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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Kyoto

Noch bin ich tief ergriffen von der Tragödie, die sich auf den Brettern vor mir abgespielt hat. Es war ein berühmtes historisches Drama, meisterhaft geführt, meisterhaft dargestellt, schon insofern ergreifend; aber was mich überwältigte, war das Pathos der Stimmung, die das Psalmodieren alter Volksweisen zur stummen Pantomime, welche die eigentliche Handlung in rhythmischen Abständen ablöste, über dem ganzen verbreitete: ich erlebte eine vollendete Evokation des Mittelalters.

Dieses liegt in Japan ja nicht weit zurück. Noch sind die ihm entsprechenden Bewußtseinszustände und Ausdrucksformen den Alten aus persönlicher Erfahrung vertraut, so daß es in Japan leichter gelingt, als in Europa, seinen Geist zu beschwören. Und dann trug dieser hier überhaupt viel krasseren Charakter, dementsprechend seine Gestaltungen stärker wirken. Ich glaube nicht, daß die Tugenden des Samurai aus so tiefen Wurzeln sprossen, wie die des fränkischen Rittersmanns; Vasallentreue, Ehrgefühl und Todesverachtung bedeuteten bei diesem wahrscheinlich mehr. Aber dank der eigentümlichen japanischen Anlage, welcher Darstellung und Sein nahezu gleiches bedeuten, der stilisierende Übertreibung natürlich ist, traten sie bei jenem pittoresker in die Erscheinung, weshalb das japanische Mittelalter an szenischem, überhaupt an künstlerischem Wert das unsere übertrifft. Der Inhalt des Schauspiels, dem ich beiwohnte, ist ungefähr wie folgt: Der Lehnsherr hat einem Vasallen-Clan eine wertvolle Schriftrolle anvertraut. Dasjenige Glied desselben, das sie bewahrt, beweist einer Dame seines Hofs mehr Zuneigung, als seiner stolzen Gattin gefällt. Diese beschließt, die Rivalin zu verderben. Zu diesem Zweck entwendet sie die Rolle, so daß der Vertreter des Lehnherrn, der sie gleich darauf zurückfordern kommt, die Kiste leer findet. Irgend jemand muß den Schatz gestohlen haben. Die Schloßherrin bezichtigt das verhaßte Fräulein dieser Tat und züchtigt sie drauf – die größte Schmach, die eine Edelgeborene befallen kann – vor versammeltem Hof mit ihrem Schuh. Auf diese Erniedrigung hin verübt die Verleumdete Selbstmord. Deren treue Dienerin jedoch rächt ihren Tod, indem sie die moralische Mörderin mit der gleichen Sandale wieder schlägt und dann in ritterlichem Zweikampf fällt. – Die Fabel ist einfach genug, und für unsere Begriffe wenig bedeutsam; uns scheinen ferner die tragischen Motive nicht in der Tiefe der Menschennatur, sondern in oberflächlicher Konvention begründet. Aber diesen Menschen war die Konvention Natur. Und wer unter dem Einfluß vollendeter Bühnendarstellung von der Atmosphäre des japanischen Mittelalters innerlichst ergriffen ward, dem tritt aus dem scheinbar Gekünstelten das Reinmenschliche ebenso ergreifend-nackt entgegen, wie aus der griechischen Schicksalstragödie. Auch das »Schicksal« war schließlich Konvention – wir glauben nicht mehr an seine Macht; auch die Leidenschaften, wie sie seither als Motive verwandt werden, sind keine notwendig bedingenden Ursachen – denn der Mensch kann über ihnen stehen; bloß darauf kommt es an, wo er tatsächlich steht. Identifiziert er sich wirklich und vollkommen mit einem törichten Vorurteil, dann gewinnt dieses die Tiefe der Natur. Die Intensität des Erlebens nun war beim mittelalterlichen Menschen so groß, daß seine Vorurteile mehr Pathos bedingen, als unter Modernen metaphysische Tragödien.

Ich empfinde so etwas wie Wehmut. Erklärlich genug: so sehr ich auch Geistesmensch bin – die Grundinstinkte des Ritters spüre ich dennoch sehr lebendig in mir, und diese passen nicht mehr in diese Zeit; des Edelmannes Tage sind gezählt. Welche Verblendung, hierin das Zeichen eines unbedingten Fortschritts zu sehen! Allerdings beschließen die typischen Züge des Edelmanns keine absoluten Werte, aber solche wohnen keiner Gestaltung inne; alle sind nur bestimmte Lebensformen, als solche nicht wesentlich notwendig, bedingt, beschränkt, dem Wandel unterworfen und in der Betrachtung, zumal beim Menschen, leicht als zufällig zu erkennen, weil die Grenzen, die hier einen Typus vom anderen scheiden, geistige sind: Einseitigkeiten, Eigentümlichkeiten, Vorurteile. Allerdings erscheint der ritterliche Ehrbegriff der Theorie als Vorurteil, aber Gleiches gilt von der Standesehre des Kaufmannes, und erst recht von der »Voraussetzungslosigkeit« des Freidenkers. Die Frage ist, welche Vorurteile die besseren sind? Im Prinzip ist es vielleicht sinnlos, so zu fragen: ein Hirsch zu sein, ist vom Standpunkte des Pferdes ein Vorurteil und umgekehrt; alle Gestaltungen sind ein Ausdruck des Innerlich-Notwendigen im Rahmen des Äußerlich-Möglichen, ergänzen sich wechselseitig, verwandeln sich mehr oder weniger korrelativ. Aber es gibt dennoch bessere und schlechtere Vorurteile in dem Verstand, daß nicht jede Konstellation die Realisierung gleicher Werte zuläßt und manche überhaupt verloren gehen, wenn eine bestimmte Lebensform ausstirbt. In diesem Sinne steht der Ritter turmhoch über den Typen, welche heute unaufhaltsam an seine Stelle treten; an moralischem Mut, Idealismus, Selbstverleugnung, an Treue, Gesinnungsadel und Nichtachtung materieller Vorteile kommt keiner ihm gleich. So daß die Menschheit durch das Aussterben des Ritters einen unersetzlichen Verlust erleidet.

Wohl beginnt heute ein Typus auszukristallisieren, welcher, ähnlichen Geistes wie der Ritter, diesem insofern überlegen ist, als er durch weniger spezielle Vorurteile zusammengehalten wird und der individuellen Anlage mehr freien Spielraum gewährt: das ist der intellektualisierte und universalisierte englische Gentleman. Aber der ist noch viel schwieriger darzustellen als jener, weswegen fraglich bleibt, ob er je dominieren wird. Es bedarf einer ungeheueren angeborenen Kultur, die in unseren Tagen ausschweifender Blutmischung selbst die Träger größter Namen nicht besitzen, und einer Fähigkeit der bewußten Selbstbeschränkung, welche den Idealen des emanzipierten Durchschnitts stracks zuwiderläuft, um in diesem höchsten Sinne Edelmann zu sein. Noch sind die wenigsten zur Freiheit reif, noch sind weitaus die meisten Herdenmenschen und unfähig, sich außerhalb gemeinschaftlicher Bindungen zu vollenden. So treten sie, wo sie die alten zerrissen haben, in neue Zusammenhänge ein, die viel oberflächlicher begründet sind, als die historisch gewordenen. Heute schließen sich die Reichen zusammen: es war besser, als dies die Edlen taten. – Ich werde bitter. Wie soll ich es nicht werden, da ich mit ansehen muß, wie der Zug der Zeit die Typen, welche die edelsten sein sollten, unaufhaltsam niederzieht? Unter den Trägern großer historischer Namen gibt es schon erschrecklich wenig echte Aristokraten mehr. Es liegt in der Natur der Dinge begründet, daß ein Organ, das sich nicht entsprechend betätigen kann, entartet. Dieses geschieht auf zwei Wegen, je nachdem, ob der Nachdruck auf dem »entsprechend« oder dem »betätigen« ruht: die starren Reaktionäre degenerieren, weil sie sich gar nicht anstrengen; die fortschrittlichen hingegen, weil sie, wo sie ihrer Eigenart entsprechend nicht mehr leben können, sich auf anderen Bahnen versuchen, und auf diesen, wo die ererbten Instinkte versagen, direktionslos sind. Heute müssen sich die meisten Landedelleute als Kaufleute betätigen. Da sie nun von Natur keine sind und nur durch Verstandesüberlegung dabei geleitet werden, so lügen sie in metaphysischem Sinn, wo sie Geschäfte machen, was sich in der Erscheinung darin äußert, daß sie oft unvornehmere Geschäftsmänner sind, als die Händler von Beruf. Im Blut liegt ihnen allein die ritterliche Standesehre, die spezifische Moralität des Händlers ist ihnen ein Fremdes; deshalb gehören sie auf ihrer neuen Bahn nur allzuoft einer niedrigeren Klasse an als die Vertreter alter Kaufmannsgeschlechter. Die Typen der Menschheit sind nicht vertauschbar, und leider nur in geringem Maß verwandelbar. Hier bietet Japan das belehrendste aller Beispiele. In diesem Land ist die Moderne unmittelbar auf das Mittelalter gefolgt, die Ära der ökonomischen Gesichtspunkte unmittelbar auf die des Kreuzrittertums. Was war die Folge? – Unter Rittern ist der Krämer stets verachtet, und Verachtung erstickt den Edelsinn im Keim. Also waren die japanischen Kaufleute, im Gegensatz zu den chinesischen, typischerweise niedrig gesinnt. Die Ritter nun haben im Kriege ihren Ritterwert schlagend bewiesen. Daß die typisch-ritterliche Gesinnung auch heute noch lebendig ist, habe ich selbst zu erfahren vielfach Gelegenheit gehabt; oft hat mich die Ähnlichkeit des japanischen mit dem baltischen Edelmann frappiert: dort wie hier eine fast donquichotteske Verachtung des Geldes, hier wie dort eine sonst kaum mehr anzutreffende Großzügigkeit und Großmut. Aber heute sind die meisten Samurais materiell nicht in der Lage, auf die alte Art fortzuexistieren; heute müssen sie sich, um nicht zu verhungern, am ökonomischen Wettbewerb beteiligen, und hier werden sie durch keine sicheren Instinkte orientiert. So verlassen sie sich ausschließlich auf ihren Geschäftsverstand, und da dieser nur weitsichtig ist, wo er von fester Charakterbasis aus arbeitet, so ist der Erfolg eben der, welcher allen vor Augen liegt: noch bin ich im Osten keinem weißen Geschäftsmann begegnet, der den Japaner nicht für einen niedrigen, gemeinen, ganz unzuverlässigen Gesellen hielte. – Während nun die mittelalterliche Tragödie sich auf den Brettern abspielte, erschienen die Gesichter aller, auch der europäisch gekleideten Japaner verklärt; es vibrierten Saiten in ihnen, die das moderne Leben nicht mehr zum Anklingen bringt. Und diese Saiten sind die tieferen, volleren, reineren – in Japan wie auf der ganzen Welt.

 

Der Charakter Kyôtôs ist verschieden von dem aller Städte, die ich in Japan bisher besucht: es ist der einer Metropole, die alle Formen des Lebens im weiten Reich zu großartiger Einheit zusammenfaßt. Ich besichtige die Sehenswürdigkeiten: die Denkmäler der Hofkultur, prunkhafter Vasallenmacht, eines großartig-verschwenderischen Prälatentums und jenes herben, männlichen Kriegersinnes, der die endgültige Erhebung Japans herbeigeführt hat; und staune über die Mannigfaltigkeit der Gestaltungen, in denen das Leben sich hier einst geäußert hat. Welche Ähnlichkeit bestand zwischen den exquisit gebildeten Höflingen, mit ihrer femininen Empfindsamkeit, ihrem zartsinnigen Künstlertum, und den rauhen, männlichen Samurais? Zwischen den amazonenhaften Kaiserinnen der alten Zeiten, den großen Künstlerdamen des Mittelalters, welchen Japan das beste seiner Literatur verdankt, und den spartanisch gesinnten Ritterfrauen? Jeder dieser Typen kann als besondere Menschengattung gelten, ist auch immer so beurteilt worden. Und vergleiche ich mit dem gegliederten Japan von einst das einförmige von heute und gedenke zugleich der nahen Zukunft, wo die Nivellierung vollendet sein wird, so überkommt mich wieder einmal eine Stimmung der Bitterkeit. Gar zu töricht ist das Mißverständnis, daß die Aufhebung der sozialen Abgrenzungen die Differenzierung des Menschen begünstigen soll! Freilich begünstigt sie die individuelle Differenzierung – aber was bedeutet diese im Verhältnis zur typischen, die sie im Keim erstickt? Unter höchstindividualisierten Völkern geschieht es nur ausnahmsweise, daß eine Individualität als solche wertvoll sei; umgekehrt sind die Typen, die aus noch so unpersönlichen auskristallisieren, ohne Ausnahme Träger von Menschheitswerten, welche verloren gehen, wenn die Grenzen zwischen den Typen verschwommen sind. Der Mensch ist nun einmal ein Unterschiedswesen, wird sich seiner Eigenart nur in bezug auf Andersartiges bewußt; aus diesem Grunde blüht höhere Kultur nur in aristokratischen Gemeinwesen. Die Unterschiede zwischen Individuen, die in demokratischen die zwischen den Typen ersetzen, sind zu gering und vor allem zu oberflächlich, um im gleichen Maße anspornend zu wirken. Diese Wahrheiten illustrieren die Japaner wie kein zweites Volk. Sie sind, wie alle Kenner übereinstimmend behaupten, ausgesprochen unpersönlich, haben auffallend wenig Sinn für das Individuelle. Um so mehr verlieren sie, indem sie sich der Möglichkeit typischer Gestaltung begeben. Der Hofmann von einst war raffiniert im Gegensatz zum rauhen Samurai, und dieser männlich und stark im Gegensatz zum verfeinerten Daimyo; die Edelfrau war streng und selbstbeherrscht im Bewußtsein ihrer Überlegenheit über ihre naturwüchsigen Dienerinnen. Heute fühlen alle Japaner sich mehr und mehr als gleich, streben vor allem darnach, »moderne Menschen« zu sein. Und das macht sie zusehends banaler ...

Aber noch herrscht in Kyôtô die psychische Atmosphäre der alten Zeiten, noch dominiert in ihr der Geist der Residenz. Mir wird zumut, wie manchmal in Versailles, wenn ich im Lichte der Oktobersonne durch die halbverwilderten Alleen schritt. Ich fühle mich als Hofmann; die Etikette schematisiert meine Impulse; Schein ist mir höchste Wirklichkeit, Formel Wesen. Und diese Verfassung beengt mich nicht: hier bedingt gerade sie größtmögliche innere Freiheit. Im Versailles Ludwig XIV. konnte allein der vollendete Höfling unbefangen sein. Ähnlich war es in Kyôtô. In dessen verkünstelter Gesellschaft, von Puppenkaisern vorgeblich beherrscht, von Favoritinnen regiert, Intrigen durchsetzt, war nur die Schranze ganz in ihrem Elemente. Aber diese erschien erstaunlich substantiell. Dank der japanischen Anlage, die in so seltsamer Weise Sensitivität, Phantasielosigkeit und Matter-of-factness in sich vereint, konnten die Höflinge hier vollkommen echt sein. Sie waren so echt wie die Pinguine, die auf den Eisfeldern der Süd-Polarregion ihre Tage in Höflichkeitsbezeugungen zubringen.

 

In den höchstgestellten Kreisen des alten Japan pflegten Zimmereinrichtungen und die Trachten der Frauen, im Zusammenhang mit dem Kreislauf der Jahreszeiten, eine zyklische Verwandlung zu erfahren. Nie war ein Interieur dort sommerlich gestimmt, während es draußen schneite und stürmte, nie hätte eine japanische Grande-Dame zur Zeit der Wistaria-Blüte ein Gewand getragen, das der Stimmung des Chrysanthemums entsprach. Die Idee ist die gleiche wie die der chinesischen »Harmonie«, nur hier nicht in der Tiefe oder von der Tiefe her, sondern an der Oberfläche zum Ausdruck gebracht, so wie der Maler den Sinn der Dinge in ihrem »farbigen Abglanz« auffängt und wiedergibt. Um den Himmel hat sich der Japaner wenig gekümmert; dafür hat er, dank seinem wundersamen Naturgefühl, seine Erde zum Paradiese umgewandelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein gezwergter Baum sich mißhandelt fühlen könnte, wie ein auf französisch zurechtgestutzter dies sicher tut: er dürfte seinem Gärtner vielmehr danken, da dieser seine Natur, ohne Gewaltsamkeit, so umwandelt, daß sie ihrer Umgebung vollkommen angepaßt erscheint. Jeder Mensch von Geschmack jedenfalls, welchem Gleiches widerführe, wäre dankbar.

Der »Sinn« dieses Natursinns, um mit Laotse zu reden, ist der Grundton aller asiatischen Welt- und Lebensanschauung. Die Inder haben ihn in ihrer Philosophie, Religion und Musik zum Ausdruck gebracht, die Chinesen in ihrer ganzen Kultur, die Japaner vor allem in der Gestaltung des Sichtbaren; in dieser Beziehung sind sie durchaus Asiaten. Der ganze Osten betrachtet den Menschen als Bestandteil der Natur und verhält sich dementsprechend, während es für uns zunächst bezeichnend ist, daß wir die Gliedschaft verleugnen. Ohne Zweifel ist seine Grundanschauung die tiefere. Nur aus asiatischem Weltgefühl kann eine allumfassende, nichts verleugnende Religion und Philosophie hervorgehen, es allein ermöglicht im Prinzip eine vollkommene soziale Organisation; nur wer asiatisches Weltgefühl besitzt, wird im höchsten Sinn geschmackvoll sein. Was ist Geschmack denn anders als ein sicheres Bewußtsein der Proportion? Wessen Auge in Japan gebildet ward, wird in Europa selten aufblicken mögen. Wie barbarisch sind unsere Überladungen! wie selten steht ein Gegenstand dort, wo der Zusammenhang ihm den Platz anweist! wie drängen sich die Gemälde einem auf! Und wie selten ist sich ein Europäer dessen bewußt, daß das Zimmer für den Menschen da ist und nicht umgekehrt, daß er und nicht der Vorhang oder das Bild an sich zur Geltung kommen soll! Sogar die japanische Baukunst leistet im selben Verstande wertvolleres als unsere moderne, wie geringfügig ihre Schöpfungen sonst seien. Ein japanischer Tempel ist in seine Umgebung hineinkomponiert, von dieser überhaupt nicht loszulösen. Und da dieses mit Meisterschaft geschah und jedes Gebäude mit seinem Hintergrund zusammen als Einheit wirkt, ist das Gesamtbild ästhetisch befriedigender, als es unsere an sich meist besseren Bauten bieten. Charakteristischerweise verläßt den Japaner sein Geschmack, sobald er europäische Sitten und Kleidung annimmt: die sind ihm eben innerlich fremd, kann er nicht vom Zusammenhang her verstehen. Und im gleichen Sinn bezeichnend ist es wohl, daß die Tempel meist stark überladen sind: die sind eben nicht für den Menschen da, sondern für superlativische Wesen, von denen jener sich keine deutliche Vorstellung bilden kann. Der Mensch besucht sie auch nur bei festlichen Gelegenheiten, wo die gehobene Stimmung einen prächtigeren Rahmen ohnehin erheischt. Heute wohnte ich dem Jahresfest des Nishi-Hongwanji-Tempels bei. Dort ward ganz außerordentlicher Pomp entfaltet. Aber so gerade müssen religiöse Feiern nach japanischer Auffassung sein – wesentlich außerordentliche Veranstaltungen –, und zu solchen geben die prunkhaft reichgeschmückten, goldschimmernden, buntlackierten Tempel einen stilgerechten Rahmen ab.

Japanische Gärten aber sind absolut schön, es sind die vollkommen schönen Gärten, ein Ausdruck nicht minder klassischen Geistes als griechische Götterbilder. Weshalb zwergt der Japaner Bäume? Nicht aus Vorliebe für das kleine an sich, sondern auf daß sein noch so winziges Stück Land, gleich einer Landschaft Millets, unendliche Perspektiven eröffne. Wo daher, wie in den kaiserlichen Anlagen Kyôtôs, Raum die Fülle vorhanden ist, hat man die Bäume im Hintergrund am Himmel anstoßen lassen und nur dem Vordergrunde zu fortschreitend ihre Wachstumsimpulse proportional der Entfernung eingeschränkt, so im großen das gleiche Bild unendlicher Weite erzielend, das der Arme im Kleinen realisiert. – Und wieviel mehr kann erreicht werden durch Eingehen auf die Eigenheiten der Natur als durch ihre Vergewaltigung! Vermittels einiger Steine, weniger Pflanzen, eines kleinen Gerinnsels zaubert der Künstler hier Schönheiten in einen gleichgültigen Raum hinein, die so mancher berühmten Sehenswürdigkeit fehlen ... Während ich, die heißen Tagesstunden hindurch, in diesen Zaubergärten raste, lese ich im Genji Monogatari, dem mittelalterlichen Roman, der ein so vollkommenes Bild vom Fürstenleben Japans gibt: dieses Raffinement hat kein Hof des Westens gekannt; auch wohl kein chinesischer. Was jene Kultur charakterisierte, war eine Verknüpfung, die eben nur in Japan möglich war: zwischen tierartig-sicherer Auffassung des Sinnlichen und deren äußerster künstlerischer Verarbeitung. Wenn Prinz Genji eine Mondscheinstimmung genoß, so träumte er nicht gleich einem persischen Dichter: er merkte auf wie ein Raubtier, das auf der Lauer liegt, aber empfand das Bemerkte zugleich als feinsinniger Ästhet.

 

Immer mehr fängt mich der Charme dieses ästhetisch-reizvollsten aller Länder. Wie sonst im Reiche der Gedanken die Ideen, so ergreifen hier die Gegenstände der Außenwelt von mir Besitz und modulieren die Stimmung meiner Seele, bis daß sie aus eigenem Drang in deren Tonart fortkomponiert.

Ist es, weil ich in Japan ganz den Sinnen lebe, daß ich mich täglich jünger werden fühle? So wird es sein. Wir sind nun einmal für die Welt in diese Welt hineingeboren, zur Benutzung, nicht zur Verleugnung irdischen Könnens, und müssen es büßen, wenn wir zu früh jenseits der Sinne existieren wollen. Nachdem das Leben seinen irdischen Zenith überschritten hat, erfüllt es sich wohl mehr und mehr in einem Dasein rein geistiger Art. Solange die Kurve jedoch auf Erden noch ansteigt, heischt die Sinnlichkeit gebieterisch ihr Recht. Der Naturprozeß will sich nicht abkürzen lassen.

Aber das ist es nicht allein und nicht vor allem, was den Tonus meines Lebens in Japan so sehr hebt: es ist die einzigartige Befriedigung, die ein Leben in und mit den Sinnen im Reich der aufgehenden Sonne gewährt. Hier, wie nirgends sonst auf der Welt, ist das Äußere auf das Innere, die Natur auf den Menschen abgestimmt, so daß die möglichen Eindrücke von vornherein in harmonischem Verhältnis zu den möglichen Empfindungen stehen; und hier, wie nirgends sonst, ist dieses harmonische Verhältnis in den objektiv besten Rhythmen realisiert. Die Zahl solcher Rhythmen ist nicht unendlich: wie nur Kombinationen der Elemente in bestimmten Zahlenverhältnissen zu dauerhaften chemischen Verbindungen führen, wie nur Himmelskörper von bestimmtem Gewichtsverhältnis und in bestimmtem Abstand voneinander des Vereinigens zu einem Systeme fähig sind, so ist auch das Größtmögliche an Schönheit, Befriedigung und Glück an bestimmte rhythmische Verhältnisse geknüpft. In der objektivierten Kunst, zumal der Musik, kann diese Darstellung leicht durchgeführt werden; je klassischer eine Komposition, desto mehr erscheint sie durch eben die Rhythmen bestimmt, welche draußen im Himmelsraum die Harmonie der Sphären regieren. Im Fall der subjektiven Empfindungen jedoch, wo ein objektiver Nachweis nicht zu erbringen ist, wird jeder, dessen Organisation genügend fein ist, eine gleiche persönliche Erfahrung machen. Keinen wüßte ich, der in Jaques-Dalcrozes rhythmische Gymnastik tiefer eingedrungen wäre und nicht von einer unerhörten Lebenssteigerung berichtet hätte, die er durch sie und in ihr erfahren: sie realisiert eben das objektive Optimum in der Rhythmik des menschlichen Gebärdenspiels. Kein Künstlergemüt wüßte ich, dem sich die Schönheit eines Meisterwerkes nicht als ein objektives Absolutum darstellte. Und last but not least – das Glück, das zwei Menschen einander gewähren können, hängt überall vom Grade ihrer physiologischen und psychischen Sympathie ab, das heißt dem Verhältnisse, in dem die Saiten ihrer Naturen zusammenklingen. Genau in diesem Verstande ist das Verhältnis, in dem in Japan die objektivierte Kultur zur menschlichen Subjektivität steht, ein bestmögliches. Freilich muß man Japaner geworden sein, um dieses Optimum ungeschmälert zu empfinden; aber man wird eben in Japan zum Japaner; kein aufnahmefähiges Gemüt entgeht dieser Verwandlung. Und merkt er alsdann, daß die fremdartige ostasiatische Gestaltung auch ihm als objektives Optimum zu erscheinen beginnt, dann wird ihm auch klar, wie wenig dieser Stil als solcher bedeutet. Es sind die Verhältnisse innerhalb der Konvention, die ihn beglücken; die gleichen wären auch auf griechisch darstellbar. Und daß er in Japan das Japanische am meisten genießt, beweist nur, wie sehr dieser besondere Stil dem ambiente gemäß ist.

Ich denke an China zurück. Nein, die Vollendung, die ich heute im Auge habe, ist spezifisch japanisch, nicht chinesisch, und ob auch jede einzelne schöne Gestalt im Reich der Mitte erfunden ward; die Lebenssteigerung, welche die Anschauung Japans bewirkt, wird China in seinen größten Zeiten nie haben auslösen können. Wie belehrend ist dieser Vergleich! Wahrhaftig: das allermeiste von dem, was an der japanischen Kultur objektiv wertvoll erscheint, ist in China erfunden nicht allein, sondern auch ungleich tiefer verstanden worden. Nie haben die Japaner die Bewußtseinslage erreicht, welche die Gestaltungen der buddhistischen Kunst aus sich heraus gotthaft hervorbringen konnte, nie den Sinn des Rituals verstanden, welcher der Chinoiserie einen so tiefen Hintergrund verleiht. Aber in Japan, nicht in China, hat der Sinn die Erscheinung bis zum äußersten durchdrungen. Eine Süßigkeit ist der Grundton der Atmosphäre japanischer Buddhatempel, die kein chinesisches Heiligtum kennt, und dem Chinesengeist, der die einzelnen Formen erfand, vielleicht unfaßlich ist; die Idee der Rücksicht, die in China aufkam und dort die tiefst begründete systematische Ausgestaltung fand, trägt in Japan den vollkommensten Körper. Dem Chinesen fehlt die natürliche Sensibilität, das feinvibrierende Nervensystem. Trotz seines hochentwickelten ästhetischen Sinns hat er kaum unter dem Schmutz gelitten, trotz wunderbar tiefen Verständnisses der Harmonie diese Idee nie seinen Empfindungen eingebildet. Er ist höflich wie keiner, seine ganze Lebensroutine ist auf Rücksicht aufgebaut; aber diese äußert sich im Befolgen objektiver Höflichkeitsformen, ohne Beachtung dessen, was im Bewußtsein der anderen vorgehen mag. Eine Chinesin, wird mir erzählt, die einer Europäerin ihren Besuch machte, befremdete diese dadurch, daß sie, anstatt sich vor ihr zu verneigen, ihre Bücklinge nach der entgegengesetzten Seite ausführte, womit sie ihrer Gastgeberin den Rücken kehrte: diese hätte eben, der Etikette gemäß, auf der entgegengesetzten (südlichen) Seite des Zimmers stehen sollen; daß sie nicht tatsächlich dort stand, war jener gleich. – In Japan ist gerade die lebendige Rücksicht bis zum äußersten durchgebildet; nirgends auf der Welt erscheint das Empfinden so fein nuanciert. So trägt die chinesische Erfindung erst hier ihre schönsten Früchte. In Japan ist die Idee der Harmonie der lebendig-beweglichen Erscheinung eingebildet; nichts geschieht, außer in harmonischen Proportionen, nichts steht da, außer am rhythmisch besten Ort. So fühlt man sich wohl und beglückt, wohin man sich wendet. Schließlich kommt es überall in der Welt doch am meisten auf Kleinigkeiten an. Eine Nuance scheidet Taktlosigkeit vom Takt, eine Nuance Zuvorkommenheit von Frechheit. Der Japaner hat den ausgebildetsten Sinn für das Kleine. So konnte er, nachdem das Große ihm gegeben war, Ergebnisse erzielen, die einem Größeren unerreichbar blieben.

Die Kehrseite freilich ... doch ich will mir meine Stimmung des Beglücktseins nicht verderben. Wozu soll denn ein Mensch oder ein Volk alle Vorzüge besitzen? Die Völker dieser Erde ergänzen sich. Die einen spielen den Baß, die anderen den Diskant; einige wenige schlagen die Grundtöne an, viele andere singen die Melodie. Die Menschheit ist ein vielstimmiges Orchester; der Philosoph lauscht ihrem Zusammenspiel. Und wenn er reisen muß im Raum, um den Eindruck der Einheit zu gewinnen, so liegt darin kein ernsterer Einwand gegen die Weltordnung, als in dem, daß sich die Einheit einer einzelnen Melodie nur im Verstreichen in der Zeit realisiert.

 

Ich erkenne mich nicht mehr: nicht allein, daß ich stundenlang bei Antiquaren und Kuriositätenhändlern herumstöbere – ich kaufe ein und denke über Zimmereinrichtungen nach. Das ist ein ganz ungewohnter Zustand. Noch nie, daß ich wüßte, ist mir an Besitz gelegen, am wenigsten dessen, was meinen Augen wohlgefällt. Meinem persönlichen Bedürfnis entspricht es besser, wenn das Schöne sich dort befindet, wo ich es sehen kann, aber nicht muß, bei Freunden oder in öffentlichen Sammlungen; steht es immer vor mir, so stört es mich, und desto mehr, je größer sein Eigenwert. Dann muß ich Rücksichten nehmen, meinen Lebensstil dem Kunstwerke anpassen; vor allem fühlt sich meine Phantasie in solcher Gegenwart nicht frei. Wie soll ich aus unbewußter Tiefe unbefangen Gedanken zutage fördern, wenn der Raum vor mir nicht leer ist, wenn meine Sinne wieder und wieder von Vollendetem außer mir gefangen werden? Allerdings: das bloß Gefällige wirkt nicht so bannend; dafür bedarf ich seiner nicht. Meinen Freundinnen bin ich wohl gram, wenn sie ihren Lebensrahmen nicht möglichst schön gestalten, denn während ich bei ihnen weile, ist mein Bewußtsein der Außenwelt zugekehrt und leidet unter deren Mängeln; vom meinen verlange ich bloß, daß er mir nie zum Bewußtsein komme: das soll seine Vollkommenheit sein. – Hier nun, unter dem Einflusse Japans, werde ich zum Genießer, zum Kunstliebhaber. Hier ist eben alles Sichtbare auf den Menschen zugeschnitten; alle Natur wirkt als Rahmen des Menschenlebens, jeder Gegenstand ist zum Gebrauche da, jedes Kunstwerk setzt den Beschauer voraus. So kommt es, daß der von der Außenwelt sonst noch so Unabhängige, im Falle er eindrucksfähig ist, sich bedrückt und ungemütlich fühlt, sobald etwas in diesem Sinne nicht stimmt, daß ich zu Kyôtô unwillkürlich darauf sinne, wie ich mich mit meiner Umgebung in den ästhetisch besten Einklang versetzen könnte, ja während dessen im Glauben lebe, diese Bedürfnisse hätte ich auch daheim. – Ich muß lachen über mich selbst. Ein klein wenig weniger Selbstkritik, und ich könnte mir wahrhaftig einbilden, ich sei ein Kunstverständiger. Heute früh, auf der Eröffnung einer Auktion, schaute ich zu, wie japanische Kenner Porzellan besichtigten. Was diese bemerkten, dafür bin ich wahrscheinlich blind, allein mir schien im Augenblick ganz ernstlich, als dürfte ich mitreden über Porzellan, und wirklich scheine ich etliche Male nicht falsch geurteilt zu haben. Das verdanke ich ausschließlich der Suggestion des Milieus; von Natur fehlt mir jeder Sinn für Kunstgewerbe. Allein ich bin es wohl zufrieden, wenigstens auf Augenblicke in der Haut eines Mannes von Geschmack gesteckt zu haben, weil mir dadurch eine neue Seite der japanischen Veranlagung deutlich geworden ist. Goethe bemerkt irgendwo, das Theater habe die zweischneidige Eigenschaft, im Beschauer die Einbildung wachzurufen, auch er könne dramatisch produzieren. Woran liegt das? Offenbar daran, daß der Mensch wenigen Geschehnissen gleich intensive Aufmerksamkeit schenkt, wie dem Ablauf eines Bühnenspiels; und wirklich Gesehenes liegt, vom Geiste her betrachtet, auf einer Ebene mit dem Eingefallenen. Also scheint es dem Zuschauer unwillkürlich, er hätte das Drama eines anderen selbst verfaßt, oder – da dies nachweislich nicht der Fall ist – er sei doch einer gleichen Leistung fähig. Ganz so gelangt in kunstsinniger Umgebung auch der Barbar irgendeinmal zur Überzeugung, daß er »eigentlich« ein Kunstkenner sei, denn hier beachtet er das, was ihm sonst entgeht. Hiermit ist aber dieser Gedankengang nicht abgeschlossen: durch Erziehung der Aufmerksamkeit zum Beobachten bestimmter Dinge entwickelt sich das Vermögen, sie wirklich zu sehen; ja er führt noch weiter: man wird durch andauerndes Aufmerken schöpferisch. Dieses nun scheint mir der Schlüssel zum Verständnis des japanischen Kunstschaffens zu sein. Die Japaner sind von Hause aus nicht produktiv in dem Sinne; wie es die Chinesen einstmals waren; aber sie sind auf die Dauer schöpferisch geworden, weil Phantasie und Technik, Produzieren und Rezipieren einem ideellen Zusammenhange angehören. Eine starke Phantasie schafft sich die Ausdrucksmittel; wo die Technik vollkommen ist, dort strömt der Geist, der Sinn von selber ein; wer vollkommen beobachtet, wird am Ende durch Einfälle überrascht. Die Japaner sind von Hause aus nun zweierlei: unvergleichlich scharfe Beobachter und Virtuosen alles technischen Könnens. Dank welchem sie sich nicht allein die Errungenschaften aller der Völker, denen sie es gleichtun wollten, haben aneignen können – es ist ihnen gelungen, ohne daß sie eigentlich Ideen hätten, doch Ideen darzustellen, sogar solche, welche keiner vor ihnen gehabt hat.

 

Wie sehr ich bereits Japaner bin! Ihre Sinne sind die meinigen geworden; wie selbstverständlich wende ich die Kategorien ihrer Ästhetik an, bemerke und beachte ich tausenderlei, was mir sonst niemals auffällt; vom Denker scheine ich mich ganz und gar zum Augenmenschen verwandelt zu haben. Und ich staune über den Reichtum der sichtbaren Welt. Bisher hatte ich häufig gefunden, daß diese mehr verschleiert als enthüllt; daß die Wirklichkeit, welche das Auge berührt, arm ist neben der von Geist und Seele. Nun aber erkenne ich, daß sie ganz wunderbar reich ist, daß es nur von der Anlage des Beschauers abhängt, wieviel sie ihm bietet und bedeutet; im Spiel der Farben und Linien kann genau so viel Sinn zutage treten, wie in der geistreichsten Gedankenverknüpfung. Aber allerdings ist es ein Sinn anderer Art. Es heißt, die Götter redeten in Farben miteinander; das mag wohl sein; dann aber reden sie von anderem als wir. Ich weiß nicht, ob Menschen, welche dauernd mit den Augen leben, sich dessen so bewußt werden wie ich: die Welt des Sichtbaren ist eine Welt für sich; die Erlebnisse des bildenden Künstlers sind mit denen des Denkers auf keinen konkreten Generalnenner zu bringen. Daher bedeutet es eine absolute Bereicherung meines Daseins, daß ich für den Augenblick als japanischer Maler auffassen kann.

Für den Augenblick: denn lange wird diese Einstellung nicht anhalten. Gewiß lebt in mir die Möglichkeit zum Japanertum, wie denn alles Natürliche dem Menschen eingeboren ist; jeder kann, willkürlich oder unwillkürlich, zeitweilig Tiger oder Reh, Wasserfall, Erdbeben oder Pflanze sein; es kommt bloß darauf an, auf welche Elemente seines Wesens er den Nachdruck legt. Aber auf die Dauer ist jegliches Individuum nur in der Einstellung, die es als solches definiert, existenzfähig; sie allein ist dem Tiefsten in ihm ein zuverlässiges Ausdrucksmittel; weshalb sich Einfühlung in gar zu Fremdartiges leider selten als so produktiv erweist, wie es der Theorie nach sein sollte – sie führt nicht dahin, wohin man wollte. Heute nachmittag, wo ich durch Stunden auf waldigem Hügel saß, unter blühenden Azaleen, vor mir die weite Fläche des Biwasees, habe ich das wieder einmal am eigenen Leib erfahren. Ich stellte mich zum Augenmenschen ein; ich versenkte mich in die reine Form der Pflanzen; bald vermochte ich diese so zu sehen, wie ein japanischer Maler sie sieht, und der Sinn jeder Linie ward mir offenbar. Aber wie ich tiefer und tiefer konzentriert ward, da verschwand das Sichtbare; nicht absolut, aber seinem selbständigen Eigensinne nach, mit dem allein Kunst es zu tun hat. Immer deutlicher begann ich zu erfassen, was mir überhaupt, mehr und mehr, zur eigentlichen Wirklichkeit wird: der Erscheinung Möglichkeit. Wieder einmal kam ich mit der Potenz in unmittelbaren Kontakt, die von innen her das Da- und Sosein bedingt, das Werden und Vergehen regiert. Und wenn dann Blitze der Reflexion vorüberschossen, dann wunderte ich mich, wie so oft, warum es mir denn versagt ist, in der reinen Möglichkeit mein persönliches Zentrum zu haben, und indem ich mich aktualisiere, bald das Ganze, bald nichts und bald ein beliebiger Teil zu sein. Und auf die Verwunderung folgte, wie immer, die Betrübnis. Es ist tragisch, in seinem Verstehen dem Können voraus zu sein. Weshalb bin ich kein Gott? – Nur, weil es mir an physischer Kraft gebricht; das verfügbare Energiequantum ist es, sonst nichts, das den Metaphysiker vom Gotte unterscheidet. Besäße ich genügende Mittel, so würden meine Ideen von selbst zu physischen Gestalten werden, und während meine Gedanken wanderten, löste Welt auf Welt sich ab. – So aber kann ich nicht einmal, solange es mir beliebt, Japaner sein; die Grenzen, die ich in der Idee nicht anerkenne, beherrschen mich doch. Aus jeder neuen Gestalt entpuppt sich zuletzt doch wieder der alte Keyserling, und dieses meist lange, bevor ich deren Möglichkeiten erschöpft hätte. Was also tun? – Wäre ich eine rein betrachtende Natur, so könnte ich mich wenigstens hinwegtäuschen über den Tatbestand, wie dies die meisten Mystiker getan haben: ich könnte so konsequent nicht handeln, so andauernd in Gedanken im Reiche des Möglichen wohnen, daß ich des Bewußtseins meiner Schranken verlustig ginge, bis daß der Prozeß des Geschehens sie einmal wirklich sprengt. Aber ich bin leider viel zu aktiv, als daß solches für mich in Frage kommen könnte. Mir bleibt nichts Besseres übrig, als den unüberwindlichen Keyserling zu einem soweit biegsamen Werkzeuge zu erziehen, daß ich auf sein Dasein während der Arbeit wenigstens keine Aufmerksamkeit zu verschwenden brauchte.

 

Daß ein gleichvollendeter Rhythmus, wie auf byzantinischen Mosaiken, von lebendigen Menschen dargestellt werden könnte, hätte ich mir nimmer träumen lassen, bevor ich einem japanischen Tanzfeste beigewohnt. Die Lautenschlägerinnen rechts, die Trommlerinnen links vom Amphitheater aufgereiht, in identischer Stellung dasitzend, identische Bewegungen im Takt vollführend, bildeten zusammen einen lebendigen Fries von vollkommener rhythmischer Einheit. Und die Geishas, die bald auf der Bühne, bald längs dem Zuschauerraum ihre stilvollen Tänze aufführten, wirkten, so viele ihrer waren, wie die Engel auf mittelalterlichen Paradiesesdarstellungen, nur als Wiederholungen eines ewig gleichen Symbols. Mehr als je habe ich's bei dieser Gelegenheit gespürt: erst in rhythmischer Stilisierung wird die Natur vollkommen sie selbst; erst in der vereinfachenden Kurve erfüllt sich der Reichtum des Lebens. Ich empfand wie ein Weitwerden meiner selbst, wie ein Schwinden aller Hemmungen und Schranken; mir war, als löste sich aller Drang in beseligender Harmonie.

Die begleitende Musik klang Europäerohren nicht schön, aber das Schauspiel selbst war Musik. Hier habe ich's zum erstenmal erfahren, daß bewegte Farben und Linien das gleiche zu wirken vermögen, wie die Schwingungen der Töne. Das europäische Ballett ist ein zu Äußerliches, um solche Wirkung hervorzurufen; das Gebärdenspiel unserer Musiktänzerinnen ist Kopie oder Interpretation, kein unmittelbarer Ausdruck. Im Prinzip sollte das, was Jaques-Dalcroze erstrebt, das Ideal verwirklichen können, allein ich fürchte, es wird dies nur zur Hälfte tun, weil unsere Tänzerinnen, wie immer sie geschult werden, bewußte Individualitäten bleiben; der Europäer kann nicht vergessen, daß er eine »Persönlichkeit« ist. In Japan nun wird das Ideal tatsächlich verwirklicht, weil die Darstellerinnen – Geishas sind. Geschöpfe, dazu geboren und erzogen, ohne Selbstbewußtsein Stimmung zu erzeugen; eine Arabeske, eine Begleitung selbstlos darzustellen; nie an sich und für sich zu sein. Es kommt dem, der ihnen zuschaut, nicht in den Sinn, daß sie Einzelseelen besitzen. Sie sind, was sie darstellen sollen – angeschlagene Töne auf einer Saite, Farbenflecke, Metopen, Mosaiken; Elemente ohne Eigenbedeutung. – Wohl dem Volk, das die Geisha also hinaufhebt! das sie, anstatt sie verachtend auszustoßen oder nur als Genußmittel zu nutzen, zur Priesterin weiht: so schafft das an sich vielleicht Niederste am höchsten mit. Die Geishas haben das Privileg und die Pflicht, die althergebrachten Formen zu pflegen; damit sind sie die Hüterinnen des Allerheiligsten. Indem sie wieder und immer wieder die Zeremonien und Tänze aufführen, die der vollendete Ausdruck der Seele Altjapans sind, erhalten sie diese lebendig durch alle Zeit. Und das vermöchten nur sie, die leichtsinnigen, losen. Nur dieser Menschentypus vermag Element zu sein, wie dies bei Riten und Zeremonien erforderlich ist, denn nur er ist, metaphysisch genommen, selbstlos; nur Geishas existieren buchstäblich beziehungsweise, sind buchstäblich ohne Persönlichkeit. Daher können sie, was autonomere Typen nicht können: das Überpersönliche im Gleichnis vollendet darstellen.

Vor der Tanzaufführung fand die Teezeremonie statt. Es war ein wunderbares Erlebnis für mich, zu beobachten, welch tiefes Verständnis das einfache Volk dem komplexen Ritual entgegenbrachte. Solange dieser Formensinn lebendig bleibt, wird Japan seine Seele nicht verlieren. Was aber soll werden, wenn es auch hierin dem Beispiel des Westens folgt? In Europa versteht sogar der Papst den tiefen Sinn der Form nicht mehr, von den Königen und Fürsten zu schweigen; einzig die britische Nation stellt bis heute eine rühmliche Ausnahme dar. Bei ihr hat vollendete Klugheit gleiches gezeitigt, wie bei anderen der künstlerische Instinkt: sie weiß, daß die Form Inhalt nicht nur darstellt, sondern schafft, und setzt diese ihre Erkenntnis desto energischer in Praxis um, je mehr die Inhalte an und für sich an Macht verlieren. Heute, wo keiner mehr recht an das Gottesgnadentum der Obrigkeit glaubt, wird deren ursprüngliches Prestige desto stärker im Äußerlichen zum Ausdruck gebracht, denn der Augenschein wirkt zurück auf das Herz. Je loser tatsächlich die Bande zwischen den Teilen des Reiches werden, je mehr die einzelnen sich individualisieren, desto mehr stellt die Regierung das Symbol in den Vordergrund. So wird der König, tatsächlich nur ein Beamter unter anderen, mit weit geringerer Machtbefugnis ausgestattet als seine Minister, wo es darauf ankommt, mit einem Schein der Majestät umringt, um den ihn Schah Dschehan beneiden könnte.

Freilich ist solches Mittel nicht überall mehr wirksam. Die Engländer sind willig, die Form in sich schaffen zu lassen, was die Deutschen z. B. nicht sind. Dies beweist nicht, daß der Deutsche freier, sondern daß der Engländer gebildeter ist. Bei allem Innerlichen schafft die Bedeutung allererst den Tatbestand; in der Bedeutung, die einer Form frei zuerkannt wird, offenbart sich eine neue, höhere Sphäre der Wirklichkeit, und die Form ruft deren Bewußtsein auch in den Seelen wach, die sie von sich aus nimmer erschaut hätten. Noch ist diese Wahrheit den Japanern selbstverständlich: wird sie es bleiben? – Ich befürchte das Schlimmste, weil sie sie nicht verstehen; sie handeln ihr gemäß, ohne zu wissen, was sie tun. Stellen sie einmal die Frage nach dem Sinn, wie dies früher oder später sicher geschieht, so scheint gewiß, daß sie sie falsch beantworten werden; als Positivisten werden sie schwerlich gelten lassen, was dem Verstande nicht unmittelbar begreiflich ist, und viel schwerer als wir, die so viel mystischer veranlagten (der Japaner beurteilt den Europäer allgemein als auffallend abergläubisch), den Sinn symbolischer Wahrheiten einsehen.

Um nun noch einmal auf die Institution der Geishas zurückzukommen (sie sind wirklich eine Institution: ihre Meisterschaft in der Etikette wird patentiert, und das System hat die allerhöchste Sanktion): unsere Sozialreformer entsetzen sich darüber, daß es derartiges noch gibt; wenn die Geishas tatsächlich keine Persönlichkeiten sein sollten, so müßten sie zu solchen erzogen werden; es sei eines Menschen unwürdig, nur Element zu sein. Du lieber Gott! Die meisten sind Elemente, können nur als solche ihre Vollendung finden, zumal die Geisha-Naturen. Ich will die altjapanische Gesellschaft nicht als Ideal hinstellen, aber wahr ist gleichwohl, daß deren Prinzip unter den gegebenen empirischen Umständen den Elementen einen weit höheren Grad der Selbstverwirklichung ermöglicht, als das unsrige. Hierbei gedenke ich nicht allein der Kurtisanen, die in Europa, dank unserem abscheulichen System, so viel tiefer herabgedrückt erscheinen als in Japan: ich gedenke aller Gesellschaftsklassen. Unser Ideal ist die Vollendung des Individuums; vielleicht ist es das höchste. Aber eine andere Frage ist, auf welchem Wege diese Vollendung am besten zu erreichen sei? Die allermeisten, auch im Westen, sind zu wenig individualisiert, als daß sie, den eigenen Trieben folgend, vollkommen werden könnten (dies galt sogar vom Italien der Renaissance). Und da der moderne Zeitgeist das Streben nach typischer Vollendung nicht mehr begünstigt, so werden die Individuen zwar selbständiger, aber im gleichen Verhältnis unausgeprägter, als sie ehedem waren. Am deutlichsten äußert sich dies bei der Frau. Ihr fällt es, entsprechend ihrer Natur, noch schwerer als dem Mann, ihre Vollendung in und durch sich zu finden; die größten Frauengestalten, die es gegeben, sind durch Hingabe erwachsen – an einen Mann, an Gott, ein Ideal. Nun wollen sogar die niedersten »ganz sie selbst« sein. Die Betörten begreifen nicht, daß sie in viel höherem Grade sie selbst würden, wenn sie sich stolz zum Typus bekennten, dem sie angehören, und in diesem ihre Vollendung suchten. Denn diese Form, durch die Weisheit von Geschichte und Natur zugleich geprägt, würde gerade ihrem Individuum zu stärkerer Verwirklichung verhelfen, als das meist nur undeutlich erschaute und selten mit genügender Konsequenz verfolgte persönliche Ideal. Wie viel niedriger stehen die meisten modernen Frauen als die einer noch nicht fernen Vergangenheit! Den höchsten Typus des heutigen Europa verkörpert die hochgeborene Französin. Sie allein eben wird noch so erzogen, daß sie darstellen soll, bis daß sie ist.

 

Nun habe ich so manche Nacht in japanischen Gast- und Teehäusern zugebracht, bin ich so manchen frischen Morgen in niedrigem, mattenbedecktem Raum erwacht. Japan bei Nacht ist voll des intimsten Reizes. Das äußere Bild der Straßen hält den Vergleich mit chinesischen wohl nicht aus; sie sind einförmig, dunkel und still, und selten wird das Auge, wie dort, durch malerische Volksbilder angezogen. Japans Nachtleben spielt sich jenseits der Straße ab. Hier, hinter papierenen Wänden, von außen noch als Schattenspiel erkennbar, hört heiteres Treiben von der Dämmerstunde bis zum späten Morgen nicht auf; nachtein, nachtaus klingt Lautenspiel und helles Mädchenlachen gedämpft auf die Gasse hinaus.

Wie stimmungsvoll waren jene Nächte in den ländlichen Herbergen, wo es selten gelang, eine Stunde des ungestörten Schlafes zu erhaschen, weil die Pilgerscharen unter und neben mir des Lachens und Plauderns nimmer müde wurden! wie stimmungsvoll jene späten Stunden in der Stadt, wo ich in abgelegenem Viertel von den Anstrengungen des Tages Erholung suchte, indem ich dem zirpenden Gesang der Geishas lauschte, oder der kunstvollen Pantomime geschminkter, bunter Kinder zuschaute! Wie stimmungsvoll ist hier gerade das, was in Europa des Stimmungswertes so sehr entbehrt! Flaubert behauptet zwar: il manque quelque chose à celui, qui ne s'est jamals réveillé dans un lit sans nom, qui n'a pas vu dormir sur son oreiller une tête qu'il ne verra plus; aber damit kann er nur das Schreckhafte gemeint haben, dessen Höhepunkt die danse macabre ist, denn dem Leben der Hetären Europas fehlt der Lieblichkeitsreiz, welchen echter Frohsinn besitzt. Geächtet, erscheinen sie verbittert, sofern sie nicht von Hause aus stumpfe Tiere sind; sie sind zu bewußt, zu besorgt, um wirklich heiter zu sein, daher wirkt ihre Fröhlichkeit aggressiv; und ihre Liebe steht, wie groß ihre Kunst auch sei, doch immer im Zeichen des Gemeinen. In Japan scheint sogar den niedrigsten Dirnen Gemeinheit fremd. Hier geht alle Weiblichkeit auf Anmut aus, wird zur Anmut als Selbstzweck erzogen. Und da das Weib nichts Entehrendes darin sieht, sich für Geld dem fremden Manne hinzugeben, und der Mann nichts Beschämendes darin, daß er Freudenhäuser besucht, so herrscht in diesen eine Atmosphäre harmloser Heiterkeit, wie bei uns etwa bei Kindern unter dem Weihnachtsbaum. Es ist belehrend, die Europäer zu beobachten, die zum erstenmal ein japanisches Lupanar besuchen: anfangs tragen ihre Züge auch hier jenen häßlichen Ausdruck, der sich auf dem Gesicht jedes Mannes zeigt, der den Pfad des Lasters betritt; aber lange hält er bei den Stumpfesten nicht an. Bald werden sie harmlos-heiter wie die Mädchen, und ihnen schwindet jedes Bewußtsein dessen, daß sie, nach den Begriffen ihrer Heimat, auf schlechten Wegen wandeln. Hier ermißt man die Wahrheit des Wortes, daß den Reinen nichts unrein mache. Für die Japaner versteht es sich von selbst, daß die geschlechtlichen Bedürfnisse befriedigt werden, im Akte selbst sehen sie nichts Häßliches; die Mädchen kommen sich nicht ehrlos vor, die den Beruf wahlloser Nächstenliebe ausüben. Und da sie also denken und empfinden, so haftet nicht allein ihnen selbst nichts Unreines, Häßliches an – der Gast nimmt einen Abglanz ihrer Reinheit aus dem Bordelle mit nach Haus. Wie tief steht unser typisches Empfinden in diesen Dingen unter dem japanischen! Allerdings ist es ein objektiver Übelstand, daß es Prostituierte gibt und Nachfrage nach ihnen, allein ganz abzustellen wird er niemals sein; so wie die Menschennatur einmal beschaffen ist, kann kein Versuch, den außerehelichen Geschlechtsverkehr zu unterdrücken, glücken, wird jeder aufgehobene Übelstand durch einen neuen, häufig schlimmeren, ersetzt. Ist es da nicht besser, dem Übel dadurch zu begegnen, daß man ihm, wie in Japan, den Charakter eines solchen nimmt? Ich weiß wohl, auch dieses hat Übles zur Folge, wie denn alles in diesem Leben einiges Übel nach sich zieht. Aber da die Männer vor der Ehe niemals enthaltsam leben werden, und ihr polygamer Instinkt nie absterben wird; da immerdar Weiber zur Welt kommen werden, die einzig im Rahmen des Hetärendaseins existieren und glücklich werden können: ist es da nicht ersprießlicher, dem Tatbestand eine Stellung entgegenzubringen, die ihn nicht noch schlimmer macht, als er schon ist? In Japan steht nichts dem entgegen, daß eine Dirne rein an Seele bleibe; so braucht sie den, der sie besitzt, nicht zu vergiften. In Japan gibt es einen Weg aus dem Freudenhaus ins bürgerliche Dasein zurück. In Japan ist deren Ende nicht notwendig trostlos, deren Daseinsmöglichkeit an Jugendfrische gebunden schien. Der Kurtisanenstand ist öffentlich anerkannt. Er wird geachtet in seiner Art wie jeder andere. Gleich jedem anderen, ist auch er ein geschlossenes Ganzes einerseits, und andrerseits auf Stoffwechsel angewiesen. Ja, er hat eine öffentliche Aufgabe, was ihm jenes spezifische Selbstgefühl gibt, dessen kein Stand entraten kann. Ich schrieb schon von dem Privileg, das die Geishas besitzen, durch Bewahrung der Tradition in Tanz, Gebärde und Spiel die Seele Altjapans wachzuerhalten. Eine ähnliche ideale Aufgabe, die auch entsprechend gewürdigt wird, scheint sich mehr denn ein Bordell gestellt zu haben; in manchen von diesen wird das Höchste gepflegt, was an Stil und Bildung überliefert ist. Ein Mädchenhaus zu Kyôtô gehört zu den historischen Denkmälern. Seit Jahrhunderten steht es da, von der ursprünglichen Dynastie verwaltet. Hier pflegten die Großen des Landes einzukehren, um in heiterem Kreis der Sorgen zu vergessen, oder auch, um im Geheimen, vertraut, schwerwiegende Beratungen abzuhalten. Kostbare Wandmalereien berühmter Meister schmücken die Gemächer, von denen jedes, wie in Englands Königsschlössern, einen Namen hat. Unter den Bewohnerinnen aber herrscht die exquisiteste Etikette. Nirgends sind die Damen feiner erzogen, tragen sie geschmackvollere Gewänder, reden sie gewähltere Sprache; sie bewahren die Tradition des höfischen Stils. Und dieses Verdienst wird vom Staat insofern anerkannt, als sie das Recht haben, bei der kaiserlichen Jahresfeier als erste im Zuge zu schreiten.

Japans Stellungnahme geschlechtlichen Fragen gegenüber steht innerhalb der Grenzen, in welchen sich meine heutige Betrachtung bewegt, nicht niedriger, sondern höher als die unsrige. Wohl bezeichnet die bestehende Wirklichkeit nicht die höchstmögliche Verkörperung des Ideals – fern davon –, aber das Ideal als solches ist das höhere; dem Sinne nach wüßte ich keine bessere Stellungnahme, als die japanische. Tatsächlich gravitieren denn auch unsere Reformbestrebungen, so wenig dies deren Vorkämpfer wahrhaben möchten, automatisch dem japanischen Ideale zu. Es soll die »Unmoral« ausgerottet werden, was schlecht gelingt, unterwegs aber wird Besseres erreicht: die gefallenen Frauen werden mit freundlicheren Augen angesehen; es wird das Möglichste getan, um das Selbstbewußtsein der Hetären zu heben; der unverheirateten Mütter harrt weniger und weniger das trostlose Los, das ihnen ehemals gewiß war. Was bedeutet dieses anderes, als daß auch die christliche Menschheit einzusehen anfängt, daß einem naturgemäßen Übel nur dadurch abzuhelfen ist, daß man ihm den Charakter des Übels, soweit als nur irgend möglich, nimmt? – Das gefallene Mädchen, das sich seines Falles nicht schämt, braucht auf der Stufenleiter der Wesen nicht niederzusteigen. Besser als zu moralisieren, ist eine Welt zu erschaffen, in der alles Negative zum Positiven umgewandelt wird. Jede Gestaltung kann ein Positives bedeuten; an uns ist es, diese Sinngebung zu vollziehen. Der neue Sinn erzeugt dann aus sich selbst einen neuen, besseren Tatbestand.

 

Ich spinne die Betrachtungen von gestern weiter fort: jener Chinese hatte doch nicht so unrecht, der da behauptete, der eigentliche Grund dessen, weshalb die Europäer sich zum Keuschheitsideale bekennten, sei ihre den Asiaten gegenüber ungeheure Brutalität; ihnen müsse ein Ideal vorgehalten werden, das ihrer eigentlichen Natur stracks zuwiderläuft, während sich die sanfteren, meist vegetarisch lebenden und daher weniger animalischen Bewohner des Ostens ohne Gefahr zu einer natürlicheren Auffassung bekennen dürften. Es ist wirklich wahr: so brutalsinnlich, wie der durchschnittliche Europäer, ist im Orient kaum der abnorme Einzelne; wo der »Zeitgeist« keine künstlichen Schranken schafft, dort ist die Atmosphäre Europas in einem Grade sinnenerregend, welcher jeden, der eine Weile fern von ihr gelebt, pathologisch beeinflußt; es ist nicht zu viel zu behaupten, daß die Luft auf einem bal blanc in Frankreich schwüler ist, als die in einem japanischen Freudenhaus. Nichts gibt es an der europäischen Frau, vom durchbrochenen Strumpf bis zur Reinheit und Unschuld, die sie zur Schau trägt, das nicht aufs raffinierteste darauf berechnet wäre, das Begehren des Mannes zu reizen; jedes Kleidungsstück mehr, das sie anlegt, wirkt als eine Aufforderung mehr, es ihr abzuzwingen. Und da unsere soziale Kultur, was immer man sage, ihren eigentümlichen Charakter der Rolle verdankt, die das Weib in ihr spielt, so ergibt das eine Zuspitzung des ganzen Daseins auf das Erotische hin. Man denke ja nicht, letztere sei die Folge der freieren Auffassung in Sachen der Liebe, die in der Neuzeit mehr und mehr zur Vorherrschaft gelangt: Negation und Position weisen psychologisch immer auf gleiches hin; die Prüderie des Puritaners bedeutet genau dasselbe wie der Zynismus des Libertins. So sehr, daß, wie mein chinesischer Freund ganz richtig bemerkte, unser Bekenntnis zum Ideal der Keuschheit recht eigentlich der Exponent unserer maßlosen Sinnlichkeit ist.

Seine weitere Behauptung, daß wir des Keuschheitsideals bedürften, um uns halbwegs im Zaume zu halten, trifft freilich nur bedingterweise zu, schon deshalb, weil nichts den Reizwert der Liebe so sehr steigert, als ihre vorausgesetzte Sündhaftigkeit; gleichwohl enthält die These mehr Wahrheit als man denken sollte. Unter Franzosen, bei welchen die erotische Betätigung den geringsten psychischen Widerstand findet, herrscht einerseits wohl mehr Aufrichtigkeit und insofern Reinheit, als unter Engländern und Deutschen, und eine Kultur der Sinne, die dort nicht entstehen kann, wo das Dasein dieser aus Vorsatz ignoriert wird; aber andrerseits spielt das Erotische bei ihnen eine solche Rolle, daß man sich wohl die Frage stellen mag, ob ein wenig mehr Hypokrisie und Barbarei im ganzen nicht unschädlicher wären, als eine Lebensanschauung, die gerade, weil sie der gegebenen Natur genau entspricht, deren Veredelung große Hindernisse in den Weg stellt. Ein gleiches gilt, abgeschwächt, vom katholischen Deutschland und Österreich. Die Nordgermanen nun sind gewiß nicht unsinnlicher als die vorhergenannten; wo es so scheint, beruht dies auf geringerer Differenziertheit, nicht auf Schwäche der Triebe. Aber da bei ihnen, dank ihrer protestantischen Erbanlage, beim Lieben zumeist das Gefühl des Sündigens mitschwingt, so daß die Vorurteilsfreiesten es doch nur in Ausnahmefällen wagen, sich die Zügel ganz schießen zu lassen, so benehmen sie sich im ganzen erstens besser, als ihrer Natur entspricht, und werden auf die Dauer auch wirklich besser, weil Erziehung die Anlagen umwandelt. Die Brutalität setzt sich in Spannkraft um. Insoweit ist es wohl wahr, daß es uns gut tut, an die Sündhaftigkeit des Beischlafs zu glauben.

Es gibt keine bessere Illustration der körperlichen und seelischen Blindheit, welche die meisten Reisenden auszeichnet, als die von ihnen zu uns verpflanzte Anschauung der »Sinnlichkeit« und »Laszivität« der Asiaten gegenüber der Christenheit: das genaue Gegenteil hiervon ist wahr. Niemand wird die Tiere, die keinerlei psychische Hemmungen kennen, der Sinnlichkeit im üblen Sinne zeihen. Im gleichen Verstande sind die Völker des Ostens unsinnlich im Vergleich zu uns Abendländern; sie sind es noch im weiteren, daß ihre Triebe viel weniger brutal sind wie die unsrigen. Wahrscheinlich wird im Osten verhältnismäßig mehr kopuliert: unter den gegebenen klimatischen Verhältnissen ist dies natürlich. Wohl scheint bei einigen Nationen – den Chinesen vornehmlich und den Indern – die ars amandi in hohem Grade entwickelt: aber nicht die Tatsache als solche entscheidet, sondern die Bedeutung, welche ihr beigelegt wird. Und das Erotische bedeutet dem Orientalen viel weniger als uns. Es versteht sich für ihn von selbst, daß er geschlechtliche Bedürfnisse hat, von selber, daß er sie befriedigt; und da dem so ist, beschäftigt es sein Bewußtsein kaum. Noch einmal: um wie viel unsinnlicher ist die Atmosphäre eines östlichen Freudenhauses als die eines europäischen Balles! Zeigt eine Frau bei uns nur ihren Schuh, so bedeutet das mehr, als wenn eine Japanerin sich auszieht; die feinstgebildeten Damen unserer Großstädte sind aggressiver im Verkehr mit Männern, als eine Dirne des Ostens es jemals wagen würde. Und denke ich gar an Indien zurück! Wie wunderbar weise hat dieses Volk die sexuelle Frage gelöst, wie weise gerade vom Standpunkt spirituellen Fortschreitens, um das es ihm so viel ernster zu tun ist, als der scheinheiligen Christenheit! Nie wird dort versucht, der Natur Gewalt anzutun, weil man dort seit Jahrhunderten weiß, was Freud erst seit kurzem entdeckt hat, daß verdrängte Vorstellungen verderblicher wirken als noch so schlimme, die man sich unbefangen eingesteht. Dort werden mönchische Anwandlungen bei jedem, der nicht zum Yogi berufen scheint, übel angesehen, bevor er Großvater ist, das normale Sich-Auswirken des Naturtriebs wird nicht gehemmt, sondern begünstigt; alle Schranken fehlen, welche die Voraussetzung der Sündhaftigkeit oder Häßlichkeit der Liebe schafft. Dafür werden andere aufgerichtet durch die Voraussetzung ihrer Heiligkeit. Als ein Göttliches gilt sie an und für sich, so daß erotische Bilder in Indien nie zur Porno-, sondern zur Ikonographie gehören. In jedem Einzelfall aber wird sie noch besonders geweiht. Der eheliche Verkehr ist mit so viel religiösen Vorstellungen verwoben, daß das Sinnliche durch und durch spiritualisiert, und eben das, was das Christentum als Konzession an das sündhafte Fleisch betrachtet, zum Mittel geistlichen Fortschritts wird. Sogar der Umgang mit Dirnen wird geheiligt dort, wo er unvermeidlich scheint (was er in Indien, wo jeder früh heiratet, in viel geringerem Grade ist als bei uns). Die Büßer, die das Gelübde der Keuschheit geleistet haben, sind nicht immer von den Fesseln der Sinnlichkeit ganz frei. Unterdrücken sie diese künstlich, so besteht die Gefahr, daß ihre Phantasie, anstatt reiner und reiner zu werden, je schmutziger und schmutziger wird, wie beim Heiligen Antonius. So befriedigen sie ihre Triebe als Opfer, indem sie Hetären benutzen, die sich ihrerseits um Gottes willen hingeben. Nun bestimmt die Sinngebung überall den Charakter des Tatbestandes: so wird, dank dieser noch so sophistischen Auslegung, sofern sie nur in gutem Glauben geschieht, das Zurückfallen in die Bande der Natur nicht zur Fesselung des freiheitsdurstigen Geistes. – Die Folge von dem allen ist die, daß in Indien, von den Fürstenhöfen einzig abgesehen, eine Atmosphäre der Nichtsinnlichkeit herrscht, die allein schon verständlich macht, weshalb dort Philosophieren und religiöses Meditieren so wunderbar gut gelingen. Der Sinn aller Einschränkung des Geschlechtslebens ist lediglich der, daß es keine größere Rolle spielen soll in der Gesamtökonomie, als ihm von Hause aus gebührt. Und besser als durch alle Repression wird einer Hypertrophie des sexuellen Momentes, die freilich zu einer richtigen Vergiftung führen kann, dadurch gesteuert, daß die normale Auslösung des Triebes gesichert und gerechtfertigt wird. Bei uns geschieht dies in der Ehe allein. Daß der Osten es verstanden hat, die gleiche Regelung auch außerhalb der Ehe durchzuführen, so daß in Freudenhäusern eine ebenso reine Atmosphäre herrscht, wie in einer guten westlichen Familie, wird ihm ewig zum Ruhme gereichen. Denn so ist es. Man führe so viel Tatsachen als man will zum Beweis orientalischer Unmoral an – sie beweisen nichts und können nichts beweisen, weil die Bedeutung es ist, auf die allein alles ankommt, und die japanische Laxheit ungefähr gleiches bedeutet, wie die Keuschheit frigider Engländerinnen.

Dieses schöne System ist nicht anwendbar bei uns. Nicht weil wir besser, sondern weil wir einerseits zu roh, andrerseits von asketisch-christlichen Vorstellungen zu sehr befangen, und vor allem, weil wir zu matter-of-fact sind; uns scheinen Tatsachen an sich bedeutsamer als ihr Sinn. Aber wir bewegen uns doch größerer Unbefangenheit entgegen. Wenn zunächst einigermaßen übertrieben für die Schönheit des Liebens als solchen, das Sich-Ausleben, das Recht jeder Frau auf Mutterfreuden gestritten wird, wobei die althergebrachten Schranken in Bausch und Bogen als Vorurteile verworfen werden, so bedeutet dies das normale stürmische Vorstadium zur sachlich-freien Auffassung der Zukunft. Ohne Zweifel wird der Ehestand weniger und weniger als conditio sine qua non zum Kinderhaben gelten; weniger und weniger wird die Tatsache der Virginität über Unehr und Ehr des Mädchens entscheiden; immer freier wird das Weib, gleich dem Mann, seinem persönlichen Gesetze folgen können. Die alten sozialen Gestaltungen werden deshalb nicht aussterben, sie werden fortleben wie nur je zuvor, sogar quantitativ kaum eine Einbuße erleiden. Nur werden neben ihnen auch andere als normal gelten, wie denn der wesentlichste Kulturfortschritt darin besteht, daß der Mensch immer weniger Lebensformen abzulehnen braucht, um sein Sonderdasein als berechtigt zu empfinden.

 

Über die Japanerin kann seitens jedes, der nur ein bißchen Stilgefühl besitzt, der also vom Schmetterling nicht die Leistungen des Nilpferdes verlangt, nur eine Meinung sein: daß sie eines der vollendetsten, eines der wenigen ganz vollkommenen Produkte dieser Schöpfung ist. Ich will es nicht unternehmen, ihre Vorzüge im einzelnen zu schildern: dies ist schon oft von Meisterhand geschehen. Hier könnte ich auch schwer objektiv sein; die Atmosphäre japanischer Weiblichkeit ist mir dermaßen sympathisch, daß ich ihrer Nachteile kaum gewahr geworden bin. Es tut gar zu wohl, Frauen zu schauen, die nichts als Grazie sind; die nichts scheinen, als was sie sind, nichts vorstellen wollen, als was sie wirklich können, deren Gemüt bis zum äußersten gebildet ist. Im Grunde ihrer Seele wollen nicht allzuviele Mädchen Europas mehr und anderes, als ihre Schwestern im fernen Osten – sie wollen gefallen, weiblich-anziehend wirken, und alles übrige, die geistigen Bestrebungen inbegriffen, ist ihnen Mittel zum Zweck. Wie viele derer, die scheinbar nur geistig interessiert sind, atmeten nicht auf, wenn sie dieses umständliche Reizmittel, dessen sie in ihrer Welt schwer entraten können, lassen und sich wie Japanerinnen geben dürften! Aber gerade dieses gelänge ihnen schwer, gelingt denen nicht, die es versuchen. Die modernen Mädchen sind schon zu bewußt, um vollkommen zu sein in Form der Naivität, zu wissend zu einem Dasein reiner Grazie, vor allem als Naturen auch zu reich, um sich überhaupt leicht zu vollenden. An Lieblichkeit kann sich keine modern-westliche Schönheit mit einer wohlerzogenen Japanerin messen.

Nun ist freilich der ästhetische Wert nicht der einzige, welcher in Frage kommt, und kann als höchster dort nur gelten, wo die Form die Erfüllung des ganzen Gehalts bedeutet, wie im Falle der besten Typen Altchinas. Bei der Japanerin tut sie das nicht; diese kann als Persönlichkeit nicht ernst genommen werden, und insofern haben die recht, die sie unter die Europäerin stellen. Dagegen aber ist zu erinnern, daß jede Vollendung besser ist als keine. So vollkommen manche Europäerinnen sind, deren Typus vergangenen Zeiten angehört – unter modernen wüßte ich noch keine, die mehr als eine flüchtige Skizze ihres spezifischen Ideals bezeichnete. So muß ich für diese Zeit der Japanerin die Palme zuerkennen.

Bald wird auch die Japanerin, die ich meine, der Vergangenheit angehören, wie es die europäische Grande-Dame schon heute tut. Kein ästhetisch empfindender Mensch wird diesem Schicksal ohne Wehmut entgegensehen. Mit ihr schwindet einer der süßesten Reize der Erde dahin, und nichts Gleichwertiges wird sie so bald ersetzen, wie sehr man sich darum bemühen mag. Gewiß nimmt die Europäerin im Leben eine höhere Stellung ein als sie; mehr Möglichkeiten stehen ihr offen, mehr Züge ihres Wesens sind ausgebildet, und unser Familienleben zumal steht der Idee nach viel höher als das asiatische. Aber was besonders Japaner meist vergessen, ist, daß die Vorzüge unseres Zustandes zunächst hauptsächlich in abstracto vorhanden sind, und daß der Wert abstrakter Wesenheiten ganz davon abhängt, inwieweit sie dem Konkreten angemessen sind; das bessere System schafft nicht notwendig eine bessere Wirklichkeit. Dafür vernichtet es Wirklichkeit nur allzuleicht. So wie sie ist oder war, erscheint die Japanerin vollkommen; wo ihre Bewußtseinslage ihrem Zustande entspricht, ist sie genau so glücklich wie die Amerikanerin; sie ist ferner, ihren Vorzügen nach, das unmittelbare Produkt der herrschenden Verhältnisse. Wenn diese sich wandeln, werden jene mit verschwinden. Ob sie dafür an die Stelle gewinnen wird, was ihr bisher fehlte, scheint desto fraglicher, als unsere Frauen noch nicht entfernt so weit sind, daß man sagen könnte: sie verdienen durchaus ihren neuen weiten Rahmen.

Jeder bestimmte Zustand wirkt positiv auf das Leben ein: dieser Satz hat axiomatische Gültigkeit; positiv in dem Sinne, daß er bestimmte Gestaltungen bedingt, die kein anderer ermöglicht hätte. Manche dieser Gestaltungen sind erfreulich, andere unerfreulich, im absoluten Sinne vollkommen ist keine, weil alle Bestimmungen zugleich Begrenzungen sind. Was aber nie übersehen werden sollte, ist, daß die Vorzüge etwas viel Positiveres bedeuten als die Gebrechen. Nach der negativen Seite hin scheinen der Natur nicht viele Möglichkeiten offen zu liegen. Einerseits erhält sich das Absteigende schwer und kann sich durch Vererbung nicht potenzieren, andererseits verdient das Negative auch insofern seinen Namen, als es Verkümmerung bedingt, weswegen alle Typen nach unten zu konvergieren; die gebrochenen oder verunglückten Existenzen sehen sich allerorts und zu allen Zeiten ähnlich. Nach oben zu hingegen scheint es gar keine Grenzen möglicher Mannigfaltigkeit zu geben. Man vergegenwärtige sich einmal den Reichtum an verschiedenartigen Qualitäten, den der Wechsel innerhalb schwieriger Verhältnisse im Menschen hat entstehen lassen: das aufsteigende Leben schafft sich überall Bahn; in Korrelation zu den sich wandelnden Verhältnissen blüht Mal auf Mal eine neue Schönheit auf, deren jede nur einmal, unter bestimmten, nie wiederkehrenden Verhältnissen möglich war. So ist die Vollkommenheit der Japanerin das unmittelbare Produkt der Stellung im Leben, die sie durch Jahrhunderte einnahm; was immer gegen diese einzuwenden sei – ihr, nur ihr verdanken wir die Japanerin, wie sie ist. Wie kläglich ist das Argument: sie verdiene, da sie so reizend ist, ein besseres Schicksal! Man verdient nie, was einem die Schönheit nimmt. Mögen die neuen Verhältnisse in abstracto unermeßliche Vorzüge haben – der Frauentypus von einst wird unter ihnen nicht fortbestehen, und Japan wird schwerlich einen neuen, dem einstigen gleichwertigen hervorbringen, jedenfalls nicht entsprechend dem jüngst-europäischen Ideal, da das gegebene psychophysische Maß zu diesem Schnitt nicht ausreicht. Die Idee des Fortschritts mag in Form einer geraden Linie darzustellen sein: der wirkliche, soweit er sich nachweisen läßt, verläuft in Form einer bewegten und vielfach gebrochenen Kurve; diese bricht wieder und wieder ab, weil jeder Menschentypus in der Regel nur einer Art Vollendung fähig ist.

Noch ein Wort zur vielverschrienen Laxheit der Japanerin in erotischer Beziehung. Dem Europäer kommt es ungeheuerlich vor, daß ein Mädchen seine Reinheit verkauft, um anderen Pflichten nachzukommen. Sicher darf dies nicht so verstanden werden, daß die Japanerin das ideale Wesen sei, das sein Höchstes um eines objektiv noch Höheren willen preisgibt (obgleich ihr anerzogener Mangel an Egoismus so groß ist, daß ihr Verhalten oft den Eindruck tiefsten metaphysischen Wissens macht; die Geisha erinnert oft täuschend an eine Heilige). Nein, ihr bedeutet Reinheit wirklich weniger als der Europäerin. Allen Völkern des Ostens gilt das Nachgeben dem Naturtriebe als ein Selbstverständliches; wird dieser eingeschränkt, so geschieht es aus äußeren Gründen, unsere inneren Hemmungen fehlen ihnen. Aber hier frage ich: ist das europäische Ideal der Reinheit wirklich so hoch? Seinen historischen Grund hat es an der frühchristlich-asketischen Anschauung, nach welcher Geschlechtsverkehr Sünde sei, und diese ist falsch; seinen dauernden Halt findet es, soweit ich sehe, an rein utilitarischen Erwägungen: die Unberührtheit des Mädchens ist einerseits eine Konzession an, andrerseits ein Spekulieren auf den Egoismus der Männerwelt. An und für sich liegt wohl nichts dem Weib normalerweise ferner, als die Unberührtheit zu idealisieren: ihm ist vielmehr Hingabe das Ideal, muß es ihm sein, da die Gattungstriebe in seinem Bewußtsein vorherrschen. Soll nun wirklich Unberührtheit als solche ein Höchstes sein, dann läuft dies schnurstracks auf eine Apotheose der Selbstsucht hinaus. Man idealisiere wie viel man will: der Kampf des Weibes um seine Reinheit à tout prix ist nichts als Selbstbehauptung – und in diesem Zusammenhang besteht wohl kein Zweifel, daß die Japanerin, die sich einem Freudenhaus verkauft, um dem Bruder durch ihren Erwerb das Kämpfen für das Vaterland möglich zu machen, das höhere Wesen ist. Die Europäer würden anders urteilen, wenn sie feiner empfänden: selten wissen sie zwischen Reinheit im Sinne von Treue und Reinheit im Sinne von Unberührtheit (als physisches Faktum) zu unterscheiden. Im ersteren Sinne steht die Japanerin keiner Europäerin nach: es gibt nicht keuschere Frauen als sie. Und daß sie im letzteren laxer denkt – sollte das nicht, anstatt auf Sittenlosigkeit, auf sicherere Instinkte und unbefangeneres Denken schließen lassen? Beginnen nicht auch unsere besten Männer und Frauen mehr und mehr in dieser Hinsicht japanisch zu empfinden? – Man vergleiche unsere Vorstellung von Dezenz mit der japanischen. Unsere Frauen ziehen sich zum Ball beinahe nackend aus, mit der offenkundigen Absicht, zu reizen, würden aber vergehen vor Scham, wenn ein Fremder sie im Bade überraschte. Die Japanerin zeigt sich ohne Scham aller Welt entkleidet im Bad, gewänne es aber niemals über sich, sich zum Feste herausfordernd anzuziehen: auf die Absicht komme doch alles an ... Welche Auffassung ist die tiefere, die reinere? ...

 

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