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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Rangoon

Wie gut diese Welt kontrapunktiert ist! – Wer ermüdet ein Land verläßt, meint jedesmal, nun sei er nicht mehr aufnahmefähig; und wird er alsdann in ein anderes hineinversetzt, so überrascht ihn die willkommene Erfahrung, daß er noch gerade so empfänglich ist wie früher – denn zu den neuen Eindrücken bedarf es anderer Organe, als er ehedem zu verwenden Gelegenheit hatte. So bedeutet Birma das fast mathematisch genaue Komplement zu Indien deshalb, weil hier alles für und durch die Sinne lebt.

Indien ist schön, strichweise großartig; allein kein typischer Brahmane würde sich Théophile Gautier anschließen dürfen in dessen Bekenntnis: je suis de ceux, pour lesquels le monde visible existe; ihm ist das Sichtbare Mâyâ, Schein, oder zum mindesten nicht sehenswert. Der ungeheure Zug ins Übersinnliche, der ihn beseelt, hat ihm die Natur zum Schattenspiel verbleicht. Er weiß wenig oder nichts vom eigenen Geist der Berge, nichts vom Urwald, nichts vom Meer; er weiß allenfalls von Gärten zur Stunde der schwülen Träume. Und wo die Natur so übermächtig wirkt, daß er sich ihrem Eindruck nicht entziehen kann, dort transponiert er ihren Sinn ins Transzendente hinüber, wodurch der Eigen-Sinn der Erscheinung wiederum verflüchtigt wird. Solche Einstellung ist normalen Menschen nicht gemäß; sie rächt sich bei allen, die für das Übersinnliche nicht ausdrücklich geschaffen sind (welche letztere ein Götterrecht haben, über das Sinnliche hinwegzusehen), insofern sie stumpfer nicht nur erscheinen, sondern sind, als sonst unbegabtere Menschen; da sie das Sinnliche nicht sehen wollen und dem Übersinnlichen nicht gewachsen sind, so nehmen sie gar nichts wahr. Auf den nun, der sich diese Einstellung zeitweilig angeeignet hatte, wirkt sie auf die Dauer wie ein Alp. Nicht allzu empfängliche Gemüter mögen von Indiens psychischer Atmosphäre unbeeindruckt bleiben: auf sie wirkt die Landschaft unmittelbar ein, sie sehen die Dinge vor sich, als ob Jahrtausende des Grübelns die Welt nicht transfiguriert hätten. Ich habe die Gegenwart der Geister ohne Unterlaß gespürt. Auch ich vermochte die Natur in Indien nur als Mâyâ zu schauen; mir war, als sündigte ich, wenn ich sie irgendeinmal beim Worte nahm. So empfinde ich es wie eine Erlösung, daß ich mich heute in einer Welt befinde, welche ganz für und durch die Sinne lebt.

Dies ist in Birma in außerordentlichem Maße der Fall. Mehr als in Frankreich und Italien, ja mehr als im alten Griechenland, dessen Luft ja noch heute über den Trümmern weht. In Europa ist der Geist als Intellekt zu mächtig. Die Hellenen haben immerdar von ewiger Schönheit geträumt, und seither ist alle westliche Kunst im Zeichen des Ideals verblieben – sei es auch nur in dem Sinn, daß roheste Natur als Ideal verherrlicht wird. So ist die französische Sinnlichkeit im Grunde Metaphysik, denn sie ruht ganz auf geistigen Voraussetzungen: man nehme dem Franzosen seine Einbildungskraft, und seine Erotik verflöge. In Birma fehlt jeder geistige Hintergrund. Der Buddhismus, der solchen hätte schaffen können, hat tatsächlich nur einen neutralen Rahmen aufgebaut, innerhalb welches die Sinne unbefangen sich selbst leben.

Der Grundton Birmas ruht auf der Birmanerin, dem unbewußt-selbstbewußten Mädchen. Ihre Anmut beherrscht das Volksleben, ihre Farben trägt die Natur, sie ist der gute Genius der Kunst. Wenn ich die mutwilligen Kurven an Tempeln und Pagoden betrachte, die zierlichen Holzschnitzereien, die glitzernden Säulen, so schweifen meine Gedanken unwillkürlich zu den Mädchen zurück, die sich scherzend unter ihnen bewegen: die Bewegtheit der Kunstformen Birmas ist eines Geists mit der Gangart der Landestöchter, der Glasschmuck spiegelt ihr Lächeln, die Chromatik ihre eigensten Farben. Ja, die furchtbaren Drachen und Schlangen auf den Firsten und Fahnenstangen scheinen keine ernstere Absicht als die zu hegen, die übermütigen Kinder hie und da inmitten ihrer Spiele zu erschrecken. In dieser Welt regiert das Mädchen souverän. Verständnis für sie belebt als Grundzug die freundlichen Greisenangesichter; und die Mönche scheinen nur deshalb so streng und würdig dreinzuschauen, auf daß die Jugend des Lebens Ernst nicht ganz vergesse – wie es denn gerade die Mädchen sind, die drauf bestehen, daß jeder Junge einmal, wenn auch auf noch so kurze Zeit, (wie in Deutschland Soldat), ein richtiger Mönch gewesen ist.

Bis die Nacht hereinbrach, bin ich auf dem Platz vor der Schwee-Dagon-Pagode gesessen. Ich sah die Strahlen der Sonne auf dem Gold der Dächer langsam abklingen; ich sah die Mädchen, Blumen in der Hand, ihre Abendandacht verrichten und die Alten, behäbig schmauchend, dem Treiben der Jungen zuschauen. Vor mir spielten zwei Bettler auf dschunkenartigem, hölzernem Klavizymbel seltsame Weisen. Um mich schlängelten sich neugierige Krähen; bunte Hähne bekundeten durch heraldische Stellungen ihr unbeirrbares Stilgefühl. Und gelegentlich erschien ein halbverhungerter Hund, so scheußlich, so unwahrscheinlich häßlich an Gestalt und Ausdruck, daß ich unwillkürlich mit den hölzernen Drachen über mir verständnisinnige Blicke wechselte.

Wie es Nacht ward, fuhr ich zur Stadt zurück. Ein Birmanerhaus öffnete mir gastfrei die Tür. Und während die runzelige Mutter gemütlich schnarchte, rauchte und scherzte ich mit ihren vier Töchtern, ausgelassenen Kindern von bezwingender Lieblichkeit. Ihnen war meine Zunge unverständlich, ich kannte die ihre nicht. Doch verständigten wir uns gut in der allgemein-menschlichen Sprache des Frohsinns, deren Symbolik jedem eingeboren ist.

 

Wie soll man es umgehen, bei einiger künstlerischen Veranlagung, Land und Leute von Birma zu idealisieren? Was man hier sieht und erlebt, ruft einem wieder und wieder den Mythos vom Goldenen Zeitalter ins Bewußtsein. Damals gab es keine Sorgen noch Bedürfnisse; alle Menschen hatten sich lieb, waren unbekannt mit Krieg und Hader; das Leben floß selig dahin wie das von Kindern im Spiegel des Erwachsenen-Bewußtseins. Gerade so scheint das Birmanerleben dahinzufließen.

Dieser Zustand ist das Verdienst des Buddhismus. Dessen ungeheure Gestaltungskraft in tropischer Umwelt tritt in Birma noch eindrucksvoller als auf Ceylon an den Tag, weil hier die Kirche weit mehr Bedeutung besitzt als dort und die etwaigen Vorzüge des Bildes dem Rahmen gegenüber kaum in Betracht kommen. Der Birmaner steht als Mensch in keiner Hinsicht hoch; weder ist er tief, noch begabt, noch von echter Herzensgüte. Diese Tugenden sind bei Kindern niemals ausgebildet. Sogar die Mönche, so würdig sie sich ausnehmen, können als durch den Buddhismus innerlich Geformte kaum betrachtet werden, wie so manche unter den Bhikshus von Ceylon: sie sind von außen her geformt, gleichwie der Durchschnitt katholischer Mönche. Die Weisheit katholischer Ordensregeln ist groß, aber sie erweist ihre Wirksamkeit nur unter besonderen, abnorm zu nennenden Bedingungen. Der buddhistische Kanon in seiner grandiosen Einfachheit ist eine Form, die fast jedem Tropenbewohner gemäß ist und ihn notwendig zur Vollendung führt.

Wie dürftig und kindisch sind die Vorstellungen, die das Birmanerbewußtsein mit der Religion verknüpft! Religion bedeutet ihm einerseits eine Lebensroutine, eine angestammte Form psychophysischer Hygiene, und dann ein leichtes und billiges Mittel, sich für das Jenseits oder das nächste Erdendasein zu versorgen. Es genügt, eine Pagode zu bauen, einen Brunnen oder ein Rathaus zu stiften, den Armen das Überflüssige zu geben und an den religiösen Feiern, die unseren lustigsten Kirmessen gleichen, teilzunehmen, um so viel »Verdienst« aufzuhäufen, daß die Zukunft gesichert erscheint. Das ist eben der Typus der Religiosität, der im Volk Süd-Italiens und Spaniens vorherrscht – vielleicht der niederste von allen denkbaren. Aber mit dieser Feststellung ist das Problem doch nicht erledigt. Darf man von oberflächlichen Kinderseelen eine tiefere Religiosität erwarten? Nein; dazu sind sie nicht selbständig genug. Ihnen kann Religion nur ein äußerer Rahmen sein, dessen Wert sich darnach ermißt, bis zu welchem Grade er sie bildet. Dies nun hat der Buddhismus in Birma in so hohem Grade vermocht, daß unter diesen unverantwortlichen Kindern tatsächlich ein dem Goldenen Zeitalter vergleichbarer Zustand herrscht; unter Voraussetzung ihrer gegebenen Naturanlage könnten sie nicht mehr sein und nicht besser, als sie dank dem Buddhismus geworden sind. Und dieses liegt gewiß nicht an der äußeren Form an und für sich, sondern an der immanenten Tiefe des Buddhismus. Dessen Gestalt ist der unmittelbare Ausdruck seines Gehaltes, und weil dieser von wunderbarer Wahrheit ist, hat jene auch dort, wo ihr Sinn nicht verstanden wird, Wunder gewirkt. Es ist eben nicht unbedingt notwendig in Fragen des praktischen Lebens, daß einer sich der Weisheit der Regeln, die er befolgt, bewußt sei; sind sie weise, so beweisen sie ihre magische Kraft auch wo sie unverstanden bleiben. Im uralten Glauben an Zauberformeln steckt mehr Wahrheit, als unsere Zeit wahrhaben will: Worten und Satzungen wohnen Tugenden inne, die sich auch demjenigen mitteilen, dessen Geist nur den Buchstaben faßt.

Die Gestade des Iraouaddy sind von mehr Denkmälern der Frömmigkeit bestanden, als die des Ganges. Pagode auf Pagode schmückt die Höhen, Kloster auf Kloster, von blühenden Bäumen überschattet, von grünenden Gärten umringt, belebt die Sandflächen. Aber der Iraouaddy ist kein heiliger Strom; er ist ohne tiefere Symbolik, ohne andere als quantitative Größe. Und der Ernst birmanischer Pilger wirkt nicht ernsthafter, als der von Schulkindern, die ohne Rücksicht auf etwaige Ermüdung alle möglichen Freuden eines Sonntagsausfluges bis zur Neige auskosten wollen.

 

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