Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfons Petzold >

Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/petzold/rauheleb/rauheleb.xml
typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100324
projectidad9ad690
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Dunkle Tage

Wir hatten wieder einmal die Wohnung gewechselt, vielleicht das zwanzigstemal seit meinem Austritt aus der Schule. Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, war zwar eine alte Kaluppe, nur zwei Stock hoch und mit Schindeln gedeckt, aber unsere Kammer befand sich dafür im ersten Stock, war geräumig und vor allem licht, weil das Fenster auf einen Holzlagerplatz hinausging. Außerdem betrug der Mietzins zwei ganze Kronen weniger, als wir für das verlassene Loch bezahlen mußten. Dies war der Hauptgrund, warum wir die Wohnung gewechselt hatten zu einer Zeit, da es der Mutter körperlich nicht zum besten ging und ich mit tiefem Kummer sah, wie sie von Tag zu Tag mehr verfiel. Kein Sitzen in der Sonne, keine noch so starke Suppe wollten ihr die verlorenen Kräfte zurückgeben.

Es war in den letzten Tagen des September. Das Wahlfieber durchschüttelte alle Glieder der gewaltigen Großstadt, denn die Landtagswahlen standen vor der Tür, und der Kampf zwischen den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Kandidaten sollte diesmal mit besonderer Erbitterung gekämpft werden. Zwei berühmte Führer der beiden Parteien standen sich gegenüber: Franz Schuhmeier kandidierte für das erledigte Mandat, auf der andern Seite stand Prinz Alois Liechtenstein. Dieser war ein sehr ernst zu nehmender Gegner, denn hatte auch Schuhmeier in der Wahl für den Reichstag gesiegt, so gab es doch für die Landtagswahl ein viel beschränkteres Wahlsystem; dazu kam die Beliebtheit des Prinzen bei den Kleinbürgern, da er in leutseligster Weise mit ihnen verkehrte.

Auch verfolgte die Polizei die sozialdemokratischen Agitatoren auf Schritt und Tritt und löste die Wahlversammlungen auf, während die Gegenpartei von all dem verschont blieb.

Im Verein der Jugendlichen Arbeiter war ich zum Schriftführer gewählt worden. Wir jungen Burschen beteiligten uns mit einem wahren Feuereifer an der Wahlarbeit, und schon seit Wochen waren wir jeden Abend im Vereinslokal zusammengekommen, wo wir unter Anleitung erprobter Kameraden ein Zettelregister aller im Bezirk wahlberechtigten Personen angelegt hatten. In den letzten Tagen der Wahl gingen wir nun paarweise von Haus zu Haus und steckten an jede Tür den Wahlaufruf unserer Partei. Als besonderes Bravourstückchen sahen wir es an, als wir uns eines Abends in den Pfarrhof schlichen und dort den Zettel mit der Inschrift: »Wählt Franz Schuhmeier« an die Türen klebten.

Am Tage der Wahl hätte ich in mir einen feigen Verräter gesehen, wäre ich nicht der Fabrik ferngeblieben, um noch auf der Straße und in den Häusern um Stimmen zu werden. Die meisten meiner jungen Vereinskollegen taten wie ich, und wir dachten nicht an die bösen Folgen, die diese politische Mitarbeit für uns haben konnte.

Wir hatten uns an dem Tage an einer Kreuzung zweier verkehrsreicher Straßen aufgestellt und verteilten riesige Stöße von Wahlaufrufen, die uns aus einem in der Nähe liegenden Agitationssaal zugeschleppt wurden. Bis zur Mittagszeit war es uns immer gelungen, den vielen Polizeiaugen zu entgehen, die an dem Tage in ganz Wien Jagd auf die sozialdemokratischen Agitatoren machten. Da, als es eben Mittag schlug und die Straßen voll von heimkehrenden Proletariern waren, faßten mich plötzlich von rückwärts zwei derbe Fäuste an; als ich mich umsah, blickte ich in das weinrote Blasengelgesicht eines Sicherheitswachmannes, der mich für verhaftet erklärte. Wäre der Anlaß dazu ein anderer gewesen, wäre ich wohl vor Angst und Scham ohnmächtig geworden. So aber schritt ich in stolzer Befriedigung wie ein Sieger durch das Menschengewühl an der Seite des schnaufenden Wachmanns. Im Polizeihause des Bezirks angelangt, wurde ich einem Polizeikommissar vorgeführt, der sich vorerst seine Fingernägel putzte, um dann sein Gesicht in drohende Falten zu legen und den Wachmann mit einem strengen Blick auf mich nach der Ursache meiner Arretierung zu fragen.

Der Wachmann gab nun ein langes und breites über mein Verbrechen an, und ein Schreiber füllte mit den Angaben zwei große Bogen Papier, was mich sehr verwunderte. Nachdem ich nun auch meine Personalien angegeben hatte, wurde ich von einem andern Polizeimann in eine Kammer gebracht, wo mehrere Personen wie Türken auf einem schiefen Holzgestell hockten. Die Tür klappte ins Schloß, ein Schlüssel knarrte verdrießlich, und ich war wegen Staatsgefährlichkeit eingesperrt.

Ich war froh, unter meinen Leidensgefährten einen Bekannten zu finden, der mir mitteilte, daß die übrigen Gefangenen ebenfalls Gesinnungsgenossen waren, die aus gleichen Anlässen hierhergebracht worden waren. Einer von ihnen, der hier Erfahrung zu haben schien, beruhigte uns Zaghaften mit der Versicherung, daß wir gewiß noch vor dem Abend wieder freigelassen würden. Die Parteileitung wisse von unserer Verhaftung und interveniere wahrscheinlich wegen unserer Freilassung. Um uns die Zeit zu vertreiben und auch hier noch unserer Sache nützlich zu sein, opferten wir unsere Notizbücher, verblätterten sie und schrieben unser »Wählt Franz Schuhmeier« und ähnliche gute Ratschläge darauf und warfen sie zu den kleinen vergitterten Fenstern hinaus. So vergingen einige Stunden, ohne daß ich die Haft allzu schwer empfand. Gegen Abend horchten wir mit immer gespannterer Aufmerksamkeit auf die Straße hinaus. Das lebhafte Wiener Volk feierte seine Wahlsiege zuerst auf der Straße durch Umzüge, und wir hofften aus dem Lärm und Stimmengewirr das Ergebnis der Wahl zu entziffern. Lange war unser Lauschen umsonst. Viele erregte Worte flatterten durch die Luft, aber bis sie unser Ohr erreichten, waren es nur mehr sinnlose Töne. Doch plötzlich war es uns, als lösten sich alle Rufe in einen einzigen Jubelschrei auf, und in gewaltigem Hall brach es herein in unsern Gefängnisraum: »Hoch Schuhmeier, Sieg, Sieg, hoch die internationale Sozialdemokratie.«

Wir fielen uns vor Freude in die Arme, küßten uns und waren nahe daran, vor Erregung zu weinen. Dann begannen wir das Lied der Arbeit zu singen, draußen mußte man uns gehört haben, denn plötzlich stimmte die Menge auf der Straße in unseren Gesang ein.

Kurze Zeit darauf knarrte die Tür des Gefängnisses, und der Wärter trat würdevoll zu uns hin:

»Bittee zum Härn Kommissär hinaufkommen.«

Dieser teilte uns mißmutig mit, daß wir aus der Haft entlassen seien, daß wir aber, wenn es nach ihm gegangen wäre, ruhig noch ein paar Stunden hätten sitzen können.

Was kümmerte uns das! Wir machten, daß wir aus dem unwirtlichen Haus hinauskamen, in dem es nach Pferden, Papier und Ratten stank.

Ich verabschiedete mich von meinen Leidensgenossen und rannte nach Hause, war ich doch voll Sorge um die Mutter, die mich zwar in der Arbeit glaubte, aber doch durch irgendeinen Zufall hätte von der Wahrheit unterrichtet werden können. Glücklicherweise war das nicht der Fall, und ich konnte unter einem Vorwand noch einmal unsere Stube verlassen und einer Siegesversammlung beiwohnen.

Ahnungslos ging ich am nächsten Tag an die Arbeit. Ich war eben im Begriff, meine Maschine in Bewegung zu setzen, als ich an das Haustelephon gerufen wurde. Ich sollte zum Direktor kommen. Ich war darüber nicht wenig erschrocken, denn eine Audienz beim Direktor stand meist mit einer Strafpredigt oder gar Entlassung in Verbindung. Die Unterredung dauerte nicht lange. Der Direktor teilte mir in kurzen Worten mit, daß ich mich wegen Teilnahme an den gestrigen Landtagswahlen als entlassen betrachten könne. Auf Kündigungsfrist hätte ich keinen Anspruch, weil ich trotz des Verbots einem sozialdemokratischen Verein angehörte. Im ersten Moment fing alles um mich herum an sich zu drehen. Ich fühlte den kranken Körper meiner Mutter sich an den meinen lehnen – fiel ich, so fiel auch er.

Knie hin – bitte den Chef um Verzeihung, gelobe deinen Austritt aus dem Verein. Jetzt vor dem Winter arbeitslos werden, heißt hungern und frieren. Denke an deine Mutter, rief es in mir.

Da ermannte ich mich. Starrheit kam in meine sich beugenden Knie, die Bitte, die mir auf der Zunge lag, blieb unausgesprochen.

Ich richtete mich auf und verließ mit einem stummen Gruß das Büro, holte mir aus der Buchhaltung das Arbeitsbuch mit dem gestempelten Zeugnis: War ehrlich und fleißig und wurde lohnbefriedigt entlassen.

Ohne mich von meinen Kameraden zu verabschieden – ich fürchtete ihre mitleidigen Blicke – huschte ich aus dem Hause. Auf der Straße durch die frische Herbstluft etwas ernüchtert, reute es mich, meinen Kollegen nicht adieu gesagt zu haben, dann aber beruhigte ich mich mit der Überlegung, daß mich ja doch kein tieferes Gefühl mit ihnen verband und ich so bald von ihnen vergessen würde, als ein neuer Arbeiter an meinen Platz käme.

Ich war schon öfter arbeitslos gewesen – nie aber hatte dieses Los so lawinenartig, so katastrophal auf mich gewirkt wie dieses Mal. Ich irrte durch die Gassen in einer Art bösem Traum befangen, ein dumpfer Schmerz war in mir und schien mich zu ersticken. In jedes Menschen Angesicht las ich den harten Vorwurf: Leichtsinniger, hast nicht an deine Mutter gedacht; Selbstsüchtiger! Schande über dich!

Das Arbeitsbuch brannte mich in meiner Tasche, und die Gedanken an den Kummer der Mutter machten mich schier wahnsinnig.

Ich irrte so bis tief in den Nachmittag planlos in den Gassen herum, bis ich endlich Mut faßte, heimzugehen und der Mutter das böse Ereignis zu verkünden.

Die Liebe, Gute zeigte aber wieder einmal, daß sie eine Arbeitermutter war, denn ohne den Ernst des Geschehenen zu verkennen, fand sie sich doch mutig mit der Tatsache ab und sprach mir selbst noch Mut zu, da ich wie ein Häufchen Unglück vor ihr saß.

Zwei Tage später traf ich auf der Suche nach Arbeit einen Kameraden, mit dem ich schon früher einmal einige Wochen in einer Reinigungsanstalt gearbeitet hatte.

Er lud mich ein, bei seinem Meister anzufragen, ob dieser keinen Fensterputzer benötigte, was jetzt im Herbst sicher der Fall war. Zu einer andern Zeit hätte ich es mir vielleicht überlegt, die schwere, gefährliche und schlecht entlohnte Arbeit als willkommene Lösung meiner verfahrenen Lage anzusehen. Jetzt aber, wo die Mutter nichts mehr verdiente und eine gute, kräftige Nahrung haben mußte, durfte ich nicht zögern, diesem Angebot Folge zu leisten. So lief ich eiligst in die Reinigungsanstalt, wo ich auch wirklich sofort mit einem Taglohn von einer Krone fünfzig Heller als Arbeiter aufgenommen wurde.

Ich hatte nun jeden Tag mit Ausnahme des Sonntags um vier Uhr früh in der Kanzlei der Reinigungsanstalt zu erscheinen, erhielt von dem Meister die Arbeitsscheine ausgefolgt, nahm die zwanzigsprossige Leiter auf die Schulter, hängte mir den Blechkübel mit dem Putzzeug um und begab mich so bewaffnet mit vier anderen Fensterputzern auf die Straße, um bei irgendeinem Kaffeehaus zu landen und die rauch- und schweißbeschmierten Fensterscheiben zu reinigen. Bis abends kletterten wir nun auf den Leitern herum, und bald hatte ich eine große Fertigkeit im Fensterputzen erlangt. Auch an den Sonntagen wurde gearbeitet, doch brauchten wir da erst um sieben Uhr zur Arbeit zu kommen. Zumeist waren es Schulen, Banken und andere öffentliche Anstalten, die an den Sonntagen gereinigt wurden. Wir kamen dann um drei Uhr nachmittags nach Hause.

Was meine neuen Arbeitskollegen betrifft, war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Sie waren politisch noch indolenter als die in der Färberei, und es war kaum einer unter ihnen, dessen Interessen über die gewöhnlichen menschlichen Bedürfnisse hinausgingen.

Meine Kollegen waren alle viel älter als ich und der Mehrzahl nach erst einige Monate in der Anstalt beschäftigt. Als ich eine Zeitlang mit ihnen gearbeitet hatte, war ich sehr froh, daß mir der Meister die Reinigung kleiner Geschäfte allein übertrug, denn meine Kollegen hatten sich als sehr roh erwiesen und ihr Umgangston war mir wenig angenehm. In den ersten Tagen hatte ich versucht, mit ihnen über ernstere Dinge zu sprechen, sie aber lachten über mich und machten mein Bestreben dadurch bald zunichte.

So war ich froh, wenn die Früharbeit in den Kaffee- und Gasthäusern, die wir gemeinsam verrichteten, vorbei war und ich mich von ihnen trennen konnte, um den übrigen Teil meiner Arbeit zu absolvieren. Den Sonntag aber, wo wir zusammen arbeiten mußten, fürchtete ich deshalb die ganze übrige Woche.

Auch körperlich mutete ich mir etwas viel zu. Die lange Arbeitszeit von zwölf, manchmal auch dreizehn und vierzehn Stunden, die schweren Lasten, die ich durch die Straßen zu tragen hatte, und das Auf- und Abschleppen der mit Wasser gefüllten Kübel war mehr, als meine schwachen Kräfte auf die Dauer ertragen konnten. An den Regentagen war es besonders unangenehm, stundenlang in den nassen Kleidern auf der Leiter herumzuklettern und von einem Ende der Stadt zum andern zu laufen. Wie sehnsüchtig spähte ich dann in die kleinen Kaffeehäuser, in denen es guten, warmen Kaffee mit Gebäck gab und wo man sich wärmen und ausruhen konnte. Mit meinem kleinen Taggeld durfte ich mir außer beim Mittagessen dieses Vergnügen nicht mehr leisten. Wieviel neue Bitterkeit zog aber auch in meine Jugend, wenn ich hungernd und fröstelnd an einer Auslagenscheibe rieb und dahinter die feinsten Sachen erblickte, die satt und warm machten, und ich stets in Gefahr war, auf den glitschigen Sprossen auszugleiten und mir Arme und Beine zu brechen.

Meine Kollegen tranken sich mit Schnaps Wärme und Vergessenheit hinein. Nach jeder erledigten Arbeit traten sie in eine der zahllosen Branntweinschenken und »stärkten« sich, so daß sie meist am Ende ihrer Tagesarbeit betrunken waren.

Die schönste Stunde des Tages war die Mittagspause, wo ich in ein kleines Kaffeehaus ging, um mein Mittagessen, bestehend aus Kaffee und Brot, einzunehmen. Ich setzte mich dann möglichst nahe dem Ofen, vertiefte mich in einen Stoß Zeitungen und genoß dabei den Duft des dampfenden Kaffees, den ich zwischendrein in bedächtigen Zügen trank.

War die schöne Stunde vorbei und ich mußte wieder an die Arbeit, so verarbeitete ich das Gelesene in mir und verglich es mit dem, was ich auf den Straßen und in den Geschäften sah, deren Fenster ich reinigte. Oft schrumpfte das Gelesene vor der Wirklichkeit zusammen und schien nur mehr ihr bleicher Schatten zu sein.

Es war gut, daß ich untertags viel sehen und wohl auch hören konnte, denn dies mußte mir ja die Vorträge im Verein, die langen Zwiegespräche mit Artur und selbst die Bücher ersetzen. Kam ich doch abends meist so müde nach Hause, daß ich nicht mehr lesen mochte – außerdem hatte ich nun auch noch die Kammer zusammenzuräumen, das Geschirr zu waschen und Holz und Kohle für den Bedarf des nächsten Tages vorzubereiten. Die Mutter war ja so gebrechlich geworden, daß sie mit Mühe das dürftige Abendbrot bereiten konnte. Ich wollte sie dann auch nicht mehr verlassen, um einem Vereinsabend beizuwohnen, war es mir ja doch schwer genug, die alte sieche Frau den ganzen Tag sich selbst überlassen zu müssen. Immer eindringlicher schlich sich die schmerzliche Ahnung in mein Bewußtsein, daß ich nicht mehr lange für dieses teure Leben sorgen durfte. Oft mitten in der Arbeit traf mich dieser böse Gedanke und machte mich tieftraurig. Noch mehr Qual bereitete es mir, wenn ich sie im Geist plötzlich in ihrer kalten Einsamkeit mit dem Tode ringen und vergebens nach mir rufen sah. Niemand hörte den Schrei nach dem Sohn, die brechenden Augen suchten vergeblich den einzigen Helfer, das geliebte Kind. Solche Vorstellungen peinigten mich oft so stark, daß ich in wahnsinniger Eile arbeitete, ohne Gürtel, um schneller weiter zu kommen, und von einem Arbeitsort zum anderen hetzend, um früher zu Hause zu sein.

Wie schwer waren auch die Trennungen am Morgen! Mit ängstlicher Sorge suchte ich an dem Glanz der Augen, in der Stimme und den Bewegungen ihre Lebenskraft zu ermessen, und es hing von der Helligkeit oder Trübe ihres Blickes ab, ob ich tagsüber halbwegs beruhigt oder von Angst gehetzt meiner Arbeit nachging.

Wie froh wäre ich gewesen, hätte ich die Straßenarbeit mit einer Tätigkeit vertauschen können, die mir mehr Zeit für die Pflege meiner Mutter gelassen hätte!

Zu der Sorge um sie kam nun auch noch die Furcht vor Erkrankung meines eigenen Körpers, der durch die gegenwärtigen Strapazen sehr geschwächt wurde. Es war ein sehr regenreicher Herbst, und tagelang kam ich nicht aus den nassen Kleidern heraus – denn sie trockneten in den paar Stunden des Nachts nicht. Mit Schaudern dachte ich an den Winter, wo diese Nässe und Kälte mir sicher Fieber und eine neuerlich erkrankte Lunge einbringen mußten.

Mit Freude begrüßten ich und ein anderer Gehilfe darum den Auftrag unseres Brotherrn, das Krankenhaus und das Kloster der barmherzigen Brüder zu reinigen, das kein weibliches Wesen betreten durfte. Denn hier gab es außer den Fenstern auch die Fußböden, Türen und Wände zu reinigen, und ich war dadurch auf Wochen hinaus von der Arbeit im Freien erlöst, die paar Frühstunden abgerechnet, wo ich mit den andern die Kaffeehausfenster putzen mußte. Im Kloster gab es außerdem ein gutes Mittag- und Abendbrot, meistens auch eine ausgiebige Jause. Freilich gehörte es auch nicht zu den angenehmsten Dingen, stundenlang an den großen Krankenhausfenstern herumzuputzen, an denen die monatelange Ausdünstung so vieler Kranker klebte, während man von fünfzig Augenpaaren voll Neid, Trauer und Sehnsucht beobachtet wurde. Es war auch nicht sehr fröhlich, den Seziersaal zu reinigen, auf dessen riesigen Tischen die sonderbarsten und unheimlichsten Dinge lagen. Als wir uns daran machten, diesen Raum zu putzen, bekamen wir Gummihandschuhe mit der Weisung, ja nicht ohne diese zu arbeiten und uns besonders vor Hautverletzungen zu hüten, da wir sonst leicht Gefahr liefen, uns mit Leichengift zu infizieren. Der Verwesungsgeruch nahm einem manchmal fast den Atem, und mein Arbeitsgenosse erklärte mir, daß Branntwein das einzige Mittel wäre, sich in solchem Falle auf der Höhe zu erhalten. Aus diesem Grunde war er auch meistens schon nach dem Mittagessen so betrunken, daß ich ihn nicht mehr auf die Leiter und in die Fensterrahmen steigen lassen konnte, fürchtend, er würde sonst abstürzen. So zog ich es auch vor, die Reinigung der Leichenkammerfenster allein zu übernehmen, sie waren für meinen Kameraden gefährlich hoch.

Neugierig betrat ich den düsteren gewölbten Raum, der zum ältesten Teil des Klosters gehörte und von mittelalterlich dicken Mauern eingerahmt war. An der Längsseite waren in drei Meter Höhe sechs kleine, mit Milchglas versehene Fenster, im Hintergrund standen einige Holzsärge, die ich aber, noch geblendet vom Außenlicht, kaum wahrnahm. Der Laienbruder fragte mich, ob er mir Gesellschaft leisten sollte, ich aber dankte ihm lachend für seine Bereitwilligkeit. Dann machte ich mich ruhig an meine Arbeit.

Als ich mit dem einen Fenster fertig war, wollte ich mich zum zweiten begeben und kehrte nun beim Heruntersteigen von der Leiter den Särgen das Gesicht zu. Plötzlich aber schien mir der Herzschlag zu stocken, eiskalt rann es mir über den Rücken: In vieren von den Särgen lagen nackte Leichen. Sie leuchteten in den dunkelbraunen Holzkästen wie Elfenbein, und das sterbende Tageslicht ließ sie mir in einer spukhaften Lebendigkeit erscheinen.

Ich zitterte am ganze Leibe, Grauen vor dem großen Unbekannten, dem Tod, zerklopfte mir die Pulse. Endlich vermochte ich es, die Augen von den Särgen fortzureißen, schleppte ich die Leiter zum nächsten Fenster und begann wie wahnsinnig zu arbeiten und alle meine Gedanken auf meine Tätigkeit zu konzentrieren. Nicht immer gelang es mir, und oft huschten sie zu den Leichen zurück. Nun mußte ich wieder hinsehn, alte Ammenmärchen fielen mir ein, Geschichten von Scheintoten; wie losgelöst von dieser Welt der Wärme, des Lichts, der vertrauten Dinge schwebte ich zu einem Ort des namenlosesten Grauens, hilflos irrsinniger Angst preisgegeben.

Der scheppernde Ton meines Kübels, der an der Leiter hing, brachte mich wieder zur Besinnung. Ich wollte nun dieser lächerlichen Furcht ernsthaft zu Leibe gehn und stieg von der Leiter herunter, auf die toten Körper zu. In der Nähe verloren sie etwas von ihrer Gespensterhaftigkeit, wurden irdischer und nahmen mir dadurch einen großen Teil meiner Angst. Je länger ich mir nun die Gestorbenen betrachtete, desto ruhiger wurde ich, und mein Denken sprang wieder in sein logisches Geleis zurück.

Die erste Leiche war die eines sehr alten Mannes. Ein schlohweißer Patriarchenbart reichte ihm bis zur Brust. Die Lider lagen so fest auf den Augen, der Mund war so zusammengepreßt, als wollte der Mann damit sagen: Ich habe übergenug gesehen, gesprochen, gehadert und jetzt nur den einen Wunsch: Ruhe, Frieden. Seine ausgemergelten Glieder und der Umstand, daß er nackt auf Sägespänen lag, kündeten mir gar deutlich, daß er ein Leidensgefährte, ein Proletarier war.

Neben ihm lag ein Mann reifen Alters, das schüttere Haupthaar war graumeliert. Das aufgedunsene Gesicht war voller Bartstoppeln, was dem Toten etwas Verwahrlostes gab; ich vermeinte noch den Alkoholgeruch zu verspüren, den diese Ärmsten der Armen, die »Hanseltipper«, auszuatmen pflegen.

Vielleicht war der Mann vor mir auf einem Misthaufen oder im Ringofen eines Ziegelwerks sterbend aufgefunden worden, denn zu seinen Füßen war kein Täfelchen mit den Personalien des Verstorbenen zu sehn wie bei den anderen Leichen. Ein Namenloser, und als solcher vielleicht einst der Träger des bittersten Arbeiterschicksals: nicht arbeiten zu dürfen und deshalb dem Trunk und tiefsten Elend zu verfallen; ein Leben zu führen, das dem der Tiere gleich ist, ohne Heim, ohne Herd, ohne Frau und Kind, bis der Tod als Erlöser erscheint und dem Namenlosen ein Bett aus Sägespänen und einen Platz im Schachtgrab schenkt.

Noch ein Toter liegt neben den beiden. Ein Knabe, noch unentwickelt, dessen jugendliche Haut ein eigenes, aufrührerisches Leuchten ausströmt: Ich war zu jung noch, wollte alt werden, wissen, was es auf dieser Erde Schönes gibt, aber ... Ein Schmerzenszug liegt um den Mund des vielleicht Fünfzehn-, Sechzehnjährigen. Hatte auch er den eisernen Druck des Proletarierschicksals verspürt? War es ein Lehrling, der vom Dach gestürzt, oder das Opfer eine Maschine? Die rechte Brustseite und der Oberarm waren noch verbunden. Vielleicht weinte auch hier eine alte verkümmerte Mutter in ihrer einsamen Kammer um den Sohn – –

Namenlose Erbitterung begann mein Herz zu stürmen, bis es in verzweiflungsvollem Zorn dieser Welt fluchte. Geboren auf Fetzen inmitten von Elend und Not – und in einem Spitalsbett gestorben, wohin er aus Barmherzigkeit von der Straße geholt wurde – furchtbares Los von Millionen.

Mich fror. Nicht mehr aus Furcht vor den Toten, die waren mir vertraute Kameraden geworden. Die bittern Gedanken hatten mich kalt gemacht.

Ich ging wieder an die Arbeit, mußte sie aber der hereinbrechenden Dunkelheit wegen bald auf den nächsten Tag verschieben.

Noch schneller als sonst eilte ich an diesem Abend nach Hause und begrüßte noch atemlos die Mutter, die ich vor unserm Wohnhaus antraf, beinahe mit einem Juchzer, so daß sie mich fragte, ob ich vielleicht schon wieder einen Terno gemacht hatte. Ich gab ihr keine Antwort, aber im dunkeln Stiegenhaus küßte ich sie lange. Sie brach darüber in Tränen aus, sprach viel von ihrem baldigen Tod und meiner künftigen Verlassenheit und beruhigte sich erst bei ihrer Schale Kaffee, während ich nur mit Mühe das Stückchen Pferdefleisch hinunterwürgen konnte, so schnürte mir die Traurigkeit die Kehle zu.

Der erste November, der Tag der Toten, war seit mehreren Wochen der erste vollständig arbeitsfreie Tag für mich. Ich war die früheren Jahre zu Allerheiligen immer mit der Mutter zu Vaters Grab gepilgert, und wir hatten auf das kleine Hügelchen einen Asternstock gestellt und ein paar farbige Kerzlein angezündet. Abends waren wir dann, wenn es das Geldsäckel erlaubte, zu einem Volkssänger gegangen, bei dem das Volk seine Toten hochleben ließ, und die Mutter brach jedesmal von neuem in Tränen aus, wenn sie das rührselige Geisterstück »Der Müller und sein Kind« zu sehen bekam. Diesmal aber fühlte sie sich zu schwach für den weiten Weg zum Zentralfriedhof, und sie bat mich, allein hinauszuwandern. So lud ich Artur, der mich gerade besuchte, ein, mit mir zu kommen. Als wir abends heimkamen, wollte ich der Mutter eine Freude machen und schlug ihr vor, mit uns zu den Volkssängern in ein nahes Gasthaus zu gehn. Ein Strahl kindlicher Freude huschte über ihr verfallenes Gesicht; mit meiner Hilfe zog sie sich an, war fröhlich und bester Dinge und wiederholte zu meiner größten Freude, wie wohl sie sich fühle. Bei den Volkssängern lachte sie Tränen über die Possen und Witze und schluchzte auch diesmal mitfühlend, wenn der schwindsüchtige Müller und der flötende Konrad auftraten. Bei jedem Fünkchen alten Frohsinns, der in ihren müden Augen aufleuchtete, durchzuckte es mich hoffnungsfreudig; sie wird wieder ganz gesund! Was machte es, daß die Verschwendung dieses Abends durch den Verzicht anderer kleiner Freuden, wie der Mittagszigarette, gebüßt werden mußte!

Einige Tage später lag meine arme Mutter im nahen Stephanie-Spital. Sie war beim Einkauf meines Abendessens von einem Fuhrwagen niedergerissen worden. Äußerlich zeigte sie beinahe keine Wunden, nur einige Hautabschürfungen. Der große Schreck aber hatte einen Nervenschock zur Folge gehabt, der bei ihrem Alter und ihrer Schwäche zu einem vollständigen Versagen ihrer letzten Lebensenergien führen konnte. Als ich sie das erstemal im Spital aufsuchte, nachdem mir der Hausmeister das Unglück mitgeteilt hatte, und ich die grauen Treppen hinaufstieg, an Kranken aller Art vorbei, bebte mein Herz vor Angst und Schmerzen. Vor der Tür des Saals, in dem sie lag, mußte ich stehenbleiben – ach hätte ich tausend Jahre hier stehen können, noch nicht wissend, was mich erwartete.

Aber ich mußte ja doch zu ihr – es schien mir ja, daß ich Jahre von ihr getrennt war. Ich hatte ihre Hilferufe nicht gehört, und nun stand ich da.

Eine Klosterfrau, die ich um die Mutter fragte, blickte mich mitleidig an, aber sie sagte: »Es geht ihr gut, sie ist ganz ruhig. Gehns nur zu ihr, sie wartet so schon auf Sie. Dort im zweiten Saal links ...«

Zaghaft klinkte ich die Tür auf. Weiße Betten, weiße Wände, weiße Geräte und dazwischen bleiche Hände, bleiche und gerötete Gesichter. Ich blickte in dem weiten Saal umher, ein junges Weib vor mir lächelte mir schmerzvoll zu. Blöde machte ich ein paar Schritte vorwärts: »Bitt schön, liegt da die Frau Petzold, die's heut überfahren habn?«

Da atmete es durch den ganzen Saal. »Alfons!« Meine Mutter hatte mich gerufen. Sie war hier und – lebte noch!

Im nächsten Augenblick beugte ich mich über sie; unsere Augen sanken ineinander, küßten sich, fragten und antworteten. Und die Mutter gab mir aus ihren Schmerzen mehr als ich ihr an Trost und Hoffnungen. Von ihrem blutlosen Körper, der so arm, so zermartert unter der dünnen Wolldecke hingestreckt lag, floß es nicht kalt und vernichtend in den meinen – ich fühlte es, jeder Nerv des Mutterleibes war sich seines Liebesgesetzes bewußt: bis zuletzt der Gebende zu sein.

Wie ängstlich war sie bemüht, mir jedes böse Zeichen in ein gutes umzutauschen! Schweiß, Fieber, Atemlosigkeit, alle Schmerzen erklärte sie mir als gute Erscheinungen. Die Beherrschung des gequälten Körpers erschütterte mich mehr, als es das lauteste Jammern getan hätte.

Als ich von ihr Abschied nahm, versprach ich, am nächsten Mittag wiederzukommen, und verließ schweren Herzens den Saal, in dem ich gern die Nacht über geblieben wäre.

Die Klosterfrau, die ich am Gang traf, fragte ich nochmals um den Zustand der Mutter »Sie wird, so Gott will, schlafen«, meinte sie. »Betens für sie.«

Mit zitternden Knien ging ich die Stiege hinunter, der Heimweg war voll Trauer und Verlassenheit für mich.

Das Krankenhaus lag wie eine schwere Last auf mir; ich trug es mit seinem Leid, seiner Trostlosigkeit durch die Gleichgültigkeit der Straßen, durch diese entsetzliche Stille der Welt wie einen Riesenstein, in dessen Mitte das Herz meiner Mutter verquarzt lag und vergebens nach Befreiung schrie.

In unserer Wohnkammer war es kalt und feucht, die Lampe fing weinerlich zu surren an, es war eine unendlich traurige Melodie.

Bei ihrem gelben, sparsamen Schein sah ich Dinge, die der Mutter gehörten; ein Umhängetuch lag auf dem Stuhl, die Hausschuhe lugten unter dem Bett hervor, die Kaffeetasse stand auf dem Tisch. Alle diese Sachen waren wie eingefroren in Verlassenheit.

Es war gut, daß ich Arbeit hatte, Holz zerkleinern und die Kammer aufräumen mußte, so hatte ich nicht Zeit, nachzudenken. Ich kochte mein Abendessen, scheuerte den Boden rein und fand tausenderlei Dinge, die ich noch verrichten konnte.

Um acht Uhr abends aber war alles geschehen – das letzte Stück Geschirr stand blinkend im Kasten, kein Stäubchen war mehr wegzuwischen. Da griff ich, aus Angst, das Gefühl der Verlassenheit könnte mich nun doch in seiner ganzen Furchtbarkeit übermannen, zu einem Buch, verbiß mich in die Lettern und zwang mich, dem Gelesenen zu folgen.

Umsonst: immer zogen die Bilder, die ich zuletzt gesehen, an mir vorbei – immer wieder tauchten die Gedanken an die Mutter, ihre Krankheit, ihren wohl bald folgenden Tod auf.

Hätte ich ein Tier gehabt, um es ans Herz zu drücken und zu streicheln! Die Stille machte mich krank. Auch draußen rührte sich nichts. Unser Haus stand im einsamsten Teil des Bezirks, die Häuser standen nur auf einer Seite der Straße. Trotzdem zog ich mich an, um draußen Menschen und Vergessen zu suchen.

In der Hauptstraße fand ich Hunderte und Hunderte von Menschen an mir vorübereilen, sie lachten und schwätzten, machten mürrische und heitere Mienen und waren alle mir und meinem Schmerz weltenfern. – Noch einsamer kam ich wieder in meine Kammer zurück, zog mich aus, um zu schlafen. Es war eine rechte Ölbergnacht, die ich nun verbrachte. Die Gespenster der Kindheit kauerten zu beiden Seiten des Bettes, setzten sich mir auf die Brust, wenn ich ein wenig eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen eilte ich zum Krankenhaus, um Einlaß bittend. Vor zehn Uhr aber war dies nicht gestattet, und ich mußte mich also mit Geduld wappnen. So ging ich in die Reinigungsanstalt, um bei meinem Brotherrn Urlaub für den Tag zu bekommen. Mürrisch gab er ihn mir mit dem Vermerk, wenn ich am nächsten Tag die Arbeit versäume, könnte ich mir mein Büchel holen.

Um zehn Uhr endlich wurde ich ins Spital eingelassen. Ich begegnete am Gang einigen Ärzten in weißen Kitteln, wagte mich sogar an einen von ihnen heran, um ihn zu fragen, ob er mir etwas über das Befinden der Mutter mitteilen konnte. Es war der Direktor der Anstalt, und er antwortete: »Petzold, überfahren? Ach ja, das ist die alte Frau, die uns gestern so ohne weiteres von der Rettungsgesellschaft auf den Hals geladen wurde. Wie es ihr geht? Na ja, alt ist sie halt schon, das ist ihre ganze Krankheit. Die paar blauen Fleck, die sie abbekommen hat, sind ja kaum der Rede wert. Sie können sie gleich wieder mitnehmen, denn sie verliegt uns hier nur den Platz. Wir sind ja hier ein Spital und keine Versorgungsanstalt. Dabei ist sie nicht einmal nach Österreich zuständig.« Damit war ich abgetan! Gott sei Dank, der Mutter ging es gut, sie konnte wieder heim! Drei Stufen auf einmal nehmend, sprang ich die Stiege hinauf. Überall flog die Fröhlichkeit vor mir her und verwand Schmerz, Sorge, Dürftigkeit. Noch zwei Schritte und ich stand vor der Mutter.

Die bitterste Enttäuschung bemächtigte sich meiner. Das Gesicht der Mutter war erschreckend abgemagert, ein Totenkopf mit gelber Haut überzogen. Die Augen waren unklar, der Blick verschwommen. Aus dem rotgestreiften Krankenhemd stachen die dürren Hände. An dem rechten Gelenk sprang ein dunkelgefärbter Hautknollen auf. Es war die Bruchnarbe, die durch den letzten Unfall wieder etwas abbekommen hatte. Der Atem kämpfte sich schwer aus der Brust.

Ich war bis ins Innerste erschüttert von diesem Anblick. Die Mutter klagte auch heute nicht, flüsterte mir aber zu, daß ihr der Direktor gesagt habe, sie müsse nach dem Essen das Spital verlassen, er benötige den Platz für eine andere Patientin.

Nachdem ich die Mutter gesehn hatte, konnte ich es nicht glauben, daß man sie entlassen wollte. Es mußte doch jeder Laie sehn, daß sie schwerkrank und nicht transportfähig war, sie würde ja kaum stehen, geschweige denn ein paar Schritte gehn können, vielleicht lag hier ein Irrtum vor; ich wollte noch einmal zum Direktor gehn und ihn fragen.

In demütigster Weise stotterte ich dort meine Besorgnisse hervor, sprach vom schlechten Aussehn der Mutter, unseren traurigen Lebensverhältnissen, schilderte die winzige Kammer mit dem einzigen Bett, die mangelhafte Verpflegung, sagte ihm, daß ich schon um vier Uhr früh aus dem Hause müsse und erst abends heimkommen könne. Ich nannte ihm den lächerlich kleinen Verdienst, der kaum für Brot, Pferdefleisch und die Miete reichte, und flehte ihn an, die Mutter wenigstens so lange zu behalten, bis ich meine, nicht in Wien lebende Schwester verständigt hätte.

»Reden Sie mir kein Loch in den Bauch«, antwortete der Direktor auf dies alles, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir hier keine Versorgungsanstalt haben. Wir haben keinen Platz für eine alte Pfründnerin, die noch dazu Ausländerin ist. Schauen Sie jetzt, daß Sie weiter kommen, und stehlen Sie mir nicht meine Zeit. Guten Tag, guten Tag!«

Ich hätte im ersten Moment dem Menschen an den Hals springen, ihn würgen, mit meinem Messer stechen mögen, so zitterte jeder Nerv in mir, nachdem er geendet hatte. Wie ich plötzlich auf die Straße kam, weiß ich nicht. Alles Blut war aus mir gewichen, ich mußte mich an der Mauer halten, um nicht umzufallen. Endlich konnte ich wieder klar denken. Was sollte nun mit der Mutter geschehen, sie mußte aus diesem Spital in ein anderes gebracht werden, wo man humaner handelte. In meiner Ratlosigkeit ging ich aufs Polizeikommissariat. Man schickte mich von einem Zimmer ins andere, die Beamten zuckten die Achseln und wußten keinen Rat. Ein Polizeiagent meinte:

»Wissens, das beste ist, Sie nehmen Ihre Mutter auf d' Straßen, lassens dort zsammenfalln und von der Rettung wieder in a Spital führn, dann hats wenigstens wieder für a paar Tag a Ruah.«

Ich rannte, ohne zu wissen warum, nach Hause. Dort stieß ich auf den Hausbesorger, der in gemächlichen Strichen das Trottoir kehrte.

Als er mich erblickte, richtete er sich auf, klopfte die Pfeife aus und fragte gemütlich: »No, wia geht's denn unsrer Frau Muatta? Hats gwiß recht arge Schmerzen, d' arme Haut? Mei Gott, wia schnell so was über an Menschen kumman kann! I hab allaweil gern plauscht mit ihr, weils gar so a gscheite Frau is und a schöns Trum Welt gsehn hat. No hoffentli is bald wieda beinand. Warum sans denn gar a so tramhappat?«

Ich erzählte ihm das Geschehene.

»A so a Viechkerl«, meinte drauf der Hausmeister, »wann i dem sei Visage amal dagleng! A so a Fallot von an Dokta.« Er blickte lange in das Loch seiner erloschenen Pfeife, hob dann mit einem Ruck seinen Kopf mit den ausgerupften Haarstellen, grinste, daß ich seinen Rachen sehen konnte, und sagte:

»Lassns Ihnan wegn den Bamschabel in Spital ka graus Haar wachsn. Mir holn uns anfach d' Frau Muatta z' Haus. Kommans nachmittag um a dreie her, nacha holn ma d' Muatta a, von dera Bazillenhüttn. Wann mans nur bis zur Tramway bringen, ham ma's scho grissn. Und wegn da Kost brauchens Ihnan net surgen, dös wird scho mei Alte richten. War net schlecht, wann ma dös net daglengatn. A Christmensch muaß in andan helfn, dös is ja selbstverständlich. Alsdann, machns nur wieda freindliche Nasenlöcha, 's is nix so haß gessen wia's kocht is. Kummans übrigens auf a Stamperl Unblachtn zu mir eina, der brennt Ihnan a neichs Lebn in d' Söl.«

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihm für seine Bereitwilligkeit dankte und mich von ihm verabschiedete. Um die bestimmte Zeit klopfte ich bei dem guten Mann an, der eben im Begriff war, sich mit einigen »Stamperln« Schnaps zu stärken, und es nur schwer gelten ließ, daß ich seiner Einladung mitzutrinken nicht Folge leisten konnte.

Die Mutter saß schon angekleidet auf dem Bett, als wir in den Saal traten, und war vor Schwäche ganz in sich zusammengesunken. Die Schwester hatte sie schon vor einer Stunde in die Kleider gezwängt und sie gezwungen, sitzend unser Erscheinen abzuwarten. Mein Begleiter war ganz außer sich. Er schrie der Pflegerin ins Gesicht:

»Sö Trutscherl, i schick Ihnan den Schinder aufi, der soll Ihnan mitnehmen zum Hund' einfangan.«

Ich hatte Mühe, den Mann zu beruhigen, der nach rechts und links seine Drohungen und Verwünschungen schleuderte und große Sehnsucht zeigte, auch dem Direktor noch seine Meinung zu sagen. Er ließ es sich schließlich nicht nehmen, den Kranken im Saal noch rasch eine Rede zu halten, in der er den Direktor mit einem Scharfrichter verglich, der von den Reichen gedungen sei, um die armen Leute umzubringen, und die in dem wilden Indianerwunsch ausklang, es möge bald einmal ein Kranker den Mut haben, ihm bei der nächsten Quälerei ein Nachtgeschirr aufzusetzen.

Die Heimkehr mit der Mutter war sehr mühselig, obwohl sie alle Energie aufbot. Der Hausmeister war voll von gütigster Fürsorge, ohne ihn hätte ich sie nie nach Hause gebracht. Er nahm sie einige Male auf den Arm und trug sie so ein Stück, bis sie wieder etwas kräftiger war.

Endlich lag sie im Bett, mehr tot als lebendig, und es dauerte lange, bis sich der arme geplagte Leib von der Aufregung erholte. Abends stellte sich zu meinem großen Schrecken Fieber ein. Ein nebliger Schleier zog sich über ihre gütigen Augen, und bald sprach ihr Mund verworren seltsame Dinge. Die Hände bewegten sich wie eigene Wesen auf der Decke herum, die Lippen wollten keine warme Suppe mehr aufnehmen. Irgendwo löste sich in dem Körper der Mutter ein grauenhaftes Röcheln los.

Als ich die Bettdecke richtete, berührten meine Hände die Füße der Kranken: sie waren eiskalt. Eiligst wärmte ich Tücher, um sie hineinzulegen. Aber sie blieben kalt und schwollen stark an.

Gegen Mitternacht schien sich der Zustand meiner Mutter so bedrohlich zu verändern, daß ich den Hausmeister voll Angst wachklopfte und ihn inständig bat, den Armendoktor zu holen. Schon fünf Minuten später hörte ich das Haustor knarren und den Hausbesorger das Haus verlassen.

Voll schmerzensvoller Ungeduld erwartete ich nun das Erscheinen des Arztes, der erst am Morgen kam. Er untersuchte die Kranke, zuckte die Achseln, und als ob es mein eigenes Todesurteil wäre, vernahm ich seine Worte: es sei nichts mehr zu helfen. Altersschwäche, Entkräftung.

Was soll ich von dem Tode meiner Mutter erzählen? Sie starb so schwer, wie es ihr Leben gewesen, und hatte nicht mehr die Kraft, mir ihr Sterben leicht zu machen; sonst hätte sie es getan und mir noch im letzten Augenblick tröstlich zugelächelt.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.