unreife Nation die Allüren einer erwachsenen annimmt; aber noch habe ich keinen Bengel gesehen, der sich nicht weiser als seine Eltern gedünkt hätte. Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten ist Schülerpolitik, ihre Poesie Primanerromantik. So soll es im Augenblick auch sein; wer kein richtiger Junge war, reift nie zum Manne heran. Und dann versagen Kinder doch nur dort, wo sie es mit Erwachsenen zu tun haben, diesen unverständlichen und verständnislosen Wesen; wo sie untereinander verhandeln, unter ihren eigenen natürlichen Voraussetzungen, dort machen sie es meistens sehr gut; ihre größere Unbefangenheit läßt sie mitunter sogar als die absolut Weiseren erscheinen. So hat Amerika eine Reihe innerpolitischer Probleme besser als wir gelöst, ist das öffentliche Gewissen dort unbestechlicher. Die Massen urteilen dort eben, wie Knaben in moralischen Fragen urteilen: primitiv, in Bausch und Bogen, von wenigen einfachen Voraussetzungen aus, insofern häufig unweise und meistens grausam, doch dem Sinne nach selten ganz falsch.

Der Europäer kommt sich leicht alt vor, wenn er sich mit dem Amerikaner vergleicht. Er fühlt, wieviel er hinter sich hat, wie sehr seine mögliche Zukunft von der Geschichte vorausbeschränkt ist. Viele naheliegende und in der Theorie leicht durchführbare Verbesserungen in unserem Zustand werden nicht mehr durchzuführen sein, es sei denn durch zerschlagende Gewalt. Wenn dieses Bewußtsein den Europäer niederdrückt, dann gedenke er des Orients und der Art, wie unsere Welt sich diesem darstellt. Der sieht keinen anderen Unterschied zwischen Europäer- und Amerikanertum, als daß ihm dieses typischer erscheint; auch wir muten ihn als ungefüge große Kinder an, die noch viel, viel zu lernen, und viel, viel Zeit vor sich haben. Und er hat recht. Wir modernen Westländer sind wesentlich jung. Reicht unsere Tradition auch fast so weit zurück, wie diejenige Indiens – heute vertreten wir eine Welt, die erst gestern entstand. Die Weltanschauung des Fortschritts, der Demokratie ist ein vollkommen Neues, steht der, welche sie ablösen kam, kaum näher als der chinesischen; sie aber hat uns geformt. Die letzten hundert Jahre haben die weiße Menschheit wieder jung gemacht. Indem sie den Akzent sozialer Bedeutsamkeit von den Ober- auf die Unterschichten verlegten, die am Erbe der Jahrtausende kaum teil hatten, haben sie Gleichsinniges bewirkt, wie zu Beginn unserer Ära der Barbarenansturm. Indem sie das Ideal aus dem Reich des Seins in das des Werdens hinüberzogen, haben sie auch den ältesten, sofern diese ergriffen sind vom modernen Geist, die Lebensmodalität der Jugend mitgeteilt. Der ganze Westen steht heute in den Flegeljahren. Und ist das nicht erfreulich? – Aus Jugendgebrechen wächst man heraus; das Dekadententum, die Neurasthenie unserer Tage sind im ganzen keine Alterserscheinungen, sondern Wachstumskrisen, gleich Bleichsucht und Weltschmerz; was als zunehmende Verrohung beklagt wird, bedeutet in Wahrheit, daß neue, urwüchsige Kräfte ins Dasein treten. Freilich schmerzt der Gedanke, daß die historische Rolle des Bildungsadels Alteuropas ausgespielt ist; allein irgendwann muß jeder Jüngeren Platz machen. Und dieses Abtreten bedeutet ja nicht den Tod: in edler Muße, unbekümmert um weltliche Ziele, mag das abendländische Kulturmenschentum noch lange fortblühen und dabei eine Abklärung erleben, die es im tätigen Leben nie gefunden hätte. Ja, es mag dann erst sein Bedeutsamstes leisten vom Standpunkt der Zukunft: gedenken wir des, wenn uns Wehmut übermannt, daß es Juden und Griechen waren, nicht Goten und Vandalen, denen die germanische Welt ihre richtunggebenden Impulse dankt.

 

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