Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Graf Hermann Keyserling >

Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band

Graf Hermann Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorGraf Hermann Keyserling
titleDas Reisetagebuch eines Philosophen. Zweiter Band
publisherOtto Reichl Verlag
printrunSiebente Auflage
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170122
projectide6750b05
Schließen

Navigation:

Durch Shantung

Immer mehr packt mich, beeindruckt mich die Größe Chinas. Es ist ein Universum für sich, so wesentlich groß, wie kein anderes Reich, das ich je betreten habe, und schon verstehe ich gut, daß seine Bewohner die übrige Welt wenig ernst zu nehmen geneigt sind. Bisweilen fühle ich mich an Rußland gemahnt, jenes andere Riesenreich, das immerdar groß erscheinen wird, was immer ihm widerfahren mag: was ist dieses Gemeinsame, das mir durch alle Unterschiede hindurch so stark ins Bewußtsein tritt? Ich weiß es nicht recht; aber ich glaube, daß es die Großzügigkeit ist, welche China im selben Sinne von allen Ländern des Ostens, wie Rußland von denen des Westens unterscheidet. Es gibt nichts Weiteres, Umfassenderes als die »braune Ebene«, und im engsten spiegelt sie sich wider; jeder wurzelechte Russe ist wesentlich (wenn auch nicht immer tatsächlich) eine weite, großzügige Natur. So ist auch die klare, scharfumrissene chinesische Landschaft einförmig, rhythmisch und groß, und die Bewohner tragen ihren Stempel. Auch der Chinese wirkt wesentlich weit, so trocken und philiströs er häufig sei, denn der chinoiserie liegt eine gewaltige Einheit zugrunde. Der überaus vielsagende Ausdruck chinoiserie ruft zunächst ja die Vorstellung von Kleinlichem wach, wie denn das Entsprechende in Birma, Siam und Japan tatsächlich kleinlichen Charakter trägt. In China spürt man durch jede Arabeske hindurch die Substanz einer mächtigen Volksseele. Und deren Macht ist unheimlich werbend. Ich weiß es gewiß: auf die Dauer würde sie von mir vollkommen Besitz ergreifen, wie sie von so vielen schon Besitz ergriffen hat.

Die Substanzialität der Chinesen fällt desto stärker in die Augen, weil das Äußerliche vielfach einen Charakter trägt, den wir Europäer nur schwer in der Vorstellung mit Tiefe zu vereinen wissen; das Zierliche, Graziöse, Verschnörkelte kommt uns als solches oberflächlich vor. Der Chinese aber ist tief, vielleicht der tiefste aller Menschen. Keiner wurzelt so tief in der Naturordnung, ist so wesentlich-moralisch; keinem bedeutet das Äußere so viel. Nur tiefe Menschen sind fähig, die Form so ernstzunehmen.

Aber was der chinesischen Tiefe ihr einzigartiges Gewicht verleiht, ist, daß sie fleischgewordene Tiefe ist; sie ist gleichsam spiritualisierte Schwerkraft. In den Meisterwerken der altchinesischen Kunst trägt der Geist einen so kräftigen Körper wie nirgends sonst. Wie gewaltig wirken altchinesische Buddhastatuen! Sie atmen das Kraftmaß, das ein Gott besitzen müßte, um auf Erden als Gott zu erscheinen. Etwas von dieser Kraft wohnt jedem Chinesen inne; China als Ganzes aber ist durch und durch von ihr beseelt.

Wer China würdigen will, muß unentwegt die Chinoiserie, die Größe des Reichs und die wurzelhafte Kraft seiner Bewohner auf einmal im Auge behalten. Die Courtoisie muß er mit der Größe der Natur zusammenschauen. Wie wenig hängt doch wesentliche Größe vom Zufall der Ausdrucksgelegenheiten ab! Diese Größe wird einzig vom Sein bestimmt. China ist groß geblieben, obschon es im Kriege meist geschlagen ward, obgleich es selten eine starke politische Einheit war, und wird groß bleiben, auch wenn es einmal aufgeteilt werden sollte.

 

Jetzt bin ich in Asien. Ich bin nicht mehr in dem Orient, der von Griechenland über Ägypten, Kleinasien und Persien bis nach Indien und Südchina reicht; ich bin in dem Asien, das in Rußland beginnt und alle Völker des weiten Binnenlandes zu einer großartigen Einheit verknüpft. Psychologisch ist der Russe dem Inder näher verwandt als dem Chinesen; in vielen Hinsichten schwingt die russische Seele unisono mit der altindischen, beide Völker stehen im gleichen Grundverhältnis zu Gott und Natur. Aber den Hintergrund hat der Russe mit dem Chinesen gemein. Der Hintergrund aller Asiaten ist die konkrete Unendlichkeit, die Unendlichkeit im Raum und in der Zeit. Den hat kein Europäer, kein Inder. Vergleicht man einen bedeutenden Deutschen mit einem ihm gleichwertigen Russen, so frappiert der weitere Hintergrund; von welchem dieser sich abhebt: das ist das Asiatische an ihm. Hinter dem Europäer steht nie mehr als seine Geschichte, die ihm freilich, wo sie groß und reich und bedeutsam ist, ein Relief verleiht, wie kein anderer Mensch es besitzt. Aber dieser Hintergrund ist immerhin ein endlicher, und die klarsten Umrisse ersetzen die Weite nicht. Hinter dem Orientalen steht die Legende oder das Märchen: das ist insofern mehr, als das Mögliche immer mehr als das Wirkliche ist, aber andrerseits doch weniger, da sich dran zweifeln läßt. Deshalb hat der Orientale etwas Irreelles: er wirkt wie ein quasimodogenitus, der zugleich unendlich alt wäre. Der Hintergrund des Asiaten ist die unermeßliche Natur, das endlose Weltgeschehen. So hat der Inder den Menschen wohl erschaut, aber seine Erkenntnis hat sich in Leben nicht umgesetzt; die Natur, die er so tief verstand, hat in concreto für ihn kaum existiert. Wie sehr existiert sie für den Russen! Keiner fühlt sich so eins mit ihr wie der einfache Mushik, kein Künstler hat den Menschen so plastisch im Zusammenhang des Lebens dargestellt wie Leo Tolstoi. Die weiche, zarte Seele des Slawen steht in unmittelbarer Sympathie mit dem All, das ihm zum Hintergrunde dient. – Sympathievermögen in diesem Sinn besitzt der Chinese wohl nicht, der nüchtern-trockene; dennoch hat er den gleichen lebendigen Hintergrund. Bei ihm, dem sozialen Genie, tritt der Weltsinn in der Ordnung des Lebens zutage. Wer sonst ist darauf gekommen, die Zeremonien, die der Himmelssohn vollführt, den Ablauf der Jahreszeiten und das Gemeinschaftsleben in einem Zusammenhang zu sehen? Wer hat dieses auch nur annähernd so tief erfaßt? Auch dem Chinesen erscheint es auf seine Art selbstverständlich, daß alles zusammenhängt. Der Asiate hat den Menschen der Natur nie fremd gegenübergestellt, sondern als Teil ihrer betrachtet. Wie ergreifend wirkt es in der Anna Karenina, daß der Tod der Heldin in ihr nicht anders beurteilt und dargestellt wird, als der des edlen Rennpferdes vorher! Wie großen Stil verleiht ihr nichtanthropomorpher Charakter der chinesischen Kunst! Wohl ergibt es ein wunderschönes Bild, wenn die Natur so auf die Fläche gebannt wird, wie ein Homer und ein Goethe dies vermocht haben. Aber tiefsinniger ist wohl, zwischen Mensch und Natur nicht zu scheiden, und beide von innen her als unauflösliche Einheit zu verstehen.

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.