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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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VI.
Japan

Durch Yamato

Ich beginne meinen Aufenthalt in Japan mit einer Fußwanderung durch Yamato, die Provinz des Landes, mit der seine ältesten und heiligsten Erinnerungen verknüpft sind. Es ist die Zeit der Pilgerfahrten zu den buddhistischen Heiligtümern. Alle Straßen und Waldungen sind belebt, halb Japan scheint auf Ferienausflügen begriffen. Ich teile, soweit es irgend geht, das Leben meiner Reisegefährten, suche mit ihnen zu denken und zu fühlen, mit ihren Sinnen wahrzunehmen.

An geschmeidigem Reichtum dürfte Japans Natur wohl unübertroffen sein. Überraschend viel Koniferenarten gibt es hier, wunderbar mannigfaltig gestaltet ist das Laubholz; und die Nuancierung, welche die Verteilung der Farben und Formen auf verschiedene Höhen- und Tiefenlagen selbsttätig erzielt, könnte keine Absicht künstlerischer komponieren. Was Wunder, daß der Japaner viel Sinn für die Naturform besitzt! Gleichwie der, den ein günstiges Geschick inmitten von Kunstschätzen aufwachsen ließ, die er nicht als eine fremde Herrlichkeit, sondern als seine natürliche Umgebung betrachten durfte, bei nur mittelmäßigen Anlagen von Hause aus einen Geschmack und ein Auge besitzt, das sich künstlerisch weit höher begabte Sprossen barbarischer Länder nur ausnahmsweise aneignen – in eben dem Sinne fördert eine reich gegliederte Natur. In Breiten, wo Licht- und Farbenkontraste so groß sind, daß die feineren Abstufungen unbemerkt bleiben, bringt es das visuell begabteste Volk nicht so weit in der Landschaftsmalerei, wie in Gegenden mit günstigeren Lichtbrechungsverhältnissen; nicht umsonst ist die des Westens in Holland, nicht in Italien aufgekommen und am weitesten gelangt. Japan nun zwingt das Auge zur Auffassung eben der Farben- und Formverhältnisse, die für die japanische Kunst charakteristisch sind; diese spezifische Nuance ist dort gegeben. Und ist sie einmal aufgefaßt, verstanden, dann schafft ein künstlerischer Geist unwillkürlich in ihrem Sinne fort. Dieses nun, dieses Fortkomponieren im Geist und Sinn der Natur, ist von den Künstlern des Fernen Ostens seit Alters mit einem Verständnis betrieben worden, wie nie bei uns. Es ist, als wäre das eigene Schönheitsstreben der Natur sich in ihnen bewußt geworden, als sei der Mensch hier das besondere Organ, vermittelst dessen sie ihre letzte Vollendung erzielt; hier verantwortet er gleichsam für den äußersten Zusammenklang. – Woher dieses wunderbare Können? Es geht auf die Methode des Sehenlernens zurück. Chinesische und japanische Maler sind Yogis; sie betrachten die Natur nicht von außen her, sondern versenken sich in sie, wie sich der Mystiker in Gott versenkt. Dadurch geraten sie aus dem Menschlichen hinaus und werden eins mit dem Geiste der Dinge. Der Mensch ist ja nicht allein Mensch – er ist zugleich, mit verschiedenen Teilen seines Wesens, Tier, Pflanze, Felsen und Meer; nur wird er sich dessen selten bewußt und weiß nur als Mensch zu empfinden. Lernt er es indes, mit dem eins zu werden, was als ein scheinbar Fremdes außer ihm lebt, dann kann er es auch aus sich heraus hervorbringen. So wohnt ostasiatischen Landschaftsbildern recht eigentlich Landschaftsleben inne, so gelingt es dem Japaner wie spielend, die Natur als Natur doch künstlerisch zu verwenden. Die unerreichte Vollendung japanischer Blumenarrangements rührt daher, daß der eigene Geist der Blumen den Strauß zum Strauße windet; forstmännisch bewirtschaftete Waldungen sind in Japan nicht häßlich, wie in Deutschland, weil hier der Mensch, anstatt den Bäumen seine Meinung aufzudrängen, sie in dem unterstützt, was sie selber am liebsten täten. Die natürliche Rotation der Gewächse wird berücksichtigt, von den besonderen Bedingungen des Terrains nie abgesehen. Und bildet ein überständiger Baum an einem Abhang eine schöne Silhouette, nun, so wird er dort stehen gelassen, auch wenn er, forstmännisch beurteilt, fallen sollte.

Freilich, um es im Naturverständnis soweit zu bringen, muß man eben Japaner sein. Ich glaube nicht, daß ein Gärtner irgendeines anderen Volks im japanischen Sinne Bäume zu Zwergen wüßte, ohne jede Vergewaltigung der Natur; soweit ich sehe, gibt es keine lehrbare Methode dafür, beruht es ganz auf innerem Verständnis. Jeden Morgen sieht sich der Baumzüchter seine Pflänzlein sorgfältig an und beraubt sie dann – eines Blattes oder Triebes! Weshalb gerade dieses? er vermag es selbst nicht zu sagen; jedoch er weiß, daß eben dieses Organ exstirpiert werden muß, auf daß der innere Wachstumsimpuls über die vorgesetzten Dimensionen nicht hinausführte, und der Erfolg gibt ihm fast jedesmal recht. Solches Intuitionsvermögen läßt sich wohl nicht erklären; man muß es als Wunder gelten lassen. Aber sicher erscheint mir immerhin, daß die wunderbare Nuanciertheit der japanischen Natur, die Veränderung in der lebendigen Gestaltung, welche in Japan die geringste Terrainverschiebung mit sich bringt, ein wichtiges Moment bedeutet hat bei der Entwickelung der vorhandenen Anlagen. Schon beginne auch ich zu beobachten, wie ich früher nie beobachtet habe; mir ist, als wäre ich bis vor wenigen Tagen blind gewesen. Und genieße die Wundergabe des Schauens so intensiv, daß ich die sonst so willkommenen Dämmerstunden nicht ohne Mißmut hereinbrechen sehe.

 

Jetzt durchwandere ich entlegene Täler, die der Fuß des weißen Mannes kaum jemals betritt. Den Dorfbewohnern bin ich ein Gegenstand nicht endenwollender Kurzweil. Freundlich sind sie und gefällig, so sehr sie's nur sein könnten, allein sie lachen, wohin ich mich nur wende, wegen meiner für ihre Begriffe übermenschlichen Körpergröße. Heute früh, als ich einen steilen Bergpfad hinanstieg, fühlte ich mich plötzlich von rückwärts geschoben; wie ich mich umwandte, stürzten zwei bildhübsche Mädel lachend davon: sie hatten feststellen wollen, wie schwer ich sei. – Es ist doch etwas Wundersames um das Hinterwäldlertum. Ich kenne es gut von meiner Heimat her. Jedesmal, wenn ich auf mein abgelegenes Waldgut fahre, finde ich Gelegenheit zu ehrfürchtigem Staunen darob, wie bedeutsam im kleinsten Kreise das noch so Alltägliche wirkt, wie ungeheuer die enge Perspektive den Sinn des Nichtalltäglichen steigert. Mein Aufseher sieht die herumziehenden Arbeiter von den Inseln, die einen anderen Dialekt des Estnischen sprechen als er, kaum als Menschen an; Kraniche sind sie ihm. Er berichtet mir: neuerdings lebt hier ein gewisser Michel – man weiß nicht genau woher er kommt – seine Art ist auffällig – ganz richtig scheint es nicht mit ihm zu sein. Dieser Michel erweist sich dann als der trivialste aller Durchschnittsmenschen, aber vom Hintergrunde des Könnoschen Hinterwäldlertums hebt er sich ab, so typisch-großzügig, so plastisch, wie ein homerischer Held. – Und wie vollkommen sind die Hinterwäldler! Bei ihnen allein vielleicht unter den kleinen Leuten unserer Zeit bilden Form und Gehalt noch eine Einheit. Um in weiten Verhältnissen vollkommen zu sein, muß man viele Generationen hinter sich haben, die langsam ihren Gesichts- und Wirkungskreis erweitert haben; mit einem Male, von heute auf morgen, gelingt es nicht. So wirkt in der modernen schnellebigen Welt, in welcher der Bauernsohn so oft als reicher Bürger endet, allenfalls das Exzentrische interessant; nicht umsonst stellen die Dichter unserer Zeit mit Vorliebe Verbrecher, Psychopathen und Hochstapler dar. Dies bedeutet natürlich ein faute de mieux: Vollendung im Konzentrischen ist das Höhere. Das Exzentrische schließt wesentlich aus, das Konzentrische wesentlich ein, weshalb der konzentrische Mensch unter allen Umständen der Reichere, Tiefere, Wesenhaftere ist; er allein vermag in seiner Erscheinung das Tiefste unverkümmert zum Ausdruck zu bringen. Unter Hinterwäldlern wahrt jeder seine Eigenart, wird diese jedem bereitwilligst zugestanden; in der weiten amorphen Masse wollen alle wie alle sein. Die wesentliche Gestaltlosigkeit bedingt desto sklavischeres Hängen an der Konvention. In der Quersumme gleichsam wird die Form gesucht, die keine einzelne Ziffer für sich besitzt.

Das japanische Hinterwäldlertum ist mir sympathischer als irgendeines, das ich jemals sah. Ihm eignet all das Süße, Zarte, Sinnige, Gemüt- und Reizvolle, das mir den kleinen Mann dieser Breiten, seit ich Lafcadio Hearn gelesen, so liebenswert erscheinen ließ. Die kleinen Leute hier sind liebenswert. Ihre Höflichkeit ist ohne Zweifel eine des Herzens; von Gewinnsucht und Übervorteilungsstreben habe ich nichts gespürt. Vielleicht zeigen sie mir auch ihre besten Seiten, weil ich, einem Winke meines Begleiters folgend, eines jungen Dichters aus Kyoto, mich so zu ihnen verhalte, wie daheim als Feudalherr zur patriarchalisch denkenden Bauernschaft. In den entlegenen Tälern von Yamato ist das Mittelalter noch nicht vorüber; dort ist die Ära von Meiji kaum noch angebrochen; dort erwarten die Bauern vom Herrn noch Überlegenheit, Großzügigkeit, Distanz, jenes Bewußtsein so absoluten Darüberstehens, daß es eben deshalb im Verkehr die äußerste Familiarität gewähren läßt; dort wollen sie noch aufschauen können. Wie gern habe ich mich in eine Rolle zurückversetzt, die zu spielen unsere Welt immer weniger Gelegenheit gibt! Und der praktische Erfolg war der, daß sich überall Leute fanden, die mir Dienste leisteten und Gefälligkeiten erwiesen, ohne Bezahlung dafür annehmen zu wollen.

 

Ich raste in einem wohlhabenden Dorf, an schäumendem, forellenreichem Bache. Wo in der Welt ist der kleine Mann auch nur annähernd so gebildet wie in Japan? Was immer er tut, zeugt von Kultur; nichts Unsauberes, Häßliches duldet er; exquisiteste Rücksicht bestimmt das Verhalten aller zu allen. Und was zumal die Kinder betrifft, so habe ich gleich reizende nirgends gesehen. Kaum je erweisen sie sich ungebärdig, was offenbar darauf beruht, daß sie mit vollkommenem Verständnis behandelt und doch niemals verwöhnt werden: schon den kleinsten wird Rücksichtnahme auferlegt. Unglaublich wenig Selbstsucht waltet hier; jeder scheint freudig für andere zu leben, seinen Teil dazu beizutragen, daß das Ganze möglichst harmonisch würde.

Nicht anders in der Idee ist es in China. Wie der Konfuzianismus nach Japan kam, da haben ihn seine Bewohner sofort übernommen als verklärten und vertieften Ausdruck dessen, was seit je bei ihnen gang und gäbe war, und der vollkommene Ausdruck hat dann seinerseits eine Vertiefung und Konsolidierung der Sitte bewirkt. Immerhin: welcher Unterschied gegenüber dem Reich der Mitte! Der Konfuzianismus ist bedächtige Bauernweisheit, die japanische Rücksichtskultur scheint mir ein Instinktives, fast möchte ich sagen, ein Tierischtriebhaftes zu sein. Die Japaner sind reinlich, wie Katzen reinlich sind, sie sind höflich im Sinne der Pinguine, nehmen Rücksicht aufeinander mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit welcher Mütter ihre Kinder lieben; so eignet diesen Äußerungen die Vollkommenheit des Tiers. Die Japaner haben nichts von der chinesischen Tiefe und Gravität. Sie scheinen mir oberflächlich, phantasiearm, in beinahe unmenschlichem Grade matter-of-fact; gleichzeitig aber von ungeheurer Sensitivität, von einer Empfindlichkeit im weitesten Sinne, wie kein Chinese sie besitzt. Ihr ganzes Empfindungsleben scheint im selben Sinne »durchlässig«, wie es bei uns nur im einen Fall des Mitleids ist. Bei ihnen beruht auf physiologischer Sensitivität, was beim Chinesen auf metaphysischer Besonnenheit.

Ich gedenke Sontoku Ninomiyas, jenes bäuerlichen Weisen, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so unvergleichlich viel für seine Landsleute getan und bedeutet hat, dessen Lebensbeschreibung und Lehren die Regierung seither als Evangelium im Volk verbreitet Dieses Werk heißt Hotokuki; eine englische Übersetzung hat Todasu Yoshimoto unter dem Titel A Peasant Sage of Japan bei Longmans, Green & Co. in London veröffentlicht., jenes schlichten Landmanns, welcher, kaum daß er sich hinaufgearbeitet hatte aus bitterster Not, ein Leben vollkommener Selbstlosigkeit begann und bis zur Stunde seines Todes rastlos und ausschließlich darum bemüht war, die Verhältnisse anderer zu sanieren: dem Buchstaben nach war er ein echter Konfuzianer, wie er sich denn selbst für nichts anderes hielt. In Wahrheit war er ein völlig Einziges, ein Mann, wie er in ganz Asien nur auf Japans Boden möglich war. Ihm fehlte der weite Horizont des chinesischen Weisen, dessen Allverständnis und Weltgefühl; philosophisch betrachtet, war er oberflächlich. Aber dank seinem Sympathievermögen und der Energie, welche diesem zur Verfügung stand, hat er praktisch, wenn auch im noch so Kleinen, mehr vollbracht. Sontoku war im Tiefsten recht eigentlich Christ; seine Probleme waren die der christlichen Nächstenliebe. – Sollte hier die Hauptursache dessen liegen, weshalb Japan sich so schnell und erfolgreich hat verwestlichen können? Auch wir sind ja weniger besonnen und tief als Chinesen und Inder; wir sind nur energischer und sensitiver. Wahrscheinlich ist das, was man christliche Liebe heißt, weit mehr physiologisch als theologisch bedingt.

 

Wirklich: in vielen Beziehungen ist der Japaner uns nahe verwandt; jetzt, wo ich darauf aufmerksam geworden bin, fällt es mir mehr und mehr auf. Auch seine Energie ist kinetisch, auch sein Bewußtsein nach außen zugekehrt, vor allem aber ist er ebenso neugierig und neuerungssüchtig wie wir. Ob es nicht, metaphysisch betrachtet, Zufall bedeutet, daß seine Kultur trotzdem ein Ausdruck chinesischen Geistes ist? – Ich habe mich während dieser Tage, die ich ununterbrochen in Gesellschaft der Pilger zubrachte, bemüht, in die Seele des Japaners einzudringen, und das Wenige, was ich bisher erkannt, erlaubt mir schon kaum mehr Zweifel daran, daß dieses Volk unter anderen Einflüssen ganz anders geworden wäre. Desto dankbarer bin ich dafür, daß seine Geschichte eben so und nicht anders verlaufen ist: seinen einzigartigen Reiz verdankt es unstreitig der chinesischen Schule; alle Gestaltungen, die mich erfreuen, sind mir der Idee nach von China her bekannt. Und so frage ich mich, wie wir nordische Barbaren uns wohl entwickelt hätten, wenn wir anstatt unter griechisch-römischen unter chinesischen Einfluß geraten wären: wären wir am Ende weiter als wir sind? – »Christen« wären wir vermutlich auch dann, unter irgendeinem Namen; auch energisch, aktiv und erfinderisch; ästhetisch und moralisch sicher gebildeter. Wir wären weniger vorgeschritten in der Technik, und Fabrikstädte gäbe es auf Erden noch morgen keine. Aber wäre irgendein wesentlicher Nachteil daraus entstanden, daß die Germanen nicht von Rom, sondern von Loyang ihre Kulturgüter bezogen hätten? – Ich weiß nicht recht. Ich kann hier schwer objektiv urteilen, weil mir am Europäer hauptsächlich auffällt, was ihm fehlt, und am Asiaten, was ihn vorteilhaft auszeichnet.

 

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