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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Shanghai

Ich habe also Shen Chi-P'ei gesehen, den Literaten, von dem ich so viel gehört hatte. Die Erwartungen, die ich an seine Bekanntschaft knüpfte, waren groß. Fast jedesmal, wo das Gespräch zu Peking auf europäische Verhältnisse kam, und ich die Ansichten chinesischer Freunde zu berichtigen Veranlassung fand, sahen diese sich bedeutungsvoll an und riefen aus: das hat uns Shen Chi-P'ei auch gesagt; nur wollten wir ihm nicht glauben, da er, so gelehrt er immer sei, sich mit der westlichen Kultur nur oberflächlich befaßt hat. – Was mußte das doch für ein Mann sein, der, ohne zu wissen, das meiste verstand! – Der Augenschein, die persönliche Fühlung hat mir keine Enttäuschung gebracht. Shen Chi-P'ei ist die größte Erfüllung chinesischer Möglichkeit, die ich gesehen; er ist tatsächlich ein »Edler«, wie Kong Fu-Tse ihn gezeichnet hat. Ein Greis mit dem Feuer eines Jünglings; ehrwürdig und ernst, wie es dem Weisen ziemt, und dabei anmutig in seinem Gebaren, wie ein Mädchen; vollendet in der Form und zugleich ganz Tiefe und Sinn. In einem wunderbar hohen Grad bringt Shen jenes Ideal der Konkretisierung zur Darstellung, das für die chinesische Kultur vor allem charakteristisch ist. In ihm ist alle persönliche Tiefe zur typischen Form und Oberfläche geworden; keine Gebärde, die dem Buch der Riten nicht gemäß wäre, und doch auch keine, die nicht eben ihn, nur ihn zum entsprechenden Ausdruck brächte. Seine Unterhaltung ist wunderbar belehrend. Nie bin ich unter Chinesen so tiefem Verständnis des Nichtchinesischen begegnet, vom Chinesischen zu schweigen. Und dabei ist Shen einer der extremst-orthodoxen Konfuzianer, die ich gekannt; neuerungsfeindlich, reaktionär, ein Literat alten Schlages, der das Fremde kaum für kennenswert hält. Er ist eben so tief in sich selbst hineingelangt, daß alles Menschliche sich für ihn von selbst versteht, daß ganz wenige äußere Anhaltspunkte ihm genügen, um jeden menschlichen Sinn a priori vorwegzunehmen. Wieder einmal sehe ich's: jede Gestalt, auch die begrenzteste, ist eine mögliche Fassung des Unbegrenzten.

Ich bin glücklich, dieses Bild menschlicher Vollendung mit meinen leiblichen Augen gesehen zu haben. Schon lange trug ich mich damit, eine allgemeine Bestimmung des Chinesentums zu geben, aber ich wartete immer noch ab, ob mir nicht eine Tatsache begegnete, die eine Erweiterung des Kreises erforderte. Eine reichere Natur und eine vollendetere Kultur, als Shen sie verkörpert, werde ich in China nicht mehr treffen. So darf ich heute, die konkrete Anschauung vor Augen, mit gutem Gewissen an die Ausführung meines Vorhabens gehen. Es gilt zusammenzufassen und von einer einzigen Lichtquelle her zu beleuchten, was ich während meines Aufenthaltes in China unzusammenhängend bemerkt und aufgezeichnet habe.

Wohlbemerkt: um eine Bestimmung des Chinesen tums, nicht des Chinesen ist mir heute zu tun; um das, was sich einerseits in abstracto fassen läßt, andrerseits für die ganze Menschheit symbolische Bedeutung hat. Die konkrete chinesische Substanz ist ein Absolutum, das weder abgeleitet, noch als Vorbild vorgezeichnet werden kann; sie, das Eigentliche, bleibt außerhalb meiner Betrachtung. Nur soviel darüber, unter dem frischen Eindruck Shen Chi-P'ei's: die chinesische Substanz ist ein Großes; eine Entelechie, die an Potenz, wenn nicht an Reichtum, kaum übertroffen dasteht.

 

Der Chinese ist ohne Zweifel weniger individualisiert als der Europäer; ein Shen steht einem Kuli viel näher, als bei uns ein Intellektueller einem Landarbeiter; dieses springt um so mehr in die Augen, als die Unterschiede zwischen den Klassentypen in China ungeheuer viel größer sind als bei uns, was dem vorherbezeichneten Verhältnis entgegenwirkt. Der größte, überlegenste Chinese ist nicht Persönlichkeit im Goetheschen Sinn. Damit sind ihm bestimmte unüberschreitbare Grenzen gesetzt: alles das liegt jenseits seines Vermögens, was differenziertes Einzigkeitsbewußtsein voraussetzt: also individuelle Charakteristik, individualisierte Liebe, zumal jene unendliche und doch rein persönliche Liebe, welche Christus jeder einzelnen Seele entgegenbringen soll; seine Karität stellt, wo vorhanden, kein persönliches Verhältnis zum einzelnen dar, sondern, gleich der stoischen Humanität, ein abstraktes zur Allgemeinheit. Aus eben dem Grunde fehlt ihm das Persönlich-Schöpferische, als welches unbedingt Einzigkeitsbewußtsein voraussetzt; aus eben dem Grunde ist er Intellektualist. Intellektualismus entsteht überall als subjektives Spiegelbild objektiv bestehender Gleichförmigkeit; wo eine unindividualisierte Menschheit (welche, wohlbemerkt, nie die früheste ist! Naturvölker sind viel individualisierter als die Chinesen) hohe Verstandesanlagen besitzt, bekennt sie sich ausnahmslos zum Ideal der Uniformierung, der Systematisierung, zum Postulat unbegrenzter Verallgemeinerungsmöglichkeit, denn nichts liegt dem Intellekt ursprünglich so nah, wie das Generalisieren. Wo nun die Tatsachen dies Verfahren durchaus rechtfertigen – je unindividualisierter ein Volk, desto mehr werden allgemein-abstrakte Bestimmungen dem einzelnen gerecht –, dort verstärkt sich die ursprüngliche Neigung in der Zeit. Damit ist dem möglichen Geistesleben eine weitere Schranke gesetzt: der Chinese als Intellektualist hat kein bewußtes Verhältnis zum Metaphysisch-Wirklichen; er bleibt, sofern er denkt, an der Oberfläche der Dinge haften.

Sehr bedeutsam ist nun, daß der Chinese uns trotz dieser Schranken in allen wesentlichen geistigen Hinsichten ebenbürtig ist: Wesenserfassung und Wesensausdruck setzen keine Individualisiertheit voraus. Als Mystiker kommt er den größten Europäern und Indern gleich, denn mystische Erkenntnis bedeutet Erfassen des tiefsten Lebensgrunds, welcher überall ein gleicher ist. Zum absolut Guten und Schönen steht der Chinese in unmittelbarstem Verhältnis, weil die Verwirklichung des absoluten Ideals ausschließlich Funktion der Vollendung und unabhängig vom Charakter der Elemente ist. Überall, wo Wesentliches in Frage kommt, ist von Beschränktheit bei ihm nichts zu spüren. Das Wesen liegt eben tiefer als die Individualität. Diese Wahrheit hat China für immer bewiesen.

Insofern er wenig individualisiert ist, kann man wohl sagen, daß der Chinese auf einer niedrigeren Naturstufe steht als wir. So wenig ich dem Evolutionsdogma sonst hold bin: sicher entwickelt sich der Mensch als geistiges Wesen im Sinne fortschreitender Differenziation, und auf diesem Wege sind wir weiter gelangt als der Chinese. Ebenso sicher sind wir weniger weit als er in der Kultur, denn diese hängt ab vom Grade, bis zu welchem ein gegebener Naturzustand durchgebildet ward. An Durchgebildetheit ist der Chinese der erste, vorgeschrittenste Mensch; seine sämtlichen Anlagen sind durchgeistigt, überall erscheint der Ausdruck vollendet. So beweist Chinas Beispiel ein weiteres: daß Kultur in einer anderen Dimension als der Fortschritt liegt. Es beweist noch ein Drittes: daß es letzthin allein auf Durchbildung ankommt, denn auf und trotz seiner niederen Naturstufe ist der Chinese der Verwirklichung des Menschheitsideals näher gekommen, als wir bisher.

Demnach bedeutet das Chinesentum einerseits ein Überbleibsel aus vergangenen Entwicklungsstadien, andrerseits eine Vorwegnahme des Zukunftsideals. Für mich besteht kein Zweifel darüber, daß der Höchstgebildete künftiger Zeiten dem traditionellen Konfuzianer näher stehen wird als dem modernen Menschen, daß die soziale Ordnung der Zukunft der chinesischen ähnlicher sehen wird als dem, was unsere Utopisten erhoffen. Wohl wird der Mensch der Zukunft autonom sein; äußere Schranken wird es wenige mehr geben, und die bestehenden werden als pis-aller verurteilt werden, wie dies in China seit Jahrtausenden geschieht. Aber der Mensch wird sich dann selbst, aus eigener höherer Einsicht heraus, beschränken; er wird überindividuell, nicht individualistisch denken. Dieses Stadium vollendet-überindividuellen Denkens wird aber demjenigen unterindividuellen, auf welchem China steht, verwandter sein als unserem heutigen.

Das traditionale Chinesentum verhält sich sonach zum höchstdenkbaren Menschheitszustande nicht viel anders, wie die mythisch gefaßte Weisheit antiker Weisen zur wissenschaftlichen Bestätigung ihrer in exakterer Form. Dem Sinne nach über die Rishis hinauszugehen, ist schwer möglich; aber die gleichen Erkenntnisse lassen sich besser fassen. So wird auch die chinesische Kultur dem Sinne nach nie übertroffen werden. Was nun den Ausdruck betrifft, so hängt dessen Unzulängliches in allen prinzipiellen Hinsichten mit ihrem Intellektualismus zusammen. Das Ideal der Konkretisierung, an sich ein absolutes für diese Welt, verwirklicht sich in China nicht in der Vollendung unvergleichlicher, einzigartiger Seelen, sondern in der vollendet dargestellten Norm; dies bedingt, daß das Tiefste im Menschen unergriffen bleibt. Das Höchste wäre, das Konkretisierungsideal vermittelst des reinen Subjekts zu realisieren. Des Menschen Tiefstes ist reine Subjektivität, unobjektivierbar, unerfaßbar von außen her; in und aus ihr gilt es unmittelbar zu leben. Der Chinese tut es nur mittelbar, durch Selbsthingabe an eine objektivierte Weisheit. Eine solche nun, so tief und umfassend sie sei, wird Besonderem nicht gerecht, sie weiß nur von Typen; sie muß veräußerlichen, da sie nicht von der einzelnen Seele ausgeht, sondern den abstrakten Beziehungen, die zwischen vielen bestehen, sie muß nivellieren, da sie nur auf das Allgemeine Rücksicht nimmt; und die Harmonie, die sie schafft, entsteht auf Kosten des Reichtums. Gelingt es uns dereinst, vermittelst freier Initiative vollentwickelter Individualitäten, die unbefangen ihre persönliche Vollendung anstreben, eine gleich vollkommene Harmonie zu begründen, wie sie in China besteht, so wird das soziale Ideal verwirklicht sein.

Noch ein Wort zur Frage unserer größeren Originalität den Völkern des Ostens gegenüber. Sie bedeutet keinen unbedingten Vorzug, denn sie wird durch ein entsprechend schlechteres Erinnerungsvermögen kompensiert. Ost und West verkörpern zurzeit die entgegengesetzten Pole des lebendigen Geschehens, den der Neuerung und den des Gedächtnisses. Die Stereotypie der Natur ist nichts anderes als Erinnerung, ihr Neuschaffen recht eigentlich Erfinden, und beide zusammen scheinen notwendig zum Fortbestand der Welt. Aktuell aber schließen sich Neugestalten und Festhalten fertiger Gestalten aus. Fast jeder schöpferische Geist hat über ein schlechtes Gedächtnis geklagt, den meisten Gedächtniskräftigen fällt wenig ein. Das Erinnerungsvermögen der Völker des Ostens ist ungeheuer; fast ließe es sich als Unfähigkeit zu vergessen definieren. Gleichermaßen ungeheuer ist dort die Dauerhaftigkeit einmal geprägter Lebensform und deren physische Vitalität. Die Kulturgestaltungen degenerieren im Osten ebenso langsam, wie die der Natur auf der ganzen Welt. Wir nun entarten, sobald es mit uns nicht vorwärts geht. Das macht, daß wir ein schlechtes Gedächtnis haben. Nur insofern wir forterfinden, erscheint unser Fortbestand gesichert. – Werden wir ad indefinitum forterfinden können? Oder dereinst hinüberschwenken zum entgegengesetzten Pol des Geschehens? Oder gar ganz verschwinden von diesem Planeten, nach kurzer, übereilter Laufbahn? – Niemand vermag's zu sagen.

 

Morgen verlasse ich das Reich der Mitte; was nehme ich mit von dannen? Belehrung mehr, als ich im Lauf von Jahren werde verarbeiten können. Dennoch fühle ich mich unbefriedigt: so viel China mir gegeben, verwandelt hat es mich nicht; ich scheide beinahe als der gleiche, als der ich kam. Entgegen meiner eigensten Veranlagung bin ich hier vom Anfang bis zum Ende Betrachter geblieben; so viel ich mich in die Chinesen hineinversetzt habe – die Periode des Andersseins scheint merkwürdig wenig für mich bedeutet zu haben. Wie seltsam: China hat mich doch mehr beeindruckt als irgendein Land; es hat mich unermeßlich viel gelehrt; ich habe es. überdies von Herzen liebgewonnen. Und doch scheide ich mit einem leichten Gefühl des Ressentiments.

Wenn ich nun nachdenke über dieses Gefühl, so komme ich bald genug auf seinen Grund. Ich habe von China im selben Sinne weniger gehabt als von anderen, objektiv uninteressanteren Ländern, wie Agra für mich bedeutungsarm gewesen ist im Vergleich zur Wildnis der Himalayas, und alle Kunst überhaupt und von je im Vergleich zur Natur. Indem ich Menschenkunst, die höchste ausgenommen, betrachte, gelange ich nie aus meinen ursprünglichen Möglichkeiten hinaus; ich lerne wohl neue Sprachen reden, mich in bekannten besser ausdrücken, ich werde mir Seiten meiner selbst bewußt, über die ich sonst vielleicht hinwegfühlte – in meinem Menschentum mit seinen engen Grenzen bleibe ich befangen. Dieses typische Mißgeschick nun hat mich in China in ungewöhnlichem Maße ereilt, weil die Chinesen von allen Menschen die – menschlichsten sind; sie haben es in der Ausprägung ihrer Eigenart von allen am weitesten gebracht. Und wenn sie andrerseits auch das Allgemein-Menschliche dem Eigentümlichen, und jenem das Mehr-als-Menschliche in vielleicht unerreichtem Grade eingebildet haben, so bringt es doch gerade das Erschöpfende des Ausdrucks mit sich, daß das resultierende Bild ein solches der Allzumenschlichkeit ist. Die moralische Bildung so weit durchzuführen, daß die äußere Ordnung als notwendiges Ergebnis interferierenden freien Wollens erscheint, ist freilich ein Äußerstes – aber zugleich ein Allzumenschliches, denn nur Menschen vollenden sich in der sozialen Gemeinschaft. Das Gefühlsleben so weit zu stilisieren, daß ein objektives Ritual als entsprechender Ausdruck der subjektiven Impulse erscheint – das ist gleichfalls ein Äußerstes, aber auch gleichfalls ein Allzumenschliches: denn Urbanität kommt nur für Menschen in Frage. Wohl hat der Chinese, als der wurzelhafteste Mensch, von allen den universalsten Hintergrund, aber das Universale ist bei ihm ins Rein-Menschliche hineingepreßt, wodurch dieses in unerhörtem Grade potenziert erscheint. Nun bin auch ich, bis auf weiteres, ein Mensch; und weile ich in einer Atmosphäre potenzierter Menschlichkeit, so wird auch meine Beschränktheit potenziert. Ich laufe Gefahr, in meiner Eigenart auszukristallisieren, und davor fürchte ich mich.

Wäre die chinesische Zivilisation wenigstens schwer verständlich als Phänomen, wie es die indische in hohem Grade ist, dann besäße sie trotzdem anregende Kraft. Ameisen müssen anderen Ameisen wohl uninteressant vorkommen, weil jede einzelne das Ameisentum so vollkommen erschöpft, wie eine Statue des Phidias die Möglichkeiten hellenischer Körperbildung, so daß keine der anderen etwas Neues bietet – aber mich fördert ihre Anschauung doch, weil eine Einfühlung in das noch so »Allzuameisenhafte« mich immerhin aus dem »Allzumenschlichen« hinauszieht. Zu den Chinesen nun stehe ich wie eine Ameise zur anderen; von allen Nationen sind sie die unmittelbar verständlichste. Die Nüchternheit ihrer Grundveranlagung, das Vorherrschen des gesunden Menschenverstandes über der Phantasie, ihre Freude am Selbstverständlichen, ihr Kult für das klassische Ideal bedingen es, daß keine ihrer Gestaltungen, so verschnörkelt sie aus der Ferne besehen scheint, dem, der sie eindringlich betrachtet, die mindesten Verständnisschwierigkeiten bereitet. Es gibt kein chinesisches Ideal, das nicht jedem. Menschen ein Vorbild sein könnte, es gibt sogar keine chinoiserie, der nicht jeder gerecht werden könnte. So gibt es auch nichts in der Atmosphäre der chinesischen Kultur, das den Geist als solchen anregte: sie bestärkt einen, im Gegenteil, in der Routine des Menschentums.

Freilich ist die chinesische Natur überaus großartig; die wenigen Male, da mich ihr Geist erfaßte, bin ich innerlich gewaltig gefördert worden. Aber in China hat der Mensch, wie nirgends anderswo, die Natur in den Hintergrund gedrängt; hier herrscht die Kultur souverän. In Europa ist dies nicht halb so sehr der Fall, trotz der größeren Effikazität unserer Kulturmethoden, weil dort der Mensch, um die Natur zu beherrschen, sich in ihren Sinn hineinversetzt und dessen Äußerungen dadurch gesteigert hat; in China sieht man intensivste Menschenkultur einem gleichsam inerten Boden aufgeprägt. Deshalb hilft die Anschauung der Natur nur ausnahmsweise über das Menschliche hinaus. Wie tragisch, daß das Höchste an sich selbst den Geist nicht mehr anregt, sondern abstumpft! Die vollkommen ausgedrückte Urkraft spürt man nicht mehr; wo alle Möglichkeiten erschöpft sind, bleibt dem Geiste nichts zu wollen übrig. Der »russische Mensch« gilt dem heutigen Westeuropäer von allen als der ursprünglichste; das ist, weil er von allen begabten der unfertigste, dem Chinesen am meisten entgegengesetzt ist. Wesentlich ursprünglicher als dieser ist er nicht. Wenn ich in China etwas gelernt, so ist es dies, daß Vollendung die Spontaneität nicht zu beeinträchtigen braucht (so häufig sie es tut); der Zivilisierte braucht nicht unlebendiger zu sein als der Barbar. Der Anschein der wesentlichen Leblosigkeit geprägter Form rührt lediglich daher, daß sie den Beschauer nicht anregt. Pflanzen und Tieren spricht keiner Ursprünglichkeit ab, die doch in ihrer Sphäre vollendeter sind als irgendein Mensch jemals war, eben weil sie ihn anregen; um sie zu verstehen, muß er von der Erscheinung den Weg zum Sinn selber schaffen, weshalb hier eben das ihn bewegt dünkt, was ihm bei seinesgleichen starr und leblos vorkommt. Aber diese Einsicht ändert nichts an der Tatsache, daß das Vollendete den Geist nicht zum Fortschaffen reizt. Deswegen ist das Gebildete weniger bedeutsam für uns als das Naturwüchsige, deshalb scheide ich mit geringerer Förderung von der zivilisiertesten Menschheit, die es gibt, als ich aus Ceylons Urwäldern schied.

Die Anschauung der chinesischen Zivilisation wirft viel Licht auf das Verhältnis von Natur und Geist. Wie ich's schon in den Himalayas niederschrieb: die Schöpfung bringt ihr Prinzip wohl zum Ausdruck, aber ist es nicht. Die Erscheinungen der Kultur sind nun als solche ihrem geistigen Urgründe nicht näher als die der Natur; auch sie sind »Natur«, nicht »Geist«; auch hier ist es, sobald die Gestaltung vollendet, vorbei mit der Spontaneität. Zwischen toten Institutionen und dem Sternenheer besteht, vom metaphysischen Grunde her betrachtet, kein Unterschied; in der Routine des Rechtsverfahrens äußert sich nicht mehr lebendiger Geist als im Kreisen der Himmelskörper. So ist auch die chinesische Zivilisation in ihrer heutigen typischen Gestalt »Natur«, nicht »Geist«; sie ist keine Form von Freiheit.

Alle Freiheit erfüllt sich in der Gebundenheit. Ich aber habe genug zurzeit von aller Erfüllung; ich sehne mich nach der Wollust der Erneuerung; ich sehne mich fort vor allem vom Allzumenschlichen. Fast wollte ich, ich hätte Japan schon hinter mir, und schiffte mich nach der Südsee ein, in der es so wundersame Fische geben soll.

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