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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Der Abgrund

Monatelang hatte ich mich nicht mehr satt gegessen. Seit dem Tode der Mutter stellenlos, war es mir trotz aller verzweifelten Bemühungen bis jetzt nicht gelungen, auch nur die bescheidenste Arbeitsgelegenheit zu bekommen. Die Einrichtung meiner Kammer war bis auf das Bett, einen brüchigen Schubkasten und einen uralten Koffer zum Trödler gewandert. Vor einem Monat hatte ich sogar das eiserne Öfchen verkauft; ich konnte mit dem Erlös dem drängenden Hausherrn einen Teil meiner Mietschuld bezahlen.

Da ich so manchen Abend hungrig zu Bett gegangen war, war mein Aussehen nicht glänzend, und ich konnte es den Leuten, die Stellen zu vergeben hatten, nicht verübeln, daß sie mich nicht aufnehmen wollten. Ein Blick in die Fensterscheiben der Geschäfte zeigte mir ein Skelett in fadenscheinigster Kleidung. – In einem Parfümeriegeschäft meinte der Herr auch ganz offen, einen Menschen, der so sichtbar tuberkulös sei und der wohl kaum mehr als ein halbes Jahr zu leben habe, könne er doch nicht anstellen! Ich ging damals auf die Schmelz hinaus und war nicht weit davon entfernt, mich in den Schnee zu legen, um endlich nicht mehr aufzuwachen und diesem elenden Leben Valet zu sagen.

Aber wenn man zwanzig Jahre alt ist, überlegt man sich dieses Sterben aus Empfindsamkeit und besitzt meist so viel Lebenstrotz, daß man noch andere Demütigungen erträgt!

So kehrte ich wieder heim und vertröstete mich: einmal würde es wieder anders sein, würde ich Arbeit finden und meinen Hunger wieder stillen können.

Unterdessen hatte es aber selbst der Erlös meines Ofens nicht mehr vermocht, den Hausherrn von dem Vorteil zu überzeugen, den ich ihm als Mieter brachte: er kündigte mir im Gegenteil, und ich mußte trotz aller Bitten und Versprechen vierzehn Tage später die Sterbekammer meiner Mutter auf immer verlassen und ihm den Rest meiner Möbel für den schuldigen Mietzins überlassen.

So war ich dort angelangt, wo der Proletarier in die bedrohliche Nähe des Zuchthauses kommt oder, wenn er sich zur Selbsthilfe zu gut oder zu feige ist, wie es bei mir der Fall war, der gänzlichen Verwahrlosung anheimfällt, bis er vor Kälte und Hunger in irgendeinem Winkel der Großstadt verreckt.

An dem Tage, wo ich meinem Heim auf immer den Rücken drehte, regnete es ganz gehörig, obwohl es der Jahreszeit nach auch hätte schneien können; dann wäre zwar die Verdienstmöglichkeit etwas größer gewesen, aber die Kälte hätte mich in meinen dünnen Kleidern sicherlich mehr gequält.

Wie die vielen Tage vorher, klopfte ich vergebens an die vielen Türen und bat umsonst um Arbeit. Als der frühe Abend hereinbrach und die übrigen, ach so glücklichen Menschen in die warmen Häuser traten, hockte ich, vollständig erschöpft, trostlos und verzweifelt, in einer Tornische, neben mir ein winziges Bündel mit ein paar Wäschefetzen und im Hirn die bohrende Frage: Wohin denn nur in dieser Nacht? Da fiel mir ein, von einem Massenquartier gehört zu haben, das sich in einer Hauptstraße Ottakrings befinden sollte. Ich hatte am Morgen die letzten Bücher verkauft und dafür zwei Kronen erhalten. Von dieser Summe mußte ich mich, wer weiß wie lange, verköstigen, und es war leichtsinnig, einen Teil davon für ein Nachtlager auszugeben. Aber die schauerliche Sturmnacht unterdrückte alle Bedenken, und ich begab mich auf die Suche nach dem Armenhotel. Ein Wachtmann sagte mir die Adresse. Er hatte mich dabei mißtrauisch angeblickt, und ich bemerkte im Weitergehen, daß er mich verfolgte. In eine Seitengasse einbiegend, fing ich an zu laufen, wie ich nur konnte, und ich lief bis zu dem Hause, das mir als Massenherberge bezeichnet worden war.

Das Haus sah von außen ganz sauber und solid aus, und nichts verriet dem Unwissenden, daß es in seinem Innern jene dunkelste und allerletzte Armseligkeit der Großstadt barg, die dort ihr Elend im Schlaf zu vergessen suchte.

Während ich auf die andere Seite ging, dort möglichst unauffällig einige Male auf und ab wanderte und das Haus scheu betrachtete, fielen mir viele Geschichten ein, die ich über andere Massenquartiere, deren Einrichtung und das Treiben darin gehört hatte. Keine davon war erheiternd und einladend. Von verschmutzten, mit Ungeziefer bevölkerten Betten, Brutstätten aller möglichen Seuchen, von verwahrlosten Menschen aller Art und verworfensten Geschehnissen erzählten sie alle. Ich erinnerte mich sogar, von einem scheußlichen Mord gehört zu haben, der dort geschehen war.

In meiner krankhaft überhitzten Phantasie erblickte ich in dem weißen Häuschen eine Laster- und Verbrecherhöhle, denen ähnlich, die ich einst in meinen Hintertreppenromanen geschildert fand. Schauer des Ekels und der Furcht überliefen mich bei dem Gedanken, daß ich in wenigen Minuten selbst Bewohner einer solchen Spelunke sein sollte. So zögerte ich mit dem Eintreten so lange, bis ich halb erfroren und von Müdigkeit übermannt dem breiten Haustor zuschritt, das mich wie ein Höhleneingang angähnte.

Auf den braunen Torbohlen befand sich ein zerkratztes und beschmutztes Blechschild mit der Aufschrift: »Hôtel garni, im Hofe rechts, Betten von vierzig Heller aufwärts«.

Ich durchschritt zwei Höfe, die von Wohntrakten umgeben waren, und gelangte durch eine kreischende Tür in den dritten Hof, den eine hohe Mauer abschloß. Er wurde auf der einen Seite von einem ebenerdigen Gebäude flankiert, dem gegenüber sich eine Bretterwand hinzog; entsprach das Stöckelpflaster der beiden andern Höfe dem bürgerlichen, geordneten Aussehen der Wohngebäude, so harmonierte der letzte Hof, ungepflastert und voller Unebenheiten, mit dem Ziegelhaufen, in dem sich das Massenquartier befand. Beim Schein eines Öllämpchens sah ich fünf oder sechs vergitterte und rot verhängte Fenster, die fast ausnahmslos zerbrochene Scheiben aufwiesen. Die Löcher waren mit Papier verklebt oder auch mit Fetzen verstopft. Die Dachrinne war ganz verbogen und goß das Regenwasser über das Gemäuer, und im großen und ganzen sah das Gebäude einem verfallenen Stall ähnlich. Was mochte es nun erst im Innern geben! Ich läutete. Bald darauf öffnete sich die Tür, und ich sah im Halblicht eine mächtige Frauengestalt, die in einen schmutzigen, zerrissenen Schlafrock gehüllt war und deren schwabbrige Fülle die Hüllen zu sprengen drohte. Ein Geruch schlechten Fusels drang auf mich ein.

»Was wullns denn?« fragte sie mich in tschechischem Dialekt, während sie bedenklich hin und her schwankte. Ich bat um ein Nachtquartier, worauf sie ins Dunkel zurückrief: »Franko, ise noch a Platzl frei?« Keine Antwort. »Franko, bsuffene Haderlump, bist villaicht terrisch? Ise wer do, was a Stranzen will!«

Nun grölte es aus dem Hause zurück: »Was schreist denn so, blade Umurken! A Matrazen is no frei in' Grafenzimmer! Wart, i muaß ma erst in Gast anglurrn!«

Ein heller Lichtstrahl drang auf uns ein, und gleich darauf kam ein menschliches Wesen mit einer Lampe auf uns zugeschritten. Es war ein furchtbar abgemagerter Mann mit einem so scheußlichen Gesicht, wie ich nie vorher gesehen hatte. Er war über und über mit Geschwüren bedeckt, die Nase war verschwunden und an ihrer Stelle klaffte eine grauenhafte Wunde.

Dieser Mensch, der ebensogut dreißig wie fünfzig Jahre alt sein konnte, war in der schäbigen Eleganz eines Vorstadtstrizzis gekleidet. Er hatte die Hände in den Taschen der großkarierten Hosen, maß mich vom Kopf bis zu den Füßen mit mißtrauischem Blick, dann schnalzte er mit der Zunge und sagte mit zusammengekniffenen Augen:

»Habns a Dokument mit, daß ma mit da Behörde ka Schererei habn?«

Und als ich ihm mein Arbeitsbuch gereicht: »De Stranzn kost' drei Schuß für d' Nacht und muaß glei zahlt wern.«

Während ich die sechzig Heller in meinen Taschen zusammensuchte, unterhielt er sich ungeniert mit der Herbergswirtin über mich.

»Geh, Mariedl, dös is ka Gsieberer! Schau da nur sei Kluft a. Sei Röckerl is mit lauwarman Wassa gfüllt, und ausschauen tuat a wir a gschbiebns Äpfelkoch! Ziag a mit ehrm, und zeig ehrm sei Flohtrüacherl!«

Ich folgte nun der voraustorkelnden Person durch einen engen Gang, an dessen Ende sie eine Tür öffnete. Ein fürchterlicher Gestank drang mir entgegen, und ich trat zögernd ein. Ganz benommen von dem mephitischen Geruch spähte ich in den Raum, in dem ich wie durch einen Nebel ein wüstes Durcheinander von Pritschen, Eisen- und Holzbettstellen, Sesseln und darüber gehängten Kleidern, Handkoffern, Rucksäcken und Waschkübeln erblickte.

Ungefähr ein Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts lagen oder saßen zwischen diesen Gegenständen, die alle in einem Zustand größter Verwahrlosung waren. Die Weichholzbetten waren meist mit Krusten von Schmutz bedeckt, zum Teil zerbrochen, die Stühle hatten selten alle vier Füße, die Waschkübel waren mit Rost bedeckt. Was man an Bettwäsche sehen konnte, war kohlschwarz und zerfetzt, und aus den Strohsäcken sickerte fortwährend das zu Häcksel geriebene Stroh.

Meine Führerin begann gleich bei unserm Eintritt über die Verschwendung zu schimpfen, mit welcher die Petroleumlampe behandelt war. Sie stieg mit ihrem halbnackten, gewaltigen Körper über die Betten und die darin Ruhenden und parierte deren Schimpfen und Fluchen mit noch schöneren Ausdrücken. Endlich war sie bei der blechernen Hängelampe angelangt, deren Docht sie tief herabdrehte. Von ihrem jetzigen Standpunkt aus rief sie mir zu, ich könne nun den gleichen Weg nehmen, und wies auf eine Holzpritsche hin, die nahe bei dem einen der zwei Fenster stand.

Nun war's an mir, diese Klettertour zu machen, und trotz aller Vorsicht brachte sie mir mehrere Püffe ein.

»So, da ise Ihne Bett! Mirkn's Ihnen, bei uns ise jede Saubartlerei verbotten. Bis Sebene kennens schlaffn. Wollns an Tee zum Friestieck, so sagns es jetzt.«

Ein geringschätziges Grunzen folgte, als ich verneinte. Kaum war die Frau wieder draußen, erhob sich von einem der Betten eine lange, unendlich magere Gestalt, die wie ein Hungergespenst anzuschauen war, und drehte das Licht wieder auf.

»A Liacht muaß sei, sunstn fressn uns d'Läus und di Wanzen bei lebendign Leib auf«, krächzte sie stockheiser.

Ich sah mir bei dem trüben Schein der Lampe meine Umgebung genauer an. Was ich erblickte, war eine so furchtbare Orgie der sozialen Not, wie ich sie nie geahnt hätte. Hier eiterte das Großstadtleben in den furchtbarsten Geschwüren.

Wie ich schon erwähnt habe, lagen Männer, Frauen und Kinder nebeneinander; eine junge Frau säugte ihr Kind, und ein fünfzehnjähriger Junge schaute gierig auf die prall hervordringenden Brüste. Auf einem Bett, das kaum einen Meter breit war, drückte sich eine ganze Familie zusammen, Vater, Mutter und zwei Kinder. Allen vieren fieberte der Hunger aus den Augen. Einige der Gäste waren alte Arbeiter, die kein Heim und keine Familie hatten. Stumpfsinnig duselten sie vor sich hin oder lallten im Bann erbärmlichsten Schnapsgenusses irres Zeug. Einer von ihnen belästigte ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen mit unzüchtigen Redensarten und tappte fortwährend auf sie hinüber. Keiner der Anwesenden wies ihn zurück. Nur das Mädchen kreischte manchmal auf, wenn es der Alte gar zu arg trieb. Im übrigen schien sie solche Umgebung gewöhnt zu sein.

In einer Ecke hockte eine alte Frau wie ein hingeworfenes Bündel alter Lumpen. Sie war gänzlich betrunken, spie sich an und jammerte die übrige Zeit kläglich in sich hinein. Dann warf ihr der eine von zwei kartenspielenden Burschen ein »Halt's Maul, alte Sau!« an den Kopf. Wie ich erfuhr, waren die beiden Stammgäste dieses »Hotels« und Zuhälter des Mädchens, das hier den Nachmittag und Abend zubrachte, um dann auf den Strich zu gehen, wo sie sich hinter Haustoren, unter Viadukten und in verlassenen Wagen um ein Geringes den Männern hingab.

Die mir angewiesene Lagerstätte bestand aus einem Strohsack, der auf einem einen halben Meter breiten Gestell lag. Das Leintuch und der Polsterüberzug mußten schon monatelang im Gebrauch gewesen sein, denn sie starrten von Schmutz. Die Decke war ein dünner Kotzen, der an vielen Stellen durchgewetzt war. Als ich sie aufhob, liefen ein paar Küchenschwaben in eiligster Flucht davon. Am liebsten wäre ich die ganze Nacht angezogen auf dem Bett sitzen geblieben, aber Müdigkeit und die Kälte, die von den feuchten Mauern in das ungeheizte Zimmer ausstrahlte, ließen mich meinen Ekel überwinden! So zog ich Schuhe, Rock und Weste aus und breitete die zwei letzten Kleidungsstücke über den Polster und das Leintuch. Dann legte ich mich in Gottes Namen nieder.

Von Schlafen war natürlich keine Rede. Die Betrunkenen grölten und trieben allerlei Unfug, der Säugling schrie kläglich, das lange Gespenst stritt wegen des Lichts mit dem Familienvater. Kaum war das eine ruhig, begann das andere zu lärmen; dazu fingen jetzt auch die Insekten an, sich bemerkbar zu machen. Meine Leidensgefährten machten sich einer nach dem andern daran, im Schein eines Zündhölzchens den Tieren nachzujagen.

Die Luft wurde immer unerträglicher und jeder Atemzug eine Qual.

Um Mitternacht erhielten wir an Stelle des Mädchens, das seinem traurigen Verdienst nachging, einen späten Gast.

»Das is der Graf, der is scho a paar schöne Jahrln Stammgast in dera Laushütten«, flüsterte mir die Mutter des Säuglings, meine Nachbarin, zu.

»Wie kommt denn der da her?« fragte ich zurück.

Da erzählte mir die Frau in den kleinen Pausen, die der kleine Weltbürger ruhig war, die Geschichte des Grafen.

»Er soll a mal a rechts Früchtl gewesen sein, der polakische Graf, alle Tag Champagner, und a jeds Mädl hat her müssn, wanns a schöns Gsichtl ghabt hat, wanns a no so viel 'kost hat. Mit die Fünfguldenzetteln hat a d' Zigarren anzündt. Der Herr Franz, dem 's Massenquartier ghört, hat's uns selbst erzählt, der war Kellner bei an Heurigen und sei bester Spezi. D' saubersten Madln hat er ehrm ins Gei gführt. In a paar Jahr war 's Geld von Grafn bis aufn letzten Netsch verjuxt. A so a feins Bürscherl mag aber nacha do net arbeitn. So hat a halt a bißl geschwindelt, d' Gschicht is aufkomman, und 's Gricht hat ehrm a Sommerwohnung in Göllersdorf vaschafft. Dö war billig, und a Einbrennsuppen mit Fisoln hat's extra draufgebn. Jetztn lebt a halt von aner klan Stiftung und von da Luft. Er kommt alle Tag so spät, weil a des no von seiner Champagnerzeit her gwohnt is. Jetztn sitzt a halt in an Branntweinhäusl, bis klan schlagt, dann kommt a her und rafft si mit die Wanzen umma!«

Ich sah mir den Grafen genauer an. Er war trotz der durch Laster aller Art entstandenen Verseuchung seines Körpers eine imposante Erscheinung, fast zwei Meter groß, mit einem schöngeschnittenen, bartlosen Gesicht, das nur durch reichlichen Alkohol blaurot gefärbt war und zwei ausgebrannte Augen hatte. Er glich noch heute einem Gardeoffizier, der sich die Kleider eines Bettlers ausgeliehen, um einen Lumpenball zu besuchen. Bevor er sich niederlegte, zog er einen Rosenkranz aus der Tasche und kniete unbekümmert um seine Umgebung vor seinem Lager nieder, um höchst andächtig zu beten.

Im Lauf dieser Nacht gab mir die junge Mutter auch die Geschichte ihres eigenen Lebens preis. Es war das typische Großstadtschicksal. In der Fabrik lernte sie mit siebzehn Jahren ihren Mann kennen, kurze Zeit zogen sie zusammen, ohne zu denken, daß Liebe ein Luxus ist. Als ein Kind kam, ging das Elend an, ihr Verdienst fiel aus, und was er am Samstag nach Hause brachte, reichte kaum für den Zins und die wöchentliche Rate an das Abzahlungsgeschäft, wo sie ihre Möbel gekauft hatten. Aber noch ging's, bis auch er arbeitslos wurde. Mit Riesenschritten brach das Elend herein. Eines Tages wies man sie aus dem Hause, die Möbel wurden von der Firma zurückgenommen; da entfloh der Mann dieser brennenden Not und überließ Weib und Kind der unbarmherzigen Straße. Er war scheu geworden, irre an der Moral dieser Welt, und das Tier in ihm suchte allein Rettung. Sie ging nicht in die Donau, hatte auch keine harten Worte für den Mann, sondern fand sich mit der Elastizität des Wiener Menschen in ihre trostlose Lage. Schleppte tagsüber ihr Kind von einer Wärmestube in die andere, war mittags und abends Gast bei den Klosterpforten, wo es Suppe für die Armen gab, und was sie für das Nachtlager brauchte, erhielt sie von den Passanten zugesteckt. Seit sechs Wochen führte sie dieses Leben, voll Sehnsucht nach dem Frühling, der vermehrte Arbeitsgelegenheit brachte und damit wohl ihren Hansl zurück und wieder eine Stube für alle drei.

Ich wünschte dieser tapferen Schwester die Erfüllung ihrer Sehnsucht von ganzem Herzen, schon ihrer gläubigen, verstehenden Liebe willen.

Als von einem nahen Kirchturm die Uhr die fünfte Morgenstunde verkündigte, zog ich mich eiligst an und verzichtete, mich in dem Blechkübel zu waschen, der zu diesem Zweck hingestellt war, da ich gesehen, wie ihn die Betrunkenen zu anderem verwendet hatten. Ich war eben im Begriff, meine Schuhe mit Hilfe einer Spagatschnur an die Füße zu binden, als ein übernächtig aussehender Polizeiagent eintrat und uns die Papiere abverlangte. Er durchsah besonders die meinen mit großer Genauigkeit, schien aber weder durch den unerhörten Schmutz und die große Gefahr für Verbreitung von Seuchen noch durch das ungewohnte Durcheinander von Männern und Frauen irritiert zu werden.

Das Wetter hatte in der Nacht umgeschlagen, Frost war eingefallen, und heimtückisches Glatteis überzog das Pflaster. Die Luft schimmerte blank in grausamer Kälte, und bei jedem Windstoß stach es mich wie mit feinen Nadeln in den schlechtgeschützten Körper. Meine restliche Barschaft erlaubte mir nun nur mehr den Besuch einer Suppen- und Teeanstalt, wo ich mir um zwei Heller eine Schale Tee ohne Zugabe vergönnte und auf einer Bank zusammengekauert, von innerer Kälte geschüttelt, hinduselte, bis es Zeit war, den Arbeitsmarkt aufzusuchen.

Ich hätte nichts versäumt, wenn ich den ganzen Tag auf dieser Bank geblieben wäre, hätte weniger Kälte erduldet, weniger Enttäuschungen und Demütigungen erfahren. Als der westliche Himmel in einem klaren abendlichen Feuer stand, das eine Steigerung der so plötzlich eingefallenen Kälte verkündete, stand ich mit ein paar hundert anderen Obdachlosen vor dem einstöckigen Rohziegelviereck der Baron-Königswarterschen Wärmehalle in Ottakring. Eng zusammengepfercht, von der Peitsche winterlicher Not aus allen Schlupfwinkeln getrieben, harrten wir Landsknechte des Elends sehnsüchtig auf Einlaß. Wir waren vielleicht tausend Leute, und nur zweihundert konnte Einlaß gewährt werden.

Das Gebäude erhob sich einsam am Rand weiter Felder, die in trostloser Eintönigkeit in die harte Bläue des Horizonts eingingen. Die nächsten Häuser hinter unserem Rücken lagen verlassen, wie unbewohnt in der Stille der Dämmerung. Aus den Vulkanwerken, einem großen Fabrikunternehmen, dröhnte kein Werkhall mehr, nur eine dünne Rauchsäule stieg, wie das letzte Merkmal einer eingeäscherten Stadt, zum Himmel auf. Mir war es, als wären wir Harrenden die wenigen Überlebenden einer durch katastrophale Ereignisse zerstörten Erde und als stünden wir, des Jüngsten Tages gewärtig, einem sicheren Verderben gegenüber.

Endlich öffnete sich das Eisengitter vor dem Eingang der Wärmestube. Ein tierischer Kampf begann, ein grauenhaftes Drängen. Kinder, Frauen, Schwächlinge wurden rücksichtslos zu Boden gestoßen. Flüche, Schmerzensschreie flogen grell durch die Luft. Unter denen, die keinen Einlaß mehr fanden, war ich. Eine Weile flehten, bettelten, schimpften wir noch vor der zugeschlossenen Pforte, dann verlor sich einer nach dem andern in der beginnenden Nacht, wie die Schiffbrüchigen von den Planken des untergehenden Schiffes im Meer verschwinden. Ich schloß mich einem Burschen an, mit dem ich einmal in einer Fabrik beschäftigt war und den ich hier als Leidensgefährten getroffen hatte. Auch er war seit Wochen arbeitslos und ohne Unterstand. Nun lud er mich ein, mit ihm diese Nacht im Sammelkanal zu verbringen, wo er schon einige Nächte hindurch logiert hatte. Ich lehnte vorerst schaudernd ab, aber mein Kamerad versicherte mir so lange, daß dieser Ort nicht so schrecklich sei, wie man glaube, daß es dort warm sei, man lustige Gesellschaft fände und vor allem vor der Polizei sicher sei, daß ich beschloß, ihm zu folgen.

Wir durchquerten in südöstlicher Richtung mehrere Stadtbezirke und gelangten in die Nähe des Hauptzollamts zu dem offenen Betonbett der Wien. Vorsichtig spähten wir in der verhältnismäßig einsamen Gegend nach einer Pickelhaube und stiegen, als wir uns unbeachtet wähnten, schnell über die niedrige Kaimauer und eine Eisentreppe hinunter, die uns auf die Sohle des Flußbettes führte. Die von dem Regen der letzten Tage angeschwollene Wien gurgelte zu unsern Füßen stöhnend im Kampf mit dem Frost. Wir schlichen auf dem vereisten Betonufer flußaufwärts, immer in Angst, hier noch einem Stromwächter zu begegnen oder aus der Höhe von der Blendlaterne eines Wachtmannes beleuchtet zu werden.

So atmeten wir auf, als wir die Finsternis eines Gewölbes über uns fühlten, auch war es hier verhältnismäßig warm. Ich hatte den Rockzipfel meines Kameraden erfaßt, der langsam, aber mit Sicherheit in das gurgelnde Dunkel vor uns hineintappte. Eine Viertelstunde mochten wir so in der Unterwelt dahingeschlichen sein, als wir in der Ferne einen Lichtfaden erblickten; wir machten noch an die hundert Schritte, dann pfiff mein Kamerad einen schrillen Ton. Wie Gewehrgeknatter lief es durch den Riesentunnel. Gleich darauf antwortete ein gleicher Pfiff. Ein breiter Lichtkegel warf nun seinen Schein auf uns. Als mein Freund eine Art Jodler ausstieß, löste sich eine Gestalt aus einem Mauervorsprung. Es war ein Bursche unseres Alters, der eine selbstverfertigte Blendlaterne trug und sie uns unter die Nasen hielt. Beruhigt rief er hierauf in eine breite Mauerspalte, die ich erst jetzt bemerkte: »Der Mehlspeisxandl is's, mit an neuchen Vaziratn!« Und zu meinem neuen Freunde: »Servas, Mehlspeisxandl, no ka Hackn dakläscht? No mach da nix draus, i hab a ka Glück ghabt! Wer is den dös?«

Ich stellte mich ihm mit wenigen Worten vor, worauf er mir die Hand schüttelte und versicherte, daß ich in meiner Lage gar nicht klüger hätte handeln können, als das Freihotel »Zum goldenen Ratzen« aufzusuchen. Wir traten alle drei in die Spalte ein, die eine Art Luftschacht war und nach wenigen Schritten in eine kleine Halle führte; überall roch es nach feuchtwarmem Moder; die Unschlittkerzen, die meine Kameraden angesteckt hatten, gaben ein unstetes Licht, erhellten den Raum aber doch so gut, daß ich alles darin wahrnehmen konnte. Das niedere Gewölbe aus Ziegelsteinen maß vielleicht zwei Meter im Quadrat; am Boden lagen alle möglichen Fetzen, Strohsacküberreste, Fragmente von Frauen- und Männerkleidern, auch dicke Lagen von Zeitungspapier, darauf rekelten sich sitzend oder liegend ein halbes Dutzend Gestalten. Es waren lauter Männer, von denen der jüngste etwa sechzehn, der älteste siebzig Jahre alt sein mochte. Ihre zerrissenen Kleider, die vielfach in Fetzen herunterhingen, die unrasierten, hohlwangigen Gesichter, die Entbehrungen, die aus ihrem ganzen Aussehen sprachen, kennzeichneten sie als die bejammernswürdigsten Bankerotteure der Gesellschaft.

Mißtrauische Blicke trafen mich. Ein alter, total abgerissener Kerl, dem das eine Hosenbein in seiner ganzen Länge aufgeschlitzt war, so daß das nackte, mit Grind bedeckte Bein sichtbar wurde, torkelte auf mich zu, schob seine blutunterlaufenen Augen dicht an mein Gesicht und speichelte: »Wer san denn Sö, was wolln denn Sö, i kenn Ihnan ja nöt, Sö, ziagns wieda a, Sö!«

Der Bursche, der uns empfangen hatte, drehte sich um und gab dem alten, betrunkenen »Hanseltipper« (als solchen machte ihn die leere Anchovisbüchse erkennbar, die er mit einem Strick um die Hüfte gebunden hatte) einen Stoß mit der Achsel, daß er an die Wand taumelte und dann auf die Erde rutschte, wo er liegenblieb. Jetzt waren noch einige der Anwesenden aufgestanden und uns entgegengetreten. Neugierde ist wie der Kork auf dem Wasser, sie geht auch im tiefsten Elend nicht unter. Eine Menge Fragen über meine Herkunft mußte teils mein neuer Freund, der Mehlspeisxandl, teils ich beantworten, dann aber war das Eis gebrochen, und sie behandelten mich wie einen alten Bekannten. Alles legte und setzte sich nieder, auch ich ließ mich an der Seite des Mehlspeisxandl auf einen Haufen von Lumpen nieder, der muffig genug roch und sich feucht anfühlte, aber vertrauenerweckender aussah als meine Schlafstätte vom Abend vorher. Aus den Reden, die um mich herum geführt wurden, hörte ich vieles heraus, was mich von dem Schicksal der Leidensgefährten unterrichtete. Es waren Arbeitsuchende wie ich, aus der Strafanstalt eben Entlassene, seit Monaten Obdachlose, von der Polizei Gehetzte. In vielfacher Variation hallte das eine Grundthema an mein Ohr: großstädtisches Proletarierelend. Wie wir da saßen oder lagen, in abfaulende Lumpen gehüllt, eine dünne Klostersuppe im Magen, als einzigen Genuß einen aufgeklaubten Zigarren- oder Zigarettenstumpf zwischen den Zähnen, Ratten und den stinkenden Wienfluß zu Nachbarn und immer in der Furcht, der Polizei in die Hände zu fallen, waren wir ausgestoßener von jeder Gemeinschaft der Menschen als der Verbrecher, der in seiner Zelle saß und vor Hunger, Krankheit und anderem Bösen behütet wird.

Neben mir philosophierte einer: »Dös is a Lebn jetztn! Der Mensch kann verhungern, wann er wüll. A Hund hat's besser, der suacht si was auf der Straßn zsamm, und an Tierschutzverein gibt's a, der was auf ihn schaut. Rühr di nur, Freunderl, und wirf an Stan auf so a Hundsviech, was dir nachbellt, glei kummt so a Spinatwachter und schreibt di auf, und du kriagst wegen Hundeehrenbeleidigung deine zwölf Stund!«

Er sprach uns allen aus der Seele. Und doch waren wir alle zu schwach zur Auflehnung, unsere Entkräftung lähmte den Willen, so daß wir ungefährlicher wurden als die gejagte Ratte. Daher die unfaßbare Existenz der Großstadtvagabunden, der Hanseltipper, die oft jahrzehntelang obdachlos waren und längst schon vergessen hatten, daß es andere Genußmittel gibt als verfaultes Obst und Klostersuppen, deren einzige Betäubungsmittel die schalen Bierüberreste sind und die dennoch kein einziges Mal fremdes Eigentum angriffen, um mit Gewalt dem Leben einen lichteren Tag abzuringen.

In dem blaßroten mürben Stein der Wand waren eine Menge Inschriften zu lesen. Namen von solchen, die gleich uns hier übernachtet hatten, Daten, wann dies geschehen. Viele hatten sich nur mit dem Spitznamen eingeschrieben, den sie vielleicht erst hier bekommen hatten. Sogar Verse konnte ich entziffern, ich will einige davon hier anführen:

Da es mir gut ging auf Erden,
Wollten alle meine Freunde werden,
Weil ich kam in arge Not,
Waren alle meine Freunde tot.

Darunter stand:

Der Krimbruder und der Soldat
Seinen Bims zu essen hat,
Glaubt's mir, Freunderln, o wie gern
Wär ich jetzt im Landesgericht und in der Kasern.

Dann wieder:

Durch die Wienerstadt lief ich kreuz und quer,
Jetztn bin ich da, Herz, was willst du mehr?

Nahe vom Eingang entdeckte ich folgende Zeilen, die sorgsam mit lateinischen Lettern geschrieben waren und mich an diesem Ort seltsam berührten:

Wie wohl doch nichts auf dieser Welt
Dem Herzen ach so sauer fällt
Als Scheiden, ach, Scheiden.
Blüht morgen dir ein Röslein auf,
Beschließt es nachts schon seinen Lauf,
Das wisse, das wisse.

Was mochte dies für ein Mensch gewesen sein, der die Worte hier eingegraben? Ich glaubte sein zermartertes Herz neben dem meinen schlagen zu hören. Aber es war nur mein eigenes, das aus Mitgefühl für diesen Schicksalsgenossen plötzlich stärker schlug.

Ein Schlag auf die Achsel schreckte mich aus meiner Nachdenklichkeit. Der »geflickte Simmerl« war es, der Bursche, der uns hier eingeführt hatte. Er lud mich ein, an dem gemeinsamen Nachtmahl der »Ratzenplatte« teilzunehmen. »Hast gwiß eh an Mader«, meinte er und zog mich an dem Rockärmel in den engen Kreis, den die Anwesenden jetzt bildeten. Aus einigen Ziegelsteinen war nahe dem Ausgang ein kleiner Herd aufgebaut, auf dem nun ein lustiges Feuer brannte. Der alte Hanseltipper fischte täglich das Brennmaterial aus dem Wienfluß. In einem verbeulten und verrosteten Gefäß, das ich schaudernd als Nachttopf erkannte, brodelten Kartoffeln, gelbe Rüben und Kraut. Diese Schätze, so erklärte mir der Mehlspeisxandl, stammten aus den Abfallhaufen der Gemüsemärkte, wo sie vor wenigen Stunden von den Mitgliedern der »Ratzenplatte« beschlagnahmt wurden. Auch ich müsse morgen trachten, etwas beisteuern zu können. Es käme da beinahe alles in Betracht, was die Marktleute als verdorben oder sonstwie ungenießbar wegwürfen. Morgen zum Beispiel, am Freitag, gäbe es auf allen Märkten Fischstände, deren Abfälle, unter denen sich auch oft ein totes Weißfischel befinde, gäben eine herrliche Suppe. Aus dem gleichen Grunde wären auch die Plätze vor den Metzgerhütten zu beachten.

Mir drehten diese Belehrungen über die kulinarischen Geheimnisse dieses Freigasthofes schier den Magen um, und es war mir trotz des großen Hungers nicht möglich, auch nur einen kleinen Löffel des grauen Breies, der süßlich roch, zu mir zu nehmen.

Nach dem Abendessen zündeten wir unsere Zigaretten- und Zigarrenstumpfe an und plauderten noch eine Weile. Dann wurde die Unschlittkerze ausgelöscht, und binnen wenigen Minuten lagen wir im tiefsten Schlaf.

Ich hatte mich wie die Kameraden nur der Stiefel entledigt und mit einem Kohlensack zugedeckt. Die schlaflose Nacht vorher machte sich geltend, dazu kam die Stille um mich, durch die das monotone Geräusch der Wienflußwellen als Schlummerlied hereinsickerte. So versank auch ich gar bald in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich am Morgen wie gerädert erwachte. Ich hätte nicht gedacht, daß der neue Tag schon angebrochen war, denn es war ja stockfinster in dem Gewölbe. Aber der Mehlspeisxandl hatte mit lauter Stimme geschrien: »Aufstehen, Schurln, Zeit is!« und ein Streichholz angezündet. Ich war erstaunt, daß unser Kamerad wußte, wie spät es war, obwohl er keine Uhr besaß. Er deutete auf meine Frage nach oben und sagte: »Hörst net die Elektrische pumpern und dö Müliwagen scheppern?«

Ich horchte gespannt und hörte wirklich ein dumpfes gleichmäßiges Rattern, das von der Straßenbahn herrühren mochte, während das Rädergeklirr wahrscheinlich den zu Markt fahrenden Gemüse- und Milchwagen zuzuschreiben war.

Während wir unsere Stiefelfragmente so gut wie möglich an den Füßen befestigten, die zerlumpten Kleider mit der Hand abklopften und -schüttelten und uns notdürftig in dem zum Universalgeschirr erhobenen Nachttopf wuschen, teilte ein jeder seinen Plan für den kommenden Tag den Kameraden mit. Die einen wollten den Neubau eines großen Staatsgebäudes, an dem auch im Winter gearbeitet wurde, aufsuchen, vielleicht trat ein besonderer Glücksfall ein, und sie würden aufgenommen. Sonst konnte man nach Nußdorf hinauswandern und trachten, bei der Eisgewinnung einen Verdienst zu erlangen. Der Mehlspeisxandl wollte gleich mir die Anzeigen der Tagesblätter in der innern Stadt ansehen und dann um Aufnahme suchen. Nur die zwei Hansltipper sprachen kein Wort von Arbeit und der Möglichkeit, solche zu erhalten. Als ich den Alten fragte, ob er vielleicht eine Arbeitsgelegenheit wüßte, grinste er mich mit leeren Augen an und knurrte etwas von einem »Blödsinn zu arbeiten« in den Bart. Der andere, ein noch junger Mann, schien beschränkten Geistes zu sein; sie lebten beide mitten in der Großstadt wie die Wilden, jeder Tätigkeit feind, nährten sich von üblen Abfällen, hantierten in schmutzigen Höhlen und wußten nichts mehr davon, daß sie das Ebenbild Gottes sein sollten; unterschieden sich durch nichts mehr von schmutzigen Tieren als durch den aufrechten Gang und die Bekleidung, die ihnen in Fetzen am Leibe herabhing.

Im Begriff, mit Xandl unsere Schlafstätte zu verlassen, zupfte mich jemand zaghaft am Rockschoß, und zugleich hörte ich schüchtern fragen: »Bitte schön, darf ich mich Ihnen vielleicht anschließen?« Der Sprecher, dessen Hochdeutsch mich an diesem Ort seltsam anmutete, war auch in seinem Äußern nicht der typische arbeitslose Proletarier, besonders was seine Kleidung betraf. Er trug einen schwarzen Sommerüberzieher, dessen Seidenspiegel jetzt freilich zerschlissen war und der unten bedenkliche Fransen zeigte. Ein Gummistehkragen, der dicht mit Kreide bestrichen war, lugte über den Rock heraus, dichtes Haar, das seltsam wohlgepflegt aussah, hing ihm über den Nacken, wenn sich der zugeknöpfte Rock verschob, kam unter der Krawatte die nackte Brust zum Vorschein, so daß ich daraus schloß, er habe kein Hemd an. Später gestand er mir, daß ihm nicht nur dieses, sondern auch Weste und Rock fehlten – der dünne Sommerüberzieher war der einzige Schutz vor dem winterlichen Frost.

Seine Gestalt, hoch, dürr, mußte ohne Kleidung ein Skelett sein. Er hatte den ergebenen Blick des Hundes, der das Bewußtsein des Leides und die Abhängigkeit von einem schrecklichen Naturgesetz am deutlichsten von allen Tieren ausdrückt. Aber über den Augenbogen sprang eine Stirn empor, kühn, in prachtvoller Wölbung, wie ein grandioses Tempeldach, unter dem nur das Edelste, Reinste, Herrlichste und Weiseste zur Gestaltung kommen konnte.

Schwarzer Haarwuchs schnitt diese Stirn ab, an der ein winziges Näschen hing, es schien wie aufgeklebt und verlieh dem Teil des Gesichts den Ausdruck scheuer Kümmerlichkeit.

Hinter seinem Rücken machte mir der »geflickte Simmerl« mit der Hand eine reibende Bewegung auf der Stirn, um anzuzeigen, daß der Obdachlose im Überzieher geistesschwach sei. Dieser mußte es gefühlt haben, denn er lächelte traurig und sagte: »Oh, ich bin nicht närrischer als die ganze Welt; wenn alle nach meiner Art verrückt wären, müßten wir nicht alle wie hungrige Wölfe leben.«

Noch lag die Nacht wie ein Tuch über dem offenen Wienflußbett, in das aber schon der Lärm erwachten Großstadtbetriebes hereinbrauste, rauschte, klirrte und klapperte. Wir gelangten nach vorsichtigem Gekletter in den Menschenstrom einer Hauptstraße, ohne von argwöhnischen Polizeiaugen entdeckt zu werden. Unser erster Weg ging zu einem öffentlichen Auslaufbrunnen, wo wir uns mit dem eisigen Wasser den Magen füllten. Dann ging es im Laufschritt der Zeitungsstraße zu. Unterwegs verschwand auf einmal unser Begleiter, er tauchte aber bald wieder auf und entschuldigte seine Abwesenheit damit, daß er schnell in der Kirche für das Heil der sündigen Menschen gebetet hätte, über die nun bald das Strafgericht hereinbrechen würde.

Freitag ist kein guter Tag für den Anzeiger der Blätter. Auch heute fanden wir keine einzige Stelle ausgeschrieben. Der Xandl machte sich nun auf den Weg zu seiner Schwester, die Abwaschmädel war, um sie anzupumpen. Wir verabredeten uns, am Abend in einem Park zusammenzukommen, um den Weg in unser Asyl gemeinsam zu machen.

Als wir allein waren, stellte sich mir der Schwarze ganz förmlich vor: er hieß Felix Schmidt und war Kalligraph.

Wir machten gemeinsam unseren Weg vor alle jene Fabrik- und Werkstättentüren, hinter denen wir für uns Arbeit erhofften, und ich will gern von all den neuen Enttäuschungen schweigen, die uns dort geboten wurden.

Bei diesem harten Bittgang fiel mir auf, daß mein Begleiter die Anfragen immer mir überließ und stets demütig und stumm neben mir verharrte. Er schien auch nicht erzürnt, wenn man uns mit bösen Reden und Schimpfworten abwies; machte ich selber aber meiner Empörung und meinem Unmut in zornigen Worten Luft, so erhielt sein Gesicht den Ausdruck trostlosester Hilflosigkeit. Er sprach dann lange kein Wort, bewegte aber unaufhörlich die Lippen, und ich glaubte, er spreche leise Gebete. Vor mehreren Kirchen verschiedener Glaubensbekenntnisse bat er mich, einen Sprung hinein tun zu dürfen. Kam er dann wieder heraus, so lag in seinen Augen eine stille Freude, und sein ganzes Wesen wurde lebendiger und der Außenwelt mehr zugetan.

Fragen, die ich anfangs nach seiner Herkunft, Heimat und seinen Schicksalen stellte, hatte er nicht beantwortet, so daß ich es dem Zufall anheimstellen mußte, etwas Näheres über den sonderbaren Gesellen zu erfahren.

Der Mittag, den ein plötzliches Schneetreiben überstürmte, fand uns in der Tornische des Lazaristenklosters, wo wir mit etwa zwei Dutzend Leidensgenossen auf die Ausgabe der warmen Wassersuppe harrten. Als wir diese zu uns genommen hatten, liefen wir in dem weißen Unwetter der innern Stadt zu. Dort wußte mein Begleiter eine einsame Toreinfahrt, in der wir den Schneesturm vorübergehen lassen konnten. Innerlich und äußerlich vor Kälte wie erstarrt, krochen wir dort unter einen eingestellten, hochrädrigen Wagen, saßen, den Kopf gebeugt, in der Finsternis, eng aneinander gedrückt, und warteten auf die Stunde, in welcher wir mit unserm dritten Gefährten wieder zusammentreffen sollten. Keiner sprach ein Wort. Ich zündete einen Zigarettenstumpf an, mein Begleiter wies mein Angebot, ihm einen gleichen zu geben, ab.

Der Boden der uralten Hauseinfahrt war aus Holz, so daß wir nicht allzu sehr unter der Kälte zu leiden hatten. Auch gab es hier keinen Zugwind, und wir konnten die Füße mit Zeitungspapier und Holzwolle umwickeln, die sich in einer Kiste unter dem Wagen fand. Immerhin setzte uns der anwachsende Frost noch fest zu, und Zähne und Glieder klapperten gehörig. Mein Gefährte zuckte oft, wenn ihn wieder ein eisiger Strahl der Kälte traf, zusammen, aber es kam kein Wort der Klage, der Empörung über seine Lippen.

Diese vollkommene Ergebenheit, das stumme, kampflose Sichergeben in ein elendes Schicksal berührten mich unheimlich, und ich fing an, dem »geflickten Simmerl« zu glauben, daß der Kamerad geisteskrank war.

Nach einer guten Weile vermißte ich die krampfhaften Zuckungen des Körpers neben mir, nichts regte sich in dem ausgemergelten Körper. Er blieb auch ruhig, als ich ein wenig von ihm abrückte, düster, wie ertrunken in der Stille des Orts, wie versteint bis zum letzten Blutstropfen. Angst beschlich mich, und schon wollte ich unter dem Wagen hervorkriechen, um dem Reglosen von der andern Seite ins Gesicht zu sehen, als er zu reden anfing. Aber seine Stimme schien jetzt noch unheimlicher als sein Schweigen. Es klang aus dem Menschen wie aus einem Brunnen. Trotzdem konnte ich jedes Wort deutlich verstehen. Er sagte mir auf einmal du und sprach zu mir wie ein Bruder.

»Du willst wissen, wo meine Heimat ist und wer ich bin? Ich bin ein erweckter Bruder und gehe unter bösen Schlafenden einher. – Die sitzen noch im Traum des Teufels vor den Bechern und Schüsseln, die voll der süßen Sünde sind. Auch ich saß einst dort und wußte nichts von der Berufung zu Gott. Aber eines Tages ward ich erleuchtet. Eine Stimme sprach zu mir vom Heiligwerden der Welt durch die Armut. Ich stand auf und warf mich in das reinigende Feuer des Elends. Der Hunger wurde mir zur süßesten Gnade, die beißende Kälte gab mir paradiesische Freude. Ihr Verblendeten, die ihr euch nach dem Sattsein sehnt, nach warmen Stuben, und die ihr Scham empfindet über euer Bettlertum. Ihr seid der Spott auf Gottes Weisheit, der alles nackt und armselig zur Welt kommen läßt und der auch alles nackt und armselig wieder zu sich aufnimmt, um die Menschen dann des himmlischen Glanzes teilhaftig werden zu lassen. Bruder, Bruder, liebe deine Armut und dein Leiden. Das Leid ist eine Läuterung zu Gott hin. Christus ist die Menschheit; wenn sie einst auf dem Kreuz der bittersten Not liegt und den mit Galle vermischten Trank der Buße trinkt, dann ist die Erlösung da, die große Erlösung von allen Übeln. Jetzt lieben wir alle die Welt, wollen aber nicht an ihr leiden. Wenn einst der Wille und die Liebe zum Leid in uns ist, dann werden wir alle herzlich getreue Brüder und Schwestern sein. Für dieses Glück werdet arm, duldet Hunger und Kälte, schlaft auf Lumpen, werft wie ich den Teufel, euern Schmuck, eure warmen Kleider, all euren Wahn hin, dann werdet ihr in Gottes Allbarmherzigkeit eingehen. Die ewige Wanderung zu Gott wird ein Ende finden, ihr werdet ihn erreichen. Sieh, Bruder, ich bin ihm schon so nahe, denn lange fühle ich den Hauch der köstlichen Ruhe in seinem Reich, seine Engel rufen mich von allen Seiten an: »Du Demütiger, harre aus! Schon stimmen wir die Harfen und Flöten für dich!« Und ich höre sie in meine Dürftigkeit hineintönen. Oh, wie ist mein Herz glücklich, wie betet es Hingabe und Dank!«

Das letzte Wort des Menschen sank in ein tiefes Schweigen. Er saß nun wieder an meinen Rücken gelehnt stumm und reglos. Ich hörte das Blut in meinen Schläfen pochen. Wer war dieser Kamerad? Ist's ein Heiliger, ein Narr oder ein Weiser?

Ich weiß es heute noch nicht, denn ich traf ihn seit diesem Tage nie wieder.

Dröhnend verfingen sich nun eine Anzahl Turmuhrschläge in unserm Unterschlupf. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir waren ganz steif gefroren, und ich hatte das Gefühl, als müßten mir die Kniegelenke beim Gehen brechen. Der Kalligraph schlich in Bettlerdemut an meiner Seite dahin. Er sprach kein Wort, und ich hatte seit seiner Rede eine gewisse Scheu, ihn durch eine Frage zu stören. Nur, als wir auf einen Marktplatz kamen, der um diese Zeit ziemlich verödet war, schlug ich ihm vor, nun, dem Wunsche unserer Schlafgenossen gemäß, Umschau nach etwas Eßbarem zu halten. Der frühe Winterabend war schon hereingebrochen, der Schneesturm, noch immer gewaltig, blies das Licht der Gaslaternen nach allen Seiten, so daß der Platz nur notdürftig beleuchtet war. Wir suchten nun alles ab, konnten aber nicht das geringste entdecken; da stieß ich plötzlich in der Dunkelheit auf eine große Kiste: Es war ein Sammelkasten für Kehricht, und ich vermutete darinnen die gesuchten Abfälle. Wir stemmten den Deckel zurück, und ich leuchtete mit einem Zündhölzchen in das Innere, aus dem es lieblich duftete. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Innig mit Pferdemist, Papierresten, Gemüseblättern und Straßenstaub vereint, füllten halb verfaulte und gefrorene Kartoffeln, Äpfel, Zwiebeln, Kohl und Krautknollen die Kiste bis über die Hälfte. Ich suchte einiges, das mir noch halbwegs verwendbar vorkam, heraus und steckte mir damit die Taschen voll. Der Schein eines Zündhölzchens, das mein Begleiter in die Kiste hielt, spendete mir dabei Licht. Als ich die Taschen voll hatte, wechselten wir die Rollen, und der Kalligraph versenkte sich bis zur Hälfte in diesen Vorratskasten für Hungernde, Obdachlose. Ein klirrendes Geräusch und die Stimme, die hinter mir »Stehnbleibn, Fallotn, im Namen des Gesetzes!« schrie, und eine Pickelhaube, die ich im grauschwarzen Dämmer der Straße aufleuchten sah, strafften mir die Muskeln zum flüchtigen Sprung. Ich schrie noch schnell meinem Kameraden »Ziag a« zu und sauste in die entgegengesetzte Richtung davon. Die Angst, der Polizei in die Hände zu fallen und, wenn es gut ging, in das gefürchtete Werkhaus eingeliefert zu werden, peitschte mich vorwärts. Erst als ich bemerkte, daß mein Laufen bei einigen Passanten Aufsehen erregte, mäßigte ich auf den belebteren Straßen meinen Schritt und dachte über den Grund des polizeilichen Überfalls nach, dem gewiß mein Kamerad zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich hatte der Wachmann in uns Marktdiebe zu entdecken geglaubt, die sich bis zum Einbruch vollständiger Dunkelheit in der Kiste verstecken wollten.

Etwas verspätet traf ich bei dem Stelldichein den Mehlspeisxandl. Als ich ihm mein Abenteuer erzählt hatte und dabei meine Befürchtungen über das Schicksal unseres Kameraden aussprach, meinte er: »Für den brauchst ka Angst haben, den mit sein' Hieb lassens glei wieder rennen, und wanns ehrm ja eindrahn, machns ehrm nur a Freid, da kann a wenigstens gnua für unsere Sünden beten!«

Mit der gleichen Vorsicht wie am Abend vorher suchten wir nun das Freihotel »Zum goldenen Ratzen« auf, wo wir die andern Kameraden mit Ausnahme des Kalligraphen vollständig versammelt fanden. Wieder wurde geplaudert, gekocht, gegessen und dann schlafen gegangen.

Als ich am nächsten Morgen wieder umsonst nach Arbeit gesucht hatte, begab ich mich nach Ottakring, um dem Hausmeister unseres letzten Wohnhauses einen Besuch abzustatten und ihn zu fragen, ob vielleicht Post für mich eingelaufen sei. Dies war zwar nicht der Fall, dafür erzählte er mir aber, daß zwei Tage vorher ein Bursche meines Alters nach mir gefragt hätte. Er konnte nicht genug das »harbe«, fesche Wesen dieses Besuches rühmen, der ihm sogar ein Viertel Mailberger gezahlt und ein paar Zigaretten geschenkt hatte. Aus der sehr deutlichen Personbeschreibung, die mir der Hausbesorger von dem Burschen gab, entnahm ich zu meiner närrischen Freude, daß es nur mein alter Freund Ludwig sein konnte, der wieder in Wien war. Der Hausmeister gab mir einen zerknütterten Zettel, auf dem er seine Adresse aufgeschrieben hatte, und da stand – hurra!! – Ludwig Aschenbrenner und seine jetzige Wohnadresse. So rasch es nur ging, verabschiedete ich mich von dem Hausbesorger und eilte spornstreichs nach Hernals. Die Quartiersfrau, bei der mein Freund jetzt wohnte (seine Eltern waren vor nicht langer Zeit hintereinander gestorben), gab mir die Auskunft, daß ihr Zimmerherr erst am Abend nach Hause komme, aber sie wisse, wo er arbeite. Er sei als Kutscher bei einer Kartonagenfabrik angestellt. Die Sehnsucht, meinen lieben Ludwig nach so langer Trennung wiederzusehen, war so groß, daß ich auf die Klostersuppe verzichtete und noch zur Mittagszeit in der Fabrik ankam. Man wies mich auf meine Frage nach Ludwig in den Stall, und richtig: da stand mein alter, treuer Kamerad vor der Tür im schmutzigen Schnee und schraubte seinem Pferd den Dorn in den Huf. Ich rief über den Hof mit freudig zitternder Stimme: »Servus, Wickerl, grüaß di Gott!« Es riß ihn auf, und im nächsten Augenblick preßte er meine Hände in den seinen. Tränen standen ihm in den Augen, und die große Freude, mich zu sehen, zerriß ihm die Worte zu einem hilflosen Stammeln. Er ließ das Pferd Pferd sein und beeilte sich, mit mir ein kleines Gasthaus in der Nähe aufzusuchen. Vor einem mächtigen Teller voll Beuschel mit Knödeln sitzend, welcher Herrlichkeit ich heißhungrig zusprach, mußte ich ihm meine Erlebnisse seit unserer Trennung erzählen. Der Tod meiner Mutter ging ihm sehr zu Herzen.

Selbstverständlich hatte nun meine Obdachlosigkeit ein Ende. Ludwig gab mir für den Nachmittag Geld, damit ich ein Kaffeehaus aufsuchen und die Zeit bis zu seinem Arbeitsschluß in einem warmen Raum verbringen konnte. Von hier holte er mich am Abend ab, und wir begaben uns in seine kleine Kammer, die ich nun mit ihm gemeinsam bewohnen sollte.

Als wir beim freundlichen Schein der Lampe vor dem kleinen rotglühenden Öfchen saßen, lag der Inhalt meiner letzten Tage gleich bösen Träumen irgendwo im Winkel des Gedächtnisses, und ich lebte ganz der guten Stunde, die noch Freundschaft, Sattsein neben dem Gefühl der Sicherheit war. Immer und immer wieder umarmte ich die Wärme wie eine hingebungsvolle Geliebte und war unersättlich für ihre Zärtlichkeit.

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