Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Graf Hermann Keyserling >

Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
Schließen

Navigation:

Isç

Ich weile an der heiligsten Stätte des Shintô-Kultes, am Tempel Amaterasu O-Mikamis, der göttlichen Ahnfrau des Kaiserhauses. Wie viel mehr Atmosphäre hat dieser einfache, blockhausartige, strohgedeckte Bau, der alle zwanzig Jahre neu errichtet wird, als die goldstrotzenden Buddhatempel! Hier hat Japans bester Geist sein Heiligtum. Der Geist der Schlichtheit, der Reinheit, der Loyalität, der Aufopferung für Kaiser und Vaterland, zugleich der Kühnheit, des Wagemuts, des ritterlichen Abenteurertums; der Geist des Japaners, wie er sich selbst im Spiegel seines Idealismus sieht. Jeden Pilger, der dem Heiligtume naht, überkommt er; er ergreift, erhebt ihn, weitet ihn aus, entrückt ihn seinem kleinlichen Ich; nun fühlt er sich eins mit der unendlichen Reihe derer, welche vor ihm waren, eins mit Japan, dem unsterblichen Reich. Auch mich ergreift dieser Geist. Aus der Tiefe meines Bewußtseins steigen kaum gekannte und doch vertraute Gefühle auf, schließen sich zusammen zu einer neuen Seele, der Seele etwa eines Griechen des Uraltertums. Ja, freilich bin ich nur ein Glied der unendlichen Lebenskette, freilich eins mit allen, welche vor mir waren; ja, freilich wurzelt mein Sinn nicht in mir, sondern im Überindividuellen, im Geschlecht, dem ich entstamme, das ich verkörpere und das ich fortzusetzen verpflichtet bin. Und suche ich nach einem Symbol dieses Überindividuellen, das ich so deutlich spüre und doch so schwer bestimmen kann, dann komme ich von selbst auf den Begründer meines Stamms, den fernen Ahn, dem alles spätere Leben seine Entstehung dankt. Er ist es, der alle Nachfahren beseelt, der in mir fortwirkt; ihm schulde ich vor allem Ehrfurcht, Liebe und Dank. Und indem ich seiner betend gedenke, werden die edelsten Regungen meiner Seele wach. Ich will es ihm gleichtun, dem hochherzigen Heros, will seiner würdig sein. Er war aller Vollkommenheit teilhaftig, weit größer, als ich mir ihn ausmalen kann. Besser kann ich ihm nicht dienen, als indem ich dem Höchsten zustrebe, und aller Idealismus wird mir so Anlaß zum Kult. – Wie töricht, die Ahnenverehrung als Aberglauben zu belächeln! Wohl kennzeichnet sie ein frühes Stadium, allein sie bringt, wo sie echt und lebendig ist, ein Wirklichkeitsbewußtsein zum Ausdruck, wie auf höheren Naturstufen nur höchste Religiosität. Es ist wirklich so, daß der Mensch mit allem, was vor ihm war und nach ihm sein wird, innerlichst zusammenhängt; dies ist dem naturnahen Urmenschen bewußter als dem Spätling. Auf höheren Stufen ist es nur die Frau, in deren Bewußtsein die Urbezüge des Lebens lebendig fortleben; sie allein noch fühlt sich unmittelbar eins mit ihrem Geschlecht; ihr Verstand ist selten eigenwüchsig genug, um die naturhaften Gefühle zu ersticken. Und dann sind es die Erben einer alten Tradition, die bodenständigen Adelsgeschlechter, deren Sinn bewußt im Überindividuellen wurzelt: hier sorgen Verantwortungsgefühl und Stolz dafür, daß der Urgeist erhalten bleibt. Das Bewußtsein nun des Weibes und des Edelmanns ist nicht oberflächlicher, es reicht tiefer hinab als das des entwurzelten Intellektuellen. Wohl ist ihre Tiefe nur eine Tiefe – die der Natur; das Einheitsbewußtsein des Ahnenverehrers reicht nicht hinaus über sie: aber wo die Seele noch physiologisch gebunden ist, kann es kein unmittelbares Bewußtsein des Atman geben. Wohl sind die Vorstellungen, in denen sein Wirklichkeitsbewußtsein sich verkörpert, selten tiefsinnig: aber von primitiven Menschen ist nicht zu verlangen, daß ihre Gedanken ihren Ahnungen gleichwertig wären. Deshalb findet der verstandbefangene Betrachter an den Formen des Vorfahrenkultes selten Gefallen, zumal am japanischen, dessen Ideengehalt kaum zu fassen ist. Dem Japaner liegt das Denken so wenig, er hat so wenig Sinn für das Abstrakte, empfindet so wenig Verdruß über intellektuelle Unzulänglichkeit, daß es ein hoffnungsloses Beginnen erscheint, seinen Nationalkult eigentlich zu begreifen. Dieser ist, dem Äußeren nach beurteilt, ein seltsames Gemisch von Ahnen- und Naturverehrung, von Magie und von point d'honneur, von Sitte und Sehnsucht nach dem Höchsten, von rohem Aberglauben und urwüchsigem Wirklichkeitssinn; wenn einem von Japanern erklärt wird, die Mikadoverehrung basiere darauf, daß dessen Vorfahren über ihrer aller Vorfahren geherrscht hätten, so ist das keine Erklärung, kaum eine Erläuterung: es ist eine bloße Darstellung des Tatbestandes, den der, welcher nichts Ähnliches aus eigenem Erleben kennt, niemals begreifen wird. Nichtsdestoweniger ist die Mikadoverehrung ein Tiefstes, bedeutet sie wirklich ein metaphysisch Äußerstes. Die spezifische Erscheinung ist eben nur ein Ausdruck, und ein nur Japanern gemäßer, ihnen aber entspricht er, wie kein anderer es täte. Dieser Tage wurde im bakteriologischen Institut von Tokyo ein Shintô-Schrein für Robert Koch enthüllt. Keiner der Professoren und Studenten, die alle vermutlich Agnostiker sind, dürfte annehmen, daß Koch ein Gott geworden sei; nicht viele vielleicht glauben an sein Fortleben nach dem Tode. Ihnen allen aber erschien die Errichtung eines Tempels und ein Kult nach dem Shintô-Ritual als entsprechendster Ausdruck ihrer Verehrung für den großen Gelehrten.

Freilich tut die Regierung gut, nach Kräften auf ein Wiederaufleben des Shintô-Kultes hinzuwirken: wie kein anderer ruft er die tiefsten Schwingungen der Japanerseele wach, oder bringt sie, wo vorhanden, zum Ausdruck. Es ist neuerdings von B. H. Chamberlain darauf hingewiesen worden, daß der Shintôismus, wie er heute als Staatsreligion herrscht, eine neue Erfindung sei; über 1000 Jahre entlang sei der Buddhismus die japanische Religion gewesen, und was heute als Urglauben gelehrt werde, sei ein künstliches Fabrikat. Die Tatsachen werden damit wohl richtig bestimmt sein – aber wie wenig ihr Sinn! Nur deshalb war es möglich, in weniger als 50 Jahren ein Artefakt als ererbten Glauben einzuführen, weil dessen Form dem innersten Leben der Japanerseele gemäß war; hätte man versucht, das Christentum also einzubürgern – nie wäre es gelungen. Auch ich bin der Meinung, daß die besonderen Kult- und Glaubensgestaltungen Erfindungen der Priester sind; irgendeiner muß sie doch erfunden haben. Aber dort, wo es jenen gelang, ihre Erfindungen einzuführen, brachten diese allemal eine allgemeine Tendenz zum bestmöglichen Ausdruck. Ja, die Regierung handelt weise daran, daß sie die Shintôreligion mit allen Mitteln kräftigt und unterstützt; und sie weiß sicherlich, weshalb sie dieses tut. Japan befindet sich in der nicht ungefährlichen Lage, daß ein ausgesprochen unindividualisiertes, unpersönliches Volk sich dem Einflusse einer Zivilisation, welche äußerste Individualisiertheit zur inneren Voraussetzung hat, unbedingt hingegeben hat. Deren Außenseite kann ihm nur Gutes bringen; das hat Japan bereits glänzend bewiesen. Aber wenn ihr Geist von den Japanern zu früh Besitz ergreift, dann steht Schlimmes bevor. Sie sind nicht so weit, daß jeder von sich aus im Sinn des Ganzen handeln könnte; ihr metaphysisches Wissen hat noch keine andere Äußerungsmöglichkeit, als die durch physiologisches Zusammenhangsgefühl hindurch. Verliert dieses Volk sein primitives Gruppenbewußtsein, sein Selbstgefühl im Sinn der cité antique, dann zerfällt sein Zusammenhang. Alle Japaner, in denen der Geist Altjapans ( Yamato damashii) nicht mehr lebt, sind abstoßend oberflächlich.

 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.