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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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An der Bai von Waikiki

Die Hellenen wiesen den Seligen eine Insel zur Heimstatt an: was bewiese wohl besser ihr naturhaft-sicheres Einbildungsvermögen? – Im menschlichen Sinne möglich ist nur das Vorstellbare; vorstellbar aber erscheint ein Dasein, wie es die Seligen führen sollen, nur auf einsamer Insel im Meer. In vollendeter Abgeschiedenheit sind schweifende Wünsche nicht lebensfähig; dort ereignet sich nichts, was zur Geschichte werden könnte, dort bedeutet die Zeit nichts mehr. Der erdgebundene Mensch, zumal der Grieche, mit seinem unbezähmbaren Schaffensdrang, würde seelisch verschmachten an solcher Statt; den Seligen, Wunschlosen, Zeitentrückten bedeutete es das Paradies.

Das Leben auf Hawai nimmt unwillkürlich den Charakter der Mythe an. Der Europäer, der wesentlich geschichtliche Mensch, wirkt hier wie eine Fliege auf einem Aquarell: Die Hawaianer jedoch, die im Bilde sind, kommen mir seltsam unwirklich vor; oder wirklich vielmehr im Sinn des Traumerlebnisses. Es besteht kaum ein Unterschied zwischen dem, was ich mit Augen sehe und dem, was ich in den alten Heldensagen lese. Diese Menschen sind so, wie sie nur im Mythos lebensfähig scheinen: warmherzig und sorglos, leichtsinnig und gut, von Fest zu Fest ihr Leben vertändelnd; dabei aber furchtbar im Krieg, grausam, mitleidslos, wenn es einmal zum Streite kommt. Sie leben einerseits von dem, was Baum und Strauch ihnen gutwillig darbringen, harmlos wie Schmetterlinge – sind andererseits Menschenfresser, waren es wenigstens vor hundert Jahren noch. So waren auch die olympischen Götter. König Kamehameha, der Alexander der Südsee, dessen Taten tausend Lieder feiern, war ein Herrscher wie Zeus, groß, gewalttätig, grausam, dabei aber auch gut und harmlos, leichten Sinnes, im ganzen unverantwortlich wie ein Kind. Die Kämpfe, die unter seiner Führung stattfanden – Kämpfe blutigster Art, bei denen ganze Stämme zugrunde gingen –, waren doch mehr als Turniere gemeint, denn als ernste Schlachten; oder als Schlachten, wie die Götter sie vor Troja untereinander geschlagen haben. Diese Menschen von Fleisch und Blut nahmen den Tod nicht ernster als die Olympier.

So sollen die ersten Menschen gewesen sein, nach den gleichlautenden Berichten aller Mythen. Daß sie wirklich so gewesen wären, ist wohl auszuschließen, aber höchst bedeutsam scheint mir, daß dies der Charakter ist, den die Dichtung ihnen ausnahmslos beigelegt hat. Die ersten Menschen waren nicht primitiv, sondern Götterkinder, und das heißt: mehr und weniger zugleich, als es die Menschen sind. Daß die Götter – oder genauer diese Götter, die Divinitäten vom Schlage der Olympier – sowohl mehr, als auch weniger sind als wir, geht aus allen Mythen gleichsinnig hervor. Aber die Inder allein haben zu zeigen gewußt, worin dies Plus und dies Minus bestehen: von den drei Elementen, sattwa, rajas und tamas, welche die Welt zusammensetzen sollen, geht das zweite, rajas, die Energie, im Übermaß in den Bestand der Götter ein, während das dritte, die Inertie, ganz fehlt. Sintemalen nun gar keine Trägheit vorhanden ist, die Kraft also gar keinen Widerstand findet, sind die Götter, bei allen Vorzügen, die vollkommene Ungebundenheit gewährt, in zwiefachem Sinne doch beschränkt: sie sind oberflächlich, unverantwortlich, da kein Tun sie innerlich berührt, was immer es in anderen Sphären anrichten mag; und sie sind unfähig, über das Göttertum hinauszuwachsen. Während also der Mensch gerade dank dem Geiste der Schwere sich bis zur Erleuchtung (dem Vorherrschen der Sattwa) durchringen kann, gelingt dies dem Gotte nur dann, wenn er als Menschenkind wiedergeboren wird und die Gelegenheiten dieses Standes ausnutzt. Ich wüßte keine bessere Bestimmung dessen zu denken, was dem Begriff eines Naturgottes entspricht; genau im indischen Sinne ist ein solcher wirklich weniger als der Mensch. Und genau in dem Sinne ist der Urmensch, das Götterkind, sowohl mehr als auch weniger denn wir. Uns aber fällt vor allem das »mehr« in die Augen, wie solches denn immer geschieht, wo ein wirklicher Zustand mit einem bloß vorgestellten verglichen wird; deshalb bedeutet uns der mythische Urzustand ein Ideal. Wir sehnen uns nach Unbeschränktheit, nach Verantwortungslosigkeit, gleichviel welchen Preis wir dafür zu zahlen hätten – eben weil unser Leben ganz Verantwortung ist. So ertappe auch ich mich dabei, daß ich den Hawaianer bewundere. Es dünkt mich bloß übermenschlich, nicht auch untermenschlich, so göttermäßig leben zu können.

Dieses schreibe ich in tiefer Nacht, von einem hawaianischen Festmahl eben heimgekehrt. Es war wild und stimmungsvoll zugleich. Mit seltsam ergreifender Stimme trug ein Barde uralte Sagen vor, während wir Gäste, um eine einzige Schüssel geschart, wie Tiere mit den Händen die Fische zerrissen und federngeschmückte Tänzerinnen ihre Unterleiber in wahnsinnigen Kurven einherschwenkten, ohne daß Oberkörper und Kopf nur die leiseste Bewegung dabei verraten hätten.

 

Dies ist freilich die Insel der Seligen. Tagaus, tagein scheint die Sonne gleich belebend auf Berg und Tal hernieder. Abend für Abend spielen kühlende Winde mit den Wipfeln der Kasuarinen. Jahraus, jahrein stehen Bäume und Sträucher in Blüte, sind die Früchteträger von Früchten bedeckt. Der Ozean aber gehört vollends der Welt der Unsterblichen an. Donnernd und drohend rollen die Brandungswellen heran – und doch spielt der Mensch mit ihnen, als ob sie nur aus Schaum beständen. Da draußen am Riff sind sie so hoch, daß sie einen Walfisch erschrecken möchten. Allein die ewig heiteren Hawaianer fürchten sich nicht: sie benutzen die Wellen als Reittiere, sie jagen auf ihnen dem Ufer zu, auf dem Kamme balancierend, voltigierend, gleich Tritonen in einem Meeresidyll.

Sind diese schönen, bräunlichen Männer, die sich im Ozean wie Fische zu Hause fühlen, Menschen wie wir? – Ganz sind sie es wohl nicht; ein jedes Element bildet besondere Wesen heran. Der Mensch als Reiter oder als Taucher, als Bewohner der Wüste und der Berge, ist jedesmal ein anderes Geschöpf. An wasserbewohnenden Menschen kannte ich bisher nur den Wasserbezwinger, d. h. das Landtier, das sich durch List auch das Wasser unterworfen hat; der wirklich amphibische Mensch kommt heute allein in der Südsee vor. Hier nun ist er so vollkommen in seiner Art, daß er deshalb übermenschlich wirkt. Der Hawaianer, der mir im Ozean die Wege weist, ist schön wie ein Gott, von riesenhafter Gestalt und ein berühmter Haifischkämpfer; noch soll er jeglichem Hai, der ihm begegnet, mit seinem Speer die Augen ausgestochen haben. Dabei ist er sanftmütig und mild, und abends, wenn die Kokospalmen seufzen, singt er schwermütige Weisen vor sich hin. – Wieder einmal schweifen meine Gedanken nach Griechenland hinüber. Wie wunderbar sicher schuf doch die hellenische Phantasie! Was die Natur in der Südsee gebildet, ist ein Abbild des griechischen Ideals. Wahrscheinlichere, lebensfähigere Götter, als diejenigen Griechenlands, sind auf Erden nie erdichtet worden.

 

Das hätte kaum anders kommen können. Die elyseischen Gefilde sind das Reich der Subjektivität; hier schafft die Stimmung Wirklichkeit, setzt alle Wirklichkeit sich in Stimmung um; hier wird die Welt augenblicklich so, wie die Willkür des Augenblicks sie vorstellt. Was sonst nur meteorhaft mein Bewußtsein durchzieht, verweilt nun; Capricen ballen, leichte Wünsche vertiefen sich; aus unsicherem Nebel verdichtet sich ein Stern. So ist inmitten des Wellenspiels, im Paradiese der Palmenhaine und der purpurnen Riesenblumen, eine Neigung in mir aufgegangen.

Bedeutet sie ein Ernsthaftes, ein Wirkliches? Wie soll ich das wissen? Die Grenze zwischen Realität und Phantasieschöpfung ist mit Sicherheit nirgends zu ziehen. Wie oft ist mir eine Wirklichkeit zum Traum zerronnen, und umgekehrt, wie oft ein Traum zur Wirklichkeit geworden! Wie oft habe ich ins Leben bewußt hineingedichtet, indem ich beliebige Menschen in fiktive Zusammenhänge hineinbezog: solange diese standhielten, waren jene höchst bedeutsam für mich. Und wie oft hat umgekehrt eine Situation genügt, um ein Gefühl zu wecken, das dahinschwand, sobald sein Anlaß vergangen war! Wesentlich anders ist es nie. Eine Liebe, deren Grundmotiv wildes Begehren ist, ist nicht tiefer und sicherer begründet, als ein Caprice des Intellekts; auch hier hängt das Gefühl von äußeren Umständen ab und verflüchtigt sich, wenn diese sich verändert haben. An sich sind psychische Wirklichkeit und Einbildung gegeneinander kaum abzugrenzen; die entscheidende Frage ist die, wo des Menschen Bewußtseinszentrum ruht. Identifiziert er sich mit seinen Trieben, dann ist er natürlich seine Leidenschaft; identifiziert er sich mit einer Fiktion, dann ist ihm diese höchste Wirklichkeit; fußt sein Bewußtsein wesentlich in Gattungsbezügen, dann bedeutet die Familie sein eigentliches Ich. Auf daß nun Liebe überhaupt ein absolut Wirkliches bedeuten könne, muß der Mensch sich unbedingt mit seiner Person identisch fühlen. Dies vermag ich aber nicht mehr. Wohl geschieht es in rhythmischen Abständen, daß bestimmte Triebe die Oberhand gewinnen und ein sekundäres Zentrum sich zum Mittelpunkt meines Seins konstituiert. Allein dieser Zustand dauert nicht; ist die Periode vollendet, dann nimmt mein Bewußtsein seine normale Lage wieder ein. Von dieser aus aber erscheint meine Person mir als Außenwelt, die ich nicht ernster nehme, als irgendwelche äußere Verhältnisse, mit denen ich zu rechnen habe ...

Nun weile ich im Reich der Subjektivität. So wird die Neigung, die in ihm entstand, mehr denn je eine Dichtung sein; wahrscheinlich hat sie gar keinen objektiven Hintergrund. Allein im Augenblick, da sie mich beherrscht, dünkt sie mich wirklich genug. Wieder erlebe ich jenen wunderlichen Zustand, wo das Weltall durch wenige persönliche Koordinaten vollkommen bestimmt erscheint, wieder überkommt mich jene Unsicherheit, die sich wohl jedes Mannes bemächtigt, der sich plötzlich auf dem Meer der Gefühle schwimmen sieht – einem Elemente, das ihm, im Gegensatz zum Weibe, von Hause aus so wenig vertraut ist. Aber doch erkenne ich, mitten im Schwimmen drinnen, daß ich in diesem Meere nie ertrinken könnte. In dieser mythischen Umgebung nimmt alles Leben mythischen Charakter an. Nereiden und Tritonen sind mit der Liebe nicht unbekannt, doch was dem Menschen Ernst ist, bedeutet ihnen ein Spiel; ihrem Lieben fehlt das Element der Trägheit, das Irdisch-Bindende, das Gemüt. Nicht anders steht es mit der, die mir heute Herz, Seele und Sinne beherrscht. Wohl transfiguriert sie mir im Augenblick die Welt; allein ich zweifle, daß ich litte, wenn ihr Objekt auf einmal nicht mehr wäre ...

 

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