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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 7
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Wandlungen

Daß ich nach vierzehntägigem Absuchen aller erreichbaren Fabriken und Neubauten plötzlich im Winter, acht Tage vor Weihnachten, eine Arbeit fand, war wirklich ein großes Glück zu nennen, und ich mußte meiner Mutter recht geben, die, ihre Freude verbergend, meinte, den Dummen gäbe es der Herr im Schlafe.

Freilich, die Stelle war auch danach. Eine kleine Wäscherei, die sich in Hernals im dritten Stock eines baufälligen Hauses befand, hatte mich als Wasserträger aufgenommen. Meine Arbeit bestand hauptsächlich darin, von sechs Uhr früh bis sieben Uhr abends, mit Ausnahme der einstündigen Mittagspause, ununterbrochen fünf regsame Wäscherinnen mit frischem Wasser zu versorgen, das ich in einer faßähnlichen Butte von der Wasserleitung im Hofe hinauftragen mußte. Eine Tätigkeit, die keinerlei Anspruch an meine Intelligenz stellte, dafür aber ein Maß körperlicher Kraft und Ausdauer verlangte, die bei mir nicht vorhanden war. Dabei war ich nach dem ersten Aufstieg pudelnaß, da das Holzgefäß einen undichten Boden hatte und sich das Wasser bei einer kleinen unvorsichtigen Bewegung schön über meinen Rücken ergoß, was in den kalten Wintertagen nicht übermäßig angenehm und gesundheitsfördernd war. Als Lohn für meine Arbeit erhielt ich neun Kronen die Woche, und außerdem hatte ich die beruhigende Aussicht, im Frühjahr auf die Straße gesetzt zu werden, wenn die Arbeit zurückging, falls ich nicht schon früher erkrankt war.

Nun sehnte ich mich am Abend wieder mehr ins Bett als zu den Büchern hin, und wenn meine Freunde kamen, fanden sie mich meistens als Schlafenden vor, der alles Rezitieren und Theaterspielen vergessen hatte. Die Mutter wachte dann ängstlich darüber, daß ich nicht geweckt wurde, so daß die Freunde oft unverrichteter Dinge wieder abzogen. Nur die Sonntage erinnerten mich noch ein wenig an die schönen Tage des vergangenen Sommers und Herbstes. Da konnte ich mich bis Mittag ausschlafen und dadurch die bleierne Müdigkeit besiegen, die der erbittertste Feind meiner lernbegierigen und erlebnissüchtigen Seele war, konnte mich nachher auch wieder zu einem Buche hinfinden oder, wenn die Freunde kamen, mit ihnen wieder eine oder die andere Szene einer Tragödie durchnehmen.

Ich war ohnedies sonntags zum Hausarrest verurteilt, da mein Verdienst mir kaum gestattete, ein Schreibheft zu kaufen, geschweige denn ein Vergnügungslokal oder Theater zu besuchen.

Es zeigte sich nun, daß der vielgeschmähte und verkannte Heinrich der treuere von den beiden Freunden war; denn Wolfgang blieb schon den zweiten Sonntag aus, um seinem Vergnügen nachzugehen, das ich nun nicht mehr mit ihm teilen konnte, kam von da ab immer seltener, um schließlich ganz aufs Wiederkommen zu vergessen. Heinrich aber kam jede Woche zwei-, dreimal zu mir und verbrachte auch die halben Sonntagnachmittage bei mir, obwohl ich es ihm anmerkte, wie sehr er die übrige Gesellschaft vermißte.

Die Kammer, die wir nun bezogen hatten, war ein ebenerdiges, feuchtes Loch, dessen Fenster auf einen düsteren Lichthof führten, wo nur Abfall, heruntergebröckeltes Mauerwerk und manchmal eine Ratte zu sehen war. Dieser Aufenthalt im Verein mit der gedrückten Stimmung, die zumeist auf der Mutter und mir lastete, war wirklich nicht danach angetan, einen für alles Schöne und Freundliche so eingenommenen Jüngling, wie Wolfgang es war, anzuziehen, und ich konnte ihm sein Ausbleiben nicht verargen, so tief es mich auch schmerzte. Aber auch der Zwang, den Heinrich sich auferlegte, verletzte mein empfindliches Gemüt. So wurde ich auch gegen ihn immer mürrischer und behandelte ihn immer schlechter, obwohl ich mir damit ins eigene Fleisch schnitt. Er ahnte ja den Beweggrund meines Betragens nicht, und endlich kam es so weit, daß auch er nur mehr selten an unsere Tür klopfte und ich wieder einsam wurde wie das Jahr zuvor.

Nun dachte ich wieder viel an meinen fernen, von mir im Glück so treulos vergessenen Freund Ludwig und wünschte ihn mir sehnsüchtig herbei. Der war kein Dichter und wollte auch kein Künstler werden, berauschte sich nicht an schönen Worten, aber er war ein tüchtiger Mensch, der es verstand, das Leben zu nehmen, wie es kam, und der sich kein X für ein U machen ließ. Dabei war er ein Kind voll Güte, Anhänglichkeit und Gläubigkeit an das Schöne des Lebens. Aber wie weit war er fort! Sein letzter Brief von ihm war aus Bayern gekommen und unterrichtete mich davon, daß es ihm gut ging, daß er auf bestem Fuß mit den bayerischen Gendarmen lebte, die recht »lahmlacklerte Waserln« sein sollten und sich von den Walzbrüdern um den Daumen wickeln lassen. Der Brief aber war schon älteren Datums, und seit Wochen ließ er nichts mehr von sich hören. Seine Mutter, die ich besuchte, um von ihr Genaueres über den Verbleib ihres Sohnes zu erfahren, wußte nicht viel mehr als ich und zeigte mir nur eine Postanweisung auf zehn Mark, die er ihr aus Augsburg gesandt hatte. Eine genaue Adresse war darauf nicht angegeben. So konnte ich ihm nicht einmal schreiben und mein Herz ausschütten. Wäre meine Mutter nicht gewesen, ich hätte mich auf und davon gemacht, um ihn mitten im Winter in der weiten Welt zu suchen.

Trübseliger war es darum wohl noch nie bei uns gewesen als jetzt, und von dem Weihnachtsfest in diesem Jahr will ich gar nicht reden. Auch das vorjährige war durch die Krankheit der Mutter kein fröhliches gewesen, aber diesmal war es wie eine Totenfeier, und wir atmeten beide erlöst auf, als mich wieder ein simpler Wochentag zur Arbeit rief.

Wie es vorauszusehen war, klappte mein schwächlicher Körper infolge der schweren Arbeit gar bald zusammen.

Ende Januar konnte ich vor schrecklichem Seitenstechen kaum mehr bis zum Arzt kommen, der mich sofort nach Hause und ins Bett schickte. Eine Lungenentzündung war im Anzug, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf, als er abends zu uns kam und er mich nochmals untersuchte. Er war ein brummiger, aber gutmütiger Herr, der sich über unsere modrige Kammer sehr aufregte und meiner Mutter durch seine Fürsprache von der Gemeinde einige Säcke Armenholz und Kohlen verschaffte, damit ich mit meinem Schüttelfrost und dem quälenden Husten doch wenigstens in einem warmen Raum liegen konnte, wenn ich schon das Tageslicht entbehren mußte. Meine Krankenunterstützung betrug eine Krone zwanzig Heller den Tag, eine Summe, bei der man nicht schwerkrank zu sein braucht, um nicht damit auskommen zu können. Nun war für meine Mutter wieder der Tag zu kurz, um Geld und Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Da war guter Rat teuer, denn wie hätte meine Mutter arbeiten können, wenn sie gleichzeitig den hochfiebernden Sohn betreuen mußte. So suchte sie in der höchsten Not einige alte Freunde des Vaters in der Vorstadt auf, um von diesen etwas Geld zu leihen. Es war kläglich wenig, was sie nach Hause brachte.

Zum Glück sandte aber die Taufpatin zwanzig Kronen, und die Mutter konnte damit wieder einige Zeit Medizin und Krankenkost bestreiten. Langsam fing ich an besser zu werden und durfte nach vierzehn Tagen das Bett verlassen. Von einem Arbeitsuchen war natürlich vorläufig keine Rede, denn ich konnte mich kaum auf den Beinen halten und schlich mich nur müde vom Bett zum Lehnstuhl und zurück. So saß ich meist voll banger Sorge am Fenster und marterte mich mit Zweifeln ab, ob ich wohl bald wieder gesund und eine Arbeit bekommen werde. Wie glücklich war ich deshalb, als der Arzt mir erlaubte, täglich bei schönem Wetter wieder ein paar Stunden draußen im Freien zu verbringen! Und wie schön war es, in der ersten Frühlingssonne im Park sitzen zu können, inmitten von knospenden Sträuchern und von spielenden Kindern umgeben. Ich mußte immerfort daran denken, wie schön es wäre, oft hier sitzen zu dürfen und an nichts anderes zu denken als an die flötende Amsel und die ersten Blüten der Kastanienbäume.

Wären nicht die Sorgen um Zins und das tägliche Brot gewesen, ich hätte mich in diesen Tagen der Rekonvaleszenz sehr glücklich gefühlt, vielleicht so glücklich wie noch nie in meinem Leben.

So aber stand plötzlich in den seligsten Momenten der Hingabe an Sonne und Natur die Frage vor mir auf: Was werden wir die nächste Woche beginnen? Weißt du nicht, daß der erste März nahe ist, wo ihr zwölf Kronen auf den Tisch des Hausherrn legen müßt, der kein Erbarmen mit seinen Mietern kennt? Und dann glaubst du wohl, die Fabrikbesitzer und andern Arbeitgeber warten nur so auf dich Nichtskönner; du wirst dir den Riemen bald enger zusammenziehen müssen und vielleicht den Herrgott um warme Nächte bitten, wenn ihr einmal im Freien kampieren müßt.

Mit der alten Mutter vielleicht ohne Dach über dem Kopf? Ins allererbärmlichste Elend hinausgeprügelt wie räudige Hunde? Diese entsetzliche Vorstellung schob alle anderen Gedanken beiseite, nebelte die Sonne ein, verwandelte die spielenden Kinder vor mir in fratzenhafte, mich höhnende Scheusale und jagte Eiswasser durch meine Adern, Glut in meine Schläfen, daß ich meinte, wieder vom Fieber erfaßt zu sein.

Kam ich zum Arzt, was jeden zweiten Tag geschah, so war meine erste Frage: Darf ich schon arbeiten? Aber ich fühlte nur zu gut, daß ich nicht imstande wäre, einen Ziegel zu halten; der Arzt wollte auch nichts davon wissen und meinte, in vier Wochen könnten wir wieder davon reden, bis dahin sollte ich mich noch tüchtig pflegen, fleißig in der Sonne sitzen und gut essen.

Als ich nun eines Tages wieder müde und traurig nach Hause zurückkehrte, erzählte mir die Mutter, sie hätte mit dem Volkssängerdirektor Hornig gesprochen, der ein guter Bekannter des Vaters gewesen und seinerzeit, wie ich mich selbst erinnerte, mit seiner Gesellschaft urdrollige Komödien und Lieder aufgeführt und gesungen hätte. Sie hätten auch über mich gesprochen, und als er hörte, daß ich manchmal Gedichte schriebe, fragte er die Mutter, warum ich nicht Couplets und Possen für die Volkssänger schriebe. Damit könnte ich Geld verdienen. Ich sollte es doch einmal versuchen und ihm dann die Sache geben.

In der folgenden Nacht konnte ich kein Auge schließen, der Vorschlag des Volkssängers spukte mir fortwährend im Kopf herum.

Anfänglich sträubte sich mein dichterischer Stolz dagegen, für die »Bablatschen« zu schreiben, dann aber erinnerte ich mich, daß ja auch Ferdinand Raimund und Nestroy es getan und doch über ihre Vaterstadt hinaus berühmte Dichter geworden seien. Ich konnte es ja versuchen! Gelang es mir nicht, erfuhr kein Mensch von meiner Selbsterniedrigung, gelang es, so war die Aussicht, ein beliebter Volksdichter zu werden wie Wisberg, Hornig, Lorenz, Schmitter, deren Lieder von jung und alt, arm und reich gesungen wurden, auch nicht zu verachten, abgesehen davon, daß es uns Geld bringen würde, was vorläufig ja die Hauptsache war.

Schon halb im Traum summte ich die Anfangsstrophe eines Couplets vor mich hin.

Am nächsten Morgen, als die Mutter einkaufen ging und ich allein zu Hause war, setzte ich mich hin und reimte das erste Erzeugnis, das ich der Volksmuse opferte, in ein Schulrechenheft. Sein Titel war: »Die Wichs ist gut«, und ich lehnte mich mit diesem »Lied« selbstverständlich an den so beliebten Inhalt und die Form der Wiener Sprechcouplets an, von denen ich eine Menge auswendig wußte.

Die erste Strophe lautete:

Ich ging einmal für mich spazieren,
Da kam ein Gigerl herstolziert
Mit dünnem Bart und gschoppte Wadln,
Halt ganz erbärmlich installiert.

Die Haar hat er sich schwarz angstrichen,
So wie man's mit den Stiefeln tut,
Ich bin ihm eiligst nachgeschlichen:
Sie, hab die Ehr, die Wichs is gut!

Dieses wunderschöne Lied bestand aus sechs Strophen und hatte als Refrain die zwei letzten Zeilen, was gleichzeitig die Pointe sein sollte.

Ich schrieb es nun fein säuberlich auf einen Bogen Kanzleipapier und schlich mich, als meine Ausgangsstunde kam, in die Wohnung des Volkssängerleiters. Der berühmte Brettlkomiker, der nur auf dem Podium zu erscheinen und eins seiner Gesichter zu schneiden brauchte, um beim Publikum die stürmischste Heiterkeit hervorzurufen, saß mit einer wahren Leichenbittermiene vor dem gutbesetzten Mittagstisch; vor ihm seine Frau, die in seiner Gesellschaft als beliebte Soubrette auftrat und in deutsch-böhmischen Duoszenen große Erfolge hatte.

Ich mußte an ihrer Seite Platz nehmen und bekam ein riesiges Stück Apfelstrudel vorgesetzt, dem ich trotz meiner Schüchternheit eifrig zusprach.

Nachdem sich die Frau entfernt hatte, schob sich der Dichter von »Jessas, der fahrt a am Radl«, »Das kleine Glöckerl« und vieler anderer berühmter Wiener Lieder eine lange Kaffeehauspfeife in den breiten, fast zahnlosen Mund und buchstabierte sich durch meine Verse, während ich atemlos und mit ängstlich klopfendem Herzen sein Urteil erwartete.

Nach einer für mich endlosen Zeit kitzelte er sich mit dem Pfeifenspitz bedächtig an der Nase, schnaubte gewaltig und sagte in tiefstem Schusterbaß:

»Is gar net so übel, Ihna Coupleterl. A Schlager is freili net und a bisserl zammgstutzt gherts a, und a aktuölle Strofn muaß a eini. No dös war i schon machen. Wanns mit fünf Gulden zfrieden san, könnans es glei da lassn, daß mei Schwiegavatter, der alte Wanthaler, a Musi dazua machn kann!«

Ich schwankte gleich einem Betrunkenen nach Hause, aber diesmal war nicht ein Fieberanfall daran schuld, sondern das Glücksgefühl über meinen ersten materiellen Erfolg als Dichter, der mich ganz irr im Kopf machte.

Die Mutter wollte es kaum glauben, daß ich gleich mit meinem ersten Versuch so gut angekommen wäre, und erst die fünf Kronen in meiner Hand belehrten sie eines Besseren.

Was lag näher, als daß ich nun auf Leben und Tod Couplettexte schrieb? Aber als ich einige Tage später ein ganzes Heft voll Herrn Hornig vorlegte, fand er bei keinem das Zeug zu einem Publikumserfolg und behielt von dem halben Dutzend nur eines zurück, von dem er aber auch meinte, er müsse, es vollständig umarbeiten und könne mir nur drei Gulden dafür geben.

»Büldns Ihnan nur net ein, daß's Coupletschreiben so leicht is, wia Zwetschkenknödel essen! Do muaß ma net allani an Spiritus habn, sondern a a Nasn zwegn an Aktuölln, was so an an Tag in da Luft liegt. Sö müaßn d' höchere Politik verstehn, wia da Luega, und dös so gschickt, daß kan wehtuat, denan Leutln vursingan. Freili werdns do net drei Liadln in an Tag schreibn kennan; alls braucht sei guate Zeit. I schreib oft in ana Wochn nur a Couplet. Ma derf d' Leut net verwöhnan! Sans net bös und kommans bald wieda! Servas!«

Meine Empfindlichkeit als Dichter hatte an dieser abweisenden Lehre tüchtig hinunterzuwürgen, doch hatte ich so viel Einsehen, nachdem die erste Enttäuschung vorüber war, meinem Liedermeister recht zu geben. Und dann: das beste Pflaster waren die drei Kronen, die gerade für vierzehn Tage Zins reichten.

Da es mir mit dem Atem besser ging und ich an das längere Aufbleiben schon ziemlich gewöhnt war, flanierte ich jetzt viel in den Straßen herum, studierte Menschen und Volkstypen und kaufte mir auch jeden Tag die Vierhellerausgabe der »Österreichischen Volkszeitung«, in der ich besonders den politischen Teil mit großer Aufmerksamkeit las. Damals machten die Jungtschechen im Parlament eine Obstruktion, die wegen der Mittel, mit denen sie geführt wurde, allenthalben viel Aufsehen und bei den deutschen Wienern große Entrüstung hervorrief. Über diese heillosen Krawalle und Pfeiferlkonzerte, die die Not des Volkes nicht im geringsten hinderte, schrieb ich nun ein Couplet, das den Titel trug: »Das is ihnen egal«.

Vater Hornig, dem ich es sofort mit Zittern und Zagen vorlegte, las es einmal, zweimal und noch einmal durch. Ich fürchtete schon wieder durchgefallen zu sein, als der Meister aufsprang, mit wehendem Schlafrock in die Küche lief und seine Frau mit den Worten hereinholte: »Alte, kumm eina, jetztn hörst a feins Sacherl! Dös muaß am nextn Sunntag glesn werdn.« Und mit einem Schwung sondersgleichen deklamierte er vor seiner Frau und einem Mitglied seiner Gesellschaft, das inzwischen gekommen war, meine fünf Strophen. Als er fertig war, wischte er sich den Mund ab und schrie mich begeistert an:

»Schackerl, Schackerl, mit dem Couplet hastn Hahn beim Löffl derwischt!« Dann zog er seine Brieftasche hervor und gab mir zwanzig Kronen. Ich sah sie ungläubig an und meinte, Herr Hornig mache einen Spaß mit mir; als ich aber darüber klar wurde, daß er mir mein Lied um den hohen Betrag abgekauft hatte, konnte ich es kaum erwarten, mich von dem so freigebigen Direktor zu verabschieden und zur Tür hinauszukommen, damit ich meine Mutter von dem neuen Erfolg verständigen konnte.

Unten auf der Straße, auf der alles glücklich zu lachen schien, wurde ich von dem jungen Volkssänger eingeholt, den ich bei Hornig getroffen hatte. Er war mir eiligst nachgefolgt und bat mich in einigen phrasenhaften Lobesworten über mein Couplet, ihn in die Volkssängerbörse zu begleiten. Gerade um diese Stunde seien dort viel Volkssänger und Direktoren zu treffen, mit denen ich wegen Verkaufs meiner Liedertexte unbedingt bekannt werden müßte.

Mir war durch das mir so hoch scheinende Honorar, das ich noch immer krampfhaft in meiner Hand hielt, ohnehin etwas der Kamm geschwollen, und ich begann schon zu glauben, mein Entdecker, Herr Hornig, benachteilige mich zu seinen Gunsten und lasse auch nur deshalb die meisten meiner Lieder nicht gelten, um nicht zugeben zu müssen, daß ich ebensoviel könne wie er. Mein Begleiter mußte aber wohl diesen Hochmut in mir ahnen, denn er blies mir fortwährend ein, daß ich nach seiner Meinung eigentlich bessere Texte schriebe als die anderen Coupletdichter und daß die Volkssänger froh sein würden, von mir neue Sachen für ihr Programm zu bekommen.

Ich willigte darum ein, noch heute mit ihm das Kaffee zu besuchen, in dem die Volkssängerbörse ihren Sitz hatte. Auf dem Weg dahin machte ich noch einen Sprung zur Mutter und händigte ihr die zwanzig Kronen ein, währenddem ich ihr kurz über meinen Erfolg und die Aussicht auf die neuen, noch größeren berichtete, die mir der pathetische Künstler vorgegaukelt hatte.

Die ewig vorsichtige Mutter warnte mich zwar davor und riet mir ab, wieder so einem Theaterwindbeutel Gehör zu schenken, der am hellichten Tage geschminkt herumlief; sie hatte ihn nämlich vor dem Haustor wartend durchs Fenster gesehen. Ich aber lachte sie wegen ihres Mißtrauens aus, sah mich schon als berühmten Volksdichter, dessen Werke von allen Volkssängern gesungen werden.

Der Verein der Wiener Volkssänger, Zwölferbund geheißen, war eine Art Fachorganisation, aber nach der verkümmerten Weise der alten Zünfte geleitet, und befand sich damals in einem Altwiener Kaffeehause, das mit seinen Spiegelscheiben wehmütig und voller Todesahnung in die neue Welt guckte.

Den dicken Filzvorhang beiseiteschiebend, der die Eingangstür auch jetzt im Frühjahr so dicht verschloß, daß kein frischer Luftzug in das Lokal dringen konnte, mußte ich mir mit den Augen mühsam Bahn durch den dicken Tabaknebel brechen. Als mir das gelungen war, nicht ohne Tränen in den Augen und ein Kratzen und Husten im Halse, könnte ich von einem Tischchen in einer Nische eine Versammlung von Menschen betrachten, die in ihrem Wesen und in ihrer Kleidung sehr von dem abstachen, was zu sehen ich bisher gewöhnt war. Beinahe sämtliche Gäste sprachen sich untereinander laut und ungeniert mit du an, schimpften über alles mögliche nach Herzenslust und machten Witze, über die mir die Schamröte ins Gesicht stieg, während die übrigen aber harmlos und kindlich darüber lachen konnten. Die männlichen Mitglieder dieser Gesellschaft trugen zumeist großkarierte Hosen, grellfarbige Westen und tief niederhängende Gehröcke und waren mit wenigen Ausnahmen glatt rasiert. Die Damen aber trachteten ihre Zugehörigkeit zum Artistenberufe durch geschminkte Wangen, kühne Frisuren und tief ausgeschnittene Kleider zu bezeigen. Diese sahen übrigens so aus, als hätten sie einst in schöneren Räumen geglänzt, als es dieses Kaffeehaus war, obwohl sie in der Nähe schon recht defekt schienen.

An fünf, sechs Tischen wurde fleißig Tarock gespielt, und auch die drei Billards waren in Tätigkeit. Dominosteine klapperten, und überall spielten die Frauen mit, die auch nebenbei rauchten wie die Männer.

Der junge Komiker, er hieß Eckhart, bestellte bei dem Marqueur eine Flasche Bier und sagte sehr nonchalant:

»Schreiben Sie's zu dem andern, übermorgen bekomme ich meine Gage.«

An dem mißmutigen und zaudernden Gesicht des Kellners sah ich, daß dies wohl nur eine schöne Redensart war und der Marqueur wenig daran glaubte. Um als neuer Gast nun nicht von erborgtem Bier trinken zu müssen, bedeutete ich dem Kellner leise, daß ich die Flasche bezahlen werde, was ihn veranlaßte, eiligst abzuziehen, um das Gewünschte zu bringen.

Eckhart gab mir nun Auskunft über die verschiedenen Größen, zeigte mir den faßrunden Karl Spazek, den nicht weniger wohlgenährten Guschelbauer, den rothaarigen Seidel, die Kiesel-Marie, Luise Montag, den vierundachtzigjährigen Kwapil, der noch mit Matras, Nestroy und Scholz auf den Brettern gestanden und der nun hier jeden Tag um vier Uhr eine »gselchte Blunzen« und zwei Krügel Lagerbier zum Jausenbrot einnahm, dann bis sieben Uhr Carambol spielte und schließlich von acht bis zwölf Uhr nachts mit seiner Gesellschaft in irgendeinem Vorortgasthaus auftrat.

Ich konnte mich natürlich nicht sattsehen an diesen »Stars« der Volksmuse, deren Namen der Ottakringer und Hernalser Jugend geläufiger waren als die der deutschen Klassiker. Ich wollte jede ihrer Bewegungen sehen, dem Sinn ihrer Rede folgen und in ihren Gesichtern das Geniale finden, das ich in meiner Bewunderung in sie hineindachte. Ich kam dabei aber nicht auf meine Kosten. Die berühmten Komiker machten verdrossene, die populären Charakterdarsteller dagegen oft recht einfältige Gesichter, und die Sängerinnen, die mit ihren Liedern halb Wien »wurlet« machten, saßen mit Köchinnenmienen an den Spieltischen, krähten zu ihrem Kartenspiel das Solo oder Pagat, oder hockten gar strickend hinter einer illustrierten Zeitung und einer riesigen Kaffeeschale. Nur die jugendlichen Soubretten, von denen die meisten unter einem französischen Namen, abends vor dem Publikum erschienen, hier aber meist Ungarisch, Tschechisch und Lerchenfelderisch sprachen, brachten schon durch ihr Benehmen das gewollt Zigeunerhafte, Leichtlebige und allen bürgerlichen Gewohnheiten Entgegengesetzte ihres Standes mehr oder weniger zur Darstellung. Eckhart, der unter diesen »Künstlerinnen« und ihren Partnern viele Bekannte hatte, rief einige von ihnen an unseren Tisch, um mich ihnen als Liederdichter vorzustellen. Vor der stutzerischen Eleganz der einen wie vor der künstlerisch vernachlässigten Kleidung der anderen schämte ich mich nicht wenig meiner dürftigen Proletarierkleider; auch meine Tölpelhaftigkeit, mit der ich kaum drei Worte zur allgemeinen Unterhaltung beitragen konnte und die mir auf jede Frage nur ein Ja oder Nein eingab, bedrückte mich arg, und ich kam mir wie ein Schulbub vor. Trostreich waren nur die Aufträge auf Couplets, die ich von allen Seiten bekam. Freilich wollte keiner von ihnen das eine Lied erwerben, das ich bei mir hatte, ja nicht einmal lesen wollten sie es. Als ich es ihnen dann zum Schluß selbst vorlas, lobten sie es zwar über alle Maßen, aber sie zogen sich dennoch unter allen möglichen Vorwänden eiligst von mir zurück.

Ich sah darin nichts Besonderes und war über das feine und doch so freie und liebenswürdige Benehmen meiner neuen Bekannten ganz entzückt.

Mein fester Entschluß war, ihnen in allen Äußerlichkeiten nachzueifern, besonders was die Kleidung betrifft.

Freilich, dazu gehörte Geld, und um dieses zu bekommen, mußte ich viel verdienen. Doch daran konnte es ja nicht fehlen! Bestellungen hatte ich ja, jetzt hieß es, diese nur ausführen.

Im Schweiß meines Angesichts quetschte ich noch am gleichen Abend zwei neue Couplets zusammen, denen am nächsten Vormittag noch ein drittes folgte.

Indes ich meine Mutter in dem Glauben ließ, ich unternähme meinen gewöhnlichen Spaziergang, eilte ich ins Volkssängerkaffee, die drei neuen Texte in der Tasche. Dort traf ich schon Herrn Eckhart, der mir nach einer langen Rede mitteilte, sein schäbiger Direktor hätte auch gestern abend die Gage noch nicht bezahlt, und es wäre ihm sehr angenehm, wenn ich heute seine Zeche noch mitbezahlen wollte, morgen bekäme ich gewiß alles zurück. Es seien übrigens nur zwei Kronen ungefähr zu bezahlen. Während ich mit nobler Miene erklärte, daß mir dies das größte Vergnügen bereite, überdachte ich im stillen ängstlich, ob mein magerer Geldbeutel diese große Ausgabe auch ertragen werde. Jedenfalls war's dann lange aus mit dem Kaffeehaus – doch nein, ich würde ja für meine drei Liedertexte eine Menge Geld einnehmen, da war diese Schuldübernahme nicht so tragisch. Jedes Geschäft hat auch seine Spesen, und ohne Herrn Eckhart wäre ich nie hierher gekommen und hätte ich nie die Aufträge der Gesangskomiker erhalten.

Die ließen heute schrecklich lange auf sich warten. Ich wurde schon ungeduldig, denn es ging schon auf drei Uhr, und um diese Zeit sollte ich nach ärztlicher Vorschrift wieder zu Hause sein. Als ich endlich einen von ihnen erblickte, konnte ich es kaum erwarten, daß er seinen Zylinderhut, den lichten Modeüberzieher und den Stock mit dem Beinknopf abgelegt hatte. Nun da er sich setzte, überwand ich alle Scheu, stand auf, kam zu ihm hin und stotterte etwas von dem bestellten Text, den ich heute schon übergeben könne. Er schaute mich mit seinen trüben, umschminkten Augen überrascht an, dann, als käme ihm langsam die Erinnerung, säuselte er: »Ach so, ja richtig, das Couplet! Hm, hm, ein bißl schnell fertig worden ist es. Wissens, mein Lieber, ich kann's erst in zwei Wochen brauchen, und dann muß ich ja vorher den Direktor fragen, ob ich singen darf! Lassens mir halt das Lied da. Wir werden uns schon wieder einmal treffen, dann sag ich Ihnen, ob mir das Liedl paßt und ob ich's nehmen kann.«

Ich stand da wie ein begossener Pudel und bemerkte kaum, wie sich der Volkssänger mit einem kurzen Gruß von mir wandte und mit einer Kollegin hinter den Säulen verschwand.

Gerade von diesem Couplet hatte ich gehofft, daß es mir seines aktuellen Inhalts wegen ein schönes Honorar eintragen würde. Nun diese Enttäuschung! Aber es sollte noch besser kommen.

Ich war noch von dem eben Erlebten ganz benommen, als sich jemand neben mich stellte, mir auf die Achsel tippte und mich anschnarrte:

»Schamster Diener, Herr Grillparzer Nummer zwei, habens meine Gsangln mitbracht?«

Ich erkannte in der langen Latte, die sich in dem viel zu weiten Gehrock halb über mich beugte, einen der Volkssänger, die gestern bei uns gesessen und mich aufgefordert hatten, ihnen Lieder zu schreiben.

Hocherfreut reichte ich ihm die Couplets. Er nahm sie, lehnte sich an den Kleiderständer neben meinem Tisch und fing an, die Manuskripte zu lesen, und das so laut, daß die nebenan Sitzenden darauf aufmerksam wurden und zuhörten. Nach jeder Strophe holte er geräuschvoll Atem und machte eine abfällige Bemerkung wie:

»Na, der Witz is schon gut seine tausend Jahr alt«, oder:

»Da müßt man ja a Gas kitzeln, daß s' lacht.«

»Dös hat ka Goethe gschriebn, aber a Böhm dicht'!«

Ich glaubte vor Scham versinken zu müssen. Einige Male wollte ich dem langen Kerl die Blätter aus der Hand reißen, aber er hielt sie dann so hoch, daß ich sie nicht erreichen konnte. Auch erhob er bei jedem meiner Versuche seine Stimme, daß ich vor Angst, er könnte alle Gäste zu Zeugen meiner Demütigung machen, es aufgab, seine Kritik zu unterbrechen.

Endlich hatte er den letzten Vers gelesen. Mit einer komisch-feierlichen Verbeugung überreichte er mir die unglücklichen Texte, indes er salbungsvoll deklamierte:

»Sie sind ein Dichter unter den Dichtern wie die Schusterkerze unter den Lichtern und wie das Popoderl unter den Gesichtern!«

Vernichtet drückte ich mich in meine Nische und wünschte mich tausend Meilen von diesem Kaffeehaus weg. Wie recht hatte doch meine Mutter, als sie mich vor diesen Windbeuteln und Tagedieben warnte. Da hörte ich neben mir eine freundliche Meckerstimme sagen:

»Na machens Ihnen nix draus, junger Herr Kollega, gar so damisch blöd sein die Couplets nicht, wie das Skelettgigerl sie macht! Lassens mich's noch einmal durchlesen!« Und vom Nebentisch her lächelte mich ein winziges, dickes Männchen mit einem greisenhaften Gesicht gutmütig und vertraulich an. Während er die Lieder vor sich hin brummte und mit den kurzen Füßchen wie zu einer Melodie im Takt an die Sesselbeine schlug, betrachtete ich den Zwerg, in dem ich den unter dem Namen Nigowitz in Wien bekannten Volkssänger erkannte. Er war der Führer einer kleinen Gesellschaft, die mit dem Klavierspieler nur fünf Mitglieder zählte, im Gegensatz zu den meisten anderen Truppen, die meist aus sieben bis zehn Damen und Herren bestanden und mit Musikclowns, Serpentinentänzerinnen, Schwert- und Feuerschluckern ihr Programm bereicherten, indes der alte Coupletgesang, das urwüchsige Eigentum der Wiener, vernachlässigt wurde. Sie brachten auch schon einaktige Operetten auf die Bühne, welche nicht mehr aus einem Podium bestand mit abgetretenem Teppich darauf, sondern den pompösen Bühnenaufbau eines intimen Theaters nachzuahmen suchte. Was Wunder, daß die Nachfolger der berühmten Volkssänger nur mehr wenig Ähnlichkeit mit ihren Vorgängern hatten. Die derbkomische Gestalt des Wiener Hanswurst verbunden mit dem wehmütig philosophischen Humor des lieben Augustin nahm sich neben der schnodderigen Eleganz des Komikernachwuchses, der die Pariser Zote auf dem Weg über Berlin auf das Wiener Brettl brachte, seltsam unzeitgemäß aus. Und nicht anders war's mit der Sängerin, von der man nicht mehr verlangte, daß sie eine »fesche, resche, harbe Godl« sei, die ohne viel Gesang und Notenkenntnisse ihr Stephansdom- und Donaustromlied hinausschmetterte, sondern die nun die neuesten Operettenschlager auf das neueste kopieren und einen Toilettenluxus aufweisen mußte, der jeder Theaterdiva Ehre gemacht hätte.

Der Nigowitz war nun noch ein Volkssänger aus der alten Schule, und so war sein Name und der seiner kleinen Gesellschaft nur mehr an den Fenstern und Türen kleiner Vorstadtgasthäuser zu lesen, deren Gäste noch Sinn und Liebe für diesen aussterbenden Wiener Humor hatten.

»Mit Verlaub und nix für ungut, wenn ich Ihnen die Aussicht versitz!«

Mit diesen Worten kletterte er von seinem Stuhl herunter und auf einen, der mir gegenüber stand, hinauf. Nachdem er seine Virginiazigarre umständlich angezündet hatte, überreichte er mir die zusammengefalteten Lieder, setzte mitten in seine feiste Miene eine nachdenkliche Falte und meinte bedächtig:

»Gar so übel seins gar nicht Ihre Couplets, da gibt's schon noch an ärgern Schund, der jetzt gsungen wird, und wo die Leut wie narrisch lachen. Aber Wissens, Ihnere Sachen fehlt's Dalkerte; Ihnere Text schaun so aus wia die Volkssänger von heutzutag: a kleins Köpferl, magere Hendelfüß und in der Mitten statt an ordentlichen Bauch, über den's Publikum net ausm Lachen kommen derf, a paar Rippen von an Mieder eingschnürt, daß das ganze Manderl ka Luft kriegt. Weniger gscheit sei, liebs Freunderl, dafür a bisserl mehr blödeln, nacha werns Ihnere Sachn scho anbringen. Aber auf viel Musi dürfens Ihnen net gfaßt machen. Die Backhendlzeit is für uns Volkssänger vorbei. Jetzt müaß ma scho froh sein, wenn's uns a Beinfleisch tragt und mir überhaupt was z' beißen habn. Viel Geld für neue Couplets habn da halt die wenigsten von uns übrig. Noch ender für a Possn oder a dramatisches Lebensbild. Da sein d' Leut wia verrückt drauf. Schreibens so was und bringens es dann her, i wer halt schaun, was sich machen laßt. Und no an gutn Rat, junger Mann! Schauns Ihnan beizeiten um an anders Gschäft um, denn wie gsagt: Aus is, gar is mit uns, und wenn i nit gar so a Hascherl wär, lieber heut als morgen möcht i der Pablatschen Pfüat die Gott sagen und wegn meiner Zeitungen austragen. Nix für ungut, 's is gut gmeint, und wanns an Rat brauchen, i bin jeden Tag um vier Uhr da. Servas!«

Er stieß mir zur Bekräftigung des Gesagten noch kräftig mit dem Finger an die Brust und pendelte einer Gruppe von Kartenspielern zu.

Es war für mich höchste Zeit geworden, heimzueilen. So suchte ich mein bißchen Geld zusammen, das gerade langte, um meine und Eckharts Zeche zu bezahlen, der an einem Nebentisch Domino spielte und mir leicht zunickte, als ich das Kaffeehaus verließ.

Zwei Tage lang schaute ich weder Papier noch Feder an. Des kleinen Volkssängers Urteil und Geständnis über das Elend seines Standes hatte mir jede Lust dazu genommen.

Bald aber fing ich an, die Sache wieder ruhiger zu betrachten, und sagte mir vor allem, daß ich ja Liederschreiben nicht als ausschließlichen Beruf ansehen müßte. Wenn der Doktor mich für so weit hergestellt erklärte, daß ich wieder eine leichte Arbeit übernehmen konnte, wollte ich mir eine solche suchen; bis dahin aber versäumte ich nichts mit meinem Geschreibsel. Im Gegenteil, es brachte mir doch hier und da einen unverhofften Verdienst und half mir die Langeweile zu überwinden, die mich sonst häufig überkam.

Mich erinnernd an den Rat des Nigowitz, begann ich eine Posse zu schreiben. Ich weiß heute nicht mehr, was das Sujet meines ersten Bühnenwerkes war, aber ich glaube mich zu erinnern, daß darin allerlei Verwicklungen vorkamen und daß ich es an einem Tag niederschrieb.

Als ich damit fertig war, steckte ich das Manuskript in die Tischlade und begann gleich eifrig ein zweites Stück zu schreiben, das heißt, diesmal sollte es mehr ein Lebensbild werden, ein Einakter, der die Heimkehr eines Zuchthäuslers vorstellte. Ich vollendete es in zwei Tagen und war darauf recht stolz. Daß der Meister Anton aus Hebbels Magdalenendrama und der Sekretär Wurm aus »Kabale und Liebe« unter anderen Namen herumspukten, focht mich wenig an. Am meisten Freude machte mir darin ein Tischlergeselle, der sich für ein verborgenes Schauspielergenie hält. Er tritt als guter Geist auf, der die Unternehmungen eines bösen Gemeindevorstehers bekämpft, und führt, als Tod verkleidet, alles zu einem guten Ende.

Mein ungetreuer ehemaliger Freund Wolfgang stand mir Modell zu diesem edlen und dabei doch so schlauen Leimbruder. Er stellt sich mit folgenden Worten dem Publikum vor, während er mit ekstatischer Bewegung den Hobel schwingt:

Nun ist das prosaische Tagwerk vollbracht,
Und über die Werkstatt sinkt die Nacht,
Jedoch in mir geht jetzt erst auf
Die poetische Sonne in strahlendem Lauf.
Ich spür's in den Adern und in den Poren,
An mir ging sicher ein Lewinsky verloren.
Ich spür auf dem Mund noch den heißen Kuß,
Den mir einst gegeben der Genius.
Ein Tischlergeselle bin ich jetzt zwar,
Doch wette ich, daß in ein paar Jahr
Ich den Sonnenthal in der Burg überrag,
Den Kainz mit meinem Ruhm erschlag.
Ja, ja, ein Schauspieler muß ich werden,
Das ist mein einziges Ziel auf Erden, usw. usw.

Das dicke Heft mit den zwei Blitzerzeugnissen meiner dramatischen Begabung in der Rocktasche, begab ich mich mit Hangen und Bangen ins Volkssängerkaffeehaus, um dort Herrn Nigowitz zu treffen. Er war schon dort und legte gleich, als er mich erblickte, das Extrablatt aus der Hand und winkte mir grüßend zu. Nun machte ich noch einmal jene Zustände ängstlicher Erwartung durch, als mein kleiner Direktor das Heft in die Hand nahm und zu lesen begann. Um meine Aufregung zu verbergen, vertiefte ich mich scheinbar in einen Stoß illustrierter Zeitungen, folgte aber trotzdem fieberhaft jeder Bewegung des Lesenden neben mir, der selbst gar keine Eile zeigte, vielmehr alle fünf Minuten das Heft beiseitelegte, um eine Prise zu nehmen und deren Erfolg abzuwarten.

Endlich bogen seine bamstigen Finger die letzte Seite um. Gleich darauf schlug er das Heft zu und klatschte damit wie erregt auf die Marmorplatte. Dann sprudelte er hervor:

»Die Possen heißt nix. Die ist wie ein Koschernot, keins kennt sich drin aus. Aber das Lebensbild ist nicht übel und wird die Leut gfalln. Schad, daß ich selber z' wenig Leut zum Spielen hab, aber ich werd's ein' Spezi von mir gebn, dem Blümel Rudi, der hat eine große Gsellschaft und kann solchene Stück spieln. Wartns a Momenterl, er sitzt eh dahintn und preferanzt. I werd ihn glei holen!«

Nicht lange dauerte es, und er kam mit einem etwa dreißigjährigen Herrn zurück, der sehr elegant, wohl nach der letzten Mode, gekleidet war und einen wohlgepflegten Schnurrbart in seinem etwas verlebten Gesicht trug. Er begrüßte mich herablassend und fragte mich mit einer verschleierten, faulen Stimme, ob ich ihm das Lebensbild, von dem ihm Nigowitz in der Eile erzählt hatte, zur Aufführung überlassen wolle und mit einem Honorar von zehn Kronen zufrieden wäre. Die Zeiten wären für die Volkssänger schlecht, und das Publikum wolle alle drei Tage ein neues Programm, so daß er mit bestem Willen nicht mehr zahlen könne. Übrigens würde er mit solchen Stücken überlaufen, alles schreibe jetzt für die Volkssänger, vom Schusterbuben bis zum Magistratsbeamten.

Zehn Kronen!

Das war verflucht wenig, wo ich doch schon für ein Couplet zwanzig Kronen bekommen hatte. Sollte ich nein sagen und mich unverrichteter Sache nach Hause trollen? Es waren eben doch zehn Kronen, für die man allerhand notwendige und nahrhafte Dinge zu kaufen erhielte. Und was ich bis jetzt von der allgemeinen materiellen Lage der Volkssänger erfahren hatte, war nicht dazu angetan, in mir die Hoffnung auf eine bessere Honorierung meiner Arbeit zu erwecken.

So willigte ich denn ein und wurde von Herrn Blümel eingeladen, der Erstaufführung des Lebensbildes beizuwohnen, die im großen Saale der Zobelschen Bierhalle auf dem Lerchenfelder Gürtel stattfinden sollte.

Einige Tage später – ich saß schon wieder über einem neuen Possenstoff – kam der Sohn des Direktors Hornig, ein vierzehnjähriger Handelsschüler, zu uns, um mich zu bitten, so bald wie möglich zu seinem Vater zu kommen.

Da ich eben im Begriff war, auszugehen, begleitete ich den Jüngling und traf den Vater Hornig eben bei der Fütterung seiner Finken, Stare, Nachtigallen und aller möglichen anderen Vögel an die in grünen Käfigen an der Wand hingen.

»Das is gscheit, daß S' glei mitkommen san«, begrüßte er mich und schlug mir mit seinem Pfeifenrohr väterlich auf die Schultern. »Wissns, mei Schwiegervater wird in a paar Wochn siebzig Jahr, und a Weil drauf werdn's vierzig Jahr, daß er als Klavierspieler und Komponist bekannt is. Den alten Manderl geht's recht schlecht. Unlängst hat 'n a Schlagerl gstreift, weil a net rechtzeiti auf d' Seitn gsprungen is. Jetztn liegt er halt den ganzn liabn Tag aufn Kanapee und denkt an seine bessern Zeiten. Und jetzt möcht i ihm gern a rechte Freud machen und a Fest veranstalten, wo alle seine Kollegen zu seiner Ehr auftreten, und da hab i mir denkt, damit a was Ernstes aufs Tapet kummt, könntn Sie auftreten und was Schöns deklamiern. Wiar i Ihnan kenn, werns scho was am Lager ham! Also wollns mittuan?«

Obzwar ich momentan nicht recht wußte, was von meinen geheimen Dichtungen für diesen Abend zur Rezitation passen würde, gab ich kühn meine Zusage, worüber Herr Hornig große Freude zeigte und mir die schmeichelnde Versicherung gab, mein Name käme auf dem Programm in besonders fetter Schrift zu stehen.

In bester Laune lud er mich auch gleich ein, an einem Couplet mitzuarbeiten, das für den Komiker Waldemar im Colosseum bestimmt war.

Während er am Klavier Platz nahm, setzte ich mich an ein Fenster, und als er seine vier Strophen auf dem Papier hatte, hatte auch ich zwei zustande gebracht, die dem Meister sehr gefielen. Er gab mir für meine Mitarbeit vier Kronen und einen herrlichen Jausenkaffee mit einem großen Stück Gugelhupf als Draufgabe.

Das Couplet brachte Waldemar unter dem Titel »Drei Prozent« zu einem großen Erfolg, dessen materielle und künstlerische Ehren Herr Hornig natürlich allein einheimste.

Am nächsten Tage ging's wieder ins Volkssängerkaffee. Veranlassung dazu war die Krone, die ich mir von meinem am Vortage erdichteten Honorar behalten hatte. Auch zog mich als halbes Wiener Kind die Kaffeehausatmosphäre an. Gibt es doch in Wien für jedermann ein Kaffeehaus. Für den Millionär die Paläste in der Stadt und für den armen Schlucker die Stube, wo er für seine letzten achtzehn Heller eine große Schale »Kaffee mit Haut« bekommt und wo er ungestört einige Stunden ausruhn und Zeitung lesen darf.

Bei der hübschen Kassiererin stand plaudernd Direktor Blümel. Als er mich erblickte, winkte er mich nachlässig zu sich heran, gab mir gnädig die Hand und teilte mir mit, daß ihm die Erscheinung des Todes in meinem Stück Kopfzerbrechen bereite. Deswegen möchte er mir das Lebensbild, das ihm sonst sehr gefiele, zum Umarbeiten zurückgeben.

Das war mir ein rechter Strich durch die Rechnung. War doch das Ganze auf die Erscheinung des Todes aufgebaut und tat ich mir auch gerade auf diesen Einfall viel zugute!

Was tun? So viel ich auch sann und grübelte, mir wollte kein Ausweg einfallen. Da brachte mir wie gerufen der Feuermacher in der Kaffeehausküche die ersehnte Lösung des Problems, als er nämlich ein Streichholz an seiner Hose reibend zum Brennen brachte. Das bleiche Glimmen, das im Dunkeln für einige Sekunden auf der Hose geleuchtet hatte, mußte für meinen Sensenmann ausgenutzt werden. Sein Darsteller sollte sich die Glieder fest mit schwarzem Stoff einbandagieren und dann mußte ihm das Knochengerüst mit Phosphor darauf gezeichnet werden. Auf der verfinsterten Bühne würde dann sein Erscheinen von großer und schauriger Wirkung sein.

Begeistert teilte ich Herrn Blümel meine Idee mit, dem sie nach und nach einzuleuchten begann. Ich war über mein neuentdecktes Regisseurtalent so befriedigt, daß ich Freund Eckhart auch heute das Bier bezahlte, wofür er mir ewige Freundschaft schwor und versprach, mir seinen Gehrock für den Abend zu leihen.

Einige Tage später brachte mir die Post eine Anzahl von Programmen des Festabends. Unter einer Menge klangvoller Volkssängernamen las ich mit freudigem Stolze: Schriftsteller Alfons Petzold, Rezitation eigener Dichtungen.

Wenn ich nur bis zum Festabend, der in acht Tagen sein sollte, so weit hergestellt war, daß mir die Teilnahme nicht schadete. Glücklich war ich drum, als mich der Arzt bei der nächsten Untersuchung für gesund erklärte. Ich bekam auch die Erlaubnis, mir wieder eine Arbeit zu suchen, nur sollte ich mich eher für eine Stelle bewerben, bei der ich mehr in frischer Luft sein konnte, wie die eines Laufburschen, Geschäftsdieners oder Gartenarbeiters. Meine Lunge sei viel zu schwach, um eine anstrengende Tätigkeit in einem geschlossenen Raum auszuhalten.

Das war leicht gesagt! Als ob es so viele Stellen zum Aussuchen gäbe! Mußte man doch so froh sein, überhaupt Arbeit zu finden!

So war ich bald voll Angst vor der Zukunft, bald voll Freude über meine Mitwirkung an dem Festabend für den alten gelähmten Wanthaler und die baldige Aufführung des »Lebensbildes«.

Das Kaffeehaus, das Dichten und Bücherlesen mußte auf jeden Fall jetzt beiseitegeschoben werden und das Suchen nach einer Stelle an ihren Platz treten. Wieder lief ich jeden Morgen zu den Aushängetafeln der Tageszeitungen, um die Rubrik Offene Stellen eifrigst zu studieren. Dann ging's von Fabrik zu Fabrik, von einem Neubau zum andern, mit der ewigen Frage: »Bitt schön, brauchens kein' Hilfsarbeiter?« Und dann wieder dieses enttäuschte Heimkehren voll Hunger und in Furcht vor dem fragenden Sorgengesicht der Mutter.

Bald klopfte wieder die nackte Not an unsere Tür. An dem Abend, wo die Gesellschaft des Direktors Blümel mein kleines Stück aufführte, hatte ich keinen Heller, um es mir bei einem Glas Bier ansehn zu können. Trotzdem wollte ich dabeisein, und so schlich ich mich zur festgesetzten Stunde in den Gasthausgarten, wo es mir, durch die Finsternis begünstigt und auf einem Sessel stehend, gelang, durch ein Fenster den Saal bis zur Bühne zu übersehen.

Es war ein Samstagabend, und der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Es waren meist bessere Arbeiter mit ihren Mädchen, aber auch kleine Beamten- und Handwerkerfamilien saßen um die weißgedeckten Tische und ließen sich bei den Jodlern einer falschen Tiroler Sängerin, den Gliederverrenkungen eines »Schlangenmenschen« und den Couplets eines Girardi-Imitators Bier, Wein und Braten mit Salat gut schmecken.

Endlich war der große Augenblick gekommen, wo mein Stück beginnen sollte. Selbst durch das Glas spürte ich die Spannung, die sich des Publikums bemächtigt hatte, als der abtretende Komiker das neue Lebensbild: »Heimkehr des Zuchthäuslers« von Alfons Petzold ankündigte.

Nach einer Zehnminutenpause, die mir eine Ewigkeit schien, konnte ich ein schrilles Läuten vernehmen. Ich schloß, von innerer Erregung erfaßt, die Augen, und als ich sie wiederaufmachte, stand schon mein Tischlermeister in blankem Schurz an der Hobelbank und sprach seinen Monolog. Obwohl ich kein Wort verstand, glaubte ich doch jedes in mein Gehör aufzunehmen. Meine Augen hatten sich an den Vorgängen auf der Bühne festgesogen. Ich atmete nur mehr mit den Menschen dort oben, die von mir erschaffene Wesen waren.

Als die Szene mit dem Tode über alle Maßen gut gelang, hätte ich beinahe vor Begeisterung das Glas eingedrückt. Ein rasender Beifallssturm durchtobte den Saal, das Spiel war zu Ende.

Während in dem Saal das Klappern der Eßbestecke und Trinkgläser aufs neue begann und der Direktor sich zum Klavierspieler an die große Trommel setzte, um einen Marsch zu begleiten, schlich sich der hungrige Dichter so heimlich fort, wie er gekommen war, und merkte erst jetzt, daß es zu regnen angefangen hatte und er bis auf die Haut naß war.

Am Montag darauf erhielt ich in einer großen Appreturanstalt und Färberei eine Stelle als Hilfsarbeiter. Ich hatte dem Heizhaus Kohle zuzufahren und bekam dort das erstemal einen großen Maschinenbetrieb zu Gesicht. Fünfhundert Arbeiter waren hier beschäftigt, und in sechs gewaltigen Feuerlöchern war Tag und Nacht die Glut zu erhalten. Wenn ich nun abends um sieben Uhr meinem Kollegen die Kohlenschaufel übergab, sah ich wie ein Schornsteinfeger aus, und weder Wasser noch Seife und Bürste vermochten mich wieder rein zu machen. Meistens rieb und scheuerte ich dann zu Hause eine Stunde lang an mir herum und legte mich hierauf zu Bett. Meine neue Arbeit saugte ja tagsüber alle Kraft aus meinem ohnedies geschwächten Körper, und ich hatte hernach keine Lust mehr, zu schreiben oder zu lesen, geschweige denn einen Spaziergang zu machen, obwohl draußen nun wunderbarer Frühling erblüht war.

Nur an den Sonntagen raffte ich mich ein wenig auf und versuchte meine Gedanken in Versen aufs Papier zu bringen. Schon am ersten Sonntag nach meinem Eintritt in die Färberei saß ich an meinem Fenster, um ein umfangreiches Gedicht zu vollenden, mit dem ich auf dem Ehrenabend des alten Wanthalers debütieren sollte und von dessen Wirkung ich mir viel versprach. Ich behandelte darin eine Arbeitertragödie, die damals viel von sich sprechen machte; in den Karwiner Kohlenbergwerken war durch Bergrutschungen Wasser eingedrungen, und viele Arbeiter fanden darin den Tod. Mich hatte dieses Arbeiterschicksal tief ergriffen, und ich mußte Tag und Nacht daran denken. Bei jeder Schaufel Kohle, die ich dem Ofen zuführte, sah ich jene Helden vor mir, die der Menschheit bei ihrer schweren, lichtlosen Arbeit so große Opfer bringen, immer die schlagenden Wetter oder auf sie einstürmende Gewässer vor Augen. Nachts erlebte ich mit ihnen den schwersten Todeskampf, und oft sprang ich dann aus dem Bett, um das, was ich über dieses grausenhafte Geschehnis fühlte, in Worte zu kleiden.

Ich stand damals dem Stoff vollkommen tendenzlos gegenüber, und die tieferen Ursachen der Tragödie waren mir fremd, auch sprachlich konnte ich die Aufgabe kaum bewältigen, sah aber trotzdem mein Erzeugnis als großes Kunstwerk an. Vater Hornig, dem meine Mutter eine Abschrift des Gedichts gebracht hatte, ließ mir sagen, die Dichtung gefalle ihm ausnehmend gut und ich möchte nur recht pünktlich zum Festabend kommen.

Dieser war am darauffolgenden Samstag, und ich war schon Tage vorher von einer fieberhaften Aufregung ergriffen. In der Fabrik trug mir meine Zerfahrenheit einige Rügen ein, denn ich verwechselte fortwährend Braunkohle und Schwarzkohle und stand auch oft wie entgeistert mit der Schaufel vor dem Ofenloch.

An dem Abend selbst spürte ich nach der Arbeit keinerlei Müdigkeit. So schnell mich meine Füße tragen konnten, eilte ich nach Hause, wo die Mutter schon ein großes Schaff mit heißem Wasser und eine Reibbürste bereit hatte, womit ich vorerst den Körper für die Festtoilette geeignet machte. Die ganze Woche war schon am Essen gespart worden, damit ich nun einen neuen, ganz modernen Hemdkragen und eine blendendweiße Pikeekrawatte anziehn durfte. Großes Kopfzerbrechen bereiteten uns nun aber die Schuhe. Denn von den zwei Paaren, die in meinem Besitz waren, war das eine zerrissener als das andere. So wurde schließlich das eine, immerhin um etwas bessere Paar mit einer dicken Schicht von Stiefelschmiere bedeckt und dann mit Schuhlack überstrichen – sie glänzten nun herrlich, und wir waren beide recht stolz darauf. Die alten, unendlich langen Manschetten des Vaters schlotterten anfangs fürchterlich um meine mageren Gelenke. Aber auch da verengten sie zwei Messerstiche zu ihren Gunsten, und die Mutter heftete sie außerdem noch an die Hemdärmel, so daß sie mir nicht mehr bis zu den Fingerspitzen herunterrutschen konnten. Weste und Gehrock waren mir ziemlich weit und lang, aber die Mutter wußte so lange daran herumzurichten, bis alles saß.

Meine fünf Flaumhaare an der Oberlippe machten das Rasieren überflüssig, sie waren dünn und blond und nicht leicht sichtbar.

Nachdem so mein Äußeres zu unser beider Zufriedenheit verschönt war, machten wir uns schon eine Stunde vor Beginn auf den Weg ins Gasthaus »Zum General Laudon«, wo das Fest abgehalten werden sollte.

Während die Mutter sich auf ihren Platz begab, verschwand ich höchst wichtig in der Garderobe und mußte dabei an jene Ehrfurcht denken, die ich vor ein paar Jahren vor diesem Raum im Simmeringer Gasthaus gespürt hatte, als ich, der Pikkolo, dahinter die Erfüllung aller Sehnsucht, eine Märchenwelt, vermutete.

Einstweilen war hier noch alles in größter Ordnung. Vater Hornig war mit dem Zählen des Wechselgeldes für die Abendkasse beschäftigt, wobei ihm seine Frau behilflich war. Auf einer riesigen Kleiderkiste hockten Eckhart und der Konzertsänger, der wie ein Kommis aussah, und spielten Karten. Fräulein Kathi Dengler, das »Lercherl von Hernals«, stand vor einem Stehspiegel und putzte sich mit einem weißen Lappen die Zähne blank. Ich begrüßte die Anwesenden und gesellte mich dann zu den Kartenspielern, nicht wissend, was ich in meiner Schüchternheit sonst tun könnte. Langsam stellten sich die Größen des Brettls ein, die ihre Mitwirkung zugesagt hatten. Josephine Schmer, die unter dem Namen »der weibliche Fürst« stets in Männerkleidung auftrat und ihre Lieder mit einem prächtigen Bierbaß sang, dann der Stegreifsänger Ungrad, der, zwerghaft verwachsen, eine Berühmtheit der Heurigenschenken bildete. Der faßähnliche Guschelbauer zwängte sich mit einem »Grüaß euch Good, alle miteinander, alle miteinander, grüaß euch Good« keuchend durch die Tür, und ihm folgte mit einer Leichenbittermiene der dürre Bassist Franz Schmitter, der Löwes Balladen ebenso schön sang wie das damals berühmte Lied seines jung verstorbenen Bruders: »Karl Schmitter, Privatier«. Da klapperte mit seinen Storchbeinen und einem vollkommen rasierten Kopfe der »Mann mit den tausend Köpfen« Jansky herein und gab dem Tierstimmenimitator Busch, einem Riesen mit dichtem Schnauzbart, die Klinke in die Hand, während Direktor Seidl Mayr, einer der beliebtesten Komiker Wiens, hinter ihm hereinhuschte.

Ich blickte durch eine Spalte in den hellerleuchteten Saal hinaus. Dieser war schon dicht besetzt, und noch immer strömten die Kunstliebhaber der Vorstadt herein, um ihre Lieblinge einmal vollzählig auf der Bühne zu sehen. Ein Klavier gab in Begleitung zweier Geigen und einer großen Trommel einen feierlichen Marsch zum besten, dann kündigte die Frau Direktor den Beginn des Festabends an. Die Gesellschaft Hornig, zwei Damen und vier Herren, sang ihr Entreelied, und das dankbare und nicht allzu verwöhnte Publikum gab sowohl ihnen wie sämtlichen darauffolgenden Künstlern donnernden Applaus. Gefiel ein Lied oder eine Strophe besonders gut, so wurde so lange geschrien und gestampft, bis der geschmeichelte Sänger wiederholte, und besonders den alten Guschelbauer wollten die begeisterten Zuhörer nicht mehr von der Bühne herunter lassen; die letzte Strophe seines berühmten Couplets »Weil i an alter Drahra bin« mußte er viermal singen.

Da ich erst in der zweiten Hälfte des Abends aufzutreten hatte, war ich unterdessen meinen berühmten Kollegen beim Umziehen behilflich, und ich schämte mich nicht wenig, als ich bemerkte, daß sich auch die Damen ungeniert vor mir an- und auszogen, ihre herrlichen Haartrachten abnahmen und kunstvoll die Falten in ihren Gesichtern verschmierten und überpuderten. Nach der großen Pause wechselte ich mit Eckhart die Hose, und ich hatte eben meine Haare geordnet, als ein schrilles Glockenzeichen ertönte und Frau Hornig mich hinausschob. Es überlief mich heiß und kalt, als ich die Hunderte von neugierigen Augen auf mir ruhen fühlte, und meine Hände zitterten und krampften sich um das Manuskript. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre davongelaufen – das Lampenfieber hatte mich tüchtig erfaßt.

Nun mußte ich aber beginnen. Zagend las ich die ersten Zeilen, und erst als das Publikum »Lauter, lauter!« schrie, kam es verständlicher von meinen Lippen. Bald hatte ich auch die große Scheu verloren, und als ich mein Gedicht »Wasser im Schacht« beendigt hatte, belohnte das Publikum meine Leistung mit einem tosenden Beifall. Ich hörte Ausrufe wie: »Dös is fei gwest«, »Bravo, Petzold«, und »Bitt schö, a bißl was drauf gebn!«, und als diese Rufe immer zahlreicher wurden, deklamierte ich noch ein kleines Gedicht, das in holprigen Versen eine rührselige Liebesgeschichte erzählte und mir beinahe noch mehr Beifall einbrachte als die Ballade.

In der Garderobe beglückwünschte mich alles zu meinem Erfolg, nur der alte Guschelbauer, der eben seine Lackschuhe mit einem Paar Straßenfilzschuhe vertauschte, meinte wehmütig:

»Freunderln, nöt lang wird's mehr dauern, und d' Leut werdn kein Kreuzer mehr für unser Gsangl geben. Jetztn wollns scho Gedicht hörn wia in Burgtheater, heiliger Matras, schau nöt abi auf uns, daß d' di net giftn muaßt!«

Die Mutter, die über den Erfolg ihres Sohnes glückselig und stolz war, erzählte mir auf dem Heimweg, daß ein Mann an ihrem Tisch zu einem anderen gesagt hätte: ich sei ein Steirer wie der Rosegger und schriebe auch solche Geschichten wie dieser. Wir lachten nun beide herzlich über die mangelhaften Literaturkenntnisse dieses Mannes.

Es war an diesem Abend das erste- und letztemal gewesen, daß ich bei den Volkssängern aufgetreten war, und auch Couplets und Possen schrieb ich keine mehr, da sich für die vorhandenen schon keine Käufer finden wollten. So kehrte ich diesem Zweig der Dichtkunst den Rücken, obwohl er mir zu dem ersten materiellen und ideellen Erfolg verholfen hatte.

Vierzehn Tage lang trug ich nun die Kohlen ins Heizhaus, bis ich an eine andere Stelle in der Fabrik berufen wurde. Man hatte mir die Bedienung eines großen Kalanders im Prägesaal zugewiesen, wobei eine große Verantwortung auf mir lag.

Auf dem Kalander wurden zumeist Stoffe wie Seide, Atlasse und Baumwollsamte mit einer Prägung versehen. Die Maschine strebte neben anderen wie ein eiserner Turm drei Meter hoch empor, ein Transmissionsapparat setzte sie in Bewegung. Unter dem hallenähnlichen Raum, einem Bau aus Eisen und Beton, erstreckten sich weitläufige Kellerräume, in denen auf Stellagen die Messing- und Papierwalzen mit den eingravierten Mustern, Hunderte an der Zahl und jede fünfzig bis zweihundert Kilo schwer, hingen. Sie wurden durch Aufzüge in den Prägeraum befördert und dort mit Hilfe von Flaschenzügen in die Maschinen gehoben. Die Bedienung dieses Apparats war nicht nur eine sehr schwere, sie erforderte auch von dem Arbeiter eine ununterbrochene Aufmerksamkeit, die er teils dem Gange der Maschinen, teils dem durch die erhitzten Walzen laufenden Stoff zuwenden mußte. Die Arbeit begann um sieben Uhr früh und endigte um sechs Uhr abends, mittags eine Stunde Pause ausgenommen.

Mein Wochenlohn betrug aber vierzehn Kronen weniger der Summe, die ich an die Kranken- und Unfallkasse zu zahlen hatte, also mehr, als ich jemals vorher bekommen hatte. Ich war darum sehr zufrieden und peinlich bestrebt, mir nichts zuschulden kommen zu lassen.

Monatelang ging ich nun den Trott, den Millionen von Brüdern und Schwestern mit mir schritten, schaute nicht links und nicht rechts und fragte nicht, ob dieses langsame Zermürben meines Körpers wirklich der ganze Sinn meines Lebens sei. Wie ein durch die Gewohnheit gegen seine Leiden abgestumpfter Gaul schritt ich gesenkten Kopfes weiter – und war froh, eine, wenn auch mager gefüllte Futterkrippe vor mir zu wissen. Des Morgens auf zehn Stunden vor die Maschine, abends nach einem kargen Nachtmahl ins Bett, wo ich nach ein paar Seiten Lektüre in einen todesähnlichen Schlaf fiel. An Sonn- und Feiertagen dem Körper auf dem alten Sofa den Luxus der Faulheit gönnend, um abends mit der Mutter einen kleinen Gasthausgarten zu besuchen, wo es billiges Bier und Würstel mit Kren gab. So verbrachte ich einen Sommer, den mir niemand zurückgeben kann.

Als der Herbst kam, sollte es anders werden. Ich hatte auf dem täglichen Weg in die Fabrik einen jungen Metalldreher kennengelernt, der in meinem Alter stand und der in der Nähe meines Arbeitsortes in einer Lüsterfabrik beschäftigt war. Wir fanden bald Gefallen aneinander. Besonders sein tiefer Ernst und die Ruhe, mit der er alles besprach, sagten mir zu, und so schlug ich ihm vor, unser Zusammensein nicht auf die kurze Zeit zu beschränken, die wir auf unserm Weg zur Arbeit beisammen waren, sondern uns auch nach Schluß der Arbeit und vor allem sonntags zu treffen. Er war zu meiner großen Freude gleich einverstanden und holte mich nun beinahe jeden Tag, da er eine halbe Stunde früher Arbeitsschluß hatte als ich, von der Färberei ab, begleitete mich nach Hause und wartete dort, bis ich gegessen hatte. Dann ging ich wieder mit ihm, um den Abend bei ihm zu verbringen.

Seine Eltern, eingewanderte polnische Juden, waren meiner oberflächlichen Meinung nach ziemlich wohlhabende Leute. Der Vater betrieb auf einer Hauptstraße in Ottakring ein Friseurgeschäft, das gut ging. Sie bewohnten über dem Geschäftslokal eine hübsche kleine Wohnung im ersten Stock, deren Fenster auf die Straße gingen. Artur Kellermann, so hieß mein neuer Bekannter, der bald ein treuer Freund werden sollte, hatte noch zwei jüngere Brüder, derbknochige, ernste Burschen, die gleich ihm Metallarbeiter waren. Diese arbeitsame Judenfamilie zerstörte in mir den Glauben, die Juden scheuten die körperliche Sehwerarbeit und seien nur für den Handel geeignet, wofür Artur und seine Angehörigen nicht die geringste Begabung zeigten. Überhaupt konnte sich mein Antisemitismus auf die Dauer im Verkehr mit dieser Judenfamilie nicht behaupten. Die Leute plagten sich von früh bis spät so wie ich und meine Mutter; ihre Arbeit, besonders die der drei Brüder, war nicht leichter als die meine; nie hörte ich sie über ihre Nebenmenschen schimpfen, im Gegenteil, ich wußte, daß nie ein Bettler von ihnen zurückgewiesen wurde; selbst in ihrem Äußern hatten sie wenig typisch Jüdisches, und die vielberüchtigte Mundschlauheit vermißte ich ganz an ihnen. Warum hätte ich sie meiden sollen? ... Ich kann die Menschen zählen, die mich in meinem Leben so freundlich behandelt haben wie diese Juden all die Jahre hindurch.

Sie hatten gewiß nicht allzu viel zu verschenken, aber immer fand ich einen Platz ah ihrem Tisch. Hätte ich später, als mich die Not aufs äußerste bedrängte und ich nahe daran war, in ihrem Sumpf zu ersticken, meinen Stolz überwunden und ihnen meine Lage erklärt; sie hätten das Letzte mit mir geteilt und meine Sorgen zu den ihrigen gemacht.

Unter dem Einfluß meines neuen Freundes fing ich wieder an, auch für andere Dinge Interesse zu hegen als nur für Arbeit und Schlaf. Ich bezwang meine Müdigkeit, um die Abende mit ihm verbringen zu können. War das Wetter schön, so gingen wir in den Straßen spazieren, schauten uns die schönen Bücher in den Auslagen an oder stolperten auch verliebt und schüchtern einem hübschen Fabriksmädel nach, wobei wir aber meist recht erschraken, wenn uns dieses bemerkte. Wir nahmen dann wohl gar Reißaus und renommierten aber dafür nach Kräften, was alles wir ihr gesagt hätten, wären wir allein gewesen. Trotzdem fiel es uns nie ein, uns das nächstemal zu trennen, denn allein hätten wir uns nicht einmal getraut, einem Mädchen ins Gesicht zu schauen.

War das Wetter schlecht, so lasen wir uns gegenseitig aus natur- und weltgeschichtlichen Werken vor, die wir der Volksbibliothek entliehen, und sprachen dann über das Gelesene.

An den Sonntagen besuchten wir vormittags die Museen. Besonders das Historische Museum der Stadt Wien hatte eine große Anziehungskraft für uns. Und da war es wieder der Saal mit den Briefen und Manuskripten berühmter Dichter und Komponisten Wiens, in dem ich hätte stundenlang verweilen können, während mein Freund sich in einem anderen Saal an den Ausgrabungen nicht satt sehen konnte. Von dem Grillparzerzimmer konnte ich mich kaum trennen.

Mittwoch und Samstag mußte ich auf meinen Begleiter verzichten. Da ging Artur in die Vereinsversammlung der Jugendlichen Arbeiter, wohin er mich nicht mitnehmen wollte, weil ich ja kein Sozialdemokrat war.

Meine politischen Kenntnisse waren damals sehr gering. Mein Held war ja eine Zeit der große Demagoge Lueger gewesen, dann, als ich das Wesen klerikaler Barmherzigkeit bei der Behandlung meines kranken Vaters zur Genüge kennengelernt hatte, flaute meine Begeisterung für den christlich-sozialen Führer immer mehr und mehr ab, und bald war aus dem ehemaligen Klosterschüler ein deutsch-nationaler Maulheld geworden, der in Bismarck den größten Helden des deutschen Volkes sah. Den sozialen oder antisozialen Bestrebungen der einzelnen Parteien stand ich ganz gleichgültig gegenüber. Die religiösen Bedürfnisse der Kinderzeit waren eingeschlafen, und so bemühte ich mich nur manchmal, den Rätseln des Daseins mit dem Verstand beizukommen, und dies weniger aus der Sehnsucht nach einer Weltanschauung als aus Neugierde. Vom Sozialismus wußte ich gar nichts und warf ihn mit Nihilismus und Anarchismus in einen Topf.

So war es im Anfang auch nichts anderes als Neugierde und Abenteuersucht, die mich Artur so lange bitten ließ, bis er mich einmal in eine Versammlung mitnahm. Nach dem dritten Besuch ließ ich mich als Mitglied unter die Jugendlichen Arbeiter aufnehmen, so hatte mich das Gehörte eingenommen. Artur teilte mir auch bereitwilligst mit, was er vom Sozialismus wußte, und es entstand eine neue Welt vor meinen Augen: ein Mensch unter den Menschen sein zu dürfen, kein Zugtier unter Zugtieren, welche Offenbarung! Ich fühlte, wie meine Seele stolz wurde auf ihr Menschentum, wie sie dieses Bewußtsein gleich einem Edelstein mit sich trug. Ich bekam einen neuen Inhalt, einen inneren Reichtum, der mich gleich sein ließ mit jenen, welchen Geburt oder ein Glücksfall adelige Namen, Würden und Reichtümer geschenkt hatte. Mein früheres Leben fiel wie Schutt zusammen, und ich baute, mein eigener Baumeister, Stein auf Stein zu einem neuen Bau, der mir allein gehörte.

Mit Erstaunen, hatte ich bei meinen ersten Besuchen der Jugendlichen Arbeiter die Strammheit, Nüchternheit, den Ernst, aber auch die reine, fanatische Begeisterung bemerkt, die hier herrschte. Anstatt mit Biertrinken und Johlen anzufangen, wie es bei den Theater- und Gesangsvereinen der Fall war, die ich kannte, wurde zuerst ein Vortrag gehalten, der ein Thema aus der Natur- oder Kunstgeschichte behandelte. Während der Stunde, die dieser dauerte, hörten die Mitglieder mit mustergültiger Aufmerksamkeit zu. Meist wurde dann mit ruhiger Sachlichkeit über die Lage der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter gesprochen, wobei die älteren und gebildeteren Mitglieder den jüngeren Ratschläge erteilten. Zum Schluß gab man die ausgeliehenen Bibliotheksbücher zurück, um dafür neue einzutauschen. Es wurde während des ganzen Abends kein Alkohol, sondern nur Sodawasser oder Fruchtsäfte getrunken, und auch das Rauchen war verboten.

Ich war von all dem sehr begeistert, und es kam mir vor, als hätte ich mich schon lange nach einer solchen Stätte der Bildung und edlen Gemeinschaft gesehnt. So war ich meinem Freund sehr dankbar, mich hier eingeführt zu haben. Das nähere Studium des Sozialismus hatte eine große Umwandlung meiner Begriffe von den Beziehungen der Menschen untereinander, ihren Rechten und Pflichten zur Folge; ich las nun auch mit Vorliebe die Freiheitsgedichte von Heine, Freiligrath und Herwegh, deren Bücher ich in der Vereinsbibliothek fand und aufweiche mich eines der Mitglieder aufmerksam gemacht hatte, als ich ihm meine früheren Poetereien gebeichtet hatte.

Nun kamen auch meine Ergüsse in ein ganz anderes Geleis; die Verse, die ich jetzt schrieb, waren gegen alle möglichen Tyrannen gerichtet, wobei ich natürlich die stärksten Farben auftrug. Meine Klagen im »Wasser im Schacht« wurden blindwütende Anklagen. Hunger, Schachtbrände, Ermordung von Arbeitern, Revolutionen gab's in Hülle und Fülle, und immer war der ausgebeutete Arbeiter der Held meiner Verse.

Ich schüttete ja nun das Kind mit dem Bade aus, sah in jedem Unternehmer einen herzlosen Despoten, in jedem Priester die personifizierte Dummheit und Lüge und war nun in dem gleichen Maße von einem ungerechten, blinden Haß erfüllt, wie ich vorher die demütige Ergebenheit selbst war. Dies kam daher, daß ich wie viele hunderttausend andere Besitzlose im Anfang den Sozialismus doch hauptsächlich als eine Frage der Anklage und Rache auffaßte. Jahre vergingen, ehe diese Weltanschauung in ihrer edlen Form Einkehr in mir fand.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das waren Worte, an denen ich mich berauschen konnte. Hätten sie doch keinen besseren Ackerboden finden können als mich, der ich seit so langem schon durch Not und Sorge gepflügt und gedüngt ward. Dazu hätte ich noch einen Freund, dessen Rasse die größten Bekenner und Märtyrer entstammten und der unter seinem kühlen und schüchternen Äußeren eine leidenschaftliche Hingabe für den Sozialismus empfand. Artur benutzte aber auch jede Gelegenheit, um meine Begeisterung zu erhöhen und mich zu einem ebenso glühenden Anhänger des Sozialismus zu machen, wie er es war.

In dieser Zeit suchte ich auch meine Verslehre wieder hervor und studierte mit unvergleichlichem Eifer die Regeln der Metrik, um immer ratloser vor der spröden Sprache zu stehen, die sich durchaus nicht zu dem bändigen lassen wollte, was ich nun zu sagen vorhatte.

Als ich endlich gar nicht mehr ein und aus wußte, warf ich mein Buch in eine Ecke und schrieb die Gedichte nun so nieder, wie sie in mir aufklangen. Nachstehendes Gedicht ist eines jener poetischen Fühlhörner, mit denen ich in das Dunkel meines neuen lyrischen Empfindens hineintastete.

Der Krüppel

Schleicht da einer die Straße entlang,
Mühselig, schleppend ist sein Gang;
Kann kaum seine Füße bewegen,
Muß wie ein Wurm sich winden und regen,
Blickt alle Gesunden trübselig an:
Ein verkrüppelter Mann.

Vor Wochen noch stand er beim Amboßstein
Und glühte Eisen in Eisen hinein,
Bis ihn die Transmission erfaßt,
Die ihm die schaffende Hand zerpraßt,
Und er auf der Klinik lag und sann:
Ein verkrüppelter Mann.

Sein Herr, bei dem er den Arm verlor,
Sprach mit dem Bittenden vor dem Tor:
»Mann, das kann hier jedem geschehn,
Ich kann doch nicht hinter den Leuten stehn.
Es war halt vom Schicksal ein dummer Streich.
Schade um Euch.

Und gibt ihm zehn Kronen den Monat; zur Not
Entgehn die Kinder dem Hungertod.
Doch weil sie ewig hungrig sind,
Sein Weib vom nächtlichen Nähn fast blind,
Muß er an Straßenecken stehn
Und um das kupferne Mitleid flehn.

Als ich eine Reihe solcher Gedichte geschrieben hatte, forderte mich Artur auf, sie an einem Vereinsabend den Kameraden vorzulesen. Ich aber wollte davon nichts wissen. Diese Kameraden waren kein Volkssängerpublikum, das alles, was auf dem Podium geschieht, mit Vergnügen aufnimmt, wenn es ihm nur die Langeweile vertreibt. Aus meinem erwachten Klassenbewußtsein heraus erkannte ich, daß hier nur das Beste gut genug war. Wie erstaunte ich, als ich nun am nächsten Vereinsabend nach Schluß des Vortrags von dem Obmann gebeten wurde, bei der nächsten Zusammenkunft meine Gedichte lesen zu wollen. Artur hatte ihm von meiner verschwiegenen Kunst, und der Weigerung, sie ans Tageslicht zu ziehn, erzählt. Nun konnte ich den vereinten Bitten des Obmanns und der Kameraden nicht mehr standhalten, und ich sah mich am nächsten Mittwoch am Vorlesetisch, während sich zwanzig Augenpaare mit Interesse auf mich hefteten.

Seltsam! Ich fühlte nichts von jener Befangenheit, die mich bei den Volkssängern erfaßt hatte. Hier war es mir, als spräche ich zu meinem eigenen Herzen. Meinem letzten Satz folgten zwar keine beifälligen Zurufe, aber die geröteten Wangen und leuchtenden Augen meiner Kameraden sagten mir, besser als der stürmischste Applaus, daß meine schlichten Verse Verständnis gefunden hatten.

Unsere Abende fanden in dem berühmten Lerchenfelder Gasthaus »Zum weißen Engel« statt; im Saal unter uns spielten die Volkssänger jeden Abend. Als ich nun nach meiner Vorlesung die Treppe hinunterstieg, hörte ich durch eine offene Tür Bruchstücke eines meiner vor Wochen verfaßten Couplets. Ich blieb eine Weile stehen, dann ging ich weiter mit einem befriedigten Lächeln im Gesicht.

So hatte ich es doch weiter gebracht als bis zum Volkssängerdichter, der die arme, geschundene »Wiener Gmüatlichkeit« und das goldene Wiener Herz immer und immer wieder ausschroten muß, um den Beifall einer gedankenlosen Menge in Bier- und Weindunst zu erzielen und, wenn es gut geht, ein paar Kronen Honorar. Nun hätte ich um nichts in der Welt mit dem Volkssänger da drinnen tauschen mögen. Wie reich fühlte ich mich an diesem Abend meiner ersten Vorlesung vor den Kameraden, die gleich mir Arbeiter waren.

In zufriedener Nachdenklichkeit trabte ich mit meinem Heft nach Hause, von der Mutter erwartet, der ich nicht genug von meiner Vorlesung und ihrem Erfolg erzählen konnte.

Die Veränderung in meiner Lebensanschauung, der neue Inhalt, den nun mein Dasein durch diese bekommen, machte sich auch bei meiner Arbeit in der Fabrik bemerkbar. Nicht mehr teilnahmslos wie früher, wo ich mir selbst nicht mehr war als eine Schraube oder ein anderer Maschinenbestandteil, sondern mit steter Aufmerksamkeit für alles, was um mich vorging, stand ich jetzt vor meiner Maschine. Jede Handbewegung hatte auf einmal Bedeutung für mich, und ich suchte in allem Beziehungen zu meinem eigenen Leben und dem außerhalb der Fabrik zu entdecken. Ich trat in ein gewisses geistiges Verhältnis zu dem Stoff, den ich bearbeitete, zu der Maschine und allem anderen, das zu meiner Arbeit gehörte. Dadurch erhielt ich eine Mannigfaltigkeit neuer Begriffe, von denen ich früher keine Ahnung hatte und die mir das Gefühl eines wachsenden seelischen Reichtums gaben. Die Dinge wurden mir manchmal wie durchsichtig, und der Ausblick, den sie mir boten, reihte Erscheinung an Erscheinung, deren Häufung mein Weltbild klarer und klarer hervortreten ließ. Zur gleichen Zeit wie meine Verdammung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung war auch die tätige Liebe zu den Leidensgefährten in mir erwacht, und nun wuchs beides nebeneinander zu starken Bäumen auf, unter deren Kronen der Dichter auf die innere Stimme lauschte.

Artur klärte mich nun auch über die Wichtigkeit der Arbeiterorganisationen auf und gab mir leichtfaßliche Schriften zu lesen, die dieses Thema behandelten. Mit Betrübnis vermißte ich eine solche Organisation in unserer Fabrik, wo ungefähr fünfhundert Arbeiter und Arbeiterinnen schutzlos der Willkür des Unternehmers ausgesetzt waren. Das ging am Morgen wie Schafe in die Hürde und verließ in derselben Teilnahmslosigkeit des Abends den Arbeitsstall, mit der einzigen Genugtuung im Gehirn, daß wieder ein Tag hinter ihm lag und daß der Samstag und Sonntag näher gekommen waren. Wenn ich über dieses traurige Leben meiner Kameraden nachdachte, befiel mich abwechselnd eine tiefe Traurigkeit und ein maßloser Zorn, und ich zergrübelte mir das Gehirn nach einer Befreiung des Proletariats von diesem schmachvollen Lose. So wie ich früher träumte, eine Prinzessin vom Feuertode zu erretten und dadurch ein mächtiger, vielgeehrter Mann zu werden, so träumte ich jetzt von Revolutionen, deren Anstifter ich war, von aufopferungsvollen Taten für meine neue Religion.

Ich biß wie ein junges, feuriges Roß vor Ungeduld in die Zügel, weil ich mich aus Rücksicht für meine alte Mutter nicht zum Sozialismus bekennen durfte, wäre ich doch sofort von der Fabriksleitung entlassen worden, die von jedem ihrer Arbeiter beim Eintritt eine schriftliche Erklärung verlangte, keinerlei Organisation anzugehören.

Um wenigstens außerhalb der Fabrik meine Gesinnung jedermann unter die Nase zu reiben, band ich mir in meiner freien Zeit eine herrliche, grellrote Krawatte um und steckte ein Abzeichen mit dem Kopfe Lassalles an. Obwohl wir im allgemeinen in der Fabrik ziemlich rechtlos und unfrei waren, muß ich bekennen, daß die Behandlung in der Fabrik eher eine gute war. Die Zahl der Entlassungen wegen eines Anstoßes gegen die Arbeitsordnung war eine geringe, man kam zumeist mit einer Warnung davon.

Die Maschinen waren mit Schutzvorrichtungen umgeben, für etwaige Unglücksfälle befanden sich ein Arzt und eine Apotheke im Hause. Wäre nicht der geringe Lohn gewesen – es gab Hilfsarbeiterinnen, die bei täglich elfstündiger Arbeit fünf Kronen Wochenlohn erhielten –, so hätte diese Fabrik gewiß als eine löbliche Ausnahme gelten können, denn ich hatte von den Kameraden genug über die Behandlung der Arbeiter in anderen Betrieben gehört und sollte später am eigenen Leibe von der Wahrheit dieser Schilderungen überzeugt werden.

Die humanen Zustände in unserer Fabrik mochten wohl darauf zurückzuführen sein, daß der Besitzer und Gründer einst ein einfacher Gerbergeselle gewesen und wohl in Erinnerung an seine proletarische Vergangenheit nicht in die Art der andern Unternehmer verfiel.

Jeden Vormittag konnten wir die hohe, breitschultrige Gestalt des alten Millionärs, bekleidet mit einer blauen Arbeitsbluse, die Säle seiner Fabrik durchschreiten sehen; sein graues, stählernes Auge entdeckte jede Nachlässigkeit. Fand er einen Schuldigen, so strich er über seinen Gottvaterbart und sagte: »Kollege, werden Sie nicht schlampig, sonst kann ich Sie nicht brauchen.«

Bitten um Lohnerhöhung, Urlaubsbewilligung und andere Vergünstigungen war er nicht unzugänglich. Machte ein Arbeiter ein bekümmertes Gesicht, so fragte er ihn nach der Ursache seines Kummers, half auch meistens, wenn er sich von der Wahrheit des Gehörten überzeugt hatte. Er war wohl nur aus der patriarchalischen Anschauung des Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und -nehmer ein Feind des Sozialismus und glaubte dadurch seinen Untergebenen einen Dienst zu erweisen.

Sein Sohn war das strikte Gegenteil seines Vaters. Kam dieser einmal säbelrasselnd durch den Saal geschritten (er war Ulanenoffizier), so glaubte er wohl seine Rekruten vor sich zu haben, denn die Drohungen und Schimpfworte flogen nur so herum. Er maß uns hochmütigen Blickes und sprach mit dem Direktor, der ihn zumeist begleitete, nur Französisch, damit wir ihn nicht verstanden.

Auch der Direktor schenkte uns nur selten ein paar Worte, und wir bekamen ihn nur einmal die Woche zu Gesicht. Mein eigentlicher Vorgesetzter war der Werkführer der Prägewerkstätte, bei dessen kurioser Persönlichkeit ich etwas länger verweilen will.

Dem Alter nach zählte Herr Jurek ungefähr vierzig Jahre, obzwar er die Behendigkeit eines Jünglings besaß. Etwas über Mittelgröße, war er sehr mager, einer der Kameraden meinte, er hätte sicher einmal in einer Tabakbeize gelegen und sähe wie eine Virginiazigarre aus. Seine hervortretendste Eigenschaft war sein Hang zum Aberglauben und zu übersinnlichen Vorstellungen. Ich habe kaum einen Menschen getroffen, der es darin so weit getrieben hätte wie Meister Jurek. Die Welt um sich herum bevölkerte er mit Geistern aller Art, die sich selbst am hellichten Tage nicht scheuten, in den nüchternen Arbeitsräumen herumzuspuken. Er glaubte auch felsenfest an die Seelenwanderung, und zwar in der primitiven Form der Indianer. Natürlich war er nun auch in den täglichen Geschehnissen voll Aberglauben, fürchtete stets, einer schwarzen Katze oder einer Nonne zu begegnen, da er sonst glaubte, eines Unglücks gewärtig sein zu müssen. Der Rauchfangkehrer oder eine weiße Taube versetzte ihn dagegen in die heiterste Laune.

Eine Unzahl Gespenstergeschichten erzählte er uns während der Arbeitspausen, wehe aber, wenn einer der Zuhörer an der Wahrheit der Geschichte zweifelte!

Als in dem Walzenkeller eine Arbeiterin durch einen unglücklichen Zufall von dem Aufzug erdrückt wurde, schwor unser Werkführer, daß der Geist des armen Mädchens nun im Keller herumginge. Um ihn günstig zu stimmen, warf er jeden Tag zu Beginn der Arbeit eine Blume in den Schacht und erlaubte uns nicht, ihn eher zu benutzen.

Er war auch überzeugt, daß die Träume in enger Beziehung zu unserem Leben stünden, und wurde nicht müde, uns von seiner Maschine aus nach den Träumen der vergangenen Nacht zu fragen. Während die eine Hand den Stoff in die rotierende Walze schob, blätterte die andere eifrig in einem Traumbuch herum, um die Träume auslegen zu können.

In Herrn Jurek wohnte wahrlich die Seele eines mittelalterlichen Geisterbeschwörers und vielleicht auch Alchimisten, denn ich hatte ihn sehr im Verdacht, daß er in seiner einsamen Wohnung weit draußen an der Grenze Wiens Mixturen kochte, denen er geheimnisvolle Wirkungen zuschrieb. Geschah es doch, daß er uns des öfteren kleine Fläschchen zeigte, die mit roten, gelben und grünen Flüssigkeiten gefüllt waren und von denen er mit der Miene eines Hexenmeisters behauptete, es seien Elixiere, die jede Müdigkeit vertrieben, aber auch die herrlichsten Träume erzeugen könnten. Niemals aber bot er sie einem von uns an, er bewachte sie vielmehr mit Argusaugen. Einmal gelang es nun meinem linken Nachbarn, einem jungen Burschen, der vor Lebenslust überschäumte, sich für ein paar Augenblicke eines solchen Fläschchens zu bemächtigen. Er schluckte die Hälfte des Inhalts hinunter, bekam aber einige Stunden später schreckliche Bauchschmerzen. Am nächsten Tag erzählte er uns, mit einem bösen Blick auf den Giftmischer, daß er die ganze Nacht nicht schlafen konnte vor Schmerzen, nun sei er aber wieder ganz wohl.

Diesem Burschen sollte einige Wochen später ein schreckliches Unglück widerfahren. Er scherzte eben mit einer jungen Arbeiterin, die ihm Stoffe zutrug, als er, am Rockärmel von den Walzen erfaßt, mit der rechten Hand zwischen diese kam. Als ich auf sein Schmerzensgebrüll hinzusprang und die in vollem Gang befindliche Maschine abstellte, war der arme Mensch schon schrecklich zugerichtet. Bis über den Ellbogen hatten ihn die Walzen hineingezogen. Er hing wie eine Fliege an der Maschine und schrie grauenhaft, während ihn das Blut in Bächen überströmte. Wir drehten, die Walzen auseinander und mußten uns zusammennehmen, um beim Anblick des zerquetschten Armes nicht ohnmächtig zu werden. Was da an der unteren Walze klebte, war ein plattgedrückter Brei von Blut, Knochen und Fleisch. Der Fabrikarzt ließ den Unglücklichen in eine Nebenkammer bringen, wo er sofort unter Beihilfe des Arztes von der Rettungsgesellschaft zur Amputation des Armes schritt.

An diesem Tage wurde wenig mehr gearbeitet. In mir war eine neue Furcht aufgestanden, die Angst vor der Heimtücke der Maschine. Bange stand ich nun vor der meinen, der ich eine blutgierige Mörderseele hineindichtete und vor deren Grausamkeit ich nie sicher sein konnte. Zwei Feinde standen sich nun da gegenüber, von denen ich vielleicht der Schwächere war. Meine Waffen waren nur die fortwährende Aufmerksamkeit, die Behendigkeit meines Körpers. Und vor mir erhob sich ein Ungetüm aus Eisen und Stahl mit fleischzerreißenden Rädern, drosselnden Riemen und quetschenden Wälzen. In jedem Schraubenloch saß der Tod, stets bereit, über das Menschlein herzufallen, wenn dieses sich einen Augenblick vergaß.

Meine Kameraden dachten wohl ähnlich wie ich an diesem Nachmittag, denn sie trugen alle ernste Mienen, und man hörte nicht wie sonst einen kecken Witz, ein schlecht unterdrücktes Lachen oder ein reges Hin- und Herplaudern, wenn die Luft rein war.

Selbst der Hilfsarbeiterinnen sonst durch nichts dämpfbare Gesprächigkeit war verstummt, und als ein gedankenloses Mädchen eine Operettenmelodie zu summen begann, wurde ihr dies von mehreren Arbeiterinnen verwiesen. –

Werkführer Jurek war ein leidenschaftlicher Lotteriespieler, versäumte kein Spiel der kleinen Lotterie, ohne zu setzen, und machte eifrig Propaganda für diese »Hoffnung der Dummen«. Einmal würde es ihm ja doch gelingen, die Lotterie zu sprengen; seine Berechnungen, die alle auf der Basis des Traumbuches aufgebaut waren, sagten es ihm.

So mußten wir Montag und Donnerstag, die Tage, an denen ein neues Spiel begann, unsere Träume aufs genaueste erzählen. Die interessantesten zerlegte er dann mit, Hilfe des Traumbuchs in je fünf Nummern und forderte uns auf, mitzuspielen. Ich hatte bisher seine Einladungen stets abgelehnt, da ich eine Abneigung gegen diesen Altweibersport hegte; eines schönen Tags aber gab ich ihm, um ihn nicht zu beleidigen, doch die zwanzig Heller, die er für mich setzen wollte. Ich hatte längst darauf vergessen, als ich am nächsten Donnerstag zu Beginn der Arbeit von meinen Kameraden mit Hallo begrüßt wurde: Ich hätte Glück in der Lotterie gehabt! Ich glaubte, daß sie Spaß mit mir machen wollten, und auch die beiden anderen, die mit mir gesetzt hatten, schüttelten ungläubig den Kopf. – Wir gingen an unsere Arbeit, da aber sprang Herr Jurek wie ein Gespenst hinter seiner Maschine hervor und fuchtelte uns mit der Zeitung vor dem Gesicht herum: »Burscherln«, schrie er, »mir haben an Terno gemacht, 37, 52 und 85 san außakumman!« Er sprang von einem zum andern, ohne uns Zeit zu lassen, die Richtigkeit seiner Erzählung selbst zu prüfen. Endlich aber nahm ihm ein anderer Arbeiter das Blatt aus der Hand, verglich umständlich unseren Lotteriezettel mit dem Zeitungsbericht und teilte uns endlich mit, daß wir wirklich die große »Sau« gehabt hatten, einen Terno zu machen.

Nun konnte auch ich daran glauben, und voll Freude dachte ich zuerst an meine Mutter, die wohl ein frohes Gesicht zeigen würde, wenn ich ihr die blanken Geldscheine auf den Tisch zählte. Denn Herr Jurek hatte in der Geschwindigkeit ausgerechnet, daß auf jeden Teilnehmer hundert Kronen fallen sollten. Eine Summe, bei deren Nennung es mir schwindlig im Kopf wurde. Die Kunde von unserem Glücksfall hatte sich im Nu in der ganzen Fabrik verbreitet. Alle Augenblicke stahlen sich Arbeiter aus den anderen Abteilungen in unsere Werkstätte, um Näheres zu erfahren. Unser Werkführer mußte seine ganze Autorität aufbieten, damit die Leute wieder an ihre Arbeit gingen. Leicht wurde es ihm ohnehin nicht, denn er hätte ja am liebsten alle Arbeiter zu sich gerufen, um sie an der Hand des Beispiels von dem Nutzen und Werte der kleinen Lotterie zu überzeugen. Sie stand ja doch gewiß im Dienst von Geistern, die den Menschen gut gesinnt waren.

In der Mittagspause rannten wir spornstreichs in die Lottokollektur, wo man uns mitteilte, daß wir das Geld, etwas über vierhundert Kronen, am nächsten Samstag erhalten würden. Nun war jeder Zweifel ausgeschlossen, und wir gaben uns ganz der Freude über die unverhoffte Begünstigung des Schicksals hin; waren doch auch meine zwei andern Kameraden schlecht bezahlte Arbeiter wie ich, sie hatten außerdem noch Weib und Kind daheim.

Auch Herrn Jureks Gesicht strahlte, weniger des Geldes als der Genugtuung wegen, die ihm durch diesen Gewinn ward.

Noch nie war mir die Zeit so langsam vergangen wie an den drei Tagen, die uns noch vom Samstag trennten. Dabei hieß es fortwährend Rede und Antwort bezüglich des Ternos stehen, denn jeder der Arbeiter mußte sich bei uns selbst von dem Glücksfall überzeugen und unsere Meinungen darüber hören. Auch wurde man nicht müde, uns Ratschläge für die Verwendung des Geldes zu geben, vor allem legte man uns aber nahe, daß es unsere Pflicht sei, wenigstens unserer Abteilung ein kleines Faß Bier und einige Schachteln »Kurze« und »Sport« zu spenden.

Endlich kam der Samstagmittag heran, und wir zogen vier Mann hoch in das Lotteriegeschäft, um das Geld zu beheben. Wir baten Herrn Jurek, sich das Geld in Zehnkronennoten auszahlen zu lassen, damit sich unsere Brieftasche einmal im Leben gefüllt angreife.

In einer nahen Weinstube wurde geteilt. Nach Abzug einer Kleinigkeit, die wir dem verunglückten Kollegen ins Spital schicken wollten, entfielen auf jeden von uns einhundertundsechzehn Kronen. Ein kleines Vermögen, bei dessen Anblick mir die Welt auf einmal um so vieles schöner vorkam!

Nach Feierabend kaufte ich mich mit fünf Kronen von der Verpflichtung los, unseren Glücksfall mit den anderen Arbeitern in einem Gasthaus zu feiern, denn mich erwartete in einem Volkskaffee in der Nähe der Fabrik meine Mutter, mit der ich heute einen schönen Abend verbringen wollte. Ich hatte ihr zwar die Tage vorher schon geheimnisvolle Andeutungen über einen Zufall gemacht, der mich in den Besitz einer großen Geldsumme bringen würde, mich aber wohl gehütet, Bestimmtes zu verraten. Schmunzelnd steckte ich dann die Bezeichnung »Faselfritze« ein und zählte die Stunden, die mich noch von der großen Überraschung trennten.

Als ich ihr nun aber mit möglichst gleichgültiger Miene hundert Kronen in Zehnkronennoten auf den Tisch zählte, tat sie sehr erschrocken und meinte allen Ernstes, daß ich vom Wege der Redlichkeit abgewichen sei; ich mußte ihr die Geschichte der Herkunft des Geldes einige Male wiederholen und beim Andenken des Vaters schwören, daß sie auf Wahrheit beruhte. Als ich aber mit heiterstem Gesicht all ihre Angst verscheucht hatte, gab auch sie sich ganz der Freude über die vom Himmel gefallene große Summe Geldes hin. Nun versicherte sie mir, daß dieser Glücksfall hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben sei, daß ich ein Sonntagskind wäre, denn mit den Sonntagskindern hätte es immer eine eigene Bewandtnis, und das Leben meine es mit ihnen besser als mit anderen Leuten. Davon hatte ich nun allerdings noch nicht viel gespürt, es war mir im Gegenteil das Glück bisher noch stets in weitem Bogen ausgewichen, aber nun, mochte es sein wie es wollte, heute saßen wir da, mit einem Hunderter in der Tasche.

Nachdem wir mit ein paar Schalen Kaffee mit Milchbrot unseren neuen Reichtum gefeiert hatten, suchten wir einen Trödlerladen auf, wo ich einen Winterrock, eine feine Hose, einen wunderschönen Filzhut und ein Paar moderne Schuhe um dreißig Kronen erstand, obwohl der Trödler erst sechzig dafür haben wollte. Die Mutter bekam ein dickes, wollenes Tuch und warme Schuhe, und dann ging's zu ihrer großen Freude in ein Gasthaus, wo mir unbekannte Volkssänger spielten. Die Mutter lachte an diesem Abend Tränen über die Kapriolen des Komikers und die anderen, harmlosen Possen. Nach so langer Zeit war sie wieder einmal glücklich wie ein Kind, und ich ertrug gern das Gefühl der Langenweile, das mich bei den mittelmäßigen Darbietungen der Truppe erfaßte; sah ich doch das alte, müde Gesicht wieder erwachen zu einem Schein früherer Frische und Lebensfröhlichkeit.

Trotz unserer Verschwendung konnte die Mutter zu ihrer Befriedigung noch sechzig Kronen in die alte Lutherbibel stecken, als Notpfennig für die Zukunft, von der man ja nie wissen konnte, was alles an Sorge und unliebsamen Überraschungen sie noch für einen Hilfsarbeiter und dessen arbeitsunfähige Mutter aufbewahrt hatte.

Meines Erinnerns war seit dem Tode des Vaters noch nie so viel Geld in unserem Besitz gewesen. Ich schlief mit dem sicheren Gefühl des reichen Mannes ein, der das Rückgrat des harten Geldes spürt, und wäre beinahe den Prinzipien meiner neuen Weltanschauung wieder untreu geworden. Der folgende Winter wäre für uns ganz leidlich abgelaufen, wenn meine Mutter nicht einen schweren Unfall erlitten hätte, der ihr arge Schmerzen brachte und mich für ihr teures Leben fürchten ließ.

Es war kurz nach Weihnachten, richtiges Januarwetter mit vereisten Straßen und Fußwegen, so daß die Hausmeister mit dem Aschestreuen nicht fertig wurden. Ich war eben im Vereinslokal der Jugendlichen Arbeiter und hörte einem Vortrag zu, der etwas länger dauerte als gewöhnlich, als ich hinausgerufen wurde. Eine aufgeregte Frau, in der ich unsere Nachbarin erkannte, teilte mir in konfusen Worten mit, daß meine Mutter vor einem Fleischerladen ausgeglitten war und sich die rechte Hand wahrscheinlich gebrochen hatte.

Ich rannte, wie ich war, nach Hause und fand die Erzählung der Nachbarin zu meinem Schrecken bewahrheitet; der rechte Arm meiner armen Mutter war hoch angeschwollen, und sie stöhnte vor Schmerzen. Ich machte Umschläge von essigsaurer Tonerde, was die Schmerzen etwas milderte, und gab ihr eine Schale Tee, worauf sie wieder etwas mehr zu sich kam. Dann fuhren wir auf der Straßenbahn ins Allgemeine Spital und suchten uns den Weg zur Chirurgischen Klinik, die ein berühmter Professor leitete. Die Uhr schlug eben die elfte Stunde, als wir in den spärlich erleuchteten, überheizten Warteraum der Klinik eintraten. Eine dicke Wärterin wackelte verschlafen auf uns zu und erklärte uns ganz bestürzt, daß der diensthabende Arzt zufällig vor einer Viertelstunde zu einer Geburtstagsfeier fortgegangen sei und vergessen hätte, die Adresse seines Aufenthaltsortes zurückzulassen. Er müsse aber jeden Augenblick zurückkommen, denn er habe ja Dienst. So setzten wir uns auf eine der Holzbänke, während die Wärterin in den Krankensaal zurückkehrte. Nun verfloß eine Viertelstunde nach der andern, kein Arzt kam. Meine Mutter versuchte ihre Schmerzen zu verbergen, aber aus ihren fiebrigen Augen sprach die Qual, die sie erduldete. Nun schlug es Mitternacht. Die Mutter brannte vor Fieber und unerträglichen Schmerzen; jeden Augenblick schien es, als würde sie vor Ermattung umsinken, und ich mußte sie stützen. Hinter der Tür hörte man das Jammern der Kranken, und einmal drang vom Hof her ein markerschütternder Schrei.

Um ein Uhr war der Arzt noch nicht gekommen. Der Arm war hoch angeschwollen, und die Pflegerin jammerte und wußte sich nicht zu helfen. In mir kochte die Wut über den pflichtvergessenen Arzt, die bittersten Gedanken über das traurige Los armer Menschen stiegen in mir auf. Die Schmerzen meiner Mutter brannten die Lehren meiner neuerrungenen Weltanschauung wie mit glühenden Nadeln in meine Seele ein, vor den nach Hilfe flehenden Augen sank der letzte Zweifel an der Berechtigung sozialen Kampfes.

Ich drang nun in die Wärterin, den Arzt einer andern Abteilung zu rufen, was sie mir mit einem Hinweis auf die Hausordnung verweigerte. Ich war eben im Begriff, mich nun selbst um einen Doktor zu kümmern, als endlich die Tür aufging und der sehnlich erwartete Arzt eintrat. Es war ein junger Elegant, der wenig erbaut schien, nach einer angenehm verbrachten Soiree solche Arbeit vorzufinden. Ich aber machte aus meiner Entrüstung kein Hehl und drohte sogar mit einer Anzeige, denn ich zitterte noch ganz vor Aufregung über die durchlebten Stunden. Der Arzt, der meine Vorwürfe erst hochnäsig zurückwies, bat schließlich auch kleinlaut, von einer Anzeige absehen zu wollen, und gab zu, unüberlegt gehandelt zu haben. Da er versprach, seine ganze Kunst zu versuchen, um den Arm wieder gesund zu machen, gab ich mich zufrieden, denn Hauptsache war es nun ja, der Mutter so schnell beizustehen wie möglich.

Der Arzt richtete den Arm mit Hilfe der Wärterin ein, bei welcher Prozedur die Mutter vor Schmerzen ohnmächtig wurde und mein Herz vor Schrecken stillzustehen drohte, weil ich glaubte, sie sei im Sterben. Belebungsmittel brachten sie wieder zu sich, und der feste Verband, in den der Arm nun kam, nahm ihr einen großen Teil der Schmerzen. So gelang es uns, noch in der Nacht in einem Einspänner nach Hause zu fahren.

Die Mutter hatte nun bis in den Sommer hinein jeden Tag in die Klinik zu kommen, wo ihr Arm massiert, elektrisiert und in ein Streckholz gespannt wurde, was aber doch nicht verhindern konnte, daß der Arm steif blieb und bei schlechtem Wetter arge Schmerzen verursachte. Von irgendeiner Tätigkeit, mit der sich die Mutter einige Kreuzer hätte verdienen können, war natürlich nicht die Rede, und so stützte sich unser kleiner Haushalt von nun ab ganz auf meinen Verdienst, der kärglich genug und dabei noch unzuverlässig war, konnte ich doch von heute auf morgen entlassen werden.

War es ein Trost, daß es hunderttausend Arbeiterfamilien so ging wie uns? Die waren oft noch schlechter dran als wir, denn nicht selten steigerte eine große Kinderschar die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – die Kinder, die das tiefste Glück, die heiligste Freude ihres Lebens sein sollten. In den vielen, vielen Zinshäusern der Vorstädte waren die Wohnungen, Gänge und Stiegen erfüllt von dieser Angst, sie schwebte stets als dunkle Wolke über dem Leben des Arbeiters; sie konnte ihn bis zum Irrsinn erregen, den tiefsten Schlaf stören, ihn am hellen Tage zum Erzittern bringen und selbst die Liebesstunde vergällen. Heimatlos! Oh, was ist das für ein harmloses Wort gegen das: Arbeitslos!

Des armen Menschen Heimat ist dort, wo er den Arm rühren darf, damit er ihm Brot bringt. Ist ihm aber keine Gelegenheit gegeben, so ist er weniger als der Vogel in der Luft und der Wurm in der Erde, dem Stein ist er gleich, der bewegungs- und wirkungslos daliegt, nur mit dem Unterschied, daß der Stein die Tragödie der Zwecklosigkeit nicht fühlt. Für den Arbeiter ist sie die schmutzigste Schmach, eine Kloake macht sie aus seinem Dasein, aus der die Laster und Verbrechen steigen, der Haß und der Fluch.

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