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Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
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Auf dem Yang Tse

Nun schwimme ich auf dem gütigen Strom, ohne den die unermeßlichen Landstrecken, die er durchfließt, ebensoviele Wüsteneien wären. Sein Gefälle ist bedeutend; allein es ist, als bewegten sich die Wasser kaum, so groß und schwer ist ihre Masse, gleichwie der Flug der Wildgans neben dem des Zaunkönigs langsam wirkt. Auf den Ufern des Yang Tse grünt es, wächst es, gedeiht es überall. Wohin ich blicke, ist das verständige Schaffen des Bauern zu spüren; wohin ich mich wende, erscheint er als die Hand der Natur.

Dies ist das eigentliche China, das unsterbliche. Seit ich seine Blüte kennengelernt, erkenne ich's mit doppelter Deutlichkeit: die Wurzel der gesamten chinesischen Kultur ist ihr Bauerntum. Stellte das konfuzianische System nicht den vergeistigten Ausdruck eines wurzelechten Naturzustandes dar, nie hätte es zum Skelett ganz Chinas werden können.

Die Geschlechter, die zu den Zeiten Shuns und Yaus den Acker bestellten, sitzen heute noch auf der ererbten Scholle, ihres Stammbaums tief bewußt. Nur selten wandert einer aus. Wo der Bauer sich zeitlebens abgemüht, dort wird er auch der Erde zurückgegeben. Der Acker ist die Wiege ganz Chinas. Einen erblichen Adel gibt es nicht. Dann oder wann glückt es diesem oder jenem, die großen Prüfungen zu bestehen, und der rückt dann zu höheren Stellungen auf. Die Masse bleibt ewig wie sie war.

Ich kenne keinen, der länger unter chinesischen Bauern geweilt und sie nicht von Herzen zu lieben, ja zu verehren gelernt hätte. In ihnen sind die Tugenden der Patriarchenzeiten wirklich lebendig. Was Konfuzius und Menzius gelehrt, stellt ihr Leben wie selbstverständlich dar. Hier ist alle äußere Ordnung wirklich ganz aus der Gesinnung heraus geboren, ja hier erscheint kein System auch nur denkbar, das nicht in natürlichen Trieben begründet wäre. Wann wären unter urwüchsigen Verhältnissen staatliche Gesetze notwendig gewesen, um die Beziehungen zwischen Familiengliedern zu regeln? Es ist den Eltern natürlich, ihre Kinder zu lieben und umgekehrt; es ist einer Sippe natürlich, zusammenzuhalten. Je dichter nun eine Bevölkerung ist und je friedlicher und vernünftiger veranlagt, desto mehr wird das Natürliche zum Sittengebot. Es liegt dermaßen auf der Hand, daß ein Dasein, wie das ihre, nur bei harmonischem Zusammenarbeiten gedeihen kann, daß es als frevlerisch, weil naturwidrig, wirkt, die Harmonie zu stören; es liegt ferner dermaßen auf der Hand, daß die unvermeidliche Ordnung niemanden bedrückt, der sie als Verwirklichung seiner Wünsche bewillkommnet, daß es unumgänglich erscheint, die natürlichen sozialen Impulse nach Möglichkeit auszubilden. So ist denn die Liebe zwischen Familiengliedern, die Ehrfurcht vor Alter und Autorität von den chinesischen Bauern so intensiv gepflegt worden, daß sie längst zu den formgebenden Momenten ihrer Seelen geworden sind. Nun liegt dem naiven Menschen nichts näher, als ins Unbegrenzte hinaus zu verallgemeinern: so ist das ganze große Reich nicht allein, nein, das Weltall als ein Zusammenhang begriffen worden, der auf den natürlichen Beziehungen zwischen Familiengliedern beruht. Wenn die Söhne den Vätern die schuldige Ehrfurcht erweisen, dann wird es auch rechtzeitig regnen. Diese uraltchinesische Bauernweisheit, deren sich das einfache Volk wohl kaum bewußt war, so sehr es sie lebte und handelte, ist dann in den Meistern des Altertums artikuliert geworden. Und da diese eben das lehrten, was dem Handeln der Menschen ohnehin zugrunde lag, so geschah zweierlei: ihre Satzungen wurden ohne weiteres als richtig anerkannt, und sie wurden, nun sie auch dem Bewußtsein gegenwärtig waren, mit doppelter Aufmerksamkeit befolgt. Auf diese Weise geschah es, daß der Konfuzianismus mehr und mehr zur Bewußtseinsform Chinas heranwuchs, nachdem er längst schon seine Daseinsform dargestellt hatte, und mit dem Fortschritt der Nation sich wohl differenzierte, klärte, verkünstelte, aber nie seinen ursprünglichen Sinn verlor.

Das war möglich nur dank dem besonderen historischen Umstände, daß die Chinesen von Alters her bis heute eine Bauernnation geblieben sind, daß sich dort keine mächtigen Kasten gebildet haben, deren Lebensnormen den bäuerlichen entgegenstanden; daß die noch so komplizierte Verfassung der späteren Zeiten dem Sinne nach bis heute patriarchalisch geblieben ist. So gerieten die Satzungen Kung Fu-Tses und Mong Tses nie in Widerspruch mit der praktischen Nützlichkeit; so blieben sie »zeitgemäß«. Je tiefer einer zu denken fähig war, desto mehr mußte er über ihre Weisheit staunen; so hat sich ihr Prestige im Lauf der Jahrhunderte ständig vermehrt. Und dies war notwendig, wenn sie die alte Wirkungskraft behalten sollten. Die Ideen der alten Meister waren, so tief sie im Menschlichen wurzelten, doch allzu einfach; nur unkomplizierte, ursprüngliche Seelen gehen in der Naturordnung restlos auf. Aber freilich bleibt sie das Fundament auch der entwickeltesten. Dank nun dem Prestige, das die konfuzianischen Sätze genossen, sahen sich die subtilsten Geister veranlaßt, sich tief in ihren Sinn hineinzuversenken, wodurch das in ihnen lebendig blieb oder aufs neue lebendig wurde, was dem Bewußtsein nichtchinesischer Kulturmenschen nur ganz ausnahmsweise gegenwärtig ist; daher die naturhafte Tiefe, welche noch so verfeinerte Chinesen meistens auszeichnet. Bei ihnen ist der Sinn für das Ursprüngliche stets lebendig. Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern und umgekehrt wird so tief erfaßt, wie in Europa nirgends mehr; die Naturtriebe werden entsprechend kultiviert. Daher bei den Verfeinertesten immer noch ein lebendiger Sinn für das Einfache und Ursprüngliche, bei Dekadenten noch ein lebendiger Begriff für den Sinn der Moralität. Ich habe nie einen Chinesen gesehen, dem Moralität etwas anderes bedeutet hätte als gebildete Natur. Trotzdem ist gewiß kein Mandarin ein so guter Konfuzianer wie jeder Bauer des Yang-Tse-Tals, eben weil der Konfuzianismus ursprünglich nur dem Bauernhorizonte gemäß ist. Aber solange es keine Kasten in China gibt, solange der Bauer der Chinese bleibt und als solcher seinen Charakter nicht ändert, werden die Eigentümlichkeiten nicht aussterben, dank welchen der Chinese noch heute als der moralisch gebildetste Mensch erscheint.

Solange ... Wird der Bauer auch nach der neuesten Umwälzung der Alte bleiben? Und wenn nicht, was dann? Mit tiefer Wehmut blicke ich auf die Felder und Dörfer ringsum, auf die unermüdlichen Landleute, die längs dem Yang-Tse-Gestade ihren altgewohnten Beschäftigungen nachgehen. Eine Armut, wie sie für den Chinesenbauern typisch erscheint, ist freilich ein absolutes Übel – aber wie soll sie überwunden werden ohne Anspornung des individuellen Egoismus, wodurch die moralische Grundlage der wunderbaren chinesischen Zivilisation, der allmächtige Familiensinn, zerstört würde? Für den Schmutz ist wenig anzuführen: aber wie soll Reinlichkeit einziehen, bevor der Wohlstand gewachsen ist? Entsetzlich ist es fürwahr, daß so viele Menschen Jahr für Jahr an Hunger und Seuchen zugrunde gehen: aber wo soll der Bevölkerungsüberschuß hin, wenn die Selbstregulierung der Natur zerbrochen wird? Allerdings ist ein höherer Gleichgewichtszustand denkbar, als der bisherige ihn darstellt, aber es wird Jahrhunderte währen, bis daß er herbeigeführt ist, und bis dahin wird das Elend größer werden, als es früher war. Was ist der Kern des sozialen Elends bei uns? Daß die Menschen zu viel wissen, um innerhalb der engen Verhältnisse; in denen sie leben, glücklich zu sein, und nicht genug wiederum, um einzusehen, daß der gerügte Zustand nur im Laufe langer Zeiträume im großen verändert werden kann, weshalb gewaltsames Hinausstreben aus ihm zunächst seiner Verschlimmerung zuführen muß. In Amerika ist es sicherlich angezeigt, jeden einzelnen lernen zu lassen, so viel er nur will, denn dort sind die Verhältnisse noch so weit, daß jedes Talent sich durchzukämpfen Aussicht hat. Im engeren Europa sind sie's nur ausnahmsweise, weswegen es besser wäre, wenn die Versuchung nicht über die Maßen gesteigert würde. Im übervölkerten und entsprechend armen China, mit seiner starren Gesellschaftsordnung, wird das, was für Europa ein Verhängnis ist, ganz sicher den Charakter einer Kalamität annehmen. Also wird es mit dem traditionellen Glück der Chinesen unter allen, auch den günstigsten Umständen, zu Ende sein.

Der Weg des Fortschritts stellt sich als eine endlose Serie intimer Tragödien dar. Das Glück hängt ausschließlich von inneren Umständen ab, ist von außen nicht herbeizuführen: insofern erscheint Fortschreiten als zwecklos, ja schädlich. Ein gegebener unabänderlicher Zustand löst auf die Dauer von selbst die innere Einstellung aus, dank welcher er erträglich wird; unter wechselnden Verhältnissen ist der innere Mensch außer Gleichgewicht. Nun besteht die Aufgabe darin, einen inneren Zustand zu erringen, der allen äußeren gerecht würde, d. h. praktisch von ihnen unabhängig wäre, und das heißt: einen Zustand höchster Kultur. Während also unter stationären Verhältnissen jeder einzelne potenziell des Glückes teilhaftig war, ist es unter wechselnden nur der höhere Mensch. Hier befindet sich die Masse zu dauerndem Unglücklichsein verdammt. Vielleicht ist dies die Absicht der Vorsehung, sofern es eine gibt, denn sicher entwickelt sich der Mensch im Unglück schneller als im Glück; vielleicht ist es gut, daß nunmehr eine Periode wachsenmüssenden Elends über die Menschheit hereingebrochen ist. Aber tragisch ist es, daß sie diese Periode als eine solche größeren Glücks willkommen heißt, denn die unvermeidliche Enttäuschung wird die Unbefriedigtheit ins Ungeheure steigern.

Die reflektorische Stellung des wohlwollenden Kulturmenschen diesem Schicksal gegenüber ist die eines Aufhaltenwollens. Deshalb sind alle wirklich gebildeten Chinesen reaktionär. Aber sie wären weiser, wenn sie ihr Mitleid niederkämpften. Sie sollten nach Möglichkeit den künftigen Gleichgewichtszustand vorwegnehmen und der Masse als Beispiel vorhalten, denn nur so werden sie ihr wirklich helfen. Die Ideale von einst haben abgedankt; die vergangenen Typen der Vollendung können nicht mehr als vorbildlich gelten. Den Gebildeten, den Aristokraten liegt es in China, wie überall, ob, nicht eine vergangene Vollkommenheit zu verewigen, sondern aus ihrer besseren Einsicht heraus sobald als möglich den Typus herauszugestalten, welcher der Menschheit von morgen die Wege weisen kann.

 

Der Kapitän erzählt mir von der Zeit, wo er als junger Offizier den Yang-Tse auf und ab fuhr: damals sei alles anders gewesen. Wie erfreulich war es dazumal, mit den chinesischen Kaufherrn zu verhandeln! Unverbrüchlich hielten diese ihre Kontrakte ein, ja meist genügte eine mündliche Abmachung; sie waren zuverlässig und ehrlich, wie nur irgendeine englische Firma. Heute müsse man ihnen genau auf die Finger passen; sie betrögen, wo immer sie könnten. Dies sei der Erfolg des Kontakts mit dem amerikanischen Geschäftsbetrieb. – Nun, die Amerikaner sind es nicht allein, die schlechte Sitten nach dem Osten verpflanzt haben; die allermeisten Europäer benehmen sich dort auf eine Art, die sie zu Hause unmöglich machen würde. Je mehr ich sehe und erfahre, desto gewisser wird mir: wo die innere Bildung keine außerordentliche ist, erhält sich das Gute genau nur insoweit, als es nachweislich zweckmäßig ist. In allen geschlossenen Gemeinschaften ist es das Zweckmäßigste, weswegen Völker sowohl als Standesgenossen, Zünfte sowohl als Verbrecher, wo immer sie weitblickend genug sind, ein gewisses Minimum an moralischen Grundsätzen untereinander einhalten. Und das Gute erweist sich als desto zweckmäßiger, je reger der Verkehr und je größer der Umsatz wird, so daß innerhalb ganz großer Geschäftsbetriebe die Solidität nicht selten absolut ist. So sind wir modernen Europäer, solange wir untereinander verhandeln, vermutlich die ehrlichsten Makler, die es je gab. Aber daß unsere Moralität nichts Primäres, sondern lediglich das Produkt der Verhältnisse ist, erweist sich mit abschreckender Deutlichkeit, sobald wir uns außerhalb unseres eigenen Kreises betätigen: dort gebärden wir uns als richtige Raubtiere. »Piraten« heißen uns die gebildeten Chinesen unter sich, und die Bezeichnung ist sicher nicht zu scharf. Seit ich im Osten geweilt habe, kann ich leider nicht mehr daran zweifeln, daß unsere moralische Bildung schlechterdings äußerlich ist.

Glücklicherweise erweist sich das Gute auf die Dauer überall als das Zweckmäßigste, so daß der Weiße auch im Orient irgend einmal nicht umhin können wird, sich anständig und ehrenhaft zu benehmen. Aber es ist doch beschämend, zu denken, daß die Mehrzahl unter uns moralisch ganz roh geblieben ist trotz Christentum, Humanitätsideal und noch so zweckmäßiger Systeme. Zerschlüge ein Gott auf einmal unseren äußerlichen Apparat, wir stünden als reine Barbaren da. Den Chinesen brauchte solch' drohender Gott keinen Schrecken einzuflößen: was ihnen an Moralität innewohnt (und das ist mehr, als die meisten von uns besitzen), ist innerlich, nicht äußerlich bedingt. Gewiß ist es vom Äußerlichen nicht unabhängig – wäre es das, die Chinesen müßten Halbgötter sein; ohne den Zwang eines engsten Zusammenlebens unter schwierigen Verhältnissen wäre die Bildung des Individuums nie so weit gediehen; sind die Kaufleute heute weniger ehrlich als ehedem, so tragen sie damit gleichfalls den äußeren Umständen Rechnung. Aber der Sinn für das Moralische stellt einen primären Faktor ihrer Seele dar, nicht einen sekundären, wie bei uns. So erscheinen sie, vom Standpunkte Gottes aus betrachtet, uns moralisch überlegen auch dort, wo sie unmoralischer handeln. Während meines Aufenthaltes in China kam mir wiederum öfters die These Paul Dubois' in den Sinn, daß ein unsicheres Gefühl für den Unterschied zwischen Gut und Böse ein Zeichen von Dummheit sei; es handele sich um ganz objektive Verhältnisse, die man entweder erkenne oder nicht, über die es jedoch ebensowenig zwei gleichwertige Ansichten geben könne, wie darüber, ob 2 x 2 4 oder 5 ausmachen. So »dumm« (oder richtiger »ungebildet«) in dieser Hinsicht, wie die allermeisten europäischen Männer (die Frauen sind viel gebildeter), scheint kein Chinese; mag er noch so bedenkenerregend handeln – das Handeln hängt vom Charakter ab –, er weiß wohl immer, was recht wäre. Er weiß es aber, weil diese Seite seiner Seele dank dem Konfuzianismus auf hoher Bildungsstufe steht. Wäre es nicht an der Zeit, daß auch wir unsere Kinder konfuzianisch erzögen? Früh oder spät kommt es sicher dahin; hoffentlich geschieht es nicht zu spät. Unsere hochfahrenden Ethiker und Moralisten sollten alle ein Jahr lang gezwungen werden, mit gebildeten Chinesen umzugehen (gleichwie ich allen religiös Interessierten nahegelegt habe, ein Jahr in Benares zuzubringen): die, deren Seelen nicht völlig blind sind, werden mit Erstaunen gewahren, daß diese Herren, so »unmoralisch« sie nach europäischen Begriffen sind, so viel sie schauspielern, verheimlichen, lügen, so ungeniert sie in Bordellen verkehren, ja so wenig imponierend in der Regel ihr Charakter ist, an moralischer Bildung doch unvergleichlich viel höher stehen, als die meisten unserer Rassegenossen. Der bloße Begriff einer moralischen Bildung ist dem Durchschnittseuropäer fremd. Er wähnt, mit dem »Charakter« sei alles gesagt und getan. Was bedeutet aber Charakter? Die Festigkeit eines gegebenen psychischen Gefüges. Nun ist diese Festigkeit eine reine Frage der Physiologie und hat mit Moralität nichts zu schaffen. So schön es ist, wenn ein moralisch Gebildeter Festigkeit beweist, so entsetzlich ist es, wenn ein Roher gleiches tut. Wir haben durch Züchtung auf Charakter ein haltbareres Seelenrohmaterial in die Welt gesetzt, als der ganze Osten es aufweisen kann. Aber mehr ist bis heute nicht geschehen. Es wäre Zeit, mit der Bearbeitung anzuheben.

Ich wünschte, den Missionen würde seitens der Regierungen ein Riegel vorgeschoben. Ihre einzelnen Glieder sind oft ganz ehrenwert, allein sie stehen an moralischer Bildung fast ausnahmslos zu tief unter denen, die sie »bekehren« kommen, um nicht viel mehr zu schaden, als zu nützen. Zu gebildeten Leuten soll man keine Rüpel als Lehrer aussenden; selbst wenn diese die besseren Menschen sind.

 

Auf dem Yang-Tse wütet der Sturm. Wenn ich mit geschlossenen Augen daliege und den Stimmen der Luft und des Wassers lausche, überkommt mich die Einbildung, daß ich auf dem Ozean sei. Und wenn ich dann aufblicke, so enttäuscht mich das Schauspiel eines zerschrammten, kaum zersplitterten schmutzigen Wasserspiegels. Es ist besser, die Augen geschlossen zu behalten. – Wie ich sie nun nach einer Weile wieder auftue, das Bewußtsein ganz von den Tönen eingenommen, da ist mir, als hätte alles sich verwandelt: ich sehe gewaltige Wogen unter mir, ein tobendes Meer; nur schwebe ich so hoch über ihm, daß jene ganz klein erscheinen.

Es ist ein altbeliebtes Spiel von mir, Kleines groß und Großes klein vorzustellen; ein Spiel, das viel Kurzweil bereitet. In Sandgerinseln Cañons, in Lachen Meere zu sehen – dazu bedarf es keiner Anspannung der Einbildungskraft, und die innere Bereicherung, die man dabei erfährt, ist groß. So kann man gewaltigen Naturereignissen beiwohnen, ohne je seine Scholle verlassen zu haben ... Und doch hilft alle Phantasie über unsere wesentliche Begrenztheit nicht hinaus. Welcher Unterschied besteht denn »an sich« zwischen einer Pfütze und dem Ozean? Nur einer der absoluten Größe. Tatsachen sind beide im gleichen Sinn, an Problemen ist der Ozean nicht reicher; jedes Atom ist ein Sonnensystem, kann ohne weiteres so vorgestellt werden. Gleichwohl ruft nur das, was groß ist in bezug auf uns, von selbst große Gefühle wach. Das zeigt, wie kläglich abhängig wir von äußerer Anregung sind. Eine gewaltige Erschütterung hebt leicht den Philister hoch über ihn selbst hinaus; andrerseits kann das Genie nur inmitten einer günstigen Umwelt seine Bestimmung vollkommen erfüllen. – Man sollte so weit gelangen, daß man von den Zufälligkeiten des äußeren Milieus ganz unabhängig wäre; das heißt, man sollte sein inneres Milieu – seinen gegebenen psychophysischen Organismus – so vollkommen beherrschen, daß man durch willkürliche Umstimmung desselben, wie der Achtfuß seine Hautfärbung bestimmt, eben das mit Sicherheit erreichte, was sonst nur durch kluge Abwägung äußere Einflüsse einigermaßen zu bewerkstelligen ist.

 

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